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Alice's Abenteuer im Wunderland

Klassiker, 2008, 135 Seiten
Autor: Lewis Carroll
Fach: Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwiss.

Details

Kategorie: Klassiker
Jahr: 2008
Seiten: 135
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V118743
ISBN (E-Book): 978-3-640-21300-9
ISBN (Buch): 978-3-640-21333-7
Dateigröße: 15554 KB

Zusammenfassung / Abstract

Erstmalig erschienen 1869, aus dem Englischen von Antonie Zimmermann, mit den Illustrationen von John Tenniel. Auszug: Alice fing an sich zu langweilen; sie saß schon lange bei ihrer Schwester am Ufer und hatte nichts zu thun. Das Buch, das ihre Schwester las, gefiel ihr nicht; denn es waren weder Bilder noch Gespräche darin. »Und was nützen Bücher,« dachte Alice, »ohne Bilder und Gespräche?« Sie überlegte sich eben, (so gut es ging, denn sie war schläfrig und dumm von der Hitze,) ob es der Mühe werth sei aufzustehen und Gänseblümchen zu pflücken, um eine Kette damit zu machen, als plötzlich ein weißes Kaninchen mit rothen Augen dicht an ihr vorbeirannte. Dies war grade nicht sehr merkwürdig; Alice fand es auch nicht sehr außerordentlich, daß sie das Kaninchen sagen hörte: »O weh, o weh! Ich werde zu spät kommen!« (Als sie es später wieder überlegte, fiel ihr ein, daß sie sich darüber hätte wundern sollen; doch zur Zeit kam es ihr Alles ganz natürlich vor.) Aber als das Kaninchen seine Uhr aus der Westentasche zog, nach der Zeit sah und eilig fortlief, sprang Alice auf; denn es war ihr doch noch nie vorgekommen, ein Kaninchen mit einer Westentasche und einer Uhr darin zu sehen. Vor Neugierde brennend, rannte sie ihm nach über den Grasplatz, und kam noch zur rechten Zeit, um es in ein großes Loch unter der Hecke schlüpfen zu sehen. Den nächsten Augenblick war sie ihm nach in das Loch hineingesprungen, ohne zu bedenken, wie in aller Welt sie wieder herauskommen könnte.


Volltext (computergeneriert)

Lewis Carroll

Alice′s Abenteuer im Wunderland

[erstmalig erschienen 1869]

Aus dem Englischen von Antonie Zimmermann

Autorisierte Ausgabe

Mit den Illustrationen von John Tenniel

Für Luzie

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel. Hinunter in den Kaninchenbau 5

Zweites Kapitel. Der Thränenpfuhl 13

Drittes Kapitel. Caucus-Rennen und was daraus wird. . 22

Viertes Kapitel. Die Wohnung des Kaninchens 31

Fünftes Kapitel. Guter Rath von einer Raupe 42

Sechstes Kapitel: Ferkel und Pfeffer 53

Siebentes Kapitel. Die tolle Theegesellschaft 67

Achtes Kapitel. Das Croquetfeld der Königin. . 79

Neuntes Kapitel. Die Geschichte der falschen Schildkröte ...92

Zehntes Kapitel. Das Hummerballet 104

Elftes Kapitel. Wer hat die Kuchen gestohlen? 114

Zwölftes Kapitel. Alice ist die Klügste 124

1


Der Verfasser wünscht hiermit seine Anerkennung gegen die

Übersetzerin auszusprechen, die einige eingestreute Parodien

englischer Kinderlieder, welche der deutschen Jugend unverständlich

gewesen wären, durch dergleichen von bekannten deutschen

Gedichten ersetzt hat. Ebenso sind für die oft unübersetzbaren

englischen Wortspiele passende deutsche eingeschoben worden,

welche das Buch allein der Gewandtheit der Übersetzerin verdankt.

O schöner, goldner Nachmittag,

Wo Flut und Himmel lacht!

Von schwacher Kindeshand bewegt,

Die Ruder plätschern sacht ­

Das Steuer hält ein Kindesarm

Und lenket unsre Fahrt.

So fuhren wir gemächlich hin

Auf träumerischen Wellen ­

Doch ach! die drei vereinten sich,

Den müden Freund zu quälen ­

Sie trieben ihn, sie drängten ihn,

Ein Mährchen zu erzählen.

Die Erste gab′s Commandowort;

O schnell, o fange an!

Und mach′ es so, die Zweite bat,

Daß man recht lachen kann!

Die Dritte ließ ihm keine Ruh

Mit wie? und wo? und wann?

Jetzt lauschen sie vom Zauberland

Der wunderbaren Mähr′;

Mit Thier und Vogel sind sie bald

In freundlichem Verkehr,

Und fühlen sich so heimisch dort,

Als ob es Wahrheit wär′. ­

2


Und jedes Mal, wenn Fantasie

Dem Freunde ganz versiegt: ­

»Das Übrige ein ander Mal!«

O nein, sie leiden′s nicht.

»Es ist ja schon ein ander Mal!« ­

So rufen sie vergnügt.

So ward vom schönen Wunderland

Das Märchen ausgedacht,

So langsam Stück für Stück erzählt,

Beplaudert und belacht,

Und froh, als es zu Ende war,

Der Weg nach Haus gemacht.

Alice! o nimm es freundlich an!

Leg′ es mit güt′ger Hand

Zum Strauße, den Erinnerung

Aus Kindheitsträumen band,

Gleich welken Blüthen, mitgebracht

Aus liebem, fernen Land.

3


4


Erstes Kapitel. Hinunter in den Kaninchenbau

Alice fing an sich zu langweilen; sie saß schon lange bei ihrer

Schwester am Ufer und hatte nichts zu thun. Das Buch, das ihre

Schwester las, gefiel ihr nicht; denn es waren weder Bilder noch

Gespräche darin. »Und was nützen Bücher,« dachte Alice, »ohne

Bilder und Gespräche?«

Sie überlegte sich eben, (so gut es ging, denn sie war schläfrig

und dumm von der Hitze,) ob es der Mühe werth sei aufzustehen

und Gänseblümchen zu pflücken, um eine Kette damit zu machen,

als plötzlich ein weißes Kaninchen mit rothen Augen dicht an ihr

vorbeirannte.

Dies war grade nicht

sehr

merkwürdig; Alice fand es auch nicht

sehr

außerordentlich, daß sie das Kaninchen sagen hörte: »O weh, o

weh! Ich werde zu spät kommen!« (Als sie es später wieder

5


überlegte, fiel ihr ein, daß sie sich darüber hätte wundern sollen;

doch zur Zeit kam es ihr Alles ganz natürlich vor.) Aber als das

Kaninchen

seine Uhr aus der

Westentasche zog,

nach der Zeit sah und
eilig fortlief, sprang Alice auf;

denn es war ihr doch noch nie

vorgekommen, ein Kaninchen mit einer Westentasche und einer

Uhr darin zu sehen. Vor Neugierde brennend, rannte sie ihm nach

über den Grasplatz, und kam noch zur rechten Zeit, um es in ein

großes Loch unter der Hecke schlüpfen zu sehen.

Den nächsten Augenblick war sie ihm nach in das Loch

hineingesprungen, ohne zu bedenken, wie in aller Welt sie wieder

herauskommen könnte.

Der Eingang zum Kaninchenbau lief erst geradeaus, wie ein

Tunnel, und ging dann plötzlich abwärts; ehe Alice noch den

Gedanken fassen konnte sich schnell festzuhalten, fühlte sie schon,

daß sie fiel, wie es schien, in einen tiefen, tiefen Brunnen.

Entweder mußte der Brunnen sehr tief sein, oder sie fiel sehr

langsam; denn sie hatte Zeit genug, sich beim Fallen umzusehen und

sich zu wundern, was nun wohl geschehen würde. Zuerst versuchte

sie hinunter zu sehen, um zu wissen wohin sie käme, aber es war zu

dunkel etwas zu erkennen. Da besah sie die Wände des Brunnens

und bemerkte, daß sie mit Küchenschränken und Bücherbrettern

bedeckt waren; hier und da erblickte sie Landkarten und Bilder, an

Haken aufgehängt. Sie nahm im Vorbeifallen von einem der Bretter

ein Töpfchen mit der Aufschrift: »

Eingemachte Apfelsinen

«, aber zu

ihrem großen Verdruß war es leer. Sie wollte es nicht fallen lassen,

aus Furcht Jemand unter sich zu tödten; und es gelang ihr, es in

einen andern Schrank, an dem sie vorbeikam, zu schieben.

»Nun!« dachte Alice bei sich, »nach einem solchen Fall werde ich

mir nichts daraus machen, wenn ich die Treppe hinunter stolpere.

Wie muthig sie mich zu Haus finden werden! Ich würde nicht viel

Redens machen, wenn ich selbst von der Dachspitze hinunter

fiele!« (Was sehr wahrscheinlich war.)

6


Hinunter, hinunter, hinunter! Wollte denn der Fall nie

endigen? »Wie viele Meilen ich wohl jetzt gefallen bin!« sagte sie

laut. »Ich muß ungefähr am Mittelpunkt der Erde sein. Laß sehen:

das wären achthundert und funfzig Meilen, glaube ich ­« (denn ihr

müßt wissen, Alice hatte dergleichen in der Schule gelernt, und

obgleich dies keine

sehr

gute Gelegenheit war, ihre Kenntnisse zu

zeigen, da Niemand zum Zuhören da war, so übte sie es sich doch

dabei ein) ­ »ja, das ist ungefähr die Entfernung; aber zu welchem

Länge- und Breitegrade ich wohl gekommen sein mag?« (Alice hatte

nicht den geringsten Begriff, was weder Längegrad noch Breitegrad

war; doch klangen ihr die Worte großartig und nett zu sagen.)

Bald fing sie wieder an. »Ob ich wohl ganz durch die Erde fallen

werde! Wie komisch das sein wird, bei den Leuten heraus zu

kommen, die auf dem Kopfe gehen! die Antipathien, glaube

ich.« (Diesmal war es ihr ganz lieb, daß Niemand zuhörte, denn das

Wort klang ihr gar nicht recht.) »Aber natürlich werde ich sie fragen

müssen, wie das Land heißt. Bitte, liebe Dame, ist dies Neu-Seeland

oder Australien?« (Und sie versuchte dabei zu knixen, ­ denkt doch,

knixen, wenn man durch die Luft fällt! Könntet ihr das fertig

kriegen?) »Aber sie werden mich für ein unwissendes kleines

Mädchen halten, wenn ich frage! Nein, es geht nicht an zu fragen;

vielleicht sehe ich es irgendwo angeschrieben.«

Hinunter, hinunter, hinunter! Sie konnte nichts weiter thun, also

fing

Alice

bald wieder zu sprechen an. »

Dinah

wird mich gewiß heut

Abend recht suchen!« (

Dinah

war die Katze.) »Ich hoffe, sie werden

ihren Napf Milch zur Theestunde nicht vergessen.

Dinah

! Miez! ich

wollte, du wärest hier unten bei mir. Mir ist nur bange, es giebt keine

Mäuse in der Luft; aber du könntest einen Spatzen fangen; die wird

es hier in der Luft wohl geben, glaubst du nicht? Und Katzen

fressen doch Spatzen?« Hier wurde Alice etwas schläfrig und redete

halb im Traum fort. »Fressen Katzen gern Spatzen? Fressen Katzen

gern Spatzen? Fressen Spatzen gern Katzen?« Und da ihr Niemand

zu antworten brauchte, so kam es gar nicht darauf an, wie sie die

Frage stellte. Sie fühlte, daß sie einschlief und hatte eben

7


angefangen zu träumen, sie gehe Hand in Hand mit

Dinah

spazieren,

und frage sie ganz ernsthaft: »Nun, Dinah,

sage die Wahrheit, hast du je
einen Spatzen gefressen?« da mit einem

Male, plump! plump! kam sie auf

einen Haufen trocknes Laub und Reisig zu liegen, ­ und der Fall war

aus.

Alice hatte sich gar nicht weh gethan. Sie sprang sogleich auf

und sah in die Höhe; aber es war dunkel über ihr. Vor ihr lag ein

zweiter langer Gang, und sie konnte noch eben das weiße

Kaninchen darin entlang laufen sehen. Es war kein Augenblick zu

verlieren: fort rannte Alice wie der Wind, und hörte es gerade noch

sagen, als es um eine Ecke bog: »O, Ohren und Schnurrbart, wie

spät es ist!« Sie war dicht hinter ihm, aber als sie um die Ecke bog,

da war das Kaninchen nicht mehr zu sehen. Sie befand sich in einem

langen, niedrigen Corridor, der durch eine Reihe Lampen erleuchtet

war, die von der Decke herabhingen.

Zu beiden Seiten des Corridors waren Thüren; aber sie waren

alle verschlossen. Alice versuchte jede Thür erst auf einer Seite,

dann auf der andern; endlich ging sie traurig in der Mitte entlang,

überlegend, wie sie je heraus kommen könnte.

8


Plötzlich stand sie vor einem kleinen dreibeinigen Tische,

ganz
von dickem Glas.

Es war nichts darauf als ein winziges goldenes

Schlüsselchen, und

Alice′s

erster Gedanke war, dies möchte zu einer

der Thüren des Corridors gehören. Aber ach! entweder waren die

Schlösser zu groß, oder der Schlüssel zu klein; kurz, er paßte zu

keiner einzigen. Jedoch, als sie das zweite Mal herum ging, kam sie

an einen niedrigen Vorhang, den sie vorher nicht bemerkt hatte, und

dahinter war eine Thür, ungefähr funfzehn Zoll hoch. Sie steckte

das goldene Schlüsselchen in′s Schlüsselloch, und zu ihrer großen

Freude paßte es.

Alice schloß die Thür auf und fand, daß sie zu einem kleinen

Gange führte, nicht viel größer als ein Mäuseloch. Sie kniete nieder

und sah durch den Gang in den reizendsten Garten, den man sich

denken kann. Wie wünschte sie, aus dem dunklen Corridor zu

gelangen, und unter den bunten Blumenbeeten und kühlen

Springbrunnen umher zu wandern; aber sie konnte kaum den Kopf

durch den Eingang stecken. »Und wenn auch mein Kopf hindurch

ginge,« dachte die arme Alice, »was würde es nützen ohne die

Schultern. O, ich möchte mich zusammenschieben können wie ein

Teleskop! Das geht ganz gewiß, wenn ich nur wüßte, wie man es

anfängt.« Denn es war kürzlich so viel Merkwürdiges mit ihr

vorgegangen, daß Alice anfing zu glauben, es sei fast nichts

unmöglich.

9


Es schien ihr ganz unnütz, länger bei der kleinen Thür zu warten.

Daher ging sie zum Tisch zurück, halb und halb hoffend, sie würde

noch einen Schlüssel darauf finden, oder jedenfalls ein Buch mit

Anweisungen, wie man sich als Teleskop zusammenschieben könne.

Diesmal fand sie ein Fläschchen darauf. »Das gewiß vorhin nicht

hier stand,« sagte Alice; und um den Hals des Fläschchens war ein

Zettel gebunden, mit den Worten »

Trinke mich

!« wunderschön in

großen Buchstaben drauf gedruckt.

Es war bald gesagt, »Trinke mich«, aber die altkluge kleine Alice

wollte sich damit nicht übereilen. »Nein, ich werde erst

nachsehen,« sprach sie, »ob ein Todtenkopf darauf ist oder

nicht.« Denn sie hatte mehre hübsche Geschichten gelesen von

Kindern, die sich verbrannt hatten oder sich von wilden Thieren

hatten fressen lassen, und in andere unangenehme Lagen gerathen

waren, nur weil sie nicht an die Warnungen dachten, die ihre

Freunde ihnen gegeben hatten; zum Beispiel, daß ein rothglühendes

Eisen brennt, wenn man es anfaßt; und daß wenn man sich mit

einem Messer tief in den Finger schneidet, es gewöhnlich blutet.

10


Und sie hatte nicht vergessen, daß wenn man viel aus einer Flasche

mit einem Todtenkopf darauf trinkt, es einem unfehlbar schlecht

bekommt.

Diese Flasche jedoch hatte keinen Todtenkopf. Daher wagte

Alice zu kosten; und da es ihr gut schmeckte (es war eigentlich wie

ein Gemisch von Kirschkuchen, Sahnensauce, Ananas, Putenbraten,

Naute und Armen Rittern), so trank sie die Flasche aus.

»Was für ein komisches Gefühl!« sagte Alice. »Ich gehe gewiß zu

wie ein Teleskop.«

Und so war es in der That: jetzt war sie nur noch zehn Zoll hoch,

und ihr Gesicht leuchtete bei dem Gedanken, daß sie nun die rechte

Höhe habe, um durch die kleine Thür in den schönen Garten zu

gehen. Doch erst wartete sie einige Minuten, ob sie noch mehr

einschrumpfen werde. Sie war einigermaßen ängstlich; »denn es

könnte damit aufhören,« sagte Alice zu sich selbst, »daß ich ganz

ausginge, wie ein Licht. Mich wundert, wie ich dann aussähe?« Und

sie versuchte sich vorzustellen, wie die Flamme von einem Lichte

aussieht, wenn das Licht ausgeblasen ist; aber sie konnte sich nicht

erinnern, dies je gesehen zu haben.

Nach einer Weile, als sie merkte daß weiter nichts geschah,

beschloß sie, gleich in den Garten zu gehen. Aber, arme Alice! als sie

an die Thür kam, hatte sie das goldene Schlüsselchen vergessen. Sie

ging nach dem Tische zurück, es zu holen, fand aber, daß sie es

unmöglich erreichen konnte. Sie sah es ganz deutlich durch das

Glas, und sie gab sich alle Mühe an einem der Tischfüße hinauf zu

klettern, aber er war zu glatt; und als sie sich ganz müde gearbeitet

hatte, setzte sich das arme, kleine Ding hin und weinte.

11


»Still, was nützt es so zu weinen!« sagte Alice ganz böse zu sich

selbst; »ich rathe dir, den Augenblick aufzuhören!« Sie gab sich oft

sehr guten Rath (obgleich sie ihn selten befolgte), und manchmal

schalt sie sich selbst so strenge, daß sie sich zum Weinen brachte;

und einmal, erinnerte sie sich, hatte sie versucht sich eine Ohrfeige

zu geben, weil sie im Croquet betrogen hatte, als sie gegen sich

selbst spielte; denn dieses eigenthümliche Kind stellte sehr gern zwei

Personen vor. »Aber jetzt hilft es zu nichts,« dachte die arme

Alice, »zu thun als ob ich zwei verschiedene Personen wäre. Ach! es

ist ja kaum genug von mir übrig zu

einer

anständigen Person!«

Bald fiel ihr Auge auf eine kleine Glasbüchse, die unter dem

Tische lag; sie öffnete sie und fand einen sehr kleinen Kuchen darin,

auf welchem die Worte »

Iß mich!

« schön in kleinen Rosinen

geschrieben standen. »Gut, ich will ihn essen,« sagte Alice, »und

wenn ich davon größer werden, so kann ich den Schlüssel erreichen;

wenn ich aber kleiner davon werde, so kann ich unter der Thür

durchkriechen. So, auf jeden Fall, gelange ich in den Garten, ­ es ist

mir einerlei wie.«

Sie aß ein Bißchen, und sagte neugierig zu sich selbst: »Aufwärts

oder abwärts?« Dabei hielt sie die Hand prüfend auf ihren Kopf

und war ganz erstaunt zu bemerken, daß sie dieselbe Größe behielt.

Freilich geschieht dies gewöhnlich, wenn man Kuchen ißt; aber

Alice war schon so an wunderbare Dinge gewöhnt, daß es ihr ganz

langweilig schien, wenn das Leben so natürlich fortging.

Sie machte sich also daran, und verzehrte den Kuchen völlig.

12


Zweites Kapitel. Der Thränenpfuhl

»Verquerer und verquerer!« rief Alice. (Sie war so überrascht, daß sie

im Augenblick ihre eigene

Sprache

ganz vergaß) »Jetzt werde ich

auseinander geschoben wie das längste Teleskop das es je gab! Lebt

wohl, Füße!«

13


(Denn als sie auf ihre Füße hinabsah, konnte sie sie kaum mehr

zu Gesicht bekommen, so weit fort waren sie schon.) »O meine

armen Füßchen! wer euch wohl nun Schuhe und Strümpfe anziehen

wird, meine Besten? denn ich kann es unmöglich thun! Ich bin viel

zu weit ab, um mich mit euch abzugeben! ihr müßt sehen, wie ihr

fertig werdet. Aber gut muß ich zu ihnen sein,« dachte Alice, »sonst

gehen sie vielleicht nicht, wohin ich gehen möchte. Laß mal sehen:

ich will ihnen jeden Weihnachten ein Paar neue Stiefel schenken.«

Und sie dachte sich aus, wie sie das anfangen würde. »Sie müssen

per Fracht gehen,« dachte sie; »wie drollig es sein wird, seinen eignen

Füßen ein Geschenk zu schicken! und wie komisch die Adresse

aussehen wird! ­«

An

Alice′s rechten Fuß, Wohlgeboren,

Fußteppich,

nicht weit vom Kamin,

(mit Alice′s Grüßen).

»Oh, was für Unsinn ich schwatze!«

Gerade in dem Augenblick stieß sie mit dem Kopf an die Decke:

sie war in der That über neun Fuß groß: Und sie nahm sogleich den

kleinen goldenen Schlüssel auf und rannte nach der Gartenthür.

Arme Alice! das Höchste was sie thun konnte war, auf der Seite

liegend, mit einem Auge nach dem Garten hinunterzusehen; aber an

Durchgehen war weniger als je zu denken. Sie setzte sich hin und

fing wieder an zu weinen.

14


»Du solltest dich schämen,« sagte Alice, »solch großes

Mädchen« (da hatte sie wohl recht) »noch so zu weinen! Höre gleich

auf, sage ich dir!« Aber sie weinte trotzdem fort, und vergoß

Thränen eimerweise, bis sich zuletzt ein großer Pfuhl um sie bildete,

ungefähr vier Zoll tief und den halben Corridor lang.

Nach einem Weilchen hörte sie Schritte in der Entfernung und

trocknete schnell ihre Thränen, um zu sehen wer es sei. Es war das

weiße Kaninchen, das prachtvoll geputzt zurückkam, mit einem Paar

weißen Handschuhen in einer Hand und einem Fächer in der

andern. Es trippelte in großer Eile entlang vor sich hin redend: »Oh!

die Herzogin, die Herzogin! die wird mal außer sich sein, wenn ich

sie warten lasse!« Alice war so rathlos, daß sie Jeden um Hülfe

angerufen hätte. Als das Kaninchen daher in ihre Nähe kam, fing sie

mit leiser, schüchterner Stimme an: »Bitte, lieber Herr. ­« Das

Kaninchen fuhr zusammen, ließ die weißen Handschuhe und den

Fächer fallen und lief davon in die Nacht hinein, so schnell es

konnte.

Alice nahm den Fächer und die Handschuhe auf, und da der

Gang sehr heiß war, fächelte sie sich, während sie so zu sich selbst

sprach: »Wunderbar! ­ wie seltsam heute Alles ist! Und gestern war

es ganz wie gewöhnlich. Ob ich wohl in der Nacht umgewechselt

worden bin? Laß mal sehen: war ich dieselbe, als ich heute früh

aufstand? Es kommt mir fast vor, als hätte ich wie eine Veränderung

in mir gefühlt. Aber wenn ich nicht dieselbe bin, dann ist die Frage:

wer in aller Welt bin ich? Ja, das ist das Räthsel!« So ging sie in

Gedanken alle Kinder ihres Alters durch, die sie kannte, um zu

sehen, ob sie in eins davon verwandelt wäre.

