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Presentation (Pre-University), 1997, 6 Pages
Author: Stefan Witte
Subject: Ethics
Details
Institution/College: Friedrich-Hecker-Gymnasium Radolfzell
Tags: Tugend, Sokrates, Platon, Aristoteles
Year: 1997
Pages: 6
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-02040-9
File size: 63 KB
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Fulltext (computer-generated)
Stefan Witte
Ethik Referat - 12te Klasse
Tugend
Spricht man noch von Tugenden?
Der erste Text handelt von den olympischen Spielen 1928. In dem letzten Florettkampf um die Goldmedaille treten
ein Italiener und ein Franzose gegeneinander an. Während des Kampfes kommt Unsicherheit auf, man weiß nicht
ob der Franzose getroffen ist oder nicht. Nach einer kurzen Diskussion verkündet das Kampfgericht "Non
touché". Der Franzose, zu dessen Gunsten entschieden wurde reißt seine Maske vom Gesicht und bekennt: "Je
suis touché", obwohl das Kampfgericht für ihn entschieden hat und sein Eingeständnis den Verlust der
Goldmedaille bedeutet.
Der zweite Text handelt von drei polnischen Jüdinnen, die während des Zweiten Weltkrieges vor den Nazis
fliehen. Sie befinden sich auf einem Bauernhof der dem deutschen Ehepaar Harder gehört. Das Ehepaar versteckt
die Mädchen - erst in einem Schuppen, dann im Stall - und versorgt sie später mit Kleidung und Essen, was zu
dieser Zeit auch für sie Mangelware war, sie baden die Kinder und lassen sie schließlich in ihrem Ehebett
schlafen. Die Geschichte stammt aus einem Band, das sich "wenige Zeugnisse der Menschlichkeit 1933-1945"
nennt und jene Fälle aufzeigt in denen sich Deutsche selbstlos und unter Gefährdung des eigenen Lebens für
Fremde einsetzen, damit also Menschlichkeit und Nächstenliebe, vor allem aber Mut und Selbstlosigkeit
beweisen.
Text 3, Zitat:
"Ich würde das nicht für eine Million Dollar tun", meinte ein amerikanischer Journalist, als er zusah, wie Mutter
Theresa die stinkende und ekelerregende Wunde eines Patienten versorgte. "Ich auch nicht" antwortete sie.
Dieses Verhalten Mutter Theresas lässt sich kurz und treffend als tugendhaft bezeichnen. Obwohl Tugenden
Etwas vorbildliches, positives und für ein friedliches Zusammenleben notwendiges sind, wird der Begriff gar
nicht - oder nur sarkastisch - verwendet.
"Tugend bedeutet die - vorwiegend durch Selbsterziehung gewonnene - sittliche Grundhaltung eines Menschen,
die in seinem Denken und Handeln als echte Menschlichkeit zum Ausdruck kommt.
Die im 18.ten Jahrhundert als "bürgerliche Tugenden" bezeichneten Eigenschaften wie Ordnungsliebe, Fleiß und
Sparsamkeit haben den Begriff Tugend in Verruf gebracht. Damals wurden Tugenden derart hoch gewertet, dass
sie zur gesellschaftlichen Norm und dadurch zum Zwang wurden. Das führte zu Vorsicht, vor allem aber zu
Heuchelei. Die Tugenden Großmut und Demut haben im Laufe der Zeit ihre Bedeutung verloren, an ihre Stelle
treten jetzt Toleranz, Fairness und Solidarität. Zu den zeitlosen Tugenden gehören Nächstenliebe und
Gerechtigkeit.
Der Tugendbegriff in der Antike und im Christentum
Der griechische Ausdruck für Tugend ist
aret
, und bedeutet Tauglichkeit oder Tüchtigkeit, womit die Eignung
gemeint ist.
Die
aret
, eines Handwerkers zu Sokrates′ Zeit war das Wissen über seine Arbeit und die Fähigkeit gute Arbeit zu
leisten oder den Zweck seines Produktes direkt und plausibel erklären zu können. Sie hing von seinen
Kenntnissen und vor allem von seinem Wissen darüber, was er produzierte, ab. Es war für Sokrates grundsätzlich
sehr wichtig zu wissen, welches Ziel man verfolgt, bevor man sich über den Weg dorthin Gedanken machte. Das,
was wir unter Tugend verstehen ist schließlich die Aufgabe, die sich jeden Menschen einzeln stellt, also nicht
mehr die individuelle Ausübung des Berufes, sondern eine Aufgabe, die jeder Mensch gleichermaßen und für
sich Selbst zu lösen hat. Die
aret
, eines Menschen ist also nach Sokrates die Fähigkeit des Einzelnen, die Inhalte
seiner Auffassung in die Tat umzusetzen.
