Tizians "Zinsgroschen"

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Details

Titel: Tizians "Zinsgroschen"
Autor: Josephine Klingebeil
Fach: Kunst - Malerei
Veranstaltung: Proseminar: Venezianische Malerei des 16. Jahrhunderts
Institution/Hochschule: Technische Universität Dresden (Institut für Kunstgeschichte)
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2006
Seiten: 35
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 17  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 7590 KB
Archivnummer: V113202
ISBN (E-Book): 978-3-640-13661-2
Anmerkungen :
Gut recherchierte Arbeit, mit starken, aber auch sprachlich schwachen Passagen. Intensiv durchformulieren! Problembewusstsein geht in die richtige Richtung, der Aufbau der Arbeit hätte noch zwingender sein können.

Textauszug (computergeneriert)

1

Technische Universität Dresden

Philosophische Fakultät

Institut für Kunst- und Musikwissenschaft

Lehrstuhl für Kunstgeschichte

Hausarbeit

Tizians Zinsgroschen

Josephine Klingebeil

Magister HF Kunstgeschichte - 3. Semester

HF Romanistik (SpraWi) - 2. Semester

Proseminar: Venezianische Malerei des 16. Jahrhunderts

WS 2004/05

Dresden, 15.03.06006


2

Inhaltsverzeichnis

Einleitung 3

1. Das biblische Thema des Zinsgroschens

3

2. Darstellungen des Zinsgroschens vor Tizian

4

3. Tizian:

Der Zinsgroschen

, um 1516, Dresden Alte Meister

5

3.1 Das Kryptoporträt Tizians

8

3.2 Vita activa et Vita contemplativa im Zinsgroschen

9

3.3 Die Münze ­ Das Geld

11

3.4 Die Handstellung

14

4. Darstellungen des Zinsgroschens nach Tizian

16

4.1 Tizian: Der Zinsgroschen, 1568, London National Gallery

17

Schlusswort 19

Bibliographie 20

Abbildungsverzeichnis 22

Abbildungen 25




3

Einleitung

Die Sprache der Kunst war im 16. Jahrhundert keine einfache glatte Gesamtheit

von unabhängigen Zeichen, vielmehr war sie opak, mysteriös, rätselhaft,

vermischte sich mit Figuren aus der Welt und bildet ein Zeichennetz.1 Das

Symbolmilieu verbindet auf intellektueller Ebene Kundige und die Patrone in einer

ihnen angemessenen Sprache. Lesbarkeit der Kunst war also nichts für den

gemeinen Mann.2

Am Beispiel des

Zinsgroschens

(Abb. 1) von Tizian werde ich durch verschiedene

Ansätze einen Einblick geben, in die Masse der Möglichkeiten auf deren

verschiedenen Ebenen es möglich ist, ein Werk des 16. Jahrhunderts zu

hinterfragen und zu interpretieren.

Der sich bei uns in Dresden befindende

Zinsgroschen

(Abb. 1) Tizians gilt als die

klassische Formulierung der Konfrontation Jesu mit den Pharisäern schlechthin.3

Er ist nicht nur für die Gemäldegalerie Alte Meister ein bedeutendes Werk Tizians,

sondern bezeichnet auch innerhalb seines Schaffens eine wichtige Position.

Deutlich sind die venezianischen Besonderheiten der Malerei zu erkennen und der

Zinsgroschen

ist ein gutes Beispiel für den für Tizian so charakteristischen Stil.

1. Das biblische Thema des Zinsgroschens

Der Zinsgroschen taucht in der Bibel in mehreren Szenen auf.

Zum einen existiert eine Zins- oder Zollgroschenszene im Zusammenhang mit der

Petrusgeschichte.4 Sie behandelt das Zusammentreffen von Christus und den

Jüngern mit dem Zöllner, die Weisung Christi an Petrus aus dem Maul eines

Fisches den Zinsgroschen zu nehmen und dem Zöllner zu geben. (Abb. 2, Abb.

23, Abb. 24)

Zum anderen gibt es die bei Matthäus geschilderte Szene im Tempel. Durch die

Frage der Pharisäer, ob es erlaubt sei, dem römischen Kaiser Steuern zu zahlen,

1 Schulz in Roeck 1999, S.30.

2 Roeck 1999, S.30.

3 Vgl.: H.Olbrich:

Lexikon der Kunst

, Leipzig (E.A. Seemann) 2004. Stichwort: Zinsgroschen;

Pedrocco 2000, S.113.

