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Subtitle: Band II: Die Metamorphosen des Fräulein Ababa
Textbook, 2008, 120 Pages
Author: Prof. Dr. Günter Kröber
Subject: Mathematics - Miscellaneous
Details
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Abstract
Ababa war von trauriger Gestalt. Sie entstieg einem Meer aus schwarzen Nullen. Ein Freier hatte sie einst entführt, und ein leuchtender Pfad, der ihren Namen trug, hatte sie bis an dieses ferne Gestade geleitet. „Geh Deinen Weg, Ababa. Der Weg bist Du selbst, er führt Dich zu Dir, und Du selbst bist es, die ihn Dir erleuchtet.“ So oder ähnlich hatte er gesprochen, als ihre Wege sich trennten. Und noch bevor auch er in der Dunkelheit versank, hatte sie den Sinn seiner Worte erkannt. Der Pfad, auf dem sie schritt, bestand, wie alles in Palindromien, aus Zahlen. Sie leuchteten in ganz verschiedenen Farben, denn in Palindromien, dem Land, in dem neben Menschen die Zahlen leben, war es üblich, dass jede Zahl sich in eine andere Farbe kleidete: Die Null in Schwarz, die eins in Weiß, die Zwei in Rot usw. Sie selbst bestand aus nur vier Punkten, den Zahlen a, (a – 1), (b - a – 1) und (b – a). König Pal I., ihr Vater, und seine Gemahlin, Königin Palina, die beide in Palindromien regierten, hatten daraus den Namen „Ababa“ entnommen, indem sie nur die Buchstaben der vier Zahlen zu „Aababa“ aneinander fügten und auf das allererste „A“ verzichteten, denn zwei „A“ hintereinander klingen doch nur wie ein einziges. Ababa war auf ihren Namen nicht minder stolz als auf ihre Herkunft. Der Name blieb immer derselbe, gleich ob man ihn von links nach rechts oder von rechts nach links sah, las, schrieb oder sprach; er war eben ein echtes Palindrom. Und so kündete schon allein ihr Name von ihrer hohen Herkunft: Es bestand kein Zweifel, sie war im früheren Leben die Prinzessin von Palindromien gewesen. [...]
Excerpt (computer-generated)
Ababa von Palindromien - Leben und Ansichten einer berühmten Zahl, in Wort und Bild aufgezeichnet von einem ihrer Verehrer
Band II: Die Metamorphosen des Fräulein Ababa
Günter Kröber
Inhaltsverzeichnis
01 Prolog
02 Pal Indrom
03 Ababas Traum
04 Die Zählung der Palindrome
05 Kosta Assis
06 Signor Modussini
07 Pas de deux
208 Regula nova
09 Tuttifrutti
10 Graf I. K.
11 Numbers on Ice
12 PER und DNS
13 Strandbikinis
14 Auerbachs Keller
15 Paris
16 Amok
Daten der Abbildungen
01 Prolog
Ababa war von trauriger Gestalt. Sie entstieg einem Meer aus schwarzen Nullen. Ein Freier hatte sie einst entführt, und ein leuchtender Pfad, der ihren Namen trug, hatte sie bis an dieses ferne Gestade geleitet.
„Geh Deinen Weg, Ababa. Der Weg bist Du selbst, er führt Dich zu Dir, und Du selbst bist es, die ihn Dir erleuchtet.“
So oder ähnlich hatte er gesprochen, als ihre Wege sich trennten. Und noch bevor auch er in der Dunkelheit versank, hatte sie den Sinn seiner Worte erkannt. Der Pfad, auf dem sie schritt, bestand, wie alles in Palindromien, aus Zahlen. Sie leuchteten in ganz verschiedenen Farben, denn in Palindromien, dem Land, in dem neben Menschen die Zahlen leben, war es üblich, dass jede Zahl sich in eine andere Farbe kleidete: Die Null in Schwarz, die eins in Weiß, die Zwei in Rot usw. Sie selbst bestand aus nur vier Punkten, den Zahlen a, (a – 1), (b - a – 1) und (b – a).
König Pal I., ihr Vater, und seine Gemahlin, Königin Palina, die beide in Palindromien regierten, hatten daraus den Namen „Ababa“ entnommen, indem sie nur die Buchstaben der vier Zahlen zu „Aababa“ aneinander fügten und auf das allererste „A“ verzichteten, denn zwei „A“ hintereinander klingen doch nur wie ein einziges.
Ababa war auf ihren Namen nicht minder stolz als auf ihre Herkunft. Der Name blieb immer derselbe, gleich ob man ihn von links nach rechts oder von rechts nach links sah, las, schrieb oder sprach; er war eben ein echtes Palindrom. Und so kündete schon allein ihr Name von ihrer hohen Herkunft: Es bestand kein Zweifel, sie war im früheren Leben die Prinzessin von Palindromien gewesen.
Den Menschen, die ihr am Strand entgegen kamen, erschien sie wohl als eine Heilige, denn wer vermag schon lebend aus einem Meer von schwarzen Nullen hervorzugehen.
