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„so haben wir das dorff, angezundet vndt lassen brenen“ - Gewalt im Tagebuch eines unbekannten Söldners aus dem Dreißigjährigen Krieg

Autor: Lars Gewehr
Fach: Geschichte - Mittelalter, Frühe Neuzeit

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Details

Veranstaltung: Autobiographien in der Renaissance
Institution/Hochschule: Universität Stuttgart (Historisches Institut )
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2006
Seiten: 13
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 17  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 98 KB
Archivnummer: V113221
ISBN (E-Book): 978-3-640-13668-1
ISBN (Buch): 978-3-640-13953-8

Zusammenfassung / Abstract

In wohl keinem einem anderen Säkulum wurde das Leben der Menschen so sehr von Gewalt bestimmt, wie im 17. Jahrhundert. Dass vor allem der Dreißigjährige Krieg vielerorts zur „kulturbedrohenden Grenzerfahrung“ für die Bevölkerung wurde, geht aus vielen zeitgenössischen Selbstzeugnissen hervor. Aber wie sieht es mit der Täterperspektive aus? Sie ist seltener. Das von Jan Peters edierte Tagebuch eines unbekannten Söldners bietet eine solche Perspektive. Über 25 erlebte Kriegsjahre legt dieser Söldner Zeugnis ab und gibt so einen aufschlussreichen Einblick in seine Lebenswelt und die Bedeutung der Gewalt darin. Welche Rolle die Gewalt im Tagebuch des Söldners genau spielt, steht im Mittelpunkt dieser Arbeit. Nach einer einleitenden Schärfung des frühneuzeitlichen Gewaltbegriffs sowie einer knappen Hinführung zum Thema, soll vor allem die Bedeutung der Gewalt im Leben des unbekannten Söldners zur Sprache kommen, ferner die Strategien mit denen er diese rechtfertigt oder missbilligt und abschließend die sprachliche Realisierung der Gewalt im Tagebuch. Inhalt Einleitung S. 3 1. Gewalt in deutschsprachigen Selbstzeugnissen des Dreißigjährigen Krieges S. 3 1.1. Zum Begriff der „Gewalt“ in der Frühen Neuzeit S. 4 1.2. Der Dreißigjährige Krieg als Schreibmotivation S. 5 1.3. Schreibende Söldner S. 5 2. Gewalt im Leben des unbekannten Söldners S. 6 2.1. Versuch einer Lebensbeschreibung S. 6 2.2. Militärische Gewalt S. 7 2.3. Zivile Gewalt S. 7 3. Die Bewertung der Gewalt S. 7 3.1. Legitimation und Delegitimation S. 8 3.2. Gewalt abseits moralischer Bewertung S. 8 4. Die Sprache der Gewalt S. 9 4.1. Dokumentarischer Stil S. 9 4.2. Verrohung und Zynismus S. 10 4.3. Verdrängungsmechanismen S. 11 Zusammenfassung S. 12 Quellen- und Literaturverzeichnis S. 13

Volltext (computergeneriert)

Universität Stuttgart, WS 2005/06

Historisches Institut

Abteilung für Neuere Geschichte

Hauptseminar: Autobiographien in der Renaissance






Hauptseminararbeit

,,so haben wir das dorff, angezundet vndt lassen brenen" ­

Gewalt im Tagebuch eines unbekannten Söldners

aus dem Dreißigjährigen Krieg


Angefertigt von

Lars Gewehr


2

Inhaltsverzeichnis

Einleitung 3

1

Gewalt in deutschsprachigen Selbstzeugnissen des Dreißigjährigen Krieges 3

1.1

Zum Begriff der ,,Gewalt" in der Frühen Neuzeit 3

1.2

Der Dreißigjährige Krieg als Schreibmotivation 4

1.3

Schreibende Söldner 5

2

Gewalt im Leben des unbekannten Söldners 5

2.1

Versuch einer Lebensbeschreibung 5

2.2

Militärische Gewalt 6

2.3

Zivile Gewalt 6

3

Die Bewertung der Gewalt 6

3.1

Legitimation und Delegitimation 7

3.2

Gewalt abseits moralischer Bewertung 7

4

Die Sprache der Gewalt 8

4.1

Dokumentarischer Stil 8

4.2

Verrohung und Zynismus 8

4.3

Verdrängungsmechanismen 9

Zusammenfassung 10

Quellen- und Literaturverzeichnis 11

Quellenverzeichnis 11

Literaturverzeichnis 11


Einleitung

In wohl keinem einem anderen Säkulum wurde das Leben der Menschen so sehr von Gewalt

