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Das mehrstimmige Virelai Guillaume de Machauts

Subtitle: "Mors sui, se je ne vous voy" im Kontext früherer Traditionen vom höfischen Minnesang bis Adam de la Halle

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 30 Pages
Author: Wolfgang Schultz
Subject: Musicology

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 30
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 26  Entries
Language: German
Archive No.: V116433
ISBN (E-book): 978-3-640-18618-1

File size: 192 KB

Abstract

Die um Objektivität bemühte Beurteilung von Kunst jeder Art stellt uns insbesondere dann vor Probleme, wenn der gesellschaftliche Kontext, dem sie entstammt, nicht oder nur bruchstückhaft bekannt ist. Dies trifft auf das spätmittelalterliche Chanson Guillaume de Machauts zu. Zwar haben die Deutungsversuche der Funktionen höfischer Dichtung im Lauf der Forschungsgeschichte durchaus an Plausibilität gewinnen können; doch würde niemand so weit gehen wollen zu behaupten, sicheres Wissen um diese Dinge zu haben, zumal sich nicht abstreiten lässt, dass die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst sich mit zunehmendem Alter der jeweiligen Gattung ohne weiteres verändern kann. Der höfische Minnesang aber, dessen Themen auch die Liedtexte Machauts dominieren, ist alt zu Lebzeiten des Dichter-Komponisten. Nicht zuletzt wird eine Untersuchung dadurch erschwert, dass große Teile der Traditionen, die dem Schaffen Machauts zugrunde liegen, nicht oder nicht auf eine an Präzision vergleichbare Weise schriftlich fixiert wurden, wie etwa weite Teile des Repertoires der Trobadors oder Trouvères nicht oder nur bruchstückhaft überliefert sind, oder gar überhaupt nicht erst fassbar sind und niemals fassbar sein werden, so zum Beispiel die musikalische und – wenn überhaupt praktiziert – theatralische Aufführungspraxis dieses Repertoires. Ebenso verhält es sich mit dem Gattungsbegriff 'Virelai'. Die formes fixes, die zur Zeit Machauts die Grundlage der Liedkomposition bilden, liegen zu Beginn des 14. Jahrhunderts noch weitgehend im Obskuren . So werden beispielsweise jene Stücke des Jehannot de l'Escurel, welche unserer heutigen Auffassung eines mustergültigen Virelais am nächsten kommen, vom Komponisten selbst offenbar zu den Balladen gezählt . Gerade deswegen ist es wichtig, sich immer wieder von neuem seiner Wissensgrundlage zu versichern. Daher soll die Untersuchung eines zweistimmigen Virelais Guillaume de Machauts – Mors sui, se je ne vous voy – in einen größeren literatur- und musikgeschichtlichen Kontext gestellt werden, um dessen spezifische Eigenheiten greifbarer werden zu lassen. Zu diesem Kontext gehören die Tradition der Trobadors und Trouvères ebenso wie die ersten polyphonen Chansonvertonungen, so etwa das unter dem Namen des Adam de la Halle tradierte dreistimmige Rondeau Fines amouretes ai, weswegen auch dieses im Folgenden seine Berücksichtigung finden soll.


Excerpt (computer-generated)

Das mehrstimmige Virelai Guillaume de
Machauts

Mors sui, se je ne vous voy im Kontext früherer Traditionen vom höfischen
Minnesang bis Adam de la Halle

Ein Essay von Wolfgang Schultz
30.9.2008

 


Inhalt

I.
Hinführung 1
II. Hauptteil:
1. Machaut und die Tradition der Trouvères
a) Trobador- und Trouvère-Legenden als Identifikationspunkt Machauts? 3
b) Die mittelalterliche Dichtkunst ­ eine Lyrik des kollektiven Erlebens  5
2. Das höfische Chanson zur Zeit Guillaume de Machauts
a) Die formes fixes als Mittelpunkt spätmittelalterlicher Liedkunst  8
b) Die Gattung des Virelais bei Machaut 10
3. Zu Fines amouretes ai von Adam de la Halle 12
4. Zu Machauts Mors sui, se je ne vous voy 17
III. Schluss 25
IV. Literaturverzeichnis  26

