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Kulturelle Identität der "stolen generation" in australischer Aborigine-Literatur

Examination Thesis, 2007, 106 Pages
Author: Sabine Alfter
Subject: English - Applied Geography

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2007
Pages: 106
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 135  Entries
Language: German
Archive No.: V114574
ISBN (E-book): 978-3-640-15028-1
ISBN (Book): 978-3-640-15048-9
File size: 453 KB

Abstract

Der Ausdruck Stolen Generation bezeichnet schätzungsweise 20.000 bis 25.000 Kinder mit einem aborigenen und einem weißen Elternteil, die zwischen 1910 und 1970 im Rahmen der von der australischen Regierung verfolgten Assimilationspolitik unter Zwang von ihren Eltern und aborigenen Gemeinschaften getrennt wurden. In weißen Adoptionsfamilien, kirchlichen Missionen und staatlichen Kinderheimen wurden sie auf ein Leben in der weißen Gesellschaft vorbereitet. Die australische Regierung verfolgte dabei das Ziel, die Kinder von ihren kulturellen Wurzeln zu trennen und so die Kultur der Aborigines und Torres Strait Insulaner zu zerstören. Wird in der vorliegenden Arbeit vereinfachend von Aborigines gesprochen, so schließt dies die Torres Strait Insulaner mit ein, die allerdings auf ihre kulturelle Eigenständigkeit Wert legen. Der zugegebenermaßen etwas grobe Ausdruck „weiße Gesellschaft“ umfasst die Mitglieder der angelsächsisch geprägten Dominanzkultur in Australien. Die unter Zwang von ihren Eltern getrennten Kinder wurden nicht nur ihrer aborigenen Kultur entrissen, sondern gleichzeitig in einer Entwicklungsphase von ihren Familien getrennt, in der diese eine elementare Rolle in der Primärsozialisation der Kinder spielt, um ein gesundes Urvertrauen auszubilden, das als wichtige Grundlage für die Konstruktion einer ausgewogenen Identität des Individuums angesehen wird. In der Folge dieser Trennungen berichten die institutionalisierten Opfer häufig von Identitätsproblemen, gekoppelt mit vergleichsweise erhöhtem Alkohol- und Drogenkonsum, vermehrten psychischen und physischen Krankheiten, höherer Arbeitslosigkeit, häufigeren Gefängnisaufenthalten und einer insgesamt niedrigeren Lebenserwartung. Das Erzählen ihrer Geschichten wird für die Opfer der Stolen Generation zu einem bedeutsamen Schritt auf dem Weg ihres mentalen Heilungsprozesses.


Excerpt (computer-generated)

KULTURELLE IDENTITÄT DER STOLEN GENERATION
IN AUSTRALISCHER ABORIGINE-LITERATUR

Schriftliche Hausarbeit im Rahmen
der Ersten Staatsprüfung für das
Lehramt für die Sekundarstufe II/I
dem
Landesprüfungsamt I NRW
Geschäftsstelle Köln
- Außenstelle Bonn -

vorgelegt von
Sabine Alfter

Bonn, 16.03.2007

 


2

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis 2
Einleitung 3
1. Identität 4
1.1 Kulturelle Identität 8
1.2 Aboriginality 11
2. Die Stolen Generation 19
3. Konstruktion von Aboriginality 27
3.1 Sally Morgans My Place 27
3.2 Doris Pilkingtons Follow the Rabbit-Proof Fence 53
3.3 Jane Harrisons Stolen 66
4. Resümee 91
Literaturverzeichnis 97

 