15


»Ich bin sicherlich nicht Ida,« sagte sie, »denn die trägt lange

Locken, und mein Haar ist gar nicht lockig; und bestimmt kann ich

nicht Clara sein, denn ich weiß eine ganze Menge, und sie, oh! sie

weiß so sehr wenig! Außerdem, sie ist sie selbst, und ich bin ich,

und, o wie confus es Alles ist! Ich will versuchen, ob ich noch Alles

weiß, was ich sonst wußte. Laß sehen: vier mal fünf ist zwölf, und

vier mal sechs ist dreizehn, und vier mal sieben ist ­ o weh! auf die

Art komme ich nie bis zwanzig! Aber, das Einmaleins hat nicht so

viel zu sagen; ich will Geographie nehmen. London ist die

Hauptstadt von Paris, und Paris ist die Hauptstadt von Rom, und

Rom ­ nein, ich wette, das ist Alles falsch! Ich muß in Clara

verwandelt sein! Ich will doch einmal sehen, ob ich sagen kann: >Bei

einem Wirthe ­hersagte, und fing an, aber ihre Stimme klang rauh und ungewohnt,

und die Worte kamen nicht wie sonst: ­

16


»Bei einem Wirthe, wunderwild,

Da war ich jüngst zu Gaste,

Ein Bienennest das war sein Schild

In einer braunen Tatze.

Es war der grimme Zottelbär,

Bei dem ich eingekehret;

Mit süßem Honigseim hat er

Sich selber wohl genähret!«

»Das kommt mir gar nicht richtig vor,« sagte die arme Alice, und

Thränen kamen ihr in die Augen, als sie weiter sprach: »Ich muß

doch Clara sein, und ich werde in dem alten kleinen Hause wohnen

müssen, und beinah keine Spielsachen zum Spielen haben, und ach!

so viel zu lernen. Nein, das habe ich mir vorgenommen: wenn ich

Clara bin, will ich hier unten bleiben! Es soll ihnen nichts helfen,

wenn sie die Köpfe zusammenstecken und herunter rufen: >Komm

wieder herauf, Herzchen!wer bin ich denn? Sagt mir das erst, und dann, wenn ich die Person

gern bin, will ich kommen; wo nicht, so will ich hier unten bleiben,

bis ich jemand Anderes bin. ­ Aber o weh!« schluchzte Alice

plötzlich auf, »ich wünschte, sie sähen herunter! Es ist mir so

langweilig, hier ganz allein zu sein!«

Als sie so sprach, sah sie auf ihre Hände hinab und bemerkte mit

Erstaunen, daß sie beim Reden einen von den weißen Glacee-

Handschuhen des Kaninchens angezogen hatte. »Wie habe ich das

nur angefangen?« dachte sie. »Ich muß wieder klein geworden

sein.« Sie stand auf, ging nach dem Tische, um sich daran zu messen,

17


und fand, daß sie jetzt ungefähr zwei Fuß hoch sei, dabei

schrumpfte sie noch zusehends ein: sie merkte bald, daß die Ursache

davon der Fächer war, den sie hielt; sie warf ihn schnell hin, noch

zur rechten Zeit, sich vor gänzlichem Verschwinden zu retten.

»Das war glücklich davon gekommen!« sagte Alice sehr

erschrocken über die plötzliche Veränderung, aber froh, daß sie

noch existirte; »und nun in den Garten!« und sie lief eilig nach der

kleinen Thür: aber ach! die kleine Thür war wieder verschlossen und

das goldene Schlüsselchen lag auf dem Glastische wie vorher. »Und

es ist schlimmer als je,« dachte das arme Kind, »denn so klein bin ich

noch nie gewesen, nein, nie! Und ich sage, es ist zu schlecht, ist es!«

Wie sie diese Worte sprach, glitt sie aus, und den nächsten

Augenblick, platsch! fiel sie bis an′s Kinn in Salzwasser. Ihr erster

Gedanke war, sie sei in die See gefallen, »und in dem Fall kann ich

mit der Eisenbahn zurückreisen,« sprach sie bei sich (Alice war

einmal in ihrem Leben an der See gewesen und war zu dem

allgemeinen Schluß gelangt, daß wo man auch an′s Seeufer kommt,

man eine Anzahl Bademaschinen im Wasser findet, Kinder, die den

Sand mit hölzernen Spaten aufgraben, dann eine Reihe Wohnhäuser

und dahinter eine Eisenbahn-Station); doch merkte sie bald, daß sie

sich in dem Thränenpfuhl befand, den sie geweint hatte, als sie neun

Fuß hoch war.

18


»Ich wünschte, ich hätte nicht so sehr geweint!« sagte Alice, als

sie umherschwamm und sich herauszuhelfen suchte; »jetzt werde ich

wohl dafür bestraft werden und in meinen eigenen Thränen

ertrinken! Das wird sonderbar sein, das! Aber Alles ist heut so

sonderbar.«

In dem Augenblick hörte sie nicht weit davon etwas in dem

Pfuhle plätschern, und sie schwamm danach, zu sehen was es sei:

erst glaubte sie, es müsse ein Wallroß oder ein Nilpferd sein, dann

aber besann sie sich, wie klein sie jetzt war, und merkte bald, daß es

nur eine Maus sei, die wie sie hineingefallen war.

»Würde es wohl etwas nützen,« dachte Alice, »diese Maus

anzureden? Alles ist so wunderlich hier unten, daß ich glauben

möchte, sie kann sprechen; auf jeden Fall habe ich das Fragen

umsonst.« Demnach fing sie an: »O Maus, weißt du, wie man aus

diesem Pfuhle gelangt, ich bin von dem Herumschwimmen ganz

müde, o Maus!« (Alice dachte, so würde eine Maus richtig angeredet;

sie hatte es zwar noch nie gethan, aber sie erinnerte sich ganz gut, in

ihres Bruders lateinischer Grammatik gelesen zu haben »Eine Maus

­ einer Maus ­ einer Maus ­ eine Maus ­ o Maus!«)

Die Maus sah sie etwas neugierig an und schien ihr mit dem

einen Auge zu blinzeln; aber sie sagte nichts.

»Vielleicht versteht sie nicht Englisch,« dachte Alice, »es ist

vielleicht eine französische Maus, die mit Wilhelm dem Eroberer

herüber gekommen ist« (denn, trotz ihrer Geschichtskenntniß hatte

Alice keinen ganz klaren Begriff, wie lange irgend ein Ereigniß her

sei): Sie fing also wieder an:

»Où est ma chatte?«

was der erste Satz in

ihrem französischen Conversationsbuche war. Die Maus sprang

hoch auf aus dem Wasser, und schien vor Angst am ganzen Leibe

zu beben. »O, ich bitte um Verzeihung!« rief Alice schnell,

erschrocken, daß sie das arme Thier verletzt habe. »Ich hatte ganz

vergessen, daß Sie Katzen nicht mögen.«

19


»Katzen nicht mögen!« schrie die Maus mit kreischender,

wüthender Stimme. »Würdest du Katzen mögen, wenn du an meiner

Stelle wärest?«

»Nein, wohl kaum,« sagte Alice in zuredendem Tone: »sei nicht

mehr böse darüber. Und doch möchte ich dir unsere Katze Dinah

zeigen können. Ich glaube, du würdest Geschmack für Katzen

bekommen, wenn du sie nur sehen könntest. Sie ist ein so liebes

ruhiges Thier,« sprach Alice fort, halb zu sich selbst, wie sie

gemüthlich im Pfuhle daherschwamm; »sie sitzt und spinnt so nett

beim Feuer, leckt sich die Pfoten und wäscht sich das Schnäuzchen

­ und sie ist solch famoser Mäusefänger ­ oh, ich bitte um

Verzeihung!« sagte Alice wieder, denn diesmal sträubte sich das

ganze Fell der armen Maus, und Alice dachte, sie müßte sicherlich

sehr beleidigt sein. »Wir wollen nicht mehr davon reden, wenn du es

nicht gern hast.«

»Wir, wirklich!« entgegnete die Maus, die bis zur Schwanzspitze

zitterte. »Als ob ich je über solchen Gegenstand spräche! Unsere

Familie hat von jeher Katzen verabscheut: häßliche, niedrige,

gemeine Dinger! Laß mich ihren Namen nicht wieder hören!«

»Nein, gewiß nicht!« sagte Alice, eifrig bemüht, einen andern

Gegenstand der Unterhaltung zu suchen. »Magst du ­ magst du

gern Hunde?« Die Maus antwortete nicht, daher fuhr Alice eifrig

fort: »Es wohnt ein so reizender kleiner Hund nicht weit von

unserm Hause. Den möchte ich dir zeigen können! Ein kleiner

klaräugiger Wachtelhund, weißt du, ach, mit solch krausem braunen

Fell! Und er apportirt Alles, was man ihm hinwirft, und er kann

aufrecht stehen und um sein Essen betteln, und so viel Kunststücke

­ ich kann mich kaum auf die Hälfte besinnen ­ und er gehört

einem Amtmann, weißt du, und er sagt, er ist so nützlich, er ist ihm

hundert Pfund werth! Er sagt, er vertilgt alle Ratten und ­ oh wie

dumm!« sagte Alice in reumüthigem Tone. »Ich fürchte, ich habe ihr

20


wieder weh gethan!« Denn die Maus schwamm so schnell sie konnte

von ihr fort und brachte den Pfuhl dadurch in förmliche Bewegung.

Sie rief ihr daher zärtlich nach: »Liebes Mäuschen! Komm wieder

zurück, und wir wollen weder von Katzen noch von Hunden reden,

wenn du sie nicht gern hast!« Als die Maus das hörte, wandte sie sich

um und schwamm langsam zu ihr zurück; ihr Gesicht war ganz blaß

(vor Ärger, dachte Alice), und sie sagte mit leiser, zitternder

Stimme: »Komm mit mir an′s Ufer, da will ich dir meine Geschichte

erzählen; dann wirst du begreifen, warum ich Katzen und Hunde

nicht leiden kann.«

Es war hohe Zeit sich fortzumachen; denn der Pfuhl begann von

allerlei Vögeln und Getier zu wimmeln, die hinein gefallen waren: da

war eine Ente und ein Dodo, ein rother Papagei und ein junger

Adler, und mehrere andere merkwürdige Geschöpfe. Alice führte sie

an, und die ganze Gesellschaft schwamm an′s Ufer.

21


Drittes Kapitel. Caucus-Rennen und was daraus wird

Es war in der That eine wunderliche Gesellschaft, die sich am

Strande versammelte ­ die Vögel mit triefenden Federn, die übrigen

Thiere mit fest anliegendem Fell, Alle durch und durch naß,

verstimmt und unbehaglich. ­

Die erste Frage war, wie sie sich trocknen könnten: es wurde eine

Berathung darüber gehalten, und nach wenigen Minuten kam es

Alice ganz natürlich vor, vertraulich mit ihnen zu schwatzen, als ob

sie sie ihr ganzes Leben gekannt hätte. Sie hatte sogar eine lange

Auseinandersetzung mit dem Papagei, der zuletzt brummig wurde

und nur noch sagte: »ich bin älter als du und muß es besser

wissen;« dies wollte Alice nicht zugeben und fragte nach seinem

Alter, und da der Papagei es durchaus nicht sagen wollte, so blieb

die Sache unentschieden.

Endlich rief die Maus, welche eine Person von Gewicht unter

ihnen zu sein schien: »Setzt euch, ihr Alle, und hört mir zu! ich will

euch bald genug trocken machen!« Alle setzten sich sogleich in einen

großen Kreis nieder, die Maus in der Mitte. Alice hatte die Augen

22


erwartungsvoll auf sie gerichtet, denn sie war überzeugt, sie werde

sich entsetzlich erkälten, wenn sie nicht sehr bald trocken würde.

»Hm!« sagte die Maus mit wichtiger Miene, »seid ihr Alle so weit?

Es ist das Trockenste, worauf ich mich besinnen kann. Alle still,

wenn ich bitten darf! ­ Wilhelm der Eroberer, dessen Ansprüche

vom Papste begünstigt wurden, fand bald Anhang unter den

Engländern, die einen Anführer brauchten, und die in jener Zeit

sehr an Usurpation und Eroberungen gewöhnt waren. Edwin und

Morcar, Grafen von Mercia und Northumbria ­«

»

Ooooh

!« gähnte der Papagei und schüttelte sich.

»Bitte um Verzeihung!« sprach die Maus mit gerunzelter Stirne,

aber sehr höflich; »bemerkten Sie etwas?«

»Ich nicht!« erwiederte schnell der Papagei.

»Es kam mir so vor,« sagte die Maus. ­ »Ich fahre fort: Edwin

und Morcar, Grafen von Mercia und Northumbria, erklärten sich

für ihn; und selbst Stigand, der patriotische Erzbischof von

Canterbury fand es rathsam ­«

»Fand

was

?« unterbrach die Ente.

»Fand

es,

« antwortete die Maus ziemlich aufgebracht: »du wirst doch

wohl wissen, was

es

bedeutet.«

»Ich weiß sehr wohl, was

es

bedeutet, wenn ich etwas finde,« sagte

die Ente: »

es

ist gewöhnlich ein Frosch oder ein Wurm. Die Frage

ist, was fand der Erzbischof?«

Die Maus beachtete die Frage nicht, sondern fuhr hastig fort:

­ »fand es rathsam, von Edgar Atheling begleitet, Wilhelm entgegen

zu gehen und ihm die Krone anzubieten. Wilhelms Benehmen war

23


zuerst gemäßigt, aber die Unverschämtheit seiner Normannen ­ wie

steht′s jetzt, Liebe?« fuhr sie fort, sich an Alice wendend.

»Noch ganz eben so naß,« sagte Alice schwermüthig; »es scheint

mich gar nicht trocken zu machen.«

»In dem Fall,« sagte der Dodo feierlich, indem er sich

erhob, »stelle ich den Antrag, daß die Versammlung sich vertage und

zur unmittelbaren Anwendung von wirksameren Mitteln schreite.«

»Sprich deutlich!« sagte der Adler. »Ich verstehe den Sinn von

deinen langen Wörtern nicht, und ich wette, du auch nicht!« Und der

Adler bückte sich, um ein Lächeln zu verbergen; einige der andern

Vögel kicherten hörbar.

»Was ich sagen wollte,« sprach der Dodo in gereiztem

Tone, »war, daß das beste Mittel uns zu trocknen ein Caucus-Rennen

wäre.«

»Was ist ein Caucus-Rennen?« fragte Alice, nicht daß ihr viel

daran lag es zu wissen; aber der Dodo hatte angehalten, als ob er

eine Frage erwartete, und Niemand anders schien aufgelegt zu

reden.

»Nun,« meinte der Dodo, »die beste Art, es zu erklären, ist, es zu

spielen.« (Und da ihr vielleicht das Spiel selbst einen Winter-

Nachmittag versuchen möchtet, so will ich erzählen, wie der Dodo

es anfing.)

Erst bezeichnete er die Bahn, eine Art Kreis (»es kommt nicht

genau auf die Form an,« sagte er), und dann wurde die ganze

Gesellschaft hier und da auf der Bahn aufgestellt. Es wurde

kein: »eins, zwei, drei, fort!« gezählt, sondern sie fingen an zu laufen

wenn es ihnen einfiel, hörten auf wie es ihnen einfiel, so daß es

nicht leicht zu entscheiden war, wann das Rennen zu Ende war. Als

sie jedoch ungefähr eine halbe Stunde gerannt und vollständig

24


getrocknet waren, rief der Dodo plötzlich: »Das Rennen ist

aus!« und sie drängten sich um ihn, außer Athem, mit der

Frage: »Aber wer hat gewonnen?«

Diese Frage konnte der Dodo nicht ohne tiefes Nachdenken

beantworten, und er saß lange mit einem Finger an die Stirn gelegt

(die Stellung, in der ihr meistens Shakespeare in seinen Bildern seht),

während die Übrigen schweigend auf ihn warteten. Endlich sprach

der Dodo: »Jeder hat gewonnen, und Alle sollen Preise haben.«

»Aber wer soll die Preise geben?« fragte ein ganzer Chor von

Stimmen.

»Versteht sich, sie!« sagte der Dodo, mit dem Finger auf Alice

zeigend; und sogleich umgab sie die ganze Gesellschaft, Alle durch

einander rufend: »Preise Preise!«

Alice wußte nicht im Geringsten, was da zu thun sei; in ihrer

Verzweiflung fuhr sie mit der Hand in die Tasche, und zog eine

Schachtel Zuckerplätzchen hervor (glücklicherweise war das

25


Salzwasser nicht hinein gedrungen); die vertheilte sie als Preise. Sie

reichten gerade herum, eins für Jeden.

»Aber sie selbst muß auch einen Preis bekommen, wißt

ihr,« sagte die Maus.

»Versteht sich,« entgegnete der Dodo ernst. »Was hast du noch in

der Tasche?« fuhr er zu Alice gewandt fort.

»Nur einen Fingerhut,« sagte Alice traurig.

»Reiche ihn mir herüber,« versetzte der Dodo. Darauf

versammelten sich wieder Alle um sie, während der Dodo ihr den

Fingerhut feierlich überreichte, mit den Worten: »Wir bitten, Sie

wollen uns gütigst mit der Annahme dieses eleganten Fingerhutes

beehren;« und als er diese kurze Rede beendigt hatte, folgte

allgemeines Beifallklatschen.

Alice fand dies Alles höchst albern; aber die ganze Gesellschaft

sah so ernst aus, daß sie sich nicht zu lachen getraute, und da ihr

keine passende Antwort einfiel, verbeugte sei sich einfach und nahm

den Fingerhut ganz ehrbar in Empfang.

Nun mußten zunächst die Zuckerplätzchen verzehrt werden, was

nicht wenig Lärm und Verwirrung hervorrief; die großen Vögel

nämlich beklagten sich, daß sie nichts schmecken konnten, die

kleinen aber verschluckten sich und mußten auf den Rücken

geklopft werden. Endlich war auch dies vollbracht, und Alle setzten

sich im Kreis herum und drangen in das Mäuslein, noch etwas zu

erzählen.

»Du hast mir deine Geschichte versprochen,« sagte Alice ­ »und

woher es kommt, daß du K. und H. nicht leiden kannst,« fügte sie

leise hinzu, um nur das niedliche Thierchen nicht wieder böse zu

machen.

26


»Ach,« seufzte das Mäuslein, »ihr macht euch ja aus meinem

Erzählen doch nichts; ich bin euch mit meiner Geschichte zu

langschwänzig und zu tragisch.« Dabei sah sie Alice fragend an.

»Langschwänzig! das muß wahr sein!« rief Alice und sah nun erst

mit rechter Bewunderung auf den geringelten Schwanz der Maus

hinab; »aber wie so tragisch? was trägst du denn?« Während sie noch

darüber nachsann, fing die längschwänzige Erzählung schon an,

folgendergestalt:

Filax sprach zu

der Maus, die

er traf

in dem

Haus:

"Geh′ mit

mir vor

Gericht,

daß ich

dich

verklage.

Komm und

wehr′ dich

nicht mehr;

ich muß

haben ein

Verhör,

denn ich

habe

nichts

zu thun

schon

zwei

Tage."

Sprach die

27


Maus zum

Köter

"Solch

Verhör

lieber Herr,

ohne

Richter,

ohne

Zeugen

thut nicht

Noth."

"Ich bin

Zeuge,

ich bin

Richter."

sprach

er schlau

und schnitt

Gesichter

"das Verhör

leite ich

und

verdamme

dich

zum

Tod!"

»Du paßt nicht auf!« sagte die Maus strenge zu Alice. »Woran

denkst du?«

»Ich bitte um Verzeihung,« sagte Alice sehr bescheiden: »du warst

bis zur fünften Biegung gekommen, glaube ich?«

»Mit nichten!« sagte die Maus entschieden und sehr ärgerlich.

28


»Nichten!« rief Alice, die gern neue Bekanntschaften machte,

und sah sich neugierig überall um. »O, wo sind sie, deine Nichten?

Laß mich gehen und sie her holen!«

»Das werde ich schön bleiben lassen,« sagte die Maus, indem sie

aufstand und fortging. »Deinen Unsinn kann ich nicht mehr mit

anhören!«

»Ich meinte es nicht böse!« entschuldigte sich die arme

Alice. »Aber du bist so sehr empfindlich, du!«

Das Mäuslein brummte nur als Antwort.

»Bitte, komm wieder, und erzähle deine Geschichte aus!« rief

Alice ihr nach; und die Andern wiederholten im Chor: »ja

bitte!« aber das Mäuschen schüttelte unwillig mit dem Kopfe und

ging schnell fort.

»Wie schade, daß es nicht bleiben wollte!« seufzte der Papagei,

sobald es nicht mehr zu sehen war; und eine alte Unke nahm die

Gelegenheit wahr, zu ihrer Tochter zu sagen, »Ja, mein Kind! laß dir

dies eine Lehre sein, niemals

übler

Laune zu sein!« »Halt den Mund,

Mama!« sagte die junge Unke, etwas naseweis.

»Wahrhaftig, du würdest die Geduld einer Auster erschöpfen!«

»Ich wünschte, ich hätte unsere Dinah hier, das wünschte

ich!« sagte Alice laut, ohne Jemand insbesondere anzureden. »Sie

würde sie bald zurückholen!«

»Und wer ist Dinah, wenn ich fragen darf?« sagte der Papagei.

Alice antwortete eifrig, denn sie sprach gar zu gern von ihrem

Liebling: »Dinah ist unsere Katze. Und sie ist auch so geschickt im

Mäusefangen, ihr könnt′s euch gar nicht denken! Und ach, hättet ihr

29


sie nur Vögel jagen sehen. Ich sage euch, sie frißt einen kleinen

Vogel, so wie sie ihn zu Gesicht bekommt.«

Diese Mitteilung verursachte große Aufregung in der

Gesellschaft. Einige der Vögel machten sich augenblicklich davon;

eine alte Elster fing an, sich sorgfältig einzuwickeln, indem sie

bemerkte: »Ich muß wirklich nach Hause gehen; die Nachtluft ist

nicht gut für meinen Hals!« und ein Canarienvogel piepte zitternd zu

seinen Kleinen, »Kommt fort, Kinder! es ist die höchste Zeit für

euch, zu Bett zu gehen!« Unter verschiedenen Entschuldigungen

entfernten sie sich Alle, und Alice war bald ganz allein.

»Hätte ich nur Dinah nicht erwähnt!« sprach sie bei sich mit

betrübtem Tone. »Niemand scheint sie gern zu haben, hier unten,

und dabei ist sie doch die beste Katze von der Welt! Oh, meine liebe

Dinah! ob ich dich wohl je wieder sehen werde!« dabei fing die arme

Alice von Neuem zu weinen an, denn sie fühlte sich gar zu einsam

und muthlos. Nach einem Weilchen jedoch hörte sie wieder ein

Trappeln von Schritten in der Entfernung und blickte aufmerksam

hin, halb in der Hoffnung, daß die Maus sich besonnen habe und

zurückkomme, ihre Geschichte auszuerzählen.

30


Viertes Kapitel. Die Wohnung des Kaninchens

Es war das weiße Kaninchen, das langsam zurückgewandert kam,

indem es sorgfältig beim Gehen umhersah, als ob es etwas verloren

hätte, und sie hörte wie es für sich murmelte: »die Herzogin! die

Herzogin! Oh, meine weichen Pfoten! o mein Fell und Knebelbart!

Sie wird mich hängen lassen, so gewiß Frettchen Frettchen sind! Wo

ich sie kann haben fallen lassen, begreife ich nicht!« Alice errieth

augenblicklich, daß es den Fächer und die weißen

Glaceehandschuhe meinte, und gutmüthig genug fing sie an, danach

umher zu suchen, aber sie waren nirgends zu sehen ­ Alles schien

seit ihrem Bade in dem Pfuhl verwandelt zu sein, und der große

Corridor mit dem Glastische und der kleinen Thür war gänzlich

verschwunden.

Das Kaninchen erblickte Alice bald, und wie sie überall suchte,

rief es ihr ärgerlich zu: »Was, Marianne, was hast du hier zu

schaffen? Renne augenblicklich nach Hause, und hole mir ein Paar

Handschuhe und einen Fächer! Schnell, vorwärts!« Alice war so

erschrocken, daß sie schnell in der angedeuteten Richtung fortlief,

ohne ihm zu erklären, daß es sich versehen habe.

»Es hält mich für sein Hausmädchen,« sprach sie bei sich selbst

und lief weiter. »Wie es sich wundern wird, wenn es erfährt, wer ich

bin! Aber ich will ihm lieber seinen Fächer und seine Handschuhe

bringen ­ nämlich, wenn ich sie finden kann.« Wie sie so sprach,

kam sie an ein nettes kleines Haus, an dessen Thür ein glänzendes

Messingschild war mit dem Namen »

W.

