Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Hauptseminar: Essay
Schrifttyp und Schriftsystem
Definition und Erläuterung von ,,Schriftart", ,,Schrifttyp" und ,,Schriftsystem"
anhand von Beispielen.
Dorothee Kruppe
2
,,Körper und Stimme leihet die Schrift dem stummen Gedanken
durch der Jahrhunderte Strom trägt ihn das redende Blatt (...).
(Friedrich Schiller, Der Spaziergang)
Seit geraumer Zeit befasst sich die Sprachwissenschaft mit dem materiellen Aspekt
des Gesprochenen, den Laut-, Schrift- und Bedeutungsstrukturen und deren Zu-
sammenhängen, mit Schrifttypen und Schriftarten, Strukturgesetzen und Schreib-
systemen; die Literatur- und Kulturgeschichte schrieb sich die Geschichte der
schriftförmigen Kommunikation und ihre Vergesellschaftung auf die Fahne.
Jeder Tag unseres Lebens gibt uns Aufgaben und Tätigkeiten vor, die wir mit Hilfe
der Kommunikation erledigen und lösen. Schreiben und Lesen, Verfassen und Rezi-
pieren von Texten bedeuten dafür eine unerlässliche Voraussetzung. Spätestens
seit Helmut Glücks ,,Schrift und Schriftlichkeit" wissen wir, daß die Wissenschaft ge-
spalten ist, da für viele Sprachwissenschaftler und -forscher Lesen und Schreiben
kein ernsthafter Bestandteil der Sprachwissenschaft sind, sondern vielmehr eine
,,Angelegenheit der Psychologen, und das Lesen- und Schreibenlernern, weil es sich
in der Grundschule abspiele, könne höchstens ein Thema für die Didaktiker sein".
Hier soll dem Verfasser gefolgt und davon ausgegangen werden, daß ,,Schreiben
und Lesen originäre Gegenstände der Sprachwissenschaft sind" und daher auch als
,,siamesische Zwillinge" innerhalb der Kommunikation verstanden werden sollen.
Dieser Arbeit Anliegen ist es, speziell auf den ersten Zwilling einzugehen, das
Schreiben bzw. die Schrift. Im Folgenden werden drei spezifische Begriffe der
Schriftlichkeit vorgestellt: der Schrifttyp als Zuordnungskategorie für das entspre-
chende Schriftsystem und die Schriftart als Variante eines Schrifttyps. Vorab jedoch
findet die Schriftgeschichte in kurzer Form Erwähnung. Das Brockhaus Conversati-
onslexikon von 1886 bezeichnet Schrift als die ,,sichtbaren Zeichen, welche ganzen
Worten oder einzelnen Lauten bestimmter Sprachen zu entsprechen und diese für
das Auge zu fixieren bestimmt sind. Die Schrift ist eine uralte Erfindung des Men-
schen." Bei melifon.de ist Schrift ein ,,System graphischer Zeichen, die zum Zweck
menschlicher Kommunikation verwendet werden." Sie dient also der Verständigung
der Menschen und der Konservierung sprachlicher Daten. Mit Hilfe eines vereinbar-
ten, festgelegten Zeichensystems, im Deutschen des ABC´s, werden die Informatio-
nen auf einen Träger, heute beispielsweise Papier oder CD, geschrieben und von
diesem wieder abgelesen. Schrift aber bezeichnet u. a. auch umgangssprachlich die
3
,,Schriftart" aus dem Bereich der Typographie (gestalteter Zeichensatz), die ,,Schrift-
datei" (Computer), die ,,Handschrift" (ich kann diese Schrift nicht lesen), ,,schriftliche
Werke" (z. B. Goethes Schriften zur Farbenlehre) und Eigennamen religiöser Texte
(,,Heilige Schrift"). Von ,,Schrift" kann allerdings erst gesprochen werden, wenn ein
festgelegtes Zeichensystem zum Ausdruck von Informationen zur Verfügung steht.
Vor Schriftentwicklung überlieferte die Menschheit Dinge und Geschehnisse auf
mündlichem Wege, was große Risiken barg bezüglich des Wahrheitsgehaltes, so z.
B. aufgrund von Sinnentstellung, Weglassens oder Hinzufügens, spezifischer sozia-
ler oder kultureller Faktoren etc.. Auch geheimes Wissen, Rituale, Mythen, Legen-
den und Sagen wurden mündlich weitergegeben, wie beispielsweise die Geschichte
von der großen Sintflut. Die Entwicklung der Schrift gilt als eine der wichtigsten Er-
rungenschaften der Zivilisation, die die Überlieferung von Wissen und kulturellen
Traditionen über Generationen hinweg erlaubt und deren Erhaltung über lange Zeit-
räume garantiert (natürlich abhängig vom verwendeten ,,Beschreib"-Material, z. B.