1
Sokrates
Laut Sokrates wird das menschliche Handeln von der Vernunft bestimmt. Mit dem Wissen nichts zu wissen hält
er sich für weiser als andere, hält jedoch Wissen an sich für erreichbar und Erkenntnis für wichtig. Für ihn gilt:
Tugend ist die richtige Erkenntnis umgesetzt in Handeln. In einem Dialog mit Protagoras vertritt Sokrates anfangs
die Meinung, dass Tugend nicht rein theoretisch zu vermitteln und daher auch nicht lehrbar ist. Er erkennt, dass
Tugend Wissen und Erkenntnis umgesetzt in Taten und damit doch lehrbar und erlernbar ist. Die Erkenntnis und
die Einsicht sind wichtig, um das eigene Handeln zu verstehen. Da Wissen und Erkenntnis lehrbar sind, muss
auch Tugend - zumindest zu einem gewissen Teil - lehrbar sein. Damit spricht Sokrates der Erkenntnis einen
hohen Stellenwert zu und man kann den Satz "Der Wissende ist weise, der Weise ist gut" als Fazit dieses
Gespräches ansehen. Die Tatsache, dass sich sein Standpunkt vom Anfang des Gespräches im Lauf des
Dialoges gewendet hat, liegt an seiner weitgefächerten Auffassung der Vernunft, des Logos. (griechisch: Wort,
Satz, Erwägung, vernünftiger Grund, Denkvermögen, Vernunft, Weltgesetz.) Für Sokrates ist der Logos stark und
verlässlich, er sagt: "Mein ganzes Leben halte ich es so, dass ich nichts anderem gehorche als dem Logos, der
sich mir in der Untersuchung als der Beste erweist." Für Sokrates bilden Denken und Handeln eine Einheit, das
heißt, wer das Gute erkennt, der tut es auch und wer das Schlechte tut, der erkennt es als Gutes, irrt sich also.
Damit ist nicht die Tat an sich ein Fehler, sondern es mangelt an Wissen, an Einsicht. Schließlicht handelt doch
jeder nach dem, was er für gut hält, und damit kann nur derjenige tugendhaft sein, der weiß, was gut ist. Also
sind Vernunft und Wissen vor allem aber Selbsterkenntnis die Voraussetzung für Tugend
Wissen schließt das eigene Wollen ein, das ist die Quintessenz der sokratischen Lehre. Ein Erkennen von
Tugend bedeutet ein tugendhaftes Leben führen wollen und danach handeln. Die Tugend beruht auf Wissen
und Einsicht. Das Unwissen des schlecht Handelnden ist nicht bloßer Informationsmangel; es ist ein Zeichen der
inneren Unfähigkeit, Tugend zu erkennen.
Tugend und Wissen sind das Fundament für das höchste Gut, die
Glückseligkeit
, diese wird durch einen
vernünftigen und tugendvollen Lebensstil, nicht durch Reichtum und Luxus sondern durch Mäßigung und
Selbstbeherrschung gewährleistet. Die Vernunft und Tugend macht den Menschen gottähnlich und
unterscheidet ihn damit von den Tieren.
Sokrates: Tugend ist das Streben nach dem Guten
Menon behauptet, nicht alle Menschen wollen das Gute, sondern manche das Böse. Aus dem Dialog mit
Sokrates geht hervor, dass diejenigen, die das Böse anstreben es entweder nicht als böse erkennen, oder
fälschlicherweise als gut betrachten, indem sie denken, es sei ihnen nützlich. Damit kommt Menon zu dem
Schluss, dass alle Menschen das begehren, was sie jeweils für gut halten, also streben alle Menschen
grundsätzlich
nach dem Guten.
Sokrates: Tugend ist das Vermögen, das Gute herbeizuschaffen
Hier erweitert Sokrates den Tugendbegriff, der zuvor noch so umschrieben wurde: Tugend ist, das Gute zu wollen
und es zu vermögen. Da - wie aus dem letzten Dialog hervorgeht, jeder das Gute will, wird nun danach
unterschieden, wer es am Besten erreichen kann, damit ist die Definition schließlich: Tugend ist das Vermögen,
das Gute herbeizuschaffen.
