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Wieviel Freiheit ist "genug"? - Die Auseinandersetzung David vs. Milton Friedman vor dem Hintergrund des philosophischen Freiheitsbegriffs

Diploma Thesis, 2008, 86 Pages
Author: René Ruschmeier
Subject: Economics / Business: Business Ethics, Corporate Ethics

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2008
Pages: 86
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 39  Entries
Language: German
Archive No.: V117419
ISBN (E-book): 978-3-640-19718-7
ISBN (Book): 978-3-640-19720-0
File size: 1041 KB
Notes :
Aus dem Gutachten zur Arbeit: In wirtschaftsphilosophischer Hinsicht ist Gutachter in vieler Hinsicht gänzlich anderer Überzeugung; es war aber nicht die Konformität von Meinungen, sondern die Kraft der Argumente zu prüfen. Die philosophischen Bezugnahmen der Arbeit sind durchweg von großer interpretatorischer Angemessenheit und der Sache nach von hohem Niveau. Die Arbeit sagt vielleicht das Beste, was man philosophisch zur neoliberalen Ideologie sagen kann.


Abstract

Jedem wissenschaftlichem Schreiben geht das Denken voraus. Denken ist subjektiv, und jedem Subjekt ist eine Philosophie zu Eigen. Jedes Schreiben birgt somit die Philosophie des Autors in sich, gleichgültig, ob er sie explizit formuliert, oder sie nur durch die niedergeschriebenen Fakten durchscheint. Diese Arbeit wird die philosophischen Implikationen zweier Ökonomen herausarbeiten, von denen jeder auf seine Weise im Zentrum einer bestimmten wirtschaftswissenschaftlichen Ideologie stehen. Der Reiz der Auseinandersetzung der beiden nährt sich vordergründig daraus, dass sich beide familiär sehr nahe stehen. David ist der Sohn von Milton Friedman. Wird Milton Friedman als Wirtschafts- Nobelpreisträger und Berater marktliberaler Regierender schon von linken und sozialistischen Wortführern für vermeintliche Ungerechtigkeiten wirtschaftlicher Entwicklung als Galionsfigur eines menschenverachtenden Kapitalismus verantwortlich gemacht, ist die ökonomische Theorie seines Sohnes – wenn auch nicht annähernd gleich bekannt – noch weit darüber hinaus gehend. Was an dieser Feststellung Ursache und was Wirkung ist, ist nicht klar auszumachen. Denn in den Augen der meisten – Ökonomen oder Intellektuelle – wird schon die oberflächliche Betrachtung der Grundkonzeption des Sohnes zur Ablehnung einer näheren Auseinandersetzung führen. Sie benehmen sich damit allerdings der Beschäftigung mit einer Philosophie, die erst durch ihre Radikalität Konsistenz erlangt. Erst von diesem radikalen Standpunkt aus jedoch kann sie Wirkung auf gegenwärtige Fragen der Wirtschaftsphilosophie ausüben. Ziel der Arbeit ist die Gegenüberstellung eines konsequenten Liberalismus – der des Vaters, mit einem extremen Liberalismus – dem des Sohnes. Es wird zu erörtern sein, worauf sich die jeweiligen Ansichten gründen. Zunächst muss dazu die Grundlage des väterlichen Denkens erarbeitet werden (Abschnitt 3), um davon ausgehend darstellen zu können, was dem Sohn daran nicht weit genug gehend erscheint (Abschnitt 4). Beide Autoren sind Ökonomen, d.h. nach ihrem eigenen Selbstverständnis, dass sie ihre Konzeptionen ausdrücklich nicht als Beitrag zur Philosophie verstanden sehen wollen. David Friedman beruft sich beispielsweise im I immer wieder auf den fehlenden moralphilosophischen Anspruch seines Schreibens an Stellen, an denen eben gerade mit philosophischen Ansätzen die Konsistenz der Argumentation zu hinterfragen ist.