bestimmt, wie im 17. Jahrhundert.1 Dass vor allem der Dreißigjährige Krieg vielerorts zur

,,kulturbedrohenden Grenzerfahrung"2 für die Bevölkerung wurde, geht aus vielen

zeitgenössischen Selbstzeugnissen3 hervor. Aber wie sieht es mit der Täterperspektive aus?

Sie ist seltener. Das von Jan Peters edierte Tagebuch eines unbekannten Söldners4 bietet eine

solche Perspektive. Über 25 erlebte Kriegsjahre legt dieser Söldner Zeugnis ab und gibt so

einen aufschlussreichen Einblick in seine Lebenswelt und die Bedeutung der Gewalt darin.

Welche Rolle die Gewalt im Tagebuch des Söldners genau spielt, steht im Mittelpunkt dieser

Arbeit. Nach einer einleitenden Schärfung des frühneuzeitlichen Gewaltbegriffs sowie einer

knappen Hinführung zum Thema, soll vor allem die Bedeutung der Gewalt im Leben des

unbekannten Söldners zur Sprache kommen, ferner die Strategien mit denen er diese

rechtfertigt oder missbilligt und abschließend die sprachliche Realisierung der Gewalt im

Tagebuch.

1 Gewalt in deutschsprachigen Selbstzeugnissen des Dreißigjährigen Krieges

240 Selbstzeugnisse liegen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges vor,

und in den meisten davon ist der Krieg zentrales, ja alles beherrschendes Thema.5 Aber wie

sieht das frühneuzeitliche Verständnis von ,,Gewalt" aus? Und warum schrieb man über

selbige? Diesen Fragen widmen sich die folgenden Ausführungen.

1.1 Zum Begriff der ,,Gewalt" in der Frühen Neuzeit

Im Gegensatz zu heute verstand man in der Frühen Neuzeit unter ,,Gewalt" in erster Linie die

Durchsetzung von Herrschaft (lat.

potestas

) und damit ein legitimes Machtmittel.6 Dagegen

wurde Gewalt, die sich dieser Herrschaft widersetzte, als rechtswidrige und zu

1 Vgl. Ralf Pröve: Gewalt und Herrschaft in der Frühen Neuzeit. Formen und Formenwandel von Gewalt, in:

Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 47, 1999, 792-806, hier 792.

2 Johannes Burkhardt: Der Dreißigjährige Krieg, Frankfurt/Main 1992.

3 Vgl. Benigna v. Krusenstjern: Was sind Selbstzeugnisse? Begriffskritische und quellenkundliche Überlegungen

anhand von Beispielen aus dem 17. Jahrhundert, in: Historische Anthropologie, 1994, Heft 3, 462-471.

4 Vgl. Jan Peters (Hg.): Ein Söldnerleben im Dreißigjährigen Krieg. Eine Quelle zur Sozialgeschichte, Berlin

1993.

5 Vgl. Benigna von Krusenstjern: Buchhalter ihres Lebens. Über Selbstzeugnisse aus dem 17. Jahrhundert, in:

Klaus Arnold u.a. (Hg.): Das dargestellte Ich. Studien zu Selbstzeugnissen des späten Mittelalters und der frühen

Neuzeit, Bochum 1999, 139-146, hier 139-143.