Platon
Platon führt Sokrates′ Überlegungen über das Wissen um die Tugend und deren Lehrbarkeit fort.
Sokrates befragte einen Jungen nach dem Ergebnis einer unbekannten Mathematikaufgabe. Der Junge kam auf
das richtige Ergebnis, obwohl Sokrates nur maieutisch nachgeholfen hat, er hat gefragt aber nicht gelehrt, damit
hat der Junge das Ergebnis alleine herausgefunden. Hier ist also Lernen sowie apriorisches Wissen - Vorwissen -
beteiligt, d.h. es gilt nicht, zu fragen, ob das Wissen von vorne herein (a priori) vorhanden war oder erlernt
wurde, sondern man muss einsehen, dass Wissen sowohl a priori da war als auch erlernt wurde. Platon
bezeichnet Lernen daher als Besinnung auf ureigenes Wissen (Anamnesis). Der Begriff "angeboren" ist nur eine
ungenaue Übersetzung dafür. Damit ist Tugend als sittliches Wissen auch ein Stück weit a priori vorhanden und
somit lehrbar.
Platon legt vier Kardinaltugenden fest: Mäßigkeit, Tapferkeit, Weisheit und die den anderen übergeordnete
Gerechtigkeit, wobei er unter Gerechtigkeit nicht die richterliche Gerechtigkeit meint, sondern er sieht in jedem
Menschen einen kleinen Staat und unterteilt ihn in drei Stände:
2
den "Nährstand", bei dem die Mäßigkeit die Triebhaftigkeit des Menschen durch die Vernunft einschränkt, den
"Wehrstand", bei dem die Tapferkeit vernünftige Aktivitäten gegen Lust und Unlust durchsetzt, und den durch
Vernunft und Weisheit gelenkten ,,Lehrstand,,. Die Gerechtigkeit dient als Verfassung und ordnet die anderen
Tugenden. Sie ist hier also das Gleichgewicht zwischen den Ständen oder den "Seelenteilen" des Menschen. Der
Mensch ist gerecht, wenn sich seine Seelenteile im Gleichgewicht befinden, und Gerechtigkeit wird zu einer
Tugend, die die andern überragt.
Aristoteles
Aristoteles übernimmt Platons Modell der Kardinaltugenden, gibt dabei die Sonderstellung der Gerechtigkeit auf
und ergänzt die Tugenden durch weitere ihm wichtig erscheinende wie Freundschaft, Freigiebigkeit, Sanftmut,
Anteilnahme und Takt. Er misst der Weisheit eine übergeordnete Rolle zu, sie wird auch von der Stoa und in
folgenden Jahrhunderten als Inbegriff der Tugenden bezeichnet. Der Weise ist offen für alles, nimmt alles auf und
lernt nie aus, sondern immer dazu. Laut Aristoteles kann das
nur von einem Philosophen
erreicht werden. Vo n
der Weisheit unterscheidet er die Klugheit, die nicht die Dinge im allgemeinen betrachtet, sondern sich mit
konkreten Fällen im Alltag beschäftigt, er bezeichnet sie als sittliche Urteilskraft, die der Weisheit untergeordnet
ist, weil sie ihr dient wie die Heilkunde der Gesundheit.
Aristoteles sieht den Menschen als ein Wesen mit einem vernünftigen und einem unvernünftigen Seelenteil;
Letzterer ist der pflanzenhafte Teil und regelt Ernährung, Wachstum und Fortpflanzung. Da der pflanzenhafte Teil
nicht beeinflussbar ist, hat er auch nichts mit Tugend zu tun, der tierhafte Seelenteil allerdings regelt
Ortsbewegung, Wahrnehmung und Lust bzw. Unlust und kann damit von der Vernunft beeinflusst werden.
Daraus entstehen die ethischen oder sittlichen Tugenden (die untere Tugendklasse), die von Aristoteles auch als
lobenswerte Verhaltensweisen bezeichnet werden und Freigiebigkeit, Mäßigkeit, Tapferkeit u.a. umfassen.
Diese Tugenden werden von den Tugenden des vernünftigen Seelenteils, den
verstandesmäßigen
oder
intellektuellen
Tugenden bestimmt. Dieses sind im Allgemeinen
erlernte
Tugenden wie Kunstfertigkeit,
Klugheit, Wissenschaft und Weisheit.
