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Cleavage-Theorie

Subtitle: Klassische und neue Cleavages und ihr Bedeutung für Parteiensystem und Wahlforschung

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 22 Pages
Author: Dipl.-Pol. Björn Siebert
Subject: Politics - Methods, Research

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 22
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 7  Entries
Language: German
Archive No.: V121068
ISBN (E-book): 978-3-640-24396-9


Abstract

Als Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan 1967 ihr Buch „Cleavage Structures, Partysystems and Voter Alignments“ veröffentlichten, eröffneten sie der Sozialforschung völlig neue Möglichkeiten. Nicht nur, dass sie mit ihrem Cleavage Ansatz ein sozialstrukturell basiertes Erklärungsmodell für die Entstehung der Parteiensysteme Westeuropas lieferten, sie schufen damit gleichzeitig ein neues Instrument für die Wahlforschung, welches eine makrosoziologische Untersuchung von Wahlverhalten ermöglichte.


Fulltext (computer-generated)

Universität Potsdam

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät

Cleavage-Theorie

klassische und neue Cleavages und ihre Bedeutung für

Parteiensystem und Wahlforschung

Hausarbeit eingereicht von:

Björn N. Siebert 7.Fachsemester Politikwissenschaft auf Diplom

Universität Potsdam, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, SS 2006

Seminar:

,,Wahlsoziologie"

Eingereicht am: 29.09.2006


Inhaltsverzeichnis

Einleitung 1

1

Cleavages 2

1.1

Definition 2

1.2

Cleavagetheorie nach Lipset und Rokkan 3

1.2.1

Das AGIL-Schema als Ausgangspunkt für Lipset und Rokkan 4

1.2.2

Die vier Cleavages nach Lipset/Rokkan 6

1.2.3

Entstehung von Parteien 9

1.3

Bedeutung der Cleavagetheorie für die Wahlforschung 10

2

,,Neue Cleavages" und das Parteiensystem der BRD 11

2.1

Die neuen Modelle 11

2.2

Konfliktlinien und Parteiensystem der BRD 15

3

Schluss 17


Einleitung

Als Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan 1967 ihr Buch ,,Cleavage

Structures, Partysystems and Voter Alignments" veröffentlichten, eröffneten sie

der Sozialforschung völlig neue Möglichkeiten. Nicht nur, dass sie mit ihrem

Cleavage Ansatz ein sozialstrukturell basiertes Erklärungsmodell für die

Entstehung der Parteiensysteme Westeuropas lieferten, sie schufen damit

gleichzeitig ein neues Instrument für die Wahlforschung, welches eine

makrosoziologische Untersuchung von Wahlverhalten ermöglichte.

In dieser Hausarbeit werde ich zunächst definieren, was sich hinter dem Begriff

des ,,Cleavages" verbirgt, ehe ich den Ansatz von Lipset und Rokkan en détail

erkläre. Anschließend werde ich mich mit den so genannten neuen Cleavages

auseinandersetzen und dazu unterschiedliche Modelle aus der jüngeren

Vergangenheit beleuchten. Abschließend werde ich versuchen diese theoretischen

Gebilde mit Leben zu füllen, indem ich das deutsche Parteiensystem und die in

Deutschland in der Vergangenheit, als auch in der Gegenwart relevanten

Cleavages kurz als Beispiel heranziehe.

1


1 Cleavages

1.1 Definition

,,

Cleavage (engl. für Spaltung),

in der Politikwissenschaft verwendet im Sinne von Konfliktlinie, die die

Befürworter und Gegner bei einer politischen Entscheidung trennt."

