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Examensarbeit, 2008, 34 Seiten
Autor: Linda Himmelmann
Fach: Kunst - Kunstpädagogik
Details
Jahr: 2008
Seiten: 34
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 29 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-22077-9
ISBN (Buch): 978-3-640-22298-8
Dateigröße: 256 KB
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Zusammenfassung / Abstract
„Farbe ist Leben, denn eine Welt ohne Farben erscheint uns wie tot. […] Das Licht, dieses Urphänomen der Welt, offenbart uns in den Farben den Geist und die lebendige Seele der Welt.“ Dieses Eingangszitat von Johannes Itten verdeutlicht die Bedeutung der Farbe für uns und unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit. Möglicherweise nehmen Schüler diese immer bunter werdende Wirklichkeit in ihrer Farbenvielfalt gar nicht wahr. Diese Befürchtung wurde in mir laut, als ich die Kindergemälde einer 3. Klasse betrachtete. Sie waren nicht nur bezüglich ihrer Themenmotive und ihrer Malweisen ganz verschieden. Sehr unterschiedlich war auch die Anzahl der gemalten Farben. Während die einen Schüler scheinbar alle verfügbaren Farben verwendet hatten, hatten andere das ganze Bild lediglich in einem Farbton gemalt, scheinbar ohne Wert auf dessen Farbigkeit zu legen. In den von mir gemalten Bildern, erlebe ich die verschiedenen Farben mit ihrer schier unendlichen Vielzahl an Farbnuancen. Dies ist der Grund, warum für mich die einfältige Farbwahl einzelner Schüler überhaupt nicht nachvollziehbar war und sich mir folgende Fragen aufdrängten: „Sind meine Arbeiten so bunt, da ich die Farbenpracht der Natur bewusst erlebe?“ und „Ist die monotone Farbverwendung ein Zeichen dafür, dass die Schüler die Welt der Farben nicht differenziert wahrnehmen?“. Tests belegen, dass die Farbigkeit des Gemalten, der des Vorstellungsbildes entspricht. Dieses kann nur farbig sein, wenn auch der Maler die Farben seiner Umwelt wahrnimmt. Im Rahmen dieser Arbeit werden in der erwähnten Klasse Lernstandtests zur Farbwahrnehmung durchgeführt (s. 6; Anhang). Diese zeigen, dass die Schüler die Farbenpracht der Welt unterschiedlich intensiv wahrnehmen. Möglicherweise haben die Kinder die Farbenwelt bisher in unterschiedlichem Ausmaß entdeckt oder ist für sie inzwischen zu etwas Selbstverständlichem geworden, deren Fülle und Lebendigkeit sie nicht mehr wahrnehmen.
Textauszug (computergeneriert)
1 Einleitung
,,Farbe ist Leben, denn eine Welt ohne Farben erscheint uns wie tot. [...]
Das Licht, dieses Urphänomen der Welt, offenbart uns in den Farben
den Geist und die lebendige Seele der Welt."1
Dieses Eingangszitat von Johannes Itten verdeutlicht die Bedeutung der Farbe für uns
und unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit. Möglicherweise nehmen Schüler2 diese
immer bunter werdende Wirklichkeit in ihrer Farbenvielfalt gar nicht wahr. Diese
Befürchtung wurde in mir laut, als ich die Kindergemälde einer 3. Klasse betrachtete.
Sie waren nicht nur bezüglich ihrer Themenmotive und ihrer Malweisen ganz verschie-
den. Sehr unterschiedlich war auch die Anzahl der gemalten Farben. Während die
einen Schüler scheinbar alle verfügbaren Farben verwendet hatten, hatten andere das
ganze Bild lediglich in einem Farbton gemalt, scheinbar ohne Wert auf dessen Farbig-
keit zu legen.
In den von mir gemalten Bildern, erlebe ich die verschiedenen Farben mit ihrer schier
unendlichen Vielzahl an Farbnuancen. Dies ist der Grund, warum für mich die einfältige
Farbwahl einzelner Schüler überhaupt nicht nachvollziehbar war und sich mir folgende
Fragen aufdrängten: ,,Sind meine Arbeiten so bunt, da ich die Farbenpracht der Natur
bewusst erlebe?" und ,,Ist die monotone Farbverwendung ein Zeichen dafür, dass die
Schüler die Welt der Farben nicht differenziert wahrnehmen?". Tests belegen, dass die
Farbigkeit des Gemalten, der des Vorstellungsbildes entspricht. Dieses kann nur farbig
sein, wenn auch der Maler die Farben seiner Umwelt wahrnimmt.3
Im Rahmen dieser Arbeit werden in der erwähnten Klasse Lernstandtests zur Farb-
wahrnehmung durchgeführt (s. 6; Anhang). Diese zeigen, dass die Schüler die Farben-
pracht der Welt unterschiedlich intensiv wahrnehmen. Möglicherweise haben die
Kinder die Farbenwelt bisher in unterschiedlichem Ausmaß entdeckt oder ist für sie
inzwischen zu etwas Selbstverständlichem geworden, deren Fülle und Lebendigkeit sie
nicht mehr wahrnehmen.