6 Vgl. Pröve: Gewalt und Herrschaft, 796.


4

sanktionierende Gewalt (lat.

violentia

) gedeutet.7 Diese Unterscheidung zwischen legitimer

und illegitimer Gewalt ist für das Verständnis frühneuzeitlichen Gewaltauffassung zentral.8

Sie zeigt, dass Gewalt nicht von vornherein als gut oder schlecht, richtig oder falsch bewertet

wurde, sondern in hohem Maße kontextabhängig war9 und immer einer Legitimation

bedurfte.10 Ob gewalttätiges Handeln als legitim oder illegitim anzusehen war, entschied

zuallererst die Beziehungskonstellation: Wer auf der ,,hierarchischen Leiter" höher stand, übte

prinzipiell die legitime

potestas

aus.11 Allerdings war die Grenze zwischen

potestas

und

violentia

fließend12 und illegitime Gewalt bedeutete zuweilen nur ein höheres Maß an

physischer Gewalt.13 Man kann also von einer Toleranzschwelle ausgehen, die

unterschiedlich hoch ausfallen konnte.14

1.2 Der Dreißigjährige Krieg als Schreibmotivation

Wenn in den Selbstzeugnissen des Dreißigjährigen Krieges von Gewalt die Rede ist, dann

besonders häufig im Sinne der illegitimen

violentia.

15

Dieser Umstand verwundert nicht

angesichts der verheerenden Auswirkungen, die der Krieg vielerorts hatte. So forderte dieser

Krieg (wie vermutlich alle Kriege gleichermaßen) zum Schreiben heraus ­ sei es zur

Verarbeitung des Erlebten oder schlicht, um Zeugnis für die Nachwelt abzulegen.16 Und

diesem Bedürfnis folgten keineswegs nur akademische Kreise, denn auch Nonnen und Bauern

brachten ihre Eindrücke zu Papier. 17 Daneben ist freilich zu bemerken, dass speziell das

Schreiben über Gewalt nicht selten auch der reinen Propaganda diente:18 Die geschilderten

Grausamkeiten sollten Gegengewalt legitimieren oder den Feind verunglimpfen.

7 Vgl. ders.: Violentia und Potestas. Perzeptionsprobleme von Gewalt in Söldnertagebüchern des 17.

Jahrhunderts, in: Markus Meumann / Dirk Niefanger (Hg.): Ein Schauplatz herber Angst. Wahrnehmung und

Darstellung von Gewalt im 17. Jahrhundert, Göttingen 1997, 24-42, hier 32.

8 Vgl. Michaela Hohkamp: Grausamkeit blutet, Gerechtigkeit zwackt. Überlegungen zu Grenzziehungen

zwischen legitimer und nicht-legitimer Gewalt, in: Magnus Eriksson / Barbara Krug-Richter (Hg.):

Streitkulturen. Gewalt, Konflikt und Kommunikation in der ländlichen Gesellschaft (16.-19. Jahrhundert), Köln

2003, 59-79, hier 78.

9 Vgl. Markus Meumann: Herrschaft oder Tyrannis? Zur Legitimität von Gewalt bei militärischer Besetzung, in:

Claudia Ulbrich u.a. (Hg.): Gewalt in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur 5. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe

Neuzeit im VHD, Berlin 2005, 173-188, hier 181.

10 Vgl. Claudia Ulbrich u.a. (Hg.): Gewalt in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur 5. Tagung der

Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im VHD (Historische Forschungen 81), Berlin 2005, 9-14, hier 12.

11 Vgl. Hohkamp: Grausamkeit blutet, Gerechtigkeit zwackt, 65.

12 Vgl. Pröve: Violentia und Potestas, 34.

13 Vgl. Horst Carl: Gewalttätigkeit und Herrschaftsverdichtung. Die Rolle und Funktion organisierter Gewalt in

der Frühen Neuzeit, in: Claudia Ulbrich u.a. (Hg.): Gewalt in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur 5. Tagung der

Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im VHD (Historische Forschungen 81), Berlin 2005, 141-144, hier 141f.