Aristoteles′ Tugendlehre ist eine
"Lehre von der Mitte",
die Tugenden liegen zwischen zwei Extremen, wobei
sich diese Mitte nur für jeden Menschen
individuell
festlegen lässt.
unteres Extrem Tugend oberes Extrem
Feigheit Tapferkeit Tollkühnheit
Knauserigkeit Freigiebigkeit Verschwendungssucht
Unfähigkeit zu gerechtem Zorn Sanftmut, Gleichmut Jähzorn
Schüchternheit Bescheidenheit Unverschämtheit
Beide Tugendformen sind miteinander verbunden: Die praktische Vernunft ist nötig für die Ausführung der
ethischen Tugenden, andererseits braucht die Klugheit - die dafür benötigte intellektuelle Tugend - ethische
Tugend als Fundament. Aristoteles geht davon aus, dass ethische Tugend in einer natürlichen Vorform a priori
existiert und mit Hilfe der praktischen Vernunft daraus die richtige sittliche (ethische) Tugend hervorgeht.
Gerechtigkeit sieht Aristoteles als richterliches Handeln und misst ihr damit eine Rolle im Staat zu, wie wir es in
der heutigen Welt kennen; Er kennt zwar Platons Definition von Gerechtigkeit, greift sie aber nicht auf. Für ihn ist
sie die höchste Tugend des staatlichen Zusammenlebens und soll Glückseligkeit gewährleisten. Die Gerechtigkeit
steht bei Aristoteles in der Mitte zwischen Unrechttun und Unrechtleiden, er verurteilt also auch Unrechtleiden
als ungerecht und damit nicht tugendhaft. Aristoteles sieht es als Pflicht des Staates, gute Gewohnheiten zu
fördern, wenn es sein muss auch mit Zwang.
"Der Pfad der Tugend bildet sich, indem er begangen wird" (O.F. Bollnow)
Als Voraussetzung der Tugendhaftigkeit sieht Aristoteles die Tatsache, dass jede Möglichkeit etwas zu tun auch
die Möglichkeit mit sich bringt, es
nicht
zu tun. Damit entscheiden wir, ob wir uns gut oder schlecht, d.h.
tugendhaft oder nicht verhalten.
Das Wissen ist für die Tugend nicht wichtig, sondern die Umsetzung der Ansichten in Taten, denn nur wer tut,
was gut ist, kann als tugendhaft bezeichnet werden, wer es unterlässt macht einen Fehler, weil er eben nicht
tugendhaft handelt.
3
Die
partikulare
Gerechtigkeit ist für Aristoteles - im Gegensatz zu der
allgemeinen
- staatlichen
Gerechtigkeit - die Behandlung des Einzelnen und dessen Verhalten. Zum Beispiel kann einem Bürger mehr,
weniger oder gleich viel Ehre bzw. Geld zuerkannt werden wie einem anderen. Hier sorgt die partikulare oder
partielle Gerechtigkeit für Ausgleich. Dann gibt es den freiwilligen Verkehr von Gütern und den unfreiwilligen.
Der freiwillige ist durch Verträge festgelegt (Miete, Kauf, Bürgschaft), wobei der unfreiwillige normalerweise ohne
gegenseitiges Einverständnis vonstatten geht (Diebstahl, Ehebruch, Freiheitsberaubung). Diese individuellen
Fragen werden durch die partikulare Gerechtigkeit geregelt.
Die
austeilende
Gerechtigkeit sorgt dafür, dass den betroffenen Personen Strafe und Vergütung im
angemessenen Maß zukommen, d.h. Niemand soll Etwas bekommen, was für seine Situation zu viel oder zu wenig
Strafe oder Ersatz ist.
Die
ausgleichende
Gerechtigkeit beschäftigt sich damit, die durch eine Straftat aufgekommene
Ungleichheit wieder rückgängig zu machen, d.h. dem Täter seinen Vorteil zu nehmen und dem Opfer eine
Entschädigung zukommen zu lassen.
Tugend bei der Stoa und im Christentum
Die Stoiker gingen davon aus, dass nur der Mensch über Vernunft verfügt und damit die göttlichen Gesetze
erkennen und befolgen kann. Glückseligkeit im Sinne der Stoa ist die Harmonie des Menschen mit der Natur. Da
der Mensch ein Teil der Natur ist, ist diese Harmonie gegeben, sobald er den Naturgesetzen folgt und die
gleichen Ziele wie die Natur anstrebt.
Tugend zeigt sich im Willen, mit der Natur übereinzustimmen.
