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Thesis (M.A.), 2008, 73 Pages
Author: Elmira Nedelcheva
Subject: Speech Science / Linguistics
Details
Institution/College: University of Heidelberg (Deutsch als Fremdsprachenphilologie)
Tags: Vielfalt, Relationen, Anaphern, Antezedenten, Textlinguistik
Year: 2008
Pages: 73
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 45 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-13582-0
ISBN (Book): 978-3-640-13597-4
File size: 2985 KB
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Abstract
Die vorliegende Arbeit versucht einen Einblick in die Vielfalt der Relationen, die zwischen Anaphern und Antezedenten bestehen können, zu vermitteln und beschäftigt sich mit der Frage, welche Regularitäten bewirken, dass es verschiedene Interpretationsmöglichkeiten der anaphorischen Beziehungen gibt. Hierzu soll zunächst ein allgemeiner Überblick über anaphorische Ausdrücke in natürlicher Sprache anhand von zahlreichen Beispielen gegeben werden. Diese Arbeit konzentriert sich ausschließlich auf den Problemkreis der verschiedenen satzübergreifenden Anaphorik, nämlich auf die sogenannten Diskursanaphern, die in Form von Personalpronomina oder Nominalphrasen vorkommen könnten. Auf die satzinternen Anaphern wird hier nicht weiter eingegangen, da es sich zweifellos um andere theoretische Besonderheiten handelt. Welcher Art die Zusammenhänge zwischen Anapher und Antezedent in einer Satzfolge sein können, ist eine Fragestellung, die in dieser Arbeit zum Tragen kommt. Der erste Teil befasst sich zunächst mit der Klärung des theoretischen Hintergrundes für die Anaphern. Es wird mit einer allgemeinen Definition der Anaphern und der Antezedenten und mit ihrer Beschreibung als referentielles Phänomen begonnen. Daher wird ausführlich auf die Frage eingegangen, wann ein sprachlicher Ausdruck im Normalfall als Anapher betrachtet werden kann. Dabei werde ich einen kurzen Überblick über die üblichen anaphorischen Wiederaufnahmen geben. Dazu werden verschiedene wesentliche Eigenschaften der Anaphern beschrieben. Es folgt dann die Präsentation von solchen Fällen, die von den Standardannahmen zu Anaphern deutlich abweichen. Im Einzelnen geht es um mangelnde Koreferenz, die in der Textlinguistik als das typische Merkmal der Anaphorik bezeichnet wurde. Dieser ausführliche Überblick soll einen Eindruck davon vermitteln, dass die anaphorischen Verweise oft vielschichtiger und komplexer sind, als es in der meisten Forschungsliteratur angenommen wurde. Geklärt werden soll auch, inwiefern diese Problembereiche der typischen Charakteristika der Anaphern widersprechen. Die zahlreichen Beispieltexten stammen aus verschiedenen Textsorten wie Zeitungsartikeln, literarische Texten oder sie wurden auch aus der linguistischen Forschungsliteratur übernommen. Vereinzelt werden auch einige konstruierte Beispiele angeführt.