Kaninchen

« darauf. Sie ging
hinein ohne anzuklopfen, lief die Treppe hinauf,

in großer Angst, der

wirklichen Marianne zu begegnen und zum Hause hinausgewiesen

zu werden, ehe sie den Fächer und die Handschuhe gefunden hätte.

»Wie komisch es ist,« sagte Alice bei sich, »Besorgungen für ein

Kaninchen zu machen! Vermuthlich wird mir Dinah nächstens

31


Aufträge geben!« Und sie dachte sich schon aus, wie es Alles

kommen würde:

»Fräulein Alice! Kommen Sie gleich, es ist Zeit zum Ausgehen

für Sie!« »Gleich Kinderfrau! aber ich muß dieses Mäuseloch hier

bewachen bis Dinah wiederkommt, und aufpassen, daß die Maus

nicht herauskommt.« »Nur würde Dinah,« dachte Alice

weiter, »gewiß nicht im Hause bleiben dürfen, wenn sie anfinge, die

Leute so zu commandiren.«

Mittlerweile war sie in ein sauberes kleines Zimmer gelangt, mit

einem Tisch vor dem Fenster und darauf (wie sie gehofft hatte) ein

Fächer und zwei oder drei Paar winziger weißer Glaceehandschuhe;

sie nahm den Fächer und ein Paar Handschuhe und wollte eben das

Zimmer verlassen, als ihr Blick auf ein Fläschchen fiel, das bei dem

Spiegel stand. Diesmal war kein Zettel mit den Worten »

Trink
mich

« darauf, aber trotzdem zog sie den Pfropfen heraus und setzte

es an die Lippen. »Ich weiß,

etwas

Merkwürdiges muß geschehen,

sobald ich esse oder trinke; drum will ich versuchen, was dies

Fläschchen thut. Ich hoffe, es wird mich wieder größer machen;

denn es ist mir sehr langweilig, solch winzig kleines Ding zu sein!«

Richtig, und zwar schneller als sie erwartete: ehe sie das

Fläschchen halb ausgetrunken hatte fühlte sie, wie ihr Kopf an die

Decke stieß, und mußte sich rasch bücken, um sich nicht den Hals

zu brechen. Sie stellte die Flasche hin, indem sie zu sich sagte: »Das

ist ganz genug ­ ich hoffe, ich werde nicht weiter wachsen ­ ich

kann so schon nicht zur Thüre hinaus ­ hätte ich nur nicht so viel

getrunken!«

O weh! es war zu spät, dies zu wünschen. Sie wuchs und wuchs,

und mußte sehr bald auf den Fußboden niederknien; den nächsten

Augenblick war selbst dazu nicht Platz genug, sie legte sich nun hin,

mit einem Ellbogen gegen die Thür gestemmt und den andern Arm

unter dem Kopfe. Immer noch wuchs sie, und als letzte Hülfsquelle

streckte sie einen Arm zum Fenster hinaus und einen Fuß in den

32


Kamin hinauf, und sprach zu sich selbst: »Nun kann ich nicht mehr

thun, was auch geschehen mag. Was

wird

nur aus mir werden?«

Zum Glück für Alice hatte das Zauberfläschchen nun seine volle

Wirkung gehabt, und sie wuchs nicht weiter. Aber es war sehr

unbequem, und da durchaus keine Aussicht war, daß sie je wieder

aus dem Zimmer hinaus komme, so war sie natürlich sehr

unglücklich.

»Es war viel besser zu Hause,« dachte die arme Alice, »wo man

nicht fortwährend größer und kleiner wurde, und sich nicht von

Mäusen und Kaninchen commandiren zu lassen brauchte. Ich

wünschte fast, ich wäre nicht in den Kaninchenbau hineingelaufen ­

aber ­ aber, es ist doch komisch, diese Art Leben! Ich möchte wohl

wissen,

was

eigentlich mit mir vorgegangen ist! Wenn ich Märchen

gelesen habe, habe ich immer gedacht, so etwas käme nie vor, nun

bin ich mitten drin in einem! Es sollte ein Buch von mir geschrieben

werden, und wenn ich groß bin, will ich eins schreiben ­ aber ich

bin ja jetzt groß,« sprach sie betrübt weiter, »wenigstens

hier

habe ich

keinen Platz übrig, noch größer zu werden.«

»Aber,« dachte Alice, »werde ich denn nie älter werden, als ich

jetzt bin? das ist ein Trost ­ nie eine alte Frau zu sein ­ aber dann ­

immer Aufgaben zu lernen zu haben! Oh,

das

möchte ich nicht

gern!«

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»O, du einfältige Alice,« schalt sie sich selbst. »Wie kannst du hier

Aufgaben lernen? Sieh doch, es ist kaum Platz genug für dich, viel

weniger für irgend ein Schulbuch!«

Und so redete sie fort; erst als eine Person, dann die andere, und

hatte so eine lange Unterhaltung mit sich selbst; aber nach einigen

Minuten hörte sie draußen eine Stimme und schwieg still, um zu

horchen.

»Marianne! Marianne!« sagte die Stimme, »hole mir gleich meine

Handschuhe!« dann kam ein Trappeln von kleinen Füßen die Treppe

herauf. Alice wußte, daß es das Kaninchen war, das sie suchte, und

sie zitterte so sehr, daß sie das ganze Haus erschütterte; sie hatte

ganz vergessen, daß sie jetzt wohl tausend Mal so groß wie das

Kaninchen war und keine Ursache hatte, sich vor ihm zu fürchten.

34


Jetzt kam das Kaninchen an die Thür und wollte sie aufmachen;

da aber die Thür nach innen aufging und Alice′s Ellbogen fest

dagegen gestemmt war, so war es ein vergeblicher Versuch. Alice

hörte, wie es zu sich selbst sprach: »dann werde ich herum gehen

und zum Fenster hineinsteigen.«

»Das wirst du nicht thun,« dachte Alice, und nachdem sie

gewartet hatte, bis sie das Kaninchen dicht unter dem Fenster zu

hören glaubte, streckte sie mit einem Male ihre Hand aus und griff

in die Luft. Sie faßte zwar nichts, hörte aber eine schwachen Schrei

und einen Fall, dann das Geklirr von zerbrochenem Glase, woraus

sie schloß, daß es wahrscheinlich in ein Gurkenbeet gefallen sei,

oder etwas dergleichen.

Demnächst kam eine ärgerliche Stimme ­ die des Kaninchens

­ »Pat! Pat! wo bist du?« und dann eine Stimme, die sie noch nicht

gehört hatte: »Wo soll ich sind? ich bin hier! grabe Äpfel aus, Euer

Jnaden!«

»Äpfel ausgraben? so!« sagte das Kaninchen ärgerlich. »Hier!

komm und hilf mir heraus!« (Noch mehr Geklirr von

Glasscherben.)

»Nun sage mir, Pat, was ist das da oben im Fenster?«

»Wat soll′s sind? ′s is en Arm, Euer Jnaden!« (Er sprach

es »Arrum« aus.)

»Ein Arm, du Esel! Wer hat je einen so großen Arm gesehen? er

nimmt ja das ganze Fenster ein!«

»Zu dienen, des thut er, Eurer Jnaden; aber en Arm is es, und en

Arm bleebt es.«

»Jedenfalls hat er da nichts zu suchen: geh′ und schaffe ihn fort!«

35


Darauf folgte eine lange Pause, während welcher Alice sie nur

einzelne Worte Flüstern hörte, wie: »Zu dienen, des scheint mer

nich, Eurer Jnaden, jar nich, jar nich!« »Thu′, was ich dir sage, feige

Memme!« zuletzt streckte sie die Hand wieder aus und that einen

Griff in die Luft. Diesmal hörte sie ein leises Wimmern und noch

mehr Geklirr von Glasscherben. »Wie viel Gurkenbeete da sein

müssen!« dachte Alice. »Mich soll doch wundern, was sie nun thun

werden! Mich zum Fenster hinaus ziehen? ja, wenn sie das nur

könnten! Ich bliebe wahrlich nicht länger hier!«

Sie wartete eine Zeit lang, ohne etwas zu hören; endlich kam ein

Rollen von kleinen Leiterwagen, und ein Lärm von einer Menge

Stimmen, alle durcheinander; sie verstand die Worte: »Wo ist die

andere Leiter? ­ Ich sollte ja nur eine bringen; Wabbel hat die andere

­ Wabbel, bringe sie her, Junge! ­ Lehnt sie hier gegen diese Ecke ­

Nein, sie müssen erst zusammengebunden werden ­ sie reichen

nicht halb hinauf ­ Ach, was werden sie nicht reichen: seid nicht so

umständlich ­ Hier, Wabbel! fange den Strick ­ Wird das Dach auch

tragen? ­ Nimm dich mit dem losen Schiefer in Acht ­ oh, da fällt

er! Köpfe weg!« (ein lautes Krachen) ­ »Wessen Schuld war das? ­

Wabbel′s glaube ich ­ Wer soll in den Schornstein steigen? ­ Ich

nicht, so viel weiß ich! Ihr aber doch, nicht wahr? ­ Nicht ich,

meiner Treu! ­ Wabbel kann hineinsteigen ­ Hier, Wabbel! der Herr

sagt, du sollst in den Schornstein steigen!«

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37


»So, also Wabbel soll durch den Schornstein hereinkommen,

wirklich?« sagte Alice zu sich selbst. »Sie scheinen mir Alles auf

Wabbel zu schieben: ich möchte um Alles nicht an Wabbel′s Stelle

sein; der Kamin ist freilich eng, aber etwas werde ich doch wohl mit

dem Fuße ausschlagen können!«

Sie zog ihren Fuß so weit herunter, wie sie konnte, und wartete,

bis sie ein kleines Thier (sie konnte nicht rathen, was für eine Art es

sei) in dem Schornstein kratzen und klettern hörte; als es dicht über

ihr war, sprach sie bei sich: »Dies ist Wabbel,« gab einen kräftigen

Stoß in die Höhe, und wartete dann der Dinge, die da kommen

würden.

Zuerst hörte sie einen allgemeinen Chor: »Da fliegt

Wabbel!« dann die Stimme des Kaninchens allein: ­ »Fangt ihn auf,

ihr da bei der Hecke!« darauf Stillschweigen, dann wieder

verworrene Stimmen: ­ »Haltet ihm den Kopf ­ etwas Branntwein

­ Ersticke ihn doch nicht ­ Wie geht′s, alter Kerl? Was ist dir denn

geschehen? erzähle uns Alles!«

Zuletzt kam eine kleine schwache, quiekende Stimme (»das ist

Wabbel,« dachte Alice): »Ich weiß es ja selbst nicht ­ Keinen mehr,

danke! Ich bin schon viel besser ­ aber ich bin viel zu aufgeregt, um

euch zu erzählen ­ Ich weiß nur, da kommt ein Ding in die Höhe,

wie′n Dosen-Stehauf, und auf fliege ich wie ′ne Rackete!«

»Ja, das hast du gethan, alter Kerl!« sagten die Andern.

»Wir müssen das Haus niederbrennen!« rief das Kaninchen; da

schrie Alice so laut sie konnte: »Wenn ihr das thut, werde ich Dinah

über euch schicken!«

Sogleich entstand tiefes Schweigen, und Alice dachte bei

sich: »Was sie wohl jetzt thun werden? Wenn sie Menschenverstand

hätten, würden sie das Dach abreißen.« Nach einer oder zwei

38


Minuten fingen sie wieder an sich zu rühren, und Alice hörte das

Kaninchen sagen: »Eine Karre voll ist vor der Hand genug.«

»Eine Karre voll was?« dachte Alice; doch blieb sie nicht lange im

Zweifel, denn den nächsten Augenblick kam ein Schauer von

kleinen Kieseln zum Fenster herein geflogen, von denen ein Paar sie

gerade in′s Gesicht trafen. »Dem will ich ein Ende machen,« sagte

sie bei sich und schrie hinaus: »Das laßt mir gefälligst

bleiben!« worauf wieder tiefe Stille erfolgte.

Alice bemerkte mit einigem Erstaunen, daß die Kiesel sich alle in

kleine Kuchen verwandelten, als sie auf dem Boden lagen, und dies

brachte sie auf einen glänzenden Gedanken. »Wenn ich einen von

diesen Kuchen esse,« dachte sie, »wird es gewiß meine Größe

verändern; und da ich unmöglich noch mehr wachsen kann, so wird

es mich wohl kleiner machen, vermuthe ich.«

Sie schluckte demnach einen kleinen Kuchen herunter, und

merkte zu ihrem Entzücken, daß sie sogleich abnahm. Sobald sie

klein genug war, um durch die Thür zu gehen, rannte sie zum

Hause hinaus, und fand einen förmlichen Auflauf von kleinen

Thieren und Vögeln davor. Die arme kleine Eidechse, Wabbel, war

in der Mitte, von zwei Meerschweinchen unterstützt, die ihm etwas

aus einer Flasche gaben. Es war ein allgemeiner Sturm auf Alice,

sobald sie sich zeigte; sie lief aber so schnell sie konnte davon, und

kam sicher in ein dichtes Gebüsch.

»Das Nöthigste, was ich nun zu tun habe,« sprach Alice bei sich,

wie sie in dem Wäldchen umher wanderte, »ist, meine richtige

Größe zu erlangen; und das Zweite, den Weg zu dem

wunderhübschen Garten zu finden. Ja, das wird der beste Plan sein.«

Es klang freilich wie ein vortrefflicher Plan, und recht nett und

einfach ausgedacht; die einzige Schwierigkeit war, daß sie nicht den

geringsten Begriff hatte, wie sie ihn ausführen sollte; und während

sie so ängstlich zwischen den Bäumen umherguckte, hörte sie

39


plötzlich ein scharfes feines Bellen gerade über ihrem Kopfe und

sah eilig auf.

Ein ungeheuer großer junger Hund sah mit seinen

hervorstehenden runden Augen auf sie herab und machte einen

schwachen Versuch, eine Pfote auszustrecken und sie zu

berühren. »Armes kleines Ding!« sagte Alice in liebkosendem Tone,

und sie gab sich alle Mühe, ihm zu pfeifen; dabei hatte sie aber

große Angst, ob er auch nicht hungrig wäre, denn dann würde er sie

wahrscheinlich auffressen trotz allen Liebkosungen.

Ohne recht zu wissen was sie that, nahm sie ein Stäbchen auf

und hielt es ihm hin; worauf das ungeschickte Thierchen mit allen

vier Füßen zugleich in die Höhe sprang, vor Entzücken laut

aufbellte, auf das Stäbchen losrannte und that, als wolle es es

zerreißen; da wich Alice ihm aus hinter eine große Distel, um nicht

zertreten zu werden; und so wie sie auf der andern Seite hervorkam,

lief der junge Hund wieder auf das Stäbchen los und fiel kopfüber

in seiner Eile, es zu fangen. Alice, der es vorkam, als wenn Jemand

mit einem Fuhrmannspferde Zeck spielt, und die jeden Augenblick

fürchtete, unter seine Füße zu gerathen, lief wieder hinter die Distel;

da machte der junge Hund eine Reihe von kurzen Anläufen auf das

Stäbchen, wobei er jedes Mal ein klein wenig vorwärts und ein gutes

Stück zurück rannte und sich heiser bellte, bis er sich zuletzt mit

zum Munde heraushängender Zunge und halb geschlossenen

Augen, ganz außer Athem hinsetzte.

Dies schien Alice eine gute Gelegenheit zu sein, fortzukommen;

sie machte sich also gleich davon, und rannte bis sie ganz müde war

und keine Luft mehr hatte, und bis das Bellen nur noch ganz

schwach in der Ferne zu hören war.

40


»Und doch war es ein lieber kleiner Hund!« sagte Alice, indem

sie sich an eine Butterblume lehnte um auszuruhen, und sich mit

einem der Blätter fächelte. »Ich hätte ihn gern Kunststücke gelehrt,

wenn ­ wenn ich nur groß genug dazu gewesen wäre! O ja! das hätte

ich beinah vergessen, ich muß ja machen, daß ich wieder wachse!

Laß sehen ­ wie fängt man es doch an? Ich dächte, ich sollte irgend

etwas essen oder trinken; aber die Frage ist, was?«

Das war in der That die Frage. Alice blickte um sich nach allen

Blumen und Grashalmen; aber gar nichts sah aus, als ob es das

Rechte sei, das sie unter den Umständen essen oder trinken müsse.

In der Nähe wuchs ein großer Pilz, ungefähr so hoch wie sie;

nachdem sie ihn sich von unten, von beiden Seiten, rückwärts und

vorwärts betrachtet hatte, kam es ihr in den Sinn zu sehen, was oben

darauf sei. Sie stellte sich also auf die Fußspitzen und guckte über

den Rand des Pilzes, und sogleich begegnete ihr Blick dem einer

großen blauen Raupe, die mit kreuzweise gelegten Armen da saß

und ruhig aus einer großen Huhka rauchte, ohne die geringste Notiz

von ihr noch sonst irgend Etwas zu nehmen.

41


Fünftes Kapitel. Guter Rath von einer Raupe

Die Raupe und Alice sahen sich eine Zeit lang schweigend an;

endlich nahm die Raupe die Huhka aus dem Munde und redete sie

mit schmachtender, langsamer Stimme an. »Wer bist du?« fragte die

Raupe.

Das war kein sehr ermuthigender Anfang einer Unterhaltung.

Alice antwortete, etwas befangen: »Ich ­ ich weiß es nicht recht,

diesen Augenblick ­ vielmehr ich weiß, wer ich heut früh war, als

ich aufstand; aber ich glaube, ich muß seitdem ein paar Mal

verwechselt worden sein.«

»Was meinst du damit?« frage die Raupe strenge. »Erkläre dich

deutlicher!«

42


»Ich kann mich nicht deutlicher erklären, fürchte ich,

Raupe,« sagte Alice, »weil ich nicht ich bin, sehen Sie wohl?«

»Ich sehe nicht wohl,« sagte die Raupe.

»Ich kann es wirklich nicht besser ausdrücken,« erwiederte Alice

sehr höflich, »denn ich kann es selbst nicht begreifen; und wenn

man an einem Tage so oft klein und groß wird, wird man ganz

verwirrt.«

»Nein, das wird man nicht,« sagte die Raupe.

»Vielleicht haben Sie es noch nicht versucht,« sagte Alice, »aber

wenn Sie sich in eine Puppe verwandeln werden, das müssen Sie

über kurz oder lang wie Sie wissen ­ und dann in einen

Schmetterling, das wird sich doch komisch anfühlen, nicht wahr?«

»Durchaus nicht,« sagte die Raupe.

»Sie fühlen wahrscheinlich anders darin,« sagte Alice; »so viel

weiß ich, daß es mir sehr komisch sein würde.«

»Dir!« sagte die Raupe verächtlich. »Wer bist du denn?«

Was sie wieder auf den Anfang der Unterhaltung zurückbrachte.

Alice war etwas ärgerlich, daß die Raupe so sehr kurz angebunden

war; sie warf den Kopf in die Höhe und sprach sehr ernst: »Ich

dächte, Sie sollten mir erst sagen, wer Sie sind?«

»Weshalb?« fragte die Raupe.

Das war wieder eine schwierige Frage; und da sich Alice auf

keinen guten Grund besinnen konnte und die Raupe

sehr

schlechter

Laune zu sein schien, so ging sie ihrer Wege.

43


»Komm zurück!« rief ihr die Raupe nach, »ich habe dir etwas

Wichtiges zu sagen!«

Das klang sehr einladend; Alice kehrte wieder um und kam zu ihr

zurück.

»Sei nicht empfindlich,« sagte die Raupe.

»Ist das Alles?« fragte Alice, ihren Ärger so gut sie konnte

verbergend.

»Nein,« sagte die Raupe.

Alice dachte, sie wollte doch warten, da sie sonst nichts zu thun

habe, und vielleicht würde sie ihr etwas sagen, das der Mühe werth

sei. Einige Minuten lang rauchte die Raupe fort ohne zu reden; aber

zuletzt nahm sie die Huhka wieder aus dem Munde und sprach: »Du

glaubst also, du bist verwandelt?«

»Ich fürchte es fast, Raupe« sagte Alice, »ich kann Sachen nicht

behalten wie sonst, und ich werde alle zehn Minuten größer oder

kleiner!«

»Kannst

welche

Sachen nicht behalten?« fragte die Raupe.

»Ach, ich habe versucht zu sagen: Bei einem Wirthe etc.; aber es

kam ganz anders!« antwortete Alice in niedergeschlagenem Tone.

»Sage her: Ihr seid alt, Vater Martin,« sagte die Raupe.

Alice faltete die Hände und fing an: ­

44


»Ihr seid alt, Vater Martin,« so sprach Junker Tropf,

»Euer Haar ist schon lange ganz weiß;

Doch steht ihr so gerne noch auf dem Kopf.

Macht Euch denn das nicht zu heiß?«

45


»Als ich jung war,« der Vater zur Antwort gab,

»Da glaubt′ ich, für′s Hirn sei′s nicht gut;

Doch seit ich entdeckt, daß ich gar keines hab′,

So thu′ ich′s mit fröhlichem Muth.«

»Ihr seid alt,« sprach der Sohn, »wie vorhin schon gesagt,

Und geworden ein gar dicker Mann;

Drum sprecht, wie ihr rücklings den Purzelbaum schlagt.

Potz tausend! wie fangt ihr′s nur an?«

»Als ich jung war,« der Alte mit Kopfschütteln sagt′,

»Da rieb ich die Glieder mir ein

Mit der Salbe hier, die sie geschmeidig macht.

Für zwei Groschen Courant ist sie dein.«

»Ihr seid alt,« sprach der Bub′, »und könnt nicht recht kau′n,

Und solltet euch nehmen in Acht;

Doch aßt ihr die Gans mit Schnabel und Klau′n;

Wie habt ihr das nur gemacht?«

»Ich war früher Jurist und hab′ viel disputirt

Besonders mit meiner Frau;

Das hat so mir die Kinnbacken einexercirt,

Daß ich jetzt noch mit Leichtigkeit kau!«

»Ihr seid alt,« sagt der Sohn, »und habt nicht viel Witz,

Und doch seid ihr so geschickt;

Balancirt einen Aal auf der Nasenspitz′!

Wie ist euch das nur geglückt?«

»Drei Antworten hast du, und damit genug,

Nun laß mich kein Wort mehr hören;

Du Guck in die Welt thust so überklug,

Ich werde dich Mores lehren!«

46


»Das ist nicht richtig,« sagte die Raupe.

»Nicht ganz richtig, glaube ich,« sagte Alice schüchtern; »manche

Wörter sind anders gekommen.«

47


»Es ist von Anfang bis zu Ende falsch,« sagte die Raupe mit

Entschiedenheit, worauf eine Pause von einigen Minuten eintrat.

Die Raupe sprach zuerst wieder.

»Wie groß möchtest du gern sein?« fragte sie.

»Oh, es kommt nicht so genau darauf an,« erwiederte Alice

schnell; »nur das viele Wechseln ist nicht angenehm, nicht wahr?«

»Nein, es ist nicht wahr!« sagte die Raupe.

Alice antwortete nichts; es war ihr im Leben nicht so viel

widersprochen worden, und sie fühlte, daß sie wieder anfing,

empfindlich zu werden.

»Bist du jetzt zufrieden?« sagte die Raupe.

»Etwas größer, Frau Raupe, wäre ich gern, wenn ich bitten

darf,« sagte Alice; »drei und einen halben Zoll ist gar zu winzig.«

»Es ist eine sehr angenehme Größe, finde ich,« sagte die Raupe

zornig und richtete sich dabei in die Höhe (sie war gerade drei Zoll

hoch).

»Aber ich bin nicht daran gewöhnt!« vertheidigte sich die arme

Alice in weinerlichem Tone. Bei sich dachte sie: »Ich wünschte, alle

diese Geschöpfe nähmen nicht Alles gleich übel.«

»Du wirst es mit der Zeit gewohnt werden,« sagte die Raupe,

steckte ihre Huhka in den Mund und fing wieder an zu rauchen.

Diesmal wartete Alice geduldig, bis es ihr gefällig wäre zu reden.

