Universität Oldenburg, Wintersemester 2006/07
Autonomieentwicklung bei Jugendlichen
Konsequenzen für erzieherische Prozesse
von
Ingo Westermann
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung... 3
2. Was ist Autonomie?... 5
3. Autonomiebereiche... 8
4. Wege zur Autonomie – Theorien und Erklärungsansätze... 10
4.1 Psychoanalytische Phasenmodelle... 10
4.2 Peter Blos... 12
5. Pädagogische Konsequenzen... 15
5.1. Autonomieförderung... 15
5.2 Übermäßige Ausweitung des jugendlichen Autonomiebedarfs... 17
6. Fazit... 21
Literaturverzeichnis... 23
1. Einleitung
“Denn wir können die Kinder
nach unserem Sinne nicht formen;
so wie Gott sie uns gab,
so muß man sie haben und lieben,
sie erziehen aufs Beste,
und jeglichen lassen gewähren.
Denn der eine hat die,
die anderen andere Gaben.
Jeder braucht sie,
und jeder ist doch nur auf eigene Weise
gut und glücklich“
J.W. v. Goethe
Was zeichnet den Prozess der Erziehung aus? Was sind seine hervorstechenden Merkmale? Ist es etwa die gezielte Einwirkung des Erziehers auf seinen Zögling und die exakte Umsetzung von Intentionen im Hinblick auf die Formung eines vollwertigen Mitgliedes der Gesellschaft? Eine Rollenverteilung, die dem Erzieher quasi die Aufgabe eines Förderbandes zukommen lässt, das Wissen und wünschenswerte Verhaltensweisen in das „Gefäß“ Schüler transportiert? Eine bloße Subjekt – Objekt – Relation? Das einleitende Gedicht von Goethe soll zeigen, das die Dinge sich keineswegs derartig simpel gestalten. Kinder und Jugendliche sind Personen mit eigenen Interessen und Ideen, individuellen Vorraussetzungen und Fähigkeiten sowie verschiedensten Erwartungen an die Zukunft, die man nicht einfach „nach unserem Sinne formen kann“. Mit zunehmendem Alter entwickeln Kinder ein zunehmendes Bedürfnis an Selbstständigkeit und beginnen einen Loslösungsprozess von ihren Beschützern und Fürsorgern. Die Anpassung pädagogischer und erzieherischer Aktivitäten an diesen Entwicklungsverlauf, den ich übergreifend als Autonomieentwicklung bezeichnen möchte, soll Thema dieser Hausarbeit sein.
Im ersten Teil möchte ich zunächst grundlegend auf den Begriff der Autonomie eingehen und einen ungefähren Rahmen für seine Tragweite abstecken. Ferner werde ich versuchen durch die Skizzierung zweier Theorien, die sich auf die Erkenntnisse der Psychoanalyse stützen, einen wissenschaftlichen Hintergrund zur Autonomieentwicklung zu gestalten. Der zweite Teil dieser Hausarbeit wird sich im Wesentlichen auf die Konsequenzen der Autonomieentwicklung bei Jugendlichen für den Lehrer beziehen, der hinsichtlich seiner pädagogischen Rolle, neben den Eltern, eine der wichtigsten Bezugsperson im Leben eines jeden Kindes bzw. Jugendlichen darstellt. Selbstverständlich wird bei dieser Darstellung kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, da Themen wie pädagogische Maßnahmen, Lehrerverhalten oder Klassenmanagement ein eigenes Feld der Pädagogik bilden. Mittels verschiedener Autoren soll lediglich ein kleiner Überblick verschafft werden. Auf die Rolle der Eltern, die gewiss den Großteil der Autonomieentwicklung ihrer Kinder beobachten und mit durchleben, werde ich aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Hausarbeit nur sehr oberflächlich eingehen.
