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Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Philosophie
Martin Heidegger - Jean-Paul Sartre - Hannah Arendt
Drei handlungstheoretische Konzeptionen
von Axel Schubert
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ..................................................................................................................... 1
2. Der theoretische Pragmatismus Martin Heideggers .................................................... 3
3. Das intentionale "Für-andere-sein" Jean-Paul Sartres ................................................. 8
4. Handeln und Sprechen vor dem Hintergrund des Versprechens und Verzeihens bei
Hannah Arendt ............................................................................................................... 17
5. Schlussbemerkung ..................................................................................................... 21
6. Literatur ...................................................................................................................... 23
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1. Einleitung
"Cogito ergo sum" war das formelhafte Ergebnis, zu dem René Descartes in der
Meditation gekommen war, nachdem ihn der Zweifel an seinem eigenen Sein und dem
Sein der Welt nicht zur Ruhe kommen lassen wollte. In der regungslosen Versunkenheit
in Gedanken war das der Schluss, zu dem er kam und auf welchem sich das Sein
gründen sollte. Das Denken als ausgezeichnete Zugangsvoraussetzung zum Sein, das
war das Ergebnis seiner Überlegungen. Ein bedeutender Schluss, der der Nachwelt
einiges aufgab.
Erst Kant sollte es gelingen, das Bewusstsein als Ort des Zugangs zu relativieren und
das Sein an sich wieder hinter verschlossene Türen zu bringen. Weder dem Denken,
noch sonst einer Fähigkeit sollte es möglich sein, zum unvermittelten Sein
vorzudringen, auch wenn es dadurch nicht ganz aus der Welt verschwinden sollte.
In den zu Ende gehenden zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts beschert schließlich die
abgeschiedene innere Einkehr in den Schwarzwälder Bergen der philosophischen Welt
eine neue Konzeption, die die carthesische Position grundlegend revidiert. Martin
Heidegger greift die alte Frage nach dem Sinn vom Sein erneut auf und kommt zu
einem erstaunlichen Ergebnis. Nicht die Sphären des Bewusstseins sollten danach
auserwählt sein, den ursprünglichsten Platz in der ontologischen Hierarchie
einzunehmen, sondern vielmehr wurde es von Heidegger zu all den anderen Sphären in
die zweite Reihe verwiesen. Er formuliert eine Genealogie des Seins, die das
menschliche Handeln oder besser den "umsichtigen Umgang" an oberste Stelle rückt.
Bevor das Bewusstsein seine Stellung im Universum des Seins manifestieren könne,
stehe es bereits im "umsichtigen Umgang" mit der Welt.
Das Handeln als neuer Ausgangspunkt für die menschliche Wirklichkeit soll vielen
späteren Denkern die Tür zu neuen Wegen des Denkens öffnen. Trotz seines
umstrittenen Verhaltens während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland, wird
Heidegger zu einem der einflussreichsten Denker dieses Jahrhunderts. Ausgehend von
seinem philosophischen Neuanfang können einige neue Überlegungen entstehen, unter
ihnen die Jean-Paul Sartres und Hannah Arendts.
Es soll hier nicht der Anspruch erhoben werden, sowohl Heideggers Philosophie als
auch die Sartres und Arendts in voller Breite vergleichend untersuchen zu können. Der
bescheidene Ansatz des Autors liegt im Begriff des Handelns und soll die, die in seiner
Nähe stehen, mitberücksichtigen. Sie sollen bei den drei Autoren in Zusammenhang
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gebracht und auf ein darauf aufbauendes ethisches Konzept hin überprüft werden. Es
soll herausgefunden werden, ob und wie es möglich ist, den Menschen als handelndes
Wesen zur Verantwortung zu ziehen. Wie begegnet der Mensch dem anderen, und wie
muss er sein Handeln ausrichten, sobald es in Verbindung zu anderen tritt?
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2. Der theoretische Pragmatismus Martin Heideggers
Im Jahr 1927 veröffentlicht Martin Heidegger sein Werk "Sein und Zeit" und erlangt
innerhalb kürzester Zeit unerwartet großen Ruhm. War er bis dahin zwar bei Kennern
durchaus bekannt und kursierte auch vor allem in Studentenkreisen das Gerücht, man
könne bei ihm das Denken lernen, so übertraf doch die überschwängliche Begeisterung
für "Sein und Zeit" die bis dahin erbrachte Anerkennung seiner Veröffentlichungen.
In einer außergewöhnlichen Sprachlichkeit, in der Heidegger ganze Phrasen zu
Begriffen zusammenfügt, die später feststehende Termini in der Philosophie werden
sollen, entwickelt er eine fundamentale Ontologie. Er greift die alte Frage nach dem
"Sinn vom Sein", die schon im Zentrum der Überlegungen Platons gestanden hat, erneut
auf und macht sie zum Ziel des Weges seines Denkens.
