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Seminararbeit, 2001, 20 Seiten
Autor: Sarai Jung
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Details
Institution/Hochschule: Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg (Philosophisches Institut II)
Tags: Protokoll, Verstörung, Rainer, Maria, Rilkes, Aufzeichnungen, Malte, Laurids, Brigge, Proseminar
Jahr: 2001
Seiten: 20
Note: 1
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-17678-1
ISBN (Buch): 978-3-638-77745-2
Dateigröße: 107 KB
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Zusammenfassung / Abstract
In seinem Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" verarbeitet Rainer Maria Rilke den Schock, den er selbst erlitt, als er in die Metropole Paris kam. Eine fremde, bedrängende Stadt, auf dem Höhepunkt der industriellen Verstädterung. Ein Bild der unendlichen Gegensätze, in denen es einem sensiblen Ich, einem Künstler und Dichter wie dem Protagonisten Malte, nahezu unmöglich ist, sich gegen die Verunsicherungen durch die äußere Wirklichkeit zu behaupten. Die vorliegende Arbeit versucht die Unfähigkeit Maltes nachzuzeichnen und zu erklären, weshalb er sich in dieser Welt zunehmend verlieren muss. Er scheitert an der Entsetzlichkeit dessen, was „Leben heißt", an der Einsamkeit, die er unter der anonymen Masse empfindet, an der Rücksichtslosigkeit der „Anderen“ und am Eindringen der unverständlichen Umwelt in das wehrlose „Innere“. Doch es ist nicht nur die äußere Wirklichkeit, die Malte verstört, sondern auch seine eigene Innerlichkeit. Sein eigenes Erleben und seine Erinnerungen gewährleisten ihm keine verlässliche Wirklichkeit oder Sicherheit. In seine Gedanken und Gefühle schleichen sich ebenso bedrohliche Wahrnehmungen und Gefühle ein. Er ist sich selbst fremd. Seiner Umwelt und seiner Innerlichkeit ist Malte hilflos ausgeliefert. Die "Aufzeichnungen" sind ein Versuch der Selbstfestigung, ein Versuch, „unter dem Sichtbaren […] Äquivalente […] für das innen Gesehene“ (MLB S. 89) zu finden und so die sich ihm offenbarende Realität zu bewältigen.
Textauszug (computergeneriert)
Proseminararbeit: „Rainer Maria Rilke“
Universität Würzburg
SS 2001
„Protokoll einer Verstörung“
Rainer Maria Rilkes
„Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“
Sarai Jung
Gliederung:
1) Malte und die Stadt:
- Eindringen der Wirklichkeit
- Subjektive Überformung der Wirklichkeit
- Verlust der Ordnung
- Entindividualisierung
- Masse – Individuum
2) Malte und die Menschen:
- Die Anderen
- Die Fortgeworfenen
- Maltes Vereinsamung
3) Malte und Malte
- Die andere Wirklichkeit
- Das Große
4) Anhang: Literaturverzeichnis
“Ich möchte Dir sagen, liebe Lou, dass Paris eine ähnliche Erfahrung für mich war, wie die Militärschule; wie damals ein großes banges Erstaunen mich ergriff, so griff mich jetzt wieder das Entsetzen an vor alledem was, wie in einer unsäglichen Verwirrung, Leben heißt. Damals als ich ein Knabe unter Knaben war, war ich allein unter ihnen; und wie allein war ich jetzt unter diesen Menschen, wie fortwährend verleugnet von allem was mir begegnete; die Wagen fuhren durch mich durch, und die welche eilten, machten keinen Umweg um mich und rannten voll Verachtung über mich hin wie über eine schlechte Stelle in der altes Wasser sich gesammelt hat.“1 Mit diesen Worten beschrieb Rainer Maria Rilke den Schock, den er selbst erlitt, als er in die Metropole Paris kam. Eine fremde, bedrängende Stadt, auf dem Höhepunkt der industriellen Verstädterung. Ein Bild der unendlichen Gegensätze, in denen es einem sensiblen Ich nahezu unmöglich ist, sich selbst gegen die Verunsicherungen durch die äußere Wirklichkeit zu behaupten. Rilke nennt hier bereits wesentliche Punkte, die auch in seinem „Malte“ „unsägliche Verwirrung“ hinterlassen: die Entsetzlichkeit dessen, was „Leben heißt“; die Einsamkeit, die er unter der anonymen Masse empfindet, die Rücksichtslosigkeit der „Anderen“ und das Eindringen der unverständlichen Umwelt in das wehrlose „Innere“. Doch es ist nicht nur die Äußere Wirklichkeit, die Malte verstört, sondern auch seine eigene Innerlichkeit „gewährleistet [ihm] keine gesicherten, ungebrochenen Erfahrungen, sondern ist durch Fremdheit und Bedrohung gekennzeichnet.“2 Immer wieder ist er der „Entsetzlichkeit in jedem Bestandteil der Luft“ (MLB S. 79) ausgeliefert. Seine Aufzeichnungen sind ein Versuch der Selbstfestigung, ein Versuch, „unter dem Sichtbaren […] Äquivalente […] für das innen Gesehene“ (MLB S. 89) zu finden und so die sich ihm offenbarende Realität zu bewältigen.
