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Utopie als alternative Ordnung - Hermann Hesses "Glasperlenspiel" und Arno Schmidts "Gelehrtenrepublik" vor dem Hintergrund der Gattung "Utopie"

Examination Thesis, 2008, 108 Pages
Author: Sonja Riedel
Subject: German Studies - Genres

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2008
Pages: 108
Bibliography: ~ 122  Entries
Language: German
Archive No.: V115127
ISBN (E-book): 978-3-640-15914-7
ISBN (Book): 978-3-640-16002-0
File size: 477 KB

Abstract

Warum vergleicht man Hermann Hesse und Arno Schmidt? Und wo soll man ansetzen bei zwei Autoren, die unterschiedlicher nicht sein können? Hesse und Schmidt sind einander nie begegnet und führten nur einen flüchtigen Briefwechsel1 und doch war zumindest Hesse für Schmidt sehr bedeutsam, dem er in tiefer Verehrung für seinen Steppenwolf zunächst ein Gedicht und später seinen „Leviathan“ zusandte. Dass Hesse Schmidts Gedicht nur mit einem Gegengedicht beantwortete und aus Zeitmangel den „Leviathan“ ungelesen zurücksenden musste, verletzte Schmidt tief, doch noch härter traf ihn Hesses Besprechung des „Leviathans“ in einem Rundbrief vom 01.05.1950, in welchem dieser ihm, wenn er im Ganzen auch durchaus wohlwollende Worte fand, „Schnoddrigkeit“ vorwarf.2 Schmidt entgegnete mit der bekannten Replik, Hesse sei „[e]in begabter Dichter; reich und faltig. Zweierlei fehl[e] ihm: naturwissenschaftliche Kenntnisse (oder doch deren Einwirkung und Auswertung), und das Erlebnis folgender Urphänomene: Soldat sein müssen, Krieg, Kriegsgefangenschaft, Hunger. Also kenn[e] er ausreichend nur die friedlichere Seite des Menschen. Ein Glücklicher. Dies bezeichne[] seine Stellung in unserer Literatur: »die Stimme eines Sängers [kein Komma: sic] die zwar keinen großen Umfang ha[be] und nur wenige Töne enth[alte], aber diese gut und vom schönsten Wohlklange«“3 und verursachte Hesse damit einige Schlaflosigkeit und Verstimmung4; Schmidt aber verwand die Ablehnung nie. So sehen die beiden Autoren selbst unvereinbare Unterschiede in ihren jeweiligen Arten zu schreiben und teilen scheinbar nur die gegenseitige Ablehnung, aber dennoch verbindet sie etwas, nämlich ein gemeinsames Thema. Beide, Hesse und Schmidt, haben unabhängig voneinander mit dem „Glasperlenspiel“ und der „Gelehrtenrepublik“ Utopien verfasst, die einen Gelehrtenstaat darstellen und sich damit der utopischen Untergattung der „Gelehrtenrepubliken“ zuordnen lassen; mehr noch, sie sind die einzigen beiden modernen Verfasser von Gelehrtenrepubliken und, ergänzt durch Klopstock, dessen „Gelehrtenrepublik“ aus dem Jahr 1774 stammt, die einzigen Vertreter der deutschsprachigen Gelehrtenrepublik überhaupt.5


Excerpt (computer-generated)

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Germanistisches Seminar

Wissenschaftliche Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien.

Wissenschaftliche Arbeit im Fach Deutsch

Utopie als alternative Ordnung. Hermann Hesses ,,Glasperlenspiel"

und Arno Schmidts ,,Gelehrtenrepublik" vor dem Hintergrund der

Gattung ,,Utopie".

