Aufbauend auf seine Goethe-Studien entwickelte Steiner 1886 die "Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung". 1882 schrieb er den bis heute besten Kommentar zu den botanisch soziologischen Schriften Goethes und wurde bereits als Einundzwanzigjähriger mit der Herausgabe der "Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes" in "Kürschners Nationalliteratur" beauftragt. Steiners Bemühen galt in den Jahren 1882 bis 1896 insbesondere der philosophischen Begründung einer den Materialismus überwindenden Wissenschaft vom Organischen.
1890 siedelte Rudolf Steiner nach Weimar über, um im Goethe-und Schillerarchiv intensiv mitarbeiten zu können. Gleichzeitig wurde er einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler seiner Zeit und veröffentlichte diesbezüglich zahlreiche Schriften. Als Zeugnis seiner engen Verbundenheit mit Leben und Werk Goethes ließ er
28 Jahre später das erste Goetheanum in der Schweiz errichten.
1891 promovierte er in Rostock zum Doktor der Philosophie mit dem Thema: "Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichtes Wissenschaftslehre". Schon in der Weimarer Zeit beeinflußten die beiden Philosophen Friedrich Nietzsche und Ernst Haeckel sein Denken und Schaffen. Rudolf Steiner konnte in die verschiedenen, sich widersprechenden Weltanschauungen eintreten und verstand diese meist besser als jene, die sie hervorbrachten. Er bemühte sich unterschiedliche intellektuelle Standpunkte und Ideen zusammenzuführen und erreichte dadurch den logischen Ausbau der Geisteswissenschaften, ohne einseitig hemmende Erkenntnisgrenzen. Das primäre Anliegen Steiners war das Postulat einer Philosophie der Freiheit, die die seelischen Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlichen Methoden verarbeitete.
1897 siedelte Steiner nach Berlin über, wo er gemeinsam mit Otto Erich Hartleben das "Magazin für Literatur" und die "Dramaturgischen Blätter" herausgab. Das Leben von Rudolf Steiner erfuhr durch seine Tätigkeit als Lehrer an der von Wilhelm Liebknecht gegründeten Arbeiter-Bildungsschule eine neue Qualität. Er unterrichtete hier weniger nach der gängigen marxistisch-materialistischen Weltanschauung, sondern seine Vorlesungen, Reden und Schriften wurden zunehmend durch seine eigenen antroposophischen Ideen bestimmt.
Sein weiteres Leben und Schaffen widmete Steiner der Gründung einer Antroposophischen Gesellschaft und die Umsetzung der in ihr enthaltenen Ideen in die Realität. Dies geschah über den Umweg der indisch-angelsächsischen Theosophie. Die Leitung der "Deutschen
Sektion der Theosophischen Gesellschaft" hatte zu jener Zeit Marie von Sivers, die spätere zweite Frau Steiners. Da aber keine endgültige Lösung der westlichen Probleme mit einer solchen östlichen Theorie erreicht werden konnte, begründete Steiner 1913 eine eigene anthroposophische Theorie.
Von 1902 bis zu seinem Tode arbeitete er rastlos an der Antroposophie als Geisteswissenschaft. In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift "Lucifer-Gnosis" wurden zum ersten Mal die Hauptinhalte der Theorie dargestellt. Nach Steiners Idee hat jeder Mensch die Fähigkeit, die Geisteswissenschaft zu verstehen und auch eigene Erkenntnisse in diese Disziplin einzubringen. Er führt darin weiter aus, daß das Leben nicht passiv hinzunehmen sei, sondern durch schöpferische Aktivität selbst gestaltet werden müsse.
In den folgenden Jahren referierte er in Berlin und anderen deutschen Großstädten über das Johannes- und Lukas-Evangelium. In seiner Christologie wird die Geschichte von Jesus Christus unter Berücksichtigung antroposophischer Gesichtspunkte interpretiert.
Diese revolutionäre Sichtweise Steiners legte den Grundstein für ein neues Verständnis eines modernen Christentums.
1910 führte Steiner in München sein erstes Mysterien-Drama auf, welches den künstlerischen Aspekt seiner antroposophischen Lehre widerspiegelt. In Zusammenarbeit mit seiner späteren zweiten Frau, Marie von Sievers (Steiner heiratete sie am 24.12.1914), werden insgesamt vier Mysterien-Dramen geschaffen und aufgeführt.
Während des Ersten Weltkrieges engagierte sich Rudolf Steiner in der Politik und versuchte verzweifelt, durch Gespräche mit hochrangigen Politikern der deutschen Geschichte noch eine Wende zu geben. Nach dem Krieg forderte er in einem Aufruf an das deutsche Volk die Aufgliederung des Staatsgebildes in ein geistiges, politisches und ein wirtschaftliches System. Den alten Idealen aus der Französischen Revolution, wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gab Steiner in jenen Tagen wieder neuen realistischen Inhalt.
1918 gründete er die Dreigliederungsbewegung. In ihr kamen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten zusammen, um die Gesundung des gesellschaftlichsozialen Lebens zu bewirken. In zahlreichen Vortragsreihen, insbesondere über soziale Fragen ("Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt, Kernpunkte der sozialen Frage"), sprach er auch zu Arbeitern der Bosch-, Delmonte- und Daimler-Werke. Gleichzeitig
unterstützte Steiner auch den Kommerzienrat und Direktor der "Waldorf Astoria", Emil Molt, der freiwillig vielschichtige soziale Maßnahmen (Kinderbetreuung und Bildungsarbeit für Erwachsene) in seine Fabrik einführte, bei der Gründung einer Betriebsschule. So entstand 1919 die erste Waldorfschule als Betriebsschule einer Zigarettenfabrik. Dieses revolutionäre Schulmodell sollte in erster Linie einer humanistischen Allgemeinbildung der Werktätigen dienen und dadurch den Anschluß an das herrschende Berufs- und Kulturleben vollziehen (mit Fächern wie Stricken, Weben, Buchbinden u.a.).
Rudolf Steiner gründete im Dezember 1923 nach einer Phase der Selbstbesinnung und Reformierung und gleichzeitig als Höhepunkt seines pädagogisch- philosophischen Schaffens, die allgemeine Anthroposophische Gesellschaft.
In den letzten Jahren seines Lebens hielt er noch zahlreiche pädagogische, theologische, medizinische und landwirtschaftliche
Vorträge in größeren Städten Europas (Prag, Bern, Breslau, London, Oslo). Gleichzeitig war er mit der Erarbeitung seiner Selbstbiographie beschäftigt. Gemeinsam mit Dr. Ita Wegman veröffentlichte er die "Grundlagen für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen". Am 30. März 1925 stirbt Rudolf Steiner nach langer schwerer Krankheit.
"Die eigentliche, im höchsten Menschensinne schöpferische Tätigkeit Rudolf Steiners wird erst der Historiker enthüllen, der die Geschichte dieses erhabenen Lebens zu schreiben berufen sein wird." (Christian Morgenstern)
Literatur
Johannes Hemleben: Rudolf Steiner in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlts Monographien Bd. 79,Reinbek 1988, Seite 20
Quote paper:
Sebastian Loitsch, 1998, Steiner, Rudolf, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Auswirkungen des RFID-Einsatzes in Prozessen entlang der Supply Chain
Business economics - Industrial Management
Diploma Thesis, 101 Pages
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 35 Pages
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 15 Pages
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 20 Pages
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Termpaper, 14 Pages
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Script, 46 Pages
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 39 Pages
Sebastian Loitsch has published the text Steiner, Rudolf
Sebastian Loitsch has uploaded a new text
Rudolf Steiner - Alchemy of the Everyday
Mateo Kries, Walter Kugler, Julia Althaus, Philip Ursprung, Wolfgang Pehnt, Markus Brüderlin, Alexander von Vegesack, Barbara Hauss, Anna Stüler
Rudolf Steiners innere Situation zur Zeit der "Philosophie der Freihei...
Eine Studie
Peter Selg
Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags
Mateo Kries, Walter Kugler, Julia Althaus, Philip Ursprung, Wolfgang Pehnt, Markus Brüderlin, Alexander von Vegesack, Barbara Hauss, Anna Stüler
0 comments