1 Rap als Sprachrohr der Unterdrückten 1
2 Ghettozentrismus 2
3 Afrozentrismus 6
4 Gangsta Rap und Rassismus 9
5 und Selbstkritik 10
6 Conscious Rap 11
7 Religion 13
8 Merkmale der Diskursstrategie 14
9 Schlussbetrachtungen 16
Bibliographie in alphabetischer Reihenfolge 17
Diskographie in chronologischer Reihenfolge 18
The Black man’s CNN – Rap als politischer und gesellschaftlicher Diskurs
1. Einführung: Rap als Sprachrohr der Unterdrückten
„Black Music“ barg über Jahrhunderte das Potential, Unterdrückung und Rassentrennung zu beklagen. Doch erst in den frühen 80er Jahren begannen afroamerikanische Männer in der South Bronx New Yorks, Musik intensiv als Medium zu nutzen, um politische Meinungen zu artikulieren und ein Bewusstsein für soziale Missstände zu schaffen. Die informelle Segregation erwies sich als weitaus hartnäckiger als die gesetzliche, denn der Rassismus war noch tief in den Köpfen der weißen Mehrheit eingegraben. Afroamerikaner blieben weiterhin Opfer gesellschaftlicher Ausgrenzung; Interaktion fand deshalb nur innerhalb der Gruppe statt und führte zur Entstehung einer afroamerikanischen Subkultur. 1
Vor diesem Hintergrund entstand in den 70er Jahren die Hip-Hop-Kultur als eine Alternative zu den Bandenkriegen der späten 60er Jahre. 2 Sie funktionierte jedoch zuerst lange Zeit nur
im Untergrund, wo sich einst rivalisierende Gangs nun gegenseitig Wortgefechte (sogenannte „Battles“) im Sprechgesang lieferten. Diese künstlerischen Wettbewerbe, bei denen es mehr um Schlagfertigkeit und Wortgewandtheit als um Inhalte ging, schränkten die physische Gewalt der Straße ein. Es war jedoch nur eine Frage der Zeit, bis die neue Bewegung auch außerhalb der schwarzen Szene Aufmerksamkeit erhielt.
1979 wurden erste Platten veröffentlicht (allen voran „Rapper’s Delight“ von der Sugarhill Gang), und mit „The Message“ (von Grandmaster Flash and the Furious Five) gerieten schließlich diejenigen, die sich stets nur am Rande der Gesellschaft befanden, zum ersten Mal in das Zentrum weißer Wahrnehmung.
Dieser Hit aus dem Jahre 1982 leitete eine Phase des inhaltlich bestimmten und engagierten Rap ein. Hip Hop wurde zu einer Lebensphilosophie („Hip Hop is not just a music, it is an attitude, it is an awareness, it is a way to view the world.“ 3 ) und Rap zu einer Ausdrucksform,
die Chuck D, Frontmann der Gruppe Public Enemy, Mitte der 80er Jahre zum CNN der schwarzen Bevölkerung („the black man’s CNN“) ernannte. „Rap hat den Schwarzen eine Sprache gegeben.“ 4 Da das Fernsehen nur einseitige Informationen lieferte, erfuhren sie beim
Hören der Musik erstmals etwas über die Lebensverhältnisse anderer Afroamerikaner. Chuck D fing mit Radiosendungen an der Uni an. „Wir hatten eigentlich vor, ein Kommunikationsnetz im Land zu organisieren… Unser Ziel [war es], bis zum Jahr 1992
1
Vgl. Albert Scharenberg, „Globalität und Nationalismus im afro-amerikanischen Hip Hop“, S. 20
2
Vgl. David Toop, „Rap Attack: African Jive bis Global HipHop”, S. 19
3
aus „Hip Hop Knowledge“, in KRS-One, “The Sneak Attack”, 2001
4
aus David Dufresne, „Yo! Rap Revolution“, S. 35
The Black man’s CNN – Rap als politischer und gesellschaftlicher Diskurs
fünftausend schwarze Führer auszubilden, fähige Leute, die in der Lage sein würden, Verantwortung zu tragen und anderen etwas beizubringen.“ 5
Rap wird in den folgenden Jahren für Gruppen wie Public Enemy, Boogie Down Productions und etwas später Dead Prez zum Medium für Botschaften, zum „Message Rap“. Ihr erklärtes Ziel ist es, schwarze Jugendliche in ihrer eigenen Sprache anzusprechen und sie über Themen aufzuklären, die für ihr Leben eine Rolle spielen.
Die Texte dieser Künstler sollen im Folgenden als Grundlage dienen, um den Rap der 80er und 90er Jahre als ein wichtiges Kommunikationsmedium für die Reproduktion und Verbreitung politischer und sozialer Ansichten herauszustellen. 6
2. Ghettozentrismus
Im Mittelpunkt der Texte der 80er und 90er Jahre steht die Kritik an den Missständen in der US-amerikanischen Gesellschaft. Die Aufhebung der Rassentrennung hat am stereotypen Bild des gewalttätigen und kriminellen schwarzen Mannes nichts geändert. Afroamerikaner fühlen sich nur untereinander als vollwertige Menschen respektiert und grenzen sich so immer weiter in ihren Ghettos von der weißen Dominanzkultur ab.