Dabei sind ,,Wahrnehmen und ein sinnlich aktives, affektives berührtes Leben [...]
ästhetische Qualitäten [...]. Was unsere Sinne wahrnehmen, sind [...] Qualitäten.
Die Sinneswelt, in der wir leben, in der wir uns voll und ganz als Mensch fühlen kön-
nen, ist eine Welt der Qualitäten."4 Somit ist die Entfaltung und ,,der Gebrauch der
Sinne zur Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit"5 die Grundlage der ästhetischen
Bildung und das Thema ,,Farbe sogar dafür prädestiniert, zum Kernthema der ästheti-
schen Erziehung zu werden"6.
In diesem Sinne und aufgrund meiner Beobachtungen sehe ich die Farbsensibilisierung
als eine Forderung, die an den Kunstunterricht zu stellen ist.
1 Itten 1991, S. 8
2 Der männlichen Form ist die weibliche inbegriffen
3 vgl. Oswald 2003, S. 255f.
4 Aissen-Crewett 1997, S. 148
5 Hess. Rahmenplan 1995, S. 178
6 Aissen-Crewett 1997, S. 148
1
Mit dem Ziel, den Kindern Möglichkeiten der Farbsensibilisierung in einem kompe-
tenzorientierten Kunstunterricht anzubieten, habe ich eine Einheit zum Thema
,,Die Farbe Grün" konzipiert. Damit die zahlreichen verschiedenen Nuancen einer
Farbe entdeckt, die Sinneseindrücke speziell zu dieser Farbe ausreichend verarbeitet
und mit Entdeckungen außerhalb des Kunstunterrichts bereichert werden können,
wurden den Kindern über einen längeren Zeitraum (18 Zeitstunden) vielfältige Lernan-
gebote zu der Farbe Grün bereitgestellt.
Ob es mir innerhalb der ,,grünen Einheit" gelungen ist, den Kindern ein entsprechendes
Lernangebot zu gestalten und inwiefern sich bei allen Kindern mit ihren unterschiedli-
chen Lernvoraussetzungen eine Farbsensibilisierung tatsächlich einstellen konnte,
diesen Fragen wird in der vorliegenden Arbeit nachgegangen. Das Lernangebot soll
hinsichtlich seiner Auswirkungen untersucht werden.
Wird sich der Alltag für die Kinder nach der Einheit tatsächlich ,,grüner" gestalten und
,,die Seele der Welt" wieder lebendiger?
Da sich die Lernausgangslagen und der Lernzuwachs der Schüler ganz unterschiedlich
gestalten, werden nicht nur einzelne, sondern alle Kinder mit ihren facettenreichen
Entwicklungen in die Untersuchung einbezogen.
Für ein besseres Verständnis der Arbeit folgt nun eine kurze Gliederung. Mit dem Ziel
der Farbsensibilisierung soll den Kindern eine Lernsituation zum Thema ,,Die Farbe
Grün" gestaltet werden. In Kapitel 2 werden die damit einhergehenden Vorüberlegun-
gen schwerpunktartig dargestellt. Es erfolgt die Klärung der Begrifflichkeiten Farb-
wahrnehmung (s. 3.1) und Farbsensibilisierung (s. 3.2) bevor dargelegt wird, warum
diese für die Kinder bedeutend sind (s. 3.3). Die Notwendigkeit der Farbsensibilisierung
und deren Förderung wird vor dem Hintergrund der allgemeinen Bildungsziele
(s. 3.3.1) und im kunstdidaktiktischen Kontext (s. 3.3.2) in den zwei folgenden Kapiteln
spezifiziert und legitimiert.
