Universität Hamburg
Department Geschichtswissenschaft
08.334 HS Englischer Adel im 15. Jahrhundert: Die Paston Letters
Wintersemester 2005/2006
Frömmigkeit und Fegefeuer
Eine Untersuchung über Pilgerfahrten, Gebete für
das Seelenheil und religiöse Stiftungen in den
Paston Letters des 15. Jahrhunderts
Johannes Huhmann
Vorgelegt am 20.12.2
2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ... 3
2
Religion im England des 15. Jahrhunderts... 5
2.1 Allgemeiner
Charakter ... 5
2.2
Religion und Adel ... 6
3
Tod, Fegefeuer und Seelenheil... 8
4 Testamente ... 10
4.1
Funktion und Aussagewert von Testamenten ... 10
4.2
Das Testament von Margaret Paston... 11
5 Pilgerfahrten ... 12
6 Gebete
für
Verstorbene ... 16
7 Religiöse
Stiftungen ... 17
8 Fazit... 21
9
Quellen und Literaturverzeichnis ... 23
3
1
Einleitung
In dieser Hausarbeit soll unter einem bestimmten Blickwinkel und anhand ausgewählter
Untersuchungsgegenstände die Frömmigkeit in der Familie Paston aus dem englischen Nor-
folk ergründet werden. Grundlage dafür ist die Korrespondenz, welche die Pastons zurücklie-
ßen und weite Teile des fünfzehnten Jahrhunderts umfasst. Anhand dieser Selbstzeugnisse
soll die Rolle der Frömmigkeit bei den Pastons, aber auch bei einigen ihrer Zeitgenossen un-
tersucht werden. Dies geschieht jedoch nicht allumfassend, sondern beschränkt sich schwer-
punktmäßig auf drei Bereiche: Und zwar die der Pilgerfahrten, den Gebeten für das Seelenheil
sowie dem Aspekt der religiösen Stiftungen. Eine wichtige Rolle hierbei spielt das im Eng-
land des fünfzehnten Jahrhundert vorherrschende Konzept des Fegefeuers, welches eine ganze
Reihe von Konventionen prägte, die mit dem Sterben des Körpers und dem Heil der Seele im
Jenseits verknüpft waren.
Für eine wissenschaftliche Arbeit, die sich mit Frömmigkeit beschäftigt, ist es unabding-
lich, diesen Begriff zunächst zu definieren. Aus diesem Grunde wird hier auf eine Definition
zurückgegriffen, die zwar sehr allgemein, für die Zwecke dieser Hausarbeit jedoch sehr
brauchbar ist:
,,Frömmigkeit
[...], traditionelle Bez. für die komplexe seelisch-geistige Grundhaltung und Gestimmtheit des
(religiösen) Menschen, die gekennzeichnet durch Ehrfurcht, Verehrung und Hingabe sein Denken, Handeln
und Fühlen gegenüber Gott bzw. dem Göttlichen (Numinosen) prägen. Als allgemeinste Bestimmung von F.
erscheint in den versch. Religionen ,,den Göttern das Ihre geben", eine äußere rituelle Konformität. [...] Äußere
Symbole der F. veräußerlichen und erstarren leicht, sodass Außenstehende leicht die ,,innere" Religiosität darin
vermissen."
1
Die Aussage, dass Frömmigkeit das Denken, Handeln und Fühlen gegenüber Gott prägt,
ist ebenso akzeptabel wie schlüssig. Sie zeigt aber auch eine der Grenzen dieser Hausarbeit
auf: Die hier behandelten Beispiele aus den Briefen geben selten mehr Auskunft als über das
konkrete Handeln der Protagonisten was diese im Hinblick auf ihre Frömmigkeit gedacht
oder gefühlt haben, ist oft unersichtlich und kann letzten Endes nur gemutmaßt werden. Da
Frömmigkeit jedoch viel mit ,,äußere[r] rituelle[r] Konformität" zu tun hat, und äußere Sym-
bole eben oft mit dem Handeln verknüpft sind, verspricht eine Untersuchung aus diesem
Blickwinkel nichtsdestotrotz sinnvoll und ergiebig zu sein.
1
Annette Zwahr (red. Leitung): Brockhaus Enzyklopädie. 21., völlig neu bearbeitete Auflage, Bd. 10, Leipzig
und Mannheim, 2006, 21.
4
Die Beschränkung auf die Themenfelder Pilgerreisen, Gebete für das Seelenheil und reli-
giöse Stiftungen ergab sich zum einen aus der Wichtigkeit, den Umfang dieser Arbeit nicht zu
sprengen und gleichzeitig einzelnen Schwerpunkten genügend Raum für Schilderung und
Diskussion zu geben. Zum anderen kommen nicht wenige Aspekte, die mit dem Komplex
Frömmigkeit verbunden sind, in den Briefen der Pastons gar nicht vor. Bennett nennt in die-
sem Zusammenhang die Schilderung von Taufen, Hochzeitszeremonien und feste sowie
Gottesdienste, über die in den Briefen entweder gar nicht oder nur sehr vereinzelt und kaum
vertiefend berichtet wird.
