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Rhetorik und Propaganda

Other, 2001, 4 Pages
Author: Udo Seelhofer
Subject: Rhetoric / Elocution / Oratory

Details

Category: Other
Year: 2001
Pages: 4
Language: German
Archive No.: V102801
ISBN (E-book): 978-3-640-01181-0

File size: 49 KB


Fulltext (computer-generated)

Autor: Udo Seelhofer

Rhetorik und Propaganda

Zunächst kommen wir zur Definition des Wortes Propaganda. Ursprünglich stammt es von ,,Propaganda fidei". Dieser Begriff wurde von den Jesuiten geprägt. Ihnen ging es darum, das Wort Gottes auch unter den Heiden zu verbreiten, vor allem in der neuen Welt.
Es gibt verschiedene Betrachtungen über das Verhältnis des Redners zur Propaganda und zu seinen beabsichtigten Zielen.
Da gibt es zunächst einmal Reden, welche von einem einzelnen Fall ausgehen, aber eine Mehrheit der Menschen zu erreichen suchen. Dann kennt man natürlich auch Reden im Rahmen breitester Öffentlichkeit, die sich an einzelne Individuen, an Vernunft und logische Überlegung wenden. Und zu guter Letzt muss man noch die des eigentlichen Propagandisten erwähnen, der damit ohne Rücksicht auf den Anlass, egal ob individuell oder generell, ein Massenerlebnis herbeiführen möchte. Oder anders ausgedrückt, existieren Reden als Argument oder als Ziel der Gefühlsentladung. Die Redner der Antike haben beinahe alle Reden gehalten, die sich als Argument an die Vernunft ihrer Zuhörer wandten. Der Hörer soll mitdenken, aber freilich auch in den Bahnen mitlaufen, die der Redner für ihn vorgibt.
Diese Kunst setzt kleine politische und gesellschaftliche Verhältnisse voraus, sowie ein öffentliches Leben, das einige Individuen als politische Willensträger akzeptiert. So war es in der griechischen Polis, in den italienischen Stadtstaaten der Renaissance, wie auch in den schweizerischen Kantonen der Fall. Die politischen Reden waren trotz aller Leidenschaft und Überzeugungskraft als Argument aufgebaut und oft auch vorher schriftlich fixiert.
Der moderne Propagandist arbeitet aber völlig anders. Er versucht, sein Ziel mit ganz anderen Prinzipien und Mitteln zu erreichen. Die Propaganda strebt nach Auslöschung der Argumente und Herstellung emotionaler Zustände. So argumentiert Goebbels in seinen Reden nicht mit realen, sondern mit Symbolgestalten, und mit reiner schwarz-weiß Malerei. Heutzutage versucht der Propagandist, falls er als Redner auftritt, durch das Sein zu wirken, nicht durch den Gehalt. Die moderne Propaganda spielt sich auch in sehr viel größeren Räumen ab als zur Zeit der Antike, wo meist ein Redner vor einer überschaubaren Gruppe von Zuhörern sprach, die ihn oder den Gegenstand seiner Rede bereits kannten.
Heute will er, dass man ihn selber akzeptiert, und als Person auf sich wirken lässt. Er will daher nur eine gefühlsmäßige Wirkung erzielen. Jetzt kommt es deswegen zu einer völligen Umkehrung der rhetorischen Technik. Früher sollte alles das auf die Argumente hinlenken; aber nun sollen sie sich an deren Stelle setzen. Man soll nicht das Argument, sondern den Redner akzeptieren.
Der Redner trägt nicht nur eine These von vielen vor, er trägt die einzige These vor, die richtig ist. Es gibt keine andere. Die Rede ist nicht mehr wie früher Bestandteil einer Diskussion, der Vortragende ist sich vielmehr bewusst, dass er nicht unterbrochen werden wird. Goebbels zum Beispiel inszenierte im Wahlkampf vor der Machtergreifung gegen den damaligen Reichskanzler Dr. Brüning eine politische Diskussion, indem er Schallplatten einer Brüning-Rede vorspielen ließ, und dazu seine Antworten gab. Das war aber nur ein scheinbarer Dialog, wobei durch die Abwesenheit des Kanzlers bewiesen werden sollte, dass es nicht einmal den Funken einer Partnerschaft gab. Selbstredend zu erwähnen, dass es sich ergab, dass der Abwesende unrecht hatte.