Die Farbsensibilisierung soll mittels der Farbe Grün initiiert werden, die im Kapitel 3.4
mit ihren prägnanten Eigenheiten und ihrer kulturellen Bedeutung vorgestellt und als
Unterrichtsinhalt begründet wird (s. 3.5). Für das Farberlebnis bietet das Lernen an
Stationen einen geeigneten Rahmen, der hinsichtlich der Farbsensibilisierung im an-
schließenden Kapitel begründet wird (s. 3.6). Indem die Farberfahrung innerhalb eines
kompetenzorientierten Kunstunterrichts stattfindet, wird diese mit veränderten Ziel-
setzungen angeleitet, die in Kapitel 3.7 geschildert werden. Für die Gestaltung der
Lernumgebung ist die Lerngruppe bedeutend, deren Lernausgangslage in Kapitel 4
unter Hinzuziehen von Ergebnissen eines Lernausgangstests mit dem Fokus auf dem
Bereich der Farbwahrnehmung analysiert wird. Im Anschluss erfolgt die Darstellung
der Durchführung (s. 5), indem das Agieren der Kinder innerhalb der gestalteten
Lernumgebung geschildert und hinsichtlich der stattgefundenen Farbsensibilisierung
untersucht wird. In Kapitel 6 wird die stattgefundene Farbsensibilisierung anhand des
Testergebnisses und im Hinblick auf das Lernziel bedeutenden Schüleraussagen
beleuchtet, um anschließend die gewonnenen Erkenntnisse in eine Gesamtreflexion
2
münden zu lassen (s. 7). Das abschließende Kapitel 8 stützt sich auf die vorangegange-
nen Kapitel, gibt einen Ausblick und schließt die Arbeit zusammenfassend ab.
Der Anhang beinhaltet Schriftstücke, die beispielhaft die Kinderaussagen belegen,
Fotos die einen Einblick in die ,,Grüne Woche" gewähren und Testergebnisse, die die
Lernentwicklung der Schüler aufzeigen. Die thematisch gegliederte Foto-CD soll das
,,grüne Bild" abrunden.
2 Vorüberlegungen
Durch das Abwägen von Vorüberlegungen soll ein Konzept auf den Weg gebracht
werden, das den Kindern eine Sensibilisierung ihrer Farbwahrnehmung hinsichtlich der
Farbe Grün ermöglicht. Folgend werden die wichtigsten Entscheidungen begründet
dargestellt.
Die Wahrnehmung als ästhetische Qualität hat ,,überfachliche Gültigkeit".7 Obwohl
dieser fächerübergreifende Ansatz vielfältige Lernmöglichkeiten in sich birgt, soll das
Phänomen Farbe hinter die Farbe als Gestaltungsmittel und Symbol gestellt werden.
Der Schwerpunkt muss auf der Farbigkeit mit ihrem Facettenreichtum liegen, um das
Farberlebnis ausreichend intensivieren zu können. Würde das Grün beispielsweise
über den kulturellen Aspekt erschlossen werden, ist davon auszugehen, dass dieser
Kontext vom eigentlich bedeutenden Farbeindruck ablenken würde.
Zu Gunsten der Entdeckung der Vielfalt von Farbnuancen scheint es sinnvoll, sich auf
eine Farbe zu beschränken. Daher und aus organisatorischen Gründen ist die Möglich-
keit, die Kinder zu ihrer Lieblingsfarbe arbeiten zu lassen, eher ungeeignet. Die Be-
gründung für die Wahl der Farbe Grün ist unter Kapitel 3.5 zu finden.
,,Die Farbe Grün" soll viele individuelle Lernprozesse anstoßen, in denen die Schüler
die Farbe eindringlich erleben. In einem festgelegten Schulstundenrhythmus würden
die ,,grünen Erlebnisse" ständig unterbrochen und ein Aufsuchen außerschulischer
Lernorte unmöglich werden. Deshalb soll die Unterrichtseinheit im Rahmen der
,,Grünen Woche" durchgeführt werden, wodurch der zeitliche Rahmen auf den eines
Schulvormittags ausgedehnt wird.
Die Lerninhalte sind derart gestaltet, dass sie sich tageweise durchführen lassen
ohne dabei jedoch die Individualität der Lernprozesse zu berücksichtigen. Diese wür-
den sich wahrscheinlich in unterschiedlichen Tempi vollziehen, so dass einige Kinder
ein zeitfüllendes Differenzierungsangebot bräuchten, während andere mit ihrer Arbeit
nicht fertig würden. Derartige Unterbrechungen sind für das Lernen hinderlich und
sollen deshalb möglichst vermieden werden. Eine Alternative zum gleichschrittigen
7 Jaud u.a. 1999, S.8
3
Vorgehen ist das Arbeiten mit der Lerntheke, an der sich die Schüler mit Arbeitsanwei-
sungen und Material bedienen, das sie anschließend an ihren Plätzen bearbeiten.