14 Vgl. Pröve: Gewalt und Herrschaft, 806.

15 Vgl. Meumann: Herrschaft oder Tyrannis, 179.

16 Vgl. Krusenstjern: Buchhalter ihres Lebens, 144.

17 Vgl. Vgl. Benigna von Krusenstjern / Hans Medick: Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige

Krieg aus der Nähe (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 148), Göttingen 1999, 28.

18 Vgl. Meumann: Herrschaft oder Tyrannis, 174.


5

1.3 Schreibende Söldner

Auch Söldner berichteten im 17. Jahrhundert über ihre Erlebnisse. Blickt man aber auf die

Zeit des Dreißigjährigen Krieges und sucht dort den einfachen, schreibenden Söldner, so wird

die Quellenlage merklich dünner. Gewiss, es gibt derartige Selbstzeugnisse, doch entweder

sind sie allzu fragmentarisch oder der Krieg findet darin praktisch keine Erwähnung.19 Oder

aber die Schriften wurden von ranghohen Adeligen verfasst.20 Damit kommt dem zu Beginn

genannten Tagebuch eines unbekannten Söldners eine herausragende Bedeutung zu. Welche

Rolle die Gewalt im Leben dieses Söldners genau spielte, soll nun untersucht werden.

2 Gewalt im Leben des unbekannten Söldners

Im Leben des Söldners gehörte Gewalt ohne Frage zur alltäglichen Erfahrung. Schließlich

hatte er den Kriegsdienst zum Beruf und die Gewaltausübung damit zum Handwerk

gemacht21 ­ er tötete für Lohn und Brot.22 So zog der Söldner der Gewalt quasi nach.

2.1 Versuch einer Lebensbeschreibung

Die Identität des Söldners, dessen Aufzeichnungen die Jahre 1625-1649 beschreiben, kann

nicht zweifelsfrei geklärt werden.23 Er muss aber über einen Bildungsgrad verfügt haben, der

deutlich über dem des durchschnittlichen Söldners lag. Dies zeigt sich nicht nur daran, dass er

seine Erlebnisse überhaupt niederschrieb, 24 sondern unter anderem auch dort, wo er

Kenntnisse über die Wilhelm-Tell-Sage oder die Bibel offenbart.25 Er kämpfte abwechselnd

in venezianischen, ligistischen oder schwedischen Diensten und zog fast 25 Jahre lang quer

durch Mitteleuropa.26 So wurde sein Leben durch das ,,Prinzip Unbeständigkeit"27 bestimmt,

denn nicht nur die Fahne wechselte ­ auch Beuteglück und Nahrungssituation schwankten

ständig.28 In diesem unsteten Alltag bildete die Familie des Söldners die wichtigste soziale

19 Vgl. Peter Burschel: Himmelreich und Hölle. Ein Söldner, sein Tagebuch und die Ordnungen des Krieges, in:

Benigna v. Krusenstjern / Hans Medick (Hg.): Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus

der Nähe (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 148), Göttingen 1999, 181-194, hier 182.

20 Vgl. Pröve: Violentia und Potestas, 29.

21 Vgl. Pröve: Violentia und Potestas, 31.

22 Vgl. Michael Sikora: Söldner ­ historische Annäherung an einen Kriegstypus, in: Geschichte und Gesellschaft

29, 2003, 210-238, hier 218.

23 Vgl. Peters: Söldnerleben, 23-26. Peters vermutet hinter dem Unbekannten einen Rheinländer namens Peter

Hagendorf.

24 Vgl. Dinges: Soldatenkörper in der Frühen Neuzeit. Erfahrungen mit einem unzureichend geschützten,

formierten und verletzten Körper in Selbstzeugnissen, in: Richard van Dülmen (Hg.): Körper-Geschichten

(Studien zur historischen Kulturforschung V), Frankfurt am Main 1996, 71-98, hier 72.

25 Peters: Söldnerleben, 13 bzw. 41.

26 Vgl. Pröve: Violentia und Potestas, 31.

27 Peters: Söldnerleben, 223.

28 Ebd., 223f.


6

Größe,29 sie folgte ihm wohin er auch ging. Zwei Mal heiratete der Söldner und zeugte fünf

Kinder, von denen zwei überlebten.