4 Matthäus 17, 24-27.


4

soll Jesus bloßgestellt und provoziert werden. Unter dem Hinweis auf das der

Münze aufgeprägte Kaiserbild, antwortet Jesus:

,So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.′5

Das ist auch die biblische Szene, die Tizian darstellt.

,,15Nun begannen die Pharisäer zu beraten, wie sie Jesus mit

seinen eigenen Worten in eine Falle locken könnten. 16Sie

schickten ein paar von ihren Leuten und einige Anhänger des

Königs Herodes zu ihm. Die fragten ihn:

,,Meister, wir wissen, daß es dir allein um die Wahrheit geht.

Du sagst uns frei heraus, wie wir nach Gottes Willen leben sollen.

Du fragst auch nicht danach, ob die Wahrheit den Leuten gefällt

oder nicht. 17Deshalb sage uns: Ist es eigentlich Gottes Wille, daß

wir dem römischen Kaiser Steuern zahlen, oder nicht?"

18Jesus erkannte ihre Hinterhältigkeit. ,,Ihr Heuchler!" rief er.

,,Warum wollt ihr mir eine Falle stellen? 19Gebt mir ein Geldstück!"

Sie gaben ihm eine römische Münze. 20,,Wessen Bild und Name ist

hier eingeprägt?" fragte er. 21,,Das Bild und der Name des Kaisers",

antworteten sie. ,,Dann gebt dem Kaiser, was ihm zusteht, und

gebt Gott, was ihm gehört!" 22Diese Antwort verblüffte sie. Und sie

ließen Jesus in Ruhe und gingen weg.6

2. Darstellungen des Zinsgroschens vor Tizian

Da sich der Zinsgroschen als Thema in der bildenden Kunst erst im 16.

Jahrhundert mit Tizian etablieren konnte7, ist es schwierig, Vergleichsbeispiele zu

finden, an denen sich Tizian hätte orientieren können.

Allein der gleiche Titel verbindet seine Arbeit mit der bedeutenden Szene

Masaccios in der Brancacci-Kapelle (Abb. 2). Da sich diese jedoch auf die

Zollgroschenszene mit Petrus bezieht, also ein anderes Thema darstellt und auch

sonst keine Ähnlichkeiten mit Tizian aufzeigt, ist es wenig sinnvoll, sie zum

Vergleich heranzuziehen.

Es ist folglich sehr wahrscheinlich, dass sich Tizian nur an Bildelementen anderer

Werke orientiert hat, zum Beispiel ein Gesichtsausdruck oder eine Technik. Somit

hat er das Werk, im Rahmen der Forderungen des Auftraggebers, sehr

unbeeinflusst und frei aufgebaut.

In diesem Sinne erscheint Angelo Walther der bärtige Charakterkopf sehr stark

von den Jüngern in Leonardo da Vincis

Abendmahl

(Abb. 3) beeinflusst zu sein.

5 Matthäus 22, 15-22; Markus 12,13-17; Lukas 20, 20-26.

6 Matthäus 22, 15-22; in:

Hoffnung für alle. Die Bibel

, trend edition, Basel: Brunnen 20004.

7 H.Olbrich:

Lexikon der Kunst

, Leipzig (E.A. Seemann) 2004.


