3
Einleitung 4
1. Sachanalyse 4
1.1 Begriffsbestimmung und differenzierung 5
1.1.1 Imperialismus 5
1.1.2 Kolonialismus 6
1.2 Ausgangslage des Deutschen Reiches 6
1.2.1 Das politische System und die Parteien 6
1.2.2 Außenpolitik 8
1.2.3 Industrielle Revolution Wirtschaft und Gesellschaft 9
1.3 Kolonialagitation und Kolonialbewegung 10
1.3.1 Diskussion und Leitmotive 11
1.3.2 Der deutsche Kolonialverein und andere Interessengruppen 12
1.3.3 Parteien und die Kolonialfrage 13
1.4 Expansion und Kolonialerwerb des deutschen Reiches unter Bismarck 14
2. Bismarcks Kolonialpolitik 16
2.1 Bismarcks Einstellung zur Kolonialfrage 16
2.2 Deutungsversuche der Bismarckschen Kolonialpolitik 17
2.3 Bilanz der deutschen Kolonialexpansion 21
3. Fazit und didaktische Relevanz 23
Literaturverzeichnis 25
Anhang 26
- 4 -
Einleitung
Wenn ich als fachwissenschaftliche Studentin im Rahmen eines Didaktik-Seminars eine Hausarbeit vorzulegen habe, die zwar von einer didaktischen Analyse absehen soll, so erhebe ich dennoch den Anspruch, mein Augenmerk auf die didaktische Qualität des Themas „Bis- marcks Kolonialpolitik“ zu richten, denn aus den Prinzipien der Geschichtswissenschaft leiten sich die modernen Maximen der Geschichtsdidaktik ab. So sind es schließlich dieselben Fra- gen, die ich mir aus fachwissenschaftlicher Sicht stelle, wie sie sich aus dem Erkenntnisinte- resse des Lernenden ergeben sollen. Es ist das immer wieder neue Befragen der Vergangen- heit, dass einer Sinnstiftung und einer Bewusstwerdung der Gegenwart behilflich sein soll.
„Ein Aspekt der didaktischen Auswahl vollzieht sich auf der Ebene fachwissenschaftlicher Problemermittlung und Problembearbeitung. Eine Geschichtsforschung und -schreibung, die sich zunehmend der Relevanzfrage stellt, ermittelt Erkenntnisse über grundlegende gesell- schaftliche Probleme, die sich in verschiedenen Zeiten unterschiedlich stellten und unter- schiedlich gelöst werden sollten. So lassen sich epochenspezifische Probleme ermitteln, die […] als wesentliche Grundlagen für das historische Verständnis unserer Zeit anzusehen sind.“ 2
So ist es gerade die Frage nach dem wie und warum es gerade unter Bismarck zu den meisten Kolonien des deutschen Reiches kam, obwohl er der Kolonialfrage skeptisch und ablehnend gegenüberstand, die die Bismarck-Historiker am meisten interessiert. Und auch die vorliegen- de Hausarbeit möchte den zugrunde liegenden Motiven nachgehen und in einem letzten Schritt die daraus gewonnenen Erkenntnisse und epochenspezifischen Probleme und Hinter- gründe darlegen, die aus heutiger Sicht von Erkenntnisinteresse sind.
1. Sachanalyse
In der folgenden Sachanalyse soll eine historische Eingrenzung erfolgen, aber vor allem soll sie über die historischen Zusammenhänge für die im Hauptteil beleuchtete Bismarcksche Ko- lonialpolitik einen Überblick verschaffen und die Grundlage darstellen, auf der sich die Moti- ve Bismarcks herleiten lassen.
2 Meyer, Ulrich: Wie viel Geschichte braucht der Geschichtsunterricht? In: von Flemming, Jens, Puppel, Pauline,
Troßbach, Werner, Vanja, Christina und Wörner-Heil, Ortrud (Hrsg.), Kasseler Semesterbücher, Kassel, 2004,
Bd. 14: Lesarten der Geschichte, S. 61.
- 5 -
1.1 Begriffsbestimmung und -differenzierung
Häufig werden im allgemeinen Sprachgebrauch die Begriffe Imperialismus und Kolonialis- mus synonym verwendet, was auch weitestgehend zu Recht geschieht, da beide eine Macht- erweiterung eines Staates implizieren und ihnen auch identische Motive zugrunde liegen und sie sich so in vielen Aspekten überschneiden. Allerdings - sonst wäre an dieser Stelle eine Differenzierung auch nicht von Nöten - gibt es Abweichungen, einerseits in der zeitlichen Einordnung und andererseits in der konnotativen Verwendung des Begriffs, was im Folgen- den näher bestimmt und für die vorliegende Arbeit eingegrenzt werden soll.
