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Die Haskala zwischen Aufklärung, Assimilation und traditionellem Bewußtsein

Autor: Jan Schenkenberger
Fach: Judaistik

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Details

Institution/Hochschule: Universität Erfurt
Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2004
Seiten: 21
Note: 1.0
Literaturverzeichnis: ~ 21  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 175 KB
Archivnummer: V112814
ISBN (E-Book): 978-3-640-13288-1
ISBN (Buch): 978-3-640-13543-1

Zusammenfassung / Abstract

„Aufklärung“ – das ist seit Kants berühmter Definition das Schlagwort für das 17. Jahrhundert und die Umwälzungen jener Zeit. Ihr Ursprung liegt in der Reformation und der Rebellion gegen die tradierten mittelalterlichen Denkmuster und doch greift diese philosophische Bewegung weit über die Religion hinaus, indem sie den bloßen Glauben durch Vernunft und Rationalismus ersetzt. Eine bessere Welt kann nur durch den Gebrauch des eigenen Verstandes, durch logisches Denken erreicht werden und nicht durch Religion. „Sapere aude!“ ist die Losung der Stunde, um bei Kant zu bleiben. Zugleich ist die Gabe des Verstandes und die Möglichkeit, Bildung zu erlangen, gebildet zu werden keine, die sich nur auf die Eliten beschränkt. Sie ist allen Menschen eigentümlich. Durch die neben Kant stattfindende Umwertung der bisher existierenden Werte – Vernunft statt Glaube – und die gleichzeitige Universalisierung des Wissensideals setzt sich die Aufklärung an die bisherige Stelle der Religion; sie selbst nimmt gleichsam religiöse Züge an.

Textauszug (computergeneriert)

Jan Schenkenberger

Universität Erfurt,

BA-Religionswissenschaft

Sommersemester 2004

MA-Fachsemester: 3

Die Haskala zwischen Aufklärung, Assimilation

und traditionellem Bewußtsein.


Inhaltsverzeichnis

1. Haskala ­ jüdische

Seite

3

Aufklärung

1.1 Die Entstehung eines neuen

Seite 5

Bildungsideals. Mendelssohn, die

Berliner Freischule und Ha

Measef.

2. Der Blick von Außen.

Seite

12

Herder und die

zeitgenössische

Volksaufklärung

3. Das Scheitern

Seite 14

4. Bibliographie

Seite 19

2


Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst
verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das
Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines
anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese
Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel
des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes
liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
[...]
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so
großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von
fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes),
dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben...

Immanuel Kant

1. Die Haskalah ­ jüdische Aufklärung

,,Aufklärung" ­ das ist seit Kants berühmter Definition das Schlagwort

für das 17. Jahrhundert und die Umwälzungen jener Zeit. Ihr Ursprung liegt in der

Reformation und der Rebellion gegen die tradierten mittelalterlichen Denkmuster

und doch greift diese philosophische Bewegung weit über die Religion hinaus,

indem sie den bloßen Glauben durch Vernunft und Rationalismus ersetzt. Eine

bessere Welt kann nur durch den Gebrauch des eigenen Verstandes, durch

logisches Denken erreicht werden und nicht durch Religion. ,,Sapere aude!" ist die

Losung der Stunde, um bei Kant zu bleiben. Zugleich ist die Gabe des Verstandes

und die Möglichkeit, Bildung zu erlangen, gebildet zu werden keine, die sich nur

auf die Eliten beschränkt. Sie ist allen Menschen eigentümlich.

Durch die neben Kant stattfindende1 Umwertung der bisher existierenden

Werte ­ Vernunft statt Glaube ­ und die gleichzeitige Universalisierung des

Wissensideals setzt sich die Aufklärung an die bisherige Stelle der Religion; sie

selbst nimmt gleichsam religiöse Züge an. Die Wiederbelebung antiker Gottheiten

als Verkörperung zeitgenössischer Ideen spricht hier eine deutliche Sprache.

1 Es war nicht Kants Absicht, den Glauben zugunsten der Vernunft aufzugeben, wie oft behauptet

wird. Das Gegenteil war sein Ziel: ,,das

Wissen

aufheben, um zum

Glauben

Platz zu bekommen,

und der Dogmatismus der Metaphysik, d. i. das Vorurteil, in ihr ohne Kritik der reinen Vernunft

fortzukommen, ist die wahre Quelle alles der Moralität widerstreitenden Unglaubens, der jederzeit

gar sehr dogmatisch ist." (aus: Kant, Immanuel:

Kritik der reinen Vernunft [Vorrede zur zweiten
Auflage]

, Seite 28)

3


Dennoch ist die Aufklärung durch die Ablehnung jeglicher Autorität außerhalb

der ratio in ihrem tiefsten Wesen eine nachreligiöse Erscheinung2.