3

Einleitung
Der Ausdruck Stolen Generation bezeichnet schätzungsweise 20.000 bis 25.000 Kinder mit einem aborigenen und einem weißen Elternteil, die zwischen 1910 und 1970 im Rahmen der von der australischen Regierung verfolgten Assimilationspolitik unter Zwang von ihren Eltern und aborigenen Gemeinschaften getrennt wurden. In weißen Adoptionsfamilien, kirchlichen Missionen und staatlichen Kinderheimen wurden sie auf ein Leben in der weißen Gesellschaft vorbereitet. Die australische Regierung verfolgte dabei das Ziel, die Kinder von ihren kulturellen Wurzeln zu trennen und so die Kultur der Aborigines und Torres Strait Insulaner zu zerstören.
Wird in der vorliegenden Arbeit vereinfachend von Aborigines gesprochen, so schließt dies die Torres Strait Insulaner mit ein, die allerdings auf ihre kulturelle Eigenständigkeit Wert legen. Der zugegebenermaßen etwas grobe Ausdruck ,,weiße Gesellschaft" umfasst die Mitglieder der angelsächsisch geprägten Dominanzkultur in Australien.
Die unter Zwang von ihren Eltern getrennten Kinder wurden nicht nur ihrer aborigenen Kultur entrissen, sondern gleichzeitig in einer Entwicklungsphase von ihren Familien getrennt, in der diese eine elementare Rolle in der Primärsozialisation der Kinder spielt, um ein gesundes Urvertrauen auszubilden, das als wichtige Grundlage für die Konstruktion einer ausgewogenen Identität des Individuums angesehen wird. In der Folge dieser Trennungen berichten die institutionalisierten Opfer häufig von Identitätsproblemen, gekoppelt mit vergleichsweise erhöhtem Alkohol- und Drogenkonsum, vermehrten psychischen und physischen Krankheiten, höherer Arbeitslosigkeit, häufigeren Gefängnisaufenthalten und einer insgesamt niedrigeren Lebenserwartung.
Das Erzählen ihrer Geschichten wird für die Opfer der Stolen Generation zu einem bedeutsamen Schritt auf dem Weg ihres mentalen Heilungsprozesses. Die Autoren konstruieren in solchen Texten dabei nicht nur ihre Aboriginality, sondern liefern gleichzeitig eine alternative Version der offiziellen Geschichtsschreibung aus der Sicht der Aborigines. Persönliche Geschichten werden dabei so zu einer Möglichkeit, mehr Verständnis für kulturelle Minoritäten in der multikulturellen Gesellschaft Australiens zu wecken.

 


4

Die hier vorliegende Arbeit definiert zuerst die grundlegenden Begriffe Identität, kulturelle Identität und Aboriginality, liefert anschließend einen kurzen historischen Überblick über die Geschichte der Stolen Generation und widmet sich dann der Analyse von Sally Morgans My Place, Doris Pilkingtons Follow the Rabbit-Proof Fence und Jane Harrisons Stolen.
Den Texten ist die Beschäftigung mit den Schicksalen der Opfer der Stolen Generation aus verschiedenen Perspektiven gemeinsam. Die drei Texte haben mittlerweile international Aufmerksamkeit erregt und sind in den Lektürekanon der australischen Schulen aufgenommen worden. Sally Morgans Werk My Place gilt als eines der ersten Werke, das Aboriginality den nicht-aborigenen Lesern erschlossen hat. Follow the Rabbit-Proof Fence wurde 2004 von Phillip Noyce verfilmt und informierte auf diese Weise eine große Öffentlichkeit über die politische Praxis in Australien zwischen den Jahren 1910 und 1970. Jane Harrisons Drama Stolen präsentiert fünf Einzelschicksale auf internationalen Bühnen, die als Repräsentanten für alle Opfer der Stolen Generation stehen. Die Textauswahl kann zwar nicht den Anspruch erheben, repräsentativ zu sein, liefert aber einen Einblick in die verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten der einzelnen Genres Autobiographie, biographische Erzählung, Roman und Drama. Die Reihenfolge der untersuchten Texte orientiert sich dabei lediglich an dem Datum ihrer Erstveröffentlichung.
1. Identität
Der Begriff der Identität ist von den verschiedenen Forschungsrichtungen unterschiedlich interpretiert und definiert worden. Erikson, der Identität im Rahmen der Entwicklungspsychologie untersucht hat, drückt die Schwierigkeiten, den Begriff zu definieren, treffend aus: ,,Je mehr man über diesen Gegenstand [Identität] schreibt, desto mehr wird das Wort zu einem Ausdruck für etwas, das ebenso unergründlich als allgegenwärtig ist" (7).
In der Biologie wird Identität als Ergebnis des Zusammenspiels zwischen angeborenen Voraussetzungen und erworbenen Erfahrungen angesehen. Angeboren ist die individuelle Realisierung des
Zentralnervensystems, das durch unterschiedliche Umwelteinflüsse und Erfahrungen individuell geprägt wird:

 