Der Stoiker lässt sich nicht von Gefühlen und Leidenschaften oder Affekten leiten, sondern handelt, indem er
sich von der Vernunft leiten lässt und kein Mitgefühl empfindet. Der Zustand der Leidenschaftslosigkeit
(
apatha
) ist das Ziel der Tugend, die unabhängig von der Lebenssituation oberste Handlungsmaxime bleibt, weil
sie Glückseligkeit
gewährleistet
. Der Stoiker hilft, aber er kennt keine Anteilnahme oder Erregung. Nach der Lehre
der Stoa ist die Tugend das
einzige Gut des Menschen
.
Die Stoiker haben den Gedanken der Humanität aufgegriffen und weiterentwickelt bis zur Nächstenliebe, sie
sehen jeden als Menschen an, kennen Freundschaft und Liebe, die jedoch nicht so weit fortschreiten darf, dass
das Unglück eines Freundes die eigene Ruhe stört.
Seneca: Von der Tugend als dem höchsten Gut
Seneca sieht die Tugend als absolut und unveränderlich an, das Gute ist tugendhaft, nicht bequem. Es ist ein
Übel, bei einem Gastmahl zu liegen und ein Gut, gefoltert zu werden, wenn Letzteres tugendhaft und Ersteres
nicht tugendhaft geschieht. Die Tugend macht die Dinge gut oder schlecht, die Handlung selbst ist unwichtig.
Der
Glücklichste
ist derjenige, der seine Tugend unter den
schlimmsten
Bedingungen beweist, wenn es der Preis
einer tugendhaften Pflicht ist, denn gut - und damit tugendhaft zu sein - ist ihm
wichtiger
als glücklich zu sein.
Die Tugend überragt alles Andere und macht damit körperliche Empfindungen unwichtig, solange der Geist stark
bleibt. Das Ziel seiner Philosophie ist der Sieg über Habsucht, Ehrgeiz und Todesfurcht, nicht über andere Völker,
weil diejenigen, die andere Völker besiegen, vor eben diesen Dingen nicht geschützt sind.
Tugend im Christentum
Im Gegensatz zu der Philosophie der antiken Philosophen, die die Stärke des Wissens preisen, sagt die christliche
Ethik, dass der Mensch
schwach
und das Böse
stark
ist. Die einzige Rettung des Menschen kann Gott sein. Die
christliche Kirche hat Platons Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Tapferkeit und Weisheit aufgenommen
und durch Glaube, Hoffnung und Liebe erweitert. Später wurden sie durch zwischenmenschliche Tugenden wie
z.B. Nächstenliebe erweitert. Tugendhaftigkeit bestand vor allem darin, die
Gesetze
Gottes zu
befolgen
. Der
Glaube war
wichtiger
als Tugend, und
nicht zu sündigen
damit tugendhaft.
Das Christentum wurzelt im Judentum, und da tugendhaftes Verhalten nicht auf der Erde vergolten wurde, es
jedoch keine Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes gab, kam der Glaube an die Entlohnung im Jenseits, und damit
an die Unsterblichkeit auf.
Demut ist allerdings eine rein christliche Tugend, die bereits 109 bis 107 v. Chr von einem Pharisäer beschrieben
und später von Jesus in der Bergpredigt als
Gebot
bezeichnet wurde.
4
Bürgerliche Tugenden
-
Die Gefahr des
Missbrauchs
von Tugenden
Im 16. Jahrhundert aufgekommen bestimmten die bürgerlichen Tugenden
Ordnungsliebe, Sparsamkeit,
Gehorsam, Pünktlichkeit
und
Reinlichkeit
im 18. und 19. Jahrhundert weitgehend das gesellschaftliche
Verhalten und blieben größtenteils bis heute erhalten. Ursprung war der Aufstieg des Bürgertums nach der
französischen Revolution. Der Pietismus verstand sich als Liebesgemeinschaft frommer Christen und führte vor
allem die aktive Nächstenliebe, z.B. durch die Errichtung von Waisenhäusern ein. Die Aufklärung zielte auch auf
Handeln ab, als Konsequenz kritischen Denkens und um das Zusammenleben in der Gesellschaft zu verbessern.