5

Da ihm dieses auch bei den wettergebräunten Gestalten Josephs und Zacharias′

in der

Kirschenmadonna

(Abb. 4) auffiel, ist der

Zinsgroschen

für ihn ein

Gegenstück zu diesem Bild.8

3. Tizian: Der Zinsgroschen, um 1516, Dresden Alte Meister

Nach Vasari ist der Dresdner

Zinsgroschen

(Abb. 1) für den Herzog Alfonso d′Este

von Ferrara gemalt wurden, wo er eine Schranktür schmückte.9 Da Beziehungen

Tizians zum Herzog erst 1516 urkundlich nachzuweisen sind, einigten sich die

meisten Kunsthistoriker auf ein Entstehungsdatum in diesem Jahr.10

1746 konnte August III das Bild für seine Dresdner Sammlung erwerben, und es

befindet sich heute in der Gemäldegalerie Alte Meister Dresden.11 Der

Zinsgroschen

misst Höhe vor Breite 75 x 56 cm und ist am Kragen des Pharisäers

bezeichnet mit TICIANVS F.12

Vasari definiert das Dargestellte mit den Worten, es handle sich um das

"wunderbare und herrliche Brustbild von Christus, dem ein böser Jude die Münze

des Kaisers zeigt".13

Am Thema des Dargestellten gibt es also keinen Zweifel. Es stellt sich die Frage

nach dem Zusammenhang der Bedeutung der Szene und der Funktion des Bildes.

Christus und der Pharisäer sind als Halbfiguren gegeben, dicht beisammen vor

neutralem, dunklem Hintergrund. Der Körper des Pharisäers wird vom rechten

Rahmen überschnitten, nur das Profil seines Kopfes und sein linker Arm kommen

ins Bild. In der Hand hält er das Geldstück und sieht gespannt, etwas von unten

her, ins Antlitz Christi, das von einem feinen kreuzförmigen Nimbus umgeben ist.

Seinem fast aggressiven Vordrängen steht Christus ruhig gegenüber. Das Grobe

des Pharisäers wird betont durch seine urig-männlichen, herb-kantigen

Gesichtszüge und seinen Ohrring.

Der Oberkörper Christi, ein wenig nach links zurückgedreht, erfüllt das Bild. Sein

Gesicht ist dem Pharisäer leicht zugewandt. Es erstrahlt in einer milden Helligkeit

8 Vgl.: Walther 19973, S.35; Pedrocco 2000, S.113, Bothner 1999, S.17.

9 Vasari, hg.v. Siebenhüner 1940, S.507-508.

10 Crowe oder Cavalcaselle empfinden das Gemälde als stilistisch noch sehr unreif und ordnen es

dementsprechend 1508-1514; Vgl.: Wethey 1969, S.163; Hetzer 1992, S.354; Pedrocco 2000,

S.113.

11 Pedrocco 2000, S.113.

12 Pedrocco 2000, S.113; Wethey 1969, S.163.

13 Vasari, hg.v. Siebenhüner 1940, S.508-509; Vgl.: Hetzer 1992, S.354, Pedrocco 2000, S.113.


6

und ist von dunklem Haar und Bart umgeben. Mit dem Zeigefinger der rechten

Hand weist er, ohne es zu berühren auf das Geldstück. Durch das helle Inkarnat

und die Feingliedrigkeit steht diese Hand in einem starken Kontrast zu der

groben, gebräunten Hand des Pharisäers. Die linke Hand Christi wird vom unteren

Bildrand verdeckt, vielleicht hält er damit, den um die Schultern gelegten blauen

Mantel zusammen.14

Bei der Komposition des Bildes wurde auf Horizontale und Vertikale verzichtet15,

bestimmt wird das Gemälde durch aufwärtsstrebende Diagonalen, unterstützt

durch die Gewandfalten Christi. Es sind lineare Bewegungen, die aus der Farbe

selbst zu kommen scheinen.16 Im wirksamen Kontrast dazu wird die eigentliche

Handlung durch eine fallende Schräge über die Hände der Dargestellten hinweg

betont. Theodor Hetzer schreibt in diesem Sinne jeder kleinen Falte Bedeutung

zu.17 Daneben beschreibt er die große Entwicklung Tizians Körpergefühls. Die

anatomischen Zusammenhänge erscheinen logisch. Das Geheimnis der

Bildwirkung beruht aber auch auf der Knappheit des Ausschnittes.18

Von wichtiger Bedeutung ist auch das Kolorit, denn durch die starken

Farbkontraste wird das Bild entschieden geprägt. Das rote Gewand und die

blauen Mantelflächen Christi erzeugen eine Spannung, die durch Kontrast des

braunen Armes mit dem weißen Ärmel des Pharisäers verstärkt wird. Die

Leuchtkraft und Durchsichtigkeit der Farben des

Zinsgroschens

wirken auf Hetzer

fast wie Glasgemälde, durch die das Licht hindurchscheint.19 Innerhalb der Farben

wird nicht differenziert. Es gibt kein Rosa, Violett oder Orange. Nur die reinen und