5

So existiert für jedes Netz, das heißt für jedes Neuronenprogramm, eine bei jedem Individuum besondere Realisierung. Das Programm ist der angeborene, erbliche Teil des Systems [...], während die individuelle Realisierung einen jeweils besonderen Kompromiß zwischen Angeborenem und Erworbenem darstellt. Dieser ist ein Ergebnis der Interaktion mit der Umwelt und daher nicht vererbbar (Danchin 165).
Folglich führt die biologische Disposition des Individuums zur spezifischen Verarbeitung der persönlichen Erfahrungen und damit zu einer Ausprägung einer individuellen Identität.
Diese Erkenntnis wird von der Psychologie unterstützt, die den Schwerpunkt allerdings auf den Prozess der Identitätsbildung während der Entwicklung des Individuums legt:
Identität entwickelt sich; sie ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozeßes, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozeß als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozeßes (Mead 177).
In der Zeit der Primärsozialisation des Kindes hat die Familie die Grundfunktion, dessen persönliche Identität auszubilden und zu verfestigen (vgl. Luckmann 305). Dabei spielen, laut Erikson, Mütter eine herausragende Rolle:
Mütter schaffen in ihren Kindern ein Vertrauensgefühl durch jene Art von Fürsorge, die in ihrer Qualität einfühlsame Erfüllung der individuellen Bedürfnisse des Kindes mit einem sicheren Gefühl der persönlichen Vertrauenswürdigkeit innerhalb des vertrauenerweckenden Rahmens des Lebensstils ihrer Gemeinschaft vereint. Das bildet im Kind die eigentliche Grundlage für eine Komponente des Identitätsgefühls, die späterhin die Gefühle umfassen wird, »in Ordnung zu sein«, man selbst zu sein, und das zu werden, worauf andere Leute sich verlassen, daß man es wird (104).
Dieses Vertrauensgefühl bezeichnet Erikson als Urvertrauen (vgl. 97). Kommt es während der Zeit des Abstillens zu einer Trennung zwischen Mutter und Kind, wird nicht nur das Urvertrauen gestört, sondern es ,,kann unter auch sonst aggravierenden Umständen zu einer akuten infantilen Depression oder zu einem leichten aber chronischen Trauerzustand führen, der dem Rest des Lebens einen depressiven Unterton verleiht" (102). Zusätzlich kann fehlendes oder geschädigtes Urvertrauen ,,die Fähigkeit, sich »identisch« zu fühlen, gefährlich einschränken" (106).
Die Entwicklung der Identität wird in der Psychologie als Prozess der Reflexivwerdung verstanden: ,,In diesem Fall handelt es sich [...] um einen unabdingbaren und unvermeidlichen Prozeß, der mit der Einbindung des Einzelnen in die Horizonte einer gesellschaftlichen und kulturellen Formation

 


6

gegeben ist" (Assmann 134 f.). Identität wird als Eigenschaft verstanden, die im Laufe dieses Prozesses ab einem gewissen Lebensalter erworben werden kann und folgende Auswirkungen hat:
Haben sie sie [komplexe Eigenschaft] einmal erworben, so sind sie zwar kraft ihrer ,selbständig′. Sie können sich vom Einfluß anderer freimachen; sie können ihrem Leben eine Form und Kontinuität geben, welche sie zuvor, wenn überhaupt, nur durch äußeren Einfluß besaßen. In diesem Sinne sind sie kraft ihrer ,Identität′ autonome Einzelne (Henrich 136).
Nun ist Identität aufgrund ihrer Prozesshaftigkeit, ,,ihrer Vielseitigkeit und ihrer Abhängigkeit von externen Einflüssen keine einmal erworbene und für das ganze Leben fixierte Eigenschaft" (Schürmann-Zeggel 187), sondern durch Variabilität und Veränderbarkeit gekennzeichnet (vgl. Smidt 43).
Auch in der Soziologie wird Identität als Resultat eines Prozesses verstanden. Hier wird allerdings von der selbstbestimmten Konstruktion einer Identität durch das Individuum ausgegangen und der Begriff des Selbst dem der Identität gleichgesetzt: ,Selbst′ wird überwiegend im Sinne von ,self-concept′ verstanden: Es ist die Vorstellung, die jemand von sich selbst hat (,self-as-object′) (Krappmann 24).
Identität wird als etwas Selbstbestimmtes aufgefasst, als Ergebnis eines Prozesses innerhalb des Individuums, für den ,,äußere [...] Einflüsse zwar prägend, aber nicht entscheidend sind" (Schürmann-Zeggel 71). Bei dieser Identitätskonstruktion übernimmt das Individuum eine aktive Rolle:
Yet he [the individual] is not merely a passive recipient of all sorts of available meaning, and he does not just contemplate it in the stillness of his mind. As soon as he has begun to form a conception of himself and the world, and of what is desirable and not desirable, he is actively involved in dealing practically, intellectually, and emotionally with his particular situation (Hannerz 65).
Die unterschiedlichen Situationen, die zur Identitätskonstruktion herangezogen werden, erfahren durch die Sichtweise des Individuums eine unterschiedliche Gewichtung (vgl. ebd. 67) und können unterschiedlichsten Quellen entspringen. Dabei kann es sich um zugeschriebene Eigenschaften wie Alter und Geschlecht handeln oder um kulturelle, territoriale, politische, wirtschaftliche und soziale Bezüge des Individuums (vgl. Huntington 27).
Durchgehend wird in der Soziologie die Bedeutung des Interaktionismus für die Konstruktion der Identität betont, denn ohne soziale Interaktion ist eine Bestimmung des Selbst nicht denkbar:

 


7

Hier wird darüber hinaus behauptet, daß jeder, um dem strukturellen Erfordernis nach Identität nachkommen zu können, auf eine bestimmte Art sozialer Beziehungen angewiesen ist, nämlich auf Beziehungen, in denen Erwartungen übernommen oder auch abgelehnt werden können und in denen es daher möglich ist, über die Anerkennung eines Identitätsentwurfes zu verhandeln (Krappmann 11).
Ohne Beteiligung an Kommunikations- und Handlungsprozessen ist der ,,Aufbau einer individuierten Identität" zumindest gefährdet, wenn nicht sogar ausgeschlossen (ebd.). Um eine persönliche Identität aufzubauen, bedarf es also zwingend eines Gegenübers, mit dem die Interaktion stattfinden kann (vgl. Benoist 15, Krappmann 20). Zusätzlich ist ,,Distanziertheit zu Umwelt und Selbst [...] eine Voraussetzung für die Ausbildung persönlicher Identität" (Luckmann 296). Begründet wird diese Haltung mit der Beobachtung, dass der Einzelne sich nicht direkt, sondern nur indirekt über die Reaktionen anderer Mitglieder seiner gesellschaftlichen Gruppe erfährt (vgl. Mead 181). Luckmann beschreibt diesen Vorgang als einen Prozess, in dem sich Identität von ,,Außen nach Innen" (299) entwickelt und erklärt diesen folgendermaßen:
Der Mensch erlebt sich selbst nicht unvermittelt. Nur die Umwelt kann der Mensch unvermittelt erfahren [...] In sozialen Beziehungen erlebt der Mensch andere. [...] Insofern aber nun die Erfahrungen des anderen auf ihn selbst zurückgerichtet sind, ,spiegelt′ sich der Mensch im Mitmenschen. [...] Die Fähigkeit zu wechselseitiger ,Spiegelung′ ist die Grundvoraussetzung dafür, daß der einzelne Mensch eine persönliche Identität ausbildet (299).
Krappmann weist jedoch darauf hin, dass nicht unbedingt jede Interaktion Identität etablieren muss, da nicht jeder Interaktionspartner ,,zur Definition der Situation und der Identität beitragen kann" (35). Außerdem können Interaktionspartner dafür sorgen, dass das Selbstwertgefühl des Individuums darunter leidet, wenn ihm in der Interaktion die Anerkennung für die Identität versagt bleibt (vgl. Shusterman 196).
In der Moderne setzte sich in der Soziologie die Erkenntnis durch, dass das Konzept eines kohärenten Ichs nicht zutrifft, da es sich kontinuierlich verändert und ,,zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Identitäten annehmen kann" (Konuk 129). Diese Identitäten müssen nicht zwingend alle zum Ausdruck kommen und hängen entscheidend von dem Interaktionspartner ab:
Wir haben viele verschiedene Beziehungen zu verschiedenen Menschen. Für den einen Menschen bedeuten wir dieses, für den anderen jenes. Es gibt Teile der Identität, die nur im Verhältnis der Identität zu ihr selbst existieren. Wir spalten uns in die verschiedensten Identitäten auf, wenn wir zu unseren Bekannten sprechen. [...] Es gibt die verschiedensten