Excerpt (computer-generated)

F E R N U N I V E R S I T Ä T in Hagen

FAKULTÄT FÜR WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFT

Diplomarbeit

Bearbeitungszeit:

18 Wochen als Teilzeitstudierender

über das Thema:

Wie viel Freiheit ist ,,genug"? ­ Die

Auseinandersetzung David vs. Milton Friedman

vor dem Hintergrund des philosophischen

Freiheitsbegriffs

von:

René Ruschmeier

Abgabedatum:

08. Mai 2008


Inhaltsverzeichnis

2

,,Du willst in die Welt gehen und gehst mit leeren Händen,

mit dem vagen Versprechen einer Freiheit, die sie in ihrer

Einfalt und angeborenen Zuchtlosigkeit nicht einmal

begreifen können, vor dem sie sich fürchten und das sie

beängstigt ­ denn nichts ist jemals dem Menschen und der

menschlichen Gesellschaft unerträglicher gewesen als die

Freiheit!"

(F. M. Dostojewskij, Die Brüder Karamasow, S. 340)


Inhaltsverzeichnis

3

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis 3

1 Ökonomen und Philosophen - philosophische Implikationen ökonomischer Modelle 4

2 Thomas Hobbes: wirtschaftliche Entwicklung und der philosophische Freiheitsbegriff seit

der Aufklärung 7

3 Milton Friedman ­ Freiheit in Zeiten der sozialistischen Alternative 10

3.1 Kapitalismus und Freiheit 12

3.2 J.S. Mill und A. Smith ­ Urväter des Individualismus, des Marktes und der Freiheit 17

3.3 R. Nozick ­ Die Suche nach einer Grenze staatlicher Autorität 20

3.4 Free to Choose 23

3.5 Isaiah Berlin ­ Der Begriff der Freiheit im 20. Jahrhundert 28

3.6 Determinismus ­ Wie frei sind wir eigentlich? 31

4 David Friedman ­ Freiheit konsequent: Anarchismus 36

4.1 Konzeption des Libertarismus in MF 36

4.2 J. Locke ­ Freiheit und Eigentum 43

4.3 J.C. Lester ­ Freiheit gleich Minimierung von Zwang 47

4.4 Murray N. Rothbard ­ Eine Ethik der Freiheit 50

4.5 Tyler Cowens Kritik an Friedman ­ Probleme der Stabilität und Monopolisierung 53

5 Versuch einer Wertung ­ Das Zuwenig; das Zuviel; ein ,,Genug"? 55

5.1 Das Zuwenig ­ Der optimistische Ansatz 57

5.2 Das Zuviel ­ Der pessimistische Ansatz 59

5.3 Das Genug ­ Existiert eine Goldlöckchen-Lösung? 61

6 Siglenverzeichnis 67

7 Literaturverzeichnis 68

Anhang 1: Interview mit Mr. David Friedman 71

Anhang 2: The Advantage of Capitalist Trucks 83


Ökonomen und Philosophen - philosophische Implikationen ökonomischer Modelle

4

1

Ökonomen und Philosophen - philosophische Implikationen ökonomischer Modelle

Jedem wissenschaftlichem Schreiben geht das Denken voraus. Denken ist subjektiv, und

jedem Subjekt ist eine Philosophie zu Eigen. Jedes Schreiben birgt somit die Philosophie des

Autors in sich, gleichgültig, ob er sie explizit formuliert, oder sie nur durch die

niedergeschriebenen Fakten durchscheint. Diese Arbeit wird die philosophischen

Implikationen zweier Ökonomen herausarbeiten, von denen jeder auf seine Weise im Zentrum

einer bestimmten wirtschaftswissenschaftlichen Ideologie stehen. Der Reiz der

Auseinandersetzung der beiden nährt sich vordergründig daraus, dass sich beide familiär sehr

nahe stehen. David ist der Sohn von Milton Friedman. Wird Milton Friedman als Wirtschafts-

Nobelpreisträger und Berater marktliberaler Regierender schon von linken und sozialistischen

Wortführern für vermeintliche Ungerechtigkeiten wirtschaftlicher Entwicklung als

Galionsfigur eines menschenverachtenden Kapitalismus verantwortlich gemacht, ist die

ökonomische Theorie seines Sohnes ­ wenn auch nicht annähernd gleich bekannt ­ noch weit

darüber hinaus gehend. Was an dieser Feststellung Ursache und was Wirkung ist, ist nicht

klar auszumachen. Denn in den Augen der meisten ­ Ökonomen oder Intellektuelle ­ wird

schon die oberflächliche Betrachtung der Grundkonzeption des Sohnes zur Ablehnung einer

näheren Auseinandersetzung führen. Sie benehmen sich damit allerdings der Beschäftigung

mit einer Philosophie, die erst durch ihre Radikalität Konsistenz erlangt. Erst von diesem

radikalen Standpunkt aus jedoch kann sie Wirkung auf gegenwärtige Fragen der

Wirtschaftsphilosophie ausüben.

