Seminararbeit, 2001, 17 Seiten
Autor: Rudi Ivancsits
Fach: Ethik
Details
Institution/Hochschule: FH f. Infomanagement Eisenstadt
Tags: Panopticon, Informationsethik
Jahr: 2001
Seiten: 17
Note: 1
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-03962-3
Dateigröße: 211 KB
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INFORMATIONSBERUFE
Seminararbeit
zum Thema
Das Panopticon
Ein System der Machterhaltung in modernen Informations-
gesellschaften
für das Seminar
Informationsethik
LV-Leitung: Mag. Dr. Fitz Betz
am FHS Informationsberufe, Eisenstadt
vorgelegt von:
Rudi Ivancsits
Inhalt
1. EINLEITUNG
3
2. DAS PANOPTICON
4
2.1 CHARAKTERISTIKA DES PANOPTICONS
5
2.2 FRAGESTELLUNGEN
6
2.3 DIE AUSBREITUNG VON PANOPTISCHEN TECHNOLOGIEN
7
2.4 DAS PANOPTICON HEUTE: EINE METAPHER FÜR DIE DISZIPLINARMACHT
9
2.5 DIE REALITÄT WIRD VIRTUELL 10
2.6 GEDANKENEXPERIMENT 11
2.7 ,,BIG BROTHER IS WATCHING YOU" 13
3. ZUSAMMENFASSUNG 14
LITERATURVERZEICHNIS 16
PRIMÄRLITERATUR 16
SEKUNDÄRLITERATUR 16
ONLINE QUELLEN
16
Inhalt
Seminararbeit f.d. LV Informationsethik Rudi
Ivancsits
Das Panopticon
3
1. Einleitung
In regelmäßigen Zeitabständen berichten Medien über neue, revolutionäre Möglichkeiten
moderner Informationstechnologien. So ist beispielsweise im Kurier vom 4. Dezember 2001
auf Seite 20 über eine Software zu lesen, welche es der Exekutive ermöglichen soll, mittels
Gesichtserkennung jagt auf Kinderschänder zu machen. Eine Erfindung, die auf den ersten
Blick dem Wohle der Gesellschaft dient und damit seine Legitimation erhält. Wirft man
aber einen zweiten, kritischeren Blick auf diese Technologie, so liegt der Schluss nahe, dass
diese Existenzberechtigung für Überwachungssysteme oft voreilig erteilt wird, da man sich
über mögliche Konsequenzen des Missbrauchs dieser Technologien noch nicht klar sein
kann.
Im Zuge des Seminars Informationsethik habe ich mich eingehend mit den Möglichkeiten
moderner Kontrolltechnologien und deren Bedeutung für die Machterhaltung moderner
Staaten auseinandergesetzt. In dieser Seminararbeit werde ich die Idee hinter der historisch
bedeutendsten Überwachungsarchitektur, dem ,,Panopticon" von Jeremy Bentham, sowie die
Transformation dieser Idee durch die Entwicklung immer neuer Technologien beschreiben.
Schließlich werde ich noch aktuelle Entwicklungen und Trends für ein ,,digitales
Panopticon", oder auch ,,Superpanopticon" (Wunderlich, 1999:362) genannt, aufzeigen.
Dabei werde ich zum größten Teil auf Werke von Michel Foucault, Stefan Wunderlich und
Reg Whitaker eingehen.
Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass sich bei der Auseinandersetzung mit diesem
Thema zuweilen ein negatives Bild von Fortschritt und der für die Aufrechterhaltung der
Ordnung nötigen exekutiven Maßnahmen ergibt. Dieser Pessimismus soll aber nicht als
,,Schwarzmalerei", also ein schlecht machen der technologischen Weiterentwicklung der
Menschheit verstanden werden. Ich möchte mit dieser Arbeit viel mehr beide Seiten der
Anwendung von Kontrolltechnologien darstellen und mögliche Konsequenzen in das Be-
wusstsein des Lesers rufen. Ziel soll es sein, Schlagzeilen wie diese: ,,Software jagt Kinder-
schänder" (Kurier, Nr. 334, 4. Dezember 2001, S.20), nicht gedankenlos zu überlesen, son-
dern die Welt, in der Überwachung allgegenwärtig geworden ist, mit offenen Augen zu
sehen. Tatsächlich haben wir, die Bewohner dieser ,,Überwachungsgesellschaften" gelernt,
das wachsame Auge des ,,großen Bruders" (wie die staatliche Überwachungsmacht in dem
Werk ,,1984" von dem Schriftsteller George Orwell genannt wird) zu akzeptieren.
Einleitung
Seminararbeit f.d. LV Informationsethik Rudi
Ivancsits
Das Panopticon
4
2. Das Panopticon
Im Jahre 1787 stellt der englische Utilitarist1 Jeremy Bentham (1748-1832) einen
architektonischen Entwurf für ein Gefängnis vor. Das Panopticon2 ist
,, ... an der Peripherie ein ringförmiges Gebäude; in der Mitte ein Turm, der von breiten
Fenstern durchbrochen ist, welche sich nach der Innenseite des Rings öffnen; das Ringgebäude
ist in Zellen unterteilt, von denen jede durch die gesamte Tiefe des Gebäudes reicht; sie haben
jeweils zwei Fenster, eines nach innen, das auf die Fenster des Turms gerichtet ist, und eines
nach außen, so daß die Zelle auf beiden Seiten von Licht durchdrungen wird. Es genügt demnach,
einen Aufseher im Turm aufzustellen und in jeder Zelle einen Irren, einen Kranken, einen
Sträfling, einen Arbeiter oder einen Schüler unterzubringen. (Foucault, 1991:256)."
Mit dem Panopticon wird ein für diese Zeit unverzichtbar erscheinendes Prinzip für ein Ge-
fängnis umgekehrt. War es früher üblich, Verbrecher aus der Gesellschaft zu verbannen und
in dunkle Verließe zu sperren, so ist dies in einem nach dem panoptischen Prinzip aufge-
bauten Gefängnis anders. Dazu der französische Philosoph Michel Foucault (1991:257):
,,Das Prinzip des Kerkers wird umgekehrt, genauer gesagt: von seinen drei Funktionen
einsperren, verdunkeln und verbergen wird nur die
erste aufrechterhalten ... ."
Die möglichen Anwendungsgebiete des Panopticon
sind aber nicht auf ein Gefängnis beschränkt. Nach
Foucault kann diese Architektur eines
Mehrzweckgebäudes zur Effizienzsteigerung und
Disziplinierung auch für Krankenhäuser,
Irrenanstalten, Schulen und Fabriken angewendet
werden: ,, ... handelt es sich um Kranke, besteht keine
Ansteckungsgefahr; sind es Irre, gibt es kein Risiko
gegenseitiger Gewalttätigkeiten; sind es Kinder, gibt
Abb. 1: Das Panopticon
es kein Abschreiben ... handelt es sich um Arbeiter,
gibt es ... keine Zerstreuungen, welche die Arbeit verzögern ... (Foucault, 1991: 257)"
Das Panopticon Benthams wurde niemals realisiert, dennoch wurden Gefängnisse und Ir-
renanstalten (z.B.: der Ringtum in Wien) gebaut, bei welchen seine Grundprinzipien An-
wendung fanden.
1 Als Utilitaristen werden Vertreter einer Denkrichtung bezeichnet, die vom ,,Nützlichkeitsstandpunkt"
ausgehen, wonach der Zweck allen menschlichen Handelns in dem Nutzen liegt, der für die Gemeinschaft
geschaffen wird.
2 Siehe Abbildung 1, Quelle: http://www.dnai.com/~mackey/thesis/panopticon.gif
Das Panopticon
Seminararbeit f.d. LV Informationsethik
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Das Panopticon
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2.1 Charakteristika des Panopticons
Für Foucault (1991:258ff) sind es vier Mechanismen, welche das Panopticon so revolutionär
und beispielhaft für moderne Informationsgesellschaften machen:
1. Sichtbarkeit:
Für den Wächter im Turm sind die Insassen sichtbar, er ist für sie unsicht-
bar. Die Schaffung dieses permanenten Sichtbarkeitszustandes beim Gefangenen stellt damit
das automatische Funktionieren der Macht sicher.
2. Individualisierung:
während in älteren Kerkerarchitekturen die Überwachten ein
potentiell bedrohliches Kollektiv darstellten, schafft die Architektur des Panopticons eine
Situation der Vereinzelung und ermöglicht, dass immer weniger Personen Macht über
immer mehr ausüben.
3. Internalisierung:
da die Gefangenen den Wächter im Turm nicht sehen können, ist es
nicht notwendig, dass er wirklich anwesend ist. Durch das System des Lichtes (Licht durch-
strömt die Zelle bei Tag und Nacht) sowie der Kommunikationsröhren (durch welche der
Insasse Anweisungen erhält) wird die Illusion der ständigen Überwachung geschaffen. Der
Wächter wirkt omnipräsent und bekommt dadurch fast göttliche Eigenschaften.
4. Anonymität:
für das Funktionieren des Panopticons ist es unwichtig, wer die Gefangenen
überwacht. Der Machthaber ist nicht die Person, die im Turm sitzt, sondern die anonyme
Überwachungsmaschinerie der Architektur.
Reg Whitaker, Professor für Politologie an der Universität Toronto, stimmt in seinem
Werk ,,Das Ende der Privatheit" (1999:47ff) mit Foucault überein, dass diese Eigenschaften
das Panopticon zu einer Art Theater machen, deren Sinn Disziplinierung und Abschreckung
ist. Durch die Angst vor Bestrafung werden die schweren Gittertore im panoptischen Ge-
fängnis überflüssig. Bentham war aber auch vom erzieherischen Wert der Einrichtung für
die ganze Gesellschaft überzeugt und plante die Einrichtung Besuchern zur Schau zu stellen.
Nach Whitaker (1999: 49) ist die ,, ... Idee des Panopticons keine praktisch anwendbare
Blaupause, wohl aber eine glänzende Metapher für Macht in modernen Gesellschaften.".
Wie bereits bei der Internalisierung, einer der Charakteristika des Panopticons, ange-
sprochen, bekommt der Wächter im Zentrum der Anlage göttliche Eigenschaften. Auch
Whitaker (1999: 49) sieht im Panopticon die Illusion eines unsichtbaren Gottes, da der Auf-
seher sieht ohne gesehen zu werden. ,,Die Vorstellung, dass der Mensch als Einzelwesen
oder auch als Kollektiv ,überwacht′ wird (oder werden kann), ist ... tief in der
abendländischen Kultur verwurzelt. Das christliche Bild eines allwissenden, weil alles se-
Charakteristika
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Rudi Ivancsits
Das Panopticon
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hendes Gottes ist die religiöse Variante einer umfassenden prüfenden Beobachtung, die ... bei
Begehung von Missetaten konsequenzenreiche Sanktionen erlaubt. (Nogala, 2000:
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/8988/1.html)".
Die Eigenschaften von Benthams Überwachungsarchitektur beruhen im Endeffekt aber auf
einer Illusion: ,,Im Grunde genommen ist das Panopticon ... nichts weiter als ein Taschen-
spielertrick. (Whitaker, 1999:50)"
2.2 Fragestellungen
Nach der Vorstellung der Hauptmerkmale des Panopticons setzt zunächst Erstaunen über
seine vielfältigen Möglichkeiten der Machtausübung ein. Klingt diese aber ab, kommen
zahlreiche Fragen auf. Es liegt bekanntlich in der Natur des Menschen, nach Weiterent-
wicklung zu streben (damit verbunden ist natürlich auch die vermeintliche Neugierde der
Menschheit). Dementsprechend hätte es mit großer Wahrscheinlichkeit Gefangene im pan-
optischen Gefängnis gegeben, die den ungewissen Zustand (Überwachung ja oder nein) und
die damit verbundene Unterwerfung nicht akzeptiert hätten. Die logische Frage lautet
daher:
Was geschieht, wenn sich ein Insasse im Panopticon wiederholt der Macht
widersetzt?
Entsprechend der ursprünglichen Idee von Bentham, sollten einige Vergehen zunächst un-
geahndet bleiben, der Insasse schließlich aber doch bestraft werden. Man wollte dadurch
demonstrieren, dass der Wärter alles sieht, es aber in seiner Macht steht wann und wo er
welche Vergehen ahndet. Durch die Internalisierung dringt die Überwachungsmaschinerie
mittels Automatisierung beinahe in die Köpfe der Gefangenen ein. Whitaker ist der
Meinung, dass die Annahme Benthams, Überwachung allein, also ohne Zwang, würde die
Insassen gefügig machen, ein Irrtum ist. ,, ... Fügsamkeit beruht letzten Endes auf der An-
drohung von Gewalt. (Whitaker, 1999:50)". So kommt Whitaker (1999:51ff) zu dem Schluss,
dass das Panopticon, aufgrund des immer wieder beobachteten Widerstandes der unter
Kontrolle stehenden Personen, ein umstrittenes Konzept darstellt.
Eine weitere Frage tut sich auf:
Wer kontrolliert das Panopticon selbst, also die Macht
im Zentrum der Anlage und die Wärter?
Foucault (1991:262) beantwortet diese Frage: ,,Das Panopticon vermag sogar seine eigenen
Mechanismen zu kontrollieren. In seinem Zentralturm kann der Direktor alle Angestellten
beobachten, die seinem Befehl unterstehen: Pfleger, Ärzte, Werkmeister, Lehrer, Wärter; er
kann sie stetig beurteilen ... er selbst kann ebenfalls leicht beobachtet werden. Ein Inspektor,
Fragestellungen
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Das Panopticon
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der unversehens im Zentrum des Panopticon auftaucht, kann mit einem Blick ... darüber ur-
teilen, wie die gesamte Anstalt funktioniert."
2.3 Die Ausbreitung von panoptischen Technologien
Es wurde bereits erwähnt, dass ,,das Panopticon .. als verallgemeinerungsfähiges
Funktionsmodell zu verstehen [ist], das die Beziehung der Macht zum Alltagsleben der
Menschen definiert. (Foucault, 1991: 263)." Es kann daher nicht auf geschlossene
Institutionen beschränkt werden, sondern in ,,ein die gesamte Gesellschaft lückenlos über-
wachendes und durchdringendes Netzwerk [transformiert werden] (Foucault, 1991:268)."
Als ,,Ei des Kolumbus im Bereich der Politik (Foucault, 1991: 265)", ist dieses System daher
für die Disziplinierung ganzer Gesellschaften anzuwenden und macht diese zu wahren ,,Dis-
ziplinargesellschaften (Foucault, 1991:269)." Das Panopticon ,,ermöglicht ... die Perfek-
tionierung der Machtausübung: weil es die Möglichkeit schafft, dass von immer weniger
Personen Macht über immer mehr ausgeübt wird; (Foucault, 1991: 264)."
So sah Foucault (1991:269ff) im 17. und 18. Jahrhundert eine Ausbreitung panoptischer
Technologien von spezialisierten, geschlossenen Institutionen auf die Verwaltungsapparate
und dabei auch auf die verschiedenen Organe (z.B.: Polizei). Das Ziel des Einsatzes dieser
Technologien ist die Optimierung der Machtausübung und Machterhaltung zum vermeint-
lichen Wohle der gesamten Gesellschaft bis hin zur Disziplinierung dieser.
,,Die ,,Disziplin" kann weder mit einer Institution noch mit einem Apparat identifiziert werden.
Sie ist ein Typ von Macht; eine Modalität der Ausübung von Gewalt; ein Komplex von Instru-
menten, Techniken, Prozeduren, Einsatzebenen, Zielscheiben; sie ist eine ,,Physik" oder eine
,,Anatomie" der Macht, eine Technologie. Und sie kann von ,,spezialisierten" Institutionen (Straf-
anstalten ...) eingesetzt werden; [...] oder schließlich durch Staatsapparate, die nicht aus-
schließlich aber wesentlich die Aufgabe haben, die Disziplin in einer ganzen Gesellschaft durch-
zusetzen (Polizei). (Foucault, 1991: 276)".
Whitaker (1999: 53ff) beruft sich in seinem Werk ,,Das Ende der Privatheit" auf den
britischen Sozialtheoretiker Anthony Giddens, der bei der Entwicklung neuzeitlicher Natio-
nalstaaten einen engen Zusammenhang mit der Zunahme der Überwachung als einen we-
sentlichen Mechanismus administrativer Kontrolle sieht.
Es wurde bereits erwähnt, dass panoptische Prinzipien allmählich die gesamte Gesellschaft
durchdringen, damit wäre auch der Arbeitsplatz ein ideales Anwendungsgebiet dieser Me-
chanismen zur Steigerung der Produktivität. Whitaker sieht diese Tatsache in den Ideen
Adam Smith′, der mit seinen Theorien maßgeblich zur Steigerung der Produktivität beitrug
und damit die soziale Frage der frühen Industriegesellschaften löste:
Ausbreitung
Seminararbeit f.d. LV Informationsethik Rudi
Ivancsits
Das Panopticon
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,,Im Gefolge der industriellen Revolution wurde die Fabrik zu einem wichtigen Schauplatz für
Neuerungen in der Überwachung und Disziplinierung; Triebkraft waren die Zwänge des
Marktes, die Effizienz und Wirtschaftlichkeit des Produktionsprozesses zu steigern. (Whitaker,
1999: 54)".
Durch Fließbandarbeit oder Firmenspione war die Leistung der Arbeiter exakt nach-
vollziehbar. In der heutigen Zeit, die charakterisiert ist durch Trends wie z.B.: Heimarbeit,
kann der traditionelle Arbeitsplatz in die eigenen vier Wände verlagert werden. Der Über-
wachung entgeht man dabei aber nicht, denn die Leistungen und die investierte Arbeitszeit
bleiben durch die Informationstechnologien auch weiterhin nachweisbar. Whitaker spricht
in diesem Zusammenhang vom ,,dezentralisierten Panopticon (Whitaker, 1999: 56)".
Für zahlreiche Staatsaktivitäten (z.B.: die Besteuerung der Bürger) spielt Überwachung eine
große Rolle. Um die Verwaltung zu optimieren, werden umfassende Daten über die Be-
völkerung gesammelt.
,,Das Sammeln und Analysieren derartiger Informationen ermöglicht ihm [dem Staat, Anm. RI]
gleichzeitig eine Einschätzung seiner selbst ... Auf ähnliche Weise häuft der Staat ...
Informationen über Bürger, Organisationen, Gruppen und Klassen und entscheidet dann auf der
Grundlage dieser Informationen über strategische Eingriffe in die bürgerliche Gesellschaft.
(Whitaker, 1999: 58)".
Diese ,,Zahlenspiele" sind aber bedenklich, da durch rein quantitative Beziehungen Katego-
rien und Klassen an die Stelle von Menschen treten. Faktum ist aber, dass das Innere, die
Moral und der Charakter eines Menschen, nicht gemessen werden können; dennoch ver-
suchen heute Unternehmen durch groß angelegte Marktforschungsstudien auch das (Kauf-)
Verhalten der Menschen (Konsumenten) zu eruieren und ordnen diese verschiedenen
Klassen der Kaufkraft o.ä. zu.
Der moderne Verwaltungsstaat überzieht die Gesellschaft also mit einem fast lückenlosen
Netz der Überwachung. Whitaker (1999:60) sieht darin die Parallele zu Benthams ur-
sprünglichen Ideen: ,,Der Aufseher, jetzt der Bürokrat, beobachtet genauestens die Unter-
tanen, jetzt die Gesellschaft, die für ihn so durchschaubar wie nur möglich geworden ist."
Neben dem Arbeitsplatz war auch das Militär immer wieder Antriebsmotor für die Ent-
wicklung neuer Techniken zur Überwachung. Der Staat selbst, im Detail seine Ver-
waltungsbehörden, wurden Spezialisten für die Sammlung von Information. Whitaker
(1999:62ff) nennt die Gesundheitsfürsorge als ein Beispiel dafür3.
3 Dies wird durch die aktuelle Diskussion über die Einführung der ,,Chipkarte" durch die Krankenkassen
untermauert. Eine der Grundannahmen dafür ist die Speicherung der persönlichen Gesundheitsdaten auf dieser
Karte.
Panopticon heute
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Rudi Ivancsits
Das Panopticon
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Ich möchte nun auf eine positive Eigenschaft des Panopticon zu sprechen kommen. Bentham
erhoffte sich durch die Anatomie des Panopticons eine vorbeugende Wirkung, welche
schwere Strafen minimieren sollte. Der moderne panoptische Staat sowie wirtschaftliche
Unternehmen orientieren sich zunehmend an der Vorbeugung von Risiken.
,,Der panoptische Staat ist daher ... zukunftsorientiert und daran interessiert, aus den
Informationen, die er sammelt, Voraussagen ableiten zu können [...] Die Gier nach
Informationen zur Risikobegrenzung scheint ins Grenzenlose zu wachsen. Mit den neuen Tech-
nologien des Sammelns, Verarbeitens, Speicherns und Abrufens von Daten nehmen die
panoptischen Tendenzen in der modernen Gesellschaft ein ungeheures Ausmaß an und werden
immer effizienter. (Whitaker, 1999:62)".
2.4 Das Panopticon heute: eine Metapher für die Disziplinarmacht
Stefan Wunderlich (1999:344ff) stimmt mit Foucault und Whitaker überein, dass die Idee
des Panopticons eine Metapher für zentrale Strukturen der modernen Macht bzw. Ge-
sellschaft ist: der Disziplinarmacht, welche das 19. und 20. Jahrhundert geradezu
charakterisiert.
,,An Foucault anschließende Beschreibungen der Moderne darunter vermehrt Reflexionen auf
die Implikation der neuen Informationstechnologien rekurrieren von daher immer wieder auf
Begriffe wie ,,Panoptismus" oder ,,Überwachungsgesellschaft". (Wunderlich, 1999:344)".
Whitaker geht aber einen Schritt weiter. Während sich Foucaults Analysen in seinem Werk
,,Überwachen und Strafen" auf einen begrenzten Raum beschränkten, zieht Wunderlich am
Beispiel der GNW4 (Global Neighborhood Watch) die Parallele zu topaktuellen Tech-
nologien.
Stephensons Projekt der GNW ... teilt auf den ersten Blick bestimmte Züge des Panopticons: Bei
beiden Anordnungen geht es um die Herstellung eines lückenlosen, kontinuierlichen Raums der
Sichtbarkeit, um eine kosteneffektive, ökonomische Form der nahtlosen Überwachung ...
(Wunderlich, 1999: 349)".
Wunderlich (1999:349ff) vergleicht das System der GNW mit den Hauptmerkmalen des
Panopticons. So manifestiert sich die Macht auch in Stephensons Szenario durch die ,,Macht
des Blickes". Ein vorher dunkler Raum die Vorstadtstraße wird durch die Kameras zu
einem transparenten Raum, innerhalb dessen jede Handlung registriert wird. Es herrscht die
für das Panopticon charakteristische Asymmetrie von Sehen und Gesehenwerden. Während
jedoch beim Panopticon die Zellen symmetrisch genau eingeteilt sind, ist bei der GNW der
4 Der Science-fiction-Autor Neal Stephenson stellte ein einem Artikel im Jahre 1995 das Experiment ,,Global
Neighborhood Watch" vor. Dabei wird eine Vorstadtstraße durch bewegungssensitive Kameras überwacht, die
bei verdächtigen Bewegungen Alarm schlagen. Der ,,Wächter" bewertet dann die Situation und verständigt im
Extremfall die Polizei.
Panopticon heute
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Das Panopticon
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überwachte Raum nur grob definiert. Unterschieden wird lediglich zwischen Zugehörigkeit
oder Nichtzugehörigkeit zur Nachbarschaft.
Wie auch bei Bentham schafft die GNW eine ökonomische Form der Überwachung, indem
sie sich der Fiktion einer allmächtigen, allwissenden und omnipräsenten (göttlichen) Über-
wachungsinstanz bedient. ,,Die GNW wiederholt auf diese Weise die (effektive, ökonomisch
günstige) Entkörperlichung und Internalisierung von Machtrelationen, die im Panopticon
angelegt ist. (Wunderlich, 1999:352)".
Auch in Bezug auf die Dimension der Automatisierung der Macht gibt es Parallelen: Wäh-
rend das klassische Panopticon letztlich fest in dem auf den Menschen zugeschnittenen
Lebensraum verankert ist, erscheint das neue computergestützte Dispositiv als eine gänzlich
reibungsfreie Maschinerie aus billigen Kameras, Datenleitungen, Personal Computern und
Software. Damit kommt der Begriff des ,,global village (Wunderlich, 1999:356)" ins Spiel,
was die Zentrierung der Komplexität der Welt auf einen kleinen komprimierten Raum zum
Gegenstand hat. Entfernung oder Grenzen spielen für die Ausübung der Kontrolle keine
Rolle.
Die technischen Möglichkeiten der GNW können sogar noch weitergedacht werden. Es
liegt im Bereich des technisch möglichen, dass die Kameras mit einem Rechner verbunden
werden, der auffälliges Verhalten sowie Gesichter erkennen kann. Diese Gesichter werden
mit einer Verbrecherkartei verglichen. Bei verbrecherischem Verhalten wird schließlich die
Polizei verständigt und bis zu deren Eintreffen werden eine Reihe von Sicherheits-
maßnahmen (Alarmsirenen, Absperrungen, usw.) getroffen.
2.5 Die Realität wird virtuell
Ausgelöst durch die modernen Technologien und die sich durch ihren Einsatz eröffnenden
Möglichkeiten befinden sich die westlichen Gesellschaften auf einer interessanten Reise in
die Zukunft. Die Geschwindigkeit des Fortschritts hat ein ungeheures Ausmaß ange-
nommen. Dementsprechend sieht Wunderlich (1999:358ff) die modernen Gesellschaften am
Ende des 20. Jahrhunderts an der Grenze zwischen den realen, geografischen Raum (RL,
real life) und einem virtuellen, elektrischen Raum (VR, virtual reality). ,,Während Foucaults
Panopticon in der Dimension des RL operiert, beschreibt Stephensons panoptisches Szenario
den Fall einer Verschränkung von RL und VR , eines optimierten Zugriffs auf das Reale mit
Hilfe des elektronischen Mediums. Damit lässt sich die Überwachung auf ein höheres Aus-
maß bringen. ,,Das virtuelle Medium ... ermöglicht ein simultanes, kontinuierliches Wissen
über das Individuum, eine Optimierung des dokumentarischen Raums, der Informationen
Realität wird virtuell
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über jeden in der digitalen Sphäre unternommenen Schritt in leicht abrufbarer Form enthält.
(Wunderlich, 1999:362)". Wunderlich beruft sich in diesem Zusammenhang an den Kultur-
kritiker Mark Poster, der im Phänomen der zunehmenden Vernetzung von Datenbanken
einen qualitativen Wandel der Überwachungsmacht sieht. Dieser bezeichnet die Entwick-
lungen in den postmodernen Industriegesellschaften als ,,Superpanopticon (Wunderlich,
1999:362)". Durch zentrale Datenhaltung, die es ermöglicht, jederzeit Informationen über
eine Person von der Gegenwart bis zu dessen Geburt abzurufen, wird ein vollkommen
transparentes Individuum geschaffen.
Wunderlich (1999:362ff) sieht bei diesem Phänomen der Entkörperlichung bzw.
Virtualisierung eine mögliche digitale Heterotopie, eine Art Fluchtraum. Damit wird die
Möglichkeit der Befreiung von den Zwängen der Disziplinarmacht geschaffen. Das heißt:
Während sich Macht in der digitalen Sphäre weiter verfeinern und ausbreiten kann, er-
schwert der Verlust der statischen, zentralistischen Architekturen à la Bentham die Akku-
mulation von Macht und die Verhärtung von Machtrelationen.
2.6 Gedankenexperiment
Mit Wunderlichs Beschreibungen über die GNW lässt sich der Übergang von den ur-
sprünglichen, theoretischen Ideen des Panopticon hin zu den Möglichkeiten und den
Einsatzgebieten der modernen Überwachungstechnologien beschreiben. Doch während der
architektonische Entwurf für die Menschen der ,,1. Welt" bemerkenswert erscheint,
bewundern diese die fast schon utopischen Möglichkeiten der Informationstechnologien
kaum mehr. Man braucht nur ein kurzes Gedankenexperiment zu wagen um sich der allge-
genwärtigen Beobachtung bewusst zu werden: Gehen Sie im Gedanken ihre Wege an einem
typischen Arbeitstag durch. Eine der folgenden Beispiele (wie sie auch in Reg Whitakers
Werk ,,Das Ende der Privatheit angeführt sind) begegnen vielen von uns im Alltag. Man
aktiviert frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit das
Handy
und ist damit (theoretisch) über
GPS
5 lokalisierbar. Benutzt man das Handy kommen Abhörtechniken (wie sie von Geheim-
diensten für die Spionage bereits angewendet wird beispielsweise die Abhörstation
,,Echelon" in Deutschland, die vom amerikanischen Geheimdienst betrieben wird und nach
den Terror-Attentaten vom 11. September an Bedeutung gewonnen hat) zum Einsatz.
Durch
Vernetzung
wäre es einer Überwachungsorganisation möglich, nach dem Belauschen
und der Lokalisierung, mittels eines
Satelliten
einen Menschen sogar zu beobachten. In der
Gedankenexperiment Seminararbeit
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LV Informationsethik
Rudi Ivancsits
Das Panopticon
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Arbeit angekommen, kommen Datenverarbeitungssysteme zum Einsatz. Durch ,,
Cookies
"6
ist es möglich die besuchten Internetseiten eines Computernutzers nachzuvollziehen und bei
e-commerce Transaktionen sensible Daten wie z.B.: Kreditkartennummern o.ä. abzurufen.
Wer den Schritt wagt und eine ,,elektronische Visitenkarte" im World Wide Web hinterlegt,
also eine Homepage mit Lebenslauf in das Netz stellt, kann über
Suchmaschinen
leicht aus-
geforscht werden. Zahlreiche Experimente in diese Richtung, durchgeführt am FHS Infor-
mationsberufe zeigen: Wenn man Suchmaschinen mit genügend Anfragen füttert, kommt in
vielen Fällen ein detailliertes Profil einer Person zum Vorschein, welches eigentlich von
jedem Internetbenutzer auf der Welt abgerufen werden könnte.
Eine noch intimere Identifikation und Datenspeicherung über einen Menschen werden
bio-
metrische Verfahren
ermöglichen. So ist der so genannte ,,genetische Fingerabdruck" zur
breiten Anwendung bereits angedacht worden.
Es wurde bereits
Marktforschung
als eine treibende Kraft genannt, Informationen über die
Kaufkraft und die Konsumabsichten eines Menschen zu gewinnen. In Verbindung mit
Kreditkarten könnten kaufkräftige Konsumenten von den finanziell schwächeren unter-
schieden werden, und damit die letzteren vom Konsum teurerer Artikel ausgeschlossen
werden. Dabei stellt sich wieder die Frage: ,,
Was geschieht bei fehlerhaften
Informationen oder einem Missbrauch dieser?
" Die Praxis zeigt, dass sich eine Richtig-
stellung der Fehlinformationen als sehr schwierig herausstellt. Wie zum Beispiel bei Ver-
sandhauskatalogen: Wer durch falsche Namensschreibung o.ä. mehrmals in der Datenbank
aufscheint, bekommt die Kataloge auch mehrmals zugestellt. Selbst wenn man die Betreiber
auf den Irrtum hinweist, vergeht einige Zeit, bis die Daten korrigiert werden. In manchen
Fällen geschieht aber auch gar nichts und die Kataloge werden (sofern das Unternehmen
solange besteht) über Generationen hinweg zugestellt.
Zum Abschluss dieses Gedankenexperimentes möchte ich den Refrain des Liedes ,,Every
breath you take" der Musik-Popgruppe ,,Police"7 anführen, dessen Text metaphorisch sehr
gut mit einem ,,worst case" der totalen Überwachung verglichen werden könnte.
Every breath you take (Alkoholtestgerät, CO²-Detektor)
Every move you make (Bewegungsmelder, Satellitenortung)
Every bond you break (Alarmierungssysteme)
Every step you take (elektronische Fußfessel, Bewegungsprofile)
Every single day (kontinuierliche, automatische Datenaufzeichungen)
5 GPS bedeutet General Positioning System und ermöglicht die Lokalisierung eines aktivierten Mobiltelefons.
Viele Handybetreiber wollen basierend auf diesem System künftig Serviceleistungen, wie beispielsweise
Wegauskünfte, anbieten.
6 Cookies sind kleine Textinformationen für die besuchten Seiten und die Benutzereingaben auf diesen, die beim
Surfen im Internet bei entsprechender Einstellung am Computer gespeichert werden.
7 Quelle: http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/8988/1.html
Gedankenexperiment Seminararbeit
f.d.
LV Informationsethik
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Das Panopticon
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Every word you say (Abhörwanzen, Lauschangriffe)
Every night you stay (Nachtsichtgeräte)
Every vow you break (Stimmanalyse)
Every smile you fake (Lügendetektor)
Every claim you stake (Datenbankabgleich, biometrische Identifizierung)
I′ll be watching you (Videoüberwachung)
2.7 ,,Big Brother is watching you"
Der britische Schriftsteller George Orwell (1903-1950) ging in seinem science-fiction
Roman ,,1984" noch einen Schritt weiter, in dem er das Bild einer totalitären Gesellschaft
beschreibt: Die Welt ist in drei Supermächte aufgeteilt, welche in ständigem Krieg
miteinander stehen. Die Handlung spielt in einem dieser Staaten, welcher von einer Ein-
heitspartei regiert wird. Diese hat die vollkommene Kontrolle seiner Bürger durch ständige
Überwachung verwirklicht. Die Regierung gliedert sich in das Friedensministerium (das für
Kriegsangelegenheiten zuständig ist), das Liebes-Ministerium (das die Durchführung von
Folter anordnet) und das Wahrheits-Ministerium (welches falsche Propaganda und Lügen
verbreitet). Der Führer des Staates, der nie als Person auftritt, wird als ,,Big Brother" be-
zeichnet. Sein Gesicht ist auf Plakaten und unzähligen Bilder angebracht, damit soll seine
ständige Gegenwart demonstriert werden (,,Big Brother ist watching you)8. Diese Allgegen-
wärtigkeit wird auch mit technischen Hilfsmitteln geschaffen. In jedem Raum gibt es ,,Tele-
visoren", dies sind Geräte, die wie ein Radio funktionieren, jedoch nicht abgeschaltet werden
kann. Durch diese Geräte wird unentwegt die Propaganda der Partei verbreitet. Die ,,Tele-
visoren" sind aber auch mit einem Mikrofon und einer Kamera ausgestattet, sodass eine
ständige Überwachung möglich ist. Damit sind diese Räume den Zellen im panoptischen
Gefängnis sehr ähnlich.
Diese Metaphern sollen, wie in der Einleitung betont, nicht so verstanden werden, dass man
es - in einem Anflug von Paranoia - nicht mehr wagt aus dem Haus zu gehen. Es soll hier
aber demonstriert werden, dass ein Mensch (zumindest theoretisch) bis in die Privatsphäre
beobachtet werden kann und damit die Visionen von Bentham realer und greifbarer denn je
erscheinen. Die modernen Gesellschaften haben in ihrem Streben nach Technologien, wel-
che den Alltag erleichtern akzeptiert, dass diese Technologien auch zu deren Überwachung
eingesetzt werden.
8 Auch der Aufseher im Zentrum des Panopticon hat diese Eigenschaft.
Gedankenexperiment Seminararbeit
f.d.
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3. Zusammenfassung
Durch den technischen Fortschritt in den informatisierten Gesellschaften des 21. Jahrhun-
derts gewinnt das Thema Überwachung an Bedeutung. Durch die Geschichte hindurch war
es das Bestreben der Machthaber, Systeme zu schaffen, welche es ermöglichen Menschen
effizient zu regieren und damit die Macht zu erhalten. Im 18. Jahrhundert gipfelte dieses
Bestreben in einer bemerkenswerten Idee, dem Panopticon von Bentham.
Bei dem Thema Überwachung bewegt man sich auf einer schmalen ethischen Konfliktlinie
zwischen dem Interesse der Öffentlichkeit und der Privatsphäre. Die Befürworter des All-
gemeininteresses argumentieren oft mit der gesteigerten Effizienz, die bei einer pauschalen
Sicht der Dinge lukriert werden kann. Auch eine typische Aussage, wie etwa: ,,Wer nichts zu
verbergen hat, braucht auch nichts zu befürchten" ist eine Katastrophe in Bezug auf die
Rechte des Individuums. Dabei sind es gerade diese fundamentalen Rechte, für welche die
Menschheit jahrhundertelang gekämpft hat. Durch ein bewusstes Wegschauen und der da-
mit verbundenen Werteänderung in den modernen Gesellschaften, laufen diese Gefahr ei-
nige Rechte wieder einzubüßen.
Diese Entwicklung kann allgemein verständlich mit folgender Metapher verknüpft werden
(Nogala:2000, http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/8988/1.html): Wirft man einen
Frosch in heißes Wasser, so wird dieser sofort versuchen aus der unangenehmen Umgebung
zu entfliehen und weghüpfen. Erhöht man jedoch die Temperatur des Wassers
kontinuierlich in kleinen Schritten, so es wird die Amphibie länger darin aushalten,
möglicherweise sogar bis zu der Temperatur, die beim ersten Versuch als unangenehm
empfunden wurde.
Ähnlich verhält es sich mit dem Überwachungspegel in den modernen Gesellschaften. Wäh-
rend Orwells Szenario in ,,1984" in der Zeit seines Erscheinens als Utopie heruntergespielt
wurde, sind die technischen Möglichkeiten der Gegenwart bereits soweit, das individuelle
und kollektive Leben immer und überall zu durchleuchten. Diese Tatsache wird von der
Mehrheit anscheinend nicht wahrgenommen. Widerstand, wie beispielsweise die Unab-
hängigkeitserklärung des Cyberspace von John Perry Barlow, existiert und sollte in der Ge-
genwart ernst genommen werden. In Österreich (und auch anderen europäischen Ländern)
werden jedes Jahr die ,,Big Brother Awards" (http://www.bigbrotherawards.at) verliehen.
Diese Organisation nominiert Personen, Vereine oder Unternehmen, die auf den Gebieten
der Wissenschaft, Wirtschaft oder Politik einschneidende Maßnahmen für die Überwachung
und gegen die Grundrechte des ,,einfachen" Bürgers setzen.
Zusammenfassung
Seminararbeit f.d. LV Informationsethik
Rudi Ivancsits
Das Panopticon
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Angesichts der Verschärfung staatlicher Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen als Re-
aktion auf die Vorfälle in New York am 11. September ist es wichtig, die Geschehnisse auf-
merksam zu verfolgen. Durch die technologische Verbesserung und Ausweitung der staat-
lichen Kontrollnetze, kann den Menschen eine heile Welt vorgespielt werden, die mit der
Realität nichts mehr gemeinsam hat, vergleichbar mit dem Szenario in dem Kinofilm ,,The
Matrix". Doch in den komplexen, fortgeschrittenen Gesellschaften sind es nicht Außer-
irdische, die für die ,,Matrix" verantwortlich sind. Hier sind es die legitimen und gewählten
Machthaber aus Politik oder Wirtschaft, die ihre Macht dadurch erhalten wollen, indem sie
ihren Bürgern eine heile Welt demonstrieren, in der Überwachung und damit verbundene
Sanktionen zum Wohle der Mehrheit eingesetzt werden.
Die in dieser Seminararbeit abgehandelten Themen und Aspekte sollen informieren sowie
eindeutige Trends aufzeigen und damit zum Denken anregen. Ein wünschenswertes Ergeb-
nis dieses Denkprozesses wäre, dass der Leser nicht länger nach dem Grundsatz lebt: ,,Big
Brother is watching you na und?", sondern versucht aus der ,,Matrix" einer heilen Welt, in
der die Rechte des Einzelnen für das Wohl der Allgemeinheit beschnitten werden, auszu-
brechen und damit dem ,,Wärter" im panoptischen Gefängnis das Leben schwerer macht.
Zusammenfassung
Seminararbeit f.d. LV Informationsethik
Rudi Ivancsits
Das Panopticon
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Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Foucault, Michel (1991): Der Panoptismus, in: Überwachen und Strafen. Die Geburt des
Gefängnisses, 9. Auflage, Frankfurt/Main: Suhrkamp (franz. 1975).
Whitaker, Reg (1999): Das Ende der Privatheit. Überwachung, Macht und soziale Kontrolle
im Informationszeitalter. München: Verlag Antje Kunstmann
Wunderlich, Stefan (1999): Vom digitalen Panopticon zur elektrischen Heterotopie, in:
Maresch, Rudolf/Werber, Niels (Hg.): Kommunikation-Medien-Macht: Frankfurt/Main:
Suhrkamp.
Sekundärliteratur
Barlow, John Perry (1998): Eine Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace, in: Bollmann,
Stefan/Heibach, Christiane (Hg.): Kursbuch Internet. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Kotanko, Christoph (2001): Sicherheit um jeden Preis?, in: Kurier, Nr. 337, 7.12.2001, S. 2.
Gadarvksy, E., Reischl, G. (2001): Software jagt Kinderschänder, in: Kurier, Nr. 334,
4.12.2001, S. 20.
Online Quellen
Barth, Thomas (1997): Cyberspace, Neoliberalismus und inverser Panoptismus. Das
politische Unbewußte der Cyberdemocracy,
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/2151/1.html (26.12.2001).
Bleyenberg, Daniel (15.11.1999): Das Internet als Panopticon, http://www.uni-
muenster.de/PeaCon/zurawski/panopticum/interpan.htm (1.12.2001).
Nogala, Detlef (25.10.2000): Der Frosch im heißen Wasser. Die Trivialisierung von Über-
wachung in der informatisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts,
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/8988/1.html (10.11.2001).
o.V. (11.01.2001): Das Panopticon der Unterhaltung, http://www.stud.uni-
hamburg.de/users/brainy/truman/referate/Foucault.html (10.12.2001).
Philosophenlexikon.de (2001): Jeremy Bentham, http://www.philosophenlexikon.de/benth-
j.htm (12.12.2001).
Höller, Christian & Lyon, David (22.05.1997): Chipkarten und Technopolizei. Interview mit
dem kanadischen Soziologen David Lyon über Umrisse und Grenzen der ,,Über-
wachungsgesellschaft",
http://www.heise.de/tp/deutsch/html/result.xhtml?url=/tp/deutsch/special/pol/8025
/1.html (10.11.2001).
Literaturverzeichnis Seminararbeit
f.d. LV Informationsethik
Rudi Ivancsits
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