2.2 Militärische Gewalt

Der Bericht ist durchzogen von gewaltvollen Erlebnissen. So half der Söldner unter anderem

bei der Zerstörung der Stadt Colmar samt der umliegenden Felder mit30, zerstörte das Kölner

Land31 und beteiligte sich aktiv an der Verwüstung von Magdeburg im Jahre 1628.32 Und war

eine Schlacht geschlagen, dann kam es darüber hinaus immer wieder zu Plünderungen.33

Freilich blieb es nicht immer bei der Täterrolle ­ gelegentlich wurde der Söldner auch selbst

zum Opfer militärischer Gewalt: Bei der Erstürmung Magdeburgs trug er schwere

Verwundungen davon und überlebte nur mit knapper Not.34

2.3 Zivile Gewalt

Wo nicht gekämpft wurde, konnte ebenso Gefahr für Leib und Leben drohen ­ etwa bei

Prügeleien, die sich durchaus nicht selten unter den Söldnern zutrugen.35 Von einer solchen

berichtet auch der Söldner. Sie endet damit, dass er einem Kameraden ,,grossen schaden

zugefhuget, durch den arm"36. Ein andermal, so schreibt er, hätten ihn drei Bauern überfallen,

auf ihn ,,wagker, zu schlagen"37 und ihm gestohlen, was er am Leibe trug.

So wird das Leben des Söldners in großem Maße von Gewalt bestimmt. Und auch hier gilt

das schon angesprochene Prinzip der Unbeständigkeit: Mal ging die Gewalt von ihm aus, mal

erlitt er sie. Der Söldner musste damit leben, dass er sich vor allem in Kriegszeiten in

ständiger ,,Spannung zwischen Tötung und Getötet-Werden"38 befand.

3 Die Bewertung der Gewalt

Es bleibt festzuhalten, dass der Söldner von Berufswegen her zuallererst Akteur des Krieges

war. Die daraus resultierende und aktiv verübte Gewalt musste in irgendeiner Weise

legitimiert werden.39 Wie der Söldner sein Handeln konkret legitimierte, soll nun genauer

untersucht werden.

29 Vgl. Burschel: Himmelreich und Hölle, 189.

30 Peters: Söldnerleben, 56.

31 Ebd., 103.

32 Ebd., 46f.

33 Ebd., 59.

34 Ebd., 47.

35 Vgl. Dinges: Soldatenkörper, 80.

36 Peters: Söldnerleben, 90.

37 Ebd., 103.

38 Dinges: Soldatenkörper, 98.

39 Vgl. Ulbrich u.a.: Gewalt in der frühen Neuzeit, 12.


7

3.1 Legitimation und Delegitimation

Eine Legitimierungsstrategie für Gewalt bestand darin, dass man sie im Namen der Obrigkeit,

also der

potestas

verübte. Solche Gewalt wurde wie schon beschrieben per se als legitime

Herrschaftsdurchsetzung gesehen. Auch der Söldner legitimiert Gewalt auf diese Weise. Die

Stadt Lüttich beispielweise hat nach seiner Aussage ,,den Churfursten nicht wollen gehorsam

sein"40 ­ ein illegitimes Verhalten. Trocken bilanziert der Söldner die Folgen: Die Stadt wird

zerstört. Ebenso wird ein Dorf samt 1000 Bauern vernichtet, weil diese sich ,,so mechtieg

gewehret"41. Widerstand gegen die

potestas

­ in diesem Falle schlicht die überlegenen

Söldner ­ ist hier ausreichend Rechtfertigung für Gewalt.

3.2 Gewalt abseits moralischer Bewertung

Der weitaus größere Teil der geschilderten militärischen Auseinandersetzungen wird gar nicht

gerechtfertigt. In vielen Fällen könnte dennoch eine nicht extra verbalisierte, aber implizite

Legitimität angenommen werden. Denn prinzipiell war legitim, was militärisch notwendig

erschien.42 Es ist die Kriegslogik, die damit nicht nur das Töten des Feindes rechtfertigte,

sondern zudem auch den Akt der Verwüstung.