II

 


Hinführung

Die um Objektivität bemühte Beurteilung von Kunst jeder Art stellt uns insbesondere dann vor Probleme, wenn der gesellschaftliche Kontext, dem sie entstammt, nicht oder nur bruchstückhaft bekannt ist. Dies trifft auf das spätmittelalterliche Chanson Guillaume de Machauts zu. Zwar haben die Deutungsversuche der Funktionen höfischer Dichtung im Lauf der Forschungsgeschichte durchaus an Plausibilität gewinnen können; doch würde niemand so weit gehen wollen zu behaupten, sicheres Wissen um diese Dinge zu haben, zumal sich nicht abstreiten lässt, dass die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst sich mit zunehmendem Alter der jeweiligen Gattung ohne weiteres verändern kann. Der höfische Minnesang aber, dessen Themen auch die Liedtexte Machauts dominieren, ist alt zu Lebzeiten des Dichter-Komponisten.

Nicht zuletzt wird eine Untersuchung dadurch erschwert, dass große Teile der Traditionen, die dem Schaffen Machauts zugrunde liegen, nicht oder nicht auf eine an Präzision vergleichbare Weise1 schriftlich fixiert wurden, wie etwa weite Teile des Repertoires der Trobadors oder Trouvères nicht oder nur bruchstückhaft überliefert sind, oder gar überhaupt nicht erst fassbar sind und niemals fassbar sein werden, so zum Beispiel die musikalische und ­ wenn überhaupt praktiziert ­ theatralische Aufführungspraxis dieses Repertoires. Ebenso verhält es sich mit dem Gattungsbegriff ′Virelai′. Die formes fixes, die zur Zeit Machauts die Grundlage der Liedkomposition bilden, liegen zu Beginn des 14. Jahrhunderts noch weitgehend im Obskuren2. So werden beispielsweise jene Stücke des Jehannot de l′Escurel, welche unserer heutigen Auffassung eines mustergültigen Virelais am nächsten kommen, vom Komponisten selbst offenbar zu den Balladen gezählt3.

Gerade deswegen ist es wichtig, sich immer wieder von neuem seiner Wissensgrundlage zu versichern. Daher soll die Untersuchung eines zweistimmigen

1 Die Mensuralnotation findet erst im Lauf der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts Verbreitung. Vgl. Apel, Willi: Die Notation der polyphonen Musik. 900-1600. Wiesbaden 1970. S. 018. Im Folgenden zitiert als ′Apel′.
2 Vgl. Arlt, Wulf: Aspekte der Chronologie und des Stilwandels im französischen Lied des 14. Jahrhunderts. In: Oesch, Hans/Arlt, Wulf (Hrsg.): Aktuelle Fragen der musikbezogenen Mittelalterforschung. Texte zu einem Basler Kolloquium des Jahres 1975. Winterthur 1982 (= Forum Musicologicum, Bd. 3). S. 198f. Im Folgenden zitiert als ′Arlt′.
3 Vgl. Lühmann, Rose: Versdeklamation bei Guillaume de Machaut. München 1978. S. 46. Im Folgenden zitiert als ′Lühmann′.

1

 


Virelais Guillaume de Machauts ­ Mors sui, se je ne vous voy ­ in einen größeren literatur- und musikgeschichtlichen Kontext gestellt werden, um dessen spezifische Eigenheiten greifbarer werden zu lassen. Zu diesem Kontext gehören die Tradition der Trobadors und Trouvères ebenso wie die ersten polyphonen Chansonvertonungen, so etwa das unter dem Namen des Adam de la Halle tradierte dreistimmige Rondeau Fines amouretes ai, weswegen auch dieses im Folgenden seine Berücksichtigung finden soll.