Nach zwei oder drei Minuten nahm die Raupe die Huhka aus dem

Munde, gähnte ein bis zwei Mal und schüttelte sich. Dann kam sie

von dem Pilze herunter, kroch in′s Gras hinein und bemerkte blos

48


bei′m Weggehen: »Die eine Seite macht dich größer, die andere Seite

macht dich kleiner.«

»Eine Seite wovon? die andere Seite wovon?« dachte Alice bei

sich.

»Von dem Pilz,« sagte die Raupe, gerade als wenn sie laut gefragt

hätte; und den nächsten Augenblick war sie nicht mehr zu sehen.

Alice blieb ein Weilchen gedankenvoll vor dem Pilze stehen, um

ausfindig zu machen, welches seine beiden Seiten seien; und da er

vollkommen rund war, so fand sie die Frage schwierig zu

beantworten. Zuletzt aber reichte sie mit beiden Armen, so weit sie

herum konnte, und brach mit jeder Hand etwas vom Rande ab.

»Nun aber, welches ist das rechte?« sprach sie zu sich, und biß

ein wenig von dem Stück in ihrer rechten Hand ab, um die Wirkung

auszuprobiren; den nächsten Augenblick fühlte sie einen heftigen

Schmerz am Kinn, es hatte an ihren Fuß angestoßen!

Über diese plötzliche Verwandlung war sie sehr erschrocken,

aber da war keine Zeit zu verlieren, da sie sehr schnell kleiner wurde;

sie machte sich also gleich daran, etwas von dem andern Stück zu

essen. Ihr Kinn war so dicht an ihren Fuß gedrückt, daß ihr kaum

Platz genug blieb, den Mund aufzumachen; endlich aber gelang es

ihr, ein wenig von dem Stück in ihrer linken Hand herunter zu

schlucken.

»Ah! endlich ist mein Kopf frei!« rief Alice mit Entzücken, das

sich jedoch den nächsten Augenblick in Angst verwandelte, da sie

merkte, daß ihre Schultern nirgends zu finden waren: als sie hinunter

sah, konnte sie weiter nichts erblicken, als einen ungeheuer langen

49


Hals, der sich wie eine Stange aus einem Meer von grünen Blättern

erhob, das unter ihr lag.

»Was mag all das grüne Zeug sein?« sagte Alice. »Und wo sind

meine Schultern nur hingekommen? Und ach, meine armen Hände,

wie geht es zu, daß ich euch nicht sehen kann?« Sie griff bei diesen

Worten um sich, aber es erfolgte weiter nichts, als eine kleine

Bewegung in den entfernten grünen Blättern.

Da es ihr nicht gelang, die Hände zu ihrem Kopfe zu erheben, so

versuchte sie, den Kopf zu ihnen hinunter zu bücken, und fand zu

ihrem Entzücken, daß sie ihren Hals in alle Richtungen biegen und

wenden konnte, wie eine Schlange. Sie hatte ihn gerade in ein

malerisches Zickzack gewunden und wollte eben in das Blättermeer

hinunter tauchen, das, wie sie sah, durch die Gipfel der Bäume

gebildet wurde, unter denen sie noch eben herum gewandert war, als

ein lautes Rauschen sie plötzlich zurückschreckte: eine große Taube

kam ihr in′s Gesicht geflogen und schlug sie heftig mit den Flügeln.

»Schlange!« kreischte die Taube.

»Ich bin

keine

Schlange!« sagte Alice mit Entrüstung. »Laß mich

in Ruhe!«

»Schlange sage ich!« wiederholte die Taube, aber mit gedämpfter

Stimme, und fuhr schluchzend fort: »Alles habe ich versucht, und

nichts ist ihnen genehm!«

»Ich weiß gar nicht, wovon du redest,« sagte Alice.

»Baumwurzeln habe ich versucht, Flußufer habe ich versucht,

Hecken habe ich versucht,« sprach die Taube weiter, ohne auf sie zu

achten; »aber diese Schlangen! Nichts ist ihnen recht!«

Alice verstand immer weniger; aber sie dachte, es sei unnütz

etwas zu sagen, bis die Taube fertig wäre.

50


»Als ob es nicht Mühe genug wäre, die Eier auszubrüten,« sagte

die Taube, »da muß ich noch Tag und Nacht den Schlangen

aufpassen! Kein Auge habe ich die letzten drei Wochen zugethan!«

»Es thut mir sehr leid, daß du so viel Verdruß gehabt hast,« sagte

Alice, die zu verstehen anfing, was sie meinte.

»Und gerade da ich mir den höchsten Baum im Walde ausgesucht

habe,« fuhr die Taube mit erhobener Stimme fort, »und gerade da

ich dachte, ich wäre sie endlich los, müssen sie sich sogar noch vom

Himmel herunterwinden! Pfui! Schlange!«

»Aber ich bin

keine

Schlange, sage ich dir!« rief Alice, »ich bin ein

­ ich bin ein ­«

»Nun, was bist du denn?« fragte die Taube. »Ich merke wohl, daß

du dir etwas ausdenken willst!«

»Ich ­ ich bin ein kleines Mädchen,« sagte Alice etwas unsicher,

da sie an die vielfachen Verwandlungen dachte, die sie den Tag über

schon durchgemacht hatte.

»Eine schöne Ausrede, wahrhaftig!« sagte die Taube im Tone

tiefster Verachtung. »Ich habe mein Lebtag genug kleine Mädchen

gesehen, aber nie eine mit solch einem Hals! Nein, nein! du bist eine

Schlange! das kannst du nicht abläugnen. Du wirst am Ende noch

behaupten, daß du nie ein Ei gegessen hast.«

»Ich

habe

Eier gegessen, freilich,« sagte Alice, die ein sehr

wahrheitsliebendes Kind war; »aber kleine Mädchen essen Eier eben

so gut wie Schlangen.«

»Das glaube ich nicht,« sagte die Taube; »wenn sie es aber thun,

nun dann sind sie eine Art Schlangen, so viel weiß ich.«

51


Das war etwas so Neues für Alice, daß sie ein Paar Minuten ganz

still schwieg; die Taube benutzte die Gelegenheit und fuhr fort: »Du

suchst Eier, das weiß ich nur zu gut, und was kümmert es mich, ob

du ein kleines Mädchen oder eine Schlange bist?«

»Aber

mich

kümmert es sehr,« sagte Alice schnell; »übrigens

suche ich zufällig nicht Eier, und wenn ich es thäte, so würde ich

deine nicht brauchen können; ich esse sie nicht gern roh.«

»Dann mach′, daß du fortkommst!« sagte die Taube verdrießlich,

indem sie sich in ihrem Nest wieder zurecht setzte. Alice duckte sich

unter die Bäume so gut sie konnte; denn ihr Hals verwickelte sich

fortwährend in die Zweige, und mehrere Male mußte sie anhalten

und ihn losmachen. Nach einer Weile fiel es ihr wieder ein, daß sie

noch die Stückchen Pilz in den Händen hatte, und sie machte sich

sorgfältig daran, knabberte bald an dem einen, bald an dem andern,

und wurde abwechselnd größer und kleiner, bis es ihr zuletzt gelang,

ihre gewöhnliche Größe zu bekommen.

Es war so lange her, daß sie auch nur ungefähr ihre richtige

Größe gehabt hatte, daß es ihr erst ganz komisch vorkam; aber nach

einigen Minuten hatte sie sich daran gewöhnt und sprach mit sich

selbst wie gewöhnlich. »Schön, nun ist mein Plan ausgeführt! Wie

verwirrt man von dem vielen Wechseln wird! Ich weiß nie, wie ich

den nächsten Augenblick sein werde! Doch jetzt habe ich meine

richtige Größe: nun kommt es darauf an, in den schönen Garten zu

gelangen ­ wie

kann

ich das anstellen? das möchte ich wissen!« Wie

sie dies sagte, kam sie in eine Lichtung mit einem Häuschen in der

Mitte, ungefähr vier Fuß hoch. »Wer auch darin wohnen mag, es

geht nicht an, daß ich so groß wie ich jetzt bin hineingehe: sie

würden vor Angst nicht wissen wohin!« Also knabberte sie wieder

an dem Stückchen in der rechten Hand, und wagte sich nicht an das

Häuschen heran, bis sie sich auf neun Zoll herunter gebracht hatte.

52


Sechstes Kapitel: Ferkel und Pfeffer

53


Noch ein bis zwei Augenblicke stand sie und sah das Häuschen an,

ohne recht zu wissen was sie nun thun solle, als plötzlich ein Lackei

in Livree vom Walde her gelaufen kam ­ (sie hielt ihn für einen

Lackeien, weil er Livree trug, sonst, nach seinem Gesichte zu

urtheilen, würde sie ihn für einen Fisch angesehen haben) ­ und mit

den Knöcheln laut an die Thür klopfte. Sie wurde von einem andern

Lackeien in Livree geöffnet, der ein rundes Gesicht und große

Augen wie ein Frosch hatte, und beide Lackeien hatten, wie Alice

bemerkte, gepuderte Lockenperücken über den ganzen Kopf. Sie

war sehr neugierig, was nun geschehen würde, und schlich sich

etwas näher, um zuzuhören.

Der Fisch-Lackei fing damit an, einen ungeheuren Brief, beinah

so groß wie er selbst, unter dem Arme hervorzuziehen; diesen

überreichte er dem anderen, in feierlichem Tone sprechend: »Für die

Herzogin. Eine Einladung von der Königin, Croquet zu

spielen.« Der Frosch-Lackei erwiederte in demselben feierlichen

Tone, indem er nur die Aufeinanderfolge der Wörter etwas

veränderte: »Von der Königin. Eine Einladung für die Herzogin,

Croquet zu spielen.«

Dann verbeugten sich Beide tief, und ihre Locken verwickelten

sich in einander.

Darüber lachte Alice so laut, daß sie in das Gebüsch

zurücklaufen mußte, aus Furcht, sie möchten sie hören, und als sie

wieder herausguckte, war der Fisch-Lackei fort, und der andere saß

auf dem Boden bei der Thür und sah dumm in den Himmel hinauf.

Alice ging furchtsam auf die Thür zu und klopfte.

»Es ist durchaus unnütz, zu klopfen,« sagte der Lackei, »und das

wegen zweier Gründe. Erstens weil ich an derselben Seite von der

Thür bin wie du, zweitens, weil sie drinnen einen solchen Lärm

machen, daß man dich unmöglich hören kann.« Und wirklich war

54


ein ganz merkwürdiger Lärm drinnen, ein fortwährendes Heulen

und Niesen, und von Zeit zu Zeit ein lautes Krachen, als ob eine

Schüssel oder ein Kessel zerbrochen wäre.

»Bitte,« sagte Alice, »wie soll ich denn hineinkommen?«

»Es wäre etwas Sinn und Verstand darin, anzuklopfen,« fuhr der

Lackei fort, ohne auf sie zu hören, »wenn wir die Thür zwischen

uns hätten. Zum Beispiel, wenn du drinnen wärest, könntest du

klopfen, und ich könnte dich herauslassen, nicht wahr?« Er sah die

ganze Zeit über, während er sprach, in den Himmel hinauf, was

Alice entschieden sehr unhöflich fand. »Aber vielleicht kann er nicht

dafür,« sagte sie bei sich; »seine Augen sind so hoch oben auf seiner

Stirn. Aber jedenfalls könnte er mir antworten. ­ Wie soll ich denn

hineinkommen?« wiederholte sie laut.

»Ich werde hier sitzen,« sagte der Lackei, »bis morgen ­«

In diesem Augenblicke ging die Thür auf, und ein großer Teller

kam heraus geflogen, gerade auf den Kopf des Lackeien los; er

strich aber über seine Nase hin und brach an einem der

dahinterstehenden Bäume in Stücke.

»­ oder übermorgen, vielleicht,« sprach der Lackei in demselben

Tone fort, als ob nichts vorgefallen wäre.

»Wie soll ich denn hineinkommen?« fragte Alice wieder, lauter als

vorher.

»Sollst du überhaupt hineinkommen?« sagte der Lackei. »Das ist

die erste Frage, nicht wahr?«

Das war es allerdings; nur ließ sich Alice das nicht gern

sagen. »Es ist wirklich schrecklich,« murmelte sie vor sich hin, »wie

naseweis alle diese Geschöpfe sind. Es könnte Einen ganz verdreht

machen!«

55


Der Lackei schien dies für eine gute Gelegenheit anzusehen,

seine Bemerkung zu wiederholen, und zwar mit Variationen. »Ich

werde hier sitzen,« sagte er, »ab und an, Tage und Tage lang.«

»Was soll ich aber thun?« frage Alice.

»Was dir gefällig ist,« sagte der Lackei, und fing an zu pfeifen.

»Es hilft zu nichts, mit ihm zu reden,« sagte Alice außer sich, »er

ist vollkommen blödsinnig!« Sie klinkte die Thür auf und ging

hinein.

Die Thür führte geradewegs in eine große Küche, welche von

einem Ende bis zum andern voller Rauch war; in der Mitte saß auf

einem dreibeinigen Schemel die Herzogin, mit einem Wickelkinde

auf dem Schoße; die Köchin stand über das Feuer gebückt und

rührte in einer großen Kasserole, die voll Suppe zu sein schien.

»In der Suppe ist gewiß zu viel Pfeffer!« sprach Alice für sich, so

gut sie vor Niesen konnte.

Es war wenigstens zu viel in der Luft. Sogar die Herzogin nieste

hin und wieder; was das Wickelkind anbelangt, so nieste und schrie

es abwechselnd ohne die geringste Unterbrechung. Die beiden

einzigen Wesen in der Küche, die nicht niesten, waren die Köchin

und eine große Katze, die vor dem Herde saß und grinste, sodaß die

Mundwinkel bis an die Ohren reichten.

56


»Wollen Sie mir gütigst sagen,« fragte Alice etwas furchtsam,

denn sie wußte nicht recht, ob es sich für sie schicke zuerst zu

sprechen, »warum Ihre Katze so grinst?«

»Es ist eine Grinse-Katze,« sagte die Herzogin, »darum! Ferkel!«

Das letzte Wort sagte sie mit solcher Heftigkeit, daß Alice

auffuhr; aber den nächsten Augenblick sah sie, daß es dem

Wickelkinde galt, nicht ihr; sie faßte also Muth und redete weiter: ­

»Ich wußte nicht, daß Katzen manchmal grinsen; ja ich wußte

nicht, daß Katzen überhaupt grinsen

können.

«

»Sie können es alle,« sagte die Herzogin, »und die meisten thun

es.«

»Ich kenne keine, die es thut,« sagte Alice sehr höflich, da sie

ganz froh war, eine Unterhaltung angeknüpft zu haben.

»Du kennst noch nicht viel,« sagte die Herzogin, »und das ist die

Wahrheit.«

57


Alice gefiel diese Bemerkung gar nicht, und sie dachte daran,

welchen andern Gegenstand der Unterhaltung sie einführen könnte.

Während sie sich auf etwas Passendes besann, nahm die Köchin die

Kasserole mit Suppe vom Feuer und fing sogleich an, Alles was sie

erreichen konnte nach der Herzogin und dem Kinde zu werfen ­ die

Feuerzange kam zuerst, dann folgte ein Hagel von Pfannen, Tellern

und Schüsseln. Die Herzogin beachtete sie gar nicht, auch wenn sie

sie trafen; und das Kind heulte schon so laut, daß es unmöglich war

zu wissen, ob die Stöße ihm weh thaten oder nicht.

»Oh, bitte, nehmen Sie sich in Acht, was Sie thun!« rief Alice, die

in wahrer Herzensangst hin und her sprang. »Oh, seine liebe kleine

Nase!« als eine besonders große Pfanne dicht daran vorbeifuhr und

sie beinah abstieß.

»Wenn Jeder nur vor seiner Thür fegen wollte,« brummte die

Herzogin mit heiserer Stimme, »würde die Welt sich bedeutend

schneller drehen, als jetzt.«

»Was kein Vortheil wäre,« sprach Alice, die sich über die

Gelegenheit freute, ihre Kenntnisse zu zeigen. »Denken Sie nur, wie

es Tag und Nacht in Unordnung bringen würde! Die Erde braucht

doch jetzt vier und zwanzig Stunden, sich um ihre Achse zu drehen

­«

»Was, du redest von Axt?« sagte die Herzogin. »Hau′ ihr den

Kopf ab!«

Alice sah sich sehr erschrocken nach der Köchin um, ob sie den

Wink verstehen würde; aber die Köchin rührte die Suppe

unverwandt und schien nicht zuzuhören, daher fuhr sie fort: »Vier

und zwanzig Stunden, glaube ich; oder sind es zwölf? Ich ­«

»Ach laß mich in Frieden,« sagte die Herzogin, »ich habe Zahlen

nie ausstehen können!« Und damit fing sie an, ihr Kind zu warten

58


und eine Art Wiegenlied dazu zu singen, wovon jede Reihe mit

einem derben Puffe für das Kind endigte: ­

»Schilt deinen kleinen Jungen aus,

Und schlag′ ihn, wenn er niest;

Er macht es gar so bunt und kraus,

Nur weil es uns verdrießt.«

Chor

(in welchen die Köchin und das Wickelkind einfielen).

»Wau! wau! wau!«

Während die Herzogin den zweiten Vers des Liedes sang,

schaukelte sie das Kind so heftig auf und nieder, und das arme

kleine Ding schrie so, daß Alice kaum die Worte verstehen konnte: ­

»Ich schelte meinen kleinen Wicht,

Und schlag′ ihn, wenn er niest;

Ich weiß, wie gern er Pfeffer riecht,

Wenn′s ihm gefällig ist.«

Chor.

»Wau! wau! wau!«

»Hier, du kannst ihn ein Weilchen warten, wenn du willst!« sagte

die Herzogin zu Alice, indem sie ihr das Kind zuwarf. »Ich muß

mich zurecht machen, um mit der Königin Croquet zu

spielen,« damit rannte sie aus dem Zimmer. Die Köchin warf ihr

eine Bratpfanne nach; aber sie verfehlte sie noch eben.

Alice hatte das Kind mit Mühe und Noth aufgefangen, da es ein

kleines unförmiges Wesen war, das seine Arme und Beinchen nach

59


allen Seiten ausstreckte, »gerade wie ein Seestern,« dachte Alice. Das

arme kleine Ding stöhnte wie eine Lokomotive, als sie es fing, und

zog sich zusammen und streckte sich wieder aus, so daß sie es die

ersten Paar Minuten nur eben halten konnte.

Sobald sie aber die rechte Art entdeckt hatte, wie man es tragen

mußte (die darin bestand, es zu einer Art Knoten zu drehen, und es

dann fest beim rechten Ohr und linken Fuß zu fassen, damit es sich

nicht wieder aufwickeln konnte), brachte sie es in′s Freie. »Wenn ich

dies Kind nicht mit mir nehme,« dachte Alice, »so werden sie es in

wenigen Tagen umgebracht haben; wäre es nicht Mord, es da zu

lassen?« Sie sprach die letzten Worte laut, und das kleine Geschöpf

grunzte zur Antwort (es hatte mittlerweile aufgehört zu niesen).

»Grunze nicht,« sagte Alice, »es paßt sich gar nicht für dich, dich so

auszudrücken.«

Der Junge grunzte wieder, so daß Alice ihm ganz ängstlich in′s

Gesicht sah, was ihm eigentlich fehle. Er hatte ohne Zweifel eine

60


sehr

hervorstehende Nase, eher eine Schnauze als eine wirkliche

Nase; auch seine Augen wurden entsetzlich klein für einen kleinen

Jungen: Alles zusammen genommen, gefiel Alice das Aussehen des

Kindes gar nicht. »Aber vielleicht hat es nur geweint,« dachte sie und

sah ihm wieder in die Augen ob Thränen da seien.

Nein, es waren keine Thränen da. »Wenn du ein kleines Ferkel

wirst, höre mal,« sagte Alice sehr ernst, »so will ich nichts mehr mit

dir zu schaffen haben, das merke dir!« Das arme kleine Ding

schluchzte (oder grunzte, es war unmöglich, es zu unterscheiden),

und dann gingen sie eine Weile stillschweigend weiter.

Alice fing eben an, sich zu überlegen: »Nun, was soll ich mit

diesem Geschöpf anfangen, wenn ich es mit nach Hause

bringe?« als es wieder grunzte, so laut, daß Alice erschrocken nach

ihm hinsah. Diesmal konnte sie sich nicht mehr irren: es war nichts

mehr oder weniger als ein Ferkel, und sie sah, daß es höchst

lächerlich für sie wäre, es noch weiter zu tragen.

61


Sie setzte also das kleine Ding hin und war ganz froh, als sie es

ruhig in den Wald traben sah. »Das wäre in einigen Jahren ein

furchtbar häßliches Kind geworden; aber als Ferkel macht es sich

recht nett, finde ich.« Und so dachte sie alle Kinder durch, die sie

kannte, die gute kleine Ferkel abgeben würden, und sagte gerade für

sich: »wenn man nur die rechten Mittel wüßte, sie zu verwandeln

­« als sie einen Schreck bekam; die Grinse-Katze saß nämlich

wenige Fuß von ihr auf einem Baumzweige.

Die Katze grinste nur, als sie Alice sah. »Sie sieht gutmüthig

aus,« dachte diese; aber doch hatte sie

sehr

lange Krallen und eine

Menge Zähne. Alice fühlte wohl, daß sie sie rücksichtsvoll

behandeln müsse.

62


»Grinse-Miez,« fing sie etwas ängstlich an, da sie nicht wußte, ob

ihr der Name gefallen würde: jedoch grinste sie noch etwas

breiter. »Schön, so weit gefällt es ihr,« dachte Alice und sprach

weiter: »willst du mir wohl sagen, wenn ich bitten darf, welchen Weg

ich hier nehmen muß?«

»Das hängt zum guten Theil davon ab, wohin du gehen

willst,« sagte die Katze.

»Es kommt mir nicht darauf an, wohin ­« sagte Alice.

»Dann kommt es auch nicht darauf an, welchen Weg du

nimmst,« sagte die Katze.

»­ wenn ich nur

irgendwo

hinkomme,« fügte Alice als Erklärung

hinzu.

»O, das wirst du ganz gewiß,« sagte die Katze, »wenn du nur

lange genug gehest.«

Alice sah, daß sie nichts dagegen einwenden konnte; sie

versuchte daher eine andere Frage. »Was für eine Art Leute wohnen

hier in der Nähe?!«

»In

der

Richtung,« sagte die Katze, die rechte Pfote

schwenkend, »wohnt ein Hutmacher, und in jener Richtung,« die

andere Pfote schwenkend, »wohnt ein Faselhase. Besuche welchen

du willst: sie sind beide toll.«

»Aber ich mag nicht zu tollen Leuten gehen,« bemerkte Alice.

»Oh, das kannst du nicht ändern,« sagte die Katze: »wir sind alle

toll hier. Ich bin toll. Du bist toll.«

»Woher weißt du, daß ich toll bin?« fragte Alice.

63


»Du mußt es sein,« sagte die Katze, »sonst wärest du nicht

hergekommen.«

Alice fand durchaus nicht, daß das ein Beweis sei; sie fragte

jedoch weiter: »Und woher weißt du, daß du toll bist?«

»Zu allererst,« sagte die Katze, »ein Hund ist nicht toll. Das

giebst du zu?«

»Zugestanden!« sagte Alice.

»Nun, gut,« fuhr die Katze fort, »nicht wahr ein Hund knurrt,

wenn er böse ist, und wedelt mit dem Schwanze, wenn er sich freut.

Ich hingegen knurre, wenn ich mich freue, und wedle mit dem

Schwanze, wenn ich ärgerlich bin. Daher bin ich toll.«

»Ich nenne es spinnen, nicht knurren,« sagte Alice.

»Nenne es, wie du willst,« sagte die Katze. »Spielst du heut

Croquet mit der Königin?«

»Ich möchte es sehr gern,« sagte Alice, »Aber ich bin noch nicht

eingeladen worden.«

»Du wirst mich dort sehen,« sagte die Katze und verschwand.

Alice wunderte sich nicht sehr darüber; sie war so daran

gewöhnt, daß sonderbare Dinge geschahen. Während sie noch nach

der Stelle hinsah, wo die Katze gesessen hatte, erschien sie plötzlich

wieder.

»Übrigens, was ist aus dem Jungen geworden?« sagte die

Katze. »Ich hätte beinah vergessen zu fragen.«

»Er ist ein Ferkel geworden,« antwortete Alice sehr ruhig, gerade

wie wenn die Katze auf gewöhnliche Weise zurückgekommen wäre.

