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Kunst als Statthalter unbeschädigten Lebens

Untertitel: Einführung in Adornos Ästhetik

Essay, 2008, 23 Seiten
Autor: Michael Niehaus
Fach: Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Details

Kategorie: Essay
Jahr: 2008
Seiten: 23
Literaturverzeichnis: ~ 14  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V113613
ISBN (E-Book): 978-3-640-14803-5
ISBN (Buch): 978-3-640-14820-2
Dateigröße: 123 KB

Zusammenfassung / Abstract

Adornos Reflexionen zur Musik- und Literaturtheorie durchziehen sein Gesamtwerk, den Fixpunkt bildet – nicht nur biografisch bedingt - die „Ästhetische Theorie“, die 1970 als unvollendetes Fragment posthum erschien. Sie enthält keine in sich abgeschlossene deduktive Systematik, sondern ist eher ein offenes, umfassendes Begriffsnetz mit vielen Ein- und Zugängen. Das fehlende Zentrum sowie eine Vielzahl von Schlüsselbegriffen, die gleichberechtigt nebeneinander stehen und eng miteinander verknüpft sind, machen es nicht leicht einen kursorischen Überblick zu geben, der gleichzeitig eine didaktische Einführung in Adornos Ästhetik wäre. Um diesen Problemen gerecht zu werden, erfolgt die vorliegende Einführung in zwei Schritten: In einem ersten kurzen Durchgang werden die wesentlichen Begriffe eingeführt, der zweite Teil erläutert diese unter der Zuhilfenahme von Zitaten ausführlich. Diese Argumentationsstruktur versucht durch den Zweischritt und kleinere Wiederholungen die oben angesprochene Komplexität und Verwobenheit der einzelnen Theoriebausteine angemessen darzustellen. Der Schluss geht der Frage nach der Relevanz von Adornos Ästhetik für die gegenwärtige Diskussion um Kunst und Kultur nach.


Textauszug (computergeneriert)

Kunst als Statthalter unbeschädigten

Lebens - Einführung in Adornos Ästhetik

Schriften der Philosophischen Praxis pro-phil

Band 1


Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis 2

I. Vorwort 3

II. Einleitung 4

III. Erste Annäherung 5

IV. Zentrale Begriffe Adornos Ästhetik 7

1. Was Kunst ist 7

2. Der Wahrheitsgehalt und der Erkenntnischarakter von Kunst 8

3. Der Rätselcharakter der Kunst 9

4. Das Kunstwerk als autonomes Gebilde 10

5. Entkunstung der Kunst durch die Kulturindustrie 11

6. Ästhetische Erfahrung 13

7. Apparition 14

8. Das Nichtseiende und die Utopie 14

9. Das Verstummen der Kunst 16

10. Finsternis, Dissonanz und das Absurde 17

V. Die Bedeutung Adornos Kunsttheorie heute 18

VI. Literaturverzeichnis 21

Anhang: Zur Philosophischen Praxis pro-phil 22

2


I. Vorwort

Die vorliegende kleine Einführung in Adornos Ästhetik ist entstanden aus der

Überarbeitung und Aktualisierung von Seminarskripten zur ,,Einführung in die

Philosophie der Gegenwart", eine Veranstaltungsreihe, das ich in 2002 und den

folgenden Jahren durchgeführt habe. Wesentliche Impulse für die

Veranstaltungen waren Fragen nach der Relevanz zeitgenössischer

philosophischer Positionen auf das konkrete Leben jedes Einzelnen in einer

immer komplexer werdenden Gesel schaft: Inwieweit kann Philosophie hier und

heute Orientierung bieten, wie kann Philosophie ihrer ursprünglichen Intention

als Weisheitssuche, Lebensform und Menschenbildung gerecht werden?

Die Erfahrungen aus den fruchtbaren Diskussionen mit ,,nichtprofessionel

Philosophierenden" zu Fragen der Kunst haben mich bewogen dieses kleine

Büchlein als Einführung in Adornos Theorie der Kunst zu veröffentlichen, wohl

wissend um die bereits bestehende und ganze Bibliotheken fül ende Literatur

zum Thema. Anspruch dieses Buches ist der Spagat zwischen

Lebenspraxisbezug

und

wissenschaftlicher

Redlichkeit,

zwischen

Vereinfachung und Zuspitzung ohne dabei die Komplexität Adornos Denken

aus den Augen zu verlieren. Die Einführung schlägt erste Schneisen in das

Theoriedickicht und gibt Hilfestel ungen an die Hand ohne dabei al zu eng zu

führen und auf einseitige Interpretationen festzulegen.

Zielgruppen dieser Einführung sind insofern al e Philosophierende, Menschen,

die sich auf den Weg des Selbstdenkens gemacht haben, die in die Bewegung

des Denkens hineingefunden haben bzw. hineinfinden wol en. Damit eignet sich

das Büchlein besonders für Schüler, Lehrer und Studierende der ersten

Semester sowie für die außeruniversitäre Erwachsenenbildung.

Dortmund, im Juni 2008

3


II. Einleitung

Adornos Reflexionen zur Musik- und Literaturtheorie durchziehen sein

Gesamtwerk, den Fixpunkt bildet ­ nicht nur biografisch bedingt - die

,,Ästhetische Theorie", die 1970 als unvol endetes Fragment posthum erschien.

