Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin Erik Neumann 2002
Lehrveranstaltung Unternehmenspsychologie
Inhalt :
1 Was ist Psychologie ?
1.1 Die Geschichte der Psychologie - ein einführender Überblick
1.2 Die fachliche Gliederung der Psychologie
1.3 Die Methoden der Psychologie
2. Was ist Psychodiagnostik ?
2.1 Die Geschichte der Psychodiagnostik im Überblick nach Jahren
2.2 Die Anwendungsschwerpunkte der Psychodiagnostik
2.3 Die Methoden der Psychodiagnostik
2.3.1 klinisch - therapeutischer Blickwinkel
2.3.1.1 Erhebung der Anamnese
2.3.1.2 Körperliche Untersuchung
2.3.2 Experimentelle Psychologie
2.3.3 Differentielle - und Persönlichkeitspsychologie
2.4 Testverfahren
2.4.1 Grundlegende Testverfahren nach Binet
2.4.2 Beurteilung und Ausblick
2.4.3 Faktorentheorie Cattel
2.4.4 Kurzbetrachtung Rorschach Test
2.4.5 Weitere Testverfahren
2.5 Entwicklungsdiagnostik
3. Ethik oder Ist Psychodiagnostik verantwortbar ?
4. Wozu nun eigentlich Psychodiagnostik ?
5. Quellen
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Lehrveranstaltung Unternehmenspsychologie
Um uns dem vielfältigen Thema der psychologischen Diagnostik, kurz Psychodiagnostik, zu nähern, ist es notwendig, klare Definitionen hierfür, aber auch zu Teilgebieten der Psychodiagnostik, zu finden. Des weitern ist es von Vorteil, den Begriff der Psychologie zu erläutern und einen kurzen geschichtlichen Abriss für das Verständnis zu geben.
Vielerorts wird darauf verzichtet Teildisziplinen der Psychologie zu definieren. Dieser Verzicht kann auch als eine falsch verstandene Liberalität aufgefasst werden. Dabei
ist es so, dass Definitionen dem Gegenüber Klarheit schaffen, die Intention 1 dieses Faches klar umreißen und abgrenzen.
Doch wenden wir uns jetzt der Psychologie im eigentlichen Sinne zu.
1 . Was ist Psychologie ?
Definition : [zu griechisch lógos »Rede«, »Wort«; »Vernunft«] die, -, die Wissenschaft von den Formen und Gesetzmäßigkeiten des Erlebens und Verhaltens, bezogen auf Individuen und Gruppen. Methodisch dominiert in der wissenschaftlichen Psychologie heute - wie in anderen Natur- und Sozialwissenschaften - durch das empirisch-quantitative Grundverständnis
(Paradigma 2 ).
1.1 Die Geschichte der Psychologie - ein einführender Überblick
Das älteste erhaltene Dokument psychologisch-mythischen Denkens ist ein 5000 Jahre alter ägyptischer Papyrus mit dem Titel: »Zwiesprache eines Lebensmüden mit seiner Seele«. In ihm wird die Frage nach der Übereinstimmung von innerer und äußerer Lebensaufgabe gestellt. Ähnlich wurde im indischen Kulturraum in den
Lehren der Brahmanen, den Veden und Upanishaden 3 , der Wert der Innerlichkeit und der Vorrang zwischen Denken und Sprechen erörtert. Im China des 6.Jahrhunderts v.Chr. wirkte Laozi, dessen »Waltenlassen« als nichtdirektives Therapieverhalten bis heute Teile der klinischen Psychologie prägt. Auch das
»psychosophische« Denken der Vorsokratiker 4 hat mit aphoristischen Sinnsprüchen
1 Intention
[lateinisch] die, allgemein: Absicht, Bestreben, Vorhaben.