Verfasserin: Sonja Riedel























Meinen wunderbaren Eltern


Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung 4

2) Die Utopie

2.1) Versuch einer Wesensbestimmung 5

2.2) Utopie als alternative Ordnung. Die Leistung der Utopie 10

2.3) Die literarische Utopie 12

3) Utopisches Erzählen

3.1) Die ,,utopische Methode" 14

3.2) Utopisches Erzählen bei Morus 14

3.3) Utopisches Erzählen bei Campanella 17

3.4) Utopisches Erzählen bei Andreae 18

3.5) Utopisches Erzählen bei Bacon 20

3.6) Zusammenfassung: Utopisches Erzählen bei den frühneuzeitlichen utopischen

Klassikern 21

4) Hermann Hesses ,,Glasperlenspiel"

4.1) Kurzzusammenfassung des Inhalts 23

4.2) Utopische Züge im ,,Glasperlenspiel" 23

4.3) Warum das ,,Glasperlenspiel" keine traditionelle Utopie sein kann 30

4.4) Das ,,Glasperlenspiel" ­ Utopie oder Anti-Utopie? 40

5) Arno Schmidts ,,Gelehrtenrepublik"

5.1) Kurzzusammenfassung des Inhalts 60

5.2) Utopische Züge in der ,,Gelehrtenrepublik" 60

2


5.3) Die ,,Gelehrtenrepublik" als Anti-Utopie 67

5.4) Der Weg in die Anti-Utopie 70

5.5) Der Hominidenstreifen 79

5.6) Sexualität in der ,,Gelehrtenrepublik" 82

5.7) Kunst in der ,,Gelehrtenrepublik" 90

6) Utopie bei Hesse und Schmidt. Zusammenschau und Ausblick

6.1) Zusammenschau 93

6.2) Ausblick 96

7) Literaturverzeichnis

7.1) Primärliteratur 99

7.2) Sekundärliteratur 100

3


Utopie als alternative Ordnung. Hermann Hesses ,,Glasperlenspiel"

und Arno Schmidts ,,Gelehrtenrepublik" vor dem Hintergrund der

Gattung ,,Utopie".

1) Einleitung

Warum vergleicht man Hermann Hesse und Arno Schmidt? Und wo soll man ansetzen bei

zwei Autoren, die unterschiedlicher nicht sein können?

Hesse und Schmidt sind einander nie begegnet und führten nur einen flüchtigen

Briefwechsel1 und doch war zumindest Hesse für Schmidt sehr bedeutsam, dem er in tiefer

Verehrung für seinen Steppenwolf zunächst ein Gedicht und später seinen ,,Leviathan"

zusandte. Dass Hesse Schmidts Gedicht nur mit einem Gegengedicht beantwortete und aus

Zeitmangel den ,,Leviathan" ungelesen zurücksenden musste, verletzte Schmidt tief, doch

noch härter traf ihn Hesses Besprechung des ,,Leviathans" in einem Rundbrief vom

01.05.1950, in welchem dieser ihm, wenn er im Ganzen auch durchaus wohlwollende Worte

fand, ,,Schnoddrigkeit" vorwarf.2 Schmidt entgegnete mit der bekannten Replik, Hesse sei

,,[e]in begabter Dichter; reich und faltig. Zweierlei fehl[e] ihm: naturwissenschaftliche

Kenntnisse (oder doch deren Einwirkung und Auswertung), und das Erlebnis folgender

Urphänomene: Soldat sein müssen, Krieg, Kriegsgefangenschaft, Hunger. Also kenn[e] er

ausreichend nur die friedlichere Seite des Menschen. Ein Glücklicher. Dies bezeichne[] seine

Stellung in unserer Literatur: »die Stimme eines Sängers [kein Komma: sic] die zwar keinen

großen Umfang ha[be] und nur wenige Töne enth[alte], aber diese gut und vom schönsten

Wohlklange«"3 und verursachte Hesse damit einige Schlaflosigkeit und Verstimmung4;

Schmidt aber verwand die Ablehnung nie.