Sie enthält keine in sich abgeschlossene deduktive Systematik, sondern ist

eher ein offenes, umfassendes Begriffsnetz mit vielen Ein- und Zugängen.1

Lüdke2 und Bergh3 sehen in dieser parataktischen Denk- und Schreibweise

Adornos gewisse Schwierigkeiten für einen üblichen Zugang der Darstel ung

und Interpretation. Das fehlende Zentrum sowie eine Vielzahl von

Schlüsselbegriffen, die gleichberechtigt nebeneinander stehen und eng

miteinander verknüpft sind, machen es nicht leicht einen kursorischen Überblick

zu geben, der gleichzeitig eine didaktische Einführung in Adornos Ästhetik

wäre4.

Um diesen Problemen gerecht zu werden, erfolgt die Einführung in zwei

Schritten: In einem ersten kurzen Durchgang werden die wesentlichen Begriffe

eingeführt, der zweite Teil erläutert diese unter der Zuhilfenahme von Zitaten

ausführlich5. Diese Argumentationsstruktur versucht durch den Zweischritt und

kleinere Wiederholungen die oben angesprochene Komplexität und

Verwobenheit der einzelnen Theoriebausteine angemessen darzustel en.

Der Schluss geht der Frage nach der Relevanz von Adornos Ästhetik für die

gegenwärtige Diskussion um Kunst und Kultur nach.

1 Vgl. Brinkämper, S. 101 f.

2 Adornos ,,Anspruch, keine Philosophie ü b e r die Kunst, sonder eine d e r Kunst zu liefern,

bestimmt die Struktur dieser Schriften: die eigentümliche Verbindung von Detailanalyse und

generalisierter Aussage, die assoziativ erscheinenden Reflexionsbewegungen, die den

Gegenstand umkreisen, die Auflösung jeder fixierbaren Bestimmung." Lüdke, S. 136

3 ,,Parataxis formt Adornos ganzes OEuvre, im Mirko- wie im Makrobereich. Wird dies nicht

mitbedacht, kann Adornos Werk nicht verstanden werden. Adornos - im strengen Sinn

argumentationsloses - Denken in Konstel ationen hat auch die vorliegende Arbeit affiziert: eine

Beschreibung seines Denkens nach den Maßstäben hierarchisch-deduktiver Logik ist nicht

möglich, wil sie ihren Gegenstand nicht gänzlich verfehlen." Bergh, S. 128

4 Wesentliche Aspekte, die die Hintergrundsfolie zu Adornos Ästhetik bilden, wie die ,,Kritische

Theorie" und die daraus resultierende Gesel schaftstheorie und ­kritik, können im Rahmen

dieser Einführung nur angedeutet werden.

5 Um für den ersten Zugang, der einen groben Gesamteindruck vermitteln sol , eine bessere

Lesbarkeit zu ermöglichen, wird bewusst auf den wissenschaftlichen Apparat verzichtet. Alle

Zitate werden im zweiten Teil aufgegriffen und entsprechend nachgewiesen.

4


III. Erste Annäherung

Nach Adorno ist Kunst Utopie, sie verweist auf die Vorläufigkeit der empirischen

Realität. Kunst ist dabei der Stachel im Fleisch, der in Erinnerung bringt, dass

das Leben und die gesel schaftlichen Zustände auch ganz anders sein könnten

als sie es jetzt sind. Damit wird Kunst zum Statthalter unbeschädigten Lebens.

Der Kunst ist es in ihrer aufklärerischen Funktion nicht möglich, dieses andere

Leben, das sich von der gesel schaftlichen Ausbeutung befreit hat, positiv dar-

zustel en, denn sobald sie es tut oder auch nur versucht, trägt sie dazu bei,

dass schon für wirklich genommen wird, was doch gerade als Nichtseiendes,

als noch zu verwirklichendes, aufgewiesen werden sol te.

Um das Leiden an der gesel schaftlichen Wirklichkeit und die Sehnsucht nach

ihrer Veränderung nicht zu untergraben, darf die Kunst nicht den geringsten

Anschein der Versöhnung mit den herrschenden Verhältnissen erwecken. Ihre

Aufgabe ist es zu zeigen, was ist, aber auf eine Art und Weise, dass die

Falschheit der gesel schaftlichen Realität erkennbar wird und damit zugleich

deutlich wird, was sein könnte, aber nicht ist. Dies ist nicht leicht, denn die

Gesel schaft strebt danach, sich die Kunst einzuverleiben und ihre mögliche

Sprengkraft zu neutralisieren. Um sich der Vereinnahmung zu entziehen, ist die

moderne Kunst gezwungen, sich immer wieder neu gegen die empirische

Realität abzugrenzen und ihre Differenz zu behaupten. Das kann sie aber nur

leisten, wenn sie rigoros die Kommunikation verweigert und die Zumutung des

Verstandenwerdens abweist. Dazu pocht sie auf ihre Andersheit, ihren Wider-

spruch und ihre Rätselhaftigkeit.

Nach Adorno kann in einer Welt, aus der die Farbe verschwunden ist, die Kunst

nur noch schwarz und finster sein. Soweit zeitgenössische Kunst noch in

farbenfroher Buntheit schwelgt, disqualifiziert sie sich als Kitsch. Mit dem

Wahren, Schönen und Guten kann man sich in der pervertierten Welt nur noch

beflecken. Kunst muss hässlich sein um eine solche Welt zu denunzieren.

Kunst muss grausam sein und wehtun um so die Unwahrheit der gesel -

schaftlichen Zustände aufzuzeigen. Für Adorno sind Unverständnis und Wut,

die einem Kunstwerk entgegenschlägt, geradezu ein Gradmesser für seinen

Wert.

5



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