Sexualmoral und Sexualerziehung in Vergangenheit und Gegenwart -
Zu den Grundlagen der Sexualpädagogik
Von
Prof. Dr. Karl-Heinz Ignatz Kerscher
Dieser Sammelband
ist
dem Begründer der
DEUTSCHEN GESELLSCHAFT
FÜR
SOZIALWISSENSCHAFTLICHE SEXUALFORSCHUNG,
Herrn Prof. Dr. Rolf Gindorf,
in Verehrung gewidmet.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ...4
Freikörperkultur und Nackterziehung ...11
Globalisierung, Postmoderne und Orientierungsprobleme der Sexualpädagogik ...29
Abweichendes Verhalten aus Sicht der Sexualwissenschaft ...55
Zum Verhältnis von Sexualverhalten, sexuellen Funktionsstörungen und Persönlichkeitstypus ...72
Ethische und moralische Aspekte der Sexualpädagogik in der pluralistischen Gesellschaft ...103
Veränderte Kindheit – Konsequenzen für die Sexualpädagogik ...125
Einleitung
Sexuelle Aufklärung im heutigen Sinn war noch vor gut 300 Jahren gänzlich unbekannt. Im Altertum und Mittelalter betrachtete man Sexualität als festen Bestandteil des Lebens und nicht als einen besonderen, problematischen Komplex, der besondere Aufmerksamkeit verdient hätte. Sexuelles Wissen wurde ganz selbstverständlich wie jedes andere Wissen erworben. Kinder lebten nicht in einer eigenen, geschützten Welt, sondern nahmen an fast allen Arbeitsund Freizeitaktivitäten der Erwachsenen teil (Vgl. HAEBERLE 1985 ; vgl. USSEL 1970)
Da die Mehrheit der Bevölkerung vor dem Zeitalter der Industrialisierung auf dem Lande lebte, hatten die Kinder genügend Gelegenheit, Tieren bei der Paarung zuzusehen. Auch war es keineswegs ungewöhnlich, dass Mensch und Tier unter einem Dach lebten. Weder in Ober- noch in Unterschichten gab es eine ausgesprochene Privatsphäre, und es herrschte wenig Schamhaftigkeit und Verlegenheit in bezug auf die natürlichen Körperfunktionen. Familien badeten und schliefen gewöhnlich unbekleidet gemeinsam. Brautwerbung und Schwangerschaft wurden offen diskutiert, Geburten fanden zu Hause statt. Sexuelle Dinge blieben für niemanden ein Geheimnis, und man hielt Jungen und Mädchen mit Beginn der Pubertät für heiratsfähig.
Selbst zu Beginn der Neuzeit, als die städtische Mittelschicht begann, wichtige Informationen in gedruckter Form zu verbreiten, wurde Sexualität noch nicht als Thema für sich behandelt. In Lehrbüchern für Kinder, wie beispielsweise den „Colloquia Familiara“ des ERASMUS VON ROTTERDAM (1522), wurde Sexualität offen und einfach als fester Bestandteil des täglichen Lebens behandelt, dem man nicht mehr und nicht weniger Bedeutung zumaß als allen anderen Dingen von allgemeinem Interesse.
Im Laufe der folgenden Jahrhunderte entwickelten die Menschen jedoch eine völlig andere Einstellung.
Kindheit und später auch Jugendalter wurden als besondere, „unschuldige“ Lebensphasen definiert, in denen es galt, die jungen Menschen vor den Versuchungen der Erwachsenenwelt zu schützen.
Eine zunehmende Prüderie interpretierte alles Sexuelle als schmutzig und gefährlich. Masturbation wurde zum allgemeinen Problem und zu einer ernsthaften Gefahr für die Gesundheit erklärt. Jos van USSEL ( 1970) hat eindrucksvoll die Methoden der Anti- Masturbations-Kampagnen im 18. und 19. Jahrhundert beschrieben. Sexualität war zu einem mysteriösen und zutiefst verwirrenden Gegenstand geworden.
Es herrschte die Auffassung , dass Sexualität gefährlich sei und Kinder unschuldige Wesen, die vor dieser Gefahr unter allen Umständen bewahrt werden müssten. Eine Einstellung war, den „natürlichen“ Zustand „heiliger Unschuld“, in den ein Kind angeblich geboren wird, möglichst lange zu erhalten.
Jegliche Informationen auf dem sexuellen Gebiet sollten Kindern und Jugendlichen auf keinen Fall zugänglich sein und jede Neugier im Keim erstickt werden , indem man das Thema als schmutzig und ekelerregend darstellte. Sexuelle Unwissenheit war (bei Kindern) gleichbedeutend mit Reinheit.
Eine andere Ansicht war, dass man den Gefahren nur durch frühzeitige „sexuelle Aufklärung“ begegnen könne. Nach dieser Auffassung war sexuelle Unwissenheit gefährlicher als sexuelles Wissen , da es zu schädlichen Missverständnissen und Phantasien führen könne.
Entsprechend dieser allgemeinen Auffassung wurde an einigen für die damalige Zeit „progressiven“ Schulen erstmals „Aufklärungsunterricht“ gegeben. Das Ziel war, einen Sinn für Sittsamkeit und eine „gesunde Scheu“ vor sexuellen Dingen zu vermitteln. Die Methode der Sexualerziehung bestand im Fernhalten und Ablenken von der Sexualität und in der Abschreckung. So wurden die anatomischen Unterschiede zwischen Mann und Frau im Leichenschauhaus demonstriert. Zusätzlich wurden Schüler in Krankenhäuser und Siechenheime geführt, um ihnen Syphilitiker und Wahnsinnige als Opfer der Masturbation vorzuführen.
Kurzum, der eigentliche Zweck des gesamten Unternehmens war nicht so sehr, die Jugend über sexuelle Dinge aufzuklären, als sie vor Versuchungen zu warnen.
Mit der Französischen Revolution von 1789 wurde die Forderung nach sexueller Erziehung für Jungen und Mädchen gestellt. Leider schwächte sich der sexualrevolutionäre Impuls schnell wieder ab. Das Thema „Sexualität“ verschwand wieder aus den Lehrplänen, kaum dass es richtig eingeführt worden war.
Nicht nur in Frankreich, sondern überall in Europa wurde das Bürgertum immer mächtiger und zunehmend konservativer. Mit dem Aufstieg der Mittelschichten in Europa und Nordamerika wurde die Verbreitung sexuellen Wissens zunehmend eingeschränkt.
Dies führte soweit, dass es zu extremer Zensur auf dem gesamten Gebiet der Information über Sexualität kam. Es gab überhaupt keine Erwähnung sexueller Aspekte in Lexika, Sachbüchern, Bibeln, Kinderbüchern, Märchenbüchern usw. und auch im täglichen Leben mussten die geringsten Anspielungen auf dieses Thema in jeglicher Hinsicht vermieden werden. Es wird auch von der „Verschwörung des Schweigens“ gesprochen.
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Arbeit zitieren:
Professor Dr. phil. Karl-Heinz Ignatz Kerscher, 2008, Sexualmoral und Sexualerziehung in Vergangenheit und Gegenwart, München, GRIN Verlag GmbH
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