Da die meisten Aufgaben der ,,grünen Einheit" nur mittels umfangreichen Arbeitsma-
terials zu bearbeiten sind, wäre der Transport sehr umständlich, große Unruhe würde
entstehen und der zur Verfügung stehende Arbeitsplatz wäre nicht ausreichend.
Aus diesen Gründen habe ich mich für das Einrichten von Stationen entschieden.
Materialien, Geräte und verständliche Aufgabenstellungen werden fest platziert und
die Kinder durchlaufen nacheinander die einzelnen Stationen.
Einzelne Lerninhalte lassen sich in Unterrichtsgesprächen effektiver vermitteln,
weshalb überlegt werden muss, was an den Stationen oder in gemeinsamen Unter-
richtsphasen erarbeitet werden soll. Arbeits- und Rezeptionsprozesse werden erst im
Austausch zum Lernprozess8 und deshalb sollen neben dem Stationsbetrieb gemein-
same Reflexionsphasen stattfinden oder auch Bildbetrachtungen.
Da das umfangreiche Stationsangebot die Kinder ,,übermotiviert", muss ihr Lernen
verlangsamt und vertieft werden. Darum wird es vor dem Abschluss eines ,,grünen
Tages" eine gemeinsame Reflexion und Schreibphase geben, in der die Kinder ihr
Erlebtes und Erlerntes reflektieren.
3 Definitionen und Begründungen
Im Folgenden sollen zunächst u.a. die Begriffe der Farbwahrnehmung und der Farb-
sensibilisierung als grundlegend für diese Arbeit erläutert werden, um anschließend
darzulegen, warum die Sensibilisierung der Farbwahrnehmung im kompetenzorientier-
ten Kunstunterricht erstrebenswert ist.
3.1 Der Begriff der Farbwahrnehmung
Das Auge ist dazu ausgebildet, Lichtreize aufzunehmen. Objekte reflektieren Licht,
wobei aufgrund ihrer physikalischen Struktur einzelne Frequenzbereiche nicht zurück-
geworfen, sondern absorbiert werden. Somit reflektiert ein grüner Gegenstand nur die
Wellen des Bereichs zurück, die wir als Grün wahrnehmen. Alle anderen werden
absorbiert.9
3.1.1 Physiologische Grundlagen der Farbwahrnehmung
Der Prozess der Farbwahrnehmung wird erst durch die Einheit von Sensorik und Kogni-
tion möglich. Das menschliche Sehen beruht auf einer Sinnesleistung, die Lichtenergie
in elektrische Impulse verwandelt. Im Gehirn werden diese verarbeitet, wodurch die
8 vgl. Hamm 2006, S. 68 f.
9 vgl. Kuthe 2002, S. 3f.
4
Illusion von Farbe entsteht. Die Grundlage des Farbensehens ist die Fähigkeit, unter-
schiedliche Wellenlängen des Lichts erkennen zu können.10
3.1.2 Neurobiologische Grundlagen der Farbwahrnehmung
Das Farbensehen findet außerhalb des Auges statt. Farben sind mentale Konstruktio-
nen, die erst durch die sensorische Verarbeitung entstehen. Demnach ist ,Farbe` eine
Reaktion des Nervensystems auf spezifische Stimuli, weshalb es bei der Wahrnehmung
von Farbe weniger um optisch-physikalische Vorgänge geht, als vielmehr um Prozesse
der Enkodierung von Farbeindrücken im Gehirn. Physikalische Energie wird in elektro-
chemische Energie umgewandelt.11
3.1.3 Wahrnehmung und Kognition
Auf der kognitiven Ebene werden die eingehenden Informationen analysiert und
synthetisiert. Der eigentliche Wahrnehmungsprozess kommt durch die Einheit aus
Sehen und Verstehen zustande. ,,Um festzustellen, was es sieht, kann das Gehirn sich
nicht damit begnügen, die Netzhautbilder zu analysieren, sondern muss aus sich
heraus die visuelle Außenwelt konstruieren."12
Die Wahrnehmung ist ein konstruktiver Prozess. Er hängt neben der Information, die
im Stimulus enthalten ist, von der geistigen Struktur des Wahrnehmenden ab.13
Deshalb ist aus ,,Sicht der Kognitionspsychologie [...] die innere Verarbeitung und
Repräsentation von mentalen Ereignissen"14 von Interesse.