 


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Identitäten, die den verschiedensten gesellschaftlichen Reaktionen entsprechen (Mead 184 f.).
Diese unterschiedlichen Identitäten variieren zusätzlich in ihrer Intensität. So identifiziert man sich vielleicht intensiver mit der Rolle in seiner Familie als mit der in seinem Beruf oder umgekehrt (vgl. Huntington 28).
,,Da Identität nicht nur hergestellt, sondern auch dargestellt werden muss, hängen Identitätskonstruktion und Erzählen unlösbar miteinander zusammen, wie etwa jede (Auto-)Biografie drastisch verdeutlicht" (Schmidt 5). Auch Krappmann ist der Meinung, dass das Individuum in der Interaktion seine Identität präsentieren muss, um zu signalisieren, um wen es sich handelt. Dabei berücksichtigt das Individuum sowohl die aktuelle Situation als auch den Erwartungshorizont des Interaktionspartners (vgl. 8 f.).
Bei der Konstruktion seiner Identität muss das Individuum die Entscheidung treffen, inwieweit es die gesellschaftlichen Normen erfüllt oder unterläuft und damit ,,die Frage nach Anpassung oder Außenseitertum" entscheiden (Neumann 527). In dieser Frage hat das Individuum allerdings keine vollkommene Wahlfreiheit:
Schon die Primärsozialisierung legt Einstellungen in der persönlichen Identität fest, die später eine gewisse Filterwirkung ausüben. Auch bleiben die Handlungszwänge, die dem Individuum in der Ausübung gesellschaftlich festgelegter, spezialisierter Rollen auferlegt wurden, nicht ohne Folgen für die Entfaltung der persönlichen Identität (Luckmann 307).
Krappmann weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Übernahme eines zu starren Rollenkonzeptes oder Identitätsbegriffes zu einer Entfremdung des Individuums von sich selbst führen kann (vgl. 17).
1.1 Kulturelle Identität
Kulturelle Identität ist eine kollektive Identität, die alle kulturellen Bezugspunkte einer Gemeinschaft in sich vereinigt und über ein kulturell bedingtes Wertesystem die Einheit einer Gruppe definiert (vgl. Wieviorka 163 f.). Inhaltlich beschreibt der Begriff ,,vor allem die Eigenschaften bzw. Ideengehalte, mit denen sich Individuen, gesellschaftliche Gemeinschaften und Gruppen [...] identifizieren und die ihr Selbstverständnis determinieren" (Uhle 8). Assmann hält diese Vorstellung für Fiktion, für ,,ein Produkt sozialer Imagination" und begründet dies folgendermaßen:
Das Fiktive oder Metaphorische der Rede von der kollektiven Identität beruht zum einen auf der ausschließlich symbolischen Realität der Mitgliedschaft, zum anderen darauf, daß ihr das Element des Irreduziblen

 


