EINLEITUNG
In ihrem Buch „Jesus und die Urchristen. Die Qumran-Rollen entschlüsselt“, legen Robert Eisenman und Michael Wise dar, dass das frühe Christentum mit einer essenisch-zelotischen Bewegung identisch gewesen sein müsse. Diese Abhandlung will ihre These widerlegen und hierzu Qumran-Fragmente, die von Eisenman zur Beweisführung verwendet wurden, näher untersuchen. Die Texte sollen in eine religionswissenschaftliche Analyse eingebracht werden, so dass ein differenziertes Bild der zwischentestamentlichen Zeit gezeichnet werden kann. In diesem Kontext wird die Argumentationslinie der Autoren ad absurdum geführt.
Des weiteren soll im Rahmen dieser Arbeit aufgezeigt werden, dass die eschatologische Messiaserwartung, die infolge der Rezeption prophetischer Schriften entwickelt wurde, im Kontext der Veränderung der jüdischen Gesellschaft zu betrachten ist: Die Fortentwicklung der Religion rezipierte neue Konditionen des sozialen Lebens, die mit traditionellen Formen kollidierten. Soweit diese Entwicklung erkannt wurde, wirkte sie auf die Identitätsbildung der Juden fort, die sich in einer neuen staatlichen Struktur wiederfanden. Dabei waren divergente Denkschemata, die in erster Linie den Umgang mit der römischen Besatzungsmacht betrafen, gegeben. Unterschiedliche Verhaltensformen sollten helfen, die Krise des religiösen Systems zu lösen. Sie resultierten aus den Interpretationen der jüdischen Glaubenskonzeption (Kapitel 1).
Indem Textpassagen aus den Qumranschriften – von Eisenman und Wise vorgestellt – einbezogen werden, soll deutlich werden, dass bestimmte Vorstellungen keineswegs – wie von den Autoren behauptet – spezifisch christlich waren, sondern in verschiedenen Denkschulen der jüdischen Gesellschaft reflektiert wurden. Somit sind Strömungen zu finden, die Inhalte dieser Genese zurückwiesen oder aufnahmen, wobei differente Gesellschaftsbezüge ausgebildet wurden (Kapitel 2 und 3). Die unüberbrückbaren Gegensätze zwischen Qumran- und Jesus-Gemeinde sollen offenkundig werden. Infolgedessen wird nachvollziehbar, warum die Qumrangemeinschaft – die sich am Ufer des Toten Meeres in Abgeschiedenheit formierte – nicht mit der frühchristlichen Gemeinde identisch gewesen sein kann. Hiefür muss dargelegt werden, dass die Anhänger Jesu – im Gegensatz zu den Qumranbewohnern – im Gesellschaftsverband blieben, den Tempel und die römische Herrschaft nicht grundsätzlich ablehnten und sich gegen elitäres
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Bewusstsein wandten. Ferner wird darauf verwiesen, dass Jesus von Nazareth eine Reinheitsvorstellung propagierte, die sich von der in Qumran angewandten Praxis deutlich unterschied.
Ein weiterer Versuch Eisenmans, eine Übereinstimmung von Qumran- und Jesus- Gemeinde zu betonen, muss – in Anbetracht seiner Argumentationsdefizite – als unbeweisbar gelten: Die Bezugnahme auf den Apostelstreit, den die Autoren Eisenman/Wise im Qumrankorpus ausmachen, ist unzureichend. Auf den „Jakobus- Paulus-Konflikt“ soll daher in den Kapiteln 4 und 5 eingegangen werden.