Ziel der Arbeit ist die Gegenüberstellung eines konsequenten Liberalismus ­ der des Vaters1,

mit einem extremen Liberalismus ­ dem des Sohnes. Es wird zu erörtern sein, worauf sich die

jeweiligen Ansichten gründen. Zunächst muss dazu die Grundlage des väterlichen Denkens

erarbeitet werden (Abschnitt 3), um davon ausgehend darstellen zu können, was dem Sohn

daran nicht weit genug gehend erscheint (Abschnitt 4).

Beide Autoren sind Ökonomen, d.h. nach ihrem eigenen Selbstverständnis, dass sie ihre

Konzeptionen ausdrücklich nicht als Beitrag zur Philosophie verstanden sehen wollen. David

Friedman beruft sich beispielsweise im I immer wieder auf den fehlenden

moralphilosophischen Anspruch seines Schreibens an Stellen, an denen eben gerade mit

philosophischen Ansätzen die Konsistenz der Argumentation zu hinterfragen ist.2 Hierin mag

mutmaßlich eine subjektive Einschätzung David Friedmans zu sehen sein, sich mit der

Philosophie in einen vagen Bereich zu begeben, der die vermeintliche Objektivität der

Wirtschaftswissenschaft vermissen lässt. Andere haben diese Besorgnis nicht geteilt ­ sei es,

1 Wenn vom Vater bzw. von Milton Friedman gesprochen wird, ist zu berücksichtigen, dass gerade an den mehr

philosophischen bzw. grundsätzlichen Werken Milton Friedmans nach dessen eigener Aussage ganz maßgeblich

auch seine Frau, Rose Friedman, beteiligt war. FTC haben beide gemeinsam geschrieben. In einem Interview

sagte Rose allerdings einmal: ,,Nachdem ich Milton kennen gelernt hatte, konnte ich nur noch halb so viel sagen.

Nachdem David geboren wurde, kam ich gar nicht mehr zu Wort." (Jahn (2003), S. 135) Keineswegs soll daher

die Rolle von Rose Friedman hier unterschätzt oder ignoriert werden. Der sprachlichen Einfachheit halber wird

hier allerdings von Milton gesprochen werden, auch an den Stellen, bei denen beide gemeint sind.

2 siehe I, Antworten zu Fragen 3, 4, 20 und 23


Ökonomen und Philosophen - philosophische Implikationen ökonomischer Modelle

5

weil die Zeit die beiden Wissenschaftsbereiche noch nicht ausdifferenziert hatte (Hume,

Hobbes, Locke, Smith, um nur einige zu nennen), sei es, weil sie es explizit als erforderlich

ansahen, dem wirtschaftlichen Denken ein philosophisches Fundament mitzugeben (so vor

allem Nozick, Rothbard und Lester). Es wird daher bei der Analyse der Werke von Milton

und David Friedman in einem ersten Schritt darum gehen müssen, den Rahmenbau der

Gedanken freizulegen. Dazu müssen die philosophischen Gedanken von den unterstützenden

empirischen Beobachtungen getrennt werden, um einen klaren Blick auf die

Grundkonzeptionen zu erhalten. Stehen dann die Fachwerke der Gedankengebäude ohne

stützende, aber auch verkleidende, empirische Füllmaterialien da, kann die Statik der

Gedanken überprüft werden. Will sagen: Erst nach klarer Abstraktion der Philosophie von der

Empirie kann erstere auf Konsistenz und Kohärenz hin analysiert werden.

Festzustellen wird dann aber sein, dass an einigen Stellen der Konzeptionen wiederum

Stützpfeiler angebracht werden müssen, um das Gedankengebäude halten zu können. Diese

werden in der Hinzuziehung von Philosophen und mehr philosophisch orientierten

ökonomischen Autoren gefunden. Teilweise rekurrieren die beiden Friedmans unmittelbar auf

diese, wie Milton vor allem auf Mill und Smith. In anderen Teilen der Werke können diese

Denker ungenannt in den Darlegungen entdeckt werden.