klaren Farben beleben die Fläche, dies ist für Hetzer ein wichtiges Merkmal der

zweiten Entwicklungsperiode Tizians.20

Tizian hat die Szene in eine denkbar knappe Fassung gebracht, bestimmt durch

das psychologisch erfasste Gegenüber zweier völlig gegensätzlicher

Menschentypen.21 Anders als es die Bibel beschreibt, weist Christus den sich

14 Hetzer 1992, S.111.

15 Hetzer 1992, S.112.

16 Hetzer 1992, S.113.

17 Hetzer 1992, S.355.

18 man muss dazu sagen, dass das Bild rundherum beschnitten ist, Vgl.: Pedrocco 2000, S.113.

19 Hetzer 1992, S.112.

20 Hetzer 1992, S.112, Vgl. dazu Bothner 1999, S.17, für ihn Merkmale der 1. Entwicklungsperiode

Tizians.

21 Vgl.: Walther 19973, S.51,56; H.Olbrich:

Lexikon der Kunst

, Leipzig (E.A. Seemann) 2004.


7

verschlagen herandrängenden Versucher ziemlich gelassen zurück. Die

Überlegenheit Christi wird bis in die Handhaltung hinein reflektiert, wobei er bei der

Darstellung Christi auf mittelalterliche Traditionen zurückgreift .22 Zum einen die

Lichtregie, eine Lichtquelle von links oben, die Jesus erhellt und den Pharisäer

gleichzeitig in den Schatten zurückdrängt. Zum anderen die sanfte Hellhäutigkeit,

die möglicherweise ein inneres Leuchten, eine göttliche Ausstrahlung symbolisiert.

Zusammen mit der zarten Weichheit der Haare besitzt Christus eine

unvergleichlich spirituelle Schönheit. Auch die Farben Blau und Rot, die Tizian

gerne wählt23, waren im Mittelalter den Gewändern der Heiligen vorbehalten. Die

Symbolik der Farben passt sich ebenfalls in die christliche Tradition ein, so steht

Rot für die irdische Natur Gottes, die Liebe, die Energie und nicht zuletzt für das

Blut, was Christus für uns vergossen hat. Das Blau, die Farbe des Nachthimmels,

steht für die unendliche Weite und Größe Gottes, im umfangenden Mantel für

seine Gnade.24 Ebenso ist der strahlenförmige Nimbus ganz der göttlichen Figur

vorbehalten. Als Kreuz bezeichnet er in der Regel immer Christus, dass man nur

die drei oberen Enden sieht, ist möglicherweise ein Hinweis auf die Trinität.25

In der frühen Neuzeit war das Wichtigste für die Realisierung von Kunstwerken

das Geld. Mäzene und Patrone mussten Werke in Auftrag geben, denn oft

scheiterte es den Künstlern schon an Material. Dadurch waren sie natürlich an die

Wünsche des Auftraggebers gebunden.26

1516 führte Tizian den Auftrag des Herzogs Alfonso aus. Siebenhüner erklärt die

Wahl des Themas anhand des biblischen Wahlspruch des Herzogs: ,,Gebt Gott,

was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist."27 Das Ohr des Pharisäers,

von dem Ohrring hervorgehoben, scheint dabei nicht ohne Bedeutung zu sein,

hört es doch das Wort der Schöpfung und Gottes Willen. Als Symbol des

Gehorsams verbildlicht es den Auftrag an uns, so wie er in der Bibel steht, dem

Kaiser zu dienen und auch Gott, aber jedem so wie es ihm gebührt.

Welche Funktion aber hatte der Zinsgroschen für Herzog Alfonso d′Este?

22 Vgl.: Walther 19973, S.57; Hetzer 1992, S.112.

23 Kudielka in Hetzer 1992, S.26.

24 H. Biedermann:

Knaurs Lexikon der Symbole

, München (Droemer Knaur) 1989. Stichwort:

Blau, Rot.

25 H. Biedermann:

Knaurs Lexikon der Symbole

, München (Droemer Knaur) 1989. Stichwort:

Nimbus.

26 Vgl.: Roeck 1999, S.11,148,151; Bergdolt/Brüning 1997, S.10,11.

27 Siebenhüner 1940, S.11, Fußnote 1.


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