So sehen die beiden Autoren selbst unvereinbare Unterschiede in ihren jeweiligen Arten zu

schreiben und teilen scheinbar nur die gegenseitige Ablehnung, aber dennoch verbindet sie

etwas, nämlich ein gemeinsames Thema. Beide, Hesse und Schmidt, haben unabhängig

voneinander mit dem ,,Glasperlenspiel" und der ,,Gelehrtenrepublik" Utopien verfasst, die

einen Gelehrtenstaat darstellen und sich damit der utopischen Untergattung der

,,Gelehrtenrepubliken" zuordnen lassen; mehr noch, sie sind die einzigen beiden modernen

Verfasser von Gelehrtenrepubliken und, ergänzt durch Klopstock, dessen

1 Der Briefwechsel ist mit Erklärungen versehen vollständig ediert in: Strick, Gregor (Hrsg.): Arno

Schmidt. Briefwechsel mit Kollegen. Frankfurt/Main 2007, S. 54-57.

Nachfolgend zitiert als BA, Briefe V. Seine Wiedergabe bezieht sich auf diese Dokumente. Jeder

weitere Briefverkehr Schmidts wird in der analogen wissenschaftlichen Kurzform für die Publikationen

der Arno Schmidt Stiftung zitiert.

2 Rundbrief Hesses vom 01.05.1950. In: Ebd., Anhang Dokument 4, S. 392.

3 Brief Arno Schmidts an Hermann Hesse, 22.05.1950. In: BA, Briefe V, S. 56.

4 Ebd. S. 57.

4


,,Gelehrtenrepublik" aus dem Jahr 1774 stammt, die einzigen Vertreter der

deutschsprachigen Gelehrtenrepublik überhaupt.5 Gerade vor dem Hintergrund ihrer

Meinungsverschiedenheit in Dichtungsfragen ist es deswegen spannend zu prüfen, wie

Hesse und Schmidt das Thema verarbeiten. Da aber Utopien eine lange Gattungstradition

haben, die sich bis zu Platons ,,Politeia" zurückverfolgen lässt, bedeutet ,,[l]iterarische (Anti-)

Utopien zu schreiben [...] zweifelsfrei, sich einem Regelwerk zu unterwerfen bzw. sich daran

abzuarbeiten"6, weswegen man Utopien nicht ohne Blick auf den Kontext der Gattung

behandeln sollte. Deshalb fragt diese Arbeit immer auch danach, wie sich Hesse und

Schmidt in ihren Werken auf diesen Kontext beziehen und bevor ich mich mit dem

,,Glasperlenspiel" und der ,,Gelehrtenrepublik" befasse, sollen Überlegungen zum Wesen der

klassischen Utopie die Untersuchung eröffnen.

2) Die Utopie

2.1) Versuch einer Wesensbestimmung

Es scheint ganz so, als sei Utopia, als Zusammensetzung abgeleitet aus dem griechischen

, ,,nicht", und , ,,der Ort", nicht nur ein Ort, der nicht zu finden ist, sondern als sei

Utopie auch ein Begriff, der nicht zu fassen ist. Diese Vermutung legt zumindest der Blick in

die Begriffsgeschichte nahe, welcher zeigt, dass sich in der nun fast fünfhundertjährigen

Utopiegeschichte nicht nur die Bezeichnungen des Phänomens ,,Utopie", sondern auch die

hinter den Bezeichnungen stehenden gedanklichen Konzepte wiederholt gewandelt haben.

So sind in der Nachfolge des Thomas Morus, der mit seinem 1516 erschienenen Werk ,,De

optimo reipublicae statu, deque nova insula Utopia" das Muster der Gattung setzte, die

bekannten Utopien Johann Valentin Andreaes, Tommaso Campanellas und Francis Bacons

entstanden, welche zusammen mit ihrem großen Vorbild die klassische literarische Utopie

begründeten.