64


»Das dachte ich wohl,« sagte die Katze und verschwand wieder.

Alice wartete noch etwas, halb und halb erwartend, sie wieder

erscheinen zu sehen; aber sie kam nicht, und ein Paar Minuten

nachher ging sie in der Richtung fort, wo der Faselhase wohnen

sollte. »Hutmacher habe ich schon gesehen,« sprach sie zu sich, »der

Faselhase wird viel interessanter sein.« Wie sie so sprach, blickte sie

auf, und da saß die Katze wieder auf einem Baumzweige. »Sagtest

du Ferkel oder Fächer?« fragte sie. »Ich sagte Ferkel,« antwortete

Alice, »und es wäre mir sehr lieb, wenn du nicht immer so schnell

erscheinen und verschwinden wolltest: du machst Einen ganz

schwindlig.«

»Schon gut,« sagte die Katze, und diesmal verschwand sie ganz

langsam, wobei sie mit der Schwanzspitze anfing und mit dem

Grinsen aufhörte, das noch einige Zeit sichtbar blieb, nachdem das

Übrige verschwunden war.

65


»Oho, ich habe oft eine Katze ohne Grinsen gesehen,« dachte

Alice, »Aber ein Grinsen ohne Katze! so etwas Merkwürdiges habe

ich in meinem Leben noch nicht gesehen!«

Sie brauchte nicht weit zu gehen, so erblickte sie das Haus des

Faselhasen; sie dachte, es müsse das rechte Haus sein, weil die

Schornsteine wie Ohren geformt waren, und das Dach war mit Pelz

bedeckt. Es war ein so großes Haus, daß, ehe sie sich näher heran

wagte, sie ein wenig von dem Stück Pilz in ihrer linken Hand

abknabberte, und sich bis auf zwei Fuß hoch brachte: trotzdem

näherte sie sich etwas furchtsam, für sich sprechend: »Wenn er nur

nicht ganz rasend ist! Wäre ich doch lieber zu dem Hutmacher

gegangen!«

66


Siebentes Kapitel. Die tolle Theegesellschaft

Vor dem Hause stand ein gedeckter Theetisch, an welchem der

Faselhase und der Hutmacher saßen; ein Murmelthier saß zwischen

ihnen, fest eingeschlafen, und die beiden Andern benutzen es als

Kissen, um ihre Ellbogen darauf zu stützen, und redeten über

seinem Kopfe mit einander. »Sehr unbequem für das

Murmelthier,« dachte Alice; »nun, da es schläft, wird es sich wohl

nichts daraus machen.«

Der Tisch war groß, aber die Drei saßen dicht

zusammengedrängt an einer Ecke: »Kein Platz! Kein Platz!« riefen

sie aus, sobald sie Alice kommen sahen. »Über und über genug

Platz!« sagte Alice unwillig und setzt sich in einen großen Armstuhl

am Ende des Tisches.

»Ist dir etwas Wein gefällig?« nöthigte sie der Faselhase.

Alice sah sich auf dem ganzen Tische um, aber es war nichts als

Thee darauf. »Ich sehe keinen Wein,« bemerkte sie.

»Es ist keiner hier,« sagte der Faselhase.

»Dann war es gar nicht höflich von dir, mir welchen

anzubieten,« sagte Alice ärgerlich.

»Es war gar nicht höflich von dir, dich ungebeten

herzusetzen,« sagte der Faselhase.

»Ich wußte nicht, daß es

dein

Tisch ist; er ist für viel mehr als drei

gedeckt.«

»Dein Haar muß verschnitten werden,« sagte der Hutmacher. Er

hatte Alice eine Zeit lang mit großer Neugierde angesehen, und dies

waren seine ersten Worte.

67


»Du solltest keine persönlichen Bemerkungen machen,« sagte

Alice mit einer gewissen Strenge, »es ist sehr grob.«

Der Hutmacher riß die Augen weit auf, als er dies hörte; aber er

sagte weiter nichts als: »Warum ist ein Rabe wie ein Reitersmann?«

»Ei, jetzt wird es Spaß geben,« dachte Alice. »Ich bin so froh, daß

sie anfangen Räthsel aufzugeben ­ Ich glaube, das kann ich rathen,«

fuhr sie laut fort.

»Meinst du, daß du die Antwort dazu finden kannst?« fragte der

Faselhase.

»Ja, natürlich,« sagte Alice.

»Dann solltest du sagen, was du meinst,« sprach der Hase weiter.

»Das thue ich ja,« warf Alice schnell ein, »wenigstens ­

wenigstens meine ich, was ich sage ­ und das ist dasselbe.«

68


»Nicht im Geringsten dasselbe!« sagte der Hutmacher. »Wie, du

könntest eben so gut behaupten, daß ich sehe, was ich esse« dasselbe

ist wie »ich esse, was ich sehe.«

»Du könntest auch behaupten,« fügte der Faselhase hinzu, »ich

mag, was ich kriege« sei dasselbe wie »ich kriege, was ich mag!«

»Du könntest eben so gut behaupten,« fiel das Murmelthier ein,

das im Schlafe zu sprechen schien, »ich athme, wenn ich schlafe« sei

dasselbe wie »ich schlafe, wenn ich athme!«

»Es ist dasselbe bei dir,« sagte der Hutmacher, und damit endigte

die Unterhaltung, und die Gesellschaft saß einige Minuten

schweigend, während Alice Alles durchdachte, was sie je von Raben

und Reitersmännern gehört hatte, und das war nicht viel.

Der Hutmacher brach das Schweigen zuerst. »Den wievielsten

haben wir heute?« sagte er, sich an Alice wendend; er hatte seine

Uhr aus der Tasche genommen, sah sie unruhig an, schüttelte sie hin

und her und hielt sie an′s Ohr.

Alice besann sich ein wenig und sagte: »Den vierten.«

»Zwei Tage falsch!« seufzte der Hutmacher. »Ich sagte dir ja, daß

Butter das Werk verderben würde,« setze er hinzu, indem er den

Hasen ärgerlich ansah.

»Es war die beste Butter,« sagte der Faselhase demüthig.

»Ja, aber es muß etwas Krume mit hinein gerathen sein,«

brummte der Hutmacher; »du hättest sie nicht mit dem Brodmesser

hinein thun sollen.«

Der Faselhase nahm die Uhr und betrachtete sie trübselig; dann

tunkte er sie in seine Tasse Thee und betrachtete sie wieder, aber es

69


fiel ihm nichts Besseres ein, als seine erste Bemerkung: »Es war

wirklich die beste Butter.«

Alice hatte ihm neugierig über die Schulter gesehen.

»Was für eine komische Uhr!« sagte sie. »Sie zeigt das Datum,

und nicht wie viel Uhr es ist!«

»Warum sollte sie?« brummte der Hase; »zeigt deine Uhr, welches

Jahr es ist?«

»Natürlich nicht,« antwortete Alice schnell, »weil es so lange

hintereinander dasselbe Jahr bleibt.«

»Und so ist es gerade mit meiner,« sagte der Hutmacher.

Alice war ganz verwirrt. Die Erklärung des Hutmachers schien

ihr gar keinen Sinn zu haben, und doch waren es deutlich

gesprochne Worte. »Ich verstehe dich nicht ganz,« sagte sie, so

höflich sie konnte.

»Das Murmelthier schläft schon wieder,« sagte der Hutmacher,

und goß ihm etwas heißen Thee auf die Nase.

Das Murmelthier schüttelte ungeduldig den Kopf und sagte,

ohne die Augen aufzuthun: »Freilich, freilich, das wollte ich eben

auch bemerken.«

»Hast du das Räthsel schon gerathen?« wandte sich der

Hutmacher an Alice.

»Nein, ich gebe es auf,« antwortete Alice, »Was ist die Antwort?«

»Davon habe ich nicht die leiseste Ahnung,« sagte der

Hutmacher.

70


»Ich auch nicht,« sagte der Faselhase.

Alice seufzte verstimmt. »Ich dächte, ihr könntet die Zeit besser

anwenden,« sagte sie, »als mit Räthseln, die keine Auflösung haben.«

»Wenn du die Zeit so gut kenntest wie ich,« sagte der

Hutmacher, »würdest du nicht davon reden, wie wir sie anwenden,

sondern wie sie uns anwendet.«

»Ich weiß nicht, was du meinst,« sagte Alice.

»Natürlich kannst du das nicht wissen!« sagte der Hutmacher,

indem er den Kopf verächtlich in die Höhe warf. »Du hast

wahrscheinlich nie mit der Zeit gesprochen.«

»Ich glaube kaum,« erwiederte Alice vorsichtig; »aber Mama sagte

gestern, ich sollte zu meiner kleinen Schwester gehen und ihr die

Zeit vertreiben.«

»So? das wird sie dir schön übel genommen haben; sie läßt sich

nicht gern vertreiben. Aber wenn man gut mit ihr steht, so thut sie

Einem beinah Alles zu Gefallen mit der Uhr. Zum Beispiel, nimm

den Fall, es wäre 9 Uhr Morgens, gerade Zeit, deine Stunden

anzufangen, du brauchtest der Zeit nur den kleinsten Wink zu

geben, schnurr! geht die Uhr herum, ehe du dich′s versiehst! halb

Zwei, Essenszeit!«

(»Ich wünschte, das wäre es!« sagte der Faselhase leise für sich.)

»Das wäre wirklich famos,« sagte Alice gedankenvoll, »aber dann

würde ich nicht hungrig genug sein, nicht wahr?«

»Zuerst vielleicht nicht,« antwortete der Hutmacher, »aber es

würde so lange halb Zwei bleiben, wie du wolltest.«

»So macht ihr es wohl hier?« fragte Alice.

71


Der Hutmacher schüttelte traurig den Kopf. »Ich nicht!« sprach

er. »Wir haben uns vorige Ostern entzweit ­ kurz ehe er toll wurde,

du weißt doch ­ (mit seinem Theelöffel auf den Faselhasen zeigend)

­ es war in dem großen Concert, das die Coeur-Königin gab; ich

mußte singen:

>O Papagei, o Papagei!

Wie grün sind deine Federn! Vielleicht kennst du das Lied?«

»Ich habe etwas dergleichen gehört,« sagte Alice.

»Es geht weiter,« fuhr der Hutmacher fort:

»Du grünst nicht nur zur Friedenszeit,

Auch wenn es Teller und Töpfe schneit.

O Papagei, o Papagei ­«

72


Hier schüttelte sich das Murmelthier und fing an im Schlaf zu

singen: »O Papagei, o Mamagei, o Papagei, o Mamagei ­« in einem

fort, so daß sie es zuletzt kneifen mußten, damit es nur aufhöre.

»Denke dir, ich hatte kaum den ersten Vers fertig,« sagte der

Hutmacher, »als die Königin ausrief: Abscheulich! der Mensch

schlägt geradezu die Zeit todt mit seinem Geplärre. Aufgehängt soll

er werden!«

»Wie furchtbar grausam!« rief Alice.

»Und seitdem,« sprach der Hutmacher traurig weiter, »hat sie mir

nie etwas zu Gefallen thun wollen, die Zeit! Es ist nun immer 6

Uhr!«

Dies brachte Alice auf einen klugen Gedanken. »Darum sind

wohl so viele Tassen hier herumgestellt?« fragte sie.

»Ja, darum,« sagte der Hutmacher mit einem Seufzer, »es ist

immer Theestunde, und wir haben keine Zeit, die Tassen

dazwischen aufzuwaschen.«

»Dann rückt ihr wohl herum?« sagte Alice.

»So ist es,« sage der Hutmacher, »wenn die Tassen genug

gebraucht sind.«

»Aber wenn ihr wieder an den Anfang kommt?« unterstand sich

Alice zu fragen.

»Wir wollen jetzt von etwas Anderem reden,« unterbrach sie der

Faselhase gähnend, »dieser Gegenstand ist mir nachgerade

langweilig. Ich schlage vor, die junge Dame erzählt eine Geschichte.«

73


»O, ich weiß leider keine,« rief Alice, ganz bestürzt über diese

Zumuthung.

»Dann soll das Murmelthier erzählen!« riefen beide; »wache auf,

Murmelthier!« dabei kniffen sie es von beiden Seiten zugleich.

Das Murmelthier machte langsam die Augen auf. »Ich habe nicht

geschlafen,« sagte es mit heiserer, schwacher Stimme, »ich habe jedes

Wort gehört, das ihr Jungen gesagt habt.«

»Erzähle uns eine Geschichte!« sagte der Faselhase.

»Ach ja, sei so gut!« bat Alice.

»Und mach schnell,« fügte der Hutmacher hinzu, »sonst schläfst

du ein, ehe sie zu Ende ist.«

»Es waren einmal drei kleine Schwestern,« fing das Murmelthier

eilig an, »die hießen Else, Lacie und Tillie, und sie lebten tief unten

in einem Brunnen ­«

»Wovon lebten sie?« fragte Alice, die sich immer für Essen und

Trinken sehr interessierte.

»Sie lebten von Syrup,« versetzte das Murmelthier, nachdem es

sich eine Minute besonnen hatte.

»Das konnten sie ja aber nicht,« bemerkte Alice schüchtern, »da

wären sie ja krank geworden.«

»Das wurden sie auch,« sagte das Murmelthier, »sehr krank.«

Alice versuchte es sich vorzustellen, wie eine so

außergewöhnliche Art zu leben wohl sein möchte; aber es kam ihr

zu kurios vor, sie mußte wieder fragen: »Aber warum lebten sie

unten in dem Brunnen?«

74


»Willst du nicht ein wenig mehr Thee?« sagte der Faselhase sehr

ernsthaft zu Alice.

»Ein wenig mehr? ich habe noch keinen gehabt,« antwortete

Alice etwas empfindlich, »also kann ich nicht noch

mehr

trinken.«

»Du meinst, du kannst nicht

weniger

trinken,« sagte der

Hutmacher: »es ist sehr leicht,

mehr

als keinen zu trinken.«

»Niemand hat dich um deine Meinung gefragt,« sagte Alice.

»Wer macht denn nun persönliche Bemerkungen?« rief der

Hutmacher triumphirend.

Alice wußte nicht recht, was sie darauf antworten sollte; sie

nahm sich daher etwas Thee und Butterbrot, und dann wandte sie

sich an das Murmelthier und wiederholte ihre Frage: »Warum lebten

sie in einem Brunnen?«

Das Murmelthier besann sich einen Augenblick und sagte

dann: »Es war ein Syrup-Brunnen.«

»Den giebt es nicht!« fing Alice sehr ärgerlich an; aber der

Hutmacher und Faselhase machten beide: »Sch, sch!« und das

Murmelthier bemerkte brummend: »Wenn du nicht höflich sein

kannst, kannst du die Geschichte selber auserzählen.«

»Nein, bitte erzähle weiter!« sagte Alice ganz bescheiden; »ich

will dich nicht wieder unterbrechen. Es wird wohl

einen

geben.«

»

Einen,

wirklich!« sagte das Murmelthier entrüstet. Doch ließ es

sich zum Weitererzählen bewegen. »Also die drei kleinen Schwestern

­ sie lernten zeichnen, müßt ihr wissen ­«

»Was zeichneten sie?« sagte Alice, ihr Versprechen ganz

vergessend.

75


»Syrup,« sagte das Murmelthier, diesmal ganz ohne zu überlegen.

»Ich brauche eine reine Tasse,« unterbrach der Hutmacher, »wir

wollen Alle einen Platz rücken.«

Er rückte, wie er das sagte, und das Murmelthier folgte ihm; der

Faselhase rückte an den Platz des Murmelthiers, und Alice nahm,

obgleich etwas ungern, den Platz des Faselhasen ein. Der

Hutmacher war der Einzige, der Vortheil von diesem Wechsel hatte,

und Alice hatte es viel schlimmer als zuvor, da der Faselhase eben

den Milchtopf über seinen Teller umgestoßen hatte.

Alice wollte das Murmelthier nicht wieder beleidigen und fing

daher sehr vorsichtig an: »Aber ich verstehe nicht. Wie konnten sie

den Syrup zeichnen?«

»Als ob nicht aller Syrup gezeichnet wäre, den man vom

Kaufmann holt,« sagte der Hutmacher; »hast du nicht immer darauf

gesehen: feinste Qualität, allerfeinste Qualität, superfeine Qualität ­

oh, du kleiner Dummkopf?«

»Wie gesagt, fuhr das Murmelthier fort, lernten sie

zeichnen;« hier gähnte es und rieb sich die Augen, denn es fing an,

sehr schläfrig zu werden; »und sie zeichneten Allerlei ­ Alles was mit

M. anfängt ­«

»Warum mit M.?« fragte Alice.

»Warum nicht?« sagte der Faselhase.

Alice war still.

Das Murmelthier hatte mittlerweile die Augen zugemacht, und

war halb eingeschlafen; da aber der Hutmacher es zwickte, wachte es

mit einem leisen Schrei auf und sprach weiter: ­ »was mit M

anfängt, wie Mausefallen, den Mond, Mangel, und manches Mal ­

76


ihr wißt, man sagt: ich habe das

manches liebe Mal

gethan ­ hast du je

manches liebe

Mal

gezeichnet gesehen?«

»Wirklich, da du mich selbst fragst,« sagte Alice ganz

verwirrt, »ich denke kaum ­«

»Dann solltest du auch nicht reden,« sagte der Hutmacher.

Dies war nachgerade zu grob für Alice: sie stand ganz beleidigt

auf und ging fort; das Murmelthier schlief augenblicklich wieder

ein, und die beiden Andern beachteten ihr Fortgehen nicht, obgleich

sie sich ein paar Mal umsah, halb in der Hoffnung, daß sie sie

zurückrufen würden. Als sie sie zuletzt sah, versuchten sie das

Murmelthier in die Theekanne zu stecken.

»Auf keinen Fall will ich

da

je wieder hingehen!« sagte Alice,

während sie sich einen Weg durch den Wald suchte. »Es ist die

dümmste Theegesellschaft, in der ich in meinem ganzen Leben

war!«

Gerade wie sie so sprach, bemerkte sie, daß einer der Bäume eine

kleine Thür hatte. »Das ist höchst komisch!« dachte sie. »Aber Alles

ist heute komisch! Ich will lieber gleich hinein gehen.«

77


Wie gesagt, so gethan: und sie befand sich wieder in dem langen

Corridor, und dicht bei dem kleinen Glastische. »Diesmal will ich es

gescheidter anfangen,« sagte sie zu sich selbst, nahm das goldne

Schlüsselchen und schloß die Thür auf, die in den Garten führte. Sie

machte sich daran, an dem Pilz zu knabbern (sie hatte ein Stückchen

in der Tasche behalten), bis sie ungefähr einen Fuß hoch war, dann

ging sie den kleinen Gang hinunter; und dann ­ war sie endlich in

dem schönen Garten, unter den prunkenden Blumenbeeten und

kühlen Springbrunnen.

78


Achtes Kapitel. Das Croquetfeld der Königin

Ein großer hochstämmiger Rosenstrauch stand nahe bei′m Eingang;

die Rosen, die darauf wuchsen, waren weiß, aber drei Gärtner waren

damit beschäftigt, sie roth zu malen. Alice kam dies wunderbar vor,

und da sie näher hinzutrat, um ihnen zuzusehen, hörte sie einen von

ihnen sagen: »nimm dich in Acht, Fünf! Bespritze mich nicht so mit

Farbe!«

»Ich konnte nicht dafür,« sagte Fünf in verdrießlichem

Tone; »Sieben hat mich an den Ellbogen gestoßen.«

Worauf Sieben aufsah und sagte: »Recht so Fünf! Schiebe immer

die Schuld auf andre Leute!«

79


»Du sei nur ganz still!« sagte Fünf. »Gestern erst hörte ich die

Königin sagen, du verdientest geköpft zu werden!«

»Wofür?« fragte der, welcher zuerst gesprochen hatte.

»Das geht dich nichts an, Zwei!« sagte Sieben.

»Ja, es

geht

ihn an!« sagte Fünf, »und ich werde es ihm sagen ­

dafür, daß er dem Koch Tulpenzwiebeln statt Küchenzwiebeln

gebracht hat.«

Sieben warf seinen Pinsel hin und hatte eben angefangen: »Ist je

eine ungerechtere Anschuldigung ­« als sein Auge zufällig auf Alice

fiel, die ihnen zuhörte; er hielt plötzlich inne, die andern sahen sich

auch um, und sie verbeugten sich Alle tief.

»Wollen Sie so gut sein, mir zu sagen,« sprach Alice etwas

furchtsam, »warum Sie diese Rosen malen?«

Fünf und Sieben antworteten nichts, sahen aber Zwei an. Zwei

fing mit leiser Stimme an: »Die Wahrheit zu gestehen, Fräulein, dies

hätte hier ein

rother

Rosenstrauch sein sollen, und wir haben aus

Versehen einen weißen gepflanzt, und wenn die Königin es gewahr

würde, würden wir Alle geköpft werden, müssen Sie wissen. So,

sehen Sie Fräulein, versuchen wir, so gut es geht, ehe sie kommt

­« In dem Augenblick rief Fünf, der ängstlich tiefer in den Garten

hinein gesehen hatte: »Die Königin! die Königin!« und die drei

Gärtner warfen sich sogleich flach auf ′s Gesicht. Es entstand ein

Geräusch von vielen Schritten, und Alice blickte neugierig hin, die

Königin zu sehen.

Zuerst kamen zehn Soldaten, mit Keulen bewaffnet, sie hatten

alle dieselbe Gestalt wie die Gärtner, rechteckig und flach, und an

den vier Ecken die Hände und Füße; danach kamen zehn Herren

vom Hofe, sie waren über und über mit Diamanten bedeckt und

gingen paarweise, wie die Soldaten. Nach diesen kamen die

80


königlichen Kinder, es waren ihrer zehn, und die lieben Kleinen

kamen lustig gesprungen Hand in Hand paarweise, sie waren ganz

mit Herzen geschmückt. Darauf kamen die Gäste, meist Könige

und Königinnen, und unter ihnen erkannte Alice das weiße

Kaninchen; es unterhielt sich in etwas eiliger und aufgeregter Weise,

lächelte bei Allem, was gesagt wurde und ging vorbei, ohne sie zu

bemerken. Darauf folgte der Coeur-Bube, der die königliche Krone

auf einem rothen Sammetkissen trug, und zuletzt in diesem

großartigen Zuge kamen der Herzenskönig und die Herzenskönigin.

Alice wußte nicht recht, ob sie sich nicht flach auf ′s Gesicht

legen müsse, wie die drei Gärtner; aber sie konnte sich nicht

erinnern, je von einer solchen Sitte bei Festzügen gehört zu

haben. »Und außerdem, wozu gäbe es überhaupt Aufzüge,« dachte

sie, »wenn alle Leute flach auf dem Gesichte liegen müßten, so daß

sie sie nicht sehen könnten?« Sie blieb also stehen, wo sie war, und

wartete.

Als der Zug bei ihr angekommen war, blieben Alle stehen und

sahen sie an, und die Königin fragte strenge: »Wer ist das?« Sie hatte

den Coeur-Buben gefragt, der statt aller Antwort nur lächelte und

Kratzfüße machte.

»Schafskopf!« sagte die Königin, den Kopf ungeduldig

zurückwerfend; und zu Alice gewandt fuhr sie fort: »Wie heißt du,

Kind?«

81


»Mein Name ist Alice, Euer Majestät zu dienen!« sagte Alice sehr

höflich; aber sie dachte bei sich: »Ach was, es ist ja nur ein Pack

Karten. Ich brauche mich nicht vor ihnen zu fürchten!«

»Und wer sind diese drei?« fuhr die Königin fort, indem sie auf

die drei Gärtner zeigte, die um den Rosenstrauch lagen; denn

natürlich, da sie auf dem Gesichte lagen und das Muster auf ihrer

Rückseite dasselbe war wie für das ganze Pack, so konnte sie nicht

wissen, ob es Gärtner oder Soldaten oder Herren vom Hofe oder

drei von ihren eigenen Kindern waren.