2. Was ist Autonomie?
Der Begriff Autonomie ist aus dem Griechischen abgeleitet (autos – selbst; nomos – Regel) und meint die Fähigkeit eines Menschen, sein Leben selbst zu regeln. Konkret bedeutet dies, dass „eine Person in den Formen ihrer Lebensäußerung selbstständig und unabhängig von anderen agiert oder sich so begreift“ (Hofer 2003, S. 35). Oftmals wird für Autonomie auch der Begriff der „Ablösung“ verwendet, der das Erreichen von Unabhängigkeit von der älteren Generation, wie Eltern und Großeltern meint. Manfred Hofer sieht Autonomie als das zentrale entwicklungspsychologische Konstrukt im Lebenslauf an, da das Erreichen von Autonomie als wesentlicher Indikator für psychische „Reife“ dienen kann und somit ein wichtiges Erziehungsziel darstellt. Zusätzlich gilt Autonomie als Vorraussetzung für eine gesunde psychische Gesamtentwicklung, und nach Ryan und Deci auch für das Erlangen von Lebenszufriedenheit (vgl. Hofer 2003, S. 11). Autonomieentwicklung bezeichnet laut Hofer, den Prozess „in dessen Verlauf Menschen ihr Handeln und Erleben als zunehmend unabhängig vom Handeln und Erleben anderer Personen begreifen“ (Hofer 2003, S. 11).
Dieser Prozess vollzieht sich basierend auf Erfahrungen, die im Verlaufe des Lebens in verschiedenen Kontexten gesammelt werden. Die Entwicklung von Autonomie beginnt demnach bereits im frühen Lebensphasen, wenn Kinder lernen, alleine zu gehen, zu essen oder sich zu waschen (vgl. Hofer 2003, S. 11 & 35). Allerdings ist in diesem Zusammenhang wichtig zu betonen, dass die Art und Weise der gegenseitigen Ablösung von Eltern und Kindern weitgehend kulturell bestimmt ist (vgl. Flammer & Alsaker 2002, S. 94). Die Entwicklung von Autonomie basiert, nach Flammer und Alsaker, auf einer lebenslangen Spannung zwischen Autonomie und Abhängigkeit, wie sie Erikson in seinem Modell der psychosozialen Stadien beschrieben hat. So distanziert sich jeder Mensch in seinem Leben einmal von Eltern und anderen Familienmitgliedern, zieht sich aus früheren Sicherheiten wie Familie, Schule, Freundeskreisen oder Vereinen zurück, ergreift Initiativen und versucht, seinen eigenen Weg zu finden.
Erik Erikson hat diesen „Spannungsbogen“ beschrieben, indem er den Lebenszyklus in acht Stadien einteilt, in denen jeweils eine bestimmte Krise oder ein bestimmter Konflikt in den Mittelpunkt tritt und gelöst werden muss. Diese Themen bezeichnet Erikson als Gegensätze, wie die Spannung zwischen Vertrauen und Misstrauen in den ersten eineinhalb Lebensjahren eines Kindes. Weitere Polaritäten im Lebenszyklus sind, nach Erikson, Autonomie und Selbstzweifel, Initiative und Schuldbewusstsein, Kompetenz und Minderwertigkeit, Identität und Rollendiffusion, Intimität und Rollendiffusion, Generativität und Stagnation sowie Ich- Integrität und Verzweiflung (vgl. Zimbardo & Gerrig 2004, S. 471).
Dass die Distanzierung von den Eltern oder anderen wichtigen Personen im Leben des Jugendlichen mal schwieriger und mal leichter, mal schmerzhaft und mal unkompliziert ablaufen kann, betonen Flammer und Alsaker. Sie halten den Begriff der „Ablösung“ für ungeeignet, da eine Verbindung zwischen Eltern und Kind oder zwischen Großeltern und Enkel immer bestehen bleibt. So bleiben Eltern auch in solchen Zeiten wichtig für die Kinder, in denen sie eigentlich abgelehnt werden. Gleichzeitig gewinnen Freundschaftsbeziehungen und Beziehungen zu Gleichaltrigen durch die Distanzierung von den Eltern enorm an Bedeutung (vgl. Flammer & Alsaker 2002, S.95).
[...]
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Ingo Westermann, 2007, Autonomieentwicklung bei Jugendlichen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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