2 Paradigma
[griechisch] das, allgemein: Beispiel, Muster. (c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2001
3 Upanishaden
[-- ; Sanskrit »Danebensitzen (des Schülers neben dem Lehrer)«], eine Gruppe philosophisch-theologischer Texte des Brahmanismus. In den älteren Upanishaden (zwischen 800 und 600 v.Chr.), im Anschluss an die Veden (Veda) entstanden, wurden erstmals die wesentlichen Grundaussagen der indischen Philosophie und Religion formuliert. Sie bilden die Grundlage der vedischen Philosophie (Vedanta). Inhaltlich deutlich von ihnen unterschieden sind die nicht vedischen jüngeren Upanishaden (entstanden bis 1500 n.Chr.).
4 Vorsokratiker bis Sophisten:
Als Begründer der griechischen Philosophie und damit der Philosophie in ihrer europäisch-abendländischen Gestalt gelten die Vorsokratiker, die das zuvor herrschende religiös-mythische Denken ablösten. Thales von Milet begründete im 6.Jahrhundert v.Chr. die ionische Schule, zu der Anaximander, Anaximenes und im Weiteren Leukipp und Demokrit als Vertreter der ionischen Naturphilosophie zählen.
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die Psychologie beeinflusst (»Erkenne dich selbst«, Chilon; »Schädlich ist Mangel an Selbstbeherrschung«, Thales).
Der Psychologiehistoriker Max Dessoir nennt drei Wurzeln für das psychologische Denken: Mythologie, Naturkunde und Kunst, die in den Frühzeiten noch nicht getrennt wurden. Der Begründer einer selbstständigen Psychologie war Aristoteles, u.a. mit den Büchern »Über die Seele« (lateinisch »De Anima«) und »Kleine naturphilosophische Schriften« (»Parva naturalia«). Im Unterschied zu Platon, der die Seele sowohl zur Welt der Ideen wie (»im Sturz in die Geburt«) zu der des Werdens rechnet, spricht Aristoteles sowohl Pflanzen als auch Tieren und Menschen die Seele als beherrschendes Prinzip (»erste Entelechie«) zu, wobei er allerdings mit Platon die Existenz einer »Geistseele« anerkennt, die nicht an das Individuum gebunden ist.
Sein Lehrnachfolger Theophrast kann mit seiner Sammlung von 30 »Charakteren« als Begründer der Persönlichkeitstypologie gelten. Während sich die Psychologie der Epikureer, Stoiker, Neuplatoniker (Plotin) oder Tertullians (»De anima«) weitgehend an die ihrer Vorläufer hielt, konnte im 4.Jahrhundert Augustinus mit seinen »Bekenntnissen« (»Confessiones«) ein Bild vom Reichtum des Psychischen gestalten, wie es bis heute vorbildlich geblieben ist. Erst Thomas von Aquino griff die psychologischen Analysen in seiner »Summa theologica« wieder auf.
Am Beginn der neuzeitlichen Psychologie steht Philipp Melanchthons »Kommentar über die Seele« (1540, Neufassung 1552), der bis ins 18.Jahrhundert die Lehrordnung der Psychologie innerhalb von Philosophie und Theologie an den protestantischen Universitäten bestimmte. Obgleich sich Melanchthon weitgehend auf Aristoteles bezog, sind Teile eigenständig, so die Begründung der Willensfreiheit durch die Tatsache, dass man die Triebe unterdrücken könne.
Einen nächsten Höhepunkt in der Psychologieentwicklung bildete der englische Empirismus im 17.Jahrhundert. Für Thomas Hobbes gibt es keine »Seelengespenster«, sondern mathematisch-mechanistische Assoziationsgesetzmäßigkeiten sowohl beim Gedächtnis und Lernen wie auch für die anziehenden (Lust, Liebe, Begierde) und abstoßenden (Schmerz, Abneigung, Furcht) Empfindungen. John Locke erweiterte diese Verknüpfungstheorie auch auf die »Ideen«, unter denen er alle psychischen Inhalte zusammenfasste.
