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Subtitle: Zwei gesellschaftspolitische Konzepte der sechziger Jahre im Vergleich
Scholary Paper (Seminar), 2004, 16 Pages
Author: Katharina Tiemeyer
Subject: History - Newer History, European Unification
Details
Institution/College: University of Freiburg (Historisches Seminar)
Tags: Formiert, Suche, Leitbild, Jahren, Ludwig Erhard, BRD
Year: 2004
Pages: 16
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 16 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-10766-7
File size: 120 KB
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Abstract
„In das Nadelöhr der heutigen Wirklichkeit paßt der Faden unserer bisherigen Politik überhaupt nicht hinein. Wir müssen einen neuen Faden spinnen.“, konstatiert Theo Sommer im Herbst 1966 in einem Kommentar zur innenpolitischen Lage Deutschlands. Diese plastische Formulierung trifft genau ins Zentrum der Probleme, die Mitte der sechziger Jahre die Gesellschaft und Politik der Bundesrepublik in Unruhe versetzen. Die goldenen Jahre des „Wirtschaftswunders“ und der damit verbundenen Unbekümmertheit waren vorbei, Veränderungen wurden deutlich und kündigten sich in zunehmendem Maße an. Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich, drohte zu stagnieren und die seit 1964 bestehende Gefahr von Inflation rief allgemeine Orientierungslosigkeit und Krisenbewusstsein hervor. Es kamen Zweifel auf, ob das marktwirtschaftliche System in der Lage sei, die wirtschaftlichen Probleme zu bewältigen. Diese Zweifel wurden durch eine skeptische Grundhaltung gegenüber Politik und politischer Entscheidungsmacht als solcher verstärkt, die zunehmend dem Einfluss technischer Innovationen und der Macht partikulärer Interessenverbände unterstand. Kernfrage all dieser Probleme und Sorgen war „das bislang ungelöste Problem der Steuerung komplexer Industriegesellschaften“. Man war auf der Suche nach einer neuen Konzeption von Politik, nach einem neuen politischen Leitbild, das die alte erhardsche Zielsetzung „Wohlstand für alle“ ersetzte, an deren Stelle sich eine klaffende Lücke immer deutlicher abzeichnete. Diese Suche beschäftigte seit Beginn der sechziger Jahre sowohl Regierung als auch Opposition und kennzeichnet die Politik dieser Zeit in besonderem Maße. Die Debatte um eine neue gesellschaftliche Gesamtkonzeption wurde endgültig mit dem Wahlkampf zur Bundestagswahl 1965 entfacht durch das von Ludwig Erhard vorgestellte Konzept der „Formierten Gesellschaft“. Diesem Versuch einer neuen gesellschaftspolitischen Zielsetzung begegnet die SPD mit scharfer Kritik. Als Gegenmodell antworten die Sozialdemokraten mit dem Leitbild der „Mündigen Gesellschaft“. In dieser Arbeit sollen beide Konzepte zunächst kurz vorgestellt und anschließend miteinander verglichen werden. In einer abschließenden Beurteilung soll festgestellt werden, warum sich das eine Konzept gegenüber dem anderen behaupten konnte. [...]
Excerpt (computer-generated)
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Historisches Seminar
Proseminar: Die BRD in den 60er Jahren
SS 2004
,,Formiert" oder ,,mündig"? -
Die BRD auf der Suche
nach einem neuen politischen Leitbild
Zwei gesellschaftspolitische Konzepte der sechziger Jahre
im Vergleich
Verfasserin:
Katharina Tiemeyer
INHALTSVERZEICHNIS
I.
Einleitung 2
II. Die ,,Formierte Gesellschaft" Ludwig Erhards gesellschaftspolitisches Konzept .. 4
III. Die ,,Mündige Gesellschaft" Kritik und Gegenmodell der SPD 6
IV. Vergleich beider Konzepte 8
1. Problembewusstsein, Zielsetzung, Definition 8
2. Mensch und Gesellschaft 9
3. Staat und Politik 10
V. Resümee 11
VI. Literatur 13
1
I. Einleitung
,,In das Nadelöhr der heutigen Wirklichkeit paßt der Faden unserer bisherigen Politik
überhaupt nicht hinein. Wir müssen einen neuen Faden spinnen.", konstatiert Theo Sommer
im Herbst 1966 in einem Kommentar zur innenpolitischen Lage Deutschlands.1
Diese plastische Formulierung trifft genau ins Zentrum der Probleme, die Mitte der sechziger
Jahre die Gesellschaft und Politik der Bundesrepublik in Unruhe versetzen.
Die goldenen Jahre des ,,Wirtschaftswunders" und der damit verbundenen Unbekümmertheit
waren vorbei, Veränderungen wurden deutlich und kündigten sich in zunehmendem Maße an.
Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich, drohte zu stagnieren und die seit 1964
bestehende Gefahr von
Inflation2 rief allgemeine Orientierungslosigkeit und
Krisenbewusstsein hervor.3 Es kamen Zweifel auf, ob das marktwirtschaftliche System in der
Lage sei, die wirtschaftlichen Probleme zu bewältigen. Diese Zweifel wurden durch eine
skeptische Grundhaltung gegenüber Politik und politischer Entscheidungsmacht als solcher
verstärkt, die zunehmend dem Einfluss technischer Innovationen und der Macht partikulärer
Interessenverbände unterstand.4 Kernfrage all dieser Probleme und Sorgen war ,,das bislang
ungelöste Problem der Steuerung komplexer Industriegesellschaften".5 Man war auf der
Suche nach einer neuen Konzeption von Politik, nach einem neuen politischen Leitbild, das
die alte erhardsche Zielsetzung ,,Wohlstand für alle"6 ersetzte, an deren Stelle sich eine
klaffende Lücke immer deutlicher abzeichnete. Diese Suche beschäftigte seit Beginn der
sechziger Jahre sowohl Regierung als auch Opposition und kennzeichnet die Politik dieser
Zeit in besonderem Maße.
Die Debatte um eine neue gesellschaftliche Gesamtkonzeption wurde endgültig mit dem
Wahlkampf zur Bundestagswahl 1965 entfacht durch das von Ludwig Erhard vorgestellte
Konzept der ,,Formierten Gesellschaft". Diesem Versuch einer neuen gesellschaftspolitischen
Zielsetzung begegnet die SPD mit scharfer Kritik. Als Gegenmodell antworten die
Sozialdemokraten mit dem Leitbild der ,,Mündigen Gesellschaft".
In dieser Arbeit sollen beide Konzepte zunächst kurz vorgestellt und anschließend
miteinander verglichen werden. In einer abschließenden Beurteilung soll festgestellt werden,
warum sich das eine Konzept gegenüber dem anderen behaupten konnte.
1 Sommer, Theo: ,,Denken an Deutschland", DIE ZEIT, Archiv 11/1996, zitiert nach:
www.zeit.de/archiv/1966/11/Zt19660311_001_0002_P
2 Vgl. Metzler, Gabriele: Am Ende aller Krisen?, in: Historische Zeitschrift 275 (2002), S.59.
3 Vgl. Laitenberger, Volkhard: Formierte Gesellschaft, in: Die politische Meinung 218 (1985), S.91.
4 Vgl. Metzler, Gabriele: ,,Geborgenheit im gesicherten Fortschritt". Das Jahrzehnt der Planbarkeit und
Machbarkeit, in: Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch. Die sechziger Jahre als Wendezeit der
Bundesrepublik, hrsg. v. Matthias Frese, Julia Paulus, Karl Treppe, Paderborn 2003, S.788.
5 Ebd., S.793.
6 Erhard, Ludwig: Wohlstand für alle, Düsseldorf/ Wien 1964.
2
Die zugrunde gelegten Quellen sind im Wesentlichen die Parteitagsrede Ludwig Erhards vom
31. März 1965 auf dem CDU-Bundesparteitag in Düsseldorf sowie das Referat Karl Schillers
vom 3. Juni 1966 auf dem Parteitag der SPD in Bonn. Diese beiden Reden wurden deshalb als
Quelle gewählt, weil in ihnen das jeweilige Konzept zum ersten Mal öffentlich verkündet
worden ist. Danach haben beide Konzepte auch an anderer Stelle Erläuterungen erfahren.
Gegebenenfalls werden diese zur Verdeutlichung mit einbezogen.
Der Vergleich soll aspektorientiert vorgenommen werden. Da Zielsetzungen und Maßnahmen
bei beiden Konzepten stark mit einander vermengt und inhaltlich oft nicht von einander zu
trennen sind, kann es dabei dennoch zu Überschneidungen kommen. Hauptsächlich sollen die
Leitideen betrachtet und verglichen werden. Die genauere politische Umsetzung der Konzepte
kann nur am Rande erwähnt werden, da eine detaillierte Analyse der einzelnen
wirtschaftspolitischen Konkretisierungsvorhaben den vorgegebenen Rahmen sprengen würde.
Ausgehend von dem älteren Konzept der ,,Formierten Gesellschaft" wird die Idee der
,,Mündigen Gesellschaft" nur vergleichend herangezogen. Auf die Kritik, die wiederum
diesem Modell entgegengebracht worden ist, wird nicht eingegangen werden. Ebenso verengt
sich der Blick auf die Kritik an der ,,Formierten Gesellschaft" auf die Position der SPD.
Tatsächlich jedoch gehen die kritischen Kommentare weit hierüber hinaus und finden sich
sogar in den eigenen Reihen der CDU.7
Was die Forschungslage betrifft, so sind die politischen Veränderungen der sechziger Jahre
generell bisher wenig Gegenstand zeithistorischer Forschung.8 Dies gilt auch für die in dieser
Arbeit thematisierten politischen Konzepte. Zur ,,Formierten Gesellschaft" existieren eine aus
den achtziger Jahren stammende Dissertation von Heinzgerd Schott9, sowie ein kurzer
Zeitschriftenbeitrag von Laitenberger.10 Außerdem wird sie im Zusammenhang mit
biographischen Äußerungen zu Ludwig Erhard und in allgemeinen Darstellungen
bundesdeutscher Geschichte angesprochen. Die Literaturlage zur ,,Mündigen Gesellschaft" ist
ähnlich rar, im Zusammenhang jedoch mit der Planungspolitik der SPD in den Sechziger
Jahren findet das Konzept durchaus Erwähnung. Was die gemeinsame und
gegenüberstellende Betrachtung beider Konzepte betrifft, sind die zwei aktuellen
Forschungsbeiträge Metzlers11 zu benennen.
7 Vgl. Schott, Heinzgerd: ,,Die Formierte Gesellschaft und das Deutsche Gemeinschaftswerk". Zwei
gesellschaftspolitische Konzepte Ludwig Erhards, Diss. Bonn 1982, S.125-169.
8 Vgl. Metzler, Am Ende aller Krisen, S.59.
9 Siehe Anm.7.
10 Siehe Anm.3.
11 Siehe Anm. 2 und 4.
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