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Liebe, Macht und Korruption - ein Bürgerradio im bolivianischen Amazonas

Forschungsarbeit, 2000, 138 Seiten
Autor: Clemens Grün
Fach: Ethnologie / Volkskunde

Details

Kategorie: Forschungsarbeit
Jahr: 2000
Seiten: 138
Note: 2,0
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V10420
ISBN (E-Book): 978-3-638-16848-9

Dateigröße: 3403 KB
Anmerkungen :
Intrigen, Macht, Vetternwirtschaft, Schönheitskult, Hexerei, Demokratisierung, die Einsamkeit des Forschers und die ganz eigenen Gesetze des Dschungels... Ein Projekt im Rahmen des ASA-Programms der Carl-Duisberg-Gesellschaft: Sechs Monate Medienpädagogik, Entwicklungspolitik, Feldforschung, Reisen und Abenteuer während des bolivianischen Kommunalwahlkampfes 1999; zahlreiche Abbildungen und Fotos.3,6 MB



Textauszug (computergeneriert)

 

Bericht zur
Lehrforschung
"Radio Popular"

Liebe, Macht und Korruption in einem Dschungeldorf
im bolivianischen Amazonas

August 1999 bis Februar 2000

Clemens Grün

Inhalt

0. Vorwort S. 7

1. Orientierung S. 13
1.1. Vom Fischerdorf zum Touristenzentrum - Geschichte und 
Gegenwart
1.2. Liebe, Macht und Korruption - Akteure

2. Politik und Machtdiskurs S. 23
2.1. Dr. Langfinger und die Schönheitsköniginnen - Soziale Hierarchie 
und Konflikte
2.2. Heiliger Bimbes - Religiosität
2.3. Opfer und Täter - Frauen
2.4. Freibier und Volksmusik - Parteien
2.5. Messerstecher und Revolverhelden - Institutionen und Recht
2.6. Horrortrip Fernreisen - Mobilität
2.7. Klatsch, Tratsch und Intrigen - Vertrauen
2.8. Landei oder Weichei? - Kulturelle Identität

3. Das Projekt S. 71
3.1. Vom Heuschober Ausbildung ins World Wide Web und Öffentlichkeits-
arbeit
3.2. Lehrer, Künstler, Krankenschwester Die Aktivisten
3.3. Kommunikation, Politik, Bildung Evaluation
3.4. Holzwege und Fallgruben Die Entwicklungshelfer
3.5. Die Mühen der Ebene Konsolidierung und Probleme
3.6. Nachgefragt Medien und Gesellschaft
3.7. Den Beruf nicht mit seiner Militanz verwechseln Politik und Medien

4. Resümee S. 115

5. Anhang: Ausblick S. 121
5.1. Kommunikation und Ökostrom Konzeptionelle Überlegungen
5.2. Was will das Radio erreichen? Ziele des Projekts
5.3. Welche Aufgaben erfüllen die Mitarbeiter des Radios? Jobprofile
5.4. Schreie aus dem Urwald Geplantes Programmschema

6. Literatur S. 133


O. Vorwort
Jeder Ort besitzt seine Eigenheiten, die in seiner Klarheit nur derjenige begreift, der sie mit der Distanz des Fremden betrachtet. Das Missverständnis im interkulturellen Diskurs fungiert dabei als Scharnier und Schlüssel für das Verständnis des „anderen“. Da ist zum einen die voneinander abweichende Interpretation von Termine in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. In den Redaktionssitzungen unseres Radioprojekts entspannten sich aber auch immer wieder aufschlussreiche Diskussionen zwischen einheimischen reporteros und deutschen Stipendiaten, die grundlegend unterschiedliche Denkschemata offenbarten.

Eben diese Missverständnisse, man könnte sie mit Elwert „Fettnäpfchen“1 nennen, gehören zu den wichtigsten Informationsquellen für den Feldforscher. Sozialanthropologische Forschung ist per se gesellschaftsvergleichend, da jeder Forscher eine fremde Gesellschaft mit dem ihm eigenen Reverenzsystem betrachtet und das besondere, bemerkenswerte am Fremden erst im Vergleich mit der eigenen herausarbeiten kann.

Der reisende Forscher nennt aber noch ein weiteres Privileg sein eigen: Er entdeckt eine fremde Welt wie ein Kind: naiv, ohne gesicherte Informationen darüber, was ihn erwarten wird. Und er durchläuft, um die Analogie fortzuführen, während seines Aufenthaltes gleichsam eine ganze Sozialisation, die jenem vorsichtigen Vorantapsen und Weltentdecken des Neugeborenen in nichts nachsteht, außer dass sie sich in einem viel kürzeren Zeitraum vollzieht. Trotz der Kürze, der Flüchtigkeit des Blicks auf die fremde Kultur, muss dieser nicht oberflächlich bleiben. Das subjektive Gefühl einer erhöhten Sensibilität und Intensität des Erlebens, das jeder Reisende kennt, geht einher mit der hohen Effizienz wissenschaftlichen Arbeitens in der Fremde.

Nichts nimmt der Forscher mit mehr Aufmerksamkeit zur Kenntnis, als das unmittelbar Neue und Erstaunliche. Diese Phase des ungerichteten Sammelns von Auffälligkeiten ist vielleicht die wichtigste während der gesamten Forschung. Taucht der Forscher tiefer in die von ihm beobachtete Kultur ein, so wird das Neue zu Bekanntem, das Erstaunliche zum Alltag. Er wird nun deutlich weniger Daten erheben können. Es beginnt die Phase der Datensicherung. Das analytische Heranziehen von auf Erfahrung beruhenden Vergleichsgrößen erlaubt es dem Forscher, das Gesehene in eine Ordnung zu bringen. Er beginnt, Thesen über das von ihm Beobachtete anzustellen und überprüft diese Thesen fortan an der Wirklichkeit.

Ohne seine analytische Distanz wäre es dem Forscher gar nicht möglich, zwischen dem zu unterscheiden, was in der beobachteten Gesellschaft gang und gäbe ist und dem, was einem als Person im besonderen zuteil wird, einem persönlich, dem Ausländer, dem Fremden, dem Lehrer, dem Türenöffner, dem Geheimnisvollen, dem lästigen oder willkommenen Fragensteller. Ich für meinen Teil halte es für wenig wünschenswert, aus einem falsch verstandenen Objektivitätsanspruch eine Trennung vorzunehmen zwischen dem Erleben als Forscher und jenen als Privatperson, sich persönlichen Bindungen mit den Einheimischen zu entziehen oder gar zu versuchen, die Tatsache der eigenen Präsenz im Forschungskontext zu verleugnen.

Ich habe zu jedem denkbaren Zeitpunkt der Versuchung widerstanden, mich unsichtbar zu machen, mehr noch: Ich habe keine Gelegenheit ausgelassen, in die von mir beobachtete Wirklichkeit einzugreifen, sie zu beeinflussen und zu verändern. Das lag gewiss auch an meiner Position im Dorf, die mir in der Regel eine andere Rolle auferlegte, als diejenige des stillen Beobachters. Ich gehöre aber auch nicht zu derjenigen Spezies, die die Auffassung vertreten, das bewusste Einbringen der eigenen Persönlichkeit in den Prozess der Beobachtung widerspräche jeglichem Postulat von Wissenschaftlichkeit.

Im Gegenteil: Ich halte es für ein Privileg, innerhalb einer Gesellschaft einen Platz zugewiesen zu bekommen, auf dem man einer bestimmten Erwartungshaltung ausgesetzt ist. Erlaubt es einem doch eine Interpretation von Situationen, die man als Außenstehender womöglich gar nicht durchschauen würde. Mehr noch: Es gibt einem Gelegenheit, bestimmte Situationen erst zu kreieren, sie eigenmotiviert und gleichsam spielerisch mal in die eine, mal in die andere Richtung zu lenken, um eine Art von Datensammlung anzulegen, die es ermöglicht, das Leben der beobachteten Gemeinschaft aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.

Wer hat einen besseren Einblick ins weihnachtliche Wohnzimmer, als der studentische Gabenbringer? Wer erfährt mehr über das Verhältnis der Menschen zu ihren Autoritäten, als der zum König ernannte Fremde in einem afrikanischen Dorf? Wer bringt mehr über das Liebesleben der Bewohner einer Stadt in Erfahrung, als derjenige, der daran teilnimmt? Informationen aus erster Hand sind das, die nur einer entsprechenden Interpretation bedürfen, um zum unverzichtbaren Bestandteil der wissenschaftlichen Betrachtung zu werden.

