Kunststoff – Material der Stunde?!
Möbeldesign und Wohngestaltung mit Kunststoffen um 1968
Elke Beilfuß
Vorwort
Die vorliegende Publikation wurde 2001 als Magisterarbeit an der Universität Bremen im FB 9 Kulturwissenschaft bei Prof. Dr. Michael Müller eingereicht und 2007 zur Veröffentlichung im Grin-Verlag geringfügig überarbeitet. Heute würde ich die Arbeit möglicherweise anders schrei-ben, vor allem in Hinblick darauf, dass ich damals das Kunststoffdesign der DDR aussparte -aus persönlicher Distanz. Mittlerweile lebe ich im Osten Deutschlands und habe mich nicht nur aus beruflichem Interesse mit der Geschichte und Kultur der DDR befasst. In dieser Arbeit taucht der Name Horst Michel kurz auf, er wird erwähnt in einer Fußnote mit einem Artikel über "Beispiele plastegerechter Gestaltung" in der DDR. Mittlerweile beschäftige ich mich als wissenschaftliche Mitarbeiterin unter anderem seit 2003 mit dem Hochschulnachlass, bestehend aus Möbeln, Entwürfen und Akten, des Institut für Innengestaltung von Horst Michel aus den 1950er bis 1960er Jahren an der Bauhaus-Universität Weimar.
Inhalt
Einleitung 3
Plastik 10
Form und Material -Entwurf und Herstellung 13
Kunststoff 34
Kunststoffverarbeitung in der Möbelfertigung um 1968 bis heute 36
Kunststoffgeschichte oder der Beginn des "Plastikzeitalters" 41
′68er-Revolution und Wohnen 46
Hedonismus - Sexualität 53
Mobil und flexibel wohnen 60
Pop-Art und Massenkultur 65
Farbexperimente 67
Zum Mond - Zukunfts- und Technologiebegeisterung 69
Psychedelische Erlebnisse 73
Von der Entwicklung der Petrochemie bis zur Ölkrise 78
Schlußbemerkung 89
Anhang
Einleitung
Zeitreisen
»Die Retro-Masche. Mit Vollgas zurück« titelte die Zeitschrift "Design Report" im Juni 1999. Nicht nur das Automobildesign von New Beetle über Chrysler PT Cruiser bis Jaguar S-Typ erinnert an Vorbilder aus vergangenen Zeiten; dieselben Kühlschränke, wie sie bereits in den Fünfzigern den Sound einer zuklappenden Autotür der "Ami-Schlitten" nachahmten, sind wieder gefragt und designed. Zur Jahrtausendwende ist aus jeder Phase des 20. Jahrhunderts etwas dabei. Die Sixties und Seventies sind in, aber ebenso Design aus Bauhaus und Ulm. Entweder werden die Produkte mit der Anmutung einer vergangenen Zeit gestaltet oder getreu nach den Original-entwürfen neu aufgelegt. Auch die Achtzigerl rücken wieder näher und versetzen uns zurück in alte Erinnerungen. Im Jahr 2000 trat Stefan Raab beim "Grand Prix d′Eurovision« mit seiner Gruppe noch als Abba-Verschnitt aus den Siebzigern auf und ein Jahr später kann man schon wieder in der Popper-Disco (Abb. 1) tanzen.
Als Gründe für den Retro-Look und das Retro-Design führt Kai-Uwe Scholz (1999, 19) in der Zeitschrift "Design Report" den Verlust von Identitäts- und Heimatgefühlen beim Käufer an sowie dessen Wunsch nach "guten alten Bekannten" und "Vertrauten" in Zeiten Stefan Raab beim "Grand Prix d′Eurovision« mit seiner Gruppe noch als Abba-Verschnitt aus den Siebzigern auf und ein Jahr später kann man schon wieder in der Popper-Disco (Abb. 1) tanzen. Als Gründe für den Retro-Look und das Retro-Design führt Kai-Uwe Scholz (1999, 19) in der Zeitschrift "Design Report" den Verlust von Identitäts- und Heimatgefühlen beim Käufer an sowie des-sen Wunsch nach "guten alten Bekannten" und "Vertrauten" in Zeiten fortschreitender Veränderung von Technologie und Nutzungsmöglichkeiten: >>Nicht technisch, aber ästhetisch scheint der Fortschrittszwang des Projekts Moderne abgeschafft und selbst der Postmorderne [ist] längst die Puste ausgegangen. Zugleich kommen die technologischen Innovationsschübe immer schneller. Da geraten sogar Wirtschaftsmagazine über sozialpsychologische Zusammenhänge ins Grübeln. Die globale Fusionswelle tilge selbst so bekannte Namen wie Daimler-Benz die Kunden und Arbeitnehmer über Jahrzehnte Identitäts- und Heimatgefühle gegeben hätten.<<
Eine Zeitreise ist natürlich nicht möglich. All jene, deren Zeit es war, können sich zwar bruchstückhaft oder auch ganz persönlich und emotional erinnern, aber der Gedanke, eine Epoche zu rekonstruieren, ist absurd. Vielmehr scheint, wie Susanne Holschbach (1995, 163) es beschreibt, das Alte neue Aussagen bereitzuhalten, es wird neu bewertet: »[Die Mode] kann aber auch für die Neubewertung "abgelegter" Dinge und Stile sorgen - die "Revival-Bewegungen" legen hierfür Zeugnis ab (in der Wiederholung im "Revival" ändern die jeweiligen Phänomene dabei jedoch ihre ursprüngliche Bedeutung).« In gewisser Hinsicht bezieht sich das auch auf diese Arbeit, die ihre heutige Perspektive nicht verleugnen will. Die zeitgenössischen Tendenzen und Blickwinkel haben mich zum einen bewogen, über Möbelentwürfe und Wohngestaltung mit dem Material Kunststoff um 1968 zu schreiben. Zudem ist es auch die Zeit, in die ich selbst 1965 hinein geboren wurde und die mich unbewußt und bewußt in meiner Kindheit geprägt hat: Mit dem Material Plastik, mit poppigen Farben und Mustern und mit den Tendenzen der sechziger und siebziger Jahre bin ich wie selbst-verständlich aufgewachsen.
Die einzelnen Designobjekte, die heute Klassiker sind und als herausragend für die Zeit um 1968 angesehen werden, können zwar etwas über den Zeitgeist der Sechziger aussagen. Diese Objekte wieder zu entdecken, sie auszustellen, sie zu sammeln, sie erneut zu produzieren und die eigene Inneneinrichtung mit ihnen zu bereichern, entspringt jedoch dem Zeitgeist und der Kultur der Neunziger. Ein Blick ins Internet, auf die Seiten des Online-Auktionshauses eBay unter www.ebay.de zeigt die Trends. Mit den Suchbegriffen "Design" und
[...]
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M.A. Elke Beilfuß, 2001, Kunststoff – Material der Stunde?!, Munich, GRIN Publishing GmbH
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