Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Germanistisches Seminar
Hauptseminar: ,Text-Bild-Beziehungen
aus linguistischer Sicht'
Wintersemester 2006/ 2007
Carolin Catharina Wolf
Diskursanalyse zu den Text-Bild-Beziehungen
des Anschlags am 11.09.2001
Diskursanalyse zu den Text-Bild-Beziehungen
des Anschlags am 11.09.2001
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ... 3
1.1 Ausblick ... 4
2 Theorie ... 5
2.1
Was ist ein Bild? - das Bild als Modell der Wirklichkeit... 5
2.2
Bild oder Sprache - was ist überlegen? ... 5
2.3 Text-Bild-Wechselwirkung... 7
2.4 Bildsyntax... 8
2.5 Bildsemantik... 9
2.6 Bildpragmatik... 10
3 Praxis... 12
3.1 Analyse... 12
3.2 Synchrone
Diskursanalyse ... 13
3.3 Diachrone
Diskursanalyse... 16
4 Schlussbetrachtungen ... 20
5 Bibliographie... 21
2
1
Einleitung
Geschrieben steht: ,,Im Anfang war das Wort"
1
.
Im so genannten optischen Zeitalter, in welchem wir uns seit der Wende vom 19. zum 20.
Jahrhundert befinden, erfolgt- dem Anfang zum Trotz- allerdings mehr und mehr eine
Verlagerung von der Schrift zum Bild. Ausschlaggebend für diese visuelle Zeitenwende,
diesen iconic- beziehungsweise pictorial turn
2
, sind verschiedenste Aspekte. Zum Einen
dürften das ,Unbehagen der Sprache', welches zum Beispiel Bertolt Brecht schon 1935 in
seinen Überlegungen zu den ,,Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit" mit den Worten
,,Wer in unserer Zeit Bevölkerung statt Volk sagt, unterstützt schon viele Lügen nicht"
3
treffend zum Ausdruck brachte und damit auf den Tatbestand, dass wenn wir mit Sprache auf
Wirklichkeit verweisen, wir sie deuten, sowie auf das Fehlen einer Metasprache aufmerksam
machte und zunehmende Sprachentwicklungsstörungen
4
zur stattfindenden Bilderflut geführt
haben. Demgegenüber stehen, zum Anderen, die Wahrnehmungsnähe von Bildern und deren
leichte Fasslichkeit: ,,Beim stehenden Bild besteht schon nach etwa drei zehntel Sekunden
beim Betrachter eine globale inhaltliche Orientierung, die die weitere Auswertung steuert."
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Während Worte stets arbiträr, also abhängig von einer vorauszusetzenden Konvention sind,
stellen Bilder wirklichkeitsnahe Zeichen dar, welche sich an der Realität orientieren und somit
offen für ihre Auswertung sind.
Bilder werden zunehmend zum ,,unentbehrlichen Werkzeug"
6
und zum Gegenstand der
Forschung verschiedener Disziplinen
7
. Sie bieten den Vorzug geringer mentaler Anstrengung,
1
Bibel, 1. Joh 1
2
So zu lesen bei Straßner, Erich: ,,Text-Bild-Kommunikation, Bild-Text-Kommunikation". Tübingen: Niemeyer,
2002
3
verwiesen wird hier auf den Missbrauch der Worte ,,Volk", ,,völkisch", ,,Volksgemeinschaft" etc. in der Nazi-
Zeit
4
: ,,Bei deutschen Kindern stieg in neuester Zeit die Zahl der Sprachentwicklungsstörungen um etwa 600%.
Etwa 33% der Achtklässler an Hauptschulen halten sich selbst für nur eingeschränkt lese- und schreibfähig; 14
% der erwachsenen Deutschen sind kaum, weitere 34 nur mäßig in der Lage, den Inhalt von Texten zu verstehen.
Und schließlich gibt es bei uns mehr als drei Millionen Analphabeten." (Straßner, Erich: ,,Text-Bild-
Kommunikation, Bild-Text-Kommunikation
". Tübingen: Niemeyer, 2002. S.1)
5
ebd.: S.14
6
Sachs-Hombach, Klaus: ,,Bild und Medium. Kunstgeschichtliche und philosophische Grundlangen der
interdisziplinären Bildwissenschaft." Köln: Herbert von Halem, 2006. S.7
7
,,Einerseits gibt es innerhalb der Kunstgeschichte das Bemühen, diese zu Bildwissenschaft umzuformen und
verstärkt auf die vielfältigen Bildphänomene auszurichten. Andererseits haben sich in den Sozialwissenschaften
zahlreiche empirisch ausgerichtete und in der Philosophie etliche begrifflich orientierte Forschungsansätze zur
Bildthematik herausgebildet. Beide Strömungen streben eine interdisziplinäre Ausrichtung an..." (Sachs-
Hombach, Klaus: ,,Bild und Medium. Kunstgeschichtliche und philosophische Grundlangen der
interdisziplinären Bildwissenschaft
." Köln: Herbert von Halem, 2006. S.8)
3
schnell konsumierbaren Wissens und bequemer Information. Zudem sind sie attraktiv,
besitzen einen hohen Reizwert, befriedigen Neugierde und Sensationslust.
8
Der Zeitung, so Straßner, gelinge es, selbst ,,Bilder des Elends zum Gegenstand des Genusses
zu machen."
9
Sie bietet dem Leser die Möglichkeit über Fotos via Bildunterschrift in den
Text eines Berichts beziehungsweise einer Reportage einzusteigen.
Die Kombination von Bild und Text bietet verschiedene Vorzüge: ,,In der massenmedialen
Bildübermittlung dient diese vor allem zur Information über Geschehenes und zum Beweis
der Wahrheit des Mitgeteilten wie über Behauptungen und Aussagen. Die optische
Information erreicht den Bildbetrachter üblicherweise in Begleitung eines sprachlichen
Kommentars. Dieser ergänzt die Bildmitteilung. Er kann die optische Information mehr oder
weniger stark beeinflussen, wird aber den ganzen Sinnkontext der Bilder nie völlig freilegen
können."
10
Diese Frage nach der gegenseitigen Ergänzung und Beeinflussung von Text und Bild im
Einzelnen soll weiter unten ausgeführt werden. Sie bildet allerdings nur einen Abschnitt der
vorliegenden Arbeit:
1.1
Ausblick
Im theoretischen Teil der vorliegenden Arbeit sollen vor allen Dingen Grundbegriffe, die für
eine praktische Auseinandersetzung im Bereich einer Diskursanalyse unerlässlich sind,
Erklärung finden. Es werden die Fragen nach Vor- und Nachteile der Zeichensysteme Text
und Bild und deren Wechselwirkung zur Sprache kommen, außerdem soll ein Überblick über
die relevanten linguistischen Teildisziplinen Syntax, Semantik und Pragmatik gegeben
werden.
Im praxisbezogenen Teil werden schließlich oben erwähnte Grundbegriffe zur Anwendung
kommen, indem die in den Medien veröffentlichten Bilder des World Trade Centers zum
Anschlag des 11.Septembers 2001 sowohl synchron als auch diachron ausgewertet werden.
Oberstes Ziel stellt hierbei das Herausstreichen von Unterschieden, Gemeinsamkeiten und
Auffälligkeiten in den verschiedenen linguistischen Teildisziplinen dar, als auch die
8
Dieses Prinzip hat sich auch die Bild-Zeitung zunutze gemacht. Sie wendet sich an ,,den ,optischen' Menschen,
den modernen Analphabeten" (Straßner, S.23). Ihr Herausgeber Axel Springer erklärt 1959, er sei sich darüber
im Klaren gewesen, ,,dass der deutsche Leser eines auf keinen Fall wolle, nämlich nachdenken. Und darauf habe
ich meine Zeitungen eingerichtet." (Straßner, Erich: ,,Text-Bild-Kommunikation, Bild-Text-Kommunikation".
Tübingen: Niemeyer, 2002. S.23, Evangelisches Sonntagsblatt, 05.07.1959)
9
ebd.: S.22
10
ebd.: S.19
4
Untersuchung der Frage nach den Funktionen, die die gleichen Bilder bei
Erstveröffentlichung und dann im späteren Gebrauch übernehmen.
2
Theorie
2.1
Was ist ein Bild? - das Bild als Modell der Wirklichkeit
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Nach Sachs-Hombach ist ein Gegenstand ein Bild, wenn er erstens artifiziell, flächig und
relativ dauerhaft ist, wenn wir ihn zweitens auf Grund dieser Eigenschaften als Zeichen
auffassen und wenn wir drittens diese Zuschreibung des Inhalts auf Grundlage unserer
visuellen Wahrnehmungskompetenzen vornehmen.
12
Im Gegensatz zum Wort, das stets arbiträr ist, werden Bilder als ikonische beziehungsweise
wahrnehmungsnahe Zeichen klassifiziert.
Die Bedeutung eines Bildes ist die Regelhaftigkeit seiner Verwendung im
Kommunikationsprozess, gemäß der Bestimmung der Bedeutung eines Wortes als die
Regelhaftigkeit seines Gebrauchs in der Sprache durch Ludwig Wittgenstein.
Im Folgenden wird ausschließlich von darstellenden Bildern, also Fotos, die Rede sein,
welche Sachs-Hombach von Strukturbildern (Grafiken, Karikaturen) und so genannten
reflexiven Bildern (Kunstwerke) unterscheidet.
2.2
Bild oder Sprache - was ist überlegen?
Die Frage nach der Überlegenheit von Sprach- oder Bildzeichen ist eng verknüpft mit Frage,
was diese im Einzelnen zu leisten imstande sind.
Das semiotische Potential von Sprache und Bild teilt Winfried Noeth folgendermaßen auf:
1)
Raum und Zeit
2)
Visuelles und Nichtvisuelles
3)
Konkretes und Abstraktes
4)
Einzelnes und Allgemeines
13
5)
Selbstreflexion und Metaierung
11
vgl.: ,,Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit." (Ludwig Wittgenstein )
12
Sachs-Hombach, Klaus: ,,Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen
Bildwissenschaft." Köln: Herbert von Halem, 2003. S.88
13
Kategorie 3 und 4 verschwimmen
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