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Scholarly Research Paper, 2002, 27 Pages
Author: Iris Gorke
Subject: Social Pedagogy / Social Work
Details
Institution/College: Munich University of Applied Sciences (FB Sozialpädagogik)
Tags: Suizid; Selbstmord; Gewalt; Depressionen; Betroffener; Suizidchat; Suizidforen; suizidale Krise; Ringel; Präsuizidales Syndrom; Aggression; Frustration; Todespahantasien;
Year: 2002
Pages: 27
Grade: 1
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-17702-3
File size: 736 KB
Soziale und kulturelle Umwelt des Menschen - Semesterthema: Gewalt. 890 KB
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Excerpt (computer-generated)
Selbstmord - eine Form von Gewalt?
Fachhochschule München
7. Oktober 2002
Iris Gorke
Inhaltsverzeichnis:
1. Klärung des Gewaltbegriffs S. 1
2. Der Selbstmord
2.1 Begriffliche Definition des Selbstmords S. 6
2.2 Der Suizid in der historischen Betrachtung S. 6
2.3 Statistiken S. 7
2.4 Der Zusammenhang vom Depression und Suizid S. 8
2.5 Suizidale Verhaltensweisen S. 9
2.6 Die suizidale Krise S. 10
2.6.1 Erwägungsstadium S. 10
2.6.2 Ambivalenzstadium S. 11
2.6.3 Entschlussstadium S. 11
2.7 Präsuizidales Syndrom S. 12
2.7.1 Einengung S. 12
2.7.2 Aggressionsstau und Umkehr S. 12
2.7.3 Todesphantasien S. 13
2.8 Resümee: Das „Opfer- ein Täter“? S. 13
3. Überprüfung der Erkenntnisse an einem Beispiel und einem Interview S. 15
Anhang
Ein Beispiel
Diskussion mit Kommilitonin
Literaturverzeichnis
1. Klärung des Gewaltbegriffs
Seit den Terroranschlägen vom 11. September ist das Thema der Gewalt global von besonderer Brisanz. Es vergeht kein Tag, an dem nicht in den Medien über Ursachen, Formen und Auswirkungen von Gewalt diskutiert wird. Dachte man bis dahin beim Begriff Gewalt zuerst an physische und psychische Verletzungen durch Prügeleien, Raubüberfälle, gewalttätige Familienväter oder dergleichen, so wird einem spätestens hier –übrigens mit ebenso brachialer Gewalt- vor Augen geführt, wie eng Gewalt an Macht gebunden ist. Die islamischen Extremisten demonstrierten, dass sie fähig sind, auch einen übermächtigen Gegner zu verletzen; dass sie mächtig genug sind, die Weltmacht USA in Angst und Schrecken zu versetzen. So steht im Lexikon: „Gewalt ist eine Form der Ausübung von Macht durch Anwendung von Zwangsmitteln; Gewalt kann sowohl physisch als auch psychisch ausgeübt werden. Gewalt-Verhältnisse tragen zunächst stets einseitigen Charakter, können jedoch Gegengewalt provozieren.“ 1
Gewalttätigkeit kann also als Möglichkeit zu Machtdemonstration, Machterringung oder Erhaltung der Macht betrachtet werden. Erweitert man seinen Blickwinkel, ist Gewalt aber um vieles facettenreicher. Johann Galtung definiert das Vorliegen von Gewalt, „wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist, als ihre potentielle Verwirklichung.“2
Hier wird nun auch die sogenannte „strukturelle Gewalt“ mit einbezogen. Wenn Gewalt dort beginnt, wo der Mensch in seinen Handlungs- und Entwicklungsspielräumen bzw. Chancen eingeschränkt ist, dann bilden Gesetze und Regeln, Moral, aber auch Religion die Mittelvarianten der strukturellen Gewalt. Staat, Gesellschaft, Kultur und Religion üben strukturelle Gewalt über das Individuum aus, wenn sie, völlig legal, den Einzelnen durch Vorschriften in seinen Möglichkeiten einschränken. Die Gewalt wird gesetzlich. Politische Entscheidungen, die den Einzelnen empfindlich verletzen können, entstehen in einer Demokratie aus Mehrheitsentscheidungen. Die Mehrheit besitzt gestalterische Macht, was aber ist mit der Minderheit? Sie kann Opfer struktureller Gewalt werden. Obdachlose beispielsweise sind oft eine Zielscheibe struktureller Gewalt. Mit dem Instrument von Sondernutzungssatzungen werden sie von öffentlichen Plätzen, aus Einkaufspassagen oder Bahnhöfen vertrieben. Die Gewalt ist auch in diesem Fall durch Satzungen legitimiert. Letztlich werden nicht die Probleme aus der Welt geschafft, sondern nur ein passantenfreundliches Bild konstruiert, das von Randgruppen „gesäubert“ ist und das Gefühl einer sicheren Innenstadt vermittelt.
Die Formen der Gewalt sind psychischer, physischer und/oder struktureller Natur mit dem Ziel der Machterringung oder Machterhaltung und der damit verbundenen Sicherung von Privilegien. Die Mittel nicht immer direkt, sondern auch indirekt, wie bei der strukturellen Gewalt. Soziale Ungleichheiten können aber nicht nur Folgen von struktureller Gewalt sein, wie sie sich ebenso in ungleicher Verteilung von Rechten, Besitz, Verdienstmöglichkeiten und Bildungschancen zeigt, sondern auch Ursache für psychische und/oder physische Gewalt.
Jeder Gewalt liegt Aggression zugrunde. Von besonderer Bedeutung sind hier Frustrationen, die häufig aggressives Verhalten auslösen können. Eine schlechte sozioökonomische Situation, überhaupt die Umwelt, wie Familie, Schule und Beruf, aber auch die Medien werden ebenso als Ursache für Frustration und Aggression diskutiert, wie individuelle Voraussetzungen. Darunter sind das Geschlecht, die Fähigkeit zur richtigen oder falschen Wahrnehmung in sozialen Situationen und das moralische und geistige Entwicklungsniveau zu verstehen. Habe ich oft die Ausübung von Gewalt an einem Modell als erfolgreiches Verhalten beobachtet, so ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass ich dieses Verhalten nachahmen werde. Möglicherweise werde ich dann noch für mein gewalttätiges Verhalten belohnt, indem ich einerseits meinen Frustgefühlen einen „Blitzableiter“ verschaffe und darüber hinaus Anerkennung durch Andere erfahre.
Schon Freud entwickelte die Triebtheorie, auf der die Frustrations-Aggressions-Hypothese basiert, auf die ich im zweiten Teil genauer eingehen werde. Dabei wird aber nicht jede Aggression zur Gewalt. Sie ist die Bereitschaft, das Potential zur Gewalt, aber noch nicht die gewalttätige Handlung. Nach Janke „ist die Aggression die beabsichtigte oder tatsächliche Zufügung von Reizen, die einem anderen Subjekt oder Objekt Schaden oder Schmerzen zufügen. In der neueren Psychologie wird der Aspekt der Beabsichtigung, also die Intention, als entscheidendes Merkmal für die Definition von Aggression gesehen.“3
[....]
1 Bertelsmann Lexikon; Psychologie; Gütersloh 1995; Stichwort Gewalt
2 Borg-Laufs, Michael; Aggressives Verhalten; Tübingen 1997; S. 19
3 Bronisch, Thomas; Der Suizid; München 1995; S. 40
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