Zur philosophischen Analyse gehört auch die Auseinandersetzung mit den jeweiligen

Kritikern. Diesen muss Raum gegeben werden, um dem Gedankengebäude Gelegenheit zu

geben, zu beweisen, dass es nicht nur bei Sonnenschein stehen bleibt, sondern auch in der

Lage ist, Stürmen der Kritik Stand zu halten. Jeder Autor versucht, die ihm bekannten

Kritiken bereits im Werk selbst aufzugreifen und zu widerlegen. Diesbezüglich muss sich

zeigen, wie weit dies jeweils gelungen ist. Andere Kritiken sind vom Autor entweder nicht

gesehen worden oder gar bewusst ausgelassen. Diese müssen aufgegriffen und erörtert

werden.

Zu Beginn muss noch eine Sprachregelung getroffen werden, um die Darstellung im Text zu

vereinfachen. Milton Friedman vertritt klassisch liberale Positionen und kann daher als

Liberaler bezeichnet werden. Die Ideologie von David Friedman wird als libertär bezeichnet,

womit in erster Linie verdeutlicht werden soll, dass sie an vielen Stellen über liberale

Gedanken hinausgeht. So einfach diese sprachliche Festlegung war, so schwer wird es, die

jeweiligen Antonyme zu fassen, ohne gleich feste Assoziationen auszulösen. Mag auch

,konservativ′ gewöhnlich als Antonym für ,liberal′ definiert werden, erscheint dies im

hiesigen Diskussionszusammenhang nicht opportun, denn im Vergleich zu Davids Ansichten

können die von Milton als durchaus konservativ bezeichnet werden. Deshalb wird hier

stattdessen ,sozialistisch′ bzw. ,Sozialismus′ verwendet werden, da dies den Implikationen

des Argumentierens Milton Friedmans am ehesten entspricht. Noch schwieriger ist es bei

David Friedman. Um die Intention seines Schreibens zu berücksichtigen wird hier das

Antonym ,Etatistisch′ bzw. ,Etatismus′ verwandt.


Ökonomen und Philosophen - philosophische Implikationen ökonomischer Modelle

6

Diese Arbeit beginnt mit einem kurzen einführenden Abschnitt in den modernen Liberalismus

Thomas Hobbes′. In den beiden folgenden Abschnitten werden die beiden Protagonisten

anhand ausgewählter Publikationen vorgestellt, und jeweils mit ihren Ideengebern,

Mitdenkern und Kritikern konfrontiert. Dabei wird sich diese Arbeit bewusst auf liberale

Philosophen konzentrieren müssen, die wegen der philosophiegeschichtlichen Genese dieser

Denkrichtung fast alle dem angelsächsischen Sprachraum zuzuordnen sind. Eine Ausweitung

auf weitere Freiheitstheoretiker ­ insbesondere auch Kant ­ wurde unterlassen, weil dadurch

einerseits die Stringenz der Argumentationsführung verloren ginge, andererseits aber auch

eine nur kursorische Erwähnung der kantischen Freiheitsphilosophie dieser nicht annähernd

gerecht werden könnte.

Statt in einem einleitenden Kapitel die verschiedenen Freiheitskonzeptionen zunächst

einführend darzustellen, werden diese Explikationen jeweils an den geeigneten Stellen

während der Auseinandersetzung mit den Argumentationslinien der besprochenen Autoren

eingeflochten. Intention dieser Vorgehensweise ist, dass sich durch diesen Aufbau im Verlauf

der Lektüre ein aufbauendes Bild der Freiheitsphilosophie entwickelt. Die Wurzeln des

Liberalismus seit der Aufklärung werden in Abschnitt 2 erörtert. Im Rahmen der Darlegung

der Philosophie Milton Friedmans wird Platz sein für dessen Fortschreibung durch Smith und

Mill (Abschnitt 3.2) sowie der neuzeitlichen Minimalstaatsphilosophie Nozicks (Abschnitt

3.3). Die philosophisch notwendige Auseinandersetzung mit den Differenzierungen der

positiven und negativen Freiheit findet sich in Abschnitt 3.4, eine Beleuchtung des

gegenwärtigen Überlegungsstands zum Determinismus wird sich in Abschnitt 3.5

passenderweise einfügen lassen. David Friedmans Anarcho-Kapitalismus wird in Abschnitt 4

dargelegt werden. In diesem Kontext muss sich mit der Verbindung der Frage des

Liberalismus mit der des Eigentums beschäftigt werden (Abschnitt 4.2). Konzeptionelle

Einwände von Lester und Rothbard finden ihren Platz in Abschnitt 4.3 und 4.4, wo auch das

Verhältnis von Freiheit zu Macht und Zwang beleuchtet werden wird. Ökonomische

Einwände gegen den Libertarismus David Friedmans werden in Abschnitt 4.5 erörtert.

