Ab dem ersten Band der "Philosophie der symbolischen Formen" hatte Cassirers Gesamtwerk schon die Richtung von der neukantianischen Erkenntnistheorie zur Kulturphilosophie und philosophischen Anthropologie hin eingeschlagen. Der Kantische Begriff des "Raums" wird von Cassirer aber weiterhin verwendet und erscheint nun in wechselnden Kontexten. Dieser Umstand darf aber nicht in die naheliegende Vermutung münden, Cassirer habe Kants Raumbegriff willkürlich modifiziert bzw. aus seinem angestammten Kontext zu extrahieren versucht. Wie ich zu zeigen beabsichtige, ist fast vom Gegenteil auszugehen: Nicht nur nach neuen Anwendungsmöglichkeiten für die erkenntniskritischen Anteile in Kants Raum-Zeit-Theorem fragte Cassirer unausgesetzt mit Nachdruck, auch war ihm an der Einordnung von den Begriffen der gerade entstehenden Disziplinen Psychologie und Verhaltensforschung in die Terminologie der überlieferten Philosophie gelegen. Cassirer versucht in allen Phasen seines Gesamtwerkes, auf die metaphysische Denkweise Kants zurückzukommen und sie mit den Erkenntnissen aus anderen Wissenschaften zu versöhnen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und methodologische Vorbemerkungen
2 Die erkenntnistheoretische Erörterung des Kantischen „Raumes“ bei Cassirer in Hinsicht auf die Relativitätstheorie
2.1 Physikalische Folgerungen aus der allgemeinen Relativitätstheorie
2.2 Mathematische Folgerungen aus der nichteuklidischen Geometrie
3 Die Erörterung des Kantischen Raumbegriffs im Kontext der „symbolischen Formen“
3.1 Der sprachliche Kontext im ersten Band der PSF
3.2 Der Raum als mythisches Gebilde
4 Spuren der Cassirerschen Arbeit am Raumbegriff Kants in der neueren philosophischen Anthropologie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, ob sich Ernst Cassirer im Zuge seiner philosophischen Weiterentwicklung vom Raumbegriff Immanuel Kants löst oder ob er diesen innerhalb seiner eigenen Theorie der „symbolischen Formen“ transformiert und neu interpretiert. Im Zentrum steht dabei die Analyse, wie Cassirer erkenntnistheoretische Ansätze Kants mit den wissenschaftlichen Fortschritten des 20. Jahrhunderts, insbesondere der Relativitätstheorie, versöhnt.
- Die kritische Reflexion des Kantischen Apriori im Lichte der modernen Physik.
- Die Untersuchung des Raumbegriffs innerhalb der „Philosophie der symbolischen Formen“.
- Die Differenzierung zwischen theoretischem, mythischem und ästhetischem Raum.
- Die Bedeutung des Raumbegriffs für die philosophische Anthropologie und das Verständnis kultureller Vielfalt.
Auszug aus dem Buch
Die erkenntnistheoretische Erörterung des Kantischen „Raumes“ bei Cassirer in Hinsicht auf die Relativitätstheorie
In seinem Werk ER, das Cassirer 1921 (kurz nach Einsteins Hamburger Vortrag am 17. Juli 1920) über die „Grundlagen der Relativitätstheorie“ in Berlin veröffentlichte, behandelt Cassirer erstmals das philosophiegeschichtliche Problem der erkenntnistheoretischen Sichtweise auf die Kategorien des Raumes und der Zeit vom Standpunkt der neuesten modernen Physik. Im Kapitel „Maßbegriffe und Dingbegriffe“ gibt er einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Fragestellung, die seit Kants Antwort auf den Eulerschen Versuch, eine nichtmetaphysische Erkenntnistheorie aus den Naturwissenschaften zu erklären, bis zur Entdeckung der Möglichkeit einer nichteuklidischen Geometrie und der Auflösung der rein mechanischen Physik die Frage nach dem „Wesen“ von Raum und Zeit bestimmt hatte.
In Kants Nachfolge, so Cassirer, stehe es bis in die aktuelle und zukünftige philosophische Debatte hinein außer Zweifel, daß die Mathematik und die exakten Naturwissenschaften – an erster Stelle die Physik – der Erkenntniskritik das Material zu liefern haben. Die Relativitätstheorie sei für die neuere Philosophie deshalb vorrangig interessant, weil sie eine bestimmte erkenntnistheoretische Deutung in ihrem Ansatz schon in sich einschließe. Cassirer schreibt: „Die Gesetze, die Newton und Euler als den völlig gesicherten und unerschütterlichen Besitz der physikalischen Erkenntnis ansahen: jene Gesetze, in denen sie den Begriff der Körperwelt, der Materie und Bewegung, kurz der Natur selbst definiert glaubten – sie erscheinen uns heute nur noch als Abstraktionen, durch die wir im günstigsten Falle einen bestimmten Bezirk, ein fest begrenztes Teilgebiet des Seins beherrschen und in erster Annäherung theoretisch beschreiben können. Und wenden wir uns mit der alten philosophischen Grundfrage nach dem >>Wesen<< von Raum und Zeit an die heutige Physik – so erhalten wir von ihr die genau entgegengesetzte Antwort, als Euler sie vor 150 Jahren erteilte.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und methodologische Vorbemerkungen: Einführung in den Kantischen Raumbegriff und die geistesgeschichtliche Problematik durch die Ablösung der Newtonschen Physik.