Dargestellt wird in allen Fällen im Rückgriff auf die Form des frühneuzeitlichen Reiseberichts

die Situation, dass ein Reisender oder Schiffbrüchiger zufällig an die Küsten fremden Landes

getrieben wird, dort auf bisher unentdeckte menschliche Gemeinschaften stößt, deren

5 Müller, Götz: Gegenwelten. Die Utopie in der deutschen Literatur. Stuttgart 1989, S. 114. Zur

Untergattung ,,Gelehrtenrepublik" s. Biesterfeld, Wolfgang: Die literarische Utopie. Stuttgart 1982, S.

60ff. Außerdem Ritter, Joachim (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 3, Basel,

Stuttgart 1974, Sp. 262-232. Weitere Beiträge zur Gelehrtenrepublik: Ersch, Johann Samuel; Gruber,

Johann Gottfried (Hrsg.): Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste in alphabetischer

Folge. Bd. 1, Leipzig 1852, S. 423f.; Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch.

Bd. 5, München 1984, S. 2997.

6 Plener, Peter: Wider das Nichts des Spießerglücks. Zu Begriffen, Theorien und Kennzeichen

(

nicht

nur) literarischer Utopien. In: Árpád, Bernáth; Hárs, Endre; Plener, Peter (Hrsg.): Vom Zweck des

Systems. Beiträge zur Geschichte literarischer Utopien. Tübingen 2006, S. 213.

5


Mitglieder den Ortsunkundigen bereitwillig aufnehmen und ihm Gesellschaftsordnung und

gesellschaftliche Institutionen erklären. Das geschilderte Gemeinwesen weist dabei

stereotype Eigenschaften auf, die dazu berechtigen, von der klassischen Utopie als Gattung

zu sprechen und die in der Utopieforschung umfassend herausgestellt worden sind.7 Auch

die Art der Darstellung lässt starke Gemeinsamkeiten erkennen, weil Einrichtungen und

Gepflogenheiten derart systematisch vorgestellt werden, dass die Werke den Charakter

theoretischer Auseinandersetzung mit der Struktur des fremden Staatswesens annehmen,

welches dem realen Staatsaufbau der zeitgenössischen Leser in idealisierender Weise

gegenübergestellt wird.

Nur aus diesem Grund sind die klassischen Utopien für den Staatswissenschaftler und

Heidelberger Rechtsprofessor Robert von Mohl von Interesse, der ihnen im ersten Band

seiner Monographie ,,Die Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften" von 1855 ein

Kapitel mit dem Titel ,,Die Staatsromane" widmet.8 Darin erklärt er Utopien unbekümmert zu

poetisch minderwertigen Erzeugnissen, deren Wert allein in den in ihnen enthaltenen

politischen Reflexionen auszumachen sei9 und prägt als ,,Vater der wissenschaftlichen

Utopieforschung"10 mit dieser Feststellung nicht nur die Bezeichnung der Utopie als

,,Staatsroman", sondern auch die Haltung, in der man sich Utopien in der Folgezeit lesend

näherte.

Utopien, ,,Staatsromane", haben damit für von Mohl den ehrwürdigen Charakter tiefsinnigen

philosophischen Nachdenkens über den bestmöglichen Aufbau des Staates, weswegen er

auf seinem Gang durch die Utopiegeschichte auch den Werken eines Gabriel Foigny und

Rétif de la Bretonne, deren Gesellschaftsentwürfe Züge des Phantastischen aufweisen, mit

vollkommenen Unverständnis entgegentritt.11 Das Auftreten etwa von Zwittermenschen und

Tier-Mensch-Hybriden wird von ihm kopfschüttelnd als blanker Unsinn, ja sogar Wahnsinn

abgetan, könne man doch solcherlei widernatürliche Unmöglichkeiten nicht ernsthaft in eine

rationale Planung des Gemeinwesens miteinbeziehen.12 Indem der Begriff des Staatsromans

nur die traditionellen Utopien klassischen Zuschnitts umfasst und alles Wunderlich-

Wunderbare ausgrenzt, verstellt er jedoch den Blick auf die enge Verwandtschaft von Utopie

und phantastischer Literatur, obwohl die Utopie noch im 18. Jahrhundert unter dem Lemma

,,Schlaraffenland" lexikalisiert war.

7 Zu Merkmalen der klassischen Utopien: Biesterfeld, literarische Utopie, S. 15-28. Bei den

Detailuntersuchungen zu Hesse und Schmidt wird auf sie ausführlich Bezug genommen werden.

8 Mohl, Robert von: Die Geschichte und Literatur der Staatswissenschaften. Bd. 1, Erlangen 1855.

9 Ders., S. 169f.

10 Biesterfeld, literarische Utopie, S. 2.

11 von Mohl, S. 194, 198.

12 Ders., ebd.

6


Es zeigt sich also, dass verschiedene Strömungen parallel laufen und sich auch gegenseitig

befruchten. So entwickelt sich der Reisebericht zur Robinsonade, womit die utopische

Schilderung romanhaft ausgestaltet wird, utopische Gedankengehalte aber zugunsten der

Romanhandlung zurücktreten. Die Elemente des Phantastischen, welche sich auch in der

Schlaraffenlanddichtung finden, deuten bereits eine Öffnung der engen Gattungsgrenzen der

Utopie zur Science Fiction an, die sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts als Gattung

etablierte, aber bereits Mitte des 19. Jahrhunderts entstand und die ebenfalls die

Romanform als Darstellungsform wählte. Roberts von Mohl Wertschätzung der klassischen

Utopie im Rahmen seines staatswissenschaftlichen Interesses und seine Diskreditierung

ihrer Schwesterformen kann damit auch als vielleicht etwas hilfloser Versuch gedeutet

werden, die zunehmende Vielfalt der utopischen Erscheinungsformen zu systematisieren

und sich darstellerischem Wildwuchs entgegenzustellen. Die (R)Einheit der Gattung

jedenfalls konnte auch er nicht erhalten und spätestens mit dem Erscheinen der Dystopie im

20. Jahrhundert, dem negativen Zerrbild der positiven Utopie, ist eine Begriffsbestimmung

schwierig geworden.

Da die Utopie nicht mehr an eine Gattung gebunden ist13 und sie sich von herkömmlichen

Formen der Darstellung gelöst hat, ist es nur folgerichtig, dass sich die Theoretiker des 20.

Jahrhunderts darum bemühen mussten, die Utopie, so sie sie greifen wollten, nicht mehr an

die literarische Form zu knüpfen, sondern grundlegend anders zu bestimmen.

Die Richtung hatte schon von Mohl gewiesen, der sich auf den Inhalt, die politische Aussage

der ,,Staatsromane" konzentrierte und diesem durchaus zugestand, in der ,,Form einer

Reisebeschreibung, einer statistischen Schilderung oder einer Lebensgeschichte"14

ausgedrückt zu werden. Erscheint hier schon der Inhalt als von der Form losgelöst, so geht

Gustav Landauer 1907 in seiner Abhandlung ,,Die Revolution"15, in der er das Wesen der

Revolution und ihre Gesetzlichkeiten zu bestimmen versucht, noch einen Schritt weiter. Bei

ihm nimmt die Utopie nicht mehr die Gestalt einer von einem Autor entworfenen,

durchdachten, in sich geschlossenen und schriftlich niedergelegten Struktur eines

alternativen Staatsaufbaus an, sondern wird zur reinen Idee, zur Geisteshaltung, die nicht

einmal mehr notwendig auf das Medium der Kunst angewiesen ist, um sich auszudrücken.

So geht Landauer davon aus, dass verschiedene disparate ,,individuelle[/] Bestrebungen und

13 Biesterfeld, Wolfgang: Utopie und Didaktik. Zur Funktion der Kategorie der Möglichkeit in der

Literatur. In: Ders.: Von Fabel bis Fantasy. Gesammelte Aufsätze und Vorträge zur Erzählforschung,

Jugendliteratur und Literaturdidaktik. Hamburg 1994, S. 138.

14 von Mohl, S. 170.

15 Landauer, Gustav: Die Revolution. Frankfurt/Main 1907.

16 Ders., S. 13.

7


Willenstendenzen"16 eine gesellschaftliche Gemengelage bilden, sich aber im Moment der

Krise zu einer homogenen Willensäußerung verdichten und dann, als Utopie im Sinne einer

Vision, eines Leitbildes17, zur Revolution führen und zur Erschütterung der bisherigen

gesellschaftlichen Ordnung (Topie).

Landauer bereichert also die Utopiediskussion, indem er den Utopiebegriff auf alle

Erscheinungsformen subversiver politischer Gedanken und Bewegungen ausweitet, die die

Eigenschaft haben, Interessen integrieren und gebündelt artikulieren zu können; er verankert

damit den Utopie als Denkart im Wesen des Menschen und zeigt die Verbindung von

oppositionellem Denken (Utopie) und Handeln (Revolution) auf.

In vielen Dingen schließt Karl Mannheim, der sich ebenfalls um die Utopieforschung verdient

gemacht hat, an Landauer an, denn mit ihm verbindet ihn sein Interesse an soziologischen

Fragestellungen. So ist auch für Mannheim die literarische Utopie nur Mittel zu dem Zweck,

soziale Bewegungen und Erscheinungen verstehen zu können, während ihn literarische

Form und Qualität nicht interessieren. Ebenso wie für Landauer ist auch für Mannheim

Utopie gleichbedeutend mit ,,Wunschtraum", ,,Phantasie"18 und auch ihn fasziniert ihre Kraft,

Menschen einem gemeinsamen Ideal verpflichten zu können und politisch aktiv werden zu

lassen.19 Wie man daran erkennen kann, ist es Mannheim um das Bewusstsein der

Menschen zu tun, und der Versuch, das Bewusstsein früherer Menschen zu rekonstruieren,

also ,,Bewusstseinsgeschichte"20 zu betreiben, ist Ausdruck der Verunsicherung, die ihm die

Erkenntnis eingetragen hat, dass der moderne Mensch keine feststehenden Wahrheiten

mehr kennt.21 Denn es quält ihn der Gedanke, dass sich allgemein verpflichtende

Erkenntnisse im 20. Jahrhundert in einander widersprechende Leitbilder und Werte aufgelöst

haben22 und dass damit die Welt nicht mehr objektiv erkannt, sondern nur noch ideologisch

verschieden interpretiert werden kann.

So besteht sein Hauptverdienst auch darin, die enge Verwandtschaft von Utopie und

Ideologie erkannt zu haben, denn da Ideologie nach Mannheim eine Geisteshaltung ist, die

,,der Absicht dien[t], die bestehende soziale Wirklichkeit zu verklären oder zu stabilisieren"23,

die Utopie dagegen ,,kollektive Aktivität hervorruf[t], die die Wirklichkeit so zu ändern sucht,

17 ,,Die Utopie ist also die zu ihrer Reinheit destillierte Gesamtheit von Bestrebungen [...]."; Ders., ebd.

18 Mannheim, Karl: Ideologie und Utopie. Bonn 1929, S. 184f.

19 Ders.: Utopie. In: Neusüss, Arnhelm (Hrsg.): Utopie. Begriff und Phänomen des Utopischen.

Frankfurt/Main, New York 1986, S. 118f.

20 Ders., Ideologie und Utopie, S. 3f.

21 Ders., ebd., S. 6f.

22 Ders., ebd.

2

23 Ders., Utopie, S. 115f.

8


dass sie mit ihren die Realität übersteigenden Zielen übereinstimmt."24, wird jede Utopie, die

ja darauf angelegt ist, selbst zur sozialen Wirklichkeit zu werden und diese dann stabil zu

halten, durch ihre Verwirklichung selbst zur Ideologie.25

Freilich, in welchem Grade jedoch auch literarische Utopien umgesetzt werden wollen (und

sich der Ideologie annähern), diese Frage muss zur späteren Beantwortung kritisch in den

Raum gestellt werden.

Auch Ernst Bloch

greift Anregungen Landauers auf, wenn er feststellt, dass utopisches

Denken im Menschen angelegt sei, da er als ,,Mangelwesen par excellence"26 immer das

erstrebe, was ihm fehle und dieser Drang zur Befriedigung seiner Bedürfnisse sich zunächst

in einem ,,mehr oder minder genau ausmalende[m] Hoffen"27, dann aber in ,,tätige[m]

Wollen"28 äußere. Bloch erklärt damit die Tatsache, dass Menschen Utopien schreiben, aus

seiner Triebstruktur, bzw. aus einer sublimierten Triebstruktur29 und stellt ebenfalls die Nähe

von utopischem Denken und politischem Handeln heraus, räumt aber der Frage, welche

gesellschaftlichen Bedingungen gegeben sein müssen, um Utopien umzusetzen, keinen

großen Stellenwert ein.30 Stattdessen beschränkt er sich auf das Spekulative, indem er

vermutet, Natur und Umwelt seien ebenfalls in selbstständiger Bewegung begriffen, ein

,,Noch-Nicht-Gewordenes"31 zu verwirklichen, weswegen die Realisierung von Utopien nur

dann möglich sei, wenn sich der menschliche Wille in Übereinstimmung mit der Tendenz,

dem Willen der Natur befinde.32

Mag es auch schwer sein, Blochs Mutmaßung über die Eigendynamik der Natur zu

akzeptieren, so bleibt ihm doch das Verdienst unbenommen, utopisches Denken vom

24 Ders., ebd.

25 Es muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass Utopie- und Ideologiebegriff bei Mannheim in

seinem früher erschienenen Hauptwerk ,,Ideologie und Utopie" anders definiert wurden: ,,Wenn wir in

die Vergangenheit zurückblicken, gibt es ein ziemlich zuverlässiges Kriterium dafür, was als Ideologie

und was als Utopie anzusehen sei. Das Kriterium für Ideologie und Utopie ist die Verwirklichung."

(Mannheim, Ideologie und Utopie, S. 182.) Demnach ist Utopie die Geisteshaltung, die im Gegensatz

zur Ideologie nie vollständig umgesetzt werden kann (Ders., ebd., S. 172.) und es zeigt sich hier noch

deutlicher der Einfluss Landauers, der gerade die Tatsache, dass Utopien nie vollständig umgesetzt

werden, als wesentliche Triebkraft zu immer neuen revolutionären Umwälzungen sieht (Landauer, S.

15.). Ich denke, man darf annehmen, dass Mannheim sich in seiner späteren Phase von Landauers

Utopiebegriff ein Stück weit emanzipiert hat. Zur Verschiedenheit von Mannheims Utopiebegriffen s.

auch Neusüss, Arnhelm: Schwierigkeiten einer Soziologie des utopischen Denkens. In: Ders. (Hrsg.):

Utopie. Begriff und Phänomen des Utopischen. Frankfurt/Main, New York 1986, S. 26.

26 Bloch, Ernst: Antizipierte Realität. Wie geschieht und was leistet utopisches Denken? In: Villgradter,

Rudolf; Krey, Friedrich (Hrsg.): Der utopische Roman. Darmstadt 1973, S. 18.

27 Ders., S. 19.

28 Ders.,ebd.

29 ,,Der Mensch ist per se ipsum ein

reflektierend

antizipierendes Wesen."; Bloch, S. 18; eigene

Hervorhebung.

30 Brenner, Peter J.: Aspekte und Probleme der neueren Utopiediskussion in der Philosophie. In:

Vosskamp, Wilhelm (Hrsg.): Utopieforschung. Interdisziplinäre Studien zur neuzeitlichen Utopie. Bd. 1,

Stuttgart 1982, S. 14.

31 Bloch, S. 25.

32 Ders., ebd.

9



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