Als Quellen für das Virelai Machauts dient die Edition von Friedrich Ludwig unter Abgleichung mit der in Handschrift E überlieferten Fassung, für Adams Stück die mensurale Abschrift und Übertragung von Edmond de Coussemaker. Wenn ich im Folgenden von ′dem Chanson′ spreche, so ist nicht die Gattung der Kanzone ­ die chanson ­ gemeint, sondern die zu Machauts Zeiten bereits übliche, allgemeinere Bezeichnung für ein Stück in Liedform. Des Weiteren folge ich bei der Verwendung von ′Machaut′ in der Weise eines modernen Nachnamens seinem Schüler Eustache Deschamps, der dies bereits in seiner Ballade A dame Péronne, après la mort de Machault tut4.

4 S. Ludwig, Friedrich (Hrsg.): Guillaume de Machaut. Musikalische Werke. Erster Band. Balladen, Rondeaux und Virelais. Wiesbaden 1968. S. 49f. Im Folgenden zitiert als ′Ludwig′. Vgl. a. Brownlee, Kevin: Poetic Identity in Guillaume de Machaut. Wisconsin 1984. S. 7. Im Folgenden zitiert als ′Brownlee′.

2

 


Hauptteil
1. Machaut und die Tradition der Trouvères

a) Trobador- und Trouvère-Legenden als Identifikationspunkt Machauts?

Wenn Guillaume de Machauts Chansons vielerorts in die Nähe der Trouvère-Kunst gerückt werden5, John Haines die bisweilen heute noch auftretende Einschätzung, er wäre selbst einer gewesen, als Irrtum in der langen Rezeptionsgeschichte dieses Repertoires lokalisiert6 und stattdessen den mehr als 60 Jahre früher geborenen7 Adam de la Halle als letzten großen Vertreter dieses Künstlertypus′ vorstellt8 ­ was ebenfalls mit vollem Recht angezweifelt werden darf9 ­, so lässt sich doch eines mit relativer Sicherheit feststellen: Obwohl Machaut im Kontext der von Phillipe de Vitry proklamierten Ars nova Wege beschreitet, die ihn tatsächlich und im eigentlichen Sinn des Wortes zu einem Repräsentanten einer ′neuen Kunst′ werden lassen, bleibt dennoch die Bindung gerade auch seiner poetischen Lieddichtungen an die Traditionen der Trouvère-Dichtung unbestreitbar. Daher ist es notwendig, im Folgenden einige Worte über die Hintergründe ebendieser Traditionen und ihrer frühen Rezeption zu verlieren.

Der große zeitliche Abstand der uns von Hoch- und Spätmittelalter trennt, mag allzu oft dazu verleiten, stärker zu generalisieren und nivellierend zusammenzufassen, als es eigentlich angebracht wäre. Man muss sich jedoch klar vor Augen halten, dass die Kunst der Trobadors und Trouvères ihre Blüte bereits im späten 12. bzw. frühen 13. Jahrhunderts erreicht hat und zur Zeit Machauts niemand ihrer Urheber mehr unter den Lebenden weilt. Machaut ist Rezipient, keineswegs jedoch Vertreter dieser Kunst, auch wenn er in vielerlei Hinsicht an ihre Tradition (oder das, was man sich zu seinen Lebzeiten darunter vorstellt) anknüpft. Im Bereich der schriftlichen Fixierung von Musik etwa liegen zwischen dem Repertoires des späten 12. Jahrhunderts und dem des 14. Jahrhunderts Welten ­ eine Tatsache, die nicht erst für

5 Vgl. etwa Lühmann, S. 50-56.
6 Haines, John: Eight Centuries of Troubadours and Trouvères. The Changing Identity of Medieval Music. Cambridge 2004. S. 93. Im Folgenden zitiert als ′Haines′.
7 Tatsächlich geht man von einem Geburtsdatum irgendwo zwischen 1220 und 1240 aus. S. Barth-Wehrenalp, Renate: Studien zu Adan de le Hale. Tutzing 1982 (= Wiener Veröffentlichungen zur Musikwissenschaft, Bd. 18). S. 45. Im Folgenden zitiert als ′Barth-Wehrenalp′.
8 Haines, S. 13.
9 Vgl. Barth-Wehrenalp, S. 67f.

3

 


Machauts Zeitgenossen Spielraum für allerlei unterschiedliche rhythmische Interpretationen gegeben hat10.

Das verbreitete Klischee der in der langue d′o l dichtenden Trouvères als bloße Nachahmer der okzitanischen Trobador-Lyrik ist so nicht zu halten: So ist die

Vielfalt, vor allem im Bereich jener Gattungen, die nicht der höfischen Dichtung angehören, im Repertoire der Trouvères deutlich größer als es aus dem uns überlieferten Liedgut okzitanischen Ursprungs zu ersehen wäre11. Zudem ist nicht auszuschließen, dass innerhalb dieser Vielfalt an Formen auf nicht schriftlich fixierte Traditionen zurückgegriffen wird, die der Entstehung des südfranzösischen Minnesangs noch vorausgehen12. Ebenso wenig darf vergessen werden, dass sich im Nordfrankreich des 13. Jahrhunderts zahlreiche politische und soziale Umwälzungen, wie Wachstum und wirtschaftlicher Aufschwung der Städte13, vollziehen, dass die langsam beginnende Ablösung des teureren Pergaments durch das kostengünstigere Papier Sprachwandel und Veränderung der Schriftkultur initiieren, und somit auf vielerlei Ebenen die Voraussetzungen für die Entwicklung eines neuen literarischen Verständnisses entstehen, die über den Roman de la rose schließlich zu Machauts neuartiger poetischer Ich-Konzeption führen, wie wir sie etwa in seinem Livre du voir-dit finden14.

Eine solchermaßen geartete Progressivität findet sich in seinen Chanson-Texten selbst nicht; doch sind einige dieser Lieder eingebettet in den Kontext jenes komplizierten Spiels zwischen Fiktion und autobiographischer Erzählung, die im Voir-Dit ihren Höhepunkt erreicht und nicht ganz zu Unrecht von Kevin Brownlee in die Nähe der vidas gerückt werden15, die in den Anthologien des späten 13. Jahrhunderts als Biographien der dort gesammelten Trobadors fungieren, in vielen Fällen jedoch mit fortschreitender zeitlicher Distanz zunehmend fiktionalisiert und dramatisiert werden16. Machaut aber würde aus dieser Perspektive seine vida selbst

10 Vgl. Haines, S. 7f.
11 Zink, Michel: Die Dichtung der Trouvères. In: Janik, Dieter (Hrsg.): Die französische Lyrik. Darmstadt 1987 (= Grundriß der Literaturgeschichten nach Gattungen). S. 63. Im Folgenden zitiert als ′Zink′. Allerdings muss hier angemerkt werden, dass die Zahl der überlieferten Trouvère-Dichtungen die der erhalten gebliebenen Chansons der Trobadors bei weitem übersteigt. Vgl. Haines, S. 23. Und: Köhler, Erich: Mittelalter II. http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/2657/pdf/Mittelalter_2_Ueberarbeitung.pdf (= Vorlesungen zur Geschichte der französischen Literatur, Bd. 1-2). S. 10. Im Folgenden zitiert als ′Köhler′. Die Repräsentativität der zum heutigen Zeitpunkt vorliegenden Zeugnisse darf also bezweifelt werden.
12 Zink, S. 63.
13 Vgl. Barth-Wehrenalp, S. 52.Und: Zink, S.64.
14 In groben Zügen dargelegt im einleitenden Kapitel Brownlees. Vgl. a. Tietz, Manfred: Die französische Lyrik des 14. und 15. Jahrhunderts. In: Janik, Dieter (Hrsg.): Die französische Lyrik. Darmstadt 1987 (= Grundriß der Literaturgeschichten nach Gattungen). S. 124f. Im Folgenden zitiert als ′Tietz′.
15 Brownlee, S. 94.
16 Haines, S. 33ff. Und: Ringger, Kurt: Die Trobadorlyrik im Spiegel der poetischen Gattungen. In:

4

 



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