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Hauptseminararbeit, 2007, 31 Seiten
Autor: Elisabeth Heidecker
Fach: Theaterwissenschaft
Details
Tags: Geschichte, Gesangskastraten, Berücksichtigung, Farinellis
Jahr: 2007
Seiten: 31
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 14 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-22247-6
ISBN (Buch): 978-3-640-23050-1
Dateigröße: 216 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Die Existenz der Gesangskastraten des 17. und 18. Jahrhunderts war lange Zeit in Vergessenheit geraten und ist teilweise sogar geleugnet worden. Gerade in Italien, dem Herkunftsland der meisten Kastraten, wird das Thema tabuisiert. Obwohl es schon seit Ende des 19., spätestens aber seit Franz Haböck in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in der Musikwissenschaft umfangreiche Studien in diesem Gebiet gibt, ist das Kastratentum erst in den letzten Jahren in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Insbesondere der Film Farinelli von Gérard Corbiau aus dem Jahr 1994 und die nachfolgenden Romane von Marc David1 (Farinelli, 1996) und Franzpeter Messmer (Der Venusmann, 2001) haben viel dazu beigetragen. So ist Farinelli auch der einzige Kastrat, dessen Name auch Laien heute wieder ein Begriff ist.Wer diese Menschen waren, die zweihundert Jahre europäischer Musikgeschichte maßgeblich mitbestimmt haben, soll in der nun folgenden Arbeit beschrieben werden. Dabei wird zunächst auf das Kastratentum im Allgemeinen und dann auf Farinellis Leben als ein, wenn auch sehr untypisches, Beispiel einer Sängerkarriere im 18. Jahrhundert eingegangen.
Textauszug (computergeneriert)
Universität Bayreuth
Hauptseminararbeit im Fach Theaterwissenschaft
Produktionsbedingungen des Musiktheaters im 18. und 19. Jahrhundert
Die Geschichte der Gesangskastraten unter besonderer Berücksichtigung Farinellis
Elisabeth Heidecker
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 3
2. Das Kastratentum ... 3
2.1 Die Kastration im kulturgeschichtlichem Kontext ... 3
2.2 Die Geschichte der Gesangskastraten ... 5
2.3 Operation und Ausbildung ... 9
3. Farinelli ... 14
3.1 Kindheit und Ausbildung ... 14
3.2 Italien und Wien ... 16
3.3 London ... 20
3.4 Spanien ... 23
3.5 Bologna ... 27
4. Schlussbemerkung ... 28
Literaturverzeichnis ... 30
1. Einleitung
Die Existenz der Gesangskastraten des 17. und 18. Jahrhunderts war lange Zeit in Vergessenheit geraten und ist teilweise sogar geleugnet worden. Gerade in Italien, dem Herkunftsland der meisten Kastraten, wird das Thema tabuisiert. Obwohl es schon seit Ende des 19., spätestens aber seit Franz Haböck in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in der Musikwissenschaft umfangreiche Studien in diesem Gebiet gibt, ist das Kastratentum erst in den letzten Jahren in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Insbesondere der Film Farinelli von Gérard Corbiau aus dem Jahr 1994 und die nachfolgenden Romane von Marc David1 (Farinelli, 1996) und Franzpeter Messmer (Der Venusmann, 2001) haben viel dazu beigetragen. So ist Farinelli auch der einzige Kastrat, dessen Name auch Laien heute wieder ein Begriff ist. Wer diese Menschen waren, die zweihundert Jahre europäischer Musikgeschichte maßgeblich mitbestimmt haben, soll in der nun folgenden Arbeit beschrieben werden. Dabei wird zunächst auf das Kastratentum im Allgemeinen und dann auf Farinellis Leben als ein, wenn auch sehr untypisches, Beispiel einer Sängerkarriere im 18. Jahrhundert eingegangen.
2. Das Kastratentum
2.1 Die Kastration im kulturgeschichtlichen Kontext
Auf der Suche nach den Ursprüngen der Kastration wird man weit in die antike Sagenwelt zurück geführt: Sowohl in der ägyptischen als auch in der griechischen Mythologie diente die Kastration des Gegners als Symbol für „den Verlust der Herrschaft über die Welt“2 , als Beispiele seien hier die Entmannung des Set durch Horus und natürlich die des Uranos durch seinen Sohn Kronos genannt.