Schon Freud wusste, dass eine der wichtigsten Voraussetzungen für menschliches Handeln seine Motivation darstellt. Nun ist Motivation nicht immer erfragbar und noch seltener unmittelbar sichtbar. Sehr wohl ist sie aber erfahrbar, nämlich dann, wenn man, selbst zum Teil des Lebens einer Gemeinschaft geworden, in Konstellationen, Situationen, Konflikte gerät, die Teil des Lebens dieser Gemeinschaft sind, und entweder unabhängig vom eigenen Status in dieser Gemeinschaft als zuverlässige Daten bewertet werden können oder unter Einbeziehung desselben in die Analyse.

Zudem kann auch die Art und Weise, wie sich eine Gemeinschaft dem Fremden gegenüber verhält, ein Schlüssel sein zu fundamentalen Erkenntnissen über diese Gemeinschaft, zumal wenn hier die Erfahrung des Fremden eine Alltagserfahrung ist, die das Leben der Menschen nachhaltig prägt.

Eine wichtige Informationsquelle der vorliegenden Arbeit lag, wie das angesichts unserer Tätigkeit in einem Bildungsprojekt nicht anders zu erwarten ist, in den Lehrgesprächen. Wie wird in dieser Weltgegend Wissen vermittelt, wie reagieren die Menschen in Lehrsituationen, auf welche Weise eignen sie sich Wissen an und über welches Wissen verfügen sie? Insbesondere über die letzten drei Punkte verfügen wir über  Daten aus erster Hand, da ein großer Teil unserer Arbeit vor Ort in eben solchen Lehrgesprächen bestand, wobei wir in aller Regel die Position der Lehrenden innehatten. (Was uns nicht davon abhielt, in solchen Situationen auch immer wieder die Position des Schülers und/oder des teilnehmenden Beobachters einzunehmen.)

Eine wichtige Rolle spielte auch die teilnehmende Beobachtung. Wobei mir sowohl die Eingebundenheit in das Projekt, als auch die fünfmonatige Präsenz im Projektgebiet nicht nur erlaubte, das Leben der Menschen zu beobachten, sondern auch, ganz im Sinne Malinowskis2, wirklich daran teilzuhaben. Dass mir genau dieser Aspekt andererseits jegliche „neutrale“ Beobachterposition unmöglich machte, sehe ich, wie bereits erwähnt, nicht als Mangel an, sondern im Gegenteil als Chance zum Erschließen eines weiteren Gegenstands meiner Forschung: mir s elbst nämlich, als Forscher, Projektleiter und vorübergehend einzigem anerkannten Vertreter der Dorfpresse. (s. a. Abschnitt „Akteure“)

Ein viertes wichtiges Element meiner Arbeit, das in engem Zusammenhang steht mit den Lehrgesprächen, war die partizipative Methode. Der lluvia de ideas (span. = “Ideenregen“), das Brainstorming gehörte nicht nur zu den wichtigsten Methoden des von uns gestalteten Unterrichts, sondern war auch eine unerschöpfliche Informationsquelle für meine sozialanthropologische Arbeit. Eben jene mit offenen Vorgaben auf der Grundlage der Ideen der Teilnehmer entwickelten Konzepte waren bestens dazu geeignet, die Relevanzstruktur der Menschen, mit denen wir gearbeitet haben, zu ergründen.

Hierzu zähle ich auch meine theaterpädagogische Arbeit, bei der ich mit Elementen von Improvisationstheater und Social Drama3 hantiert und die Intuition der Teilnehmer herausgefordert habe. Schließlich waren mir die subjektiven Landkarten, bei denen wir an Einheimische aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten mit der Bitte herantraten, ihr soziales Aktionsfeld zu visualisieren, eine hervorragende Informationsquelle bei der Analyse von Mobilität und Kommunikationsstrukturen in der Region. 4

Eine weitere wichtige Quelle meiner Forschung waren die unzähligen Interviews, die wir im Zuge unserer Arbeit für das Radioprojekt geführt haben. Die Datensammlung nahm dabei alle journalistischen Formen an, sie reichte vom Leitfadeninterview über die quantitative Datenerhebung bis hin zur Straßenumfrage.