Im Rahmen dieser Arbeit, im Hinblick auf die Farbsensibilisierung, meint diese vor
allem die Speicherung und Kodierung unterschiedlicher Farbtöne, die Verbindung von
Aspekten der Wahrnehmung und Sprache und mögliche Lerneffekte durch visuelle
Stimuli.15
3.2 Farbsensibilisierung
Die Wahrnehmung des Menschen ist durch eine ,,zunehmende Differenzierung" der
Information erweiterbar, wobei von einer Sensibilisierung gesprochen werden kann.16
Gibson meint mit dem Lernen beim Wahrnehmen nicht das Erlernen von Empfin-
dungsarten wie das Fixieren, die Augenbewegung oder die Erzeugung eines optimalen
visuellen Bildes. Vielmehr muss die ,,Identifikation der Merkmale visueller Reizung"
gelernt werden. Um Merkmale identifizieren zu können, ist die ,,Unterscheidung von
Variablen"17 notwendig. Auf die Farbwahrnehmung bezogen heißt das, dass die Farbe
hinsichtlich ihrer möglichen Farberscheinungen untersucht wird. Durch die Beantwor-
10 vgl. Oswald 2003, S. 61
11 vgl. ebd. 2003, S. 75
12 Zeki 1992, S. 54
13 vgl. Oswald 2003, S. 93
14 Kandel 1996, S. 329
15 ebd. 1996, S. 329
16 vgl. Guski 1996, S. 126 f.
17 Gibson 1973, S. 323
5
tung der Frage, was die Farbe (Grün) ausmacht, findet eine Sensibilisierung der Farb-
wahrnehmung statt.
Zum ,,Sehenlernen" schreibt Gibson außerdem: ,,Wenn Dinge identifizierbar werden,
wenn wir es lernen, die Unterschiede zwischen ihnen zu bemerken, dann werden
unsere Wahrnehmungen der Welt differenziert. Zuvor unbestimmte Qualitäten
werden bestimmt." Der Vorgang des Sehenlernens wird folglich als ein Prozess
beschrieben, bei dem vorher Unbestimmtes, bestimmbar, erkannt und benennbar
wird. Qualitäten und Unterschiede können herausgestellt werden.18 Bezogen auf die
Farbwahrnehmung heißt das, dass die differenziert empfundenen Farbtöne mit ihrer
Helligkeit, Sättigung und den Farbanteilen mittels Farbnamen benannt werden.
Gegenstandsklassen können gebildet werden, was im weiteren Prozess zu einer
Bestimmung umfassenderer Klassen führt. Eine Identifikation weiterer Farben wird
bewirkt. Demzufolge ist die Klassifikation bei der Sensibilisierung der Wahrnehmung
bedeutend. Zum Beispiel werden Farben mit einem hohen Blauanteil als dunkle Grün-
töne entdeckt, woraufhin weitere dunkle Grüntöne, die möglicherweise mit Schwarz
abgedunkelt sind, erkannt werden.
Durch die zunehmende Kategorisierung und die Praxis wird die wahrgenommene In-
formation, hier die gesehene Farberscheinung, zunehmend ,,verfeinert, reichhaltiger
und präziser"19. Das Urteilsvermögen basiert für Gibson ,,auf der ständigen Einübung
der Aufmerksamkeit, Feinheiten innerhalb invarianter Reizinformation besser zu be-
trachten"20. Immer feinere Einzelheiten werden erfasst und auch die Spanne der Auf-
merksamkeit dehnt sich ,,zeitlich" wie ,,räumlich" aus.21
Die Sensibilisierung der Wahrnehmung ist ein immer fortschreitender Prozess, indem
immer feinere Farbunterschiede entdeckt werden. ,,Wahrnehmungslernen hört nie
auf, solange das Leben dauert."22
3.3 Notwendigkeit der Farbsensibilisierung
Der Sensibilisierung der Farbwahrnehmung kommt eine elementare Bedeutung zu.
Je ausgeprägter und differenzierter die Farbwahrnehmung, desto mehr und reichere
Eindrücke können die Kinder in der farbigen Welt sammeln. Der Horizont des Kindes
wird verändert, erweitert und vertieft.
Außerdem ist für viele Lernprozesse eine breite Basis von vielfältigen Farberlebnissen
und differenzierten Sinneserfahrungen entscheidend. So beeinflusst die Sinneswahr-
nehmung neben der kindlichen Entwicklung auch die Entwicklung kognitiver Leistun-
gen. Rechenschwächen, LRS und Aufmerksamkeitsstörungen resultieren häufig aus
einer gestörten Wahrnehmung, die Farbwahrnehmung inbegriffen.23
18vgl. ebd. 1973, S. 323 f.
19 Gibson 1982, S. 264
20 Gibson 1973, S. 346
21 vgl. ebd. 1973, S. 329
22 ebd. 1973, S. 264
23 vgl. Knauf u.a. 2006, S. 63
6
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