2 Die erkenntnistheoretische Erörterung des Kantischen „Raumes“ bei Cassirer in Hinsicht auf die Relativitätstheorie: Analyse von Cassirers Auseinandersetzung mit Einstein und der modernen Physik, um das transzendentale Apriori methodisch zu retten.
2.1 Physikalische Folgerungen aus der allgemeinen Relativitätstheorie: Untersuchung der Raum-Zeit-Beziehung und der Bewahrung der Funktionseinheit trotz physikalischer Relativierung.
2.2 Mathematische Folgerungen aus der nichteuklidischen Geometrie: Erörterung der Rolle geometrischer Axiome und der Bedeutung von Relationen gegenüber einem absoluten Raumverständnis.
3 Die Erörterung des Kantischen Raumbegriffs im Kontext der „symbolischen Formen“: Darstellung von Cassirers Übergang zur Kulturphilosophie und der Einordnung der Erkenntnislehre in eine umfassende Bedeutungslehre.
3.1 Der sprachliche Kontext im ersten Band der PSF: Untersuchung der Sprache als symbolische Form und der Projektion gedanklicher Strukturen auf den Raum.
3.2 Der Raum als mythisches Gebilde: Analyse der mythischen Raumauffassung als eigenständiger, sinnlich-strukturierter Erklärungszugriff neben der Wissenschaft.
4 Spuren der Cassirerschen Arbeit am Raumbegriff Kants in der neueren philosophischen Anthropologie: Synthese der Ergebnisse im Hinblick auf den Menschen als „animal symbolicum“ und dessen kulturelle Weltgestaltung.
Schlüsselwörter
Ernst Cassirer, Immanuel Kant, Raumbegriff, Symbolische Formen, Relativitätstheorie, Transzendentalphilosophie, Erkenntnistheorie, Kulturphilosophie, Mythos, Erkenntniskritik, Symbolische Prägnanz, Raum-Zeit-Verhältnis, Neukantianismus, Anthropologie, Funktionstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert, wie Ernst Cassirer den klassischen Raumbegriff Immanuel Kants durch seine eigene Philosophie der symbolischen Formen weiterentwickelt und ob er sich dabei substanziell von Kant entfernt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit behandelt die Schnittstelle zwischen klassischer Erkenntnistheorie, moderner physikalischer Relativitätstheorie, Sprachphilosophie und der Analyse mythischer Vorstellungsweisen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob Cassirers Transformation der Kantischen Transzendentalphilosophie eine bloße Anpassung an neue wissenschaftliche Erkenntnisse ist oder eine eigenständige, philosophisch fundierte Neubestimmung des Begriffs von Raum und Wirklichkeit darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor verwendet eine komparatistische und philosophiehistorische Methode, die zentrale Schriften Cassirers wie „Substanzbegriff und Funktionsbegriff“ und die „Philosophie der symbolischen Formen“ auf ihre Kant-Rezeption hin untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Cassirers erkenntnistheoretischer Deutung der Relativitätstheorie, die Einordnung des Raumbegriffs in die Lehre der symbolischen Formen sowie eine anthropologische Reflexion über die Bedeutung kultureller Raumkonzepte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie Cassirer, Kant, Raumbegriff, Symbolische Formen, Erkenntnistheorie und Relativitätstheorie definiert.
Wie unterscheidet sich der „mythische Raum“ vom „geometrischen Raum“ bei Cassirer?
Während der geometrische Raum ein abstraktes, homogenes Kontinuum darstellt, ist der mythische Raum durch qualitative Akzente (z.B. Scheidung von Heiligem und Profanem) geprägt und dient als sinnlich-strukturierte Mittelstellung der Welterklärung.
Warum spielt der „Funktionsbegriff“ eine so wichtige Rolle für Cassirer?
Der Funktionsbegriff erlaubt es Cassirer, Erkenntnis nicht als Abbildtheorie, sondern als dynamisches System von Relationen zu begreifen, wodurch das Apriori als notwendiges Instrument der Verstandesleistung erhalten bleibt.
Inwiefern beeinflusste die Relativitätstheorie Cassirers Kant-Verständnis?
Die Relativitätstheorie forderte den absoluten Raumbegriff heraus; Cassirer nutzte dies jedoch, um Kants transzendentale Idealität zu bestärken, indem er den Raum nicht als „Ding an sich“, sondern als ordnende Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung interpretierte.
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- M.A. Frederik Schlenk (Author), 2004, Cassirers Transformation des Kantischen Raumbegriffs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/84190