Aus der Vielzahl neuerer Philosophen mit psychologischen Beiträgen ragt G.W. Leibniz mit seinen »Nouveaux essais sur l'entendement humain« (1704, postum 1765; deutsch »Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand«) heraus. Für
ihn reicht eine ununterbrochene Kette von der dunkelsten Perzeption 5 bis zur klarsten und vollkommensten Apperzeption 6 . Somit postulierte er erstmals auch ein unbewusstes Seelenleben.
5 Perzeption
[lateinisch] die, Philosophie, Psychologie: Wahrnehmung (die nach Leibniz nicht bewusst ist, im Unterschied zur bewussten Apperzeption); Reizwahrnehmung.
6 Apperzeption
[lateinisch] die, Philosophie, Psychologie: das klare und bewusste Erfassen eines Erlebnis-, Wahrnehmungs- oder Denkinhalts. Die reine Apperzeption (transzendentale Apperzeption) bei Kant ist die Fähigkeit des Bewusstseins, Begriffe und Anschauungen zur Einheit der Vorstellung eines Gegenstandes zu verknüpfen. (c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2001 Seite 4 von 23
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Auf Johannes Nikolaus Tetens und seine »Philosophischen Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwicklung« (1777, 2Bände) gehen sowohl die heute noch weitgehend gebräuchliche Einteilung in psychische Prozesse, die Lehre von deren Entwicklung wie auch eine grundlegende »Affektlehre« und die Anfänge der modernen Zeichentheorie zurück. Er wurde deshalb auch als »Vater der Psychologie« bezeichnet.
Vom frühen 19.Jahrhundert an verselbstständigte sich die Psychologie zu einer eigenen Disziplin unter gleichzeitiger Aufsplitterung in methodisch und thematisch unterscheidbare Schulrichtungen beziehungsweise Unterdisziplinen.
Die Begründung der Psychologie als einer naturkundlichen Disziplin ist das Werk von Johann Friedrich Herbart (»Lehrbuch zur Psychologie«, 1816), Gustav Theodor Fechner (»Elemente der Psychophysik«, 1860, 2 Bände) und Wilhelm Max Wundt (»Grundzüge der physiologischen Psychologie«, 1893). Herbart war bestrebt, die Psychologie zu einer experimentierenden, sogar mathematisierten Disziplin umzugestalten; Fechner versuchte eine Brücke zu den zeitgenössischen Naturwissenschaften zu schlagen; Wundt erhob mit der Gründung des ersten psychologischen Instituts in Leipzig (1879) die Psychologie endgültig in den Rang einer experimentellen Disziplin.
Neben dieser naturwissenschaftlichen Psychologie blieb eine phänomenologische 7 Richtung bestehen, mit Namen wie W. Dilthey, F. Brentano, H. Ebbinghaus, L. Klages, K. Jaspers, die vom Erleben in der Selbstbeobachtung ausgingen.
Die Gestaltpsychologie entstand aus der Abwehr der zergliedernden Sinnespsychologie Wundts u.a. und betonte die ursprüngliche Einheitlichkeit jedes psychischen Prozesses, der aus diffuser Ganzheitlichkeit zur differenzierten Gestalt aufsteige. Die wichtigsten Begründer waren M. Wertheimer, F. Krueger, W. Köhler, F.Sander.
Der Behaviorismus 8 entstand durch I.P. Pawlow in Russland und J.B. Watson in den USA. Beide lehnten jede Art von Selbstbeobachtung des Psychischen ab. Für diese Richtung der Psychologie gab es keine »Seele«, sondern ausschließlich reaktives Verhalten, das experimentell zu untersuchen und mit statistischen Mitteln (C.E. Spearman) zu sichern ist.
7 beschreibende Psychologie
(deskriptive Psychologie), psychologische Richtung, die auf die 1894 veröffentlichte programmatische Schrift »Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie« des deutschen Philosophen W..Dilthey zurückgeht. Im Gegensatz zur analytisch ausgerichteten experimentellen Psychologie sieht die beschreibende Psychologie ihre Methode im vom nacherlebenden Individuum vollzogenen Verstehen fremdseelischen Erlebens und Verhaltens sowie in dessen phänomenologisch durchgeführter Beschreibung. Siehe auch erklärende Psychologie.