Im letzten Abschnitt 5 wird versucht werden, eine Antwort auf die Frage des Themas der

Arbeit zu finden. Hier werden die konzeptionellen Anforderungen des Liberalismus an die

Rationalität anzusprechen sein, und abschließend an einem ausgewählten Beispiel aus der

aktuellen europäischen Sozialstaatsdiskussion das Spannungsverhältnis von Freiheit und

Gleichheit beleuchtet.

Im Rahmen dieser Arbeit wurde mit dem David Friedman ein Interview durchgeführt, um ihm

selbst Gelegenheit zu geben, zu einzelnen Aspekten seiner Konzeption Stellung zu nehmen

und diese an kritischen Stellen zu ergänzen. Das Interview ist im Anhang 1 abgedruckt. Die

Aussagen werden in diese Arbeit an geeigneten Stellen mit einbezogen werden.


Thomas Hobbes: wirtschaftliche Entwicklung und der philosophische Freiheitsbegriff seit der Aufklärung

7

2

Thomas Hobbes: wirtschaftliche Entwicklung und der philosophische

Freiheitsbegriff seit der Aufklärung

,,Individualismus, als eine elementare theoretische Position, geht mindestens auf Hobbes

zurück."3

Diese Arbeit beginnt mit der Aufklärung. Aus der Retrospektive kann festgehalten werden,

dass die neuzeitliche wirtschaftliche Entwicklung bis zur Ausdifferenzierung des

Kapitalismus, der philosophischen Emanzipation weg von der gedanklichen Unterwerfung

unter staatliche und kirchliche Autoritäten hin zum Primat der menschlichen Vernunft, nur

um wenige Jahrzehnte verschoben aufeinander folgte. Emanzipation ist Freiwerdung. Die der

vorliegenden Arbeit zu Grunde liegenden Gedankengänge liberaler Autoren werden

offenbaren, dass geistige, physische und wirtschaftliche Freiwerdung nicht zufällig in genau

dieser Reihenfolge auftraten, sondern dass dahinter liegend gerade ein Kontinuum zu

erkennen ist. Geistige und physische Freiheit ist, wenn auch nicht hinreichende, so doch

zumindest notwendige Bedingung für wirtschaftliche Prosperität ­ das ist Friedmansches

Diktum, unabhängig vom Vornamen des jeweiligen Autors. Es erscheint daher nur

folgerichtig, diese Arbeit mit dem Denker zu beginnen, der in der Neuzeit erstmalig staatliche

Autorität nicht aus einer ihr übergeordneten Autorität ableitet, sondern sie als das Ergebnis

vernunftorientierten Handelns freier Individuen darstellt: Thomas Hobbes4.

Schon in der Konzeption des ,Leviathan′ kommt die Grundidee Hobbes′ zum Vorschein, die

die Begründung des modernen Liberalismus übernimmt. Der Staats-Leviathan ist ein

,,künstliches Tier"5, das von den Individuen erschaffen worden ist und von ihnen gebildet

wird. Hobbes beginnt daher folgerichtig im Ersten Teil mit einer Darstellung des Menschen,

worauf erst im Zweiten Teil die der Genese des Staates folgt. Schon hieran ist zu erkennen,

welche Rangfolge er seiner Staatsbegründung zu Grunde legt. Am Anfang steht das

Individuum bzw. deren viele, aus deren Aggregation schließlich erst das Staatsgebilde

erwächst. Diese heute möglicherweise triviale Erkenntnis kam zur Zeit Hobbes revolutionäre

Bedeutung zu, weil sie erstmals dem Individuum eine Rolle zusprach, die vorher allein einem

Schöpfergott bzw. der aus ihm abgeleiteten absolutistischen Staatsgewalt zukam. Sie gewinnt

aber auch heute wieder an Bedeutung, wo die Genese eines Staatsgebildes nicht mehr

hinterfragt wird, sondern stattdessen lediglich über Möglichkeiten verhandelt wird, staatliches

Handeln auszuweiten. Hobbes Philosophie mahnt auch noch im 21. Jahrhundert etatistische

Rhetoriker.

