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Über den Prozess der menschlichen Erkenntnis bei John Locke und George Berkeley close

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Über den Prozess der menschlichen Erkenntnis bei John Locke und George Berkeley

Termpaper, 2006, 17 Pages
Author: Helen Ackel
Subject: Philosophy - Theoretical (Realisation, Science, Logic, Language)

Details

Event: Berkeleys Philosophie des Immaterialismus
Institution/College: University of Mannheim
Tags: Prozess, Erkenntnis, John, Locke, George, Berkeley, Berkeleys, Philosophie, Immaterialismus
Category: Termpaper
Year: 2006
Pages: 17
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 5  Entries
Language: German
Archive No.: V111872
ISBN (E-book): 978-3-640-16844-6
ISBN (Book): 978-3-640-17171-2
File size: 124 KB

Abstract

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Gegenüberstellung der Philosophien von John Locke und George Berkeley im Bezug auf erkenntnistheoretische Fragen zur Gewinnung von (allgemeinen) Ideen und ihrem Status im Hinblick auf ihre Funktion in der Sprache. In Anbetracht der Komplexität dieser Thematik, werden die historischen Umstände zur den Entstehungszeiten der benutzten Werke beim Leser vorausgesetzt, d.h. es wird nicht näher erläutert, wie sich das Aufstreben der Naturwissenschaften im England des 17. Jahrhunderts genau geäußert hat, da uns hier nur ihre Auswirkungen auf die Erkenntnistheorien der beiden Philosophen interessiert. Beide Theorien gelten als stellvertretend für die populärsten philosophischen Richtungen der Erkenntnisphilosophie dieser Zeit; ihre Gegenüberstellung soll dem Leser ein umfangreiches Bild über die damaligen erkenntnistheoretischen Forschungen zu diesem Thema bieten. Zum besseren Verständnis der unterschiedlichen Argumentationsmuster von Locke und Berkeley sind im Hinblick auf den Schwerpunkt dieser Arbeit nur wenige historische Hintergrundinformationen von Belang: Durch den Aufschwung der mechanischen Naturwissenschaften des 17. Jahrhunderts konnten „immer mehr Phänomene ohne Rekurs auf transzendente Gründe und Zwecke mit den Mitteln der Wissenschaft erklärt werden…“ (Kreimendahl 1994, S.93) Berkeley befürchtete, dass dies auf die „Eliminierung Gottes zugunsten einer rein mechanistisch-materialistischen und damit atheistischen Weltsicht hinauslaufe.“ (ebd.). Doch die Bedrohung der Religion durch die Wissenshaft war nur ein Aspekt, den Berkeley bekämpfen wollte; ihre negative Auswirkung auf die Philosophie galt es zudem einzudämmen. Erklärungsansätze zur Wahrnehmung, die „wir… mittels der Vernunft zu berichtigen suchen“ führen nach Berkeley nicht nur zu Atheismus, sondern auch in „hoffnungslosen Skeptizismus...“ (Berkeley 2005, §1). Berkeley macht es sich nun zur Auf-gabe, die „Prinzipien ausfindig (zu) machen, die all jene Zweifelhaftigkeit und Ungewissheit, jene Absurdität und Widersprüche bei den einzelnen Philosophenschule veranlasst haben, derart, dass die größten Weißen unsere Unwissenheit für unheilbar gehalten haben , indem sie sie auf die natürliche Schwäche und Beschränktheit unserer Geisteskräfte zurückführten.“( Berkeley 2005, §4). Eines dieser falschen Prinzipien ist für Berkeley „die Meinung, der Geist habe ein Vermögen, abstrakte Ideen oder Begriffe der Dinge zu bilden.“( Berkeley 2005, §6) [Hervorh. im Original], was auch zum „Mißbrauch der Sprache“(ebd.) führe. Die genaue Darlegung dieser Theorie wird ausführlich im Mittelteil dieser Arbeit behandelt werden. Betrachtet man nun die Hauptargumente von Berkeleys Philosophie, wird schnell deutlich, warum er als Widersacher Lockes gilt: Während Berkeley eine natur-wissenschaftliche Betrachtung der Erkenntnis ablehnt und somit eine stark theologisch motivierte Philosophie verfolgt, steht Lockes Theorie ganz im Zeichen ersterer, wenn er als Ursprung all unserer Ideen nicht den Geist bzw. den göttlichen Geist angibt, sondern die bewusstseinsunabhängige Materie. Zudem baut Lockes Sprachphilosophie, anders als bei Berkeley, auf der Existenz abstrakter Ideen auf, um allgemeine Ideen und Begriffe erklären zu können. Die genaue Erläuterung mit Literaturangaben findet sich im Mittelteil der Arbeit.


Fulltext (computer-generated)

Universität Mannheim

Philosophische Fakultät

WS 05/06

Proseminar: Berkeleys Philosophie des Immaterialismus

Referentin: Helen Ackel

Über den Prozess der menschlichen Erkenntnis

bei John Locke und George Berkeley





2

Inhaltsverzeichnis

1. John Lockes Ideenlehre 4

1. 1 Gewinnung von Ideen 4

1. 2 Ideen-Arten 6

1. 3 Verhältnis von Ideen und Wirklichkeit 7

1. 3 Lockes Sprachphilosophie 8

2. George Berkeleys Ideenlehre 10

2. 0 Quelle und Einteilung der Ideen 10

2. 1 Berkeleys Sprachphilosophie 12

2. 2 Fazit zu Berkeleys Kritik an Locke 13

Literatur 16


3

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Gegenüberstellung der Philosophien von John Locke

und George Berkeley im Bezug auf erkenntnistheoretische Fragen zur Gewinnung von

(allgemeinen) Ideen und ihrem Status im Hinblick auf ihre Funktion in der Sprache. In

Anbetracht der Komplexität dieser Thematik, werden die historischen Umstände zur den

Entstehungszeiten der benutzten Werke beim Leser vorausgesetzt, d.h. es wird nicht näher

erläutert, wie sich das Aufstreben der Naturwissenschaften im England des 17. Jahrhunderts

genau geäußert hat, da uns hier nur ihre Auswirkungen auf die Erkenntnistheorien der beiden

Philosophen interessiert.1 Beide Theorien gelten als stellvertretend für die populärsten

philosophischen Richtungen der Erkenntnisphilosophie dieser Zeit; ihre Gegenüberstellung

soll dem Leser ein umfangreiches Bild über die damaligen erkenntnistheoretischen

Forschungen zu diesem Thema bieten.

Zum besseren Verständnis der unterschiedlichen Argumentationsmuster von Locke und

Berkeley sind im Hinblick auf den Schwerpunkt dieser Arbeit nur wenige historische

Hintergrundinformationen von Belang: Durch den Aufschwung der mechanischen

Naturwissenschaften des 17. Jahrhunderts konnten

,,immer mehr Phänomene ohne Rekurs auf

transzendente Gründe und Zwecke mit den Mitteln der Wissenschaft erklärt werden..."

(Kreimendahl 1994, S.93) Berkeley befürchtete, dass dies auf die

,,Eliminierung Gottes

zugunsten einer rein mechanistisch-materialistischen und damit atheistischen Weltsicht

hinauslaufe."

(ebd.). Doch die Bedrohung der Religion durch die Wissenshaft war nur ein

Aspekt, den Berkeley bekämpfen wollte; ihre negative Auswirkung auf die Philosophie galt es

zudem einzudämmen. Erklärungsansätze zur Wahrnehmung, die

,,wir... mittels der Vernunft

zu berichtigen suchen"

führen nach Berkeley nicht nur zu Atheismus, sondern auch in

,,hoffnungslosen Skeptizismus..."

(Berkeley 2005, §1). Berkeley macht es sich nun zur Auf-

gabe, die

,,Prinzipien ausfindig (zu) machen,

die

all jene Zweifelhaftigkeit und Ungewissheit,

jene Absurdität und Widersprüche bei den einzelnen Philosophenschule veranlasst haben,

derart, dass die größten Weißen unsere Unwissenheit für unheilbar gehalten haben , indem

sie sie auf die natürliche Schwäche und Beschränktheit unserer Geisteskräfte

zurückführten."

( Berkeley 2005, §4). Eines dieser falschen Prinzipien ist für Berkeley

,,die

Meinung

,

der Geist habe ein Vermögen, abstrakte Ideen oder Begriffe der Dinge zu bilden."

(

Berkeley 2005, §6) [Hervorh. im Original], was auch zum

,,Mißbrauch der Sprache"

(ebd.)

führe. Die genaue Darlegung dieser Theorie wird ausführlich im Mittelteil dieser Arbeit

behandelt werden. Betrachtet man nun die Hauptargumente von Berkeleys Philosophie, wird

schnell deutlich, warum er als Widersacher Lockes gilt: Während Berkeley eine natur-

1 Kreimendahl, Lothar:

Hauptwerke der Philosophie. Rationalismus und Empirismus.

Reclam, 1994. Stuttgart.

S.89-92.


4

wissenschaftliche Betrachtung der Erkenntnis ablehnt und somit eine stark theologisch

motivierte Philosophie verfolgt, steht Lockes Theorie ganz im Zeichen ersterer, wenn er als

Ursprung all unserer Ideen nicht den Geist bzw. den göttlichen Geist angibt, sondern die

bewusstseinsunabhängige Materie. Zudem baut Lockes Sprachphilosophie, anders als bei

Berkeley, auf der Existenz abstrakter Ideen auf, um allgemeine Ideen und Begriffe erklären zu

können. Die genaue Erläuterung mit Literaturangaben findet sich im Mittelteil der Arbeit.

Im Verlauf des Folgenden soll also vor allem die Gegensätzlichkeit der beiden Philosophien

im Bezug auf die Erkenntnisgewinnung deutlich gemacht werden; die daraus resultierenden

Ansichten bezüglich der Gewinnung und Funktion von Ideen und deren Stellenwert in der

Sprache werden ebenso im Mittelteil dieser Arbeit behandelt. Als Grundlage zur Darstellung

von Lockes Ideenlehre wird sein

Essay Concerning Human Understanding

nach Peter

Nidditchs Übersetzung von 1979

verwendet, wobei sich die Stellenangaben der Reihe nach

auf das Buch, das Kapitel und den Paragraphen beziehen. Für Berkeleys Philosophie, die

Principles of Human Knowledge,

da er in diesem Werk direkt auf Lockes Ideenlehre Bezug

nimmt.

1. John Lockes Ideenlehre

1. 1 Gewinnung von Ideen

Um Berkeleys Kritik an Lockes Ideenlehre nachvollziehen zu können, soll hier zunächst

Lockes Philosophie im Wesentlichen dargestellt werden.

Nach Udo Thiel ist für Locke die Erfahrung letztendliche Quelle aller unserer Ideen. Diese ist

gegliedert in ,,innere Erfahrung"

(,,Reflexion")

, wodurch uns allgemeine Ideen von Tätig-

keiten des Geistes vermittelt werden,

und ,,äußere Erfahrung"

(,,Sensation")

, also Ideen, die

wir über die Wahrnehmung der Außenwelt gewinnen. Auf die hierdurch vermittelten Ideen

kann der menschliche Geist Operationen wie Vergleichen, Abstrahieren usw. anwenden und

so komplexe Ideen bilden, die über die eigentliche Erfahrung selbst hinausgehen.

(Thiel 1997, S. 68-88, S.281)

Ideen können aber nur über Perzeption der ,,Kräfte" bzw. ,,Qualitäten" der Gegenstände der

äußeren Welt im menschlichen Geist entstehen. Locke unterscheidet hier zwischen ,,aktiver"

und ,,passiver" Kraft, d. h. es muss eine aktive Kraft im Gegenstand geben, die eine Idee in

uns erzeugt, die wir wiederum passiv empfangen. (Nidditch 1979, II.xxi.2) (Thiel 1997,

S.203). Diese ,,Kräfte" der Materie, nennt Locke auch ,,Qualitäten", wobei er zwischen

,,sekundären" und ,,primären" Qualitäten unterscheidet. Den Zusammenhang zwischen Ideen

und Qualitäten, sowie ihre Gliederung beschreibt er in folgendem Passus:


5

,,Whatsoever the Mind perceives in it self, or is the immediate object of Perception,

Thought, or Understanding, that I call Idea; and the Power to produce any Idea in our

mind, I call Quality of the Subject wherein that power is. Thus a Snow-ball having the

power to produce in us the Ideas of White, Cold and Round, the Powers to produce

those Ideas in us, as they are in the Snow-ball, I call Qualities; and as they are

Sensations or Perceptions, in our Understandings, I call them Ideas; which Ideas, if I

speak of sometimes, as in the things themselves, I would be understood to mean those

Qualities in the Objects which produce them in us"

(Nidditch 1979, II.viii.8) [Hervorh.

im Original].

Nach dieser Definition gibt es also zwei Arten von Qualitäten, die Ideen in uns entstehen

lassen: auf der einen Seite, die Kräfte, die dem Gegenstand bewusstseinsunabhängig inhärent

sind und auf der anderen, die, welche wir dem Gegenstand aufgrund unserer Wahrnehmung

zuschreiben.2

-Doch was genau unterscheidet nach Locke die primären, von den sekundären Qualitäten?

Die primären Qualitäten erklärt Locke am Beispiel eines Weizenkorns:

"Take a grain of Wheat, divide it into two parts, each part has still Solidity, Extension,

Figure, and Mobility; divide it again, and it retains still the same qualities; and so

divide it on, till the parts become insensible, they must retain still each of them all those

qualities."

(Nidditch 1979, II.viii.9) [Hervorh. Im Original]

Das Hauptunterscheidungsmerkmal ist demnach, dass diese Klasse von Eigenschaften im

Körper auch dann Bestand haben, wenn wir sie nicht wahrnehmen, was wiederum seine These

von der bewusstseinsunabhängigen Materie unterstreicht. Den Unterschied zwischen den

primären und den sekundären Qualitäten von Gegenständen und den aus ihnen resultierenden

Ideen beschreibt Locke folgendermaßen:

,,...the Ideas of primary Qualities of Bodies, are Resemblences of them, and their

Patterns do really exist in the Bodies themselves; but the Ideas, produced in us by these

Secondary Qualities, have no resemblances of them at all."

(Nidditch 1979, II.viii.15)

[Hervorh. im Original]

Wir können also über die wirkliche Beschaffenheit der Dinge, ihre ,,reale Essenz", keine

gesicherten Aussagen treffen, da nicht wahrnehmbare Teilchen, oder Korpuskel (s.o.), die

Träger der primären Qualitäten sind, die in uns als wahrnehmendem Subjekt, durch

verschiedene Konfigurationen Ideen von Farbe, Kälte und Gestalt entstehen lassen. Dieser

2 Kienzle, Bertram:

Primäre und Sekundäre Qualitäten.

In: Thiel, Udo (Hrsg.):

John Locke. Essay über den
menschlichen Verstand.

Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6).


6

Umstand hat zur Folge, dass wir bei der Beschreibung eines Gegenstandes auf die von uns

perzipierten Eigenschaften zurückgreifen, die nur im wahrnehmenden Subjekt existieren,

nicht aber im Gegenstand selbst.3

1. 2 Ideen-Arten

Locke differenziert aber nicht nur die Qualitäten von Objekten, sondern auch die

verschiedenen Ideen-Arten, die aus ihnen resultieren. Nach Rainer Specht sind bei Locke

,,Ideen, die wir durch die innere oder äußere Sinnlichkeit empfangen grundsätzlich einfach.

Auch sind sie ursprünglich nicht abstrakt, sondern partikulär. Nicht ihre Wahrnehmung,

sondern erst ihr Wiedererkennen, Benennen und Klassifizieren setzt Abstraktion voraus."4

Locke sagt selbst:

,,die einfachen Ideen, die wir besitzen, sind so, wie sie uns die Erfahrung

lehrt..."

(Nidditch 1979, II.iv.4), sie sind

,,one uniform appearance or conception in the

mind "

(Nidditch 1979, II.ii.1), also in sich homogene Teilideen sind, wie Z.B. eine Farbe.

Es handelt sich bei ihnen also um einheitliche, elementare Ideen, die sich nicht weiter

analysieren lassen.5

Wie bereits angedeutet gibt es nach Locke noch eine weitere Art von Ideen, die komplexen

Ideen. Ihren Zusammenhang beschreibt er in folgendem Zitat:

,,The mind being,...furnished with a great number of the simple ideas go constantly

together; which presumed to belong to one thing, and words being suited to common

apprehensions and made use of for quick dispatch, are called, so united in one subject,

by one name; which by inadvertency we are apt afterward to talk of and consider as one

simple idea, which indeed is a complication of many ideas together; because...not

imagining how these simple ideas can subsist by themselves, we accustom ourselves, to

suppose some substratum, wherein they do subsist, and from which they do result,

which therefore we call substance."

(Nidditch 1979, II.xxiii.1) [Hervorh. V. Verfasser]

Die komplexen Ideen setzen sich demnach aus einfachen Ideen zusammen, die immer im

Verbund auftreten. Nach Locke ergeben sich hieraus drei allgemeine Substanzarten: Gott,

geistige Substanzen und Körper. Um immer wiederkehrende Bündel von Eigenschaften als zu

einem bestimmten Ding zugehörig auffassen zu können müssen wir es auf einen Träger, eine

3 Colman, John

: Lockes Theorie der Empirischen Erkenntnis.

In: Thiel, Udo (Hrsg.):

John Locke. Essay über den
menschlichen Verstand.

Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6). S. 203

4 Specht, Rainer:

Über angeborene Ideen bei Locke.

In: Thiel, Udo (Hrsg.):

John Locke. Essay über den
menschlichen Verstand.

Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6). S. 61

5 Thiel, Udo: (Hrsg.):

John Locke. Essay über den menschlichen Verstand.

Akademie Verlag, 1997. (Klassiker

Auslegen, Bd.6). S. 283.


7

allgemeine Idee des Substrats beziehen (Nidditch 1979 II.xxiii.2). Die geistigen Operationen

die hierfür nötig sind ergeben sich aus den Gegenständen auf die sie sich beziehen:

· Substanzideen sind komplexe Ideen,

,,die man als Darstellungen bestimmter,

selbstständig bestehender Einzeldinge ansieht"

(Nidditch 1979, II.xii.6).

· Relationsideen beziehen sich auf Verhältnisse von Ideen zueinander (Nidditch 1979,

II.xii.1) Sie werden durch die geistige Operation des Vergleichens gebildet, sind

folglich geistige Schöpfungen.

· Modi sind geistige Kombinationen von Ideen, wobei ihre Resultate keine realen

Gegenstände, sondern ausschließlich bewusst geistige Konstrukte darstellen, Bsp.:

,,Dreieck" (Nidditch 1979, II.xii.4).

· Abstrakte Ideen sind allgemeine Ideen, die vor allem bei der Kommunikation

gebraucht werden. Sie werden durch die mentale Operation des Abstrahierens

gebildet, z.B. durch

,,leave out"

(Nidditch 1979, III.iii.7-9) von bestimmten

Begleitumständen oder Sachverhalten in deren Verbindung sie auftreten.

1. 3 Verhältnis von Ideen und Wirklichkeit

Locke klassifiziert Ideen also auch nach ihrem Realitätsbezug; während ,,Modi" und

,,Relationsideen" geistige Konstrukte sind, beziehen sich ,,Substanzideen" auf Objekte

außerhalb unseres Geistes. Dieser Umstand führt, nach Locke, dazu, dass ihre ,,Archetypen",

also ihre ,,Urbilder" oder ,,Originale"( Nidditch 1979, II.xxx.1; II.xxx.i.1) unterschiedliche

Realitätsbezüge repräsentieren; geistige Konstrukte sind demnach ihre eigenen Archetypen

(Nidditch 1979, II.xxx.4; II.xxxi.14) wohingegen unabhängig vom Verstand existierende

Ideen ihre Archetypen nicht adäquat vorstellen können (Nidditch 1979, II.xxxi.6, 13).6

Während Archetypen also Urbilder der geistigen und realen Gegenstände in unserem Geiste

darstellen, sind die Substanzen mit ihrem Substrat als Träger ihrer Eigenschaften (s.o.), die

,,selbstständig bestehenden Einzeldinge"

( Nidditch 1979, II.xii.6) an sich.7

Lockes Differenzierung der Ideen von Gegenständen und ihrem tatsächlichen Sein greift aber

noch tiefer: Die wirkliche ,,Wesenheit" der Dinge, ihre

,,essence"

( Nidditch 1979, III.iii.15)

definiert Locke als

,,das eigentliche Sein eines Dinges, wodurch es ist, was es ist."

(ebd.) Die

Komplexe von Eigenschaften, die wir von einem Gegenstand wahrnehmen, leiten sich von

6 Thiel, Udo: (Hrsg.):

John Locke. Essay über den menschlichen Verstand.

Akademie Verlag, 1997. (Klassiker

Auslegen, Bd.6). S. 280.

7 Thiel, Udo: (Hrsg.):

John Locke. Essay über den menschlichen Verstand.

Akademie Verlag, 1997. (Klassiker

Auslegen, Bd.6). S. 286.


8

der

,,wirkliche(n), inneren Beschaffenheit aller Dinge..."

( Nidditch 1979, III.vi.2), der

,,Realen Essenz" ab. Wir sind jedoch nur fähig, die für uns wahrnehmbaren Eigenschaften der

Dinge in abstrakten Arten von Ideen zu vereinigen, was Locke als ,,Nominale Essenz" der

Dinge bezeichnet.

Wir können demnach, im Bezug auf Substanzarten, nur Hypothesen darüber aufstellen, ob

die Nominale Essenz der Realen Essenz entspricht. 8 Betrachtet man nun die obige

Unterscheidung Lockes bezüglich der Arten von Ideen, folgt daraus für die ,,Modi", dass bei

ihnen die Essenzen zusammenfallen, da sie reine Produkte des Geistes sind (ebd.).

Das Verhältnis von ,,Substrat" zu ,,Realer Essenz" bei Locke ist umstritten. Nach meinem

Verständnis ist das Substrat der Träger der wahrnehmbaren Eigenschaften von verschiedenen

Substanzarten, wohingegen die Reale Essenz auch alle nicht wahrnehmbaren Eigenschaften

des Gegenstandes beinhaltet.

1. 3 Lockes Sprachphilosophie

Die bisher aufgeführten Argumente Lockes über die Gewinnung von Erkenntnis, dienen vor

allem dem Zweck, die These, es gäbe angeborene Ideen zu widerlegen. Wie bereits gesagt, ist

Locke bestrebt, die menschliche Erkenntnis auf wissenschaftliche Weise zu erklären, weshalb

er die erkenntnistheoretische Frage:

"Is the law of Nature Inscribed on the Minds of Men?"

mit:

,,No"

beantwortet. Lockes Ideenlehre ist hier aber noch nicht am Ziel angelangt, denn:

,,Die Erkenntnis, deren Gegenstand die Wahrheit ist, hat es stets mit Sätzen zu tun.

Obwohl ihr letztes Ziel zwar in den Dingen selbst liegt, so sind doch die Wörter dabei

so sehr als Vermittler notwendig, daß sie von unserer allgemeinen Erkenntnis kaum

trennbar zu sein scheinen"

(Nidditch 1979, III.ix.21).

Können Ideen aber überhaupt adäquat durch Wörter vermittelt werden? Woher können wir

wissen, ob wir alle die gleichen Vorstellungen mit einem Begriff verbinden? Und gibt es

überhaupt so etwas wie die feste Bedeutung eines Wortes?

Nach Lockes Zitat sind Wörter generell Vermittler von Ideen, bestimmte Wortklassen aber,

wie die Partikel stehen zwar nicht selbst für eine bestimmte Idee, dienen jedoch dazu, die

mentale Beziehung die zwischen Ideen besteht, zu verdeutlichen.9 Einfache Ideen von pri-

mären und sekundären Qualitäten sind nach Locke bei allen Menschen prinzipiell gleich

8 Ayers, Michael:

Die Ideen von Kraft und Substanz.

In: Thiel, Udo: (Hrsg.):

John Locke. Essay über den
menschlichen Verstand.

Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6). S. 120.

9 Brandt, Reinhard/Klemme, Heiner F.:

Zur Sprachphilosophie.

In: Thiel, Udo: (Hrsg.):

John Locke. Essay über
den menschlichen Verstand.

Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6). S. 170.


9

(Nidditch 1979, II.xxxii.9). Bezüglich der Möglichkeit, dass

,,dasselbe Objekt im Geist

verschiedener Menschen gleichzeitig verschiedene Ideen erzeugen würde..."

( Nidditch 1979,

II.xxxii.15) räumt Locke ein, dass wir uns in diesem Falle mit den Wortzeichen der einfachen

Ideen sekundärer Qualitäten ostensiv über Ideen dieser Art verständigen können. Es ist für ihn

jedoch irrelevant, ob dem so ist, da wir dieselben Worte für Dinge verwenden, die

Kommunikation also auf jeden Fall gelingt.10 Was die primären Eigenschaften von einfachen

Ideen angeht, weist Locke darauf hin, dass wir sie nur über die sekundären Qualitäten

beschreiben können:

,,Flame is denominated Hot and Light; Snow White and Cold..."

(

Nidditch 1979, II.viii.16), weshalb wir sie erst recht nicht auf ihre einheitliche Wirkung auf

den Perzipienten überprüfen können.11

Bezüglich der komplexen Ideen betont Locke, dass bei den Substanz-Ideen der Archetyp des

Begriffs als eine reale Essenz gedacht wird, sie ist jedoch nur eine ,,dunkle Idee"( Nidditch

1979, II.xxiii.15;32) der wirklichen Substanz der Dinge. Wir sind demnach nur fähig eine

abstrakte Idee der Essenz zu bilden, ihre ,,Nominale Essenz" (siehe 1. 2).Während wir jedoch

von den Substanzen Erkenntnis dadurch erlangen, dass wir ihre Qualitäten in der Natur

ständig als verbunden beobachten und somit zu komplexen Substanzideen gelangen (vgl.

Nidditch 1979, III.vi.28), da jedoch die gemischten Modi und Relationsideen ihre eigenen

Archetypen sind, sind sie nicht dem Erkenntniswandel unterworfen (ebd.) Da sie geistige

Konstrukte sind (siehe 1. 3), fällt bei ihnen die Überprüfung ihrer bezeichneten Ideen noch

schwieriger; nach Locke zeigt sich deshalb gerade bei ihnen die Relevanz der Sprache, denn:

der Name ist es, der sie [die Ideen], als wäre er ein Knoten, fest zusammenbindet."

( Nidditch

1979, III.v.10), was wiederum zu Irrtümern und Unsicherheiten in der Kommunikation führt

(ebd.)

Bezüglich der singulären und allgemeinen Ideen ist Locke der Ansicht, dass nur erstere

Existenz haben. Auf seine Sprachphilosophie übertragen bedeutet dies, dass er kein

Nominalist, sondern ein subjektivistischer Realist ist, d.h. er ist davon überzeugt, dass nicht

nur Wörter allgemein sein können, sondern dass es allgemeine Ideen gibt, die zwar subjektive

Vorstellungen sind und keine objektiven Entitäten, diese aber mittels eines

10 Brandt, Reinhard/Klemme, Heiner F.:

Zur Sprachphilosophie.

In: Thiel, Udo: (Hrsg.):

John Locke. Essay über
den menschlichen Verstand.

Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6). S. 172-175.

11 Colman, John

: Lockes Theorie der Empirischen Erkenntnis.

In: Thiel, Udo (Hrsg.):

John Locke. Essay über
den menschlichen Verstand.

Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6). S. 203



10

Abstraktionsverfahrens eine allgemeine Bedeutung gewinnen können (siehe 1. 2).12 Allge-

meine Ideen bezeichnen daher mehr als ein bestimmtes Individuum; sie sind nach Locke

Kunstschöpfungen des menschlichen Verstandes zur Klassifikation von Objekten, können

aber, da sie individuell geschaffen werden, nicht allgemein werden. Das bereits erwähnte

Abstraktionsverfahren, dass nach Locke hierfür benötigt wird, kann einmal daraus bestehen,

dass man von individuellen Eigenheiten einer singulären Idee einfach absieht (Nidditch 1979,

II.xi.9), oder durch eine geistige Operation, bei der man sie

,,von allen örtlichen und

zeitlichen Umständen trennt und alle anderen Ideen von ihnen loslöst, die sie möglicherweise

auf diese oder jene Einzelexistenz beschränken könnten."

(Nidditch 1979, III.iii.6).

2. George Berkeleys Ideenlehre

2. 0 Quelle und Einteilung der Ideen

Welche übergeordneten Ziele Berkeleys theologisch motivierte Philosophie verfolgt, wurde

bereits in der Einleitung dieser Arbeit dargestellt. Im Folgenden werden nun die einzelnen

Kritikpunkte aufgezeigt, die Berkeley gegen Lockes Philosophie vorbringt, wodurch deutlich

werden soll, warum er, um seine Ziele zu verwirklichen gerade Locke so vehement angreifen

muss. Für Berkeley bestehen die Gründe für den von ihm bekämpften Atheismus und

Skeptizismus, aber auch für

,,a great number of dark and ambiguos terms...have been

introduced into metaphysics and morality..."

(Pappas 2000, S.27) in der Annahme,

,,all

sensible objects, have an existence, natural or real, distinct from their being perceived by the

understanding."

(ebd.). Für Berkeley gibt es demnach keine bewusstseinsunabhängige Materie

wie bei Locke; seine Philosophie steht in der Tradition Descartes, wenn er als (nicht weiter

begründeten) Ausgangspunkt seiner Philosophie das ,,esse est percipi"-Prinzip angibt, dem-

nach für alle

,,unthinking things"

gilt, dass

,,Their esse est percipi, nor is it possible they

should have any existence, out of mind or thinking things which perceive them."

(Pappas,

S.113). Mit Lockes Unterscheidung der Qualitäten von Materie ist dieser Ansatz

offensichtlich nicht zu vereinen; alle philosophischen Konsequenzen die sich hieraus für

Locke ergeben, nämlich die Unterscheidung von realer und nominaler Essenz anhand der

Archetypen, Substrat und Substanz, aber auch seine Korpuskel-Theorie sind Aspekte, die

nach Berkeley zu den

,,innumerable errors and difficulties in almost all parts of

knowledge..."

(Pappas 2000, S.29) geführt haben. Wie wir gesehen haben, resultiert für Locke

12 Brandt, Reinhard/Klemme, Heiner F.:

Zur Sprachphilosophie.

In: Thiel, Udo: (Hrsg.):

John Locke. Essay
über den menschlichen Verstand.

Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6). S.176.


11

die Erkenntnis aus Erfahrung, welche wiederum über die Wahrnehmung gewonnen wird.

Mentale Leistungen, wie Abstrahieren, Vergleichen und Weglassen, schaffen zudem

verschiedene Klassen von Ideen, die unterschiedliche Realitätsbezüge aufweisen (vgl 1. 2).

Der These von den angeborenen Ideen kann Locke demnach nicht zustimmen, genauso wenig

ist nach seiner Philosophie ein göttlicher Geist von Nöten, der die Ideen im Perzipienten

enstehen lässt; auf erster Stufe sind es allein die Kräfte bzw. die Qualitäten, die diese in uns

auslösen. Diese materialistische Argumentation kann Berkeley nicht zulassen, da eine

bewusstseinsunabhängige Materie die Allmacht Gottes in Frage stellen und das ,,esse est

percipi"-Prinzip außer Kraft setzen würde. Nach seiner (immaterialistischen) Theorie gilt:

,,all those bodies... have not any subsistence by without a mind, that their being is to be

perceived or known; that consequently so long as they are not actually perceived by me,

or do not exist in my mind or that of any other created spirit, they must either have no

existence at all, or else subsist in the mind of some eternal spirit."

(Pappas 2000, S. 108)

Mit anderen Worten: Die Dingwelt existiert nur in unserer Wahrnehmung, die durch den gött-

lichen Geist gesteuert wird. Ein Gegenstand löst sich nur deshalb nicht in Luft auf, wenn wir

in gerade nicht perzipieren, weil der göttliche Geist allgegenwärtig ist und somit allzeit dafür

sorgt, dass der universelle Ideenstrom nicht versiegt. Auch das geistige Vermögen, die

verschiedenen Operationen durchzuführen, die nach Locke zur Bildung von abstrakten Ideen

nötig sind, versucht Berkeley mit Hilfe seiner

,,heterogeneity-thesis (of numerical distinctness

of visual and tangible ideas)"13

zu untergraben:

"I am apt to think that when men speak of extension as being an idea common to two

senses, it is with a secret supposition that we can single out extension from all other

tangible and visible qualities, and from thereof an abstract idea, which idea they will

have common to sight and touch."

(Pappas 2000, S. 30)

Der menschliche Geist ist demnach nicht in der Lage, die von Locke postulierten Ab-

straktionsverfahren durchzuführen, um zu abstrakten Ideen zu gelangen; für Berkeley können

Ideen nur separiert gedacht werden, die auch eigenständig auftreten:

,,Since therefore it is impossible even for the mind to disunite the ideas of extension and

motion from all other sensible qualities, does it not follow, that where the one exist,

there necesserily the other exist likewise?"

(Pappas 2000, S. 41)

Nach dieser Einschränkung ergänzt er jedoch:

"An dieser Stelle muss ich darauf hinweisen, dass ich nicht schlechthin die Existenz von

allgemeinen Ideen leugne, sondern nur die von abstrakten allgemeinen Ideen. Denn in den

13 Pappas, George S.:

Berkeley`

s

Thought

. Cornell University Press 2000 .Ithaca / London, S.34.


12

obigen Passagen, wo allgemeine Ideen erwähnt werden, ist stets vorausgesetzt, dass

sie...durch Abstraktion gebildet werden."

( Berkeley 2005, §12)14 [Hervorh. v. Verfasser].

Um die vermeintliche Absurdität von Lockes Theorie zu veranschaulichen, zitiert er nun

einen Abschnitt aus dem

Essay,

wo Locke sich der Gewinnung von allgemeinen Ideen durch

die geistige Operation des Abstrahierens widmet:

,,For example, does it not require some pains and skill to form the general Idea of a

Triangle (which is yet none of the most abstract, comprehensive, and difficult) for must

be neither Oblique, nor Rectangle, neither Equilateral, Equicrural, nor Scalenon; but

all and none of these at once."

(Locke 1975, IV, VII 9, 596) [Hervorh. v. Verfasser].

Für Berkeley stellt sich dieses Unterfangen als ein

,,einvergebliches Vorhaben dar..."

(§12),

müssen wir es doch nur mit unserem bisherigen Wissen über Berkeleys

heterogeneity-thesis

und dem ,,esse est percipi" Prinzip vergleichen, ist dies leicht nachzuvollziehen (s.o.). Ein

weiterer Aspekt, den Berkeley hier gegen Lockes Ideenlehre verwendet, ist somit auch die

Feststellung, dass der menschliche Geist nach Berkeleys Überzeugung schlicht nicht fähig sei,

die hiernach geforderten Leistungen zu erbringen. Zur Begründung der Bewusstseins-

abhängigkeit der Ideen und somit auch der Materie, greift Berkeley noch ein weiteres

Argument auf, um zu zeigen, dass nicht nur geistige Konstrukte keine Existenz außerhalb des

Geistes besitzen, sondern auch Ideen, die wir unmittelbar über die Sinne erhalten:

,,Es scheint

aber nicht weniger einleuchtend, dass die verschiedenen Sinnesempfindungen oder die den

Sinnen eingeprägten Ideen...nicht anders existieren können, als in einem Geist, der sie

wahrnimmt. Das kann jeder, denke ich, intuitiv erkennen."

( Berkeley 2005, §3). Intuition ist

also hiernach ein weiteres Argument, aber welche Gegenstände können nach dieser Definition

überhaupt eine Existenz haben? Nach Berkeley nur

,,soul or spirit"

(Berkeley 1948-57, 2:105,

Pappas S.106), da diese

,,an active being, whose existence consists not in being perceived, but

in perceiving ideas and thinking."

(ebd.)

2. 1 Berkeleys Sprachphilosophie

Da Berkeley sich Lockes Theorie der abstrakten Ideen nicht anschließen kann, finden wir bei

ihm auch eine andere Erklärung dafür, wie Wörter allgemein werden: Während bei Locke

Wörter dadurch allgemein werden, dass sie als Zeichen für abstrakte Ideen gebraucht werden

(vgl 1. 3), werden sie es bei Berkeley dadurch, das sie zur Bezeichnung mehrerer Einzelideen

dienen:

"In truth there is no such thing as one precise and definite signification annexed to

any general name, they all signifying indifferently a great number of particular

14 Kreimendahl, Lothar (Hrsg.):

George Berkeley. Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen
Erkenntnis.

Übers. und hrsg. von Kreimendahl, Lothar / Gawlick, Günter.


13

ideas."

(Berkeley 1948-57, 2:36), (Pappas, S. 71). Dieser sprachphilosophische Nominalismus

steht im Gegensatz zu Lockes subjektivistischem Realismus:

"universality, so far as I can comprehend not consisting in the absolute, positive nature

or conception of any thing, but in the relation it bears to the particulars signified or

represented by it: by virtue whereof it is that things, names, or notions, being in their

own nature particular, are rendered universal. Thus when I demonstrate any pro-

position concerning triangles, it is to be supposed that I have in view the universal idea

of a triangle; which ought not to be understood as if I could frame an idea of a triangle

which was neither equilateral nor scalenon nor equicrural. But only that the particular

triangle I consider, whether if this or that sort it matters not, doth equally stand for and

represent all rectilinear triangles whatsoever, and is in that sense universal."

(Berkeley

2005, §15) (Pappas, S. 70) [Hervorh. im Original].

Aus dieser Definition heraus ergibt sich aber nach Lothar Kreimendahl eine logische

Inkonsistenz, da

,,durch die Repräsentationsfunktion der Einzelvorstellung bereits eine

abstrahierende, weil vergleichende, identifizierende und unterscheidende Hinsicht auf die

Gegenstände erforderlich ist, die unter den Begriff eines Dreiecks fallen. Die

Allgemeinvorstellung des Dreiecks ist also immer schon vorausgesetzt".15

2. 2 Fazit zu Berkeleys Kritik an Locke

Unterzieht man nun beide Theorien einer objektiven Prüfung, lässt sich allgemein festhalten,

dass Locke bei der Untersuchung der menschlichen Erkenntnis naturwissenschaftlich vorgeht,

während Berkeley eine theologische Argumentation verfolgt. Bei Schwierigkeiten,

Erklärungen für den sich ständig verändernden Ideenfluss zu finden, bedient sich Berkeley

des göttlichen Geistes, der durch seine Allgegenwärtigkeit die Seinskontinuität der Dingwelt

steuert, was zudem erklärt, warum die Annahme einer bewusstseinsunabhängiges Materie für

Berkeley keinen Sinn ergibt. Locke hingegen argumentiert materialistisch, wenn er als Quelle

all unserer Ideen, weder angeborene Vorstellungen, noch den göttlichen Geist angibt, sondern

die Wahrnehmung von Eigenschaften der Körper außerhalb unseres Geistes. Mit seiner

nominalistischen Sprachphilosophie will Berkeley die Unmöglichkeit allgemeiner abstrakter

Ideen verdeutlichen, da diese seiner Ansicht nach für die

,,innumerable errors and difficulties

in almost all parts of knowledge..."

(Pappas 2000, S.29) verantwortlich sind, die er mit seiner

Theorie zu revidieren erhofft. Allgemeine Begriffe würden nicht für allgemeine Ideen stehen,

die über das geistige Verfahren der Abstraktion gewonnen werden, weil dies dem ,,esse est

15 Kreimendahl, Lothar:

Berkeley. Prinzipien der menschlichen Erkenntnis.

In

: Hauptwerke der Philosophie.
Rationalismus und Empirismus.

Reclam 1994. Stuttgart. S. 98.


14

percipi"-Prinzip und der ,,Heterogeneity-thesis" entgegenlaufen und zudem die Allmacht

Gottes in Frage stellen würde; nach Berkeley dienen allgemeine Begriffe ausschließlich zur

Bezeichnung mehrerer Einzelideen, so dass nur Wörter allgemein sein können. Wie wir

gesehen haben, greift Berkeley bei Inkonsistenzen in seiner Argumentation auf den göttlichen

Geist, das ,,esse est percipi"-Argument, oder auf die Intuition zurück (s.o.), während Locke

nach Erklärungen sucht, die diese vermeintlich selbstevidenten Bereiche verlassen und somit

für seine Gegner angreifbarer wird, was Berkeley zu der folgenden Bemerkung bezüglich

Lockes Ideenlehre veranlasst:

,,it only shows you have the power of imagining or forming ideas in your mind; but it

doth not show that you can conceive it possible, the objects of your thought may exist

without the mind: to make out this, it is necessary that you conceive them existing un-

conceived or unthought of, which is a manifest repugnancy."

(Berkeley 1948-57, 2:50).

Gerade dieses Argument ist die Hauptstütze für Berkeleys Argumentation; da Locke diese

Kritik durch seine naturwissenschaftliche Argumentation nicht entkräften kann, nutzt

Berkeley diesen Umstand, um seine eigene Theorie zu unterstützen:

,,Berkeley is saying that if one can conceive sensible objects existing without the mind,

then he is willing to concede that the esse is percipi thesis is false. It is this action that

he says one cannot perform...The important point is this: if there were abstract ideas of

sensible objects, and also an abstract idea of existence then one could successfully

carry out this conceiving."

(Pappas 2000, S. 67) [Hervorh. im Original].

Da aber niemand die Möglichkeit hat, eine bewußtseinsunabhängige Materie zu beweisen,

weil dieser Beweis an die Wahrnehmung selbst gebunden ist, kann auch die Falschheit des

,,esse est percipi"-Prinzip nicht gänzlich aufgezeigt werden. Es bleibt jedoch fraglich, ob eine

Argumentation, die als eine Hauptstütze den göttlichen Geist verwendet, dessen Existenz

ebenso vom Glauben abhängt, wie die Existenz einer bewusstseinsunabhängigen Materie,

wirklich überzeugen kann. Allein schon die Tatsache, dass wir ständig der sinnlichen

Wahrnehmung unserer Umgebung unterworfen sind, lässt Berkeleys Behauptung, es gäbe sie

nur (individuell von Gott gesteuert) in unserem Geiste, unglaubwürdig erscheinen; und selbst

wenn dies so wäre und wir uns wenigstens unserer eigenen Existenz ,,intuitiv" sicher sein

könnten, wer sagt uns dann, dass dies auch auf unsere Mitmenschen zutrifft? Wie sollten wir

dies überprüfen können? Wären dann nicht zwischenmenschliche Rechte und Pflichten außer

Kraft gesetzt, da es sich bei meinen Mitmenschen ja möglicherweise nur um

wahrnehmungsabhängige Objekte handelt, die demnach keine Persönlichkeit besitzen?


15

Diese Weiterführung von Berkeleys Argumentation wäre von ihm selbst wahrscheinlich nicht

unterstützt worden, da sie im Gegensatz zu einer religiösen Weltanschauung steht, zu der

unter anderem auch die zehn Gebote gehören, die somit völlig sinnlos wären. Berkeleys

Argumentation jedenfalls, die nach seinen Angaben den Atheismus und Skeptizismus

bekämpfen soll, scheint ihr Ziel nicht zu erreichen.


16

Literatur

· Kreimendahl, Lothar (Hrsg.):

George Berkeley. Eine Abhandlung über die Prinzipien

der menschlichen Erkenntnis.

In (ders.):

Hauptwerke der Philosophie. Rationalismus
und Empirismus.

Stuttgart: Reclam, 1994.

· Berkeley, George:

Eine Abhandlung über die menschliche Erkenntnis.

Übers. u. hrsg.

von Günter Gawlick u. Lothar Kreimendahl. Ditzingen: Reclam, 2005 [161710]

· Locke, John:

An Essay Concerning Human Understanding.

Ed. With an introduction

by

Nidditch, Peter H. Oxford: Clarendon Press, 1979 [11690].

· Pappas, George:

Berkeley`s Thought.

Oxford: Clarendon Press, 2000.

· Thiel, Udo (Hrsg.):

John Locke. Essay über den menschlichen Verstand

. Berlin:

Akademie Verlag, 1997. (Klassiker Auslegen, Bd.6).



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Comments

Ingmar Thilo
09.10.2008 10:36:58
Über den Prozess der menschlichen Erkenntnis bei John Locke und George Berkeley
Vielen Dank! Das ist eine sehr nützliche Zusammenfassung der beiden gegensätzlichen Erkenntnistheorien. Ingmar Thilo
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