(Pappi 1998,

S.95)

Gemäß dieser Definition, mit der Franz Urban Pappi seinen Artikel in Nohlens

Lexikon der Politik einleitet, beschreiben Cleavages Konflikte in der politischen

Arena. Lipset und Rokkan, sowie etliche andere führende Sozialwissenschaftler

(Falter, Kitschelt, Knutsen, Scarbrough) definieren Cleavages nicht als politische,

sondern als sozialstrukturell begründete Konflikt- bzw. als politisierte soziale

Spannungslinien. Demnach handelt es sich nicht bei jedem politischen Konflikt

zwangsläufig um ein Cleavage. Falter führt an, dass der Cleavagebegriff

insbesondere in der englischsprachigen Literatur häufig für Konfliktlinien

verwendet wird, die nicht die Merkmale aufweisen, die sie als Cleavage im

klassischen Sinn klassifizieren bzw. bleiben diese Konflikte den Beweis von

Cleavageeigenschaften schuldig. Als Beispiele für einen solch schwachen

Cleavagebegriff nennt er den so genannten Geschlechter-Cleavage, sowie solche

Konflikte, die nicht genuin sozialstrukturell begründet sind, sondern das ganze

Spektrum politischer Konflikte umfassen. (vgl. Falter 2005, S.150)

Falter konkretisiert die Definition von Cleavages, indem er drei Elemente benennt,

die seines Erachtens für Cleavages konstitutiv sind: Ein sozialstruktureller, ein

institutioneller und ein Werteaspekt.

Der sozialstrukturelle Aspekt bildet die Grundlage. Es besteht eine soziale

Spaltungslinie von relativer Stabilität, welche die Gesellschaft in objektiv

identifizierbare Gruppen aufteilt, z.B. Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Die

Trennungslinie zwischen diesen Gruppen sollte sich an sozialstrukturellen

Charakteristika festmachen, die bestenfalls intergenerational, mindestens jedoch

intragenerational stabil bleiben, so dass sich der Interessengegensatz festigen kann.

Der kulturelle Aspekt bedeutet, dass zwischen den entstandenen Gruppen

Uneinigkeit in Form eines Wertekonflikts darüber herrscht, was für eine

Gesellschaft/ Gesellschaftsform angestrebt werden soll. Entscheidend sei des

2


Weiteren die Wahrnehmung der Gruppen als solche, sowohl die

Eigenwahrnehmung (Identifikation mit der eigenen Gruppe), als auch die

Fremdwahrnehmung durch klare Positionierung in der Wertefrage. (vgl. Falter

2005, S. 147f) Gemeinsame Positionen entstehen am besten, wenn die Mitglieder

einer Gruppe ihre sozialen Kontakte auf das innere der eigenen Gruppe

beschränken. Probates Mittel war die Schaffung gruppenexklusiver

Parallelorganisationen. So neigten beispielsweise Kirchenbewegungen, ähnlich

wie auch die sozialistischen Parteien, dazu, ihre Mitglieder zu isolieren, indem sie

Schulen und Jugendzentren eröffneten und Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften,

Sportvereine und Zeitungsverlage gründeten. (vgl. Lipset/ Rokkan 1967, S. 15)

Die Bedeutung kultureller Aspekte für die Stärke eines Cleavages

veranschaulicht Falter in einer Gegenüberstellung der zwei großen Cleavagetypen,

den kulturellen und den materiell bedingten Konfliktlinien. Während bei

kulturellen Cleavages der Konflikt für die Mitglieder der beteiligten Gruppen von

vornherein Sinn hat, muss bei materiellen Cleavages die Sinnstiftung erst noch

geleistet werden. Da der Sinn eines Konfliktes gleichzeitig dessen Motor ist, sind

Konflikte kulturellen Ursprungs stärker und von größerer Dauer. Zudem mag das

vergleichsweise hohe Konfliktpotenzial kultureller, wertebezogener Cleavages

auch darin begründet sein, dass sie im Gegensatz zu materiellen

Verteilungskonflikten nur schwerlich mit Kompromissen beizulegen sind. (vgl.