1.1.1 Imperialismus
Als Imperialismus wird allgemein die Politik der Expansion und Machterweiterung von Staa- ten verstanden. Geschichtswissenschaftlich betrachtet, benennt dieser Begriff jedoch das Zeit- alter zwischen 1870 und 1918 3 (auch Hochimperialismus oder klassisches Zeitalter des Impe- rialismus genannt), in dem sich die europäischen Großmächte verstärkt um den Erwerb von Kolonien und politischen Einfluss in der außereuropäischen Welt bemühten. 4 Das Hauptmo- ment ist, neben ökonomischen und wirtschaftlichen und en passant religiösen und kulturellen Motiven, vielmehr im Prestigebestreben, im allgemein empfundenen, weltmachtpolitischen Geltungs- und Gleichberechtigungsdrang, zu sehen. Imperialismus impliziert in dieser Hin- sicht also auch immer die negativ behaftete Konnotation der „Gier“ nach Machterweiterung und des „Wettstreites“ der europäischen Großmächte um die gerechte Aufteilung der Welt. Nicht zuletzt auch dadurch, dass der „Konkurrenzkampf“ im 1. Weltkrieg mündete, was auch das Ende des imperialistischen Zeitalters seitens der Historiker markiert. 5 Weiterhin unter- scheidet man informellen von formellem Imperialismus. Der informelle Imperialismus be- zeichnet eine friedliche, indirekte Kontrolle eines Staates über ein wirtschaftlich schwächeres Gebiet, das so ein Abhängigkeitsverhältnis eingeht. Dabei zielt diese Art der Expansion auf eine wirtschaftliche Durchdringung des Territoriums. Formeller Imperialismus, auch oftmals aus einer vorhergehend informellen Kontrolle entstanden, ist eine politische und/oder militä- rische Inbesitznahme eines Gebietes, das der direkten Kontrolle eines Staates untersteht. 6
3 diese Angaben beziehen sich auf Drechsler/ Hilligen/ Neumann: Gesellschaft und Staat. Lexikon der Politik. München 2003, S. 476. Von Historikern werden jedoch unterschiedliche Einordnungen vorgenommen, so z.B. die Einordnung von 1980/90 bis 1914 nach Schöllgen, Gregor: Das Zeitalter des Imperialismus. Hrsg. von Blei- cken, Jochen/ Gall, Lothar/ Jakobs, Hermann, München 1986, Bd. 15, S. 1.
4 vgl. Drechsler/ Hilligen/ Neumann: Gesellschaft und Staat. Lexikon der Politik. München 2003, S. 476. 5 vgl. Schöllgen, Gregor: Das Zeitalter des Imperialismus. Hrsg. von Bleicken, Jochen/ Gall, Lothar/ Jakobs, Hermann, München 1986, Bd. 15, S. 1 ff.
6 vgl. Schöllgen, Gregor: Das Zeitalter des Imperialismus. Hrsg. von Bleicken, Jochen/ Gall, Lothar/ Jakobs, Hermann, München 1986, Bd. 15, S. 39.
- 6 -
1.1.2 Kolonialismus
Kolonialismus ist, ebenso wie der Imperialismus, eine auf Erwerb und Ausnutzung von Kolo- nien und Gebieten gerichtete Expansionspolitik. Jedoch beschränkt sich dieser Begriff nicht auf ein in der Zeitgeschichte markiertes Zeitalter. Erste Kolonialisierungsbestrebungen lassen sich bereits für das 15. Jahrhundert nennen (Spanien und Portugal). Er findet immer dann Anwendung, wenn man beschreiben möchte, dass ein Staat durch Koloniengründung Schwer- punkte augenmerklich auf wirtschaftliche Ausbeutung (Handelskolonien), Besiedlungsbestre- bungen (Siedlungskolonien) oder Missionierung und Kultivierung der einheimischen Bevöl- kerung setzt. Insofern unterscheidet er sich nicht eindeutig von dem Begriff des Imperialis- mus, jedoch liegt hier das Hauptmoment auf wirtschaftlicher, ökonomischer und sozialer Zielgerichtetheit. 7
Da sich die vorliegende Arbeit im Schwerpunkt auf das Zeitalter der Bismarck-Ära und somit auf das klassische Zeitalter des Imperialismus bezieht, möchte ich im Weiteren vom Begriff des Kolonialismus absehen und den Begriff des Imperialismus in der oben angeführten Form verwenden.
1.2 Ausgangslage des Deutschen Reiches
1871 mit der Kaiserproklamation in Versailles hatte sich das Deutsche Reich, nach jahrzehn- telangen, heftigen politischen Bewegungen, Revolutionen und Kriegen endlich zu einem ver- einten Großstaat entwickelt. Der staatsmännische Lenker Otto von Bismarck war nun in sei- ner Funktion als Reichskanzler an der Reihe, die innen- und außenpolitische Neuordnung des jungen Großreiches zu übernehmen. Hierbei sah er sich jedoch unterschiedlichster Probleme und Interessengruppen gegenübergestellt, die aus einer Zeit entstanden, die von großen ge- sellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen geprägt war. Gleichzeitig bildete sich auch der Nährboden für nationalistisches Geltungs- und Expansionsstreben.
1.2.1 Das politische System und die Parteien
Das neu gegründete Reich erhielt die Verfassung einer konstitutionellen Monarchie. Sie ver- band so zwei entgegengesetzte Elemente: Monarch und Volksvertretung. Nun entschied sich das politische Leben nicht nur durch eine Einzelperson, sondern durch viele verschiedene Interessengruppen und eröffnete damit ein Konfliktpotenzial, dem nur über den Weg des
7 vgl. Drechsler/ Hilligen/ Neumann: Gesellschaft und Staat. Lexikon der Politik. München 2003, S. 555 f.
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Kompromisses beigekommen werden konnte. Kaiser, Reichskanzler und Reichstag bildeten im Reich das neue Herrschaftssystem, die ausführende Gewalt sollte der Bundesrat überneh- men. Allerdings verfügten über sie in Wirklichkeit der Kaiser und der Kanzler. Neben der Erststellung des Kaisers war es jedoch der Kanzler, der die politischen Zügel in der Hand hat- te. Er war einmal als Reichsminister dem Bundesrat als dessen Vorsitzender ausführendes Organ und ihm unterstellt und zum anderen Repräsentant der kaiserlichen Politik vor der Öf- fentlichkeit. So war die Grundlage seiner Macht nicht nur die Bindung an den Kaiser, sondern ebenso die Führungsrolle innerhalb des Bundesrates, wo er meist die stärkste Fraktion hinter sich hatte. Diese zweifache Funktion erlaubte ihm jedoch nicht nur eine politische Machtstel- lung, sondern forderte von ihm auch politisches Geschick, da er ebenso auf die Zustimmung des Reichstages in Fragen der Finanz-, Militär-, Außenhandels- und Sozialpolitik angewiesen war. So war es ebenso Bismarcks Bestreben, sich Mehrheiten innerhalb des Reichtages zu sichern, obwohl er in erster Linie Vertrauensmann des Kaisers war und dessen Position auch verteidigt hat. Dieser Spagat zwischen Kaiser, Bundesrat und Reichstag, konnte nur gelingen, wenn er sich der Kritik und Diskussion im Reichstag stellte, dennoch wurde Bismarcks Poli- tik hauptsächlich als eine Einmannherrschaft empfunden, da er seine Überlegenheit bewahrte und die Abhängigkeit zum Reichstag zwar nicht beseitigten konnte, aber dennoch relativier- te. 8 Es zeigten sich vier große Hauptlager im Reichstag: Liberale, Konservative, Sozialdemokra- ten und die föderalistisch-katholische Zentrumspartei. Bismarck selbst gehörte keiner Partei an. Die Zusammenarbeit mit den Parteien gestaltete er nach den Erfordernissen seiner politi- schen Vorhaben. So kam es, dass er abwechselnd mit den Parteien symphatisierte. Nach der Spaltung der Liberalen von 1879/80 hatte Bismarck Anfang der 80er Jahre mit der Nationalli- beralenpartei und durch den politischen Kurswechsel der Konservativen, vornehmlich mit Deutschkonservativen Partei, relativ regierungsfreundlich gesinnte Parteien an seiner Seite. Anzumerken sei dennoch, dass sein Verhältnis zu den Nationalliberalen immer wieder von Spannungen geprägt war, so gab es immer wieder Ablehnungen seitens der Liberalen gegen- über Bismarcks Politik, so z.B. bei Bismarcks Plänen zum Wechsel vom Freihandel zur Schutzzollpolitik usw.. Die Haltung der Nationalliberalen verstärkte sich jedoch 1884 noch einmal offenkundig durch die Pro-Bismarck gesinnte Standtortbestimmung süddeutscher An- hänger. Die Opposition bildeten die Linksliberalen, Bismarckfeindlich gestimmt seit der In- demnitätsvorlage und durch sein Vorgehen gegen die Sozialdemokraten, und das Zentrum, die seit dem Kulturkampf eine oppositionelle Haltung gegenüber Bismarck eingenommen
8 vgl. Hertz-Eichenrode, Dieter: Deutsche Geschichte 1871- 1890. Das Kaiserreich in der Bismarck-Ära, Stutt-
gart, Berlin, Köln 1992, S. 34 ff.
- 8 - hatten, was sich nur zeitweise entspannte. Das Verhältnis zu den Sozialdemokraten war und blieb seit dem 1878 in Kraft getretenen Sozialistengesetz aufs Schärfste verstimmt. Regierung und Reichstag bildeten Anfang der 80er Jahre zunächst einen Gegensatz. Bei den Wahlen 1881 ging die Mehrheit zunächst an die Opposition. Diese büßten jedoch über die Jahre im- mer mehr ihre Stellung ein, da sie in den aktuellen Fragen, wie Zoll-, Steuer-, Sozial- und Kolonialpolitik eine negative Haltung einnahmen, bis sich in den Wahlen 1887 eine sichere Kanzlermehrheit zeigte und das nationalliberal-konservative Bündnis an Stimmen gewann. Bismarcks Geschicke sind hier vornehmlich in der Ausspielung der Opposition bzw. der „Re- gierungsfeinde“ und in der Förderung der regierungsfreundlichen Parteien vor der Öffentlich- keit zu sehen. 9
1.2.2 Außenpolitik
Das deutsche Reich trat 1871 als eine neue Großmacht mit einer effizienten militärischen Stärke in die europäische Politik, die für die anderen Großmächte bedrohlich wirkte. Diese neue veränderte Situation schürte neue Ängste und Aufrüstungsbestrebungen auf dem europä- ischen Kontinent. Dies galt insbesondere für Frankreich, das seit dem deutsch-französischen Krieg und die damit verbundene Abtretung Elsass’ und Lothringens verbitterter Gegner war. Bismarcks Interessen lagen jedoch fern jeglicher Kriegs- und Expansionsbestrebungen (z.B. auf dem Balkan), die zu einem Konfliktpotential hätten führen können. In einer Koalition Frankreichs mit den anderen Großmächten und in Hinblick auf die europäische Mittellage Deutschlands sah er die größte Gefahr für die Sicherheit des deutschen Reiches. Ausdrücklich erklärte er, das Reich sei saturiert, man sei zufrieden mit der erworbenen Stellung und man benötige keinen weiteren Macht- und Gebietszuwachs. Bismarck steuerte nach 1871 eine de- fensive Außenpolitik an, die den Status Quo erhalten, Frankreich in Europa isolieren und ei- nen Konflikt der Großmächte auf den Balkan verhindern sollte, der Frankreich einen Verbün- deten zuspielen konnte. 10 ismarcks diplomatisches Geschick, welches in dem Erhalt des Sta- tus Quo zu sehen ist, und seine Bündnispolitik erschufen in dem Jahrzehnt zwischen 1880 und 1890 ein Bündnissystem, das zwar an seidenen Fäden hing und immer wieder Fingerspitzen- gefühl bedurfte, dennoch verfestigte sich die Stellung unter den Großmächten und Bismarck erreichte sein primäres Ziel der Isolierung Frankreichs. 11
9 vgl. Hertz-Eichenrode, Dieter: Deutsche Geschichte 1871- 1890. Das Kaiserreich in der Bismarck-Ära, Stutt-
gart, Berlin, Köln 1992, S. 161 ff.
10 vgl. Hertz-Eichenrode, Dieter: Deutsche Geschichte 1871- 1890. Das Kaiserreich in der Bismarck-Ära, Stutt-
gart, Berlin, Köln 1992, S. 109 ff.
11 vgl. ebd., S. 109 ff.
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Annika Singelmann, 2006, Bismarcks Kolonialpolitik, Munich, GRIN Publishing GmbH
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