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Sexualität und Sexualerziehung von geistig behinderten Menschen

Diploma Thesis, 2001, 41 Pages
Author: Solvejg Brennig
Subject: Pedagogy - Orthopaedagogy and Special Education

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2001
Pages: 41
Grade: Ausgezeichnet
Language: German
Archive No.: V10828
ISBN (E-book): 978-3-638-17151-9

File size: 136 KB


Excerpt (computer-generated)

 

Sexualität und Sexualerziehung von Menschen mit geistiger Behinderung

Diplomarbeit

an der
Lehranstalt für Heilpädagogische Berufe

vorgelegt von

Solvejg Brennig

Villach, 15. März 2002

Einleitung

1. Historischer Abriss

2. Begriffserklärungen
2.1 Definition geistige Behinderung
2.2 Definition Sexualität

3. Menschliche Entwicklung
3.1 Allgemeine Entwicklungsphasen
3.1.1 Orale Phase: Vertrauen çè Misstrauen
3.1.2 Anale Phase: Autonomie çè Zweifel
3.1.3 Phallische Phase: Iniative çè Schuldgefühl
3.1.4 Latenzphase: Leistung çè Minderwertigkeit
3.1.5 Pubertät: Identität çè Rollenverwechslung
3.2 Sexualentwicklung geistig behinderter Menschen

4. Bedeutung von Sexualität und Partnerschaft für geistig behinderte Menschen
4.1 Bedeutung von Sexualität
4.2 Bedeutung von Partnerschaft

5. Verhaltensweisen der Sexualität
5.1 Sexueller und genitaler Infantilismus
5.2 Selbstbefriedigung
5.3 Heterosexualität
5.4 Homosexualität
5.5 Abnormes Sexualverhalten

6. Sexueller Missbrauch bei Menschen mit geistiger Behinderung

7. Empfängnisverhütung
7.1 Antibabypille
7.2 Implantat
7.3 Intra-Uterin-Pessar (Spirale)
7.4 Diaphragma
7.5 Spermicide
7.6 Kondom
7.7 Sterilisation

8. Sexualpädagogische Grundlagen
8.1 Sexualerziehung
8.2 Auswahl und Beurteilung von Materialien

9. Konzepte und Materialien

10. Schlussbemerkung

11. Anmerkungen

12. Literaturverzeichnis

Einleitung

Zu diesem Diplomthema habe ich mich durch mehr oder weniger regelmäßige Kontakte mit geistig behinderten Menschen anregen lassen. In den meisten Praktika, die ich im Laufe meiner Schulausbildung absolvierte, kam das Thema "Sexualität und geistige Behinderung" kaum bis gar nicht zur Sprache. Als ich in der dritten Klasse der Fachschule für Sozialberufe I ein Praktikum im de La Tour Treffen - Lindenschlössel hatte, lernte ich eine junge Frau mit geistiger Behinderung und Epilepsie kennen. Sie erzählte mir von ihrem Freund, der damals noch im gleichen Umfeld, in der Meierei, lebte, und ihrem gemeinsamen Liebesleben. Einmal pro Woche durfte er sie im Speisesaal des Lindenschlössels besuchen und einmal pro Woche besuchte sie ihn in seinem Zimmer in der Meierei. Von Betreuerinnen der Einrichtung erfuhr ich nur, dass sie vom Frauenarzt die Spirale eingesetzt bekommen hatte. Auf weitere Fragen wurde leider nicht eingegangen. Zu meinem Bedauern musste ich während meines Sommerpraktikums, welches ich im Rahmen der Lehranstalt für Heilpädagogische Berufe absolvierte, erfahren, dass diese Partnerschaft nicht mehr bestand. Der junge Mann wurde in einer anderen Institution untergebracht.
Weiteres erfuhr ich in der zweiten Klasse der Fachschule für Sozialberufe II im Unterricht - Methodik und Didaktik der Behindertenarbeit - mehr zu diesem Thema. Seit dieser Zeit, begann ich mich mehr mit der Sexualität geistig behinderter Menschen zu beschäftigen. Also lag kein Thema näher für meine Diplomarbeit als dieses.
In Gesprächen mit Freunden und Bekannten stieß ich immer wieder auf die gleichen Vorurteile, die auch in der einschlägigen Literatur behandelt wurden. Eines der größten Vorurteile ist wohl, dass Behinderte - egal ob körperlich oder geistig behindert - keine Sexualität brauchen bzw. dass diese Menschen gar nicht wissen, was Sexualität, Gefühle oder Zärtlichkeiten sind.
Meine Meinung wird jedoch durch die Bedürfnispyramide von Abraham H. Maslow gestärkt: Sexualität, Liebe und Zärtlichkeit ist genauso ein Grundbedürfnis wie Nahrung, Kleidung, Schlaf und das Gefühl der Sicherheit und der Selbstverwirklichung.
Mit meiner Arbeit möchte ich die Schwierigkeiten und Probleme geistig behinderter Menschen und deren Sexualität, die zum größten Teil durch ihr soziales Umfeld entstehen, ansprechen. Mein Ziel ist es auch, die Leser meiner Diplomarbeit zum Nach- und vielleicht zum Umdenken zu bewegen.

1. Historischer Abriss

Da es aus der Vergangenheit nur vage Angaben über das Leben behinderter Menschen gibt, und noch weniger über geistige Behinderung und Sexualität, beschreibt der historische Abriss eher die allgemeinen Lebensumstände behinderter Menschen.
Im Mittelalter wurde Krankheit und Behinderung als Strafe Gottes für das sündenreiche Leben der Eltern gesehen. Die Behinderten endeten als Bettler, Hexen oder Besessene auf Folterwerkzeugen oder am Scheiterhaufen.
Zwischen 1560 und 1630 glaubte man, dass die Kinder vom Teufel gegen einen Wechselbalg, ein Stück Fleisch ohne Seele, ausgetauscht wurden. Die sofortige Taufe, Heiligenbilder und Bibeltexte galten als Schutz. Um den Tausch rückgängig zu machen, gab man den Kindern kein Essen, schlug sie mit geweihten Ruten oder setzte sie aus bzw. wurden sie getötet.
Die äußerlich Missgestalteten, die geistig Zurückgebliebenen, die die Folter oder den Scheiterhaufen überlebten, wurden auf sog. "Narrenschiffe" gebracht. So setzte man sie an irgendeinem anderen Ort aus.
In anderen Gebieten kamen die fresssüchtigen Wasserköpfe, die der Sprache nicht mächtig waren und nur wunderliche Gebärden und Verrenkungen machten, in "Narrentürme" und konnten so die Neugier der Bevölkerung befriedigen. 1)

"In einigen der Narrentürme Deutschland sind Gitterfenster eingebaut worden, die den Außenstehenden erlaubten, die darin angeketteten Irren zu beobachten. Sie boten auf diese Weise ein Schauspiel an den Toren der Stadt." 2)

Ende des Mittelalters begann die Armenfürsorge und es wurden hospitalähnliche Einrichtungen gebaut. Dort bekamen die Insassen ein Minimum an Verpflegung, die sie gerade so am Leben erhielt.
Gläubige Sünder konnten sich durch Almosen von ihrer Schuld "freikaufen". So wurde die Grundlage der gesamten Armen- und Krankenfürsorge gelegt.
Die Aufklärung war das Zeitalter des Rationalismus. Behinderungen wurden nicht mehr auf die Religion zurückgeführt, sondern naturwissenschaftlich erforscht. Der besessene oder animalisch angesehene Irre rückte immer mehr ins Blickfeld der medizinisch-psychiatrischen Wissenschaften. 3)

[...]


1) Vgl. Mattner, Dieter: Behinderte Menschen in der Gesellschaft. Zwischen Ausgrenzung und Integration. Stuttgart/Berlin/Köln 2000, S. 21ff

2) Ebd. S. 23

3) Vgl. ebd. S. 24ff


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