Seminar für Geistigbehindertenpädagogik
Heilpädagogische Fakultät
Universität zu Köln
Inclucity – Utopie einer Stadt für Alle
Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der ersten Staatsprüfung für das Lehramt für Sonderpädagogik,
dem staatlichen Prüfungsamt für erste Staatsprüfungen für Lehrämter an Schulen in Köln vorgelegt
von
Phillip Nothdurft
Köln, 10. August 2002
In the seven years since I began this book, my imagination has been
inspired by beautiful details of utopian cities while the real cities where I
lived have steadily deteriorated. Inside the archives and libraries I found
magnificent plans for new forms of housing, business centers, parks, and
transportation systems. Outside I could not ignore the growing physical
blight, social conflict, economic bankruptcy, and – what is perhaps worse
than all these – the fear that we lack the knowledge and resources to find
solution. I often felt as superfluous as the man in Berthold Brecht′s parable
who painstakingly adorned the walls of his stateroom with beautiful murals
while the ship was going down.
ROBERT FISHMAN
Inhalt
1 Einleitung ... 2
1.1 Zum Thema ... 2
1.2 Aufbau der Arbeit ... 6
2 Was ist Inclusion? - Ein Diskurs ... 8
Was will Inclusion? ... 9
Wir sollen anders Leben! ... 13
Bildet der Konstruktivismus die Grundlage der Inclusion? ... 15
Ist wissenschaftliche Wahrheit objektiv? ... 19
Die Wissenschaft als Werkzeug für das Leben ... 21
Inclusion ist in Bewegung! Ist Inclusion eine Bewegung? ... 22
Der nicht geführte Diskurs ... 25
Von der Utopie zur Atopie ... 27
Die inclusive Gesellschaft – meine Zusammenfassung ... 30
3 Die ′Inclucity′ als ein Aspekt einer inclusiven Gesellschaft ... 33
3.1 Warum gerade die Stadt als ein Aspekt? ... 34
3.2 Wohnen ... 39
3.3 Leben in der Öffentlichkeit ... 43
3.4 Betreuung und Assistenz ... 47
3.5 Die Größe der Einheiten und (politische) Partizipation ... 53
3.6 Bildung ... 57
3.7 Arbeit ... 63
4 Resumee ... 72
5 Literatur ... 75
Anhang ... 82
1 Einleitung
1.1 Zum Thema
Einleitend möchte ich zunächst etwas zur Genese des Begriff ′Inclucity′ sagen, um dann meine Motivation, mich mit dem Thema zu befassen, offen zu legen.
Der Begriff ′Inclucity′ ist eine Wortschöpfung und setzt sich aus den englischen Worten ′Inclusion′ und ′City′ zusammen. Beide Wörter stehen auch in der deutschen Sprache zur Verfügung: ′Inklusion′ und ′Stadt′. Ich habe mich aber, vor allem aus drei Gründen, für die englischen Wörter entschieden.
Erstens beruht die Idee zu diese Arbeit z.T. auf der Mitarbeit in einem Projekt an der Heilpädagogischen Fakultät der Universität zu Köln, das den Titel ′Inclucity Cologne and Fureai Wing Project′ trägt und sich mit der Frage befasst, ob Köln eine ′Stadt für Alle′ ist. Ich lehne mich mit dem Titel an das Projekt an.
Zum zweiten ist die Idee der Inclusion (auf die ich im zweiten Kapitel differenzierter eingehen werde) maßgeblich im anglo-sächsischen Raum geprägt worden. Ich trage also mit der Wahl des Titels auch der Herkunft der Idee ein Stückweit Rechnung.
Der dritte Grund ist rein subjektiver Art, aber nicht weniger wichtig: das Wort ′Inclucity′ klingt in meinen Ohren besser als eine mögliche deutsche Version wie z.B. ′InkluStadt′. Ein Wort, vor allem eines, das in einem Titel erscheint, sollte m.E. nicht nur einen Inhalt transportieren, sondern auf eine angenehme Art und Weise klingen und eine Aussprache nicht unnötig erschweren.
