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Anderswelten - Ethnologische Perspektiven

Subtitle: Beiträge aus dem Seminar „Hexerei, Zauberei und Magie“

Anthology, 2005, 264 Pages
Author: Sonja Norgall u.a. Hrsg. Prof. Dr. Roland Mischung
Subject: Ethnology / Cultural Anthropology

Details

Event: Oberseminar "Hexerei, Zauberei und Magie"
Institution/College: University of Hamburg (Institut für Ethnologie)
Tags: Anderswelten, Ethnologische, Perspektiven, Oberseminar, Hexerei, Zauberei, Magie
Category: Anthology
Year: 2005
Pages: 264
Bibliography: ~ 150  Entries
Language: German
Archive No.: V118272
ISBN (E-book): 978-3-640-25471-2
ISBN (Book): 978-3-640-25487-3
Notes :
Beiträge aus dem Seminar "Hexerei, Zauberei und Magie" unter der Leitung von Prof. Dr. Roland Mischung. Co-Autoren: Zsuzsanna Riechers-Barrow; Anke Kayser; Pirkko Remesch; Lena Marquard; Gesa Claussen; Markus Poócza; Mira Fels; Karla de la Barra; Kathrin Leven


Abstract

Dieser Reader versammelt schriftliche Ausarbeitungen einiger Referate, die im Rahmen des Oberseminars Hexerei, Zauberei und Magie im Verlaufe des WS 2002/03 gehalten wurden. Die Beiträge befassen sich mit auf den ersten Blick sehr verschiedenartigen Erscheinungen in unterschiedlichen Teilen der Welt: Von magischen oder schamanistischen Praktiken in der tibetischen Volksreligion über Konzeptionen von Hexerei/ Magie/ Krankenheilung in afroamerikanischen Kulten bis hin zu Spiritismus, Satanismus und modernen Hexen in urbanen Zentren moderner westlicher Gesellschaften, vor allem Hamburg. Diese scheinbare thematische Heterogenität war nicht von Anfang an abzusehen. Vielmehr begann das Seminar ganz konventionell mit dem Versuch, aus der Diskussion klassischer religionsethnologischer Texte Begriffsbestimmungen und Fragestellungen zu entwickeln: Was ist „Hexerei“ im Unterschied zu „Magie“? Welche Variablen solcher Vorstellungen und Praktiken, welche Merkmale ihrer gesellschaftlichen Einbettung sind bisher theoretisch herausgearbeitet worden? Inwieweit taugen sie als Bestandteile eines gemeinsamen Analyserahmens, der allen Beiträgen zugrunde liegen sollte? Erste Zweifel am Sinn eines solchen Vorgehens wurden durch zwei Gastvorträge geweckt, in denen uns über das Hamburger „Hexenarchiv“ und von der persönlichen Wahrnehmung einer bei den Mijikenda (Ostafrika) initiierten mganga berichtet wurde. Die Bedenken verdichteten sich im Verlauf einer Diskussion der beiden einleitenden Kapitel in Susan Greenwood's Magic, Witchcraft and the Otherworld, einer 2000 erschienenen Untersuchung „paganistischer“ Zirkel im Großraum London, wo die gewohnten Unterscheidungen zwischen Hexe(r)n, Magier(inne)n, Druid(inn)en oder Schaman(inn)en sehr zum Verdruss ordnungsliebender Wissenschaftler nicht gemacht werden.


Excerpt (computer-generated)

Universität Hamburg
Institut für Ethnologie

Oberseminar "Hexerei, Zauberei und Magie"

Anderswelten - Ethnologische Perspektiven

Beiträge aus dem Seminar „Hexerei, Zauberei und Magie“

Hrsg. Prof. Dr. Roland Mischung

Sonja Norgall
Zsuzsanna Riechers-Barrow
Anke Kayser
Pirkko Remesch
Lena Marquard
Gesa Claussen
Markus Poócza
Mira Fels
Karla de la Barra
Kathrin Leven

 

Inhaltsverzeichnis


1 Einleitung ... 1
Roland Mischung

2 „Traditioneller“ Hexenglaube in Deutschland und Frankreich im 20. Jahrhundert ... 6
Zsuzsanna Riechers-Barrow