„Dass ich es nicht lassen kann, bei offenem Fenster zu schlafen. Elektrische Bahnen rasen läutend durch meine Stube. Automobile gehen über mich hin. Eine Tür fällt zu. Irgendwo klirrt eine Scheibe herunter, ich höre ihre großen Scherben lachen, die kleinen Splitter kichern. Dann plötzlich dumpfer, eingeschlossener Lärm von der anderen Seite, innen im Hause. Jemand steigt die Treppe. Kommt, kommt unaufhörlich. Ist da, ist lange da, geht vorbei. Und wieder die Straße. Ein Mädchen kreischt: Ah tais-toi, je ne veux plus. Die Elektrische rennt ganz erregt heran, darüber fort, fort über alles. Jemand ruft. Leute laufen, überholen sich.“ (MLB S. 3)
So beschreibt Malte gleich zu Beginn des Romans die sich überstürzenden Eindrücke der Pariser Gegenwart. Die Dinge dringen durch alle Sinne in Malte ein, vor allem das Gehör und der Geruchssinn sind dem hilflos ausgeliefert, da man sich gegen Gerüche und Geräusche nicht schützen kann, wie gegen Bilder. Maltes Ohren sind dem Lärmen der Stadt hilflos ausgeliefert, er kann sich nicht abgrenzen. Eine „mimetische Wiedergabe großstädtischer Wahrnehmungsgesetze“ und der totalen Reizüberflutung wird sprachlich umgesetzt durch den parataktischen Stil, in dem sich die schnell wechselnden Bilder und Geräusche überstürzen.3 Die äußere Wirklichkeit dringt in Malte ein; aber auch das, was nicht wirklich da ist und das was eigentlich nicht über die Sinne aufnehmbar ist und wird zum Anlass dafür, dass die Wirklichkeit in subjektiver Wahrnehmung zerfällt. Besonders deutlich manifestiert sich das, wenn Malte von Häusern erzählt, die überhaupt nicht mehr da sind. Sie erstehen in seiner subjektiven Wirklichkeit aus der Betrachtung einer Mauer, die „sozusagen nicht die erste Mauer der vorhandenen Häuser (was man doch hätte annehmen müssen), sondern die letzte der früheren“ (MLB S. 48) ist und Malte erschreckend bemerkt: „Das zähe Leben dieser Zimmer hatte sich nicht zertreten lassen. Es war noch da, es hielt sich an den Nägeln, die geblieben waren, es stand auf dem handbreiten Rest der Fußböden, es war unter den Ansätzen der Ecken, wo es noch ein klein wenig Innenraum gab, zusammengekrochen.“ (MLB S. 49) Und aus dem Geruch der Luft um diese Wände herum kann Malte all das Widerliche des Lebens, das in diesem Haus stattgefunden haben könnte herauslesen, vielmehr noch, es drängt sich ihm regelrecht in sein Bewusstsein, bis es schließlich in ihm „zu Hause“ (MLB S. 50) und er vollkommen erschöpft ist. An der Art und Weise, wie diese Szene eingeleitet ist, lässt sich erkennen, dass Maltes Innerlichkeit „nicht nur eine intensivere Erfahrung, sondern auch ein höherer Grad an Wirklichkeit zukommt, als der äußeren Welt.“4 Denn auch wenn es unwirklich erscheinen mag, so betont Malte, „ist es Wahrheit, nichts weggelassen, natürlich auch nichts hinzugetan.“ (MLB S. 47)
Auch die Abwesenheit von Geräuschen nimmt Malte so stark wahr, dass in ihm auch hier gleich ein bedrohliches Bild entsteht. Denn die Stille verschafft ihm nicht Erleichterung, wie zu erwarten wäre, sondern wird gleichgesetzt mit der Stille des Entsetzens und der Angst, mit der Ruhe vor dem Sturm:
„Ich glaube, bei großen Bränden tritt manchmal so ein Augenblick äußerster Spannung ein, die Wasserstrahlen fallen ab, die Feuerwehrleute klettern nicht mehr, niemand rührt sich. Lautlos schiebt sich ein schwarzes Gesimse vor oben, und eine hohe Mauer, hinter welcher das Feuer auffährt, neigt sich, lautlos. Alles steht und wartet mit hochgeschobenen Schultern, die Gesichter über die Augen zusammengezogen, auf den schrecklichen Schlag. So ist hier die Stille.“ (MLB S. 3/4 )
[....]
1 Rilke an Lou Andreas-Salomé, 18.07.1903, In: Materialien zu Rainer Maria Rilke >Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge<, Hartmut Egelhardt (Hg.), Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1974, S. 23
2 Demski, Tanja: Paradigmen der Romantheorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Lukács, Bachtin und Rilke. Würzburg: Königshausen und Neumann 2000, S. 284
3 Da eine ausreichende Analyse den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, dennoch aber sehr interessant ist vgl. hierzu die ausführliche Beschreibung der sprachlichen Mittel in: Freisfeld, Andreas: Das Leiden an der Stadt. Spuren der Verstädterung in dt. Romanen des 20. Jh., Köln; Wien: Böhlau 1982, S.89 - 91
4 Demski, Tanja: Paradigmen der Romantheorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Lukács, Bachtin und Rilke. Würzburg: Königshausen und Neumann 2000, S. 284
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