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Anti-Antisemitismus auf dem Prüfstand

Untertitel: Neue Studien über das Verhältnis von Sozialismus und Liberalismus zu Antisemitismus und Judentum
Autor: Thomas Gräfe
Fach: Geschichte - Sonstiges

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Details

Institution/Hochschule: Universität Bielefeld
Tags: Anti-Antisemitismus, Prüfstand
Kategorie: Rezension / Literaturbericht
Jahr: 2008
Seiten: 15
Literaturverzeichnis: ~ 10  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 145 KB
Archivnummer: V116691
ISBN (E-Book): 978-3-640-18483-5

Zusammenfassung / Abstract

Sozialismus und Liberalismus gelten gemeinhin als zivilgesellschaftliche Gegenkräfte zum Antisemitismus, der seit dem späten 19. Jahrhundert in der deutschen Gesellschaft zunehmend Fuß fasste. Die Antisemitismusforschung hat jedoch aufgedeckt, dass auch auf der linken Seite des politischen Spektrums judenfeindliche Stereotype kultiviert und ideologisch verzerrte Judenbilder gepflegt wurden. Unterschieden sich Antisemiten und Anti- Antisemiten letztendlich gar nicht in ihrer Einstellung gegenüber den Juden, sondern nur in ihren Lösungsvorschlägen der „Judenfrage“? Waren die Vorurteile von Sozialisten und Liberalen gegenüber Juden Zugeständnisse an einen gesamtgesellschaftlichen Antisemitismus, oder handelte es sich um hausgemachte Phänomene? Diesen Fragen soll an Hand der Studien von Lars Fischer zur SPD und von Auguste Zeiß- Horbach zum Verein zur Abwehr des Antisemitismus nachgegangen werden.

Textauszug (computergeneriert)

Thomas Gräfe

Anti- Antisemitismus auf dem Prüfstand

Neue Studien über das Verhältnis von Sozialismus und Liberalismus zu Antisemitismus

und Judentum

Anmerkungen zu: Lars Fischer, The Socialist Response to Antisemitism in Imperial Germany, Cambridge 2007 und Auguste

Zeiß- Horbach, Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Zum Verhältnis von Protestantismus und Judentum im

Kaiserreich und in der Weimarer Republik, Leipzig 2008.

Nach der Etablierung des modernen Antisemitismus auf dem politischen Massenmarkt,

setzten ­ mit leichter Verzögerung ­ in den 1890er Jahren auch zivilgesellschaftliche

Bemühungen um seine Abwehr ein. Seit der nationalsozialistischen Machtergreifung ist die

Abwehr des Antisemitismus in Deutschland mit dem Nimbus des Scheiterns behaftet und

wird daher von der Geschichtsschreibung nach 1945 naturgemäß kritischer beurteilt als von

den Zeitgenossen selbst. Der Umgang mit dieser perspektivischen Verzerrung ist allerdings

sehr unterschiedlich. Einige Historiker nutzen sie zu moralisierenden ex- post- Urteilen, die

die Grenzen zwischen Antisemiten und Anti- Antisemiten verschwimmen lassen. Andere

behalten die grundsätzliche Unterscheidung zwischen Antisemiten und Anti- Antisemiten bei,

nutzen aber die feineren Sensoren der Nach- Holocaust- Perspektive, um Ambivalenzen und

Widersprüchlichkeiten in den Argumentationsweisen der Gegner des Antisemitismus zu

entdecken, die ihre Position gegenüber dem Antisemitismus schwächten. Dies beginnt bereits

bei begriffsgeschichtlichen Fragen. Die Wahl von "Philosemitismus" als Antonym zu

Antisemitismus ist gleich in dreifacher Hinsicht problematisch. Erstens handelt es sich um

eine Prägung der Antisemiten, die darunter eine unkritische Verteidigung der Juden aus

unbedingter Sympathie verstanden. Dies zielte nicht nur auf eine Denunziation der Gegner

des Antisemitismus ab, sondern verdunkelte ihre tatsächliche Motivlage, die allzu häufig eine

Solidarisierung mit den angegriffenen Juden gerade nicht beinhaltete. Zweitens bezeichnet

Philosemitismus aus religionsgeschichtlicher Perspektive eine positive Einstellung zum

jüdischen Erbe innerhalb des Christentums. Dieser eingeschränkte Begriffsgebrauch erfasst

nur die bürgerlich- kulturprotestantischen Gegner des Antisemitismus, nicht hingegen das

sozialistische Lager, in dem religiöse Einstellungen keine Rolle spielten. Drittens geht der

Philosemitismusbegriff ausschließlich von einer Haltung der Nichtjuden gegenüber den Juden

aus und ignoriert, dass in der gesellschaftlichen Praxis Juden und Nichtjuden bei der Abwehr

des Antisemitismus interagierten, auch wenn man nur in Einzelfällen von einer gelungenen

1


Kooperation ausgehen kann.1 Aus diesen Gründen soll hier von Anti- Antisemitismus oder

Abwehr des Antisemitismus gesprochen werden. Philosemitismus findet dagegen nur als

Quellenbegriff Verwendung, dessen hochproblematischer Gebrauch durch die Zeitgenossen

stets mitzudenken ist.

Ein Blick in die Historiographiegeschichte zeigt, dass sich die Beurteilung der Abwehr des

Antisemitismus durch jüdische Selbstorganisation einerseits und durch überwiegend

nichtjüdische Organisationen andererseits auseinander entwickelt hat. Nach dem Zweitem

Weltkrieg kritisierten zionistische Historiker die jüdische Selbstorganisation in Deutschland

seit den 1890er Jahren als zu zögerlich, zu assimilationsorientiert und zu erfolglos im Kampf

gegen den Antisemitismus.2 Heute erscheint vor allem die These von der bedingungslosen

Assimilation nicht mehr haltbar. Auch der C.V. war um die Stärkung jüdischer Identität

bemüht und blieb nicht auf der Stufe einer reinen Abwehrorganisation stehen. Die Ideologie

vom "deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens" war aus der damaligen Perspektive weder

zum Scheitern verurteilt, noch mit einer kulturell- religiösen Selbstverleugnung verbunden.

Ebenso hat die Rechtsschutzarbeit des C.V. in jüngsten Studien eine positive Neubewertung

erfahren.3 Der nichtjüdischen Abwehr des Antisemitismus hat die Forschung dagegen in drei

Etappen ein zunehmend schlechteres Zeugnis ausgestellt: Zunächst ging man von einer klaren

Frontstellung zwischen Antisemitismus und Anti- Antisemitismus aus. Linksliberale und

Sozialdemokraten seien gegenüber antisemitischem Gedankengut immun gewesen. Zumeist

wurde dies allerdings nur indirekt aus der Tatsache abgeleitet, dass antisemitische

Organisationen Liberalismus und Sozialismus bekämpften und sie als "jüdische Erfindungen"

abqualifizierten. Seit den 1970er Jahren ist diese klare Frontstellung immer mehr in Zweifel

gezogen worden. Der Gegnerschaft zum Antisemitismus lagen weniger hehre Überzeugungen

zugrunde, als vielmehr ideologische, politische und taktische Erwägungen, während man

bemüht war, jeden Anschein von Philosemitismus zu vermeiden. Einzelne judenfeindliche

Stereotype waren ganz offensichtlich auch auf der linken Seite des politischen Spektrums

verbreitet. Mittlerweile sind einige jüngere Historiker gar dazu übergegangen, von einer

1 Vgl. Michael Brenner, "Gott schütze uns vor unseren Freunden". Zur Ambivalenz des Philosemitismus im

Kaiserreich, in: JfA 2 (1993), S. 174-199; Ders., Philosemitismus, in: RGG 6 (2003), Sp. 1289f.

2 Vgl. Ismar Schorsch, Jewish Reactions to German Anti- Semitism 1870- 1914, New York 1972; Jehuda

Reinharz, Fatherland or Promised Land. The Dilemma of the German Jew 1893- 1914, Ann Arbor 1975.

3 Gegen die These der Passivität: Jacob Borut, The Rise of Jewish Defence Agitation in Germany 1890- 1895. A

pre- history of the C.V.? in: LBIYB 36 (1991), S. 59-96. Gegen die These der Selbstverleugnung: Evyatar

Friesel, From self-defense to self-affirmation. The transformation of the German- Jewish Centralverein, in:

Hoffmann/ Jeggle/ Johler (Hg.), Die kulturelle Seite des Antisemitismus, S. 277-290. Gegen die These der

Erfolglosigkeit: Inabel Steinitz, Der Kampf jüdischer Anwälte gegen den Antisemitismus. Die strafrechtliche

Rechtsschutzarbeit des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Berlin 2008.

2


gesellschaftlichen Isolation des Judentums auszugehen. Antisemiten und Anti- Antisemiten

hätten eine gesamtgesellschaftliche judenfeindliche Mentalität geteilt und aus ihr lediglich

unterschiedliche Schlüsse gezogen.4

Ein wichtiger Grund für die Neigung zu immer kritischeren Bewertungen ist in der

Erweiterung des Gegenstandsbereichs der Antisemitismusforschung zu sehen. In der heutigen

Forschung wird Antisemitismus nicht mehr ausschließlich als Ideologie oder politische

Bewegung, sondern als gesellschaftliches Phänomen aufgefasst. Der enge Fokus auf

Parteiantisemitismus, völkische Bewegung und Nationalsozialismus ist der Untersuchung

judenfeindlicher Stereotype in gesellschaftlichen Gruppen, Parteien, Vereinen, Verbänden,

Kirchen usw. gewichen. So ist man auch dort fündig geworden, wo man Antisemitismus nicht

vermutete, z.B. in der deutschen Frauenbewegung.5 Der spektakulärste Fall eines

Paradigmenwechsels hat sich jedoch in der Historiographie zum katholischen Sozialmilieu

abgespielt. In der von Olaf Blaschke und Urs Altermatt angestoßenen Debatte geht es

mittlerweile nicht mehr um eine katholische Abwehrhaltung oder Immunität gegenüber dem

modernen Antisemitismus, sondern um die Frage, in welchem Ausmaß das katholische Milieu

selbst antisemitisch geprägt war.6

Auch die SPD, deren Anti- Antisemitismus man noch bis in die 1970er Jahre für eine absolute

Selbstverständlichkeit hielt7, ist in den letzten 30 Jahren immer wieder historisch- kritisch

unter die Lupe genommen worden. Spätestens seit den Arbeiten von Rosmarie Leuschen-

Seppel (zu Deutschland) und Robert Wistrich (zu Österreich- Ungarn) kann man der

Sozialdemokratie zumindest für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg keine blütenweiße Weste

mehr bescheinigen. Zwar bekämpfte die Partei den politischen Antisemitismus, war aber im

Inneren alles andere als vorurteilsfrei. Judenfeindliche Stereotype traten vor allem im

Zusammenhang mit innerparteilichen Flügelkämpfen und der Frontstellung zu Kapitalismus

und bürgerlichem Liberalismus auf. In der Ausbreitung des modernen Antisemitismus in

Politik und Gesellschaft erkannten die Genossen zunächst keine ernsthafte Bedrohung. Aus

der Perspektive des historischen Materialismus und revolutionären Attentismus ließ sich der

Antisemitismus leicht als Übergangserscheinung abtun. In der sozialistischen

4 Als Überblick: Christoph Nonn, Antisemitismus, Darmstadt 2008, S. 58-66.

5 Vgl. Heidemarie Wawrzyn, Vaterland statt Menschenrecht. Formen der Judenfeindschaft in den

Frauenbewegungen des Deutschen Kaiserreichs, Marburg 1999; Susanne Omran, Frauenbewegung und

"Judenfrage". Diskurse um Rasse und Geschlecht nach 1900, Frankfurt a.M. 2000; Stefanie Braukmann, Die

"jüdische Frage" in der sozialistischen Frauenbewegung 1890- 1914, Frankfurt a.M. 2007.

6 Vgl. Olaf Blaschke, Katholizismus und Antisemitismus im deutschen Kaiserreich, Göttingen 1997; Urs

Altermatt, Katholizismus und Antisemitismus. Mentalitäten, Kontinuitäten, Ambivalenzen. Zur Kulturgeschichte

der Schweiz 1918- 1945, Wien 1999; Gisela Fleckenstein/ Christian Schmidtmann, Katholischer Antisemitismus

im internationalen Vergleich, in: ZfG 49 (2001), S. 244-247.

7 Vgl. z.B. Shulamit Volkov, The Immunization of Social Democracy against Anti-Semitism in Imperial

Germany, in: Grab (Hg.), Juden und jüdische Aspekte in der deutschen Arbeiterbewegung, S. 63-83.

3


Zukunftsgesellschaft werde sowohl die Sonderexistenz des Judentums als auch die

Judenfeindlichkeit verschwinden. Kurzfristig könne man sogar von der antikapitalistischen

Rhetorik der Antisemiten profitieren, da sie bislang unzugängliche gesellschaftliche Gruppen

für sozialistische Ideen vorbereite. Im Vielvölkerstaat Österreich- Ungarn entfaltete zudem

noch die komplexe Gemengelage von Klasse und Ethnizität eine entimmunisierende Wirkung.

Insgesamt sei die Haltung der Sozialdemokraten in der "Judenfrage" als ambivalent zu

bezeichnen, da trotz einer klaren Ablehnung des bürgerlichen und kleinbürgerlichen

Antisemitismus eigene judenfeindliche Vorurteile bestehen blieben.8

Eine neue Studie von Lars Fischer zum Verhältnis von Sozialdemokratie und Antisemitismus

im Deutschen Kaiserreich stellt nun diesen Forschungskonsens in Frage. Fischer behauptet,

die SPD habe selbst in ihrer Bekämpfung des Antisemitismus antisemitische Grundannahmen

geteilt und kommt zu dem Schluss:

"Social democrats thus helped maintain and extend an increasingly universal consensus

throughout German society that a significant ,Jewish Question′ existed and they generally

shared in the dream of a future without Jews. (...) To the extent that Social Democrats shared

this dream they also share the responsibility for rendering German society susceptible to Nazi

anti-Semitism and preparing the ideological seedbed from which the Shoa could grow."9

Das sind schwere Vorwürfe, deren Berechtigung sich eigentlich nur mit neuen Quellenfunden

oder einer fundamentalen Reinterpretation des bekannten Quellenmaterials untermauern lässt.

Größtenteils arbeitet der Autor jedoch mit bekannten Quellen, die er zumeist aus der alten

Überblicksdarstellung von Edmund Silberner entnommen hat.10 Fischers spektakuläre

Hauptthesen stützen sich somit ganz wesentlich auf eine neue Hermeneutik, die mit hohen

kritischen und moralischen Ansprüchen daherkommt und vielleicht gerade deshalb häufig in

konstruierte, unhistorische und schlichtweg ungerechte Schlussfolgerungen mündet.

Fischers Anklageschrift gegen die kaiserzeitliche SPD beginnt mit einem Kapitel über den

"Antiphilosemitismus" des Parteihistorikers Franz Mehring (1846- 1919). Mehring bestand

darauf, Antisemitismus und Philosemitismus gleichermaßen zu kritisieren. In der

Verteidigung der Juden durch bürgerliche Politiker und Intellektuelle, wie z.B. im Rahmen

8 Vgl. Rosemarie Leuschen- Seppel, Sozialdemokratie und Antisemitismus im Kaiserreich. Die

Auseinandersetzungen der Partei mit den konservativen und völkischen Strömungen des Antisemitismus 1871-

1914, Bonn 1978; Robert Wistrich, Socialism and the Jews. The Dilemmas of Assimilation in Germany and

Austria- Hungary, London 1982.

9 Fischer, The Socialist Response, S. 228.

10 Vgl. Edmund Silberner, Sozialisten zur Judenfrage. Ein Beitrag zur Geschichte des Sozialismus vom Anfang

des 19. Jahrhunderts bis 1914, Berlin 1962, S. 198-230.

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