Falter 2005, 149) Das dritte konstitutive Element eines Cleavages betrifft seine

institutionelle Dimension. Um politische Bedeutung zu erlangen muss ein sozialer

Konflikt durch die sozialen Gruppen artikuliert werden können. Dies setzt die

Schaffung sozialer Großorganisationen voraus.

Prinzipiell können

Interessengruppen wie beispielsweise Gewerkschaften diese Aufgabe erfüllen. Bei

Wahlen sollten die Gruppeninteressen jedoch von Parteien vertreten werden,

entweder durch eine eigene Partei oder durch den Schulterschluss mit bereits

bestehenden politischen Parteien. (vgl. Falter 2005, S. 149) Dazu aber mehr unter

Punkt 1.2.3

1.2 Cleavagetheorie nach Lipset und Rokkan

Lipset und Rokkan haben mit ihrer Theorie eine historische Genealogie der

europäischen Parteiensysteme generiert. Die Cleavagetheorie Lipsets und

3


Rokkans knüpft dabei an Talcott Parssons Paradigma von Austauschprozessen

von gesellschaftlichen Systemen, dem sog. AGIL-Schema an.

Sie haben vier grundlegende Konfliktlinien ausgemacht, deren Konstellation die

unterschiedlichen Parteiensysteme in den europäischen Staaten bedingt und auf

denen die Bindung bestimmter Gruppen an bestimmte Parteien beruht. Diese

Spannungslinien sind das Resultat entscheidender historischer Ereignisse, wie der

gesellschaftlichen Modernisierung, der Reformation, der Französischen

Revolution und der industriellen Revolution. Lipset/Rokkan fassen die Cleavages,

die historischen Schlüsselereignisse und resultierende Themen in einer Tabelle

zusammen:

Cleavage

Critical Juncture

Issues

Center-Periphery

Reformation-

National vs.

Counterreformation:

Supranational religion,

16th-17th centuries

national language vs.

Latin

State-Church

National Revolution Secular vs. Religios

1789 and after

contol of mass education

Land-Industry

Industrial Revolution Tarif levels for

19th Century

agricultural products,

control vs. Freedom for

industrial enterprise

Owner-Worker

Russian Revolution 1917 Integration into national

and after

polity vs. commitment to

international

revolutionary movement

(Lipset/Rokkan 1967, S.47)

1.2.1 Das AGIL-Schema als Ausgangspunkt für Lipset und Rokkan

Nach diesem Schema gibt es vier Subsysteme, in denen sich die einzelnen

Akteure bzw. Gemeinschaften bewegen:

- Wirtschaft (Adaption)

= A

- Politisches System (Goal attainment)

= G

- Gemeinschaft, Öffentlichkeit (Integration)

= I

- Haushalte (Latent Pattern Maintenance)

= L

Zwischen diesen vier Subsystemen gibt es wiederum sechs Linien des

Austausches, die jeweils zwischen einem Paar verlaufen:

-

A ­ G

(zwischen Wirtschaft und politischem System):

Ressourcenmobilisierung

4


-

G ­ I

(zwischen politischem System und Gemeinschaft, Öffentlichkeit):

Politische Unterstützung

-

I ­ L

(zwischen Gemeinschaft, Öffentlichkeit und Haushalten): Loyalität,

Solidarität, Engagement

-

L ­ A

(zwischen Haushalten und Wirtschaft): Arbeits-/Konsummarkt

-

A ­ I

(zwischen Wirtschaft und Gemeinschaft, Öffentlichkeit): Standards

der Verteilung

-

G ­ L

(zwischen politischem System und Haushalten): Legitimation

(vgl. Lipset/Rokkan 1967, S.7)

Lipset/Rokkan interessieren sich aus Sicht eines Politikwissenschaftlers im

Wesentlichen für drei Aspekte und dort auch nur für bestimmte

Austauschprozesse:

Erstens für die Beziehungen zwischen I und G, also für den Austausch zwischen

der Gemeinschaft und dem politischen System, soweit diese die Entwicklung

eines Systems konkurrierender Parteien voranbringen. Zweitens für den

Austausch zwischen I und L, also zwischen Gemeinschaft, Öffentlichkeit und

Haushalten, insofern diese Mitgliedschaften, Identifikation und

Mobilisierungsbereitschaft zwischen Parteien und Einzelpersonen/Haushalten

deutlich werden lassen und drittens und letztens für die Beziehungen zwischen L

und G, den Haushalten und dem politischen System, aber nur soweit, wie diese in

Wahlen und der formalen Repräsentation finden. (vgl. Lipset/Rokkan 1967, S.8)

Ausgehend von diesem Schema Parssons formulieren Lipset/Rokkan vier

Aufgaben:

1. Betrachtung der internen Struktur des I-Quadranten (Gemeinschaft,

Öffentlichkeit) in einer Auswahl territorial begrenzter Gesellschaften:

Welche Konfliktlinien haben sich in einer nationalen Gesellschaft in der

Frühphase der Konsolidierung herausgebildet und welche entstanden in

den folgenden Phasen der Zentralisierung und des wirtschaftlichen

Wachstums?

2. Vergleich bestimmter Sequenzen von Austauschprozessen zwischen I und

G (Gemeinschaft, Öffentlichkeit und politisches System) um

Regelmäßigkeiten im Prozess der Parteienbildung aufzuspüren: Wie

fanden vererbte Konfliktlinien politischen Ausdruck und wie haben die

räumliche Organisation des Nationalstaates, die Gewaltenteilung zwischen

Regierenden und Repräsentanten sowie die Ausweitung von

Beteiligungsrechten und der Mitsprache die Entwicklung von Allianzen

5


und Gegnerschaften unter den politischen Strömungen beeinflusst und

schließlich zur Herausbildung eines ausgeprägten Parteiensystems geführt?

3. Betrachtung der Konsequenzen dieser Entwicklungen für die

Austauschprozesse zwischen I und L (Gemeinschaft, Öffentlichkeit und

Haushalten): Welche Identitäten, Solidaritäten, Gemeinsamkeiten an

Erfahrungen und Schicksalen konnten von den Parteien verstärkt und

nutzbar gemacht werden und welche mussten besänftigt oder ignoriert

werden? Wo in der sozialen Struktur konnten die Parteien am leichtesten

stabile Unterstützung mobilisieren und wo trafen sie auf die am

undurchdringlichsten Barrieren des Misstrauens und der Zurückweisung?

4. auf die vorangegangenen Punkte stützt sich schließlich die Analyse der

Austauschprozesse zwischen L und G (Haushalten und politischem

System) im Ablauf von Wahlen und der Rekrutierung von Repräsentanten:

Inwieweit spiegeln Wahlverteilungen strukturelle Konfliktlinien in einer

bestimmten Gesellschaft wider; wie wird das Wahlverhalten durch die

Begrenzung an Alternativen im Parteiensystem beeinflusst; und inwieweit

werden die Belehrungs- und Mobilisierungsanstrengungen durch die

Entwicklung einer neutralen Wahlmaschinerie, die Formalisierung und

Standardisierung der Verfahren und die Einführung der geheimen Wahl

erschwert?

(vgl. Lipset/Rokkan 1967, S.8)

Diese Fragen bemühen sich Lipset/Rokkan zu beantworten, indem sie

Konfliktlinien suchen, ihren Ursprung bestimmen und ihren Einfluss auf die

Gesellschaft, das politische System und die Parteienbildung analysieren.

1.2.2 Die vier Cleavages nach Lipset/Rokkan

Abbildung 1: Die vier Cleavages in Parssons AGIL-Schema

6


(Quelle: Lipset/Rokkan 1967, S. 14)

Innerhalb des Schemas befinden sich die vier Cleavages: Subject vs. Dominant

Culture; Church vs. Government; Primary vs. Secondary Economy und Workers

vs. Employers/Owners. In der deutschsprachigen Literatur werden diese wie folgt

übersetzt: Zentrum-Peripherie, Kirche-Staat, Stadt-Land, Kapital-Arbeit.