2
Hierzu bemerkt Bennett, dass die gewöhnlichten und alltäglichsten
Angelegenheiten, selbst wenn diese von zentraler Wichtigkeit sind, selten oder nie als auf-
zeichnenswert erachtet werden.
3
Dies gilt etwa für die Gottesdienste, könnte aber insoweit
auch auf Pilgerfahrten, die Verfassung von Testamenten oder andere hier zu behandelnde
Dinge bezogen werden, als dass Vorgänge dieser Art zwar oft genug erwähnt, selten jedoch
ausführlich geschildert werden besonders, was die innere Einstellung der Briefautoren dazu,
also deren Denken und Fühlen, anbelangt.
Diese Hausarbeit ist in einen allgemeinen und einen speziellen Teil aufgeteilt. So gibt der
erste Teil zunächst einen Überblick über den Charakter der Religion im England des fünf-
zehnten Jahrhunderts und beschäftigt sich dann mit der Rolle, die der Adel in dieser spielte.
Daraufhin folgen generelle Betrachtungen über Tod, Fegefeuer, Seelenheil und spätmittelal-
terlichen Testamente, die eine nötige Basis für die vertiefenden Ausführungen des zweiten
Teils bilden. Dort werden schließlich die oben genannten Themenfelder abgearbeitet, wobei
es hier zu einer Gegenüberstellung der Sekundärliteratur und den Quellen kommt. Die heran-
gezogenen Briefe wurden aus zwei Sammlungen entnommen, einmal der sprachlich moderni-
sierten Ausgabe von Davis, die lediglich eine Auswahl der Briefe enthält,
4
und zum anderen
der sprachlich unveränderten Gesamtausgabe von Gairdner.
5
2
Henry S. Bennett: The Pastons and their England. Studies in an Age of Transition. 2. Auflage (1932), Nach-
druck, Cambridge 1968, 193-6, 204.
3
"The very frequency and commonplace nature of certain events is often the cause of their omission."
Ebd., xvi.
4
Norman Davis (Hg.): The Paston Letters. A Selection in Modern Spelling. Oxford 1983
.
5
James Gairdner (Hg.): The Paston Letters 1422-1509. Neue Auflage, 3 Bde., London 1872-5.
5
2
Religion im England des 15. Jahrhunderts
2.1
Allgemeiner Charakter
Religion war sehr wichtig im spätmittelalterlichen England der christliche Glaube und
der Gehorsam gegenüber den Lehren der Kirche waren so gut wie universal.
6
Die Auseinan-
dersetzungen im Zuge der Reformation waren noch nicht in Sicht und Häresie trat nur in Ein-
zelfällen auf. Zuweilen fürchteten sich die kirchlichen Autoritäten davor, dass Gläubige sich
zu tief mit deren Materie vertraut machten,
7
letzten Endes war ein gewisser Grad an Eigenini-
tiative in spirituellen Dingen jedoch erwünscht.
Nicht nur in der direkten Religionsausübung, sondern auch in vielen anderen Lebensbe-
reichen spielten die Gemeindekirchen und ihre Priester eine wichtige Rolle.
8
So übte die in
vielerlei Hinsicht privilegierte und gut ausgestattete Kirche nicht nur spirituelle, sondern auch
wichtige juristische Funktionen aus und zwar in der Regelung von Heirat und Nachlassan-
gelegenheiten, aber auch in Dingen wie Vertrauensbrüchen und Ehrenkränkungen.
9
Bezogen auf die Religionsausübung im England des fünfzehnten Jahrhunderts listet Pol-
lard
10
folgende grundlegende Charakteristika auf:
"It was Christo-centric, focused on the miracle of the Eucharist and the passion of Christ; it was superstitious
and credulous; it encouraged personal commitment and understanding; it demanded practical participation, it
blurred the distinction between clergy and laity. It was, perhaps, complacent. And it was the religion of the privi-
leged and propertied who were expected to set a good example."
11
Der von Pollard angesprochene Trend des Christozentrismus bedeutete, dass Erlösung zu
dieser Zeit mehr noch als früher durch die direkte Fürbitte an Jesus Christus erlangt werden
sollte und der Sohn Gottes somit im Zentrum einer kultischen Verehrung stand.
12
Gleichzeitig
schränkt Pollard aber ein, dass dies nicht mit einer Abwertung von anderen Heiligenfiguren
einherging: Heilige gab es in Hülle und Fülle, und die Gründe, weshalb diese verehrt wurden,
waren vielseitig und auch spezialisiert. Die beiden Hauptfunktionen bei der Verehrung von
Heiligen, bzw. mit ihnen in Verbindung gebrachten Reliquien, Erscheinungs- oder Begräb-
nisorten war die Vergebung von Sünden sowie Schutz oder Heilung von allerlei Unbill. Dies
schließt an den Aspekt der immensen Bedeutung und Verbreitung von Pilgerfahrten (siehe
6
Bennett, 93.
7
Robert Norman Swanson: Church and Society in Late Medieval England. Oxford 1989, 279f.
8
Bennett, 93.
9
A.J. Pollard: Late Medieval England 1399-1509. Harlow u.a. 2000, 204.
10
Pollard, Kapitel X.
11
Ebd., 227.
12
Zur Christusverehrung siehe auch Swanson, 276.
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