Andererseits schien sie der Hilfe bedürftig, denn ihr dünnes Gewand, in das sie gekleidet war, bestand nur aus den vier farbigen Pixeln für die Eins, die Null, die (14) und die (15), die sie getragen hatte, als der rebellische Freier sie im Alter von 16 Jahren entführt hatte.
Einst, am Königshofe, hatte sie nämlich die wundersame Fähigkeit besessen, ihr Alter beliebig wechseln zu können, sich heute als ein fünfjähriges Kind zu zeigen, morgen als eine vierzehnjährige Teenagerin, und an einem anderen Tag als eine reife zweiunddreißigjährige Frau. Das „b“ in ihrem Namen war in dem großen Wettstreit der Meisterfreier vor dem Königlichen Palast das Zeichen für ihr Alter gewesen; es konnte eine beliebige Zahl sein, wenn sie nur kleiner als 32 war. Das „a“ aber war immer kleiner als das „b“. Der Einfachheit halber beließ sie es beim „a“ meistens bei 1. Als Fünfjährige war sie mithin 1034, als Sechzehnjährige war sie 10(14)(15) und als Fünfundzwanzigjährige 10 (23)(24) gewesen. Diese Fähigkeit, im „b“ ihres Namens ihr jeweiliges Alter anzuzeigen, war ihr infolge der bangen Wanderung durch das Meer der Nullen allerdings abhanden gekommen. Der Zauber, der über ganz Palindromien lag und vor allem der Königlichen Familie zugute kam, bewirkte jedoch, dass die Fähigkeit zur Verwandlung ihr in abgewandelter Form erhalten geblieben war. Das „b“ in ihrem Namen zeigte nämlich jetzt das Gewand an, in das sie jeweils gekleidet war bzw. die Nummer der Boutique, aus der es entlehnt war.
So begann das neue Leben, das sie in dem neuen Lande führen sollte, damit, daß sie als erstes um ein neues Gewand bat. Es sollte auf seiner vorderen Hälfte die Eins und die Null, und auf der Rückseite die Acht und die Neun zeigen: 1089 (Abb. 1).
Abb. 1 [nur in der Download-Version verfügbar]
Das neue Leben ließ sie die beengte Atmosphäre am Königlichen Hof - der Rebell Leber, der sie entführt hatte, hatte sie muffig genannt – bald vergessen. Schnell hatte sie neue Gefährtinnen gefunden, die, wie sie selbst und alle Zahlen in Palindromien, es verstanden, sich umzukehren und sich mit ihrer Umkehrung zu verknüpfen, indem sich beide addierten oder sich voneinander subtrahierten.
Fern vom Königshofe fand sie ihr größtes Vergnügen darin, durch die Modeboutiquen der nahe gelegenen Kleinstadt zu streifen und immer neue bunte Gewänder zu probieren. Aus Freude an der Lust kleidete sie sich dann in der Boutique Nr. 9 in das Gewand 1078, in der Boutique Nr. 27 aber drehte sie sich in dem Gewand 10(25)(26) vor dem Spiegel.
Fräulein Ababa, wie sie von ihren Freundinnen jetzt genannt wurde, verstand es, auch fern vom Königlichen Hofe bald von sich reden zu machen, wie wir gleich sehen werden.
02 Pal Indrom
Ababa unternahm wieder einmal einen ihrer Streifzüge durch die Welt der Modeboutiquen. Im Haus Nr. 10, dem ihre besondere Vorliebe galt, sprach sie lange mit der Inhaberin, einer erfolgreichen Designerin, mit der sie bereits eine enge Freundschaft verband.
„Ababa, hast Du meine neuesten Modelle schon gesehen, die ich gerade erst entworfen habe“, wollte diese wissen.
„Nein, natürlich nicht. Ich bin schrecklich neugierig, sie zu sehen. Habe schon seit zwei Wochen nichts Neues mehr getragen, immer nur diesen weißen Fetzen auf meiner Vorderseite“, entgegnete Ababa.
Die neue Kollektion war auf einem Ständer in der Mitte des Verkaufsraumes aufgereiht. Ababa ging auf ihn zu, als sie das Gefühl hatte, dass irgend jemand sich ihr im Rücken näherte. Vorsichtig spähte sie nach hinten und erblickte einen Mann. Er schien unsicher, ob er sie ansprechen sollte, tat es dann aber doch.
„Guten Tag, mein Fräulein“, sagte er artig und noch immer in ihrem Rücken. Verwundert drehte sie sich um und schaute ihm in die Augen. Die waren blau und überdacht mit dicken weißen Brauen; sein Haar war graumeliert und das Gesicht mäßig gebräunt.
„Eine stattliche Figur“, registrierte sie in Gedanken. „Könnte ein Grieche sein. Aber was sucht er in einer Modeboutique? Und was will er von mir?“
„Gestatten, Pal Indrom“, stellte er sich vor, und der leicht griechische Akzent war in der Tat nicht zu überhören.