Hobbes setzt die Fähigkeit zur Anwendung der Vernunft als den Menschen konstituierend

voraus. Die Vernunft befähigt ihn, Streitigkeiten beizulegen und vom Glauben zum Wissen

3 Macpherson (1973), S. 13

4 Diese Extraktion der Hobbeschen Freiheitsphilosophie orientiert sich in Teilen an Schapp (1994), S. 84 ff. und

108 ff.

5 Hobbes (2005), Einleitung, S. 5


Thomas Hobbes: wirtschaftliche Entwicklung und der philosophische Freiheitsbegriff seit der Aufklärung

8

überzugehen.6 Sie u.a. unterscheidet ihn vom Tier.7 Die Vernunft befähigt zur ,Überlegung′.

,,Das, was nach der angestellten Überlegung unmittelbar folgt, sei es Neigung oder

Abneigung, heißt

Wille

."8 Der Wille seinerseits generiert Handlungen, die insofern frei sind,

als dass sie der vernunftorientierten Überlegung entspringen. Nach weiteren Ausführungen

über das Wesen und den Gebrauch der Vernunft, kommt Hobbes aus dem hiesigen

Blickwinkel der Betrachtung im dreizehnten Kapitel zum Kern des Problems menschlichen

Miteinanders. Die Vernunft ist subjektiv empfunden und lässt den Menschen sich auf sich

selbst konzentrieren. In Verbindung mit der implizit vorausgesetzten Knappheit der

Ressourcen entsteht daraus der intersubjektive Konflikt:

Sooft daher zwei ein und dasselbe wünschen, dessen sie aber nicht zugleich teilhaftig werden

können, so wird

einer des anderen Feind

, und um das gesetzte Ziel, welches mit der

Selbsterhaltung

immer verbunden ist, zu erreichen, werden beide danach trachten, sich den

anderen entweder unterwürfig zu machen oder ihn zu töten. [...] Hieraus ergibt sich, daß ohne eine

einschränkende Macht der Zustand der Menschen ein solcher sei, wie er zuvor beschrieben wurde,

nämlich ein

Krieg aller gegen alle

.9

Der Selbsterhaltungstrieb des Menschen verbunden mit einem vernunftgeleiteten Egoismus

lässt die Menschen untereinander in einem fortwährenden Kriegszustand leben. Ohne

einschränkende Gesetze oder Mächte bestünde gesellschaftliches Miteinander im

Wesentlichen aus Angriff oder besser Übergriff (auf das Eigentum des Anderen) und

Verteidigung dagegen. ,,Freiheit begreift ihrer ursprünglichen Bedeutung nach die

Abwesenheit aller äußeren Hindernisse in sich."10 Das ist zunächst einmal eine rohe Freiheit11,

die Freiheit des Naturrechts, die nun aber eingeschränkt wird.

Hobbes transformiert diese ursprüngliche Freiheit in die natürliche Freiheit durch ,,natürliche

Gesetze und [ ] Verträge"12, die ihren Ursprung ebenfalls in der menschlichen Vernunft

haben. Das erste dieser natürlichen Gesetze ist die subjektive Verpflichtung, sich um Frieden

zu bemühen, das zweite, sich mit (nur) dem Maß an Freiheit zufrieden zu geben, das man

selbst dem anderen zubilligt. Verträge sind einzuhalten. Im Naturzustand sind diese

Grundsätze allerdings nicht justiziabel, weil es an einer dafür verantwortlichen Instanz fehlt.

Sie gelten daher nur

foro interno

, d.h. sie werden vom Gewissen anerkannt, nicht aber von

einem Gerichtshof ­

foro externo ­

der annahmegemäß noch nicht existiert.13 Der bis hierher

konstatierte Freiheitsbegriff ­ die natürliche Freiheit ­ ist daher zwar absolut, auch

ursprünglich, allerdings wenig operabel, da die die Freiheit einschränkenden Bedingungen

nicht durchgesetzt werden können. Dieser Gedankengang bildet den Übergang zum Zweiten

Teil des Leviathan, der sich nun mit der Genese des Staates als rechtsdurchsetzende

6 ebd., 5. Kapitel, S. 40 f.