′Inclusion′ lässt sich übersetzen mit ′Einschließung′ oder ′Einschluss′. Wenn etwas ′All inclusive′ ist, dann ′gehört alles mit dazu′, nichts wird ausgelassen, etc. Die Inclucity ist also die alles und vor allem Alle einschließende Stadt. Einschließen soll hier nicht im Sinne von ′Einsperren′ verstanden werden, sondern im Sinne von ′nichts außen vor lassen′. Die Inclucity lässt also keinen außen vor und ist sich der Bedürfnisse Aller bewusst. Die Motivation, mich mit der Inclucity, der Utopie einer Stadt für alle, auseinander zu setzen, speist sich aus drei Richtungen bzw. Themenkomplexen, die auch alle schon im Titel der Arbeit auftauchen: ′Inclusion′, ′Utopie′ und ′Stadt′.
Die Idee der Inclusion, der Einschließung, die niemand außen vor lässt, wird seit einigen Jahren in der Behindertenpädagogik1 thematisiert und z.T. kontrovers diskutiert. Sie steht im Zusammenhang mit dem sog. Paradigmenwechsel, der eine Veränderung der Orientierung im pädagogischen Handeln beschreibt – weg von einer Orientierung an den scheinbaren Defiziten und Mängeln von Menschen, hin zu einer Sicht, die sich an der Entwicklung ihrer Stärken und Möglichkeiten orientiert. Dieser Paradigmenwechsel löst damit eine Phase in der deutschen Behindertenpädagogik ab, die auf der einen Seite eine unglaubliche Entwicklung von spezifischer Professionalität und Kompetenz im Umgang mit Behinderung ermöglicht hat, an der aber auf der anderen Seite immer mehr Kritik entstand: Die Orientierung von Förderung an einzelnen, mit einem Höchstmaß an Differenzierung spezifizierten, Behinderungs-, Krankheitsund Störungsbildern hat erst die Entwicklung von ebenso hochdifferenziertem Wissen zur Behandlung und zum Umgang mit diesen Störungsbildern ermöglicht und gesellschaftlich fundamentiert, die Kritik andererseits, die aber immer größer wurde, thematisiert vor allem die Gefahr, dass diese Orientierung an den Behinderungs-, Krankheits- und Störungsbildern, die sog. Defizitorientierung, den Menschen, zu dem diese Bilder gehören, auf sie reduziert und die Person mit allen ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen, die diese Bilder zwar verkörpert aber vielleicht gar nicht als so behindert, krank und gestört wahrnimmt, vergisst. Dieser Paradigmenwechsel hat mich durch mein gesamtes Studium der Sonderpädagogik hindurch begleitet und in den unterschiedlichsten Kontexten zur Auseinandersetzung angeregt. Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich mich mit dem Thema ′Inclusion′ grundlegend auseinandersetzen. Mein Studium bestimmt auch die Richtung, aus der ich in den folgenden Kapitel blicken werde, grundlegend mit. Ich setze meinen Betrachtungswinkel zwar grundsätzlich weit an, denn im Zusammenhang mit der Gesellschaft für alle kann ich keine Gruppe und keinen Menschen außen vor lassen. Es sind aber die behinderten Menschen und vor allem die mit einer sog. geistigen Behinderung, die immer wieder meinen Blick lenken und mich fragen und suchen lassen.