3 Magie in der kubanischen Santería ... 33
Anke Kayser

4 Trance und Besessenheit in der kubanischen Santería ... 66
Pirkko Remesch

5 Magie und Krankheitsbehandlung in der Umbanda ... 85
Lena Marquard

6 Der Voodookult auf Haiti ... 112
Gesa Claussen und Sonja Norgall

7 Magische und schamanistische Praktiken in der tibetischen Bön-Religion ... 156
Markus Poócza

8 Anderswelten: Geister und Magie in Hamburg ... 180
Mira Fels

9 Kardecismus und die Konstruktion von Wirklichkeiten Eine Dokumentation über Kardecisten in Hamburg ... 208
Karla de la Barra

10 Der Satanismus: Betrachtung eines vielgestaltigen Phänomens ... 243
Kathrin Leven

 

 

Einleitung

Roland Mischung

Dieser Reader versammelt schriftliche Ausarbeitungen einiger Referate, die im Rahmen des Oberseminars Hexerei, Zauberei und Magie im Verlaufe des WS 2002/03 gehalten wurden. Die Beiträge befassen sich mit auf den ersten Blick sehr verschiedenartigen Erscheinungen in unterschiedlichen Teilen der Welt: Von magischen oder schamanistischen Praktiken in der tibetischen Volksreligion über Konzeptionen von Hexerei/ Magie/ Krankenheilung in afroamerikanischen Kulten bis hin zu Spiritismus, Satanismus und modernen Hexen in urbanen Zentren moderner westlicher Gesellschaften, vor allem Hamburg. Diese scheinbare thematische Heterogenität war nicht von Anfang an abzusehen. Vielmehr begann das Seminar ganz konventionell mit dem Versuch, aus der Diskussion klassischer religionsethnologischer Texte Begriffsbestimmungen und Fragestellungen zu entwickeln: Was ist „Hexerei“ im Unterschied zu „Magie“? Welche Variablen solcher Vorstellungen und Praktiken, welche Merkmale ihrer gesellschaftlichen Einbettung sind bisher theoretisch herausgearbeitet worden? Inwieweit taugen sie als Bestandteile eines gemeinsamen Analyserahmens, der allen Beiträgen zugrunde liegen sollte?
Erste Zweifel am Sinn eines solchen Vorgehens wurden durch zwei Gastvorträge geweckt, in denen uns über das Hamburger „Hexenarchiv“ und von der persönlichen Wahrnehmung einer bei den Mijikenda (Ostafrika) initiierten mganga berichtet wurde. Die Bedenken verdichteten sich im Verlauf einer Diskussion der beiden einleitenden Kapitel in Susan Greenwood′s Magic, Witchcraft and the Otherworld, einer 2000 erschienenen Untersuchung „paganistischer“ Zirkel im Großraum London, wo die gewohnten Unterscheidungen zwischen Hexe(r)n, Magier(inne)n, Druid(inn)en oder Schaman(inn)en sehr zum Verdruss ordnungsliebender Wissenschaftler nicht gemacht werden. Hinzu kommt, dass dort auch die konventionellen Erklärungsmuster der Social Anthropology aus der emischen Perspektive der Beteiligten großenteils nicht nachzuvollziehen sind. Und schließlich ergab ein erstes „ethnographisches Brainstorming“ unter den Seminarteilnehmern, dass selbst in Berichten über „traditionelle“ außereuropäische Kulturen die üblichen kategorialen Unterscheidungen und Funktionszuweisungen bei genauerem Hinsehen verschwimmen.
Damit gab es zum einen keinen Grund mehr, Vorstellungen und Praktiken des Schamanismus, des Voodoo, der Wicca oder der „Neuen Heiden“ aus dem Gegenstandsbereich Hexerei, Zauberei und Magie auszuschließen. Zum anderen erwies sich eine neue, wesentlich flexiblere, den Sichtweisen der Akteure und ihres Umfeldes eher gerechte Konzeption dieses Gegenstandsbereichs als notwendig. Diese lässt sich in etwa folgendermaßen formulieren: Thema des Seminars sind Praktiken und mit ihnen verbundene Vorstellungen, die darauf abzielen, Kräfte einer „anderen“ Welt ins Diesseits zu holen, sie zu bündeln und zu einem bestimmten Zweck einzusetzen.