Plünderungen erwähnt der Söldner immer wieder, und so gut wie nie werden sie gerechtfertig.

Er sieht sich auch nicht in der Pflicht, eine Begründung für den Frauenraub zu geben.43 Ein

Söldner im Dienst darf eben Gewalt anwenden.44 So wird auch den Bewohnern der schon

erwähnten Stadt Colmar ohne genannten Grund das Getreide vernichtet. Aber weil der

Söldner solche Plünderungen in derart großer Zahl schildert entsteht der Eindruck, der

Schreiber legitimiere hier nicht implizit, sondern gar nicht. Im fehlt offensichtlich schlicht das

Unrechtsbewusstein.45 Für einen Söldner war die Frage nach dem Warum des Krieges

ohnehin prinzipiell überflüssig. So wird man weniger von impliziter Legitimation ausgehen

als vielmehr vom überwiegenden Fehlen einer solchen.

40 Peters: Söldnerleben, 73f.

41 Ebd., 74.

42 Vgl. Pröve: Violentia und Potestas, 40.

43 Peters: Söldnerleben, 62f.

44 Vgl. Maren Lorenz: Besatzung als Landesherrschaft und methodisches Problem. Wann ist Gewalt Gewalt?

Physische Konflikte zwischen schwedischem Militär und Einwohnern Vorpommerns und Bremen-Verdens in

der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, in: Claudia Ulbrich u.a. (Hg.): Gewalt in der Frühen Neuzeit. Beiträge

zur 5. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im VHD (Historische Forschungen 81), Berlin 2005, 155-

172, hier 171.

45 Vgl. Johannes Burkhardt: ,Ist noch ein Ort, dahin der Krieg nicht kommen sey?′ Katastrophenerfahrungen und

Kriegsstrategien auf dem deutschen Kriegsschauplatz, in: Horst Lademacher/Simon Groenveld (Hg.): Krieg und

Kultur. Die Rezeption von Krieg und Frieden in der Niederländischen Republik und im Deutschen Reich 1568-

1648, Münster 1998, 3-19, hier 7.


8

4 Die Sprache der Gewalt

Da der Söldner den kriegerischen Zustand mehr oder weniger dauerhaft erlebte, stellt sich die

Frage, wie er mit der erlebten und verübten Gewalt umging. Rückschlüsse hierauf könnte der

nun folgende Blick auf die sprachliche Realisierung der Gewalt ermöglichen.

4.1 Dokumentarischer Stil

Betrachtet man die Sprache, mit der die Gewalt im Tagebuch beschieben wird, so erscheint

diese seltsam emotionslos.46 Der Tod der eigenen Vorgesetzten etwa wird nüchtern

festgehalten, wie sich bei der Belagerung Magdeburgs zeigt, wo gleich zwei Hauptmänner

hinter einander ,,todt geschossen"47 werden. Im Unterschied zu den Todesfällen in der

Familie,48 enthält sich der Söldner bei der Kommentierung militärischer Verluste jeglicher

Trauerformeln. Stattdessen dokumentiert er vornehmlich und in nüchternem Ton die

Truppenstärke, den Kriegsverlauf sowie die Verluste der Kriegsparteien.49 Dieser trockene

Erzählstil führt hier und da zu grotesken Effekten, etwa wenn der Söldner sieben böse

Menschen verbrennen sieht und wenige Zeilen später das Pumpernickel der Region lobt.50 An

dieser Stelle darf allerdings nicht vergessen werden, dass die überwiegende Mehrheit der

Selbstzeugnisse des Dreißigjährigen Krieges buchhalterischen Charakter haben,51 und der

dokumentarische Schreibstil des Söldners somit übliche Praxis war.

4.2 Verrohung und Zynismus

Dennoch schlägt sich die alltägliche Ausübung von Gewalt, die Handwerk war,52 auch in der

Sprache nieder. So raubt der Söldner in Pforzheim ein Mädchen, sie wird ,,herausgefuhret"53.