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abgeht. Eine kollektive Identität läßt sich [...] aufkündigen, z.B. durch Auswanderung oder Konversion. Kollektive Identität kann bis zur Inhaltslosigkeit verblassen ­ und das Leben geht weiter, im Unterschied zur Ich-Identität, deren entsprechende Aushöhlung, Schwächung oder Beschädigung pathologische Folgen hat (133).
Vereinfacht lässt sich sagen, dass die kulturelle Identität eines Kollektivs ohne Individuen, die diese Identität tragen, konstituieren und sich mit ihr identifizieren, nicht denkbar ist (vgl. ebd. 131, Voigt 31).
Der Begriff Kultur bezieht sich dabei nicht allein auf Kunst, Bildung und Wissenschaft, sondern schließt die Gesamtheit der Lebensformen mit ein:
Alle (von vorausgegangenen Generationen) übernommenen u. im Prozeß der Weiterentwicklung u. Veränderung befindl. materiellen Gestaltungsformen der Umwelt [...]; das Wissen u. die Nutzung von gesetzmäßig ablaufenden Naturprozessen [...]; alle Ideen, Werte, Ideale u. Sinngebungen; die Methoden und Institutionen des Zusammenlebens (Hartfiel 363).
Solche Normen und Werte müssen durch Sozialisation der einzelnen Individuen weitervermittelt werden, damit der Fortbestand der Gesellschaft abgesichert ist und der ,,an sich soz. unspezif. einzelne Mensch überhaupt zum soz. Wesen, zum Mitglied einer Ges. werden kann" (ebd. 363 f.). Eine solche Identität kann, in Bezug auf andere kollektive Identitäten, unterschiedliche Grade an Offenheit oder Abgeschlossenheit annehmen. Das Spektrum reicht hier von der Konzentration auf die eigene Gemeinschaft, die in einer gewissen Reinheit erhalten werden muss, bis zur Auflösung der Gemeinschaft durch Assimilation in eine andere Gemeinschaft (vgl. Wieviorka 164).
Kulturen charakterisieren sich durch den Gebrauch unterschiedlicher Zeicheninventare, die zugleich als Informationsspeicher dienen. Von besonderer Bedeutung sind dabei produzierte Zeichen wie z.B. die Laute einer Sprache, Schrift, Art des Wohnens, hergestellte Waren, Ernährung oder Körpergestaltung (vgl. Groh 164, 166). Die Bedeutung gemeinschaftlicher Zeichen wird von den Gemeinschaften festgelegt und an die Individuen weitervermittelt, die sich durch die Übernahme solcher Zeichen und Codes mit eben dieser Gemeinschaft identifizieren und auf diese Weise ihre kollektive Identität konstruieren (vgl. Kimminich, ,,Lost Elements" 47 f.). Die Übernahme ist dabei auf Kommunikation und diese Kommunikation auf Medien angewiesen, ,,die der Kodierung, Speicherung und Zirkulation von ,kulturellem Sinn′ dienen" (Schmidt 14, vgl. Niedermüller 143).

 


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An der Grenze zwischen zwei Kulturen ,,entsteht ein Bedürfnis nach Übersetzung fremder Texte, die folglich Sinnbildungsprozesse in Gang setzen" (Nünning 350). Da sich zwei unterschiedliche Zeichensysteme nie vollständig entsprechen, muss es, laut Bhaba, zu Übersetzungsschwierigkeiten kommen (234 f.).
Aber nicht nur Zeichen und Codes werden zur Abgrenzung der einzelnen Gemeinschaften herangezogen. Von jeher spielte der Körper bei der Ausdifferenzierung kollektiver Identitätskonstruktionen eine wichtige Rolle: ,,Anhand physiologischer Andersartigkeit(en) wurde und werden ethnische, nationale und auch kulturelle Zugehörigkeit, vor allem aber die ethische Wertigkeit eines Individuums definiert" (Kimminich, ,,Macht und Entmachtung der Zeichen" XXXIV).
Die Vermittlung der kulturellen Identität ist in erster Linie narrativ: ,,Sie ist dialogisch und sie ist immer in Diskurse und Geschichten verstrickt" (ebd. XVI). Dannenbeck ist der Meinung, dass solche performativen Akte nicht ,,von den spezifischen historischen und situativen Kontexten, innerhalb derer sie stattfinden", getrennt werden können (292) und auch Smidt betont:
,,Jedes Sprechen oder Schreiben ist unabänderlich an historische und soziokulturelle Strukturen und Diskurse gebunden. Innerhalb dieser diskursiven Formationen wird kulturelle Identität demzufolge erst gebildet" (35).
Jede Gemeinschaft hat einen Bestand an ,,Wiedergebrauchs -Texten, -Bildern und ­Riten", in denen die Gruppenidentität stabilisiert und vermittelt wird (Nünning 213). Dieser Zusammenhang zwischen Texten, Bildern und Riten und kollektiv geteiltem Wissen über die Vergangenheit wird auch von Hall angesprochen, dem dabei die Aspekte der Prozesshaftigkeit und Veränderbarkeit wichtig sind:
Cultural identity [...] is a matter of `becoming′ as well as of `being′. It belongs to the future as much as to the past. [...] Cultural identities come from somewhere, have histories. But, like everything which is historical, they undergo constant transformation. [...] It [cultural identity] is not once-and-for-all. [...] It is always constructed through memory, fantasy, narrative and myth (112 f.).
Verstärkt wird die kollektive Identität durch ihre Bewusstmachung mit Hilfe traditioneller Riten, die die Gruppenidentität und identitätssicherndes Wissen ,,konstituieren und reproduzieren" (Assmann 143). Dies trifft ganz besonders für schriftlose Gemeinschaften zu, in denen Riten dazu dienen, die von ihnen [...]

 



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