Dies ist keine trennscharfe „Definition“, denn in unterschiedlichem Maße trifft dergleichen für alle Religionen zu - auch für christliche Fürbitten und Segnungen und selbst für Praktiken innerhalb des Buddhismus. Im vorliegenden Fall sollten jedoch Praktiken im Vordergrund stehen, die innerhalb ihrer jeweiligen Kultur als außergewöhnlich potent und nicht jedermann zugänglich gelten, die in gewisser Weise außerhalb der „gewöhnlichen“ Ordnung angesiedelt sind. Das jeweils angestrebte Resultat - Divination, Lösung besonderer Existenzprobleme, Krankenheilung, Schadenzauber bis hin zum Todeszauber - sollte kein Kriterium sein, ebenso wenig wie die angewandten Techniken: magische Formeln, Inkorporierung von Geistwesen, Mobilisierung von „Hexenkraft“ oder die schamanistische Jenseitsreise. Dies alles kann in konkreten empirischen Fällen unlösbar miteinander verquickt sein. Ausgangspunkt der Darstellungen sollten in jedem Falle, soweit aus den Quellen zu erschließen, emische Perspektiven sein. Ferner sollte davon ausgegangen werden, dass die in Rede stehenden Praktiken für alle Beteiligten Tatsachen schaffen: Hexen, Magier, Umbanda-Medien oder Schamanen werden nicht nur von ihrem sozialen Umfeld als mehr oder minder mächtig, heilungskräftig oder bedrohlich wahrgenommen, sondern sie selbst sehen sich im Besitz erweiterter Handlungsoptionen, in einer Position, die die Beschränkungen ihrer Alltagswelt zumindest zeitweilig aufhebt. Dabei kann die Fähigkeit zur Mobilisierung jenseitiger Kräfte angeboren, erlernt oder von spirituellen Wesenheiten aufgezwungen sein, sie kann als existentielle Last empfunden werden, zu einer angesehenen soziopolitischen Position oder aber zu einer stigmatisierten Außenseiterrolle führen, sie kann schließlich auch als persönliches empowerment erlebt werden.
Primäres Ziel der Seminarbeiträge war eine Bestandsaufnahme von Formen und Auswirkungen des Eingriffs „jenseitiger“ Kräfte in diesseitige Lebenswelten. Der gegenwärtig dominierende ethnologische Fachdiskurs legt nahe, in diesem Zusammenhang von „gesellschaftlichen Konstruktionen des Eingriffs ...“ zu sprechen, doch impliziert dies offenkundig eine Stellungnahme zum Problem der Faktizität der untersuchten Sachverhalte. Auf der Basis ethnographischer Daten können wir nicht entscheiden, inwieweit es sich um konstruierte bzw. (beliebig) konstruierbare Sachverhalte handelt. Somit sollte ganz bewusst die Frage offen gehalten werden, wie es kommt, dass weltweit immer wieder ähnliche Erscheinungen anzutreffen sind, die um der wissenschaftlichen Klarheit willen mit den jeweiligen etablierten Termini bezeichnet werden sollten: Menschen, denen von Geburt an ungewöhnliche, nach außen lenkbare Kräfte innewohnen („Hexerei“); solche, die in Trance unter Zurücklassen ihres Körpers gezielt und in Begleitung von Hilfsgeistern in jenseitige Welten reisen und dort Ungewöhnliches bewirken können („Schamanismus“ im engeren Sinne); oder solche, die mithilfe besonderer Worte und Gegenstände unnormale Kräfte zu mobilisieren verstehen („Zauberei“ / „Magie“). Es hätte jedoch der Zielsetzung des Seminars widersprochen, die in Klammern gesetzten Begriffe anders als analytisch, etwa im Sinne einer Abgrenzung zwischen wesensmäßig unterschiedlichen Phänomenen, zu benutzen. Vielmehr sollten sie, „prototypisch“ verstanden, unterschiedliche Varianten innerhalb eines Kontinuums von Möglichkeiten der Einbindung „jenseitiger“ Kräfte in die diesseitige Praxis benennen.
Die Reihenfolge der überwiegend deskriptiven Beiträge dieses Readers schlägt geographisch einen Bogen von mitteleuropäischen Hexen-Traditionen über religionsethnologisch verwandte Phänomene in der „Ferne“, um abschließend zu aktuellen Praktiken in unserer eigenen Lebenswelt zurückzukehren.
In dem Text von Zsuzsanna Riechers-Barrow geht es um alltagskulturell tradierte Vorstellungsmuster über Hexerei und Magie in Deutschland und Frankreich im 20. Jahrhundert. Nach einer Darstellung stereotyper Hexenbilder und Erläuterungen zur Tätigkeit von Hexenbannern unternimmt die Autorin einen interessanten Versuch, die von Betroffenen erlebte Realität der Wirkungen magischer bzw. hexerischer Handlungen zu erklären.
Den umfangreichsten thematischen Block bilden Darstellungen afroamerikanischer Kulte. Anke Kayser beschäftigt sich - zum Teil auf eigene Beobachtungsdaten gestützt - mit dem alltäglichen Umgang mit Magie innerhalb der kubanischen Santería. Sie beschreibt übernatürliche Wesenheiten, die ihnen zugeschriebenen spezifischen Wirkungsbereiche in der diesseitigen Welt sowie ihre jeweiligen materiellen Repräsentationen, ferner die magische Kraft, die durch Kommunikation mit diesen Wesenheiten von SpezialistInnen mobilisiert und gezielt im Hier und Jetzt zur Diagnose und Beseitigung konkreter Daseinsprobleme eingesetzt werden kann. Es zeigt sich, dass das Verständnis von Heilung in der Santería sowohl den sozialen Körper des Betroffenen als auch seine Beziehung zu jenseitigen Wirkmächten einschließt. Der Beitrag von Pirkko Remesch ist ebenfalls der Santería gewidmet und konzentriert sich auf die Kommunikation mit den Gottheiten im Rahmen von Besessenheitsritualen. Der Autor analysiert die Vorgänge mithilfe des kommunikationstheoretischen Ansatzes von Umberto Eco sowie eines Phasenmodells zur Entstehung von Trance. In der Synthese dieser Ansätze ergibt sich, dass die charakteristischen Erscheinungen im Verlauf dieser Rituale sowohl kulturell bedingt als auch auf biophysische Ursachen zurückzuführen sind. Ein Ziel dieser Fallstudie ist, zu zeigen, dass die gewählte analytische Herangehensweise ganz generell ein möglicher Weg zur Beschreibung (und Erklärung?) von ritueller Kommunikation durch Besessenheit sein könnte. Eine andere Variante dieses Überzeugungs- und Handlungssystems beschreibt Lena Marquard in ihrem Beitrag über Magie und Behandlung von Krankheit in der brasilianischen Umbanda. Übereinstimmungen mit der Santería finden sich nicht nur im spirituellen Pantheon, sondern auch in der Praxis von Magie und Besessenheitsritualen, in deren Verlauf Medien Gottheiten und Geister inkorporieren, die Kranken und Hilfsbedürftigen Rat geben. Die Geistwesen können herausfinden, was die Ursache einer Krankheit ist und wie sie geheilt werden kann. Häufig weist die Diagnose auf Wirkungen schädlicher Magie hin, der durch die in Umbanda-Zentren ausgeübte positive Magie entgegengewirkt werden kann. Auf besonderes Interesse dürfte schließlich die Darstellung des Voodoo auf Haiti durch Gesa Claussen und Sonja Norgall stoßen. Der Begriff „Voodoo“ weckt bei vielen von uns Assoziationen mit blutigen Tieropfern, Zombies, „Kannibalismus“ und genadelten Fetisch-Puppen. Zur Entstehung dieser Mythen haben einseitige, sensationslüsterne Berichte westlicher „Beobachter“ beigetragen, und das in ihnen transportierte negative Bild hat sich ohne wesentliche Veränderungen bis heute gehalten. Tatsächlich bildet aber „schwarze“ Magie einen eher marginalen Aspekt von Voodoo-Praktiken, in denen es vor allem um Lebenshilfe, Heilung durch gute, „weiße Magie“ und ganz allgemein um die Lösung unterschiedlicher Probleme von Hilfesuchenden geht. Mit ihrer differenzierten und informativen Beschreibung von Wesenheiten und magischen Prozeduren des Voodoo möchten die Autorinnen nicht nur einen gut dokumentierten Beitrag zum Seminarthema liefern, sondern auch verbreiteten Klischeevorstellungen entgegenwirken.
Einen weiteren Fall eines synkretistischen Überzeugungs- und Handlungssystems präsentiert Markus Poócza in seinem Beitrag über magische Praktiken in der tibetischen Volksreligion. Während in den afroamerikanischen Religionen katholische Glaubenselemente unterschiedliche Formen der Synthese mit aus Afrika entlehnten Vorstellungen (und vereinzelt auch mit regional verwurzelten Geister-Konzeptionen) eingehen, stellt die spirituelle Alltagspraxis der Tibeter eine Kombination von Elementen des tantrischen Buddhismus mit solchen aus der prä-buddhistischen, stark animistisch-schamanistisch geprägten Bön-Religion dar. Wir sehen, wie die Menschen in zahlreichen magischen Handlungen durch Instrumentalisierung guter wie böser Geister für ihre Zwecke Kontrolle über die Risiken ihres Daseins zu gewinnen versuchen und wie das Pantheon des Bön ohne kognitive Brüche in die Kosmologie des tibetischen Buddhismus integriert ist.
Die zahlreichen Bewegungen des westlichen „New Age“ greifen zwar in unterschiedlicher Weise auf außereuropäische und europäische Traditionen von Magie und Hexenkunst zurück, doch scheint es hier weniger um unmittelbare Kontrolle jenseitiger Wirkmächte zu gehen, als vielmehr um Bewusstseinserweiterung, um die Suche nach persönlicher Anbindung an das Transzendente. Wie diese Anderswelt - „das Reich, in dem die Macht wohnt“ - beschaffen ist, ist Thema der Arbeit von Mira Fels. In einer empirischen Untersuchung hat sie neun Interviewpartner aus Hamburg (vom Saturnmagier über Hexe, Ritualfrau, Druiden bis hin zu Schamanen) nach ihren Erfahrungen befragt und vergleicht die systematisierten Ergebnisse mit Beschreibungen des Jenseits in der ethnologischen Literatur. Vor allem im Falle des klassischen Schamanismus stößt sie auf interessante Gemeinsamkeiten mit transzendenten Erfahrungen ihrer Gesprächspartner und folgert, dass - auch wenn die Deutungsmuster und „Landkarten der Anderswelt“ bei den Letzteren weniger komplex sind - vergleichbare „Reiseerlebnisse“ zugrunde liegen müssen. Mit einem verwandten Aspekt beschäftigt sich der Beitrag von Karla de la Barra über die Wirklichkeit von Geistern und Anderswelt in der Vorstellung dreier in Hamburg lebender Kardecisten. Die Autorin geht von der These aus, dass für individuelle Wirklichkeitskonzepte sowohl die sinnliche Wahrnehmung dessen, was ist, als auch das, was darüber hinaus für möglich gehalten wird, eine Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund porträtiert sie anhand von Interviewauszügen ausführlich die Weltsichten von Leila, Ozanan und Sergio. Sie gewinnt die Erkenntnis, dass moderner Geisterglaube und die Vorstellung einer anderen Wirklichkeit bei den Befragten von Nützlichkeitserwägungen regiert werden, die sich auf Kompetenz im Lebensalltag in der modernen Großstadt beziehen.
Die abschließende Betrachtung des Satanismus von Kathrin Leven bildet gewissermaßen einen Kontrapunkt zum Voodoo-Beitrag. Wurde dort die Projektion archetypischer Ängste auf das exotische „Andere“ aufgezeigt, geht es hier um angebliche „teuflische“ Praktiken von Mitgliedern unserer eigenen westlichen Gesellschaften: Gängigen Klischees zufolge sind Satanisten in finsteren, sektenähnlichen Orden organisiert und feiern „schwarze Messen“, in deren Verlauf es zu rituellen Vergewaltigungen und Menschenopfern kommt. In ihrem Versuch einer „Innenansicht“ des Satanismus arbeitet die Autorin demgegenüber heraus, dass die Bewegung auf dem Boden einer aufklärerischen Weltanschauung entstanden ist, in der der Glaube an spirituelle Fähigkeiten und magische Kräfte des Menschen tief verwurzelt ist.
Das Autorenteam dieses Readers hofft, den Lesern spannende Einblicke in Formen des Kontakts mit Anderswelten zu vermitteln, die für die meisten von uns jenseits aller vernünftigen Erfahrung liegen. Zugleich sollte in den Beiträgen exemplarisch die Vielfalt möglicher Herangehensweisen an das Phänomen (sub- )kultureller Überzeugungen von übersinnlichen Mächten aufgezeigt werden. Wenn die Lektüre des Readers darüber hinaus auch noch dem einen oder anderen Spaß macht, hat sich die recht mühevolle und zeitaufwendige Redaktionsarbeit gelohnt.

 

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