»Woher soll ich das wissen?« sagte Alice, indem sie sich selbst

über ihren Muth wunderte. »Es ist nicht meines Amtes.«

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Die Königin wurde purpurroth vor Wuth, und nachdem sie sie

einen Augenblick wie ein wildes Thier angestarrt hatte, fing sie an zu

brüllen: »Ihren Kopf ab! ihren Kopf ­«

»Unsinn!« sagte Alice sehr laut und bestimmt, und die Königin

war still.

Der König legte seine Hand auf ihren Arm und sagte

milde: »Bedenke, meine Liebe, es ist nur ein Kind!«

Die Königin wandte sich ärgerlich von ihm ab und sagte zu dem

Buben: »Dreh′ sie um!«

Der Bube that es, sehr sorgfältig, mit einem Fuße.

»Steht auf!« schrie die Königin mit durchdringender Stimme, und

die drei Gärtner sprangen sogleich auf und fingen an sich zu

verneigen vor dem König, der Königin, den königlichen Kindern,

und Jedermann.

»Laßt das sein!« eiferte die Königin. »Ihr macht mich

schwindlig.« Und dann, sich nach dem Rosenstrauch umdrehend,

fuhr sie fort: »Was habt ihr hier gethan?«

»Euer Majestät zu dienen,« sagte Zwei in sehr demüthigem Tone

und sich auf ein Knie niederlassend, »wir haben versucht ­«

»Ich sehe!« sagte die Königin, die unterdessen die Rosen

untersucht hatte. »Ihre Köpfe ab!« und der Zug bewegte sich fort,

während drei von den Soldaten zurückblieben um die unglücklichen

Gärtner zu enthaupten, welche zu Alice liefen und sie um Schutz

baten.

»Ihr sollt nicht getödtet werden!« sagte Alice, und damit steckte

sie sie in einen großen Blumentopf, der in der Nähe stand. Die drei

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Soldaten gingen ein Weilchen hier- und dorthin, um sie zu suchen,

und dann schlossen sie sich ruhig wieder den Andern an.

»Sind ihre Köpfe gefallen?« schrie die Königin sie an.

»Ihre Köpfe sind fort, zu Euer Majestät Befehl!« schrien die

Soldaten als Antwort.

»Das ist gut!« schrie die Königin. »Kannst du Croquet spielen?«

Die Soldaten waren still und sahen Alice an, da die Frage

augenscheinlich an sie gerichtet war.

»Ja!« schrie Alice.

»Dann komm mit!« brüllte die Königin, und Alice schloß sich

dem Zuge an, sehr neugierig, was nun geschehen werde.

»Es ist ­ es ist ein sehr schöner Tag!« sagte eine schüchterne

Stimme neben ihr. Sie ging neben dem weißen Kaninchen, das ihr

ängstlich in′s Gesicht sah.

»Sehr,« sagte Alice; ­ »wo ist die Herzogin?«

»Still! still!« sagte das Kaninchen in einem leisen, schnellen Tone.

Es sah dabei ängstlich über seine Schulter, stellte sich dann auf die

Zehen, hielt den Mund dicht an Alice′s Ohr und wisperte: »Sie ist

zum Tode verurtheilt.«

»Wofür?« frage diese.

»Sagtest du: wie Schade?« fragte das Kaninchen.

»Nein, das sagte ich nicht,« sagte Alice, »ich finde gar nicht, daß

es Schade ist. Ich sagte: wofür?«

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»Sie hat der Königin eine Ohrfeige gegeben ­« fing das

Kaninchen an. Alice lachte hörbar. »Oh still!« flüsterte das

Kaninchen in sehr erschrecktem Tone. »Die Königin wird dich

hören! Sie kam nämlich etwas spät und die Königin sagte ­«

»Macht, daß ihr an eure Plätze kommt!« donnerte die Königin,

und Alle fingen an in allen Richtungen durcheinander zu laufen,

wobei sie Einer über die Andern stolperten; jedoch nach ein bis

zwei Minuten waren sie in Ordnung, und das Spiel fing an.

Alice dachte bei sich, ein so merkwürdiges Croquet-Feld habe sie

in ihrem Leben nicht gesehen; es war voller Erhöhungen und

Furchen, die Kugeln waren lebendige Igel, und die Schlägel

lebendige Flamingos, und die Soldaten mußten sich umbiegen und

auf Händen und Füßen stehen, um die Bogen zu bilden.

Die Hauptschwierigkeit, die Alice zuerst fand, war, den Flamingo

zu handhaben; sie konnte zwar ziemlich bequem seinen Körper

unter ihrem Arme festhalten, so daß die Füße herunterhingen, aber

wenn sie eben seinen Hals schön ausgestreckt hatte, und dem Igel

nun einen Schlag mit seinem Kopf geben wollte, so richtete er sich

auf und sah ihr mit einem so verdutzten Ausdruck in′s Gesicht, daß

sie sich nicht enthalten konnte laut zu lachen. Wenn sie nun seinen

Kopf herunter gebogen hatte und eben wieder anfangen wollte zu

spielen, so fand sie zu ihrem großen Verdruß, daß der Igel sich

aufgerollt hatte und eben fortkroch; außerdem war gewöhnlich eine

Erhöhung oder eine Furche gerade da im

85


Wege, wo sie den Igel hinrollen wollte, und da die umgebogenen

Soldaten fortwährend aufstanden und an eine andere Stelle des

Grasplatzes gingen, so kam Alice bald zu der Überzeugung, daß es

wirklich ein sehr schweres Spiel sei.

Die Spieler spielten Alle zugleich, ohne zu warten, bis sie an der

Reihe waren; dabei stritten sie sich immerfort und zankten um die

Igel, und in sehr kurzer Zeit war die Königin in der heftigsten Wuth,

stampfte mit den Füßen und schrie: »Schlagt ihm den Kopf

ab!« oder: »Schlagt ihr den Kopf ab!« ungefähr ein Mal jede Minute.

Alice fing an sich sehr unbehaglich zu fühlen, sie hatte zwar noch

keinen Streit mit der Königin gehabt, aber sie wußte, daß sie keinen

Augenblick sicher davor war, »und was,« dachte sie, »würde dann aus

mir werden? die Leute hier scheinen schrecklich gern zu köpfen; es

ist das größte Wunder, daß überhaupt noch welche am Leben

geblieben sind!« Sie sah sich nach einem Ausgange um und

überlegte, ob sie sich wohl ohne gesehen zu werden, fortschleichen

86


könne, als sie eine merkwürdige Erscheinung in der Luft wahrnahm:

sie schien ihr zuerst ganz räthselhaft, aber nachdem sie sie ein Paar

Minuten beobachtet hatte, erkannte sie, daß es ein Grinsen war, und

sagte bei sich: »Es ist die Grinse-Katze; jetzt werde ich Jemand

haben, mit dem ich sprechen kann.«

»Wie geht es dir?« sagte die Katze, sobald Mund genug da war,

um damit zu sprechen.

Alice wartete, bis die Augen erschienen, und nickte ihr zu. »Es

nützt nichts mit ihr zu reden,« dachte sie, »bis ihre Ohren

gekommen sind, oder wenigstens eins.« Den nächsten Augenblick

erschien der ganze Kopf; da setzte Alice ihren Flamingo nieder und

fing ihren Bericht von dem Spiele an, sehr froh, daß sie Jemand zum

Zuhören hatte. Die Katze schien zu glauben, daß jetzt genug von ihr

sichtbar sei, und es erschien weiter nichts.

»Ich glaube, sie spielen gar nicht gerecht,« fing Alice in etwas

klagendem Tone an, »und sie zanken sich Alle so entsetzlich, daß

man sein eigenes Wort nicht hören kann ­ und dann haben sie gar

keine Spielregeln, wenigstens wenn sie welche haben, so beobachtet

sie Niemand ­ und du hast keine Idee, wie es Einen verwirrt, daß

alle Croquet-Sachen lebendig sind; zum Beispiel da ist der Bogen,

durch den ich das nächste Mal spielen muß, und geht am andern

Ende des Grasplatzes spazieren ­ und ich hätte den Igel der

Königin noch eben treffen

können, nur daß er fortrannte, als er meinen
kommen sah!«

»Wie gefällt dir die Königin?« fragte die Katze leise.

»Ganz und gar nicht,« sagte Alice, »sie hat so sehr viel ­« da

bemerkte sie eben, daß die Königin dicht hinter ihr war und zuhörte,

also setzte sie hinzu: »Aussicht zu gewinnen, daß es kaum der Mühe

werth ist, das Spiel auszuspielen.«

Die Königin lächelte und ging weiter.

87


»Mit wem redest du da?« sagte der König, indem er an Alice

herantrat und mit großer Neugierde den Katzenkopf ansah.

»Es ist einer meiner Freunde ­ ein Grinse-Kater,« sagte

Alice; »erlauben Eure Majestät, daß ich ihn Ihnen vorstelle.«

»Sein Aussehen gefällt mir gar nicht,« sagte der König; »er mag

mir jedoch die Hand küssen, wenn er will.«

»O, lieber nicht!« versetzte der Kater.

»Sei nicht so impertinent,« sagte der König, »und sieh mich nicht

so an!« Er stellte sich hinter Alice, als er dies sagte.

»Der Kater sieht den König an, der König sieht den Kater

an,« sagte Alice, »das habe ich irgendwo gelesen, ich weiß nur nicht

mehr wo.«

»Fort muß er,« sagte der König sehr entschieden, und rief der

Königin zu, die gerade vorbeiging: »Meine Liebe! ich wollte, du

ließest diesen Kater fortschaffen!«

Die Königin kannte nur

eine

Art, alle Schwierigkeiten, große und

kleine, zu beseitigen. »Schlagt ihm den Kopf ab!« sagte sie, ohne sich

einmal umzusehen.

»Ich werde den Henker selbst holen,« sagte der König eifrig und

eilte fort.

Alice dachte, sie wollte lieber zurück gehen und sehen, wie es mit

dem Spiele stehe, da sie in der Entfernung die Stimme der Königin

hörte, die vor Wuth außer sich war. Sie hatte sie schon drei Spieler

zum Tode verurtheilen hören, weil sie ihre Reihe verfehlt hatten,

und der Stand der Dinge behagte ihr gar nicht, da das Spiel in

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solcher Verwirrung war, daß sie nie wußte, ob sie an der Reihe sei

oder nicht. Sie ging also, sich nach ihrem Igel umzusehen.

Der Igel war im Kampfe mit einem andern Igel, was Alice eine

vortreffliche Gelegenheit schien, einen mit dem andern zu

treffen

; die

einzige Schwierigkeit war, daß ihr Flamingo nach dem andern Ende

des Gartens gegangen war, wo Alice eben noch sehen konnte, wie er

höchst ungeschickt versuchte, auf einen Baum zu fliegen.

Als sie den Flamingo gefangen und zurückgebracht hatte, war

der Kampf vorüber und die beiden Igel nirgends zu sehen. »Aber es

kommt nicht drauf an,« dachte Alice, »da alle Bogen auf dieser Seite

des Grasplatzes fortgegangen sind.« Sie steckte also ihren Flamingo

89


unter den Arm, damit er nicht wieder fortliefe, und ging zurück, um

mit ihrem Freunde weiter zu schwatzen.

Als sie zum Cheshire-Kater zurück kam, war sie sehr erstaunt,

einen großen Auflauf um ihn versammelt zu sehen: es fand ein

großer Wortwechsel statt zwischen dem Henker, dem Könige und

der Königin, welche alle drei zugleich sprachen, während die

Übrigen ganz still waren und sehr ängstlich aussahen.

Sobald Alice erschien, wurde sie von allen dreien aufgefordert,

den streitigen Punkt zu entscheiden, und sie wiederholten ihr ihre

Beweisgründe, obgleich, da alle zugleich sprachen, man kaum

verstehen konnte, was jeder Einzelne sagte.

Der Henker behauptete, daß man keinen Kopf abschneiden

könne, wo kein Körper sei, von dem man ihn abschneiden könne;

daß er so etwas noch nie gethan habe, und jetzt über die Jahre

hinaus sei, wo man etwas Neues lerne.

Der König behauptete, daß Alles, was einen Kopf habe, geköpft

werden könne, und daß man nicht so viel Unsinn schwatzen solle.

Die Königin behauptete, daß wenn nicht in weniger als keiner

Frist etwas geschehe, sie die ganze Gesellschaft würde köpfen

lassen. (Diese letztere Bemerkung hatte der Versammlung ein so

ernstes und ängstliches Aussehen gegeben.)

Alice wußte nichts Besseres zu sagen als: »Er gehört der

Herzogin, es wäre am besten

sie

zu fragen.«

»Sie ist im Gefängnis,« sagte die Königin zum Henker, »hole sie

her.« Und der Henker lief davon wie ein Pfeil.

90


Da wurde der Kopf des Katers undeutlicher und undeutlicher;

und gerade in dem Augenblick, als der Henker mit der Herzogin

zurück kam, verschwand er gänzlich; der König und der Henker

liefen ganz wild umher, ihn zu suchen, während die übrige

Gesellschaft zum Spiele zurückging.

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Neuntes Kapitel. Die Geschichte der falschen
Schildkröte

»Du kannst dir gar nicht denken, wie froh ich bin, dich wieder zu

sehen, du liebes altes Herz!« sagte die Herzogin, indem sie Alice

liebevoll umfaßte, und beide zusammen fortspazierten.

Alice war sehr froh, sie bei so guter Laune zu finden, und dachte

bei sich, es wäre vielleicht nur der Pfeffer, der sie so böse gemacht

habe, als sie sich zuerst in der Küche trafen. »Wenn ich Herzogin

bin,« sagte sie für sich (doch nicht in sehr hoffnungsvollem

Tone), »will ich gar keinen Pfeffer in meiner Küche dulden. Suppe

schmeckt sehr gut ohne ­

92


Am Ende ist es immer Pfeffer, der die Leute heftig macht,« sprach

sie weiter, sehr glücklich, eine neue Regel erfunden zu haben, »und

Essig, der sie sauertöpfisch macht ­ und Kamillenthee, der sie bitter

macht ­ und Gestenzucker und dergleichen, was Kinder zuckersüß

macht. Ich wünschte nur, die großen Leute wüßten das, dann

würden sie nicht so sparsam damit sein ­«

Sie hatte unterdessen die Herzogin ganz vergessen und schrak

förmlich zusammen, als sie deren Stimme dicht an ihrem Ohre

hörte. »Du denkst an etwas, meine Liebe, und vergißt darüber zu

sprechen. Ich kann dir diesen Augenblick nicht sagen, was die Moral

davon ist, aber es wird mir gleich einfallen.«

»Vielleicht hat es keine,« hatte Alice den Muth zu sagen.

»Still, still, Kind!« sagte die Herzogin. »Alles hat seine Moral,

wenn man sie nur finden kann.« Dabei drängte sie sich dichter an

Alice heran.

Alice mochte es durchaus nicht gern, daß sie ihr so nahe kam:

erstens, weil die Herzogin sehr häßlich war, und zweitens, weil sie

gerade groß genug war, um ihr Kinn auf Alice′s Schultern zu

stützen, und es war ein unangenehm spitzes Kinn. Da sie aber nicht

gern unhöflich sein wollte, so ertrug sie es, so gut sie konnte.

»Das Spiel ist jetzt besser im Gange,« sagte sie, um die

Unterhaltung fortzuführen.

»So ist es,« sagte die Herzogin, »und die Moral davon ist ­ Mit

Liebe und Gesange hält man die Welt im Gange!«

»Wer sagte denn,« flüsterte Alice, »es geschehe dadurch, daß

Jeder vor seiner Thüre fege.«

»Ah, sehr gut, das bedeutet ungefähr dasselbe,« sagte die

Herzogin, und indem sie ihr spitzes kleines Kinn in Alice′s Schulter

93


einbohrte, fügte sie hinzu »und die Moral

davon

ist ­ So viel Köpfe,

so viel Sinne.«

»Wie gern sie die Moral von Allem findet!« dachte Alice bei sich.

»Du wunderst dich wahrscheinlich, warum ich meinen Arm nicht

um deinen Hals lege,« sagte die Herzogin nach einer Pause; »die

Wahrheit zu gestehen, ich traue der Laune deines Flamingos nicht

ganz. Soll ich es versuchen?«

»Er könnte beißen,« erwiederte Alice weislich, da sie sich

keineswegs danach sehnte, das Experiment zu versuchen.

»Sehr wahr,« sagte die Herzogin, »Flamingos und Senf beißen

beide. Und die Moral davon ist: Gleich und Gleich gesellt sich gern.«

»Aber der Flamingo ist ja ein Vogel und Senf ist kein

Vogel,« wandte Alice ein.

»Ganz recht, wie immer,« sagte die Herzogin, »wie deutlich du

Alles ausdrücken kannst.«

»Es ist, glaube ich, ein Mineral,« sagte Alice.

»Versteht sich,« sagte die Herzogin, die Allem, was Alice sagte,

beizustimmen schien, »in dem großen Senf-Bergwerk hier in der

Gegend sind ganz vorzüglich gute Minen. Und die Moral davon ist,

daß wir gute Miene zum bösen Spiel machen müssen.«

»O, ich weiß!« rief Alice aus, die die letzte Bemerkung ganz

überhört hatte, »es ist eine Pflanze. Es sieht nicht so aus, aber es ist

eine.«

»Ich stimme dir vollkommen bei,« sagte die Herzogin, »und die

Moral davon ist: Sei was du zu scheinen wünschest! ­ oder einfacher

ausgedrückt: Bilde dir nie ein verschieden von dem zu sein was

94


Anderen erscheint daß was du warest oder gewesen sein möchtest

nicht verschieden von dem war daß was du gewesen warest ihnen

erschienen wäre als wäre es verschieden.«

»Ich glaube, ich würde das besser verstehen,« sagte Alice sehr

höflich, »wenn ich es aufgeschrieben hätte; ich kann nicht ganz

folgen, wenn Sie es sagen.«

»Das ist noch gar nichts dagegen, was ich sagen könnte, wenn ich

wollte,« antwortete die Herzogin in selbstzufriedenem Tone.

»Bitte, bemühen Sie sich nicht, es noch länger zu sagen!« sagte

Alice.

»O, sprich nicht von Mühe!« sagte die Herzogin, »ich will dir

Alles, was ich bis jetzt gesagt habe, schenken.«

»Eine wohlfeile Art Geschenke!« dachte Alice, »ich bin froh, daß

man nicht solche Geburtstagsgeschenke macht!«

Aber sie getraute sich nicht, es laut zu sagen.

»Wieder in Gedanken?« fragte die Herzogin und grub ihr spitzes

kleines Kinn tiefer ein.

»Ich habe das Recht, in Gedanken zu sein, wenn ich will,« sagte

Alice gereizt, denn die Unterhaltung fing an, ihr langweilig zu

werden.

»Gerade so viel Recht,« sagte die Herzogin, »wie Ferkel zum

Fliegen, und die M­«

Aber, zu Alice′s großem Erstaunen stockte hier die Stimme der

Herzogin, und zwar mitten in ihrem Lieblingsworte »Moral«, und

der Arm, der in dem ihrigen ruhte, fing an zu zittern. Alice sah auf,

95


und da stand die Königin vor ihnen, mit über der Brust gekreuzten

Armen, schwarzblickend wie ein Gewitter.

»Ein schöner Tag, Majestät!« fing die Herzogin mit leiser

schwacher Stimme an.

»Ich will Sie schön gewarnt haben,« schrie die Königin und

stampfte dabei mit dem Fuße: »Fort augenblicklich, entweder mit

Ihnen oder mit Ihrem Kopfe! Wählen Sie!«

Die Herzogin wählte und verschwand eilig.

»Wir wollen weiter spielen,« sagte die Königin zu Alice, und

diese, viel zu erschrocken, ein Wort zu erwiedern, folgte ihr langsam

nach dem Croquet-Felde.

Die übrigen Gäste hatten die Abwesenheit der Königin benutzt,

um im Schatten auszuruhen; sobald sie sie jedoch kommen sahen,

eilten sie augenblicklich zum Spiele zurück, indem die Königin

einfach bemerkte, daß eine Minute Verzug ihnen das Leben kosten

würde.

Die ganze Zeit, wo sie spielten, hörte die Königin nicht auf, mit

den andern Spielern zu zanken und zu schreien: »Schlagt ihm den

Kopf ab!« oder: »Schlagt ihr den Kopf ab!« Diejenigen, welche sie

verurtheilt hatte, wurden von den Soldaten in Verwahrsam geführt,

die natürlich dann aufhören mußten, die Bogen zu bilden, so daß

nach ungefähr einer halben Stunde keine Bogen mehr übrig waren,

und alle Spieler, außer dem Könige, der Königin und Alice, in

Verwahrsam und zum Tode verurtheilt waren.

Da hörte die Königin, ganz außer Athem, auf und sagte zu

Alice: »Hast du die

Falsche Schildkröte

schon gesehen?«

96


»Nein,« sagte Alice. »Ich weiß nicht einmal, was eine

Falsche
Schildkröte

ist.«

»Es ist das, woraus falsche Schildkrötensuppe gemacht

wird,« sagte die Königin.

»Ich habe weder eine gesehen, noch von einer gehört,« sagte

Alice.

»Komm schnell,« sagte die Königin, »sie soll dir ihre Geschichte

erzählen.«

Als sie mit einander fortgingen, hörte Alice den König leise zu

der ganzen Versammlung sagen: »Ihr seid Alle begnadigt!« »Ach, das

ist ein Glück!« sagte sie für sich, denn sie war über die vielen

Enthauptungen, welche die Königin angeordnet hatte, ganz außer

sich gewesen.

Sie kamen bald zu einem Greifen, der in der Sonne lag und

schlief. (Wenn ihr nicht wißt, was ein Greif ist, seht euch das Bild

an.) »Auf, du Faulpelz,« sagte die Königin, »und bringe dies kleine

Fräulein zu der falschen Schildkröte, sie möchte gern ihre

Geschichte hören. Ich muß zurück und nach einigen Hinrichtungen

97


sehen, die ich angeordnet habe;« damit ging sie fort und ließ Alice

mit dem Greifen allein. Der Anblick des Thieres gefiel Alice nicht

recht; aber im Ganzen genommen, dachte sie, würde es eben so

sicher sein, bei ihm zu bleiben, als dieser grausamen Königin zu

folgen, sie wartete also.

Der Greif richtete sich auf und rieb sich die Augen: darauf sah

er der Königin nach, bis sie verschwunden war; dann schüttelte er

sich. »Ein köstlicher Spaß!« sagte der Greif, halb zu sich selbst, halb

zu Alice.

»

Was

ist ein Spaß?« frage Alice.

»Sie,« sagte der Greif. »Es ist Alles ihre Einbildung, das: Niemand

wird niemals nicht hingerichtet. Komm schnell.«

»Jeder sagt hier, komm schnell,« dachte Alice, indem sie ihm

langsam nachging, »so viel bin ich in meinem Leben nicht hin und

her kommandirt worden, nein, in meinem ganzen Leben nicht!«

Sie brauchten nicht weit zu gehen, als sie schon die falsche

Schildkröte in der Entfernung sahen, wie sie einsam und traurig auf

einem Felsenriffe saß; und als sie näher kamen, hörte Alice sie

seufzen, als ob ihr das Herz brechen wollte. Sie bedauerte sie

herzlich. »Was für einen Kummer hat sie?« fragte sie den Greifen,

und der Greif antwortete, fast in denselben Worten wie zuvor: »Es

ist Alles ihre Einbildung, das; sie hat keinen Kummer nicht. Komm

schnell!«

Sie gingen also an die falsche Schildkröte heran, die sie mit

thränenschweren Augen anblickte, aber nichts sagte.

»Die kleine Mamsell hier,« sprach der Greif, »sie sagt, sie möchte

gern deine Geschichte wissen, sagt sie.«

98


»Ich will sie ihr erzählen,« sprach die falsche Schildkröte mit

tiefer, hohler Stimme; »setzt euch beide her und sprecht kein Wort,

bis ich fertig bin.«

Gut, sie setzten sich hin und Keiner sprach mehrere Minuten

lang. Alice dachte bei sich: »Ich begreife nicht, wie sie

je

fertig

werden kann, wenn sie nicht anfängt.« Aber sie wartete geduldig.