Dabei ist zu bemerken, dass der Sohn des Söldners wenig später auch etwas herausführt, und

zwar eine Kuh. Frau und Kuh scheinen in des Söldners Augen dieselbe Wertigkeit zu haben,

beides ist schlicht Beute. Und mit knappen, derben Worte berichtet er von einem

Kanoneneinschlag in seiner unmittelbaren Nähe. Dieser habe einem Mann und einer Frau

,,alle 4 fusse, dichte, am arsse weggeschossen"54. Nur ein einziges Mal bekundet der Söldner

46 Vgl. Pröve: Violentia und Potestas, 37f. Für Pröve ist dies in Söldnertagebüchern des 17. Jahrhunderts

typisches Phänomen.

47 Peters: Söldnerleben, 46.

48 Ebd., 43.

49 Peters: Söldnerleben, 53.

50 Ebd., 137.

51 Vgl. Krusenstjern: Buchhalter ihres Lebens, 139f.

52 Vgl. Pröve: Violentia und Potestas, S. 31.

53 Peters: Söldnerleben, 63.

54 Ebd., 76.


9

bei einer militärischen Auseinandersetzung ,,von herdtzen leit", 55 und zwar bei der

Zerstörung Magdeburgs. Allerdings reut ihn die brennende Stadt nur, weil er heimatliche

Gefühle für sie empfindet.

Ungleich öfter kommentiert der Söldner die erlebte und verübte Gewalt mit einer gehörigen

Portion Zynismus. Er gibt an, bei Straubing seien sie von den feindlichen Schweden

,,wilkommen geheissen"56 worden, oder berichtet vom braven Spiel mit den Kanonen.57 Seine

schwere Verwundung vor Magdeburg bezeichnet er gar als seine ,,beute"58 und kommentiert

die verheerende Niederlage bei Leipzig mit sarkastischem Ton: ,,was wir In der altmargk,

gefressen haben, haben wir Redelich must wieder kodzen fur leiebcig."59 Er spottet zudem,

wenn er meint, er habe vor Wohldenberg ,,eingeerntet, Aber es ist des pauren nudtz nicht

gewessen"60.

4.3 Verdrängungsmechanismen

Schildert der Söldner die mitverübten Gewalttaten, so versteckt er sich fast ausschließlich

hinter dem Kollektiv der Truppe, etwa wenn er über die Städte und Dörfer bei Lüttich meint:

,,die haben wir meisten teils alle geplundert"61 bzw. angibt: ,,so haben wir das dorff,

angezundet"62. Oder er gibt schlicht die Verantwortung an den Befehlshaber ab, wie im Falle

der Zerstörung einer Brücke: ,,die hat der gödtze, lassen weg // brennen"63. Zuweilen schafft

der Söldner auch Distanz durch Passivkonstruktionen, wenn er bei einen erneuten Frauenraub

meint: Alhir habe Ich fur meine beute, ein huebsses medelien bekommen"64. Oder er

verwendet euphemistische Formulierungen, so wie bei der Schlacht um Freiburg. Dort sind

die umgekommenen Männer schlicht ,,geblieben"65, andernorts sind sie ,,siedtzen blieben"66.

Die größte Verdrängung aber und zweifellos eine bemerkenswerte Beobach-tung, die man

über das Tagebuch des Söldners machen kann, ist diese: Obwohl das Töten sein Handwerk

war, schildert der Söldner keinen einzigen von ihm begangenen Tötungsakt explizit. Gewiss

ist der Söldner aktiv, berichtet etwa über die Eroberung zweier Schanzen des Feindes: ,,die

