Scholary Paper (Seminar), 2002, 20 Pages
Author: Jochen Becker
Subject: Politics - Didactics, Political Education
Details
Institution/College: Justus-Liebig-University Giessen (Institut für Politikwissenschaften)
Tags: Peter, Henkenborg, Proseminar, Didaktische, Theorien, Bildung
Year: 2002
Pages: 20
Grade: 2
Bibliography: ~ 6 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-19405-6
ISBN (Book): 978-3-640-19414-8
File size: 130 KB
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Abstract
„Politische Bildung findet ihre Gründungsidee in einer für demokratische Gesellschaften konstitutiven Aufgabe: Im Politikunterricht sollen Kinder und Jugendliche „Demokratielernen“. (...) Schülerinnen und Schüler sollen durch die Auseinandersetzung mit Schlüsselproblemen der Gegenwart und absehbaren Zukunft lernen, sich urteilend und handelnd mit politischen Fragen auseinander zu setzen.“ Mit diesen Thesen umschreibt Peter Henkenborg seine Vorstellungen der Ziele politischer Bildung in der Schule. In seinem Entwurf über Werte und kategoriale Schlüsselfragen im Politikunterricht sieht er Mündigkeit, Autonomie und Identität“ sowie erforderliche „Formen der Integrität - z.B. Prinzipien und Regeln der Achtung, Gerechtigkeit, Fürsorge oder Solidarität - und expressiver Gemeinschaft - z.B. Übereinstimmungen in Wertvorstellungen (...) als eine grundlegende pädagogische Aufgabe politischer Bildung." Seine zentrale Aufgabenstellung dabei lautet, wie Werte in der Werterziehung im Politikunterricht lehrbar sind. Wie soll ein Unterricht gestaltet sein, der nicht reine Wissensvermittlung in der Vordergrund stellt, sondern das Ziel, den Schüler als mündiges, verantwortungsvolles, aber selbständig denkendes Wesen zu erziehen? Ist es überhaupt möglich, eine Lernumgebung so zu gestalten, dass Schüler solche für das Leben in demokratischen Gesellschaften notwendigen Tugenden in der Schule erlernen? Im Folgenden möchte ich aufgrund der Ausführungen von Peter Henkenborg der Lösung dieser Problemstellungen näher kommen. Dabei werden seine Methoden der kategorialen Bildung und des Deutungslernens, welche nach Henkenborgs Meinung für die Entwicklung kognitiver Anerkennung im Politikunterricht unbedingt von Nöten sind, eine wichtige Rolle spielen. Im Vergleich dazu gehe ich an manchen Stellen auf Bernhard Sutor ein, der sich mit ähnlicher Problematik auseinandergesetzt hat.
Excerpt (computer-generated)
Justus-Liebig-Universität Gießen
Fachbereich 03 - Gesellschaftswissenschaften
Institut für Politikwissenschaft
SS 2002
Hausarbeit
DR. Peter Henkenborg
Proseminar: Didaktische Theorien zur politischen Bildung
Verfasser: Jochen Becker, L3 (Sozialkunde, Latein)
Oktober 2002
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung: 3
2
Was sollte beim Demokratie-Lernen in der Schule beachtet werden? 3
3
Unterrichtsinhalte: 6
3.1
Das Lernzielraster: 6
3.2
Die henkenborgische Methode: Kategoriale Bildung und Deutungslernen 9
3.2.1
Dimension der Politikbezogenheit auf die eigene Situation 10
3.2.2
Dimension: Was ist? 11
3.2.3
Dimension: Was ist möglich? Welche Lösungen sind durchsetzbar? 11
3.2.4
Dimension Konsequenzen: 12
3.2.5
Dimension der Entscheidung: Was soll sein? 12
4
Kategoriale Schlüsselfragen und ihre Funktionen für die Werteerziehung 13
5
Fazit und Anhang: 15
6
Literaturverzeichnis: 17
2
1 Einleitung:
,,
Politische Bildung findet ihre Gründungsidee in einer für demokratische Gesellschaften
konstitutiven
Aufgabe:
Im
Politikunterricht
sollen
Kinder
und
Jugendliche
,,Demokratielernen". (...) Schülerinnen und Schüler sollen durch die Auseinandersetzung mit
Schlüsselproblemen der Gegenwart und absehbaren Zukunft lernen, sich urteilend und
handelnd mit politischen Fragen auseinander zu setzen."1
Mit diesen Thesen umschreibt Peter Henkenborg seine Vorstellungen der Ziele politischer
Bildung in der Schule. In seinem Entwurf über Werte und kategoriale Schlüsselfragen im
Politikunterricht sieht er
Mündigkeit, Autonomie und Identität
" sowie erforderliche ,,
Formen
der Integrität - z.B. Prinzipien und Regeln der Achtung, Gerechtigkeit, Fürsorge oder
Solidarität - und expressiver Gemeinschaft - z.B. Übereinstimmungen in Wertvorstellungen
(...) als eine grundlegende pädagogische Aufgabe politischer Bildung
.