Versklavte Kriegsgefangene wurden kastriert, um ihren Mut und Geschlechtstrieb zu schmälern und sie ihrem Schicksal gegenüber passiv und gleichgültig zu machen. So konnten sie auch „dem Stamme der Sieger durch Verführung der Frauen (kein) unedles Blut“3 beimischen. Außerdem war Kastration seit der Antike eine durchaus geläufige Strafe für bestimmte Verbrechen, wie Ehebruch oder Sexualdelikte. Auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war dieses Vorgehen zum Beispiel in Amerika und in der Schweiz noch üblich.4
Religiös motivierte Kastration war durchaus üblich. Durch die Opferung des kostbarsten Besitzes stärkte man die Bindung zu seiner Gottheit. Da sich aber schlecht ein ganzes Volk auf diese Weise opfern konnte, wurde die Verstümmelung oft nur symbolisch durchgeführt. Möglicherweise geht die im Judentum übliche Beschneidung auf diesen Brauch zurück.5 In manchen Kulten, wie beispielsweise dem der Göttin Kybele, waren Kastraten (die so genannten Galloi6) als Tempeldiener sogar unabdingbar. Doch auch diese „Heiligkeit“ der Eunuchen verhinderte nicht den Verlust ihres hohes Ansehens und den Spott und die Verachtung, die ihnen als „Halbmännern“ entgegengebracht wurden.
Die christliche Kirche verdammte die Kastration, obwohl es unter den frühen Kirchenvätern auch solche gab, die sich selbst entmannten, wie beispielsweise Origines (185 – 254), der so den „Anfechtungen der Sinne“7 entgehen wollte. Da Origines nicht der einzige blieb, sahen sich verschiedene Konzile gezwungen, gegen die vorsätzliche Selbstverstümmelung vorzugehen; sie stellten diejenigen, „die sich ihr freiwillig unterzogen, den Selbstmördern gleich.“8 Richard Wagner griff dieses Thema in seinem Parsifal wieder auf: Klingsor will, indem er sich selbst entmannt und so seine Triebe tötet, würdig für den Gralsdienst werden.
Trotz aller Verbote gelang es nicht, den „Ritus“ der Kastration aus dem Christentum zu verbannen: Um das Jahr 1757 bildete sich in Russland und Rumänien die Sekte der Skopzen, die eine rituelle Genitalverstümmelung praktizierten. Deren Praxis, den Männern die Hoden und teilweise auch den Penis und den Frauen die Brüste und die Klitoris zu amputieren, ist bis in die Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts belegt.9
Kastration war im mittelalterlichen Europa auch als „Heilmittel“ verbreitet: Angeblich ließen sich so Leistenbrüche kurieren und präventiv konnten auf diese Weise Krankheiten wie Lepra, Gicht oder Epilepsie verhindert werden.10
Mutmaßlich geht der Brauch der Kastration im Knabenalter auf die babylonische Königin Semiramis zurück, die ihre jugendlichen Liebhaber kastrieren ließ, um nicht schwanger zu werden.11 Zeugnisse aus Rom zeigen, dass auch dort die Kastration von Knaben durchaus gebräuchlich war.12
Der Einsatz von Kastraten als Haremswächter im Orient und in China ist wohl hinreichend bekannt. Vor allem in Byzanz und in China waren viele Hofbeamten Eunuchen, in China hatten sie bis zum Niedergang der Qing-Dynastie 1911 teilweise mehr Macht als der Kaiser selbst.
2.2 Die Geschichte der Gesangskastraten
Auch wenn der Zusammenhang zwischen der Bewahrung der hohen Knabenstimme und der Kastration schon sehr lange bekannt war, wurde die Operation doch nicht aus diesem Grund durchgeführt:
„Gewiß war es damals gar nicht nötig, eigens zur Gewinnung von Sopranisten zu kastrieren, da ohnehin reichliche stimmliche Auswahl unter der großen Menge der Eunuchen getroffen werden konnte. Im allgemeinen scheint man sich aber mit den normalen Stimmen von Mann und Frau begnügt zu haben.“13
Zwar wurden schon in der griechischen Antike Knaben aus künstlerischen Gründen kastriert, dabei ging es aber anscheinend mehr um die Erhaltung ihrer Gelenkigkeit und Biegsamkeit.14
Zur Erhaltung der hohen Stimme und zur Verhinderung eines Sexuallebens unmündiger Knaben wurde in Rom die sogenannte Infibulation eingeführt: „Unter der Fibula oder „Heftel“ verstand man entweder eine Hülle aus Metall oder Leder, durch die das Glied bedeckt und geschützt wurde, quasi eine Art „Keuschheitsgürtel“ (...). Oder man durchbohrte mit einer besonderen Operation (...) vorne die Vorhaut und zog einen kupfernen, silbernen oder goldenen Draht hindurch, der ringförmig zusammengebogen wurde. Diese „Fibeln“ konnte nur ein Fachmann – wenn der Knabe „mündig“ gesprochen wurde – entfernen (...).“15
[...]
1 Marc David wirkte auch als musikalischer Berater bei Corbiaus Film mit.
2 Haböck, S. 14
3 Ders. , S. 41
4 Vgl. Haböck, S. 65
5 Vgl. ders., S. 14
6 Vgl. Fritz, S.20
7 Möbius, zitiert nach Fritz, S. 23
8 Haböck, S. 38
9 Vgl. Fritz, S. 24
10 Vgl. Barbier 1998, S. 8
11 Vgl. Ortkemper, S. 207
12 Vgl. Haböck, S. 48ff.
13 Ders., S. 68f.
14 Ders., S. 69
15 Fritz, S. 45
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