„Guten Tag“, erwiderte Ababa. „Kann ich Ihnen helfen?“
„O ja, wenn Sie so freundlich sein wollen und mir einen nur winzigen Teil Ihrer gewiss kostbaren Zeit opfern könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.“
War es plumpe Anmache? Wollte er, daßsssie ihn bei der Wahl und beim Kauf eines Kleidungsstückes beriet? Aber dann hätte er sich wohl eher an die Inhaberin der Boutique gewandt. Ababa wusste nicht, was sie von dem Manne halten sollte und vor allem, was er von ihr wollte.
„Worum geht es denn?“, fragte sie zögerlich und gab damit im Grunde genommen schon zu verstehen, dass sie gesprächsbereit sei.
„Ich wurde unfreiwillig Zeuge, wie Sie sich mit der Inhaberin dieser Boutique unterhielten“, setzte er zu einer Erklärung an. „Dabei hörte ich, dass diese Sie ‚Ababa‘ nannte. Das hat mich neugierig gemacht und in mir den Wunsch geweckt, Sie näher kennen zu lernen und vielleicht auch – wenn es Ihnen recht ist – dieses und jenes mit ihnen gemeinsam zu unternehmen.“
„Also doch Anmache“, dachte sie, denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mann sich für sie, die doch von trauriger Gestalt war und auf ihrer Vorderseite einen schlichten weißen Fetzen trug, nur auf Grund ihres Namens interessieren sollte. Und zu ihm gewandt sagte sie:
„Kaum zu glauben, dass ein Mann sich für eine Frau nur wegen ihres Namens interessiert. Was wollen Sie wirklich? Was sind das für ominöse gemeinsame Unternehmungen, auf die Sie anspielen?“
„Sehen Sie, ich bin Sprachforscher und Mathematiker“, stellte Pal Indrom sich weiter vor, „und als solcher interessiert mich Ihr Name sehr, denn er ist ein Palindrom.“
„Na und ?“, fiel sie ihm ins Wort.
„Ein Palindrom, ja. Doch wollen wir uns nicht für ein paar Minuten setzen, dann kann ich Ihnen in Ruhe erklären, worum es mir geht. Oder noch besser: Lassen Sie uns in das benachbarte Cafe gehen, einen Espresso trinken oder auch Eis essen. Es spricht sich besser im Sitzen und in einer lockeren Atmosphäre als hier im Stehen und inmitten all dieser Klamotten. Der Chef des Cafes ist ein guter Freund von mir, ein Grieche, der uns gewiß vorzüglich bedienen wird.“
Die „Klamotten“ nahm sie ihm übel. Sollte sie wirklich auf den Vorschlag eingehen? „Der Kerl hat es verdammt eilig“, rumorte es in ihr. Espresso mochte sie ohnehin nicht, diese Art von Kaffee war ihr viel zu stark und ließ ihr Herz immer unruhig schlagen. Eine große Portion Walnusseis mit viel Schlagsahne war schon eher nach ihrem Geschmack. Doch wenn schon Walnusseis mit Schlagsahne, dann sollte es eher beim Italiener sein. Sie verkehrte hin und wieder in einem italienischen Eiscafe, hatte die Eiskarte bereits dreimal vollständig durchprobiert und fand, Walnusseis mit Schlagsahne sei die absolute Spitze. Bewundert hatte sie auch immer die wahren Kunstwerke, die da in Gestalt von riesigen wohlgeformten Gläsern und Bechern, gefüllt mit den eisigen Kreationen der verschiedensten Art und liebevoll verziert mit großen Stücken Ananas, Melone oder anderen erlesenen Früchten des Südens, durch den Raum getragen wurden und die Augen der Gäste leuchten ließen, wenn sie auf ihren Tischen landeten. Sie bemerkte, wie ihr das Wasser im Munde schon zusammenlief. „Jetzt bloß keine Pfütze auf der Zunge“, befahl sie sich. „Hier heißt es cool bleiben“. Walnusseis mit Schlagsahne und dazu vielleicht noch ein Capuccino wären es natürlich wert gewesen, auf das Angebot einzugehen. Aber beim Griechen? Die waren mehr für Gyros berühmt, für superlange Grillspieße, denen sie Namen ihrer Götter verliehen, und für Ouzo, der bekanntlich nicht jedermanns Sache ist.
Sie ließ sich Zeit mit der Antwort. Doch Pal Indrom, der Sprachforscher und Mathematiker, blickte sie so flehentlich an, daß sie letztendlich nicht widerstehen konnte, auf alle Fälle aber die Einschränkung machte:
„Aber nur ein halbes Stündchen!“
„Gewiss, gewiss“, sicherte er ihr eilig zu. Und so verließen beide die Boutique Nr. 10 und begaben sich in das benachbarte Cafe.
Ababa bat – wenn schon, denn schon – um ein Gläschen Wein; weiß und trocken sollte er sein. Früher, am Königlichen Hofe, hatte sie liebliche Weine bevorzugt; sie konnten ihr nicht süß genug sein; süß und dick hieß dort die Devise. Jetzt, nach dem Gang durch das Meer der schwarzen Nullen, war sie davon abgekommen und bat nun – wie gesagt – um weißen und trockenen. Pal Indrom entschied sich für Espresso mit Mineralwasser.
[...]
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