Erwähnenswert ist auch die Theaterform der heutigen politischen Propaganda. Früher stand der Redner allein mit seiner Person, Sprache und seinen Gedanken. Der moderne Redner soll jedoch schon wirken, bevor er überhaupt den Mund aufmacht (man braucht sich nur die Wahlkampfveranstaltungen der FPÖ anzusehen). Die Rede ist nur noch ein Bestandteil des großen Schauspiels, und genaugenommen sogar entbehrlich. Man verzichtet auf irgendwelche Zweifel, es gibt nur noch standfest vorgetragene Behauptungen, oder harte Ablehnung. Es existieren keine Zwischentöne mehr zwischen ja und nein, die Sprache wird von Superlativen beherrscht. Die Pose des Redners hat sich dem anzupassen. Er ist stets der Überlegene, und was auf der Gegenseite passiert, ist indiskutabel. Die Redner des Dritten Reiches zum Beispiel wollten nicht einmal Wahrheit vermitteln, sie spielten lediglich mit einem Zustand der Bejahung und Verneinung jenseits aller Argumente.
Eine besondere Rolle kommt dabei dem Gelächter zu. Während der klassische Redner auf das Lächeln des Verständnisses wartete, strebt man heutzutage an, die Gegner durch lautes Gelächter lächerlich zu machen. Lachende Menschen finden sich ja auch schneller zu einer Gemeinschaft zusammen (Viele Leute beginnen ihren Vortrag zum Beispiel mit einem ,,Einleitungswitz".) Das Ziel der Propaganda ist, die Seelen und Gemütszustände der Zuhörer zu manipulieren. Der Hörer ist nur ein Bestandteil einer Masse, und wird als solcher behandelt. Der Vortragende schätzt sein Publikum auch entsprechend niedrig ein. Der wahre Feind ist der Intellektuelle, also derjenigen, der in Verdacht steht zuviel oder überhaupt zu denken, insbesondere in einem totalitären Regime.
Die Redner sind oft betörende Volksaufwiegler und Agitatoren. Diese von Bismarck vorgetragene These im Kampf gegen die Sozialdemokratie definiert Rhetorik als eine Kunst, die affektiv ans Unbewusste appelliert. Kant sagte, dass Rednerkunst die Kunst ist, sich der Schwächen der Menschen zu bedienen, sie ist laut ihm gar keiner Achtung würdig. Nach Goethe ist sie die Hohe Schule des ,,Verstellens", eine Disziplin, die, wie Kant behauptete, aufs ,,Überschleichen" abzielt, eine Beförderin des ,,Aufwieglertums". Sie stellt eine trickreiche Technik dar, mit deren Hilfe man sich gewisse Vorteile im bürgerlichen Leben erarbeiten kann. Ein Vorwurf, den man immer wieder an die Rhetorik richtet, ist der, dass sie mit Hilfe der Schönrednerei und der Eloquenz im Dienst der Agitation steht, und aufs Argument verzichtet.
Dieser Vorwurf ist falsch. Er beruht auf zwei Irrtümern: Auf der Meinung, Rhetorik sei nur eine Anleitung zum guten Reden, und auf dem Glauben, dass sie sich nur auf die Stil-Kunst beschränkt. Rhetorik ist vielmehr eine Wissenschaft deren Vertreter analysieren, wie Vernunft sprachmächtig und Denken praktisch wird.
So betrachtet ist Rhetorik eine Disziplin, deren Hauptaugenmerk auf der parteilichen Verdeutlichung von Tatbeständen, die am Beginn vage, in einem langen, von Rede und Gegenrede, von Einwurf und Widerspruch geprägten Disput langsam anschaulich werden. Nicht die Ästhetik, sondern die Wirkung ist wichtig. Man muss auch darauf achten, wo was angebracht ist. (So kann man zum Beispiel unter Bauern nicht genauso reden wie unter Akademikern.)
Rhetorik ist des weiteren eine Disziplin, deren Macht identisch mit der Verfügbarkeit ist: Früher von der Jurisprudenz und der Theologie in den Dienst genommen, gewinnt sie heute nach langer Zeit erneut an Bedeutung (New Rhetoric). Diese weist auf, dass es keine neutrale Sprache gibt, sondern dass jede Aussage rhetorisch strukturiert ist. Die Wirkungsintentionalität macht ihr Wesen aus und das auf eine Art und Weise, die einer Wissenschaft adäquat ist. Die Rhetorik ist ungeschützt vor Instrumentalisierung und Verkürzung, sowie vor der Verfolgung unmoralischer Ziele. Aber es ist ihr verpflichtender Auftrag, Seelenführung im Horizont der Vernunft zu betreiben, um als Sozialisations-Instrument Kunst und Wissenschaft in gesellschaftlicher Praxis zu realisieren.


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