»Einst,« sagte die falsche Schildkröte endlich mit einem tiefen

Seufzer, »war ich eine wirkliche Schildkröte.«

Auf diese Worte folgte ein sehr langes Schweigen, nur hin und

wieder unterbrochen durch den Ausruf des Greifen »Hjckrrh!« und

durch das heftige Schluchzen der falschen Schildkröte. Alice wäre

beinah aufgestanden und hätte gesagt: »Danke sehr für die

interessante Geschichte!« aber sie konnte nicht umhin zu denken,

daß doch noch etwas kommen müsse; daher blieb sie sitzen und

sagte nichts.

99


»Als wir klein waren,« sprach die falsche Schildkröte endlich

weiter, und zwar ruhiger, obgleich sie noch hin und wieder

schluchzte, »gingen wir zur Schule in der See. Die Lehrerin war eine

alte Schildkröte ­ wir nannten sie Mamsell Schalthier ­«

»Warum nanntet ihr sie Mamsell Schalthier?« fragte Alice.

»Sie

schalt hier

oder sie schalt da alle Tage, darum,« sagte die

falsche Schildkröte ärgerlich; »du bist wirklich sehr dumm.«

»Du solltest dich schämen, eine so dumme Frage zu thun,« setzte

der Greif hinzu, und dann saßen beide und sahen schweigend die

arme Alice an, die in die Erde hätte sinken mögen. Endlich sagte der

Greif zu der falschen Schildkröte: »Fahr′ zu, alte Kutsche! Laß uns

nicht den ganzen Tag warten!« Und sie fuhr in folgenden Worten

fort:

»Ja, wir gingen zur Schule, in der See, ob ihr es glaubt oder nicht

­«

»Ich habe nicht gesagt, daß ich es nicht glaubte,« unterbrach sie

Alice.

»Ja, das hast du,« sagte die falsche Schildkröte.

»Halt den Mund!« fügte der Greif hinzu, ehe Alice antworten

konnte. Die falsche Schildkröte fuhr fort.

»Wir gingen in die allerbeste Schule; wir hatten vier und zwanzig

Stunden regelmäßig jeden Tag.«

»Das haben wir auf dem Lande auch,« sagte Alice, »darauf

brauchst du dir nicht so viel einbilden.«

»Habt ihr auch Privatstunden außerdem?« fragte die falsche

Schildkröte etwas kleinlaut.

100


»Ja,« sagte Alice, »Französisch und Klavier.«

»Und Wäsche?« sagte die falsche Schildkröte.

»Ich dächte gar!« sagte Alice entrüstet.

»Ah! dann gehst du in keine wirklich gute Schule,« sagte die

falsche Schildkröte sehr beruhigt. »In unserer Schule stand immer

am Ende der Rechnung, >Französisch, Klavierspielen, Wäsche ­

extra. »Das könnt ihr nicht sehr nöthig gehabt haben,« sagte

Alice, »wenn ihr auf dem Grund des Meeres wohntet.«

»Ich konnte keine Privatstunden bezahlen,« sagte die falsche

Schildkröte mit einem Seufzer. »Ich nahm nur den regelmäßigen

Unterricht.«

»Und was war das?« fragte Alice.

»Legen und Treiben, natürlich, zu allererst,« erwiederte die

falsche Schildkröte; »Und dann die vier Abtheilungen vom Rechnen:

Zusehen, Abziehen, Vervielfraßen und Stehlen.«

»Ich habe nie von Vervielfraßen gehört,« warf Alice ein. »Was ist

das?«

Der Greif erhob beide Klauen voller Verwunderung. »Nie von

Vervielfraßen gehört« rief er aus. »Du weißt, was Verhungern ist?

vermuthe ich.«

»Ja,« sagte Alice unsicher, »es heißt ­ nichts ­ essen ­ und davon

­ sterben.«

»Nun,« fuhr der Greif fort, »wenn du nicht verstehst, was

Vervielfraßen ist, dann bist du ein Pinsel.«

101


Alice hatte allen Muth verloren, sich weiter danach zu

erkundigen, und wandte sich daher an die falsche Schildkröte mit

der Frage: »Was hattet ihr sonst noch zu lernen?«

»Nun, erstens Gewichte,« erwiederte die falsche Schildkröte,

indem sie die Gegenstände an den Pfoten aufzählte, »Gewichte, alte

und neue, mit Seeographie; dann Springen ­ der Springelehrer war

ein alter Stockfisch, der ein Mal wöchentlich zu kommen pflegte, er

lehrte uns Pfoten Reiben und Unarten, meerschwimmig Springen,

Schillern und Imponiren.«

»Wie war denn das?« fragte Alice.

»Ich kann es dir nicht selbst zeigen,« sagte die falsche

Schildkröte, »ich bin zu steif. Und der Greif hat es nicht gelernt.«

»Hatte keine Zeit,« sagte der Greif; »ich hatte aber Stunden bei

dem Lehrer der alten Sprachen. Das war ein alter

Barsch,

ja, das war

er.«

»Bei dem bin ich nicht gewesen,« sagte die falsche Schildkröte

mit einem Seufzer, »er lehrte Zebräisch und Greifisch, sagten sie

immer.«

»Das that er auch, das that er auch, und besonders

Laßsein,« sagte der Greif, indem er ebenfalls seufzte, worauf beide

Thiere sich das Gesicht mit den Pfoten bedeckten.

»Und wie viel Schüler wart ihr denn in einer Klasse?« sagte Alice,

die schnell auf einen andern Gegenstand kommen wollte.

»Zehn den ersten Tag,« sagte die falsche Schildkröte, »neun den

nächsten, und so fort.«

»Was für eine merkwürdige Einrichtung!« rief Alice aus.

102


»Das ist der Grund, warum man Lehrer hält, weil sie die Klasse

von Tag zu Tag leeren.«

Dies war ein ganz neuer Gedanke für Alice, welchen sie

gründlich überlegte, ehe sie wieder eine Bemerkung machte. »Den

elften Tag müssen dann Alle frei gehabt haben?«

»Natürlich!« sagte die falsche Schildkröte.

»Und wie wurde es den zwölften Tag gemacht?« fuhr Alice eifrig

fort.

»Das ist genug von Stunden,« unterbrach der Greif sehr

bestimmt: »erzähle ihr jetzt etwas von den Spielen.«

103


Zehntes Kapitel. Das Hummerballet

Die falsche Schildkröte seufzte tief auf und wischte sich mit dem

Rücken ihrer Pfote die Augen. Sie sah Alice an und versuchte zu

sprechen, aber ein bis zwei Minuten lang erstickte lautes Schluchzen

ihre Stimme. »Sieht aus, als ob sie einen Knochen in der Kehle

hätt′,« sagte der Greif und machte sich daran, sie zu schütteln und

auf den Rücken zu klopfen. Endlich erhielt die falsche Schildkröte

den Gebrauch ihrer Stimme wieder, und während Thränen ihre

Wangen herabflossen, erzählte sie weiter.

»Vielleicht hast du nicht viel unter dem Wasser gelebt

­« (»Nein,« sagte Alice) ­ »und vielleicht hast du nie die

Bekanntschaft eines Hummers gemacht ­« (Alice wollte eben

sagen: »ich kostete einmal,« aber sie hielt schnell ein und

sagte: »Nein, niemals«) ­ »du kannst dir also nicht vorstellen, wie

reizend ein Hummerballet ist.«

»Nein, in der That nicht,« sagte Alice, »was für eine Art Tanz ist

es?«

»Nun,« sagte der Greif, »erst stellt man sich in eine Reihe am

Strand auf ­«

»In zwei Reihen!« rief die falsche Schildkröte. »Seehunde,

Schildkröten, Lachse, und so weiter; dann, wenn alle Seesterne aus

dem Wege geräumt sind ­«

»Was gewöhnlich einige Zeit dauert,« unterbrach der Greif.

»­ geht man zwei Mal vorwärts ­«

»Jeder einen Hummer zum Tanze führend!« rief der Greif.

104


»Natürlich,« sagte die falsche Schildkröte: »zwei Mal vorwärts,

wieder paarweis gestellt ­«

»­ wechselt die Hummer, und geht in derselben Ordnung

zurück,« fuhr der Greif fort.

»Dann, mußt du wissen,« fiel die falsche Schildkröte ein, »wirft

man die ­«

»Die Hummer!« schrie der Greif mit einem Luftsprunge.

»­ so weit in′s Meer, als man kann ­«

»Schwimmt ihnen nach!« kreischte der Greif.

105


»Schlägt einen Purzelbaum im Wasser!« rief die falsche

Schildkröte indem sie unbändig umhersprang.

»Wechselt die Hummer wieder!« heulte der Greif mit erhobener

Stimme.

»Zurück an′s Land, und ­ das ist die ganze erste Figur,« sagte die

falsche Schildkröte, indem ihre Stimme plötzlich sank; und beide

Thiere, die bis dahin wie toll umhergesprungen waren, setzten sich

sehr betrübt und still nieder und sahen Alice an.

»Es muß ein sehr hübscher Tanz sein,« sagte Alice ängstlich.

»Möchtest du eine kleine Probe sehen?« fragte die falsche

Schildkröte.

»Sehr gern,« sagte Alice.

»Komm, laß uns die erste Figur versuchen!« sagte die falsche

Schildkröte zum Greifen. »Wir können es ohne Hummer, glaube

ich. Wer soll singen?«

»Oh, singe du!« sagte der Greif. »Ich habe die Worte vergessen.«

So fingen sie denn an, feierlich im Kreise um Alice zu tanzen;

zuweilen traten sie ihr auf die Füße, wenn sie ihr zu nahe kamen; die

falsche Schildkröte sang dazu, sehr langsam und traurig, Folgendes:

­

Zu der Schnecke sprach ein Weißfisch: »Kannst du denn nicht

schneller gehen?

Siehst du denn nicht die Schildkröten und die Hummer alle stehen?

Hinter uns da kommt ein Meerschwein, und es tritt mir auf den

Schwanz;

106


Und sie warten an dem Strande, daß wir kommen zu dem Tanz.

Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem

Tanz?

Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem

Tanz?«

»Nein, du kannst es nicht ermessen, wie so herrlich es wird sein,

Nehmen sie uns mit den Hummern, werfen uns in′s Meer hinein!«

Doch die Schnecke thät nicht trauen. »Das gefällt mir doch nicht

ganz!

Viel zu weit, zu weit! ich danke ­ gehe nicht mit euch zum Tanz!

Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, kann nicht kommen zu dem

Tanz!

Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, mag nicht kommen zu dem

Tanz!«

Und der Weißfisch sprach dagegen: »′s kommt ja nicht drauf an, wie

weit!

Ist doch wohl ein andres Ufer, drüben auf der andren Seit′!

Und noch viele schöne Küsten giebt es außer Engelland′s;

Nur nicht blöde, liebe Schnecke, komm′ geschwind mit mir zum

Tanz!

Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem

Tanz?

107


Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst nicht kommen zu

dem Tanz?«

»Danke sehr, es ist sehr, sehr interessant, diesem Tanze

zuzusehen,« sagte Alice, obgleich sie sich freute, daß er endlich

vorüber war; »und das komische Lied von dem Weißfisch gefällt mir

so!«

»Oh, was die Weißfische anbelangt,« sagte die falsche

Schildkröte, »die ­ du hast sie doch gesehen?«

»Ja,« sagte Alice, »ich habe sie oft gesehen, bei′m Mitt ­« sie hielt

schnell inne.

»Ich weiß nicht, wer Mitt sein mag,« sagte die falsche

Schildkröte, »aber da du sie so oft gesehen hast, so weißt du

natürlich, wie sie aussehen?«

»Ja ich glaube,« sagte Alice nachdenklich, »sie haben den Schwanz

im Maule, ­ und sind ganz mit geriebener Semmel bestreut.«

»Die geriebene Semmel ist ein Irrthum,« sagte die falsche

Schildkröte; »sie würde in der See bald abgespült werden. Aber den

Schwanz haben sie im Maule, und der Grund ist« ­ hier gähnte die

falsche Schildkröte und machte die Augen zu. ­ »Sage ihr Alles das

von dem Grunde,« sprach sie zum Greifen.

»Der Grund ist,« sagte der Greif, »daß sie durchaus im

Hummerballet mittanzen wollten. So wurden sie denn in die See

hinein geworfen. So mußten sie denn sehr weit fallen. So kamen

ihnen denn die Schwänze in die Mäuler. So konnten sie sie denn

nicht wieder heraus bekommen. So ist es.«

»Danke dir,« sagte Alice, »es ist sehr interessant. Ich habe nie so

viel vom Weißfisch zu hören bekommen.«

108


»Ich kann dir noch mehr über ihn sagen, wenn du willst,« sagte

der Greif, »weißt du, warum er Weißfisch heißt?«

»Ich habe darüber noch nicht nachgedacht,« sagte Alice.

»Warum?«

»Darum eben,« sagte der Greif mit tiefer, feierlicher

Stimme, »weil man so wenig von ihm

weiß.

Nun aber mußt du uns

auch etwas von deinen Abenteuern erzählen.«

»Ich könnte euch meine Erlebnisse von heute früh an

erzählen,« sagte Alice verschämt, »aber bis gestern zurück zu gehen,

wäre ganz unnütz, weil ich da jemand Anderes war.«

»Erkläre das deutlich,« sagte die falsche Schildkröte.

109


»Nein, die Erlebnisse erst,« sagte der Greif in ungeduldigem

Tone, »Erklärungen nehmen so schrecklich viel Zeit fort.«

Alice fing also an, ihnen ihre Abenteuer von da an zu erzählen,

wo sie das weiße Kaninchen zuerst gesehen hatte. Im Anfange war

sie etwas ängstlich, die beiden Thiere kamen ihr so nah, eins auf

jeder Seite, und sperrten Augen und Mund so

weit

auf; aber nach

und nach wurde sie dreister. Ihre Zuhörer waren ganz ruhig, bis sie

an die Stelle kam, wo sie der Raupe >Ihr seid alt, Vater Martinhergesagt hatte, und wo lauter andere Worte gekommen waren, da

holt die falsche Schildkröte tief Athem und sagte »das ist sehr

merkwürdig.«

»Es ist Alles so merkwürdig, wie nur möglich,« sagte der Greif.

»Es kam ganz verschieden!« wiederholte die falsche Schildkröte

gedankenvoll. »Ich möchte sie wohl etwas hersagen hören. Sage ihr,

daß sie anfangen soll.« Sie sah den Greifen an, als ob sie dächte, daß

er einigen Einfluß auf Alice habe.

»Steh′ auf und sage her: >Preisend mit viel schönen

Reden »Wie die Geschöpfe alle Einen kommandiren und Gedichte

aufsagen lassen!« dachte Alice, »dafür könnte ich auch lieber gleich

in der Schule sein.« Sie stand jedoch auf und fing an, das Gedicht

herzusagen; aber ihr Kopf war so voll von dem Hummerballet, daß

sie kaum wußte, was sie sagte, und die Worte kamen sehr sonderbar:

­

»Preisend mit viel schönen Kniffen seiner Scheeren Werth und Zahl,

Stand der Hummer vor dem Spiegel in der schönen rothen Schal′!

>Herrlich,steht mir dieser lange Bart! 110


Rückt die Füße mit der Nase auswärts, als er dieses sagt.«

»Das ist anders, als ich′s als Kind gesagt habe,« sagte der Greif.

»Ich habe es zwar noch niemals gehört,« sagte die falsche

Schildkröte; »aber es klingt wie blühender Unsinn.«

Alice erwiederte nichts; sie setzte sich, bedeckte das Gesicht mit

beiden Händen und überlegte, ob wohl

je

wieder irgend etwas

natürlich sein würde.

»Ich möchte es gern erklärt haben,« sagte die falsche Schildkröte.

»Sie kann′s nicht erklären,« warf der Greif schnell ein. »Sage den

nächsten Vers.«

»Aber das von den Füßen?« fragte die falsche Schildkröte

wieder. »Wie kann er sie mit der Nase auswärts rücken?«

»Es ist die erste Position bei′m Tanzen,« sagte Alice aber sie war

über Alles dies entsetzlich verwirrt und hätte am liebsten aufgehört.

»Sage den nächsten Vers!« wiederholte der Greif ungeduldig, »er

fängt an: >Seht mein Land! Alice wagte nicht, es abzuschlagen, obgleich sie überzeugt war, es

würde Alles falsch kommen, sie fuhr also mit zitternder Stimme

fort: ­

»Seht mein Land und grüne Fluten,« sprach ein fetter Lachs vom

Rhein;

»Goldne Schuppen meine Rüstung, und mit Austern trink′ ich

Wein.«

111


»Wozu sollen wir das dumme Zeug mit anhören,« unterbrach sie

die falsche Schildkröte, »wenn sie es nicht auch erklären kann? Es ist

das verworrenste Zug, das ich je gehört habe!«

»Ja, ich glaube auch, es ist besser du hörst auf,« sagte der Greif,

und Alice gehorchte nur zu gern.

»Sollen wir noch eine Figur von dem Hummerballet

versuchen?« fuhr der Greif fort. »Oder möchtest du lieber, daß die

falsche Schildkröte dir ein Lied vorsingt?«

»Oh, ein Lied! bitte, wenn die falsche Schildkröte so gut sein

will,« antwortete Alice mit solchem Eifer, daß der Greif etwas

beleidigt sagte: »Hm! der Geschmack ist verschieden! Singe ihr vor

>Schildkrötensuppe Die falsche Schildkröte seufzte tief auf und fing an, mit halb von

Schluchzen erstickter Stimme, so zu singen: ­

»Schöne Suppe, so schwer und so grün,

Dampfend in der heißen Terrin′!

Wem nach einem so schönen Gericht

Wässerte denn der Mund wohl nicht?

Kön′gin der Suppen, du schönste Supp′!

Kön′gin der Suppen, du schönste Supp′!

Wu­underschöne Su­uppe!

Wu­underschöne Su­uppe!

Kö­önigin der Su­uppen,

Wunder-wunderschöne Supp′!

Schöne Suppe, wer fragt noch nach Fisch,

Wildpret oder was sonst auf dem Tisch?

Alles lassen wir stehen zu p

Reisen allein die wunderschöne Supp′,

Preisen allein die wunderschöne Supp′!

112


Wu­underschöne Su­uppe!

Wu­underschöne Su­uppe!

Kö­önigin der Su­uppen,

Wunder-wunderschöne Supp′!«

»Den Chor noch einmal!« rief der Greif, und die falsche

Schildkröte hatte ihn eben wieder angefangen, als ein Ruf: »Das

Verhör fängt an!« in der Ferne erscholl.

»Komm schnell!« rief der Greif, und Alice bei der Hand

nehmend lief er fort, ohne auf das Ende des Gesanges zu warten.

»Was für ein Verhör?« keuchte Alice bei′m Rennen; aber der

Greif antwortete nichts als: »Komm schnell!« und rannte weiter,

während schwächer und schwächer, vom Winde getragen, die Worte

ihnen folgten: ­

»Kö­önigin der Su­uppen,

Wunder-wunderschöne Supp′!«

113


Elftes Kapitel. Wer hat die Kuchen gestohlen?

Der König und die Königin der Herzen saßen auf ihrem Throne,

als sie ankamen, und eine große Menge war um sie versammelt ­

allerlei kleine Vögel und Thiere, außerdem das ganze Pack Karten:

der Bube stand vor ihnen, in Ketten, einen Soldaten an jeder Seite,

um ihn zu bewachen; dicht bei dem Könige befand sich das weiße

Kaninchen, eine Trompete in einer Hand, in der andern eine

Pergamentrolle. Im Mittelpunkte des Gerichtshofes stand ein Tisch

mit einer Schüssel voll Torten: sie sahen so appetitlich aus, daß der

bloße Anblick Alice ganz hungrig darauf machte. ­ »Ich wünschte,

sie machten schnell mit dem Verhör und reichten die Erfrischungen

herum.« Aber dazu schien wenig Aussicht zu sein, so daß sie anfing,

Alles genau in Augenschein zu nehmen, um sich die Zeit zu

vertreiben.

Alice war noch nie in einem Gerichtshofe gewesen, aber sie

hatte in ihren Büchern davon gelesen und bildete sich was Rechtes

darauf ein, daß sie Alles, was sie dort sah, bei Namen zu nennen

wußte. »Das ist der Richter,« sagte sie für sich, »wegen seiner großen

Perücke.«

Der Richter war übrigens der König, und er trug die Krone über

der Perücke (seht euch das Titelbild an, wenn ihr wissen wollt, wie),

es sah nicht aus, als sei es ihm bequem, und sicherlich stand es ihm

nicht gut.

»Und jene zwölf kleinen Thiere da sind vermuthlich die

Geschwornen,« dachte Alice. Sie wiederholte sich selbst dies Wort

zwei bis drei Mal, weil sie so stolz darauf war; denn sie glaubte, und

das mit Recht, daß wenig kleine Mädchen ihres Alters überhaupt

etwas von diesen Sachen wissen würden.

Die zwölf Geschwornen schrieben alle sehr eifrig auf

114


Schiefertafeln. »Was thun sie?« frage Alice den Greifen in′s Ohr. »Sie

können ja noch nichts aufzuschreiben haben, ehe das Verhör

beginnt.«

»Sie schreiben ihre Namen auf,« sagte ihr der Greif in′s

Ohr, »weil sie bange sind, sie zu vergessen, ehe das Verhör zu Ende

ist.«

»Dumme Dinger!« fing Alice entrüstet ganz laut an; aber sie hielt

augenblicklich inne, denn das weiße Kaninchen rief aus: »Ruhe im

Saal!« und der König setzte seine Brille auf und blickte spähend

umher, um zu sehen, wer da gesprochen habe.

Alice konnte ganz deutlich sehen, daß alle Geschworne »dumme

Dinger!« auf ihre Tafeln schrieben, und sie merkte auch, daß Einer

von ihnen nicht wußte, wie es geschrieben wird, und seinen

Nachbar fragen mußte. »

Die

Tafeln werden in einem schönen

Zustande sein, wenn das Verhör vorüber ist!« dachte Alice.

Einer der Geschwornen hatte einen Tafelstein, der quiekste. Das

konnte Alice natürlich nicht aushalten, sie ging auf die andere Seite

des Saales, gelangte dicht hinter ihn und fand sehr bald eine

Gelegenheit, den Tafelstein fortzunehmen. Sie hatte es so schnell

gethan, daß der arme kleine Geschworne (es war Wabbel) durchaus

nicht begreifen konnte, wo sein Griffel hingekommen war;

nachdem er ihn also überall gesucht hatte, mußte er sich endlich

entschließen, mit einem Finger zu schreiben, und das war von sehr

geringem Nutzen, da es keine Spuren auf der Tafel zurückließ.

115


»Herold, verlies die Anklage!« sagte der König.

Da bließ das weiße Kaninchen drei Mal in die Trompete,

entfaltete darauf die Pergamentrolle und las wie folgt: ­

»Coeur-Königin, sie buk Kuchen,

Juchheisasah, juchhe!

Coeur-Bube kam, die Kuchen nahm.

Wo sind sie nun? O weh!«

»Gebt euer Urtheil ab!« sprach der König zu den Geschwornen.

»Noch nicht, noch nicht!« unterbrach ihn das Kaninchen

schnell. »Da kommt noch Vielerlei erst.«

»Laßt den ersten Zeugen eintreten!« sagte der König, worauf das

Kaninchen drei Mal in die Trompete blies und ausrief: »Erster

116


Zeuge!«

Der erste Zeuge war der Hutmacher. Er kam herein, eine Tasse

in der Hand und in der andern ein Stück Butterbrot haltend. »Ich

bitte um Verzeihung, Eure Majestät, daß ich das mitbringe; aber ich

war nicht ganz fertig mit meinem Thee, als nach mir geschickt

wurde.«

»Du hättest aber damit fertig sein sollen,« sagte der

König. »Wann hast du damit angefangen?«

Der Hutmacher sah den Faselhasen an, der ihm in den

Gerichtssaal gefolgt war, Arm in Arm mit dem

Murmelthier. »Vierzehnten März, glaube ich war es,« sagte er.

»Funfzehnten,« sagte der Faselhase.

»Sechzehnten,« fügte das Murmelthier hinzu.

»Nehmt das zu Protokoll,« sagte der König zu den

Geschwornen, und die Geschwornen schrieben eifrig die drei

Daten auf ihre Tafeln, addirten sie dann und machten die Summe

zu Groschen und Pfennigen.