Excerpt (computer-generated)
Zur Vielfalt der Relationen zwischen
Anaphern und Antezedenten
Elmira Nedelcheva
01.08.2008
Z
ur Vielfalt der Relationen zwischen Anaphern und Antezedenten
Magisterarbeit
zur Erlangung des Grades Magistra Artium
im Fach Deutsch als Fremdsprachenphilologie
der Neuphilologischen Fakultät
der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
vorgelegt von
Elmira Nedelcheva
1
Inhaltsverzeichnis:
0. Einleitung 3
1. Theoretischer Rahmen 4
1.1. Definition Referenz 4
1.2. Definition Kohäsion und Kohärenz 5
1.3. Zum Anaphernbegriff 9
1.4. Definition Antezedent 14
1.5. Koreferenz und Anaphernverstehen 18
2. Standardannahmen zum Anaphernverstehen 21
2.1. Zur Interpretation pluraler Anaphern/Plurale
Diskursanapher 23
3. Abweichungen von Standardannahmen zu Anaphern 25
3.1. Genus- und Numeruskongruenz zwischen Antezedent und
Anapher 25
3.2. Ambiguitäten bei Anaphern 30
3.3. Komplexanaphern 35
3.4. Veränderung der Referenten 41
3.5. Indirekte Anaphern 45
3.6. Faulheitspronomen 53
4. Zur Vielfalt der Relationen zwischen der Anapher und dem
Antezedenten am Beispiel eines Textes 57
5. Zusammenfassung 64
6. Literaturverzeichnis 66
2
0. Einleitung:
Die vorliegende Arbeit versucht einen Einblick in die Vielfalt der Relationen, die zwischen Anaphern und Antezedenten bestehen können, zu vermitteln und beschäftigt sich mit der Frage, welche Regularitäten bewirken, dass es verschiedene Interpretationsmöglichkeiten der anaphorischen Beziehungen gibt. Hierzu soll zunächst ein allgemeiner Überblick über anaphorische Ausdrücke in natürlicher Sprache anhand von zahlreichen Beispielen gegeben werden. Diese Arbeit konzentriert sich ausschließlich auf den Problemkreis der verschiedenen satzübergreifenden Anaphorik, nämlich auf die sogenannten Diskursanaphern, die in Form von Personalpronomina oder Nominalphrasen vorkommen könnten. Auf die satzinternen Anaphern wird hier nicht weiter eingegangen, da es sich zweifellos um andere theoretische Besonderheiten handelt.
Welcher Art die Zusammenhänge zwischen Anapher und Antezedent in einer Satzfolge sein können, ist eine Fragestellung, die in dieser Arbeit zum Tragen kommt.
Der erste Teil befasst sich zunächst mit der Klärung des theoretischen Hintergrundes für die Anaphern. Es wird mit einer allgemeinen Definition der Anaphern und der Antezedenten und mit ihrer Beschreibung als referentielles Phänomen begonnen. Daher wird ausführlich auf die Frage eingegangen, wann ein sprachlicher Ausdruck im Normalfall als Anapher betrachtet werden kann. Dabei werde ich einen kurzen Überblick über die üblichen anaphorischen Wiederaufnahmen geben. Dazu werden verschiedene wesentliche Eigenschaften der Anaphern beschrieben. Es folgt dann die Präsentation von solchen Fällen, die von den Standardannahmen zu Anaphern deutlich abweichen. Im Einzelnen geht es um mangelnde Koreferenz, die in der Textlinguistik als das typische Merkmal der Anaphorik bezeichnet wurde. Dieser ausführliche Überblick soll einen Eindruck davon vermitteln, dass die anaphorischen Verweise oft vielschichtiger und komplexer sind, als es in der meisten Forschungsliteratur angenommen wurde. Geklärt werden soll auch, inwiefern diese Problembereiche der typischen Charakteristika der Anaphern widersprechen. Die zahlreichen Beispieltexten stammen aus verschiedenen Textsorten wie Zeitungsartikeln, literarische Texten oder sie wurden auch aus der linguistischen Forschungsliteratur übernommen. Vereinzelt werden auch einige konstruierte Beispiele angeführt.
3
1. Theoretischer Rahmen
Die zentrale Frage dieser Arbeit, in welcher Relation einen anaphorischen Ausdruck zu seinem Antezedenten steht, benötigt als Basis eine klare, terminologisch deutliche Bestimmung der verschiedenen Begriffe.
1.1. Definition Referenz
Die Idee der Referenz stellt einen Vorgang dar, bei dem sich der Sprecher anhand eines sprachlichen Elements auf etwas Außersprachliches( auf bestimmte Gegenstände in der realen Welt) bezieht. Der Rezipient(Leser oder Hörer) muss seinerseits imstande sein diesen Vorgang zu rekonstruieren bzw. zu verstehen.
,,Sprecher/Verfasser nehmen Bezug mit einem Bezugsausdruck(Wort, Wortgruppe, Satzglied) auf ein Bezugsobjekt (oder mehrere), bzw. Hörer/Leser beziehen beim Verstehen einer Äußerung die geäußerten Bezugsausdrücke auf die vom Sprecher/Verfasser gemeinten Bezugsobjekte und erschließen gegeben falls die vom Sprecher/Verfasser mitgemeinten oder außerdem noch mitzuverstehenden Bezugsobjekte."( Polenz 1985: 118 )
Demzufolge kann der Sprecher mit Wörtern und Sätzen auf die außersprachliche, reale Welt bzw. auf die ihm umgebende Welt referieren und dadurch ist er imstande seine Gedanken mitzuteilen. Die Referenz ist nicht nur auf greifbare Dinge begrenzt, denn ein Sprecher kann mit sprachlichen Ausdrücken auch auf etwas Fiktives einen Bezug nehmen ist, also auf abstrakte Einheiten, wie z.B. auf Sachverhalte.