8 Behaviorismus,
eine von dem amerikanischen Psychologen J.B. Watson begründete Richtung der Psychologie. Ausgangspunkt für den Behaviorismus ist die Forderung, Psychologie solle sich zur Gewährleistung einer möglichst objektiven Betrachtungsweise und Analyse ihres Forschungsgegenstandes auf die Untersuchung des tatsächlichen Verhaltens beschränken. Konsequent werden deshalb die Analyse innerseelischer Vorgänge oder die Methode der Selbsterforschung (Introspektion) als unwissenschaftlich abgelehnt und Begriffe wie Bewusstsein, Denken, Fühlen und Wollen aus der psychologischen Forschung ausgegrenzt. (c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2001
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Zunächst abseits von der »Schulpsychologie« entwickelte sich als erste Tiefenpsychologie die Psychoanalyse Siegmund Freuds (6.5. 1856 - 23.9. 1939). Sein »Unbewusstes« ist stärker als bei Leibniz eine selbstständige Instanz, die die Entwicklungsgesetze des Psychischen beherrscht.
Die Entwicklungspsychologie verdankt ihre Entstehung der Übernahme des Evolutionsgedankens Charles Robert Darwins für die kindliche Entwicklung durch Wilhelm Preyer in dem Initialwerk »Über die Seele des Kindes« (1882).
Seit Theophrast kam erst im 20.Jahrhundert wieder eine Persönlichkeitspsychologie auf, zunächst als »Charakterologie« (O. Weininger), »Trieblehre« (W. McDougall) und Ausdruckskunde (Klages), später als »Typologie« (E. Kretschmer) und differenzielle Psychologie (W.L. Stern).
Die Sozialpsychologie begann mit ihren Randgebieten Massenpsychologie (G.Le Bon), Tiergruppen (Thorleif Schjelderup-Ebbe), Gruppenspiele (J.L. Moreno) und Industriegruppen (E. Mayo), ehe sie K. Lewin Mitte der 30er-Jahre zu einer »Gruppendynamik« ausbaute.
Bevor die angewandte Psychologie durch H. Münsterberg als »Psychotechnik« (1914) geschaffen wurde, arbeiteten A. Binet und Théodore Simon eine diagnostische Schulpsychologie aus. Bereits 1907 begründete L. Witmer in Philadelphia (Pennsylvania) mit der Zeitschrift »Clinical Psychology« ein weiteres Gebiet der angewandten Psychologie, die klinische Psychologie.
Das bahnbrechende Werk »The principles of psychology« (1890, 2 Bände) von William James mit seiner Auffassung vom »Bewusstseinsstrom« fand erst spät Aufnahme in die psychologische Theorienbildung. James stellte darin die Erkenntnistätigkeit als »ein Mittel zur Befriedigung eines Lebenszweckes« dar. Erst im Laufe des 20.Jahrhunderts entwickelten sich aus seiner »pragmatischen Theorie« die Kognitionspsychologie und die Psychokybernetik (u.a. K. Bühler, J. Piaget).
In der Zeit des Nationalsozialismus ging - u.a. bedingt durch Emigration bedeutender Psychologen, was einige Fachrichtungen (wie die Gestaltpsychologie) zum völligen Verschwinden brachte − die führende Rolle der deutschen auf die amerikanische Psychologie über. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann in Deutschland mit Unterstützung ausländischer, v. a. amerikanischer Wissenschaftler ein allmählicher Neuaufbau von Forschung, Lehre und Praxis
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1.2 Die fachliche Gliederung der Psychologie
Psychologische Fragen werden in einem breiten Spektrum des menschlichen (und tierischen) Lebens gestellt. Daher haben manche Fachgebiete der Psychologie (etwa Neuropsychologie und Tiefenpsychologie) kaum noch eine gemeinsame Sprache und Methodik. Inhaltlich ist zwischen Grundlagenfächern, deren Aufgabe die Erforschung der psychischen Erscheinungen mit dem Ziel ihrer Beschreibung oder Erklärung ist, und Anwendungsfächern (angewandte Psychologie), in denen es um die praktische Anwendung der gewonnenen Erkenntnisse in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens geht, zu unterscheiden.
Zu den Grundlagenfächern gehören u.a.: allgemeine Psychologie, Lernpsychologie (Lernen), Gedächtnisforschung (Gedächtnis), Wahrnehmungspsychologie, Kognitionspsychologie (Denken), Motivationspsychologie (Motivation), Psychophysiologie, Entwicklungspsychologie, Persönlichkeitsforschung, differenzielle Psychologie, Psychodiagnostik, Sozialpsychologie, Religionspsychologie und Ethnopsychologie (Völkerpsychologie).
Auf die Analyse des Psychischen (das heißt dessen Zergliederung und Erfoschung in seinen vielfältigen Aspekten) sind somit recht unterschiedliche Fachbereiche der Psychologie spezialisiert. Die Breite des Spektrums impliziert die reale Gefahr, die Integration in ein Gesamtbild aus dem Auge zu verlieren.
Gegenwärtig versuchen jedoch Forscher aus nicht benachbarten Fachgebieten im Rahmen neuer Forschungsgebiete wie kognitive 9 Neuropsychologie oder soziale Psychophysiologie traditionelle Abgrenzungen zu durchbrechen, was zu einem breiten, integrierbaren Verständnis des menschlichen Erlebens und Verhaltens wesentlich beitragen kann.
Die Anwendungsfächer bauen auf den Forschungsansätzen und -methoden der Grundlagenfächer auf und entwickeln ihrerseits Methoden zur Beschreibung (Diagnose) und Veränderung (Intervention) des menschlichen Verhaltens und Erlebens im Rahmen ihrer besonderen Zielsetzungen. Zu den Anwendungsfächern gehören u.a.: klinische Psychologie, Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie, Berufspsychologie, forensische Psychologie, pädagogische Psychologie, Schulpsychologie, Verkehrspsychologie und Werbepsychologie.
1.3 Die Methoden der Psychologie
Zusammen mit dem Gegenstand definieren die Methoden die Psychologie als Wissenschaft.
Psychologisch-wissenschaftliche Erkenntnis wird dadurch gewonnen, dass aus Beobachtungen heraus Theorien und Hypothesen aufgestellt, im Experiment oder einer kontrollierten empirischen Untersuchung geprüft und anhand der Ergebnisse weiterentwickelt, modifiziert oder verworfen werden. Auch für die Psychologie gelten die wissenschaftlichen Kriterien der Bedingungskontrolle, Intersubjektivität,
9 kognitiv,
das Wahrnehmen, Deuten, Erkennen betreffend; erkenntnismäßig.
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Reproduzierbarkeit, Standardisierung, Repräsentativität und Unabhängigkeit von speziellen Untersuchungsbedingungen.
Zur Untersuchung von einfacheren Prozessen und nicht auf den Menschen beschränkten Fragestellungen werden aus ökonomischen und ethischen Gründen Tierversuche durchgeführt (z.B. in der Lern- und Gedächtnisforschung), bevor die Gültigkeit der Ergebnisse für den Menschen geprüft wird. Meist sind es Gruppenuntersuchungen, doch gibt es auch streng kontrollierte systematische Einzelfallforschung.
Die Methoden zur Messung (Quantifizierung) der experimentellen oder empirischen 10 Beobachtungen richten sich nach der Fragestellung und reichen von hirnelektrischen Ableitungen über Reaktionszeit- und Leistungsmessungen bis zu Verhaltenstests, Urteilsskalen zur Selbstbeurteilung (Fragebogen) oder Beurteilung durch geschulte Beobachter. Je weniger konkret der zu quantifizierende Parameter (z.B. »emotionale Wärme« in der Gesprächspsychotherapie) ist, desto unumgänglicher werden solche Urteilsskalen sowie die Kontrolle von Störfaktoren durch den Versuchsplan und durch begleitende Kontrollmessungen.
Dies sind Probleme der Forschung in den Grundlagen- und Anwendungsfächern der Psychologie. In den Anwendungsfächern selbst werden diagnostische Methoden und
Interventionsmethoden verwendet, deren Reliabilität 11 , Validität 12 und Effizienz in (mehr oder weniger aufwendigen) Untersuchungen empirisch bereits geprüft sind (oder sein sollten).
Die statistischen Methoden schließlich dienen der Prüfung, ob die quantifizierten Untersuchungsergebnisse die theoretischen Erwartungen stützen, ob die gefundenen Gruppenunterschiede, Merkmalszusammenhänge oder Wechselwirkungen vom Zufall bedeutsam, das heißt verlässlich abweichen, sowie der Strukturierung großer Datenmengen (z.B. Faktorenanalyse). Qualitative Methoden (Hermeneutik) sind in der wissenschaftlichen Psychologie in den Hintergrund getreten.
Das Universitätsstudium der Psychologie dauert 9 (Mindestzeit), in der Regel aber 12 -13 Semester. Nicht nur das Studium der Grundlagen und Methoden, sondern auch das der Anwendungsgebiete ist wegen der schnellen Veränderungen des jeweiligen Methodenrepertoires wissenschaftlich (und weniger praktisch) orientiert, um die Psychologen in die Lage zu versetzen, neue methodische Entwicklungen und Anforderungen kritisch analysieren und sich ihnen anpassen zu können.
10 empirisch
[griechisch-lateinisch], erfahrungsgemäß; aus der Erfahrung, Beobachtung (erwachsen); dem Experiment entnommen. (c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2001
11 Reliabilität,
die Zuverlässigkeit von Messungen. Speziell gilt die Reliabilität neben Objektivität und Validität als ein Hauptgütekriterium von Testverfahren. Die Reliabilität gibt an, wie genau ein Test ein bestimmtes Merkmal misst, ungeachtet dessen, was das Messinstrument zu messen beansprucht. Zur Quantifizierung der Reliabilität eines Tests existieren verschiedene Maße, denen auch verschiedene Vorgehensweisen bei der empirischen Ermittlung der Zuverlässigkeit entsprechen.
12 Validität
[lateinisch] die, Gültigkeit eines wissenschaftlichen Versuchs oder eines Messverfahrens. Die Validität gibt den Grad der Genauigkeit an, mit dem ein Verfahren das misst, was es messen soll. Seite 8 von 23
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Nach dieser kurzen Einleitung möchte ich mich jetzt eingehender der Thematik der Psychodiagnostik widmen.
2. Was ist also Psychodiagnostik ?
Auch: psychologische Diagnostik
Definition: Unter Psychodiagnostik versteht man die Gesamtheit der psychologischen Verfahren und Vorgehensweisen, mit deren Hilfe die Persönlichkeit 13 eines Menschen erfasst werden soll. Sie um fasst die Registrierung, Analyse und Interpretation psychischer Sachverhalte (Erlebens- und Verhaltensweisen) bei Personen oder Personengruppen zum Zweck der Beratung, Zuweisung zu bestimmten therapeutischen Maßnahmen, Begutachtung, Beurteilung oder Ähnlichem.
2.1 Die Geschichte der Psychodiagnostik im Überblick nach Jahren
Anders als im vorherigen Kapitel zur Geschichte der Psychologie im Allgemeinen, habe ich mich in diesem Kapitel dazu entschlossen, die Geschichte der Psychologischen Diagnostik lediglich anhand wichtiger und wegweisender Veröffentlichungen zu kennzeichnen. Das Hauptaugenmerk liegt hier im Verständnis des Werdeganges der Psychodiagnostik und gibt selbst hier schon Auskunft darüber, wie eng die Psychodiagnostik mit anderen Gebieten der Psychologie verknüpft ist und durch diese beeinflusst wird.
Wichtige Eckpfeiler der Psychologischen Diagnostik waren also :
1900 1900
1909
1912 1920
1921
13 Persönlichkeit,
im allgemeinen Sprachgebrauch der einzelne Mensch in seiner individuellen Eigenart, seiner persönlichen Originalität und
sittlichen Identität.
In der Psychologie hat der Begriff Persönlichkeit den früher üblichen Begriff Charakter weitgehend ersetzt. Persönlichkeit bezeichnet hier möglichst wertungsfrei das einzigartige und individuelle Muster derjenigen Eigenschaften eines Menschen,
die sein Verhalten relativ überdauernd lenken (Eigenschaftstheorien). Daneben wird Persönlichkeit auch als jenes System
individueller Erwartungen und Bewertungen aufgefasst, die jemand im Hinblick auf die Konsequenzen von eigenen Handlungen
oder von Ereignissen entwickelt hat, um sich dann in konkreten Situationen entsprechend zu verhalten. Diese Auffassung
schlägt sich in den Wechselwirkungstheorien nieder, die aus der Kritik an den Eigenschaftstheorien formuliert worden sind.
14 Binet
[′♥'→⇔], Alfred, französischer Psychologe, *Nizza 11.7. 1857, Paris 18.10. 1911; seit 1894 Direktor des psychophysiologischen Instituts an der Sorbonne. Der Binet-Simon-Test, der erste brauchbare Intelligenztest, enthält für 3- bis
15-Jährige altersspezifische Intelligenzaufgaben zur Bestimmung des Intelligenzalters.
(c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2001
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1961
1975
1983
1986
In der langen Geschichte der Psychodiagnostik, die bis in die Neuzeit reicht, sind natürlich viele weitere Werke entstanden, die aufgrund ihres „relativ“ geringen Einflusses und in Anbetracht des Umfangs dieser Ausarbeitung jedoch hier unerwähnt bleiben sollen.
2.2 Die Anwendungsschwerpunkte der Psychodiagnostik
Die Anwendungsbereiche der Psychodiagnostik sind vielfältig. Sie wird unter anderem eingesetzt bei psychiatrischen und somatisch-psychosomatisch erkrankten Personen, in der Erziehungs- und Eheberatung, in schulpsychologischen Diensten, bei forensischen 16 Angelegenheiten, in der Berufsberatung oder bei Eignungsuntersuchungen. Dabei erfolgt die Untersuchung jeweils mit standardisiertem Material (z.B. Wissensfragen, Klecksbilder (s. Rorschach-Test), Spielmaterialen).
Außer den verschiedenen Testverfahren (siehe Testverfahren) gehören zum methodischen Inventar die Anamnese, die Exploration, die Verhaltensbeobachtung und die Verhaltensanalyse. ( siehe Methoden der Psychodiagnostik )
Bei den psychologischen Testverfahren unterscheidet man im allgemeinen zwischen Fähigkeitstests (z.B. Intelligenz- und Leistungstests) und Persönlichkeitstests (z.B. Fragebogen, Formdeutetests).
Unter Rückgriff auf wissenschaftlich begründbare Methoden wird im Rahmen der Psychodiagnostik versucht, einzelnen Individuen oder Gruppen von Individuen (aber auch Institutionen) Entscheidungshilfen für die verfolgten Ziele an die Hand zu geben
15 Cattell
[kæ'tel], Raymond Bernard, britisch-amerikanischer Psychologe, *West Bromwich (County Staffordshire) 20.3. 1905; einer der Hauptvertreter der Persönlichkeitsforschung, sucht mithilfe der Faktorenanalyse grundlegende Eigenschaftsdimensionen zu messen.
16 forensisch
[lateinisch, zu forum »Markt«], gerichtlich, im Dienst der Rechtspflege stehend. (c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2001
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Erik Neumann, 2002, Psychodiagnostik, München, GRIN Verlag GmbH
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