Das Sprachspiel
Janine Böckelmann
boeckelm@uni-duesseldorf.de
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Hautteil:
1. Sprachspiel
2. Lebensform
3. Regeln
4. Die Widerlegung des Sprachbilds bei Augustinus
Schluss
Einleitung
,,Nur im Fluß des Lebens haben die Worte ihre Bedeutung."1
Diese Aussage Ludwig Wittgensteins enthält im Wesentlichen die zentralen Thesen
seiner späten Sprachphilosophie, die vor allem in den Philosophischen
Untersuchungen dargelegt sind.
Nach Wittgenstein haben Wörter ,,kein semantisches Jenseits, keinen Raum
metaphysischer Bedeutungen"2, wird Sprache also nicht ,,metaphysisch verbrämt",
wie Eike v. Savigny es ausdrückt.3 Vielmehr findet sich für Wittgenstein die
Bedeutung eines Wortes oder Satzes in seinem Gebrauch, eingebettet in eine durch
soziale Faktoren geprägte Situation.
Um diese Behauptung fundieren zu können und plausibel zu machen, bildet
Wittgenstein den Begriff des Sprachspiels. In den Philosophischen Untersuchungen
(im Folgenden nach der gängigen Abkürzung PU genannt) finden sich zahlreiche
Beschreibungen von Sprachspielen; eine direkte Definition des Begriffs gibt
Wittgenstein jedoch nicht. Um das Sprachspiel erfassen und verstehen zu können
sind daher einige zentrale Begriffe aus den PU, nämlich der der Lebensform, und
der der Regel von großer Wichtigkeit.
Die folgenden Ausführungen beschäftigen sich in erster Linie mit den Paragraphen
1 bis 64 der PU. Hier wird der Begriff des Sprachspiels über das Aufzeigen eines
unvollständigen Sprachbildes bei Augustinus mittels Beispielen primitiver
Sprachspiele entwickelt; dies geschieht hin zu einer pragmatischen Theorie der
Sprache, die den Akt des Sprechens immer als Handeln nach Regeln in einem
sozialen Kontext sieht und erst in diesem Kontext die Worte, Sätze und
Äußerungen, also die Sprache ihre Bedeutung erlangt.
1. Das Sprachspiel
Wittgenstein beginnt seine Philosophischen Untersuchungen mit einem Zitat von
Augustinus, in welchem dieser ein klassisches Bild der Sprachentwicklung (am
Beispiel des Kindes, dass zu sprechen lernt) darstellt: das Kind lerne die
Sprache, indem es Gegenstände, auf die die Erwachsenen zeigen, mit den Lauten
verbindet, welche diese aussprechen (PU1).
,,Die Wörter der Sprache benennen Gegenstände", so Wittgenstein zu dem Zitat,
und weiter: ,,Jedes Wort hat eine Bedeutung. Die Bedeutung ist dem Wort
zugeordnet. Sie ist der Gegenstand, für welches das Wort steht." So lernt das
Kind nach Augustinus zunächst Gegenstände, ,,Hauptwörter, wie ,Tisch`, ,Stuhl`,
,Brot` und die Namen von Personen" zu benennen. Erst später fügen sich Verben,
Adjektive und eben ,,all die übrigen Wortarten als etwas, was sich finden wird"5
in den Sprachgebrauch ein. Diese Theorie kritisiert Wittgenstein nun mittels
eines Beispiels der Verwendung von Sprache: Jemand wird mit einem Zettel, auf
dem ,,fünf rote Äpfel" geschrieben steht, zum Kaufmann geschickt. Der Kaufmann
ermittelt mit Hilfe einer Farbmustertabelle die Farbe Rot, öffnet die Lade, auf
der das Zeichen für Äpfel steht und nimmt, indem er die Zahlen bis fünf aufsagt,
bei jeder Zahl einen Apfel heraus. Die Bedeutung des Wortes ,,Apfel" ist hier
noch durch Augustinus Theorie erklärbar: das Zeichen für Äpfel bezeichnet
unmittelbar die Gegenstände Äpfel. Ebenso verhält es sich mit der Farne Rot im
Farbmuster. ,,Was ist aber die Bedeutung des Wortes ,fünf` " fragt Wittgenstein
am Ende von PU1. Für ,fünf` gibt es keinen Gegenstand, der auf dieses Zeichen
verweist, der ihm konkrete zugewiesen werden kann. Woher kennt der Kaufmann also
die Bedeutung des Wortes ,fünf`?
Die Antwort, die Wittgenstein im Laufe der PU entwickelt, wird im letzten Satz
von PU1 bereits angedeutet: ,,Von einer solchen [Bedeutung, J.B.] war hier
garnicht [sic!] die Rede; nur davon wie das Wort ,fünf` gebraucht wird."6 Die
Bedeutung der Sprache muss also eng mit ihrem Gebrauch zusammenhängen.
Zur Verdeutlichung dieses Zusammenhangs führt Wittgenstein den Begriff des
Sprachspiels ein. Er spricht von Sprachspielen als "Sprachformen, mit denen ein
Kind anfängt, Gebrauch von Wörtern zu machen"4 und in PU7 heißt es ( hier wird
der Begriff erstmals in den PU verwendet):
Wir können uns auch denken, daß der ganze Vorgang des Gebrauchs der Worte in (2) eines jener Spiele ist, mittels welcher Kinder ihre Muttersprache erlernen. Ich will diese Spiele ,Sprachspiele` nennen und von einer primitiven Sprache manchmal als einem Sprachspiel reden. Und man könnte die Vorgänge des Benennens der Steine und des Nachsprechens des gesagten Wortes auch Sprachspiele nennen.
Aus diesen Aussagen leitet Kurt Wuchtel drei Bedeutungen des Sprachspielbegriffs ab:
"Das Sprachspiel
1.) als Modell einer primitiven Sprache,
2.) als sprachliche Funktionseinheit und
3.) der sprachlichen Fähigkeiten."5
PU2 beschreibt ein solches Modell einer ,,primitiven Sprache": zwei
Sprechpartner bauen etwas. Die zur Verfügung stehenden Bausteine sind Würfel,
Säulen, Platten und Balken. Sprecher A gibt die Anweisungen zum Bau, indem er
die die Gegenstände benennenden Worte (Würfel, Platten usw.) seinem Gehilfen B
zuruft. B hat die Gegenstände, in der Reihenfolge, wie A sie ausruft, A zu
bringen (,,B bringt den Stein, den er gelernt hat, auf diesen Ruf zu bringen."10
)
Eine Erweiterung dieses Sprachspiels wird in PU8 dargestellt: Hier kommen eine
Wortreihe, die wie eine Zahl- oder Buchstabenreihe verwendet wird, und eine
Anzahl von Farbmustern (beide in der Verwendung gleich der des Kaufmanns in PU1)
und die Wörter ,dorthin` und ,dieses` hinzu. Mit diesen Zusätzen sind
verschiedene Möglichkeiten innerhalb des Sprachspiels denkbar. So könnte A B
auffordern, einen C-Würfel ,dorthin` zu tragen. Dorthin wäre die Stelle, auf die
A mit dem Finger zeigen würde. Oder A könnte auf eine Platte zeigen und sie mit
,dieses` bezeichnen und B auffordern, sie ihm zu bringen. Ähnliche Beispiele
gibt Wittgenstein in PU8 selbst.
Wittgenstein wählt mit Absicht derart einfache Sprachspiele :
Das Studium von Sprachspielen ist das Studium primitiver Sprachformen oder primitiver Sprachen. Wenn wir die Probleme von Wahrheit und Falschheit, von der Übereinstimmung und nicht Übereinstimmung von Sätzen mit der Wirklichkeit, von der Beschaffenheit von Behauptung, Annahme und Frage studieren wollen, dann wird es von Vorteil sein, primitive Sprachformen zu untersuchen, in denen diese Denkformen ohne den verwirrenden Hintergrund äußerst komplizierter Denkprozesse auftreten. Wenn wir solche einfachen Sprachformen untersuchen, dann verschwindet der geistige Nebel, der unsern gewöhnlichen Sprachgebrauch einzuhüllen scheint. Wir sehen Tätigkeiten und Reaktionen, die klar und durchsichtig sind. Anderseits erkennen wir in diesen einfachen Vorgängen Sprachformen, die von unseren komplizierten Sprachformen keineswegs durch einen Einschnitt getrennt sind. 6
Die Worte Tätigkeit und Reaktion verdeutlichen, dass zu den beschriebenen
primitiven Sprachspielen sehr viel mehr gehört als das bloße Auffordern und
Heranbringen der Gegenstände: Beiden Beteiligten, A und B, muss ihre eigene
(Sprech-) Rolle im Sprachspiel sowie die des anderen klar sein. Wüßte B nicht,
dass A die Bauplananweisung hat, würde er die Bausteine vielleicht in einer ganz
anderen Reihenfolge bringen, nämlich nach den Vorstellungen, die er von einem
Bauwerk hat. Er würde nicht auf A′s Anweisungen hören, würde die Worte
vielleicht gar nicht wahrnehmen oder zumindest nicht als Anweisungen für ihn.
Wüßte A wiederum nicht, dass er B als seinem Gehilfen die den Gegenstand
bezeichnenden Wörter mit den zugehörigen Anweisungen wie ,dorthin` zurufen muss,
damit dieser sie holt, würde er vielleicht schweigen und selbst die Bausteine
holen. A ist so die Funktion seines Ausrufs klar, B die Funktion seines
Heranholens, deshalb sind ,, Ausrufe und Herbringen [...] in den Zusammenhang
aufeinander abgestimmten Handelns eingebettet."7 Wäre dieses Handeln von A und B
nicht in der Weise aufeinander abgestimmt, dass A die Wörter nennt und B den
Anweisungen, die die Wörter für ihn bedeuten, nachkommt, ,,gäbe es keinen Grund
die vier Wörter [Würfel, Platte, Säule, Balken; J.B.] als Bezeichnung von
Bausteinen aufzufassen."8 Denn wenn B die Gegenstände in einer anderen
Reihenfolge bringt, ist die Gegenstandsbezeichnung ,Baustein` in diesem
Sprachspiel keine Wort- oder Gegenstandsbezeichnung mehr, eben weil A den
Gegenstand nicht gebrauchen kann. Ohne das aufeinander abgestimmte Handeln, also
den Gebrauch der Worte innerhalb des Sprachspiels, 9 ließen sich die Gegenstände
nicht mehr als Bausteine bezeichnen, weil sie dann ihre Bedeutung im Sprachspiel
verloren hätten: Die Wörter sind nur deshalb als Bezeichnungen bedeutungsvoll,
,,weil sie eine bestimmte Rolle im Umgang der Sprachbenutzer miteinander und mit
Sachen spielen."10 Nur indem die Sprachpartner A und B die Bezeichnungen der
Wörter gebrauchen, bekommen diese als Bezeichnungen von Gegenständen (Bausteine)
Bedeutung.
Anhand dieses primitiven Sprachspiels wird also deutlich, was Wittgenstein in
PU43 sagt: ,,Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache."11
Kein Wort hat an und für sich eine Bedeutung. Erst durch den Gebrauch im
Sprachspiel werden Wörter und Sätze bedeutungsvoll. ,,Bedeutung kommt einem Wort
nur in einem funktionierenden Sprachspiel zu. Sie ist weder eine Vorstellung
noch ein Ding neben der Sprache, sondern existiert nur im Vollzug des Spiels."12
Das heißt auch, dass das Wort keine metaphysische Bedeutung an sich hat. Worte
haben kein eigenes, narratives Wesen, sie teilen sich bzw. ihre Bedeutung nicht
demjenigen, der sie als Laute oder Zeichen identifiziert, mit. Ohne den
spezifischen Gebrauch im Sprachspiel sind Wörter nichts anderes als Laute und
Zeichen ohne Inhalt. Savigny drückt dies so aus: ,,Ausdrücke sind als Wörter
bedeutungsvoll nicht deshalb, weil der Sprecher sich bei ihrem Gebrauch ihren
Bedeutungen zuwendet, sondern kraft ihrer Verwendung in Sprachspielen."13
Da Worte in sehr verschiedenen Situationen und Kontexten gebraucht werden, gibt
es auch sehr verschiedene Sprachspiele. Sie können, wie festgestellt wurde, sehr
einfach und überschaubar sein. Aber auch lange Unterhaltungen, Streitgespräche
oder Unterrichtsgespräche sind Sprachspiele. Da Wittgenstein in PU7 die gesamte
Sprache als Sprachspiel bezeichnet, kann man sagen, dass auch Sprache an sich
ein ,,offenes System von Sprachspielen, ein eigens Sprachspiel ist".14 Die
Mannigfaltigkeit der Sprache, ihrer Bedeutung durch ihren Gebrauch, und die
Verschiedenheit der Sprachspiele wird in PU18 beschrieben:
Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt: Ein Gewinkel von Gäßchen und Plätzen, alten und neuen Häusern, und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten; und dies umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und mit einförmigen Häusern.
Einige der Häuser und Gassen stellen die Schriftsprache dar; andere und vor
allem die Vororte, vielleicht die primitiven Sprachspiele, die Sprache der
Mathematik, oder andere Kunstsprachen (die ,,geraden und regelmäßigen Straßen
[...] mit einförmigen Häusern" stehen hier für die Überschaubarkeit dieser
Sprachen durch ihre abstrakte Form). Weiterhin wird deutlich, dass Sprache, wie
oben erwähnt, ein ,,offenes System" ist, nicht einzugrenzen und festzulegen
(Savigny schreibt in seinem Kommentar zu PU18 ,,daß jede Sprache
erweiterungsfähig, also keine Sprache vollständig ist."15): ,,Und mit wieviel
Häusern, oder Straßen, fängt eine Stadt an, Stadt zu sein?" (PU18). Wie
Wittgenstein im bereits erwähnten Paragraphen 23 sagt bleibt Sprache nie stehen,
sondern entwickelt sich immer weiter. Alte Ausdrücke werden nicht mehr in
Sprachspielen verwendet, neue Wörter kommen hinzu; ,,Häuser[.] mit Zubauten aus
verschiedenen; [...] umgeben von einer Menge neuer Vororte [...]" (PU18).
Der Sprecher einer Sprache befindet sich mitten in der Stadt (also auch mitten
in der Sprache). Je besser er die Sprache beherrscht, das heißt je besser er die
Wörter in verschiedensten Sprachspielen gebraucht (und er durch diesen Gebrauch
die immer zahlreicheren Bedeutungen erkennt), desto besser kennt er sich in der
Stadt aus. Schließlich kennt er vielleicht auch die alten Bauten (Wörter, die
weil veraltet, nicht mehr gebraucht werden) und die Vororte (Kunstsprachen).
Um dem Sprechenden die Bedeutung von Sprache (und auch ihre Vielschichtigkeit)
und die Bedeutung des Sprachspiels bzw. die Bedeutung, die Wörter durch das
Sprachspiel bekommen, deutlich zu machen, verwendet Wittgenstein die einfachen
Formen des Sprachspiels. ,,Wir sehen, daß wir die komplizierten Formen aus den
primitiven zusammensetzten können, indem wir nach und nach neue Formen
hinzufügen."16 (der Bezug auf das Zitat Wittgensteins auf S.3 ist hier
erkennbar). Anhand der primitiven Sprachspiele werden eben die grundsätzlichen
Züge, die jedes Sprachspiel aufweist, deutlich.
In PU23 spricht Wittgenstein die Vielzahl der Sprachspiele, die sich aus der
Vielzahl der verschiedenen Verwendungen von Sprache ergibt, explizit an :
Wieviel Arten der Sätze gibt es aber? Etwa Behauptungen, Frage und Befehl? - Es gibt unzählige solcher Arten: unzählige verschiedener Arten der Verwendung alles dessen, was wir ,Zeichen`, ,Worte`, ,Sätze` nennen. Und diese Mannigfaltigkeit ist nichts Festes, ein für allemal Gegebenes; sondern neue Typen der Sprache, neue Sprachspiele, wie wir sagen können, entstehen und andre veralten und werden vergessen.
Anhand eines Beispiels in PU11 werden die verschiedenen Funktionen von Wörtern zum Ausdruck gebracht. In einem Werkzeugkasten finden sich verschiedene Werkzeuge wie Hammer, Zange oder Schraubenzieher. Der Werkzeugkasten kann hier als Metapher für Sprache verstanden werden und ,,so verschieden die Funktionen dieser Gegenstände [die Werkzeuge, J.B.], so verschieden sind die Funktionen der Wörter." (PU11). So wie also ein Hammer dazu benutzt wird, einen Nagel in eine Wand zu schlagen, wird ein Wort oder Satz mit einer bestimmten Funktion in einem Sprachspiel benutzt. Und sowohl das Werkzeug als auch das Wort erlangen ihre Bedeutung erst durch ihren Gebrauch. Der Hammer als Werkzeug wird in verschiedenen Situationen verwendet: man kann damit einen Nagel in eine Wand schlagen, oder in Holz, man kann mit ihm aber auch einfach Dinge zerschlagen. Auch ein und dasselbe Wort hat in verschiedenen Sprachspielen verschiedene Funktionen und wird in verschiedenen Situationen gebraucht. Es kommt immer darauf an, in was für eine Situation, was für ein Sprachspiel das Wort eingebettet ist. ,,Es geht dann nicht mehr um die Bedeutung des Wortes ,fünf` oder um den Sinn des Satzes ,fünf rote Äpfel`, sondern um die Frage, wieso eine Äußerung die Bedeutung hat, daß der Sprecher beim Adressaten fünf rote Äpfel bestellt."17 Savigny bringt hier zum Ausdruck, dass die Äußerung eines Wortes oder Satzes eine spezifische Bedeutung durch die Einbettung der Äußerung in einen spezifischen Kontext bekommt. Anhand des Beispielsatzes ,,Ich bin gerade an der Ausfahrt Gütersloh vorbei"18 wird dies deutlich. Der Satz sagt aus, dass der Sprecher soeben an der Ausfahrt Gütersloh vorbeigefahren ist. Als Äußerung in einem Telefongespräch könne dieser Satz als Äußerung nun verschiedene Bedeutungen haben.
Der Sprecher teilt dem Adressaten mit, daß er die letzte Ausfahrt Gütersloh passiert hat (beide planen, wie sie sich am besten treffen können); der Sprecher weist den Vorschlag des Adressaten zurück, sich mit ihm an der Ausfahrt Gütersloh zu treffen; der Sprecher droht dem Adressaten damit, ihn in Sennestadt noch zu erwischen; der Sprecher bietet dem Adressaten an, ihn in Sennestadt zu besuchen und so weiter.19
Die unterschiedlichen Verläufe des Telefonats, in denen der Satz ,,Ich bin
gerade an der Ausfahrt Gütersloh vorbei" vorkommt, sind unterschiedliche
Sprachspiele. Der immer gleich verwendete Satz hat jedoch als Äußerung im
jeweiligen Sprachspiel eine Bedeutung, die immer verschieden ist (gleich dem
Hammer, der unterschiedliche Funktionen in unterschiedlichen Situationen hat).20
In PU21 schreibt Wittgenstein: ,,Was ist nun der Unterschied zwischen der
Meldung, oder der Behauptung, ,Fünf Platten` und dem Befehl ,Fünf Platten`? -
Nun, die Rolle, die das Aussprechen dieser Worte im Sprachspiel spielt." Auch
hier bekommt die Äußerung ihre Bedeutung erst durch die Einbettung in eine
Äußerungssituation. Ob ,,Fünf Platten" als Meldung oder als Befehl verstanden
wird, hängt einerseits von der Betonung der Worte ab, andererseits von der
Situation, in der sich der Sprecher befindet (und die ihn dann dazu bringt, den
Satz als Meldung oder Befehl zu äußern).
2. Lebensform
Wesentlich für die Bedeutung von Sprache und für die des Sprachspiels ist
neben dem Gebrauch der Sprache auch die Situation, in der sich Sprachpartner
befinden. Die Sprache gebrauchen bedeutet für Wittgenstein auch, ,,daß jede
sprachliche Äußerung gesellschaftliches Handeln ist und jede praktische Handlung
,sprachlich`."21
In PU19 heißt es: ,,Und eine Sprache vorstellen heißt sich eine Lebensform
vorstellen." und in PU23: ,,Das Wort Sprachspiel soll hier hervorheben, daß das
Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform." Als
Beispiel nennt Wittgenstein in PU19 die Sprache in einer Kriegsschlacht, die nur
aus Meldungen und Befehlen besteht. Dieses Sprachspiel kann eben nur in der
Lebensform ,,Schlacht" gespielt werden; Befehle und Meldungen sind die
charakteristischen Äußerungen in dieser Lebensform und finden sich auch in ihrer
Form nur hier. ,,Ein Verstehen der Sprache ohne Einsicht in die Tätigkeit, in
die sie verwoben ist, sei [so Wittgenstein, J.B.] ausgeschlossen."22, so Joachim
Schulte. Damit die Sprachpartner die Befehle und Meldungen in der Schlacht
verstehen (also ihnen die Bedeutung durch den Gebrauch klar ist), muss
vorausgesetzt sein, dass auch das zu der Lebensform gehörige Handeln, welches
die Sprache einbettet, vollzogen wird. ,,Unter einer Lebensform versteht
Wittgenstein [...] die Gesamtheit der Praktiken einer Sprachgemeinschaft."23
Wer eine bestimmte Sprache spricht, bewegt sich in einer bestimmten Lebensform,
in einer sozialen Gemeinschaft, welche die Sprache prägt. Nur weil wir uns in
dieser Lebensform befinden benutzen wir unsere Sprache so und nicht anders:
Daß ein Regelsystem (eine Sprache) in ein anderes (in eine Lebensform) eingebettet ist, heißt, daß die Möglichkeit, sich nach dem ersteren System zu verhalten und die von ihm vorgesehenen Ergebnisse zu erzielen (die Sprache zu benutzen), davon abhängt, daß man sich auch im letzteren System bewegt (daß man die Lebensform lebt).24
Und ,,verschiedene Sprachen kommen gerade durch Unterschiede zwischen den
einbettenden Lebensformen zustande."25, so Savigny. Es geht also nicht darum,
wie sich Sprachpartner in einem Sprachspiel zueinander verhalten, bzw. wie sie
aufeinander bezogen (sprachlich) handeln (wie es beispielsweise in Bezug auf PU2
und PU8 auf S. 3 Beschrieben ist), sondern auch in was für einer sozialen
Situation (Lebensform) sie sich befinden. Erst diese ermöglicht ihnen, dass sie
Sprache im Sprachspiel so verwenden, wie sie es tun und dass sie ihre
Tätigkeiten eben so aufeinander beziehen, dass beiden die Bedeutung ihrer Worte
durch die Tätigkeit klar ist. Die Lebensform ist also quasi die erste
Voraussetzung dafür, dass Wörter in einem Sprachspiel gebraucht werden und damit
Bedeutung erlangen können und verstanden werden. Damit ist die Lebensform auch
Voraussetzung für jegliches gesellschaftliches Handeln (vgl. Bezzel), was selbst
wiederum wesentlicher Bestandteil der Lebensform (vgl. Schulte) ist.
Anhand der obigen Ausführungen wird nun verständlich, was Kurt Wuchtel mit den
beiden letzten Bedeutungen des Sprachspiels (,,als sprachliche
Funktionseinheit", und als ,,Gesamtheit der sprachlichen Fähigkeiten"; siehe S.
3) meint: Das Sprachspiel ist eine sprachliche Funktionseinheit, weil es
einerseits das aufeinander abgestimmte (sprachliche) Handeln der Sprachpartner
impliziert. Andererseits ermöglicht erst die Lebensform den Sprachpartnern, dass
sie aufeinander abgestimmt handeln können. Nur so kommt die Ebene einer
Funktionseinheit der Sprache zustande, auf der sich beide finden können; ein
Sprachspiel, dass beide miteinander spielen können. Das Sprachspiel als
,,Gesamtheit der sprachlichen Fähigkeiten" beinhaltet dies auch, zielt jedoch
auch auf die gesamte Sprache (als ,,offenes System") als Sprachspiel, also
ebenso auf das Ganze des gesellschaftlichen Handelns als Kommunikation
überhaupt. Deshalb sagt Wuchtel über die letzten beiden Möglichkeiten: ,,Die
dritte Verwendung ist äußerst selten, weil sie keiner Präzision fähig ist [...]
Im Mittelpunkt steht daher zweifellos das ,Sprachspiel als Funktionseinheit`."26
Die Definition des Sprachspiels als Funktionseinheit zeigt jedoch, dass die
beschriebenen Sprachspiele aus PU2 und PU8 nicht nur primitiver Art sind,
sondern bereits in einfacher Weise eine Funktionseinheit bilden, wie die
Erläuterungen der letzten Seite zeigen.
In PU25 kritisiert Wittgenstein die allgemeine Annahme, Tiere sprächen nicht,
weil ihnen dazu das geistige Vermögen fehle: ,,sie denken nicht, darum sprechen
sie nicht." Die Voraussetzung für Sprache ist aber eben nicht die, dass es eine
innere Sprache (Denken ist eine Art inneres Sprechen) gibt, so Wittgenstein,
sondern dass eine Lebensform vorhanden ist, die das Sprachspiel, also das
Sprechen einer Sprache ermöglicht. Da das Tier nicht in einer sozial -
handelnden Gesellschaft (Lebensform) lebt, kann es Sprachspiele nicht
,,spielen", da Sprache eben die Einbettung von Worten in die Lebensform ist.
Ohne eine Lebensform besteht keine Notwendigkeit, das, was innerhalb dieser an
Tätigkeiten ausgeführt wird, auszudrücken. Daher sagt Wittgenstein auch: ,,sie
(die Tiere, J.B.) verwenden die Sprache nicht." (PU35) Denn ,,Verwendung der
Sprache ist die Einbettung der Äußerungen in Handlungszusammenhänge. Es kommt
darauf an, daß es bei den Tieren keine Lebensform wie beim Menschen gibt, die
Lautäußerungen einbettet und ihm dadurch Bedeutung zuspricht. Was den Tieren
dafür, daß sie eine Sprache hätten, abgeht, ist nicht das innere Denken, sondern
eine soziale Lebensform, die so reich wie bei den Menschen ist."27 PU32 greift
den Gedanken, dass nicht eine innere Sprache die Voraussetzung für Sprechen ist,
auf, wie wir noch sehen werden.28
3. Regeln
Das Leben in einer Lebensform, also (soziales) Handeln (das Sprache
selbstverständlich einschließt) wird durch Regeln definiert. Diese Regeln sind
aber nach Wittgenstein zumeist nicht explizit formuliert bzw. wir verhalten uns
nicht gemäß den Regeln, weil wir uns einer ausgedrückten Definition derselben
bewusst sind. ,,Wittgenstein vertritt dagegen eine Konzeption, wonach expliziten
Repräsentationen und Formulierungen von Regeln eine untergeordnete Rolle
zukommt, die zudem von der letztlich nicht - artikulierbaren, quasi -
natürlichen Art und Weise abhängt, wie wir nicht ausdrücklich festgesetzte
Regeln befolgen."29.
Dass wir nicht ausgedrückte Regeln befolgen, zeigt schon PU1: Dem Kaufmann, der
eine Farbmustertabelle zur Bestimmung der Farbe Rot benutzt, wird die Bestimmung
der Farbe durch den Gebrauch der Tabelle klar, indem er sich nach
unausgedrückten Regeln zur Benutzung dieser richtet. ,,Die Tabelle ist dann für
den Ablauf des Sprachspiels notwendig; sie ist ein Werkzeug im Gebrauch der
Sprache (PU53). Der Umgang mit dem Werkzeug ist aber zugleich der Ausdruck einer
Regel. Nicht die Tabelle als solche [...] stell[t] die Regel dar, sondern der
richtige Umgang mit dem Muster."30 Das bedeutet auch, dass Regeln erst durch
ihren Gebrauch innerhalb des Sprachspiels ,lebendig` werden, ,,[d]ie Regeln
existieren erst innerhalb des Vollzugs des Sprachspiels."31; sie sind nicht vor
ihrer Anwendung da: ,,die Vorstellung, die Regeln der gewöhnlichen Sprache
müßten vor ihrer Anwendung dasein und unabhängig von ihr regeln, ist ein
Mißverständnis."32. Gerade weil die Regel erst im Gebrauch in Kraft gesetzt ist,
folgt man ihr ohne eine vorher bekannte, festgelegte Definition (etwas, das
nicht da ist, kann man auch nicht definieren), ,,ohne daß man überhaupt über
einen Ausdruck für die Regel verfügt."33 In PU54 zeigt Wittgenstein, wie Regeln
befolgt werden, ohne dass sie explizit als solche des Spiels ausgedrückt sind
(auch wenn er zuerst auf ausgedrückte Regeln eingeht: ,,Sie [die Regel, J.B.]
wird dem Lernenden mitgeteilt und ihre Anwendung eingeübt."): man lernt ein
Spiel, indem man einem solchen zuschaut, und man lernt es, obwohl Regeln weder
,,im Unterricht noch im Spiel selbst" verwendet werden (also als Regeln
ausgedrückt sind) und nicht in einem Regelverzeichnis stehen. ,,Aber wir sagen,
es werde nach den und den Regeln gespielt, weil ein Beobachter diese Regeln aus
der Praxis des Spiels ablesen kann" (PU54). Fehler der Spieler könne der
Beobachter von einem richtigen Spielzug unterscheiden, weil es dafür ,,Merkmale
im Benehmen der Spieler" gebe. Savigny schreibt über PU54:
Es gibt überhaupt keinen Ausdruck für die Regel; wie man der Regel folgt, wir durch die Beobachtung kompetenter Spieler gelernt. Selbst kompetente Spieler machen allerdings Fehler; Fehler zu machen darf allerdings von dem, der das Spiel gemäß seinen Regeln zu spielen lernen möchte, nicht gelernt werden. Er muß die Fehler als etwas erkennen können, das er besser vermeidet; und er kann sie erkennen, wie Wittgenstein feststellt.34
PU82 knüpft an Pu 54 und die Feststellung, dass es unausgedrückte Regeln
gibt, die befolgt werden, an: ,, ... Wie aber, wenn die Beobachtung keine Regel
klar erkennen läßt, und die Frage keine zu Tage fördert?- Denn er gab mir zwar
auf meine Frage, was er unter ′N` verstehe, eine Erklärung, war aber bereit,
diese Erklärung zu widerrufen und abzuändern.- Wie soll ich also die Regel
bestimmen, nach der spielt? Er weiß sie selbst nicht."
PU54 verdeutlicht weiterhin, dass das Befolgen von Regeln nur durch die Praxis
erlernt wird und in PU202 drückt Wittgenstein das explizit aus:
Darum ist ,der Regel folgen` eine Praxis. Und der Regel zu folgen glauben ist nicht: der Regel folgen. Und darum kann man nicht der Regel ,privatim` folgen, weil sonst der Regel zu folgen glauben dasselbe wäre, wie der Regel folgen.
Diese Praxis des Regelfolgens ,,ist untrennbar mit dem Gedanken der Einübung
in eine praktische Handlungsweise verknüpft."35 Die (unausgesprochenen) Regeln
in einer Lebensform werden durch den ständigen Gebrauch eingeübt, bis sie
unbewusst angewandt werden. ,,Wie der Regel zu folgen ist lernt man dadurch, daß
man in einer bestimmten Handlungsweise abgerichtet wird, bis man bestimmte
Reaktionen und Verfahrensweisen geradezu automatisch vollzieht, ohne zu
überlegen."36 Den Satz ,,Und der Regel folgen zu glauben ist nicht: der Regel
folgen." kann man so verstehen: Jemand, der einem Spiel nur zuschaut, ohne die
Regeln ausdrücklich lernen zu wollen und dann glaubt den Regeln folgen zu
können, kann eben den Regeln nicht folgen, weil er die Regeln weder erlernt noch
selbst gebraucht. Dieser passive Zuschauer, der lediglich meint, der Regel
folgen zu können, weil er sie für sich selbst formuliert (ausdrückt), deutet sie
nur (in bezug auf das Spielerverhalten, dass er mit ,,seiner" Regel verbindet),
und ,,eine Regel deuten heißt lediglich, eine Formulierung der Regel durch eine
andere ersetzten."37
Wer die Regeln gebraucht, befolgt immer die Regeln einer Lebensform in einem
Sprachspiel. Regeln durch passives Zuschauen ,,für sich selbst" zu definieren,
also einer Regel ,,privatim [zu] folgen" heißt eine Regel falsch zu befolgen.
Ein vermeidlich individuelles Befolgen einer (individuellen) Regel gibt es
nicht, denn Muster seines (jemandes, J.B.) individuellen Verhaltens [sind] in
bestimmter Weise in Muster des sozialen Verhaltens in die Gemeinschaft [oder
Lebensform, J.B.], zu der er gerechnet wird, eingebettet [...].38
So ist auch das Sprechen der Sprache die Befolgung von Regeln. Indem jemand
spricht, gebraucht er die Sprache nach Regeln, die innerhalb seiner Lebensform
befolgt werden und durch sie festgesetzt sind.39
In Pu53 schreibt Wittgenstein "daß dem, was wir Regeln eines Sprachspiels
nennen, sehr verschiedene Rollen im Sprachspiel zukommen können." Damit fordere
Wittgenstein ,,uns auf den ,Umfang` des Begriffs des Spiels wie der Regel
anzusehen, um zu erkennen, daß in der gesellschaftlichen Praxis die Regeln
gerade deshalb gut funktionieren, weil sie nicht starr sind."40 Mit Regeln ist
es also ebenso wie mit Worten: In verschiedenen Sprachspielen haben sie
verschiedene Funktionen und damit auch verschiedene Bedeutungen. Wenn sich ein
Spiel verändert, verändern sich auch die Regeln; manche erscheinen dann mithin
alt, weil sie nicht mehr auf das Spiel passen, neue Regeln kommen hinzu.41
Ebenso wie die Sprache kann man also Regeln mit einer alten Stadt vergleichen.
4. Die Widerlegung des Sprachbilds Augustinus
Wie im ersten Kapitel bereits erläutert, lernt das Kind nach Augustinus die
Sprache, indem es zuerst sinnliche Gegenstände durch Hinweisen auf diese zu
benennen lernt. Ab PU20 (bis PU32) arbeitet Wittgenstein, mal mehr, mal weniger
deutlich, auf die Widerlegung dieser Theorie hin, wobei die Begriffe des
Sprachspiels und der Lebensform immanent sind.
Das bloße Benennen von Gegenständen reiche nicht aus, um eine Sprache zu
sprechen, ein Sprachspiel zu spielen, so schreibt Wittgenstein in PU26: ,,Man
meint, das Lernen der Sprache bestehe darin, daß man Gegenstände benennt. Und
zwar Menschen, Formen, Farben, Schmerzen, Stimmungen, Zahlen etc. [...] Man kann
das [Benennen, J.B.] eine Vorbereitung zum Gebrauch eines Wortes nennen. Aber
worauf ist es eine Vorbereitung?" Und in PU27 heißt es: ,,`Wir benennen die
Dinge und können nun über sie reden. Uns in der Rede auf sie beziehen.`- Als ob
mit dem Akt des Benennens schon das, was wir weiter tun, gegeben wäre." Das
Benennen von Gegenständen ist also nur ,,Vorbereitung zum Gebrauch eines Wortes"
im Sprachspiel, ist nicht Teil des Sprachspiels selbst. Die Worte können so, wie
bereits festgestellt, auch noch gar keine Bedeutung haben, da sie nicht in einem
Sprachspiel gebraucht werden. ,,Daß man mit einem Ausdruck etwas benenne, sagt
für sich allein noch gar nichts darüber, wie er Bedeutung hat."42 In PU28 macht
Wittgenstein deutlich, dass Worte zwar mittels einer hinweisenden Definition
(,,Das heißt ,zwei`") benutzt werden können, diese Definition dem Wort aber noch
keine Bedeutung gibt. ,,Das heißt, die hinweisende Definition kann in jedem Fall
so und anders gedeutet werden"(PU28), folgert Wittgenstein. Denn ohne eine
Einbettung in ein Sprachspiel ,,hängt das Wort ,zwei` in der Luft", wie die
Beispiele in PU28 deutlich machen bzw. ,,Hinweisende Definitionen sind dann
vollkommen exakt, wenn sie den Lehrerfolg der hinweisenden Erklärung haben
[...], wenn der Adressat also auf Grund der Definition das Wort in derselben
Weise verwenden kann wie der Definierende."43 Die hinweisende Definition
verliert aber ihre Gültigkeit, sobald der Adressat das so definierte Wort in
einer anderen Weise verwenden möchte als der Definierende. Weiterhin ,,muss das
[durch Hinweis definierte, J.B.] Wort [...] erklärt sein, ehe jene hinweisende
Definition verstanden werden kann." (PU29). Aus PU 30 geht hervor, dass das
(durch hinweisen auf den Gegenstand) benannte Wort den Gebrauch desselben dann
erklärt "wenn es schon klar ist, welche Rolle das Wort in der Sprache überhaupt
spielen soll." (PU30).
So kann das Benennen von Gegenständen nicht, wie Augustinus meint, der erste
Schritt des Sprechens sein, denn ,,man muß schon etwas wissen (oder können), um
nach der Benennung fragen zu können." (PU30). Oder, wie Savigny es ausdrückt:
Wer nach der Benennung fragen können soll, muß wissen, was er mit der richtigen Antwort anzufangen hat [...]; denn wer nichts damit anfangen kann, faßt die Antwort gar nicht auf [...] Von der Mitteilung einer Benennung kann nur Gebrauch machen, wer weiß, wie er die Benennung zu verwenden hat; über diese sprachliche Kompetenz muß also der Adressat der hinweisenden Erklärung und erst recht der Adressat der hinweisenden Definition schon verfügen.44
Nur wer weiß, was eine Farbe ist, kann die hinweisende Erklärung, dass dies die Farbe ,,Sepia" sei, verstehen (PU30). Und nur derjenige, welcher die regeln des Schachspiels kennt, weiß welche Rolle der bis dahin in ihrer Form unbekannten Figur des Schachkönigs in den Regeln zukommt (PU31). In dem Moment, in welchem nach unbekannten Wörtern gefragt wird, wird aber schon ein Sprachspiel gespielt, welches das unbekannte Wort einbettet und ihm so eine Bedeutung zukommen läßt; das Fragen nach der Benennung gehört somit schon nicht mehr zur Vorbereitung des Sprachspiels. Wer nach der Benennung fragt, muss also bereits sprachkompetent sein; dies zeigt auch das Beispiel in PU32: wer eine fremde Sprache sprechen lernt, muss schon eine Sprache besitzen, übersetzt im Kopf lediglich die Worte der ,,alten" Sprache in die neue und umgekehrt. Und ebenso könne man, so Wittgenstein, auch Augustinus Bild der Sprache beschreiben. Dieser gehe davon aus, dass es schon eine innere Sprache in Form von ,,Denken" (gleich der in PU25) gebe, und das Benennen sei nur die laut ausgesprochene innere Sprache. Savigny bringt in seinem Kommentar zu PU32 den Fehler der Sprachtheorie Augustinus auf den Punkt:
Er [Augustinus, J.B.] übersieht, was für Kompetenzen über das Wörterhören und Wörtersprechen hinaus erworben werden müssen, oder: worin das Zuordnen von Wörtern zu Gegenständen eigentlich besteht. Der Fehler an Augustins Sprachbild ist damit: die Relevanz der Einbettung sprachlicher Ausdrücke in soziale Sprachspiele wird übersehen, und mit der Zurückführung des Sprechens aufs Denken wird die Frage, was Sprechen ist, bloß auf die Frage verlagert, was lautloses Sprechen sei.45
Bezzel fasst diese Kompetenzen unter ,,kulturspezifische Bedingungen", die erfüllt sein müssen, zusammen. Hinweisende Definitionen können ,,daher nicht erklären, wie das sprachliche Be-Deuten unter Menschen zustande kommt und funktioniert."46
Schluss
Wittgenstein entwickelt in den untersuchten Paragraphen einen Gedankengang,
der Sprache weit mehr konzediert als das bloße Aussprechen von Lauten in einer
logisch geordneten Form. Vielmehr ist Sprache der Ausdruck und das Ergebnis des
sozial- kulturellen Hintergrunds des Sprechenden. Die Einbettung des Sprechers
und seiner Sprache in den gesellschaftlichen Kontext, der von Wittgenstein als
Lebensform formuliert wird, ist von größter Wichtigkeit um Sprache, ihren
Gebrauch und ihre Bedeutung zu beschreiben und zu analysieren. Anhand des
Sprachspiel-Begriffs zeigt Wittgenstein, dass Worten und Sätzen Bedeutung nur
durch ihren Gebrauch zukommt. Wörtern herausgehoben aus ihrem Bedeutungskontext
eine Bedeutung zu zugestehen ist für ihn schlechterdings unmöglich. Die Rolle
des Regelbefolgens innerhalb des Sprachgebrauchs verweist sowohl auf die
Lebensform als auch auf den Gebrauch der Wörter: Sprache beruht auf Regeln, nur
derjenige, der sich nach ihnen richtet kann sprechen, wird verstanden und
versteht andere Sprecher. Die Regeln werden dabei einerseits von der Lebensform
bestimmt, anderseits durch sie gelehrt und durch die Notwendigkeit des Gebrauchs
eingeübt bis zur automatischen, unbewussten Befolgung. Weiterhin fasst
Wittgenstein Sprache nicht als den reinen Sprechakt auf; sie impliziert
Tätigkeit allgemein, denn Sprache begleitet das Handeln und fordert es
gleichzeitig. Wir können also feststellen, dass Wittgensteins Theorie der
Sprache Sprachpraxis intendiert. Pragmatisch verweist sie auf Gemeinschaft,
Gesellschaft, Kultur etc., gleichzeitig definiert sie sich wesentlich durch
diese.
Auf sprachphilosophische Aspekte der ,,Philosophischen Untersuchungen", welche
das vielfach metaphysische Selbstverständnis von Sprache in der Philosophie
selbst kritisieren, kann in diesem Rahmen leider nicht eingegangen werden. Das
Wittgenstein - zu Recht- die Sprache der verklärt-metaphysischen Ebene enthebt
und damit zurückverweist auf ihre einzige Bedeutung, nämlich ihren Gebrauch, ist
hoffentlich deutlich geworden.
Literaturverzeichnis:
Bezzel, Chris, Wittgenstein zur Einführung, Hamburg, 1988
Puhl, Klaus, Regelfolgen. In: Eike v. Savigny (Hrsg.), Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Berlin 1998
Savigny, Eike von, Der Mensch als Mitmensch. Wittgensteins ,Philosophische Untersuchungen`, München 1996
Sprachspiele und Lebensformen: Woher kommt die Bedeutung?. In: Eike v. Savigny (Hrsg.), Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Berlin 1998
Wittgensteins ,,Philosophische Untersuchungen": Ein Kommentar für Leser, Bd. I, Frankfurt a. M. 1988
Schulte, Joachim, Wittgenstein. Eine Einführung, Stuttgart 1989
Wittgenstein, Ludwig, Werkausgabe in 8 Bänden, Frankfurt a. M. 1984
- Bd. 5 Das blaue Buch. Eine Philosophische Betrachtung (Das Braune Buch)
- Bd. I Tractatus logico-philosophicus [u.a.]
Wuchtel, Kurt, Struktur und Sprachspiel bei Wittgenstein, Frankfurt a. M. 1969
Arbeit zitieren:
Janine Böckelmann, 1999, Das Sprachspiel, München, GRIN Verlag GmbH
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Janine Böckelmann
Kommentar der Verfasserin.
Diese Proseminararbeit wurde für den Fachbereich der Germanistischen Sprachwissenschaft verfasst. An den eigentlichen Titel kann ich mich schon nicht mehr genau erinnern. Jemand mailte mir, die Fußnoten seien nicht angegeben. Dies zu ändern wäre mir zu viel Aufwand. Aber wer sich die Sek.Lit. durchliest, wird sehen, wozu die Zitate thematisch gehören. Die Arbeit wurde mit 1,3 (wegen kleiner Ausdrucksmängel) bewertet. Es hieß, die Augustinus-Rezitation sei sehr brauchbar.
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Janine
am Thursday, January 17, 2002-