1. DIE GENESE DER JÜDISCHEN GLAUBENSKONZEPTION
Nach jüdischem Glauben wurde die Welt durch den einzigen und wahren Gott ins Leben gerufen, der sich seiner Schöpfung zuwendet. 1 Sie soll Entfaltung finden, doch ist der Gott, der Lebensraum und Freiheit schenkt, gleichermaßen bereit in die Geschichte einzugreifen (Exodus-Geschehen) 2 . Ein Leben, das auf den Konditionen der Würde menschlicher Existenz basiert, soll auf diese Weise sichergestellt werden. Die machtvolle Zuwendung Gottes ging einher mit dem Erhalt von Land und Gesetz. In diesem Kontext offenbarte der Ewige, wie nach seinem Willen – in freier Selbstbestimmung – ein positives Verhältnis zur Gottheit und unter den Menschen realisiert werden kann. Das heißt, der göttliche Wille, die bestmögliche Lebensweise wurde erkennbar, da sie mit dem Handeln Gottes einherging. Diese Erfahrung wurde in der Thora (Weisung) manifestiert, wodurch die entstehende Volksidentität zugleich mit dem Charakter einer gottverbundenen Heilsgemeinschaft versehen wurde. Die Übereinstimmung von individueller Lebensgestaltung und den Bestimmungen der Thora verheißt nach jüdischem Glauben Gnade und Segen. 3 Die Beachtung der göttlichen Weisung erwirkt somit Heil für ganz Israel. Durch das Geschenk der Thora sieht sich Israel auf besondere Weise an den Ewigen gebunden. Ihre Beachtung durch das erwählte Volk wird als Bejahung des Gottesbundes verstanden; die Deviation betrifft die ganze Glaubensgemeinschaft. Sie muss vermieden werden,
1 Gen 1-2
2 Ex 5-40 3 vgl. Oeming, S. 198.
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sofern das Volk Gottes nicht in ein Missverhältnis zum Schöpfer gesetzt werden will, wodurch es vom Heilswirken des Ewigen abgeschnitten ist. 4 Die Identität von Volk und Glaubensgemeinschaft bewirkte die Ausbildung einer national-theokratischen Gesellschaft, die auf der Vorstellung von göttlicher Suprematie beruhte. Diese Auffassung bestand fort, obgleich in späterer Zeit der Verlust der Eigenstaatlichkeit gegeben war. Der Niedergang des Reiches wurde jedoch nicht mit der Schwachheit Jahwes begründet. 5 Statt dessen entwickelte sich eine Theologie, die eine Störung der Bundesbeziehung auf Verfehlungen des Volkes zurückführte. Folglich wurde verstärkt die Ausrichtung auf den Ewigen intendiert und sein heilbringendes Eingreifen erhofft. Obgleich die national-theokratische Ordnung erneut installiert wurde, konnte ihre Korrosion in den Zeiten wechselnder Fremdbestimmung auf Dauer nicht vermieden werden. Indem das „Souveränitätsrecht Gottes über Judäa“ 6 faktisch aufgehoben war, befand sich das religiöse System – soweit keine Zerstörung oder Adaption erstrebt wurde – in Abhängigkeit von heidnischer Machtausübung.
Die Ausbildung von Apokalyptik und Messianismus gaben somit Antwort auf entsprechende Ereignisse, die zunächst als Chaos wahrgenommen wurden. 7 So entwickelte sich zunehmend der Glaube, man befände sich in einem Zeitalter der Bewährung, in dem sich die wahren Getreuen erweisen würden. Die Geschehnisse wurden eschatologisch gedeutet und als Vorboten einer kommenden Zeit verstanden, in der das ‚Israel der Gerechten‘ durch das Wirken eines Gesalbten – durch einen göttlich erwählten König – Befreiung und Wiederherstellung erfahren würde. 8 Die Einbeziehung der Gerechten, die vor Anbruch des neuen Zeitalters verschieden waren, war grundsätzlich – angesichts der Gerechtigkeit Jahwes – nicht auszuschließen (Auferstehungshoffnung). 9 Die Rekreation des Reiches wurde mit einem optimalen Zustand des selben verbunden. Es wurde erwartet, dass nunmehr die vom Ewigen aufgezeigte bestmögliche Lebensbedingung im Kontext einer Intensivierung der Gottesbeziehung umgesetzt werde, so dass die Gottheit in einem
4 vgl. Oeming, S. 198.
5 Diese Feststellung ist das Ergebnis einer Reflexion, die infolge des Babylonischen Exils einsetzte. 6 Löning, S. 59.
7 vgl. Löning, S. 56.
8 Fabry, S. 419, Sp.1.
9 Jes 26,19; Dan 12,2; Weish 3,1-5,16.
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Zustand der Nähe, ergo inmitten des Volkes erfahrbar sein würde. Diese allgemeine Erwartung wird ebenfalls in der Qumrangemeinde zum Ausdruck gebracht:
Die Vorstellung einer „Manifestation Gottes unter den Menschen“ 10 und der daraus resultierende Heilszustand – konkret beschrieben durch Aufhebung von Leid, Tod und Gewalt – ist von daher nicht zwingend judenchristlich, sondern grundgelegt in den prophetischen Schriften.
Zu Recht erkennen die Autoren Eisenman/Wise eine sprachliche Übereinstimmung mit Jes 61,1. 11 Dieser Vers beginnt mit der Formulierung der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir. Allein das Vorhandensein des Wortes „Geist“, das im alttestamentlichen Text gegeben ist, kann nicht auf eine christliche Rezeption des Textes schließen lassen. 12 Das Vorhandensein des göttlichen Geistes wird im Jesajatext mit einer von Gott initiierten und von daher positiv beurteilten Lebensbedingung gesehen. Eine solche wird im vorausgehenden Vers (Jes 60,21) durch das Motiv der Pflanzung veranschaulicht. Sie ist das Werk seiner Hände, (durch das er seine Herrlichkeit zeigt) und zeichnet sich durch Beständigkeit aus. 13 Die Erwartung eines dauerhaften Gottesreiches war vorhanden. Sie ging einher mit der drängenden Frage, wie man sich in der gegenwärtigen Welt, die durch geistige und soziale Veränderungen sowie durch Fremdeinflüsse bestimmt wurde, zu verhalten habe.
10 Das Christentum sieht eine Gottesgegenwart in der Person Jesus Christus gegeben. Diese spezifische Interpretation wird jedoch im konkreten Textabschnitt nicht ersichtlich.
11 Eisenman/Wise, S. 26.
12 Eine solche Vermutung wird implizit geäußert, da allgemein bekannt ist, dass der „Heilige Geist“ ein wesentlicher Faktor in der christlichen Theologie ist.
13 „sie (die Gerechten) werden für immer das Land besitzen“ (Jes 60, 21).
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2. KONSEQUENZEN
2. 1. NICHTBEACHTUNG DER GENESE UND KOOPERATION
Die Sadduzäer waren, was die dargestellte Entwicklung anbelangt, außen vor geblieben. In ihrer realpolitischen Ausrichtung beschränkten sie Thora und Tempel auf ihre Funktionalität und die Organisation der staatlichen Betriebes. Die Tiefendimension der Thora wurde verkannt. Man betrachtete sie lediglich als Regelwerk für das soziale Leben und als Anleitung für den rechtmäßigen Opferdienst, der das Wohlergehen in der konkreten gesellschaftlichen Konstruktion durch Beschwichtigung der Gottheit sichern sollte. 14 Insofern wurde die gesellschaftliche Relevanz des priesterlichen Dienstes bekräftigt, wobei die Reinheitsforderung der Thora erfüllt schien, soweit man das Gebot aus der Perspektive der kultischen Praxis betrachtete. Die prophetische Predigt, die eine ethische Komponente einforderte und die Notwendigkeit der Kongruenz von innerer Überzeugung und ritueller Handlung betonte, wurde abgelehnt. 15 Folglich verschloss sich das Sadduzäertum der Ethik der Thora, die durch das prophetische Wirken akzentuiert wurde.
Infolge der konsequenten Ablehnung der prophetischen Schriften und ihrer Auslegung wurde die römische Fremdherrschaft keineswegs als Bestrafung für die sittliche Verfehlung des Volkes gesehen. Apokalyptik und Messiaslehre wurden entsprechend negiert, wodurch Auferstehungs- und Jenseitsglaube gleichermaßen Zurückweisung fanden. 16 Obgleich eine staatliche Autonomie favorisiert wurde, wurde die heidnische Regierungsgewalt als unvermeidbare Realität gesehen. Die Aufrechterhaltung des Tempelbetriebes erforderte die Kooperation mit den Machthabern und war angesichts finanzieller Interessen und aufgrund ideologischer Unbefangenheit vorangetrieben worden. Die römische Besatzung wurde nicht als Manifestation einer gottfeindlichen Macht verstanden, da der Entwurf von einer endzeitlichen Konfrontation guter und schlechter Mächte nicht vorhanden war.
14 Quack, S. 481, Sp. 2.
15 Werblowsky, S.588, Sp. 1.
16 vgl. Fabry, S. 571, Sp.2.
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M.A. Uwe Daher, 2003, Der Glaube der Frühchristen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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