Was die außerordentliche Wirkung von "Sein und Zeit" verursacht, ist ein "radikaler
Neuansatz" (Gethmann), den diese Philosophie beinhaltet. War noch bei Husserl eine
Orientierung am Bewusstsein zu erkennen, so löst Heidegger diese zugunsten eines
lebensweltlichen Pragmatismus ab. Gewiss bewegt er sich hier zu dem konform, was
Husserl später in seinem letzten Werk als Lebensweltproblematik thematisieren wird.
Dem bliebt es jedoch nicht vergönnt, diese Problematik zu dem Abschluss zu bringen,
den er sich erwünscht hatte. Husserl stirbt 1938 77jährig, und seine "Krisis" wird nur
eine Einleitung in die von ihm vorgesehene und unvollendete "Transzendentale
Phänomenologie" bleiben.
Heidegger steht mit der Veröffentlichung von "Sein und Zeit" noch am Anfang seiner
philosophischen Karriere und macht bereits einen wichtigen Schritt, indem er sich vom
Bewusstsein ab- und dem Handeln zuwendet. Was im philosophischen Diskurs der
ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts bereits in der Luft liegt findet hier zum
ersten Mal eine systematische Aussprache. Heidegger wendet sich von einem alles
begründenden Bewusstsein ab und stellt ein fundamentales "In-der-Welt-sein"
methodisch an die erste Stelle seiner ontologischen Genesis. Nicht das Cogito der
cartesischen Meditation, welches das neuzeitliche Denken so maßgeblich geprägt hatte,
bildet die Grundlage des "Seins des Daseins" (Heidegger), sondern die Tatsache, daß es
sich immer schon in einer ihm vertrauten Welt befindet. Ausgehend von diesem "In-der-
Welt-sein" steht das Dasein in einem "umsichtigen Umgang" mit der Welt. Bei diesem
Begriff handelt es sich um eine elegante Umschiffung der Theorie-Praxis-Problematik,
die Heidegger an einigen Stellen in "Sein und Zeit" erwähnt. Ihm missfällt die
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Auffassung, daß in der Praxis lediglich das ausgeführt werden soll, was in der Theorie
bereits erfasst worden ist. So erklärt er seine zurückhaltende Verwendung des Terminus
"Handeln", da dieser zu leicht im Sinne von "Aktivität" verstanden würde, welcher
wiederum als Gegenüber von "Passivität" fungiere:
"Wir vermeiden den Terminus "Handeln" absichtlich. Denn einmal müsste er doch wieder so weit gefasst
werden, daß die Aktivität auch die Passivität des Widerstandes umgreift. Zum anderen legt er das
daseinsontologische Missverständnis nahe, als sei die Entschlossenheit ein besonderes Verhalten des
praktischen Vermögens gegenüber einem theoretischen."
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Theorie und Praxis sind demnach Begriffe, die zu einer missverständlichem
Hierarchisierung führen. Von dieser will sich Heidegger distanzieren. Sie können
allenfalls als bestimmte Modi des eminenten "umsichtigen Umgangs" gesehen werden.
Nicht die Theorie geht der Praxis voran, wie z.B. im platonischen Modell, sondern das
Handeln im Sinne von "umsichtigem Umgang" geht sowohl der Theorie als auch der
Praxis voran.
Ebenso ist das Verhältnis von Handeln und Erkennen zu beurteilen. Erkennen muss als
Sonderfall des autonom sich vollziehenden Handelns verstanden werden. Grundsätzlich
handelt das Dasein. Es ist mit Dingen, die es unmittelbar umgibt beschäftigt. Ab und zu
erfährt dieser kontinuierliche Fluss des Handels einen Akzent, wenn das Dasein ein
Erkenntnismoment erlebt.
Heidegger liegt sehr daran, auch in der wissenschaftlichen Forschung, in der man gerne
eine rein theoretische Tätigkeit sieht, das "Hantieren" - als eine weitere Variante der
Umschreibung des Handlungsbegriffs - zu betonen. Keineswegs sieht er in den
Forschungen des Physikers, Biologen oder Archäologen eine ausschließlich "geistige"
Beschäftigung:
"Der ausdrückliche Hinweis darauf, daß wissenschaftliches Verhalten als Weise des In-der-Welt-seins
nicht nur "rein geistige Tätigkeit" ist, mag sich umständlich und überflüssig ausnehmen. Wenn nur nicht
an dieser Trivialität deutlich würde, daß es keineswegs am Tag liegt, wo denn nun eigentlich die
ontologische Grenze zwischen dem "theoretischen" Verhalten und dem "atheoretischen" verläuft!"
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1
Heidegger, Martin: Sein und Zeit. 17. Aufl., Tübingen 1993, S. 300.
2
Heidegger ebd. S. 358.
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