Die Auseinandersetzung mit Utopie bildet den zweiten wichtigen Aspekt in der vorliegenden Arbeit. Das Wort ′Utopie′ oder ′utopisch′ ist mir immer wieder mit einer hohen emotionalen Aufladung begegnet. Es wird benutzt um Konzepte als nicht tragfähig, nicht realisierbar, oder einfach als schlecht darzustellen. Ich war bisher immer der Überzeugung, dass auch utopische Konzepte ihren Wert haben und seien sie noch so unrealistisch: Sie können
Ideale und Zielvorstellungen beinhalten. Sie können helfen, auch im Kampf gegen die alltäglichen kleinen und großen Probleme, ein bestimmtes Ziel vor Augen nicht zu verlieren und an einer ′Sache dranzubleiben′. Wie in der Behindertenpädagogik mit dem Thema ′Utopie′ umgegangen wird, vor allem im Zusammenhang mit der Idee ′Inclusion′, der man ja möglicherweise einen utopischen Charakter nachsagen kann, möchte ich hier ergründen.
Der dritte Aspekt, der diese Arbeit maßgeblich mit beeinflusst, ist das Thema ′Stadt′. Dieser Aspekt wurde auf der einen Seite durch Impulse aus dem ′Inclucity Cologne and Fureai Wing Project′ bedingt, auf der anderen Seite durch eine hohe persönliche Affinität zum urbanen Leben. Das ′Inclucity Cologne and Fureai Wing Project′ hat vor allem die Suche nach Einrichtungen, Projekten und Konzepten primär im Kölner Raum, die möglicherweise inclusiven Ansprüchen gerecht werden könnten, bedingt. Meine Affinität zur Stadt hat mir geholfen, einen Blick auf das Thema Stadt zu werfen, der nicht, im Sinne einer ′defizitären′ Sichtweise, Stadt lediglich als Ansammlung von Problemen und Strörungsbildern sieht, sondern auch die Stärken und Möglichkeiten dieses Lebensraum sucht – Stärken und Möglichkeiten, die weiter entwickelt und gefördert werden können oder sollen.
Das Thema der Arbeit umfasst eine sehr große Bandbreite von Unterthemen. Einige der im Folgenden angesprochenen Unterthemen könnten vermutlich problemlos alleine eine ganze Arbeit im Umfang der hier vorliegenden füllen. Bei der Themendefinition war mir allerdings eine weite Sicht und breite Auseinandersetzung mit der Inclucity wichtig. Ich bin mir dabei bewusst, dass ein weiter Blickwinkel und eine breite Auseinandersetzung an mancher Stelle eine enge Fokussierung und tiefergehende Auseinandersetzung erschweren oder gar verhindern kann. Ich hoffe, je einen guten Kompromiss gefunden zu haben. Im nächsten Kapitel werde ich einige Hinweise zum Aufbau und zur Struktur der Arbeit geben.
[...]
1 Hier möchte ich zwei Anmerkungen machen:
Ich habe mich erstens dazu entschieden in dieser Arbeit dem Begriff ′Behindertenpädagoge′ den Vorzug vor ′Heil-′ oder ′Sonderpädagoge′ zu geben wenn ich meine Profession beschreibe (auch wenn ich den Studiengang ′Lehramt Sonderpädagogik′ Studiere). Die Begrifflichkeiten werden in der Behindertenpädagogik immer wieder neu diskutiert und auf diskriminierende oder stigmatisierende Bedeutungen überprüft. Ich habe die Bezeichnung ′Behindertenpädagoge′ gewählt, da m.E. weder das Heilen des Heilpädagoge noch das Aussondern des Sonderpädagoge der Profession die Schwerpunkte gibt, die ich in dieser Arbeit aufzuzeigen versuche. Ich werde zweitens in der Arbeit überwiegend den Begriff ′behinderte Menschen′ benutzen (und nicht Menschen mit Behinderung, Behinderte, Menschen mit Förderbedarf o.ä.), da er m.E. deutlich macht, dass der Mensch nicht seine Behinderung mit sich ′herum trägt′ (Mensch mit Behinderung) oder, im Unterschied zu anderen Menschen, einen Föderbedarf hat (Mensch mit Förderbedarf), sondern durch die Bedingungen in denen er lebt behindert wird.
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Phillip Nothdurft, 2002, Inclucity - Utopie einer Stadt für Alle, Munich, GRIN Publishing GmbH
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