7 ebd., 6. Kapitel, S. 53

8 ebd., 6. Kapitel, S. 56 (Hervorhebungen im Original)

9 ebd., 13. Kapitel, S. 113 ff.

10 ebd., 14. Kapitel, S. 118

11 Im ,,Naturzustand,, haben ,,alle ein Recht auf alles, die Menschen selbst nicht ausgenommen. [...] Solange

daher dieses Recht gilt, wird keiner, sollte er auch der Stärkste sein, sich für sicher halten können." (ebd., 14.

Kapitel, S. 119)

12 ebd., 14. Kapitel, S. 118 ff.

13 ebd., 15. Kapitel, S. 140


Thomas Hobbes: wirtschaftliche Entwicklung und der philosophische Freiheitsbegriff seit der Aufklärung

9

Institution beschäftigt. Wichtig hier noch einmal festzuhalten ist aber, dass die individuelle

Freiheit unabdingbar zur Staatsrechtfertigung notwendig ist, was im Wesentlichen das

liberalistische Moment Hobbes′scher Philosophie umschreibt.

Die Absicht und Ursache, warum die Menschen bei all ihrem

natürlichen Hang zur Freiheit

und

Herrschaft sich dennoch entschließen konnten, sich gewissen Anordnungen, welche die

bürgerliche Gesellschaft trifft, zu unterwerfen, lag in dem Verlangen, sich selbst zu erhalten und

ein bequemeres Leben zu führen; oder mit anderen Worten,

aus dem elenden Zustande eines
Krieges aller gegen alle gerettet zu werden

.14

Aus dem Bestreben, sich, letztlich zur Rettung der eigenen Freiheit, in dieser selbst zu

beschränken, entsteht der Staat durch einen

Vertrage eines jeden mit einem jeden, wie wenn jeder zu einem jeden sagte: ,

Ich übergebe mein
Recht, mich selbst zu beherrschen, diesem Menschen oder dieser Gesellschaft unter der
Bedingung, daß du ebenfalls dein Recht über dich ihm oder ihr abtrittst.

′ Auf diese Weise werden

alle einzelnen eine Person und heißen

Staat

oder

Gemeinwesen

. So entsteht der

große Leviathan

oder, wenn man lieber will, der

sterbliche Gott

[...].15

Durch freiwillige Übereinkunft wird die natürliche individuelle Freiheit transformiert in eine

bedingte bürgerliche Freiheit, die ,,Freiheit des Staatsbürgers"16. Diese Freiheit reicht nur

noch soweit, wie der Staat sie nicht durch Gesetze17 beschränkt.18 Die natürlichen Gesetze

finden Eingang in die Gesetze des Staates. ,,Als Menschen müssen wir den

natürlichen

Gesetzen

, als Bürger aber den

bürgerlichen Gesetzen

Gehorsam leisten."19

Was der Hobbes′schen Philosophie der ,natürlichen Freiheit′ und abgeleiteten ,Freiheit des

Staatsbürgers′ konzeptionell fehlt, ist eine Darlegung der Grenzen staatlicher

Freiheitsbeschränkung. Das Individuum delegiert zu seinem eigenen Nutzen seine

Freiheitsausübung an den Staat. Es unterwirft sich damit freiwillig dieser freiheits-

beschränkenden Institution. Die so erlangte Macht des Staates hat noch absolutistischen

Charakter, denn das Individuum hat seine Freiheit abgegeben, verbunden mit der impliziten

Hoffnung, der Staat werde sie im Wissen seiner Verantwortung Gott gegenüber im Sinne der

Einzelnen ausüben.

,,Es liegt auf der Hand, daß Hobbes das Problem der Machtbeschränkung des Staates mit

diesen Überlegungen noch nicht gelöst hat. Dieser Aufgabe haben sich dann spätere Zeiten

unterzogen."20 Den Denkern dieser ,späteren Zeiten′ das Wort zu erteilen soll im Folgenden

der Raum sein.

14 ebd., 17. Kapitel, S. 151

15 ebd., 17. Kapitel, S. 155 (Hervorhebung im Original)

16 ebd., Überschrift des 17. Kapitel, S. 187

17 ,,

künstliche

Bande" (ebd., 21. Kapitel, S. 189 - Hervorhebung im Original)

18 ebd., 21. Kapitel, S. 190

19 ebd., 26. Kapitel, S. 228

20 Schapp (1994), S. 112



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