Solch eine revolutionäre Bewegung konnte das frühbürgerliche Judentum

nicht unbeeinflußt lassen, zumal hier viele Interessen zusammenkamen. Gerade in

Städten wie Berlin bildete sich im 18. Jahrhundert eine neue jüdische Oberschicht

heraus, deren Lebensstil sich an ihrem christlichen Umfeld ­ dem Adel und der

entstehenden Bourgeoisie ­ orientierte und die mit den traditionellen Werten des

Judentums nicht mehr viel anzufangen wußte. Als Juden blieben sie aber zunächst

von ihrem Ziel der Anerkennung ausgeschlossen. Erst der Universalismus des

sich aufklärenden ,,Menschen" bot die Verheißung auf Eingang in die bürgerliche

Gesellschaft. Diese Gruppen waren es, die für eine Erneuerung des Judentums

besonders aufgeschlossen waren ­ sie unterstützten darum die sich herausbildende

Haskala3 deren Hauptziel, neben dem Bildungsideal, Emanzipation war.

Und in der Tat erklang die Forderung nach religiöser Toleranz auch in

christlichen Kreisen häufiger; schon Desiderius von Rotterdam konnte sich eine

Freundschaft zu Juden durchaus vorstellen ­ Pufendorf erweiterte dies später um

den Gedanken einer allumfassenden Humanität. Lessing kritisierte später die

christliche Intoleranz und setzte sich bereits 1749 mit dem Schauspiel ,,Die

Juden", in dem er das Beispiel eines edlen Juden erstmals propagierte für religiöse

Toleranz ein; er bekam aber prompt vom Göttinger Theologieprofessor Michaelis

die Replik, daß ein solches Beispiel eines edlen Menschen unter den Juden wohl

kaum zu finden sei.

Zu dieser Zeit lebte Moses Mendelssohn bereits in Berlin, der auf lange

Zeit hinaus zu dem Musterbeispiel des jüdischen Philosophen, aber gerade auch

des tugendhaften Juden werden sollte. Doch an ihm demonstrierte sich ebenso

deutlich die besondere Schwierigkeit der jüdischen Aufklärer. Der Ausgang aus

der selbst verschuldeten Unmündigkeit gestaltete sich für sie nämlich ungleich

2 Vgl. Funkenstein, Amos:

Das Verhältnis der jüdischen Aufklärung zur mittelalterlichen
jüdischen Philosophie.

In: Gründer, Karlfried / Rotenstreich, Nathan (Hrsg.):

Aufklärung und
Haskala in jüdischer und nichtjüdischer Sicht.

Heidelberg 1990, Seite 14f.

3 Wobei festzuhalten bleibt, daß die jüdischen Intellektuellen um Mendelssohn in der Regel wenig

mit dieser Grundhaltung anzufangen wußten. Mendelssohn selbst schrieb an seine Verlobte, ,,sie

habe wenig gemein mit den reichen Berliner Juden, die charakterlich keinen Vergleich mit ihr

aushielten." (Zitiert nach Meyer, Michael:

Von Moses Mendelssohn zu Leopold Zunz. Jüdische
Identität in Deutschland 1749 ­ 1824.

München 1994, Seite 22)

4


schwerer als für ihre christlichen Mitmenschen: bei ihnen musste nämlich ,,dem

Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit erst einmal der Ausgang aus

fremd verschuldeter Unmündigkeit vorausgehen"4.

1.1 Die Entstehung eines neuen Bildungsideals. Mendelssohn,

die Berliner Freischule und Ha Measef.

Moses Mendelssohns Biographie zeigt die Notwendigkeit der

Selbstaufklärung exemplarisch. Geboren als Sohn eines armen Toraschreibers in

Dessau, musste sich Mendelssohn den Weg in die Gesellschaft selbst bahnen.

Mendelssohn erhielt zunächst den traditionellen Unterricht und besuchte den

Heder und die Jeschiva in Dessau. Sein Biograph Euchel betont hierbei, wie

frühzeitig und gründlich sich Mendelssohn Hebräisch angeeignet habe ­ inwiefern

dies zutreffend ist, muß ­ aufgrund fehlender Selbstzeugnisse ­ wohl dahingestellt

bleiben. Für die meisten anderen Quellen dürfte Britta Behms Äußerung über

Mendelssohns Biographen Euchel Gültigkeit besitzen: ,,Euchels Mendelssohn-

Biographie und die biographischen Darstellungen anderer jüdischer Aufklärer

sind [...] immer auch daraufhin zu untersuchen, inwieweit sie ein Mendelssohn-

Bild bzw. ein Symbol des Aufbruchs in eine neue Zeit zu konstruieren bestrebt

waren"5. Dennoch bleibt festzuhalten, daß der Unterricht, den Mendelssohn beim

damaligen Dessauer Oberrabbiner Fränkel erhielt, wohl nicht mehr rein

traditionell orientiert war und Mendelssohns Horizont auch über die klassischen

Lerninhalte hinaus erweiterte. Fränkel machte Mendelssohn mit Maimonides

bekannt. Als Fränkel 1743 in Berlin Oberrabbiner wurde, folgte ihm Mendelssohn

in die preußische Hauptstadt. In der Folgezeit erlernte er dort Deutsch, Englisch

und Französisch und setzte sich mit der zeitgenössischen Philosophie auseinander.

4 Schulte, Christoph:

Die jüdische Aufklärung. Philosophie, Religion, Geschichte.

München 2002,

Seite 26

5 Behm, Britta:

Moses Mendelssohn und die Transformation der jüdischen Erziehung in Berlin.
Eine bildungsgeschichtliche Analyse zur jüdischen Aufklärung im 18. Jahrhundert.

Münster 2002,

Seite 85

5


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