55 Ebd., 25.

56 Ebd., 53.

57 Ebd., 111.

58 Ebd., 47.

59 Peters: Söldnerleben, 51.

60 Ebd., 100. Vgl. hierzu die Anmerkung Peters′, 244.

61 Ebd., 74.

62 Ebd., 75.

63 Ebd., 86.

64 Ebd., 59.

65 Ebd., 114.

66 Ebd., 75.


10

habe Ich helffen einnehmen"67 und bei der Erstürmung von Magdeburg gibt er an, er sei ,,mit

sturmer handt"68 ohne Schaden in die Stadt gekommen. Diese Formulierungen zeugen sicher

von Mord und Totschlag ­ aber eben nur indirekt. Und im zweiten Beispiel ist es zudem bloß

die Hand, die mordet, eine verharmlosende Personifizierung hinter der sich das ,,Täter-Ich"

zurückzieht und so auf sprachlichem Wege Verantwortung abgibt. Wenn ein Soldat oder

Befehlshaber der eigenen Truppe getötet wird, findet dies durchaus im Text Erwähnung. Die

eigene, im Kampf verübte Gewalt aber bleibt nur angedeutet ­ sie wird verdrängt. Und so

wird auch das Elend rings umher verdrängt, und nicht etwa kaum wahrgenommen, wie Peters

meint.69

Zusammenfassung

Das Tagebuch des namenlosen Söldners ist das Selbstzeugnis eines Mannes, der seinen

Lebensunterhalt verdiente, indem er anderen Gewalt antat.70 Er tötete von Berufswegen,

deshalb unterscheidet sich sein Tagebuch erheblich von anderen zeitgenössischen

Selbstzeugnissen. Viele Chronisten bekundeten immer wieder ihre Unfähigkeit, den

grausamen Krieg angemessen in Worte fassen zu können71 ­ der Söldner hingegen artikuliert

eine solche Unfähigkeit zu keiner Zeit. Wie ein roter Faden zieht sich die Gewalt dennoch

durch sein Tagebuch, die Schlachten sind allgegenwärtig, genauso wie Plünderungen und

Massensterben.

Hier und da rechtfertigt der Söldner das Töten, zumeist aber spielen solcherlei Legitimationen

keine Rolle, zu selbstverständlich wird Gewalt erlebt und ausgeübt. Stattdessen berichtet der

Söldner in nüchternem Dokumentarstil von der alltäglichen Katastrophe und ist, was die

militärischen Auseinadersetzungen angeht, in seiner Sprache verroht und zynisch. Gleichwohl

verdrängt er die Gewalt. Das erzählende Ich mordet niemals explizit, bedient sich hier einer

verhüllenden, verharmlosenden Sprache. So distanziert sich der Söldner von seiner Täterrolle

­ obgleich diese regelmäßig sein Leben bestimmte.

67 Ebd., 75.

68 Ebd., 47.

69 Vgl. Peters: Söldnerleben, 228.

70 Vgl. Burschel: Himmelreich und Hölle, S. 181.

71 Vgl. Krusenstjern: Buchhalter ihres Lebens, S. 143.


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Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis


PETERS, Jan (Hg.): Ein Söldnerleben im Dreißigjährigen Krieg. Eine Quelle zur

Sozialgeschichte, Berlin 1993.

Literaturverzeichnis


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ders: ,Ist noch ein Ort, dahin der Krieg nicht kommen sey?′ Katastrophenerfahrungen und

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GROENVELD (Hg.): Krieg und Kultur. Die Rezeption von Krieg und Frieden in der

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unzureichend geschützten, formierten und verletzten Körper in Selbstzeugnissen, in: Richard

van DÜLMEN (Hg.): Körper-Geschichten (Studien zur historischen Kulturforschung V),

Frankfurt am Main 1996, 71-98.

HOHKAMP, Michaela: Grausamkeit blutet, Gerechtigkeit zwackt. Überlegungen zu

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Barbara KRUG-RICHTER (Hg.): Streitkulturen. Gewalt, Konflikt und Kommunikation in der

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KRUSENSTJERN, Benigna v.: Buchhalter ihres Lebens. Über Selbstzeugnisse aus dem 17.

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dies.: Was sind Selbstzeugnisse? Begriffskritische und quellenkundliche Überlegungen

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dies./ MEDICK, Hans (Hg.): Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus

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12

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