Die mit 1 und 2 benannten Cleavages Zentrum-Peripherie und Kirche-Staat sind

das direkte Produkt von dem, was Lipset/Rokkan ,,National Revolution" oder

auch ,,democratic Revolution" nennen und geht folglich aus der Französischen

Revolution von 1789 und deren Folgen für den Nationenbildungsprozess in

Westeuropa hervor. Das Cleavage Zentrum-Peripherie beschreibt den Konflikt

zwischen den nationalen, zumeist zentralstaatlichen Eliten und den Vertretern

verschiedener ethnischer, sprachlicher oder religiöser Minderheiten, die in

Opposition zur Nationalstaatsbildung stehen. (vgl. Lipset/Rokkan 1967, S.14) Der

Konflikt zwischen Kirche und Staat lag darin begründet, dass die Kirche mit allen

Mitteln versuchte, ihre historisch gewachsene Einflussphäre gegen die

Machtansprüche des Staates zu verteidigen. Es handelte sich nicht nur um

Streitigkeiten wirtschaftlicher Natur, wie beispielsweise die Finanzierung

religiöser Aktivitäten, vielmehr stritten Staat und Kirche darüber, wer die

gesellschaftlichen Normen definierte. Es war als ein Wettstreit um das Monopol

von Werten. Gegenstand von zentraler Bedeutung war hierbei die Frage, wer für

7


das Bildungswesen verantwortlich sei. Die Kirche, gleich welcher Konfession,

hatte seit jeher das Recht für sich beansprucht, die Geisteshaltung der Menschen

zu repräsentieren und diese durch christliche Erziehung den Kindern zu vermitteln.

(vgl. Lipset/Rokkan 1967, S.15) Beide Cleavages sind als kulturelle Cleavages zu

bezeichnen. Anders verhält es sich mit den Cleavages Stadt-Land und Kapital-

Arbeit. Diese sind als eher materielle Cleavages zu verstehen. Sie finden ihren

Ursprung in der industriellen Revolution. Erst die industrielle Revolution hat die

neuen Schichten der städtischen Unternehmer und der Arbeiter geschaffen, ohne

welche besagte Cleavages nicht hätten entstehen können. Der Stadt-Land-Konflikt

ist der Streit der alten Wirtschaftselite, den feudalistisch geprägten

Großgrundbesitzern, sowie dem Landadel einerseits und der neuen

Wirtschaftsmacht, den städtischen Großunternehmern andererseits. Die letzte und

jüngste Konfliktlinie ist die zwischen den Kapitaleignern und ihren Beschäftigten,

der Arbeiterschaft. (vgl. Lipset/Rokkan 1967, S.19)

Lipset und Rokkan konzentrieren sich im weiteren Verlauf ihrer Studie

hauptsächlich auf die ersten drei Cleavages, da diese selbst und in Kombination

untereinander dazu tendieren weit mehr Unterschiede zwischen den

Parteiensystemen zu generieren, als es das Cleavage könnte, welches durch die

Entstehung der Bewegung der Arbeiterklasse aufkam. (vgl. Lipset/Rokkan 1967,

S.46) Die Unterschiede in den Parteiensystemen Europas lassen sich also darauf

zurückführen, wie die genannten Cleavages ausgestaltet waren und wie stark sie

die Gesellschaften polarisierten und organisierte Großgruppen entlang der

Konfliktlinien entstehen ließen. So hingen beispielsweise Existenz und Anliegen

christlicher Parteien davon ab, ob nach dem Ende der Reformationszeit ein

weltlicher Staat über eine Staatskirche gebot, oder der römisch-katholischen

Kirche treu geblieben war. (vgl. Falter 2005, S.146)