»Nimm deinen Hut ab,« sagte der König zum Hutmacher.

»Es ist nicht meiner,« sagte der Hutmacher.

»Gestohlen!« rief der König zu den Geschwornen gewendet aus,

welche sogleich die Thatsache notierten.

»Ich halte sie zum Verkauf,« fügte der Hutmacher als Erklärung

hinzu, »ich habe keinen eigenen. Ich bin ein Hutmacher.«

Da setzte sich die Königin die Brille auf und fing an, den

Hutmacher scharf zu beobachten, was ihn sehr blaß und unruhig

117


machte.

»Gieb du deine Aussage,« sprach der König, »und sei nicht

ängstlich, oder ich lasse dich auf der Stelle hängen.«

Dies beruhigte den Zeugen augenscheinlich nicht; er stand

abwechselnd auf dem linken und rechten Fuße, sah die Königin mit

großem Unbehagen an, und in seiner Befangenheit biß er ein

großes Stück aus seiner Theetasse statt aus seinem Butterbrot.

Gerade in diesem Augenblick spürte Alice eine seltsame

Empfindung, die sie sich durchaus nicht erklären konnte, bis sie

endlich merkte, was es war: sie fing wieder an zu wachsen, und sie

wollte sogleich aufstehen und den Gerichtshof verlassen; aber nach

weiterer Überlegung beschloß sie zu bleiben, wo sie war, so lange

sie Platz genug hatte.

»Du brauchtest mich wirklich nicht so zu drängen,« sagte das

Murmelthier, welches neben ihr saß. »Ich kann kaum athmen.«

»Ich kann nicht dafür,« sagte Alice bescheiden, »ich wachse.«

»Du hast kein Recht dazu, hier zu wachsen,« sagte das

Murmelthier.

»Rede nicht solchen Unsinn,« sagte Alice dreister; »Du weißt

recht gut, daß du auch wächst.«

»Ja, aber ich wachse in vernünftigem Maßstabe,« sagte das

Murmelthier, »nicht auf so lächerliche Art.« Dabei stand es

verdrießlich auf und ging an die andere Seite des Saales.

118


Die ganze Zeit über hatte die Königin unablässig den

Hutmacher angestarrt, und gerade als das Murmelthier durch den

Saal ging, sprach sie zu einem der Gerichtsbeamten: »Bringe mir die

Liste der Sänger im letzten Concerte!« Worauf der unglückliche

Hutmacher so zitterte, daß ihm beide Schuhe abflogen.

»Gieb deine Aussage,« wiederholte der König ärgerlich, »oder ich

werde dich hinrichten lassen, ob du dich ängstigst oder nicht.«

»Ich bin ein armer Mann, Eure Majestät,« begann der

Hutmacher mit zitternder Stimme, »und ich hatte eben erst meinen

Thee angefangen ­ nicht länger als eine Woche ungefähr ­ und da

die Butterbrote so dünn wurden ­ und es Teller und Töpfe in den

Thee schneite.«

»Teller und Töpfe ­ was?« fragte der König.

»Es fing mit dem Thee an,« erwiederte der Hutmacher.

119


»Natürlich fangen Teller und Töpfe mit einem T an. Hältst du

mich für einen Esel? Rede weiter!«

»Ich bin ein armer Mann,« fuhr der Hutmacher fort, »und

seitdem schneite Alles ­ der Faselhase sagte nur ­«

»Nein, ich hab′s nicht gesagt!« unterbrach ihn der Faselhase

schnell.

»Du hast′s wohl gesagt!« rief der Hutmacher.

»Ich läugne es!« sagte der Faselhase.

»Er läugnet es!« sagte der König: »laßt den Theil der Aussage

fort.«

»Gut, auf jeden Fall hat′s das Murmelthier gesagt ­« fuhr der

Hutmacher fort, indem sich ängstlich umsah, ob es auch läugnen

würde; aber das Murmelthier läugnete nichts, denn es war fest

eingeschlafen. »Dann,« sprach der Hutmacher weiter, »schnitt ich

noch etwas Butterbrot ­«

»Aber

was

hat das Murmelthier gesagt?« fragte einer der

Geschwornen.

»Das ist mir ganz entfallen,« sagte der Hutmacher.

»Aber es

muß

dir wieder einfallen,« sagte der König, »sonst lasse

ich dich köpfen.«

Der unglückliche Hutmacher ließ Tasse und Butterbrot fallen

und ließ sich auf ein Knie nieder. »Ich bin ein armseliger Mann,

Euer Majestät,« fing er an.

»Du bist ein

sehr

armseliger Redner,« sagte der König.

120


Hier klatschte eins der Meerschweinchen Beifall, was sofort von

den Gerichtsdienern unterdrückt wurde. (Da dies ein etwas

schweres Wort ist, so will ich beschreiben, wie es gemacht wurde.

Es war ein großer Leinwandsack bei der Hand, mit Schnüren zum

Zusammenziehen: da hinein wurde das Meerschweinchen gesteckt,

den Kopf nach unten, und dann saßen sie darauf.)

»Es ist mir lieb, daß ich das gesehen habe,« dachte Alice, »ich

habe so oft in der Zeitung am Ende eines Verhörs gelesen: >Das

Publikum fing an, Beifall zu klatschen, was aber sofort von den

Gerichtsdienern unterdrückt wurde,verstehen, was es bedeutete.«

»Wenn dies Alles ist, was du zu sagen weißt, so kannst du

abtreten,« fuhr der König fort.

»Ich kann nichts mehr abtreten,« sagte der Hutmacher: »ich

stehe so schon auf den Strümpfen.«

»Dann kannst du

abwarten,

bis du wieder gefragt

wirst,« erwiederte der König.

Hier klatschte das zweite Meerschweinchen und wurde

unterdrückt.

»Ha, nun sind die Meerschweinchen besorgt,« dachte Alice, »nun

wird es besser vorwärts gehen.«

»Ich möchte lieber zu meinem Thee zurückgehen,« sagte der

121


Hutmacher mit einem ängstlichen Blicke auf die Königin, welche

die Liste der Sänger durchlas.

»Du kannst gehen,« sagte der König, worauf der Hutmacher

eilig den Gerichtssaal verließ, ohne sich einmal Zeit zu nehmen,

seine Schuhe anzuziehen.

»­ und draußen schneidet ihm doch den Kopf ab,« fügte die

Königin zu einem der Beamten gewandt hinzu; aber der Hutmacher

war nicht mehr zu sehen, als der Beamte die Thür erreichte.

»Ruft den nächsten Zeugen!« sagte der König.

Der nächste Zeuge war die Köchin der Herzogin. Sie trug die

Pfefferbüchse in der Hand, und Alice errieth, schon ehe sie in den

Saal trat, wer es sei, weil alle Leute in der Nähe der Thür mit einem

Male anfingen zu niesen.

»Gieb deine Aussage,« sagte der König.

»Ne!« antwortete die Köchin.

Der König sah ängstlich das weiße Kaninchen an, welches leise

sprach: »Eure Mäjestät müssen diesen Zeugen einem Kreuzverhör

122


unterwerfen.«

»Wohl, wenn ich muß, muß ich,« sagte der König trübsinnig, und

nachdem er die Arme gekreuzt und die Augenbrauen so fest

zusammengezogen hatte, daß seine Augen kaum mehr zu sehen

waren, sagte er mit tiefer Stimme: »Wovon macht man kleine

Kuchen?«

»Pfeffer, hauptsächlich,« sagte die Köchin.

»Syrup,« sagte eine schläfrige Stimme hinter ihr.

»Nehmt dieses Murmelthier fest!« heulte die Königin. »Köpft

dieses Murmelthier! Schafft dieses Murmelthier aus dem Saale!

Unterdrückt es! Kneift es! Brennt ihm den Bart ab!«

Einige Minuten lang war das ganze Gericht in Bewegung, um

das Murmelthier fortzuschaffen; und als endlich Alles wieder zur

Ruhe gekommen war, war die Köchin verschwunden.

»Schadet nichts!« sagte der König und sah aus, als falle ihm ein

Stein vom Herzen. »Ruft den nächsten Zeugen.« Und zu der

Königin gewandt, füge er leise hinzu: »Wirklich, meine Liebe, du

mußt das nächste Kreuzverhör übernehmen, meine Arme sind

schon ganz lahm.«

Alice beobachtete das weiße Kaninchen, das die Liste

durchsuchte, da sie sehr neugierig war, wer wohl der nächste Zeuge

sein möchte, ­ »denn sie haben noch nicht viel Beweise,« sagte sie

für sich. Denkt euch ihre Überraschung, als das weiße Kaninchen

mit seiner höchsten Kopfstimme vorlas: »Alice!«

123


Zwölftes Kapitel. Alice ist die Klügste

»Hier!« rief Alice, in der augenblicklichen Erregung ganz

vergessend, wie sehr sie die letzten Minuten gewachsen war; sie

sprang in solcher Eile auf, daß sie mit ihrem Rock das Pult vor sich

umstieß, so daß alle Geschworne auf die Köpfe der darunter

sitzenden Versammlung fielen. Da lagen sie unbehülflich umher und

erinnerten sie sehr an ein Glas mit Goldfischen, das sie die Woche

vorher aus Versehen umgestoßen hatte.

»Oh, ich

bitte

um Verzeihung,« rief sie mit sehr bestürztem Tone,

und fing an, sie so schnell wie möglich aufzunehmen; denn der

Unfall mit den Goldfischen lag ihr noch im Sinne, und sie hatte eine

unbestimmte Art Vorstellung, als ob sie gleich gesammelt und

wieder in ihr Pult gethan werden müßten, sonst würden sie sterben.

»Das Verhör kann nicht fortgesetzt werden,« sagte der König

sehr ernst, »bis alle Geschworne wieder an ihrem rechten Platze sind

­ alle,

« wiederholte er mit großem Nachdrucke, und sah dabei Alice fest an.

124


Alice sah sich nach dem Pulte um und bemerkte, daß sie in der

Eile die Eidechse kopfunten hineingestellt hatte, und das arme

kleine Ding bewegte den Schwanz trübselig hin und her, da es sich

übrigens nicht rühren konnte. Sie zog es schnell wieder heraus und

stellte es richtig hinein. »Es hat zwar nichts zu bedeuten,« sagte sie

für sich, »ich glaube, es würde für das Verhör ganz eben so nützlich

sein kopfoben wie kopfunten.«

Sobald sich die Geschwornen etwas von dem Schreck erholt

hatten, umgeworfen worden zu sein, und nachdem ihre Tafeln und

Tafelsteine gefunden und ihnen zurückgegeben worden waren,

machten sie sich eifrig daran, die Geschichte ihres Unfalles

aufzuschreiben, alle außer der Eidechse, welche zu angegriffen war,

um etwas zu thun; sie saß nur mit offnem Maule da und starrte die

Saaldecke an.

»Was weißt du von dieser Angelegenheit?« fragte der König

Alice.

»Nichts!« sagte Alice.

»Durchaus nichts?« drang der König in sie.

»Durchaus nichts!« sagte Alice.

»Das ist sehr wichtig,« sagte der König, indem er sich an die

Geschwornen wandte. Sie wollten dies eben auf ihre Tafeln

schreiben, als das weiße Kaninchen ihn unterbrach. »Unwichtig,

meinten Eure Majestät natürlich!« sagte es in sehr ehrfurchtsvollem

Tone, wobei es ihn aber mit Stirnrunzeln und verdrießlichem

Gesichte ansah.

»

Un

wichtig, natürlich, meinte ich,« bestätigte der König eilig, und

fuhr mit halblauter Stimme für sich fort: »wichtig ­ unwichtig ­

125


unwichtig ­ wichtig ­« als ob er versuchte, welches Wort am besten

klänge.

Einige der Geschwornen schrieben auf »wichtig«, und

einige »unwichtig.« Alice konnte dies sehen, da sie nahe genug war,

um ihre Tafeln zu überblicken; »aber es kommt nicht das Geringste

darauf an,« dachte sie bei sich.

In diesem Augenblick rief der König, der eifrig in seinem

Notizbuche geschrieben hatte, plötzlich aus: »Still!« und las dann aus

seinem Buche vor: »Zweiundvierzigstes Gesetz.

Al e Personen, die
mehr als

eine Meile hoch sind, haben den Gerichtshof zu verlassen.

«

Alle sahen Alice an.

»Ich bin keine Meile groß,« sagte Alice.

»Das bist du wohl,« sagte der König.

»Beinahe zwei Meilen groß,« fügte die Königin hinzu.

»Auf jeden Fall werde ich nicht fortgehen,« sagte Alice, »übrigens

ist das kein regelmäßiges Gesetz; Sie haben es sich eben erst

ausgedacht.«

»Es ist das älteste Gesetz in dem Buche,« sagte der König.

»Dann müßte es Nummer Eins sein,« sagte Alice.

Der König erbleichte und machte sein Notizbuch schnell

zu. »Gebt euer Urtheil ab!« sagte er leise und mit zitternder Stimme

zu den Geschwornen.

»Majestät halten zu Gnaden, es sind noch mehr Beweise

aufzunehmen,« sagte das weiße Kaninchen, indem es eilig

aufsprang; »dieses Papier ist soeben gefunden worden.«

126


»Was enthält es?« fragte die Königin.

»Ich habe es noch nicht geöffnet,« sagte das weiße

Kaninchen, »aber es scheint ein Brief von dem Gefangenen an ­ an

Jemand zu sein.«

»Ja, das wird es wohl sein,« sagte der König, »wenn es nicht an

Niemand ist, was, wie bekannt nicht oft vorkommt.«

»An wen ist es adressirt?« fragte einer der Geschwornen.

»Es ist gar nicht adressirt,« sagte das weiße

Kaninchen; ȟberhaupt steht auf der

Außenseite

gar nichts.« Es

faltete bei diesen Worten das Papier auseinander und sprach

weiter: »Es ist übrigens gar kein Brief, es sind Verse.«

»Sind sie in der Handschrift des Gefangenen?« fragte ein anderer

Geschworner.

»Nein, das sind sie nicht,« sagte das weiße Kaninchen, »und das

ist das Merkwürdigste dabei.« (Die Geschwornen sahen alle ganz

verdutzt aus.)

»Er muß eines Andern Handschrift nachgeahmt haben,« sagte

der König. (Die Gesichter der Geschwornen klärten sich auf.)

»Eure Majestät halten zu Gnaden,« sagte der Bube, »ich habe es

nicht geschrieben, und Niemand kann beweisen, daß ich es

geschrieben habe, es ist keine Unterschrift darunter.«

»Wenn du es nicht unterschrieben hast,« sagte der König, »so

macht das die Sache nur schlimmer. Du mußt schlechte Absichten

dabei gehabt haben, sonst hättest du wie ein ehrlicher Mann deinen

Namen darunter gesetzt.«

127


Hierauf folgte allgemeines Beifallklatschen; es war der erste

wirklich kluge Ausspruch, den der König an dem Tage gethan hatte.

»Das

beweist

seine Schuld,« sagte die Königin.

»Es beweist durchaus gar nichts!« sagte Alice, »Ihr wißt ja noch

nicht einmal, worüber die Verse sind!«

»Lies sie!« sagte der König.

Das weiße Kaninchen setzte seine Brille auf. »Wo befehlen Eure

Majestät, daß ich anfangen soll?« fragte es.

»Fange beim Anfang an,« sagte der König ernsthaft, »und lies bis

du an′s Ende kommst, dann halte an.«

Dies waren die Verse, welche das weiße Kaninchen vorlas: ­

»Ich höre ja du warst bei ihr,

Und daß er mir es gönnt;

Sie sprach, sie hielte viel von mir,

Wenn ich nur schwimmen könnt′!

Er schrieb an sie, ich ginge nicht

(Nur wußten wir es gleich):

Wenn ihr viel an der Sache liegt,

Was würde dann aus euch?

Ich gab ihr eins, sie gab ihm zwei,

Ihr gabt uns drei Mal vier;

Jetzt sind sie hier, er steht dabei;

Doch alle gehörten erst mir.

Würd′ ich und sie vielleicht darein

Verwickelt und verfahren,

128


Vertraut er dir, sie zu befrei′n

Gerade wie wir waren.

Ich dachte schon in meinem Sinn,

Eh′ sie den Anfall hätt′,

Ihr wär′t derjenige, der ihn,

Es und uns hindertet.

Sag′ ihm um keinen Preis, daß ihr

Die Andern lieber war′n;

Denn keine Seele außer dir

Und mir darf dies erfahr′n.«

»Das ist das wichtigste Beweisstück, das wir bis jetzt gehört

haben,« sagte der König, indem er sich die Hände rieb; »laßt also die

Geschwornen ­«

»Wenn es Einer von ihnen erklären kann,« sagte Alice (sie war die

letzten Paar Minuten so sehr gewachsen, daß sie sich gar nicht

fürchtete, ihn zu unterbrechen), »so will ich ihm sechs Dreier

schenken. Ich finde, daß auch keine Spur von Sinn darin ist.«

Die Geschwornen schrieben Alle auf ihre Tafeln: »Sie findet, daß

auch keine Spur von Sinn darin ist;« aber keiner versuchte, das

Schriftstück zu erklären.

»Wenn kein Sinn darin ist,« sagte der König, »das spart uns ja

ungeheuer viel Arbeit; dann haben wir nicht nöthig, ihn zu suchen.

Und dennoch weiß ich nicht,« fuhr er fort, indem er das Papier auf

dem Knie ausbreitete und es prüfend beäugelte, »es kommt mir vor,

als könnte ich etwas Sinn darin finden. >­ wenn ich nur schwimmen

könnt′!den Buben.

129


Der Bube schüttelte traurig das Haupt. »Seh′ ich etwa danach

aus?« (was freilich nicht der Fall war, da er gänzlich aus Papier

bestand.)

»Das trifft zu, so weit,« sagte der König und fuhr fort, die Verse

leise durchzulesen. »>Nur wußten wir es gleichGeschwornen, natürlich ­ >Ich gab ihr eins, sie gab ihm zwei ­wohl, so hat er′s mit den Kuchen gemacht, versteht sich ­«

»Aber es geht weiter: >Jetzt sind sie hier, »Freilich, da sind sie ja! er steht doch dabei!« sagte der König

triumphirend und wies dabei nach den Kuchen auf dem Tische und

nach dem Buben; »nichts kann klarer sein. Dann wieder ­ >Eh sie

den Anfall hätt′ich,« sagte er zu der Königin.

»Niemals,« rief die Königin wüthend und warf dabei der

Eidechse ein Tintenfaß an den Kopf. (Der unglückliche kleine

130


Wabbel hatte aufgehört, mit dem Finger auf seiner Tafel zu

schreiben, da er merkte, daß es keine Spuren hinterließ; doch nun

fing er eilig wieder an, indem er die Tinte benutzte, die von seinem

Gesichte herabträufelte, so lange, dies vorhielt.)

»Dann ist dies nicht dein

Fall,

« sagte der König und blickte

lächelnd in dem ganzen Saale herum. Alles blieb todtenstill.

»­ ′s ist ja ′n Witz!« fügte der König in ärgerlichem Tone hinzu ­

sogleich lachte Jedermann. »Die Geschwornen sollen ihren

Ausspruch thun,« sagte der König wohl zum zwanzigsten Male.

»Nein, nein!« sagte die Königin. »Erst das Urtheil, der Ausspruch

der Geschwornen nachher.«

»Dummer Unsinn!« sagte Alice laut. »Was für ein Einfall, erst das

Urtheil haben zu wollen!«

»Halt den Mund!« sagte die Königin, indem sie purpurroth

wurde.

»Ich will nicht!« sagte Alice.

»Schlagt ihr den Kopf ab!« brüllte die Königin so laut sie konnte.

Niemand rührte sich.

»Wer fragt nach euch?« sagte Alice (unterdessen hatte sie ihre

volle Größe erreicht). »Ihr seid nichts weiter als ein Spiel Karten!«

Bei diesen Worten erhob sich das ganze Spiel in die Luft und

flog auf sie herab; sie schrie auf, halb vor Furcht, halb vor Ärger,

versuchte sie sich abzuwehren und merkte, daß sie am Ufer lag, den

Kopf auf dem Schoße ihrer Schwester, welche leise einige welke

Blätter fortnahm, die ihr von den Bäumen herunter auf ′s Gesicht

gefallen waren.

131


»Wach auf, liebe Alice!« sagte ihre Schwester; »du hast mal lange

geschlafen!«

»O, und ich habe einen so merkwürdigen Traum gehabt!« sagte

Alice, und sie erzählte ihrer Schwester, so gut sie sich erinnern

konnte, alle die seltsamen Abenteuer, welche ihr eben gelesen habt.

Als sie fertig war, gab ihre Schwester ihr einen Kuß und sagte: »Es

war

ein sonderbarer Traum, das ist gewiß; aber nun lauf hinein zum

Thee, es wird spät.« Da stand Alice auf und rannte fort, und dachte

dabei, und zwar mit Recht, daß es doch ein wunderschöner Traum

gewesen sei.

Aber ihre Schwester blieb sitzen, wie sie sie verlassen hatte, den

Kopf auf die Hand gestützt, blickte in die untergehende Sonne und

dachte an die kleine Alice und ihre wunderbaren Abenteuer, bis

auch sie auf ihre Weise zu träumen anfing, und dies war ihr Traum:

132


Zuerst träumte sie von der kleinen Alice selbst: wieder sah sie die

kleinen Händchen zusammengefaltet auf ihrem Knie, und die klaren

sprechenden Augen, die zu ihr aufblickten ­ sie konnte selbst den

Ton ihrer Stimme hören und das komische Zurückwerfen des

kleinen Köpfchens sehen, womit sie die einzelnen Haare

abschüttelte, die ihr immer wieder in die Augen kamen ­ und jemehr

sie zuhörte oder zuzuhören meinte, desto mehr belebte sich der

ganze Platz um sie herum mit den seltsamen Geschöpfen aus ihrer

kleinen Schwester Traum.

Das lange Gras zu ihren Füßen rauschte, da das weiße

Kaninchen vorbeihuschte ­ die erschrockene Maus plätscherte

durch den nahen Teich ­ sie konnte das Klappern der Theetassen

hören, wo der Faselhase und seine Freunde ihre immerwährende

Mahlzeit hielten, und die gellende Stimme der Königin, die ihre

unglücklichen Gäste zur Hinrichtung abschickte ­ wieder nieste das

Ferkel-Kind auf dem Schoße der Herzogin, während Pfannen und

Schüsseln rund herum in Scherben brachen ­ wieder erfüllten der

Schrei des Greifen, das Quieken von dem Tafelstein der Eidechse

und das Stöhnen des unterdrückten Meerschweinchens die Luft und

vermischten sich mit dem Schluchzen der unglücklichen falschen

Schildkröte in der Entfernung.

So saß sie da, mit geschlossenen Augen, und glaubte fast, sie sei

im Wunderlande, obgleich sie ja wußte, daß sobald sie die Augen

öffnete, Alles wieder zur alltäglichen Wirklichkeit werden würde, das

Gras würde dann nur im Winde rauschen, der Teich mit seinem

Rieseln das Wogen des Rohres begleiten; das Klappern der

Theetassen würde sich in klingende Heerdenglocken verwandeln

und die gellende Stimme der Königin in die Rufe des Hirtenknaben

­ und das Niesen des Kindes, das Geschrei des Greifen und all die

andern außerordentlichen Töne würden sich (das wußte sie) in das

verworrene Getöse des geschäftigen Gutshofes verwandeln ­

während sie statt des schwermüthigen Schluchzens der falschen

133


Schildkröte in der das wohlbekannte Brüllen des Rindviehes hören

würde.

Endlich malte sie sich aus, wie ihre kleine Schwester Alice in

späterer Zeit selbst erwachsen sein werde; und wie sie durch alle

reiferen Jahre hindurch das einfache liebevolle Herz ihrer Kindheit

bewahren, und wie sie andere kleine Kinder um sich versammeln

und

deren

Blicke neugierig und gespannt machen werde mit manch

einer wunderbaren Erzählung, vielleicht sogar mit dem Traume vom

Wunderlande aus alten Zeiten; und wie sie alle ihren kleinen Sorgen

nachfühlen, sich über alle ihren kleinen Freuden mitfreuen werde in

der Erinnerung an ihr eigenes Kindesleben und die glücklichen

Sommertage.

134



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