Der Lebensstil und die Wertvorstellungen in den Armengegenden von Amerika sind zentrale Gesichtspunkte der Texte, denn das Leben im Ghetto ist die einzige prägende Erfahrung der Schwarzen. Der von Arbeitslosigkeit und Kriminalität dominierte Alltag wird unbeschönigt dargestellt und der Überlebenskampf nebst seiner Begleiterscheinungen (Waffen, Gewalt, Prostitution und Gefängnis) zum wiederkehrenden Thema. Einige Künstler belassen es bei der Schilderung dessen, was direkt um sie herum geschieht, andere haben einen weiteren Horizont und nutzen die Texte zu sozialkritischen Zwecken. Sie machen auf die Diskrepanz zwischen den schwarzen Ghettos und den weißen Vorstädten aufmerksam und stoßen die Hörer mit der Nase direkt auf die akuten Probleme.
„The Message“ 7 ist der erste Song, der Merkmale dieses Ghettozentrismus 8 aufweist. Er
beschreibt die verwahrlosten Straßen des Ghettos ebenso wie die schlechten Zukunftsaussichten der Bewohner:
5
ebd., S. 49
6
Public Enemy und BDP als die Begründer des Message Rap und Dead Prez als aktuellere Vertreter
7
„The Message”, in: Grandmaster Flash and The Furious Five, „The Message”, 1982
8
Begriff der „ghettocentricity“ Vgl. Albert Scharenberg, „Globalität und Nationalismus im afro- amerikanischen Hip Hop“, S. 24
The Black man’s CNN – Rap als politischer und gesellschaftlicher Diskurs
Broken glass everywhere
People pissing on the streets, you know they just don’t care I can’t take the smell, I can’t take the noise Got no money to move out, I guess I got no choice
Das Bewusstsein, kein vollwertiges Leben zu führen, lässt schon in den Jüngsten Wut und Hass anschwellen über diese Ungerechtigkeit:
You grow in the ghetto, living second rate
And your eyes will sing a song of deep hate
Um das kurze Leben im Ghetto zu beschreiben, wird diese Metapher gegen Ende des Songs noch einmal aufgegriffen:
But now your eyes sing the sad sad song
Of how you lived so fast and died so young
Zwischen die Wut mischt sich Neid gegenüber denjenigen, die es besser haben. Jugendliche jagen dem weißen amerikanischen Traum hinterher: „And you wanna grow up to be just like them“. Doch je älter sie werden, desto deutlicher wird die Erkenntnis, dass sie gar nicht die Chance bekommen, aus dem Sumpf des Ghettos auszubrechen
It’s like a jungle sometimes
It makes me wonder how I keep from going under
Um ihre Familien zu ernähren, sehen viele Afroamerikaner den einzigen Ausweg darin, eine kriminelle Laufbahn einzuschlagen. Auch dem lyrischen Ich von „Love’s Gonna Get`cha“ wird die Liebe zur Familie und die Verlockung des schnellen Geldes zum Verhängnis:
So here comes Rob, he’s cold and shivery
He gives me two hundred for a quick delivery I do it once, I do it twice Now there’s steak with the beans and rice 9
9
„Love’s Gonna Get`cha“, in: Boogie Down Productions, „ Edutainment”, 1990
The Black man’s CNN – Rap als politischer und gesellschaftlicher Diskurs
Boogie Down Productions nennen einen weiteren Grund für den Teufelskreis, in dem die Schwarzen sich befinden: die skrupellose Brutalität und Korruption der Polizisten.
The police department is like a crew
It does whatever they want to do
They said, “You owe us some money, you owe us some product Cause you could be right in the river tied up” He thought for a second and he said, “What is this?
You want me to pay you to stay in business?” They said, “That’s right, or you go to prison Cause nobody out there is really gonna listen 10
Es stimmt, dass Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft kein Glauben geschenkt wird, schon gar nicht, wenn ihr Wort gegen das eines Polizisten steht. Denn die Polizei genießt in den USA einen autoritären Status, der von niemandem angezweifelt wird. Dead Prez greifen die desolaten Verhältnisse fast 15 Jahre später wieder auf:
The cops stop you just cause you black THAT’S WAR
Run your prints through the system THAT’S WAR 11
Tatsächlich sind solche unbegründeten Übergriffe auch nach der Jahrtausendwende noch an der Tagesordnung und die Medien formen das Bild vom schwarzen Mann als Täter jeglicher Delikte. Die Debütsingle „Police State“ dreht dieses Bild um und beschreibt ein Täter-Opfer- Schema aus der Sicht der Schwarzen. Der Staat nämlich ist der Täter und unterdrückt mit allen Mitteln die Schwachen der Gesellschaft. Ausgedrückt wird dies mit den negativen Bewertungen „repressive“, „no respect“ und „control“. Die Schwarzen verstehen sich als
This is the State – it is a repressive organization
And them hidden cameras in the streetlight watching society With no respect for the people’s right to privacy
10
„Illegal Business“, in: Boogie Down Productions, „By All Means Necessary“, 1988
11
„That’s War“, in: Dead Prez, „Turn Off The Radio”, 2002
Arbeit zitieren:
Theresa Henning, 2004, The Black Man’s CNN, München, GRIN Verlag GmbH
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