Letztere dient im journalistischen Bereich zum Herstellen eines „Stimmungsbildes“, wobei es niemals um Repräsentativität, sondern immer um das Gegenüberstellen unterschiedlicher Argumentationen geht. Dieses für wissenschaftliche Untersuchungen besonders untypische Instrument wird erst dann zur wissenschaftlichen Methode, wenn es gelingt, eine eingegrenzte Befragtengruppe zu definieren. Weil wir relativ sichere Aussagen darüber treffen können, welche Art von Personen sich zu welcher Zeit an welchem Ort aufhält, kommen Ort und zeitlicher Dimension der Befragung eine besondere Bedeutung zu.

Mit Begriffen wie „einkaufender, flanierender Bevölkerung“ ist es dabei nicht getan. Dahingegen wissen wir bei einer „Umfrage unter Marktfrauen“, dass es wir es fast nur mit Colla-Frauen zu tun haben, eine Umfrage vor dem Eingang zu den Wahllokalen erfasst immerhin den „wählenden Teil der Bevölkerung“, eine Gruppe, der wir bestimmte Attribute zuschreiben können, die uns bei der Interpretation der erhobenen Daten nützlich sind.

Bei meiner gesamten Untersuchung durfte ich mich eines Privilegs erfreuen, das sonst nur arrivierten Wissenschaftlern zuteil wird: einer Schar von kompetenten Assistenten nämlich, unseren Reporterschülern, die unermüdlich für das Radioprogramm und damit letztlich auch für meine Forschung Daten über alle wichtigen Grundsatzthemen sozialanthropologischer Betrachtung (Geschichte, Religion, Politik, Wirtschaft, Kultur, Kommunikation, Gender und Verwandtschaft) sammelten und zu kommentieren wussten.

Da wir mit Vertretern aller Altersklassen und ethnischen Gruppen beiderlei Geschlechts gearbeitet haben, bleibt der kreuzperspektivische Ansatz grundsätzlich gewahrt. Der naturgemäß eingeschränkte Zugang eines männlichen Forschers zum weiblichen Teil der zu untersuchenden Gesellschaft wurde durch mein häufiges gemeinsames Auftreten mit meiner Projektpartnerin entschärft.

Meine emotionale Bindung zu unserer Reporterschülerin Elena brachte mir zwar viel Ärger ein (s. Abschnitt „Akteure“ u.a.). Insofern scheint das Barthsche Askesedogma – Bloß keine Affären!5 - durchaus seine Berechtigung zu haben. Was den Zugang zu weiblichen Quellen betraf, erwies sich eben jene Bindung aber geradezu als glückliche Fügung. Neben der mit ihr verbundenen engen Beziehung zu weiteren Mitgliedern der Familie (Ela, Mo ises u.a.), schien sich mir ein ganzes Universum von Informantinnen zu öffnen (Zulma, Consuelo, Maria u.a.), als diese Affäre mit der Freundin eines Rathausmitarbeiters wochenlang zum Gegenstand von Klatsch und Tratsch des ganzen Dorfes wurde, eines Mediums also, dem sich vor allem die Frauen bedienen.

Dass in den Fußnoten der vorliegenden Arbeit dennoch überwiegend Männer als Informanten aufgeführt werden, mag zum einen mit meiner Fragestellung zu tun haben, die ihren Fokus auf einen offensichtlich hauptsächlich von Männern beherrschten Kosmos richtete. Zudem war ich ob meines Forschungsgegenstandes häufig auf Informationen angewiesen, die mir nur unter dem Mantel der Vertraulichkeit zugänglich gemacht wurden.

[...]


1 Elwert 1994

2 Malinowski 1979, S. 29

3 nach Methoden von Boal 1980 u.a.

4 Nicht Himmelsrichtungen, sondern geographisches Gefälle prägen z.B. das räumliche Vorstellungsvermögen der Esse-Eja. Der in den südwestlichen Bergen gelegene Abschnitt des Beni findet sich demzufolge auf der von Häuptling Alberto Torres gezeichneten Karte oben, der flussabwärts gelegene Abschnitt unten.

5 Barth 1977


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