4
,,Mit ,Referent` eines Ausdrucks meinen wir jene Bedeutung, die sich aus der lexikalischen Bedeutung der Wörter und der Art ihrer Zusammenfügung einerseits, aus bestimmten Kontextinformationen andererseits ergibt. In diesem Sinne haben alle Ausdrücke, auch beispielsweise Verben oder Modalpartikel, einen Referenten." (von Stutterheim/Klein 1987)
Ich schließe mich dieser Ansicht an, bei der unter dem Begriff Referent das verstanden wird, worauf wir uns mittels sprachlichen Ausdrücken beziehen. Im folgendem wird davon ausgegangen, dass ein Sprecher mittels sprachlichen Ausdrücken nicht nur auf Gegenstände bzw. auf Personen in der realen Welt, sondern auch auf Ereignisse Bezug nehmen kann, wobei in dieser Arbeit die Orts- und Zeitreferenz aus Platzmangel nicht untersucht werden können.
,,Gegenstand ist im weiteren Sinne aufzufassen, auf ,etwas, was Gestalt hat` bzw. gleichbedeutend mit dem, was man ,Konkretum` im Gegensatz zum ,Abstraktum` nennt."1 Im Gegensatz zu Gegenstandsreferenz ist die Ereignisreferenz dadurch charakterisiert, dass man anhand sprachlicher Ausdrücke auf ganze Sätze, also auf etwas Abstraktes referieren kann. Diese Art von Referenz wird in Kapitel 3.3. zur Diskussion gestellt. Vorerst soll geklärt werden, was man unter Kohäsion und Kohärenz versteht und von welcher Bedeutung diese Phänomene für die Antezedent-Anapher-Relationen sind.
1.2. Definition Kohäsion und Kohärenz
Innerhalb der Linguistik haben sich bisher vorwiegende Autoren textlinguistischer Richtung mit Fragen des Verstehens oder der Verständigung eines Textes beschäftigt. Um den inhaltlichen Zusammenhang zwischen den einzelnen sprachlichen Äußerungen determinieren zu können, muss man in Betracht ziehen, dass sich diese in vielen Fällen an sprachlichen Elementen festmachen, die untereinander in einem deutlichen syntaktischen oder auch semantischen Bezug stehen. Die einzelnen Sätze eines Textes befinden sich folglich in einer spezifischen Abhängigkeit voneinander, so dass man in der Lage ist, ihre Aufeinanderfolge als einen zusammenhängenden Text zu erkennen.2 Der Zusammenhang von Text- oder
1 Vgl. Vater 1991: 29
2 Vgl. Palek, Bohumil: Textverweis (Cross-Reference). Ein Beitrag zur Hypersyntax. In: Textlinguistik. Hrsg. von Wolfgang Dressler. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1978, S. 167 184
5
Äußerungsteilen3 wird Kohäsion genannt und wird durch grammatische und lexikalische Mittel des Sprachsystems ausgedrückt.
,,Kohäsionsmittel lassen sich grob zwei Gruppen zuordnen, nämlich einerseits der Rekurrenz, der Wiederkehr bestimmter Elemente, andererseits der Konnexion, expliziten Verknüpfungsmittel wie insbesondere Konjunktionen."( Adamzik 2004: 140 )
Die kohäsiven Formen sind meistens dafür verantwortlich, einem Text Kohärenz4 zusprechen zu können wie in (1), wo es ersichtlich wird, dass der durch kohäsive Verknüpfungsmittel ausgedrückte Zusammenhang unserem Weltwissen über das Verhalten von Menschen, die Müdigkeit empfinden, entspricht.5 Somit stellt die Existenz von kohäsiven Elementen das Gerüst für die Kohärenz dar.
(1) Sie war sehr müde. Deshalb ist sie gleich eingeschlafen.