Abbildung 2: Die vier Cleavages nach Lipset/Rokkan in der Darstellung von Roth

8


(Quelle: Roth 1998, S.27)

1.2.3 Entstehung von Parteien

Um sich in den genannten Konflikten behaupten zu können, benötigten die

sozialen Großgruppen eine Institution, welche ihre Interessen artikulierte und in

der politischen wie gesellschaftlichen Arena vertrat. Theoretisch konnte aus jeder

sozialen Großbewegung eine Partei entstehen, jedoch geschah dies nicht

zwangsläufig. Die jeweiligen Bewegungsführer mussten sich entscheiden, ob sie

selbst eine Partei für ihre Bewegung gründeten, oder ob es nicht ihrer Sache

dienlicher sei, sich mit einer bereits etablierten Partei zu verbünden.

Ausschlaggebend für diese Entscheidung sind vier Schwellen, die eine Gruppe

überwinden muss, will sie selbst ihre Forderungen (als Partei) politisch

durchsetzen:

- Legitimationsschwelle: von der Gruppe geäußerte Kritik muss berechtigt

sein und darf nicht als ,,verschwörerischer Protest" abgetan werden. Sie

muss objektiv nachvollziehbar sein.

- Integrationsschwelle: Die Anhänger der Gruppe müssen über politische

Rechte (Wahlrecht) verfügen.

- Repräsentationsschwelle: Kann die Gruppe ins Parlament einziehen? Gibt

es Schranken (5%-Hürde), ist der Einzug ins Parlament aus eigener Kraft

oder nur im Bündnis möglich?

9


- Mehrheitsschwelle: Der Handlungsspielraum ist trotz parlamentarischer

Mehrheit eingeschränkt (checks and balances)

(vgl. Lipset/Rokkan 1967, S.27)

Wie bereits erwähnt besteht für die Gruppen ein Entscheidungsspielraum, ob sie

es angesichts dieser Schwellen für notwendig erachten, eine eigene Partei zu

gründen, oder ob sie lieber ein Bündnis mit einer etablierten Partei eingehen, die

mit Sicherheit im Parlament vertreten sein wird. Daraus lässt sich schließen, dass

aufgrund dieses Entscheidungsspielraums bei gesellschaftlichen Systemen mit

gleicher Cleavagekonstellation unterschiedliche Parteiensysteme möglich sind.

Folglich werden Parteiensysteme nicht vollständig von der gesellschaftlichen

Konstellation determiniert. (vgl. Falter 2005, S. 147)

1.3 Bedeutung der Cleavagetheorie für die Wahlforschung

Lipsets und Rokkans Cleavage-Ansatz ist nicht nur für die Parteienforschung von

großem Wert, sondern erweist sich auch in der Wahlforschung als erklärungsfähig,

indem er Bevölkerungsgruppen homogenes Stimmverhalten bescheinigt. (vgl.

Falter 2005, S.149) In der Geschichte kam es an einem bestimmten Zeitpunkt zu

einer Verbindung der sozialen Großgruppen der Gesellschaft mit politischen

Parteien. Diese Koalitionen zwischen den sozialen Gruppen und den politischen

Parteien, wie in Deutschland beispielsweise die Koalition der Katholiken mit der

Zentrumspartei oder die der Arbeiter mit den Sozialdemokraten, sind in der Regel

dauerhaft angelegt. Bei Wahlen lässt sich diese Bindung an der

überdurchschnittlichen Stimmentscheidung der Gruppenmitglieder für die

betreffende Partei erkennen. (vgl. Pappi 1998, S.95f) Hat also eine

gesellschaftliche Großgruppe eine Partei gegründet oder sich mit einer bereits

existierenden Partei zur Erreichung ihrer Ziele verbündet, so stimmen ihre

Mitglieder geschlossen für diese Partei. Sie votieren demnach im Einklang mit

ihrer Position in der Sozialstruktur. Unklar bleibt jedoch, wie Personen abstimmen,

die mehr als einer Großgruppe angehören und somit cross-pressures ausgesetzt

sind. Außerdem beschränkt sich der Erklärungsgehalt des Cleavage-Ansatzes auf

stabiles Wahlverhalten. Das Phänomen des Wechselwählers kann er nicht erklären.

Ebensowenig setzt er sich mit dem Wechsel der Gruppenzugehörigkeit und mit

dessen Auswirkung auf das Wahlverhalten auseinander. Der größte Nachteil des

Cleavage-Ansatzes ist, dass er keine klare Aussage darüber machen kann, ,,warum

eine Person das erwartete Wahlverhalten an den Tag legt." (Falter 2005, S.150)

10


Das Modell kann folglich keine Aussagen zum Wahlverhalten auf der

Individualebene machen, aber das will es auch gar nicht. Lipset und Rokkan

hatten 1967 nicht den Anspruch ein Modell zu entwerfen, welches Wahlverhalten

erklärt. Ihr Modell war so angelegt, dass es einen Zusammenhang zwischen

Sozialstruktur und Parteiensystem erklärte. (vgl. Falter 2005, S.151)

Aber auch was die Anwendung des makrosoziologischen Ansatzes angeht ist

Vorsicht geboten, da im Umkehrschluss für ein bestimmtes Stimmmuster einer

sozialen Gruppe nicht zwangsläufig ein Cleavage ausschlaggebend sein muss.

Erst wenn die unter 1.1 beschriebenen Merkmale eines Cleavages nachgewiesen

sind, kann man von einem solchen ausgehen. (vgl. Falter 2005, S.149)

2 ,,Neue Cleavages" und das Parteiensystem der BRD

,,The party systems of the 1960′s reflect, with few but significant exceptions, the

cleavage structures of the 1920′s."

(Lipset/Rokkan 1967, S.50)

Mit dieser oft zitierten Aussage begründeten Lipset/Rokkan die Theorie der

"eingefrorenen Parteiensysteme"(frozen party systems). Anfang der achtziger

Jahre kam die Diskussion auf, man solle sich von dem Cleavagemodell trennen,

welches sich an klassischen Industriegesellschaften orientierte. Es habe ein

Wertewandel stattgefunden, der die Erklärungskraft des bisherigen Modells

einschränke. (vgl. Neugebauer/Stöss 1996, S.266)

2.1 Die neuen Modelle

Ronald Ingelhart vertritt die These, dass ein Wertewandel von materialistischen

(z. B. Einkommen, soziale und innere Sicherheit etc.) hin zu postmaterialistischen

Werten (z.B. Ökologie, Partizipation, Gleichstellung der Geschlechter etc.)

stattfindet und die wesentliche Konfliktlinie in den fortgeschrittenen

Industrienationen genau zwischen diesen Werten verläuft. (vgl. Neugebauer/Stöss

1996, S. 266f)

Scott C. Flanagan ist dahingehend mit Ingelhart d′accord, dass

postmaterialistische Werte aus dem sozialen Wandel entstanden sind, kritisiert

Ingelhart aber dafür, dass dieser die angeblich existierenden zwei Arten von

Wertewandel in ein gemeinsames Modell zusammengefasst und nicht weiter

unterschieden hat. Flanagan wirft Ingelhart vor, Elemente nichtökonomischer

11


Natur seinem Materialismuskonzept zuzuordnen, so beispielsweise Recht und

Ordnung, Kriminalitätsbekämpfung und Innere Sicherheit an sich. Er sieht die

wesentliche neue Konfliktlinie daher zwischen den postmaterialistischen Werten,

die er libertäre Werte nennt, und differenziert auf der Gegenseite Materialismus

und Autoritarismus. (vgl. Flanagan 1987, S. 1903ff) Neugebauer/Stöss fassