Geschichtsdidaktik eine eigenständige Wissenschaft geworden, auf der Grundlage der Frage danach, wie sich Individuen, Gruppen, Nationen, Gesellschaften jeglicher Art ins Verhältnis zu ihrer Vergangenheit setzen, wie sie sich in der Gegenwart historisch begreifen und wie sie, durch historisches Lernen, zu einem Geschichtsbewusstsein kommen 1 .
Die Dimensionen des Geschichtsbewußtseins
Grundlage zum Erwerb der sozialen Kategorien ist die Ausprägung der Basiskategorien. Erst wenn eine Unterscheidung zwischen Fiktion und Wirklichkeit, bzw. ein Zeitbewußtsein vorhanden ist, kann der Schritt vom Märchenerzählen zum historischen Erzählen überwunden werden.
Die sozialen Kategorien verschaffen nun Zugang zu einem Bewußtsein über die Komplexität einer Gesellschaft.
Soziale Kategorien sind das:
1) Identitätsbewußtsein
2) politische Bewußtsein
3) ökonomisch- soziale Bewußtsein
4) moralische Bewußtsein
1) Identitätsbewußtsein Fähigkeit zur Differenzierung verschiedener Gruppen, d.h. das Bewußtsein zu einer Gruppe ,,wir" bzw. ,,ihr" sagen zu können.
Sobald die ,,wir- Sichtweise" in Bezug zur zeitlichen Dimension gesetzt wird, also zu vergangenen Handlungen der Bezugsgruppe Identität gegründet wird, ist das Identitätsbewußtsein ein Strukturelement des Geschichtsbewußtseins.
2) Politisches Bewußtsein Gemeint ist hier nicht das Wissen über politische Institutionen, sondern das Bewußtsein um Herrschaft.
In den Vordergrund rückt die Erkenntnis, daß in der Geschichte menschliche Gesellschaften stets durch asymmetrische Machtverhältnisse geprägt sind.
Obwohl Kinder früh ein Bewußtsein für das Phänomen Macht entwickeln, so kann dennoch auch später Einfluß auf das Erlernen von politischem Bewußtsein genommen werden.
3) Ökonomisch- soziales Bewußtsein Ziel ist es bei Kindern die Wahrnehmung von sozialen Unterschieden und Ungleichheiten in historischen Darstellungen, sowie in ihrem sozialem Umfeld zu entwickeln. Die Differenzierung zwischen ,,arm" und ,,reich" ist bei Kindern schon sehr früh vorhanden. Problematisch jedoch ist ein Übertrag der Begriffe auf die eigenen Verhältnisse. So sind Kinder, die ihre Umwelt als arm einschätzen, oftmals davon überzeugt, daß dies ihre Eltern nicht betrifft. Eine Selbstlokalisation ist also schwierig. Außerdem neigen Schüler dazu den Zustand der Armut als eine von außen beinflußte Gegebenheit zu betrachten, während Reichtum oftmals als Ergebnis von Tüchtigkeit und wirtschaftlichem Geschick betrachtet wird.
4) Moralisches Bewußtsein Gemeint ist hiermit die Klassifizierung historischer Zusammenhänge in ,,richtig" oder ,,falsch", gut oder schlecht. Historische Sachverhalte werden gewertet und zugrundeliegende Motivationen erfragt.
Nach Pandel besteht jedoch ,,keine völlige Klarheit, welche Bedeutung moralische Prinzipien für die Wahrnehmung und Deutung von Geschichte haben" 3 .
Fest steht jedoch, daß moralisches Bewußtsein bei Kindern im alltäglichen Leben und in hypothetischen Situationen früh zu finden ist. Eine Verknüpfung von moralischem Bewußtsein und dem Bewußtsein von Geschichtlichkeit erfolgt jedoch erst auf einer späteren lebensgeschichtlichen Stufe.
Die Dimensionen des Geschichtsbewußtseins
- Die Basiskategorien - DasGeschichtsbewußtsein einzelner Individuen besteht aus einem System aufeinander verweisender Doppelkategorien, und zwar sieben an der Zahl. Diese können wir einteilen, ohne daß diese Einteilung etwas über die Wichtigkeit der einzelnen aussagt. In welcher Reihenfolge die jeweiligen Kategorien erworben werden, wissen wir noch nicht. Sicher ist, daß das Zusammenspiel der einzelnen Kategorien das Geschichtsbewußtsein jedes einzelnen ausmacht.
In dem Maße, in dem das Kind die folgenden grundlegenden Kategorien trennen und unterscheiden kann, ,,erwirbt es jenes kognitive Bezugssystem, ohne das es weder Geschichte verstehen noch Geschichte erzählen könnte."¹
Diese Kategorien sind:
1. Zeitbewußtsein (früher - heute 1 morgen)
2. Wirklichkeitsbewußtsein (real 1 historisch - imaginär)
3. Historizitätsbewußtsein (statisch - veränderlich)
4. Identitätsbewußtsein (wir - ihr 1 sie)
5. politisches Bewußtsein (oben - unten)
6. ökonomisch - soziales Bewußtsein (arm - reich)
7. moralisches Bewußtsein (richtig - falsch)2
Die ersten drei Kategorien der sieben Bewußtseinskategorien heißen Basiskategorien, die letzten vier nennt man soziale Kategorien.3
Diese Kategorien werden aber nicht unbedingt nacheinander erworben, sondern auch gleichzeitig.
1 Zeitbewußtsein
Zeitbewußtsein ist eine grundlegende Kategorie für das Erlernen von Geschichte, vor allem im Bezug auf die Unterscheidung der Zeitmodi. Gemeint ist hier, daß ein Kind die Begriffe ,,Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft" auseinanderhalten kann.
Früher wurden in den Schulen fast nur Daten auswendig gelernt. Aber: Geschichte ist ein Prozeß der Veränderung und darf somit nicht nur an einzelnen Fixpunkten von datierten Fakten festgelegt werden. Denn das Problem dabei war, daß ,,eine Fixierung auf datierbare Ereignisse langsam ablaufende Prozesse und Iangdauernde Strukturen übersah."4 Nach Pandel bleibt man so vorwiegend auf der Ebene der Ereignisgeschichte und hat diplomatiegeschichtlichen und außenpolitischen Charakter.5
Um in den verschiedenen Zeitmodi denken zu können, benötigt man die lebensweltliche Wahrnehmung der Zeitlichkeit von Erfahrung und Handeln. In der Sprache gibt es dafür Begriffe wie z.B.: gestern, heute, morgen,...
Darüber hinaus konkretisiert sich Zeitbewußtsein als Dimension von Geschichtlichkeit in vier Hinsichten:
1. Dichtigkeit der Ereignisse: d.h.: das Individuum besitzt für manche Zeitepochen mehr
Wissen von Ereignissen dieser Epoche als von anderen. Dadurch drückt sich das jeweils konkrete und individuelle Zeitbewußtsein aus.
2. Länge der Zeitausdehnung: in Bezug auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es
stellt sich also die Frage, wie weit das Geschichtsbewußtsein in die Vergangenheit zurück bzw. in die Zukunft vorausgeht.
3. Akzentuierung der Zeitdimension: d.h., daß Gesellschaften in bestimmten historischen
Situationen und Epochen immer eine bestimmte Zeitdimension bevorzugen und diese dann für wichtiger halten als andere, da sie für die Gesellschaft mehr bedeutet. Sie können damit ihre eigene Lage besser verdeutlichen. Auch handeln manche Menschen mehr vergangenheits-, gegenwarts- oder zukunftsbezogen, je nach Einstellung.
4. Narrativierung von Zeit: d.h., die Umgliederung von wahrgenommenen und gelernten
Ereignissen, wenn sie in die Geschichte eingehen. Also eine Umgliederung der Chronik der wahrgenommenen und gelernten Ereignisse in eine erzählende (narrative) Chronologie. Die chronologische Reihenfolge, in der die Ereignisse wahrgenommen werden, wird von uns in der Weise verändert, daß damit eine sinnvolle Geschichte entsteht.6 2.Wirklichkeitsbewußtsein
Die Aufgabe des Wirklichkeitsbewußtseins ist es, eine Grenze zwischen real und imaginär zu ziehen. Kinder müssen also lernen, daß es Personen und Handlungen gibt, die erfunden sind (z.B. Märchenfiguren), denn sie gehen in erster Linie davon aus, daß alles existiert. Man muß Kindern also klar machen, daß historische Personen und Handlungen nicht einfach ,,nichtexistierende", sondern nur gegenwärtig ,,nicht - mehr - existierende" Sachverhalte sind 7 . Auch hier spielt die Dimension Zeitbewußtsein eine große Rolle, da das Kind erst durch die Unterscheidung der einzelnen Zeitmodi erkennen kann , was (historisch-) real bzw. imaginär ist. Es benötigt also das Verständnis Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dieser Prozeß, der sich bei dem Wirklichkeitsbewußtsein abspielt ist jedoch kein Prozeß, der in jungen Jahren abgeschlossen wird, wie das folgende Beispiel zeigt:
Beispiel: Studentenbefragung in Osnabrück8: Bei der Beantwortung der Frage, ob Prinz
Eisenherz real existiert hat, entschieden sich erstaunlicherweise 11,1% dafür, immerhin 73,5% ordneten ihn als imaginär ein und 13,2% konnten sich nicht entscheiden.
Manchmal ordnet der Mensch die Geschichte auch individuell ein, z.B. gab es die ,,gute" alte Zeit tatsächlich und vor allem wann? Für manche Menschen war es die Zeit in der vorindustriellen Phase 9 , für andere einfach als sie jung waren...
Selbst Mythen gehören zu dem Geschichtsbewußtsein, obwohl sie nicht real existiert haben. Auch hier wird es schwierig sein, dem Kind klar zu machen, daß Mythen nie real existiert haben, aber die Menschen sie früher meistens als real angesehen haben, und man sie heute benötigt, um die jeweilige Kultur bzw. Gesellschaft zu verstehen. Deshalb ist es eine wichtige Funktion der Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik, diese historischen Legenden und Mythen aufzulösen und das Wirklichkeitsbewußtsein zu schärfen.9
3. Historizitätsbewußtsein
Historizitätsbewußtsein bedeutet, daß jeder seine eigene Geschichte hat und auch ein Teil der Geschichte ist. Man muß sich bewußt sein, daß Personen und Verhältnisse sich ändern, verändern, aber auch gleich bleiben können, z.B. sie veralten, verjüngen, sterben aus... Diese Kenntnis von Veränderlichkeit drückt Historizitätsbewußtsein aus, der die Erkenntnis von Geschichtlichkeit zugrunde liegt.10 Es gibt die lebensweltliche, erfahrene Historizität, die auf direktes Erfahren und Handeln bezogen ist. Die Personen und Gegenstände sind hier real präsent. Außerdem gibt es historische Ereignisse, die sich nur über Erzählungen und Aufschriebe erfahren lassen. 11
In dieser Dimension ist das Wissen gemeint, daß Personen und Ereignisse sich in der Zeit verändern, aber bestimmte Dinge/Ereignisse konstant bleiben. Historizitätsbe-wußtsein ,"beinhaltet aber auch die Anwesenheit von alltäglichen ,,Geschichtstheorien" im Bewußtsein des einzelnen". 12 Darüber hinaus stellt es sich auch noch die Frage, was denn die Kräfte sind, die Geschichte verändern bzw. nicht verändern und was der Gegenstand von Geschichte ist.
Anmerkungen:
1 Pandel, Hans-Jürgen: Dimensionen und Struktur des Geschichtsbewußtseins. In:
Geschichtsuntericht im vereinten Deutschland: Auf der Suche nach Neuorientierung von Hans Süssmuth. Baden-Baden 1991, S.58. 2.ebd.: 5.58.
3.ebd. :S.59.
4.ebd. :S.60.
5.ebd. :5.60.
6.ebd.:S.60f.
7.ebd. :S.61f.
8.ebd. :S.61f.
9.ebd. :S.63.
10.ebd.:S.63.
11.ebd.:S.63.
1 Karl-Ernst Jeismann
2 Vgl. Pandel, Hans -Jürgen: Dimensionen und Struktur des Geschichtsbewußtseins. In:
Geschichtsunterricht im vereinten Deutschland: Auf der Suche nach Neuorientierung. Hans Süssmuth. Baden-Baden 1991, S.64-69.
3 Pandel S.68
Arbeit zitieren:
Wilhelm Walter, 2001, Geschichtsbewußtsein, München, GRIN Verlag GmbH
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