Das folgende Beispiel führt zu einem weiteren Gesichtspunkt, den man berücksichtigen muss, wenn man sich kein einfaches Bild vom Status der Zusammenhänge innerhalb einer Äußerung machen will.
(2) Albert Einstein ist Nobelpreisträger. Er war Sprachlehrer in Italien. Er war über zwei Meter groß.
In (2) wird durch das mehrmals wiederholte Pronomen er einen Bezug auf den außersprachlichen Referenten Albert Einstein genommen. Dadurch wird eine Referenzidentität ausgedrückt. Ist also dieser Text sinnvoll? Dieses Beispiel deutet darauf hin, dass trotz des Vorhandenseins von Kohäsionselementen, die die grammatische Verbindung der Sätze herstellen bzw. den Satz, in dem sie auftreten, mit dem ihn umgebenden Kontext in Verbindung setzen, der Rezipient(Hörer oder Leser), aufgrund seines Weltwissens über den Referenten Albert Einstein, diese Satzfolge nicht als einen sinnvollen Text beurteilen kann, da Albert Einstein kein Sprachlehrer war und auch sehr klein war. Somit könnte man schließen, dass die Kohäsion nur die Textoberfläche betrifft.
3 Vgl. Kohärenz und Kohäsion. In: Text- und Gesprächslinguistik. HSK 16.1. Berlin: de Gruyter 2000, S. 275 - 279
4 Vgl. Schwarz-Friesel 2006, S. 63- 77
5 Vgl. Rickheit 1991: 8f.
6
,,Ziel des Textverstehens ist es, Sinn zu erzeugen. Texte werden vom Rezipienten als sinnvoll verstanden, wenn die einzelnen Sätze semantisch und/oder konzeptuell so miteinander verknüpft werden können, dass sie eine größere und insgesamt plausible Sinneinheit bilden."(Schwarz 2000 : 20)
An diesem Punkt zeigt sich schon, dass sich der Sinn einer Äußerung oft nicht nur aus der Summe der grammatischen Verbindungen ergibt, sondern vielmehr aus der Aktivierung und vor allem aus der Anwendung zusätzlichen Weltwissens. Mit dem im vorigen Beispiel bereits erwähnten, für die Herstellung von einem zusammenhängenden kommunikativen Ganzen notwendigen Weltwissen ist das Phänomen der Kohärenz benannt. Im Grunde genommen handelt es sich um kognitive Zusammenhänge bzw. um konzeptuell-inhaltliche Verknüpfungen.
An dieser Stelle muss hinzugefügt werden, dass das Vorliegen von Kohäsion genau genommen keine hinreichende Voraussetzung für die Existenz von Kohärenz ist, da inhaltlich jeglicher Sinnzusammenhang, der die Sätze miteinander verbindet, fehlen könnte.6 Am deutlichsten zeigt sich das in (3), wo der Text offenbar als kohäsiv und inkohärent bewertet werden kann, da aufgrund der kohäsiven Mittel keine Sinnkontinuität bzw. kein übergeordnetes Thema hergestellt werden kann. Hier wird trotz der wiederaufnehmenden Elemente und einer angeblichen Identität von den Bedeutungselementen kein sinnvoller Zusammenhang gestiftet.7
(3) Dieser Hund ist schwarz-weiß. Weiße Kleidung kaufe ich nie. Im Kaufhaus ist eine junge Frau ums Leben gekommen. Das Leben einer Katze ist wunderschön. Die Katze meines Nachbarn ist vor zwei Monaten weggelaufen. In diesem Monat hat meine Schwester Geburtstag. Die Geburt meines Kindes hat nur drei Stunden gedauert. Die Kinder spielen im Wald.
,,Trotz der Existenz von Lexemen mit identischen und ähnlichen semantischen Merkmalen ist der Text nicht kohärent, da die Propositionen der Sätze insgesamt in keinem sinnvollen, d.h. für uns plausiblen Zusammenhang stehen. Die Textoberfläche mit ihren Informationen liefert dem Leser Hinweise für die Erstellung von Kohärenz, hat diese aber nicht notwendig zur Folge." ( Schwarz-Friesel 2007: 230)
6 Vgl. Fritz : 50ff.
7 Vgl. Scherner, M.(1984): Sprache als Text. Tübingen: Niemeyer, S.144ff.
7
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