Mit der Bildung des Bürgertums wurde es selbstständiger und schuf eigene Werte und Tugenden. Diese
Tugenden wurden sogar in "moralischen Wochenschriften" veröffentlicht und langsam entwickelte sich ein
einheitlicher Tugendkatalog. Die bürgerlichen Tugenden waren vor allem
wirtschaftlich-ökonomische
Tugenden,
die vom Bürgertum aus seiner finanziell schwachen Lage heraus aufgestellt worden waren und von der Mehrheit
der Intellektuellen propagiert wurden. Ein Problem der bürgerlichen Tugenden war, dass sie oft
über andere
gestellt wurden und damit
wichtige Tugenden
wie
Hilfsbereitschaft, Besonnenheit
und
Nächstenliebe
verdrängten. Höffe spricht von einer
Verschiebungsgefahr
der manche frühere Erziehung zum Opfer fiel. Heute
zählen diese Werte als
Sekundärtugenden
und haben immer noch einen hohen erzieherischen Wert.
Um eine Überbewertung der bürgerlichen Tugenden zu vermeiden, sollte man sie im Zusammenhang mit anderen
- übergeordneten - betrachten. Die Kardinaltugenden sind sozusagen die Aufhängung des Tugendkataloges,
zusammen mit einigen anderen wie Nächstenliebe oder Ehrfurcht vor dem Leben. Diese Tugenden sind
Selbstzweck,
während die bürgerlichen auf
spezielle Ziele
ausgerichtet werden müssen. Ordnung und
Pünktlichkeit sind keine Garantie für gute Taten, wie die Jahre 1933 - 1945 in Deutschland gezeigt haben. Rudolf
Höss, Kommandant in Auschwitz war im privaten Bereich ein ordentlicher Bürger dessen Aufzeichnungen
Pflichtbewusstsein, Naturverbundenheit
und
Tierliebe
auflisteten. Dies zeigt, dass bürgerliche Tugenden
instrumentelle
Tugenden sind, deren Ziele - sofern man sich in manchen Zusammenhängen überhaupt noch des
Wortes ,,Tugend" bedienen kann - immer wieder neu überprüft werden müssen. Diese Fehlanwendungen der
Tugenden und ihr Missbrauch durch die NSDAP brachten den Begriff Tugend in Verruf, so dass heutzutage oft
nur noch sarkastisch oder abwertend über sie gesprochen wird, obwohl sie ihre Bedeutung noch nicht verloren
haben.
Die Bestimmung tugendhaften Verhaltens
Kant schreibt in seinem Buch ,,Metaphysik der Sitten", dass die Tugend ,,immer ganz neu aus der Deckungsart
hervorgehen" soll, d.h. dass die Tugenden nicht steif, sondern flexibel sein sollten, um den Situationen
angepasst werden zu können.
Der erste Teil nennt sich
die
Pflichten des Menschen gegen
sich selbst
. Die erste davon ist die Selbsterhaltung,
d.h. Selbstmord und Selbstverstümmelung sind Verbrechen. Danach führt er die
Wahrhaftigkeit
und
Selbstachtung
an, die Laster, Lüge, Geiz u.a. ausschließen, dann die richterlichen Pflichten über sein eigenes
Gewissen und die Religionspflicht, die den Menschen göttliche Gebote zur Pflicht macht. Das wichtigste Gebot
Kants ist:
"Erkenne dich selbst,... ob dein Herz gut oder schlecht ist."
Im zweiten Teil beschäftigt Kant sich mit den Pflichten gegen
andere
Menschen. So sind die Pflichten der Liebe
die Wohltätigkeit, Dankbarkeit und Anteilnahme, während die Pflichten der Achtung die Aussage: "Mensch sein
ist Würde" oder einfache Freundschaft mit sich bringen. Zu guter Letzt führt er noch Umgangstugenden an, die
das menschliche Zusammenleben erleichtern.
Kants Ethik ist allerdings keine strenge Sittenlehre, sondern er geht davon aus, dass der Mensch seine Pflicht
glücklich und zufrieden erfüllen kann, dabei aber den Anspruch auf Glückseligkeit aufgeben soll, denn diese zu
fördern kann
keine
Pflicht sein.
Tugenden heute
Tugend ist ein Grundbegriff der Ethik, und trotz des in heutigen Tagen immer unbeliebteren Ausdruckes sehr
wichtig für das menschliche Zusammenleben. Sie ist das Ideal der Selbsterziehung und schränkt weder den
Lebenswandel noch die Freiheit des Einzelnen ein, bringt jedoch gewis se Notwendigkeiten und Verzichte mit
sich.
Tugend ist eine durch Naturanlage, einsichtige Entscheidung und Gewöhnung vermittelte Haltung sittlichen
Wollens und Handelns.
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