feuchte Tontafeln, mit einem Griffel geritzt, Stein, in den gemeißelt wurde, Bronzeta-
feln, Rinden, Bast, Leder und Leinen, später Papyrus, Pergament, dann Papier so-
wie in China Pinsel, Binsen, Rohrfedern aus Schilfrohr, Griffel und Wachstäfelchen
und schließlich im 17. Jh. Schreibfedern aus Stahl, die im 20. Jh. von Füllfederhalter
und Kugelschreiber abgelöst werden, heute Microchips und CD). Alle bekannten
Hochkulturen (Sumer, Ägypten, Indus-Kultur, Reich der Mitte, Amerika) werden mit
der Verwendung der Schrift in Verbindung gebracht, wobei die Sumerer als die Kul-
tur gelten, die die Schrift erstmals verwendeten, und zwar eine Bilderschrift in den
sumerischen Stadtstaaten. Das älteste bekannte Schriftsystem ist die Keilschrift, die
zunächst 2000 Zeichen umfasste. Um 1500 vor Chr. entstand das erste Alphabet,
dessen 30 Buchstaben der Keilschrift entlehnt waren. 500 Jahre später entwickelte
sich die phönizische Schrift, die mit ihren nicht mehr als 20 Buchstaben der Vorläu-
fer unseres heutigen Alphabets ist. Um 800 v. Chr. kam die griechische Schrift auf,
die aus dem phönizischen Konsonantensystem und Vokalen bestand und die erste
Buchstabenschrift bedeutete. Sie breitete sich über ganz Europa aus und erfuhr
Abwandlungen, so z. B. in Form des Lateinischen, aus dem unser heutiges deut-
sches Alphabet hervorging.
Wie gerade erwähnt, ist das Deutsche alphabetischen Typs, was den ersten zu klä-
renden Begriff aufwirft, den ...
4
1. Schrifttyp
Dieser Terminus findet sich - verständlich definiert - in Helmut Glücks ,,Metzler Lexi-
kon Sprache", nämlich als Grundlage der Schriftsysteme aller Einzelsprachen, ,,die
über eine geschriebene Sprachform verfügen". Hier wird unterschieden zwischen
alphabetischem und nichtalphabetischem Schrifttyp. Zu Ersterem zählen Silben-
schriften und Alphabetschriften, deren Schreibform realisiert ist in graphischen Ge-
bilden mit Zeichencharakter, die dadurch charakterisiert sind, daß ihre kleinsten E-
lemente, die Grapheme (nach Peter Eisenberg ,,Schreibsilbe im Deutschen" ,,kleinste
distinktive segmentale Einheiten des Geschriebenen, bezogen auf die Kerngramma-
tik", d. h. ohne Berücksichtigung der Fremdwörter, Eigennamen oder Funktionswör-
ter, Zeichen, die mit Phonemen einhergehen), in Korrelationen zur phonologischen
Komponente stehen. Nach Helmut Glück ,,Schrift und Schriftlichkeit" bildet die Men-
ge aller Grapheme das Alphabet einer Sprache, dessen Elemente Buchstaben sind.
Der nichtalphabetische wird durch den logographischen Schrifttyp vertreten, bei dem
(nach Günther in ,,Schrift Schreiben Schriftlichkeit") visuelle Zeichen auf Wörter
oder Morpheme referieren, d. h. auf die bedeutungstragende Einheit der Sprache.
Wesentliches Zuordnungskriterium ist die dominante Bezugsebene des jeweiligen
Schriftsystems im Sprachsystem, deren Elemente im betreffenden Schriftsystem
graphisch repräsentiert werden, bei Alphabeten die phonologische Ebene, beim
nichtalphabetischen Sprachtyp die freien Morpheme (Wörter). Anders formuliert: In
der Alphabetschrift besteht die grundlegende Beziehung darin, daß ein Zeichen ei-
nem Laut (bzw. Phonem), bei Silbenschriften ein Zeichen einer Silbe entspricht und
bei Logogrammen ein Zeichen i. d. R. für ein Wort steht.
Alphabet- und Silbenschriften sind phonologisch, also lautbasiert, Logogramm-
Schriften eher bedeutungsbasiert, wenn ein Schriftzeichen eher eine bestimmte Be-
deutung denn ein Laut ist. Beispiele für logographische Schrifttypen sind mathemati-
sche Symbole oder Verkehrszeichen, wobei kein einziges Schriftsystem unvermischt
auftritt (in Systemen alphabetischen Typs existieren durchaus Wort- und Begriffszei-
chen), so daß die oben erwähnte Dominanz der Bezugsebene als Zuordnungsge-
sichtspunkt entscheidend ist. Weitere Systeme ordnet Helmut Glück dem Schrifttyp
unter, wie Pasigraphien (das sind von Sprachen unabhängige Zeichensysteme, z. B.
arabische Zahlen oder Musiknoten, Brockhaus Conversationslexikon nennt Pa-
sigraphie die Kunst, mittels eines von allen Völkern anzunehmenden Zeichensys-
tems so zu schreiben, daß jeder ,,derselben Kundige den betreffenden Text in seiner
0 Kommentare