"
2 Seine zentrale
Aufgaben-stellung dabei lautet, wie Werte in der Werterziehung im Politikunterricht lehrbar
sind. 3
Wie soll ein Unterricht gestaltet sein, der nicht reine Wissensvermittlung in der Vordergrund
stellt, sondern das Ziel, den Schüler als mündiges, verantwortungsvolles, aber selbständig
denkendes Wesen zu erziehen? Ist es überhaupt möglich, eine Lernumgebung so zu gestalten,
dass Schüler solche für das Leben in demokratischen Gesellschaften notwendigen Tugenden
in der Schule erlernen?
Im Folgenden möchte ich aufgrund der Ausführungen von Peter Henkenborg der Lösung
dieser Problemstellungen näher kommen. Dabei werden seine Methoden der kategorialen
Bildung und des Deutungslernens, welche nach Henkenborgs Meinung für die Entwicklung
kognitiver Anerkennung im Politikunterricht unbedingt von Nöten sind, eine wichtige Rolle
spielen. Im Vergleich dazu gehe ich an manchen Stellen auf Bernhard Sutor ein, der sich mit
ähnlicher Problematik auseinandergesetzt hat.
2 Was sollte beim Demokratie-Lernen in der Schule beachtet werden?
Zunächst stellt Peter Henkenborg fest, dass Schüler nicht nur darüber informiert werden
sollen, wie das Leben in einer parlamentarischen Demokratie funktioniert, sondern lernen
sollen, Demokratie zu begreifen, den Prinzipien einer solchen Gesellschaftsform zuzu-
stimmen und vor allem sich selbst in diesem Prozess als Baustein wahrzunehmen.
Grundvoraussetzungen in diesem Zusammenhang, nämlich Autonomie (Freiheit von Denken
3
und Handeln), Reflexivität (Selbstreflexion) und Kritikfähigkeit, sollten als Basis für
politisches Engagement geschaffen werden. Um das zu gewährleisten, ist zu beachten, dass
sich Pädagogen in der Schule als Lern- und Erfahrungsraum nicht nur auf verbale
Argumentationen stützen, sondern auch nach dem Prinzip des Modelllernens (Orientierung an
Modellen von Personen, Objekten z.B.) vorgehen sollten. In einer Art ,,Schulpolis" in der
Gruppe eigene Erfahrungen und eigenes Handeln zu erleben, um zu erkennen, dass staatliche
Politik sich um nichts anderes, als um die gleichen gesellschaftlichen Reglementierungen
bemüht, dies soll eine Aufgabe politischer Bildung sein. 4
Eine entscheidende Rolle im Bereich der Sozialerziehung in der Schule spielt auch die
Auseinandersetzung ,,
von moralischer und politischer Urteilsfähigkeit
" 5; sie soll verhindern,
dass sich Politik auf Moral verengt, wobei beachtet werden muss, ob es sich um ein moral-
oder konventionmotiviertes Urteil handelt. ,,
Als Moral bezeichnen wir das, was
im Hinblick
auf das Wohlbefinden anderer gerecht und fair ist. Als Konvention (...), was im Hinblick auf
einen sozialen Konsens rechtens oder korrekt ist. Stehlen ist ein moralisches Problem. Wie
wir uns anziehen, ist eine Frage der Konvention.
"6 Die zentrale Frage, die sich nun für
Henkenborg stellt, ist, wie die Einbettung von Wertfragen im politischen Zusammenhang im
Unterricht verbildlicht und lehrbar gemacht werden kann. ,,
Politiklehrerinnen- und lehrer
sollten professionell in der Lage sein, die Auseinandersetzung mit Schlüsselproblemen erstens
auf Schlüsselqualifikationen zu beziehen, dabei zweitens auf
fachdidaktische Kategorien
zurückzugreifen, drittens kategoriale Schlüsselfragen professionell mit Lernwegen zu
verbinden und schließlich viertens Methoden im Unterricht einzusetzen, die Deutungslernen
ermöglichen
."7 Damit wird ein konkretes Konzept präsentiert, mit dem ein Schüler sich
allerdings nur zu einem couragierten mündigen Bürger einer Demokratie entwickeln kann,
wenn er, und hier nimmt Henkenborg Anstoß an Honneth, die Chance auf soziale
Anerkennung erfährt. Sie rückt damit in den Mittelpunkt aller notwendigen Voraussetzungen.
Auch die Entwicklung einer positiven Selbstbeziehung, von der die Entstehung eines
autonomen Ichs abhängig ist, ist von der Erfahrung wechselseitiger Anerkennung
hervorgebracht. Honneth unterscheidet hier drei Formen der Anerkennung und setzt ihnen
drei sogenannte Mißachtungsformen entgegen: emotionale Zuwendung bzw. Vergewaltigung,
rechtliche Anerkennung bzw. Entrechtung und Solidarität bzw. Entwürdigung.8
Dass aber auch die autonome Persönlichkeitsentwicklung einer Person einer Chance im
Unterricht bedarf, führt Henkenborg anhand von Zitaten des Lehrers an einer konservativen
Eliteschule, John Keating, aus dem Filmstreifen ,,Der Club der toten Dichter" vor, dessen
4
didaktisches Konzept es ist, seine Schüler neugierig und selbstbe
wusst werden zu lassen:
(Keating zu den Schülern) ,,Die meisten Menschen führen ein Leben in stiller Verzweiflung.
Finden Sie sich nicht damit ab. Brechen Sie aus. Stürzen Sie nicht in den Abgrund wie die
Lemminge. Sehen Sie sich um. Haben Sie den Mut, einen eigenen Weg zu gehen."9
Schule und
politische Bildung würden in Zeiten, wo Eltern sich immer mehr aus den Mühen der
Erziehung zurückzögen und die Kinder dem Fernsehen oder Freizeitanimateuren z.B.
überantworteten, so Henkenborg, darüber hinaus zu Orten der Identitätssorge. 10
In den Augen von Bernhard Sutor dient politische Bildung in der Schule dazu, Schüler zu
einsichtig handelnden Bürgern zu erziehen, um konkurrierende Interessen anderer ak-
zeptieren, Kompromisse schließen zu können und sich treu gegenüber der gemeinsamen
Gesellschaftsordnung zu verhalten. Im gesellschaftlichen Hintergrund sieht er dabei die drei
Ideale Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit als ,,
ständige Aufgaben
", die von den zukünftigen
Bürgern verwirklicht werden sollen. Politik als Reglementierungswerkzeug der
unterschiedlichen Interessen sollte also nicht der Aufrechterhaltung einer bestimmten
Ordnung dienen, sondern dazu, dass präsente gesellschaftliche Verhältnisse verbessern
werden können.11
Unterschiedliche Betrachtungsweisen des Sinns und der Ziele politischer Bildung kamen bis
zu dieser Stelle zum Vorschein. Schaut man sich die Thesen jedoch genauer an, beinhalten
sie, denke ich, vor allem vier grundsätzliche Schwerpunkte:
1.
das Lehren von
Bürgerqualifikationen
(zur Erziehung eines mündigen Bürgers: insbesondere zu lernen, in der
Auseinandersetzung mit gleichberechtigten Individuen und ihren Interessen einen
Konsens zu
finden,
2.
soziale An
erkennung in der Schule zu kultivieren
,
3.
den Schülern die Möglichkeit
einzuräumen, ihre individuelle Identität zu entwickeln (Verweis zu John Keating) und 4. die
Werteerziehung.
Immer wieder wird in diesem Zusammenhang auf einen auf ,,
Einsicht und
begründetes Einvernehmen zielenden Unterricht"12
verwiesen. Die für die soziale
Anerkennung so notwendige Werteerziehung könne so nicht ,,
als direkte Beeinflussung durch
Belehrung, Indoktrination, Schuldgefühle oder Gewissensappelle über die Subjektivität des
Kindes hinweg geschehen"13.
Bernhard Sutor stellt zu diesem Thema einen weiteren Aspekt
ins Licht: die moralische Dimension der Politik, die ihm schon 1971 am Herzen lag. Die
Moral als allgemein verbindliche Vorstellung erfährt in seiner Didaktik eine andere höhere
Gewichtung: ,,
Ziel ist ein Verhalten, das an ethischen Normen orientiert ist, aber sich nicht
auf bloße Gesinnung beruft, sondern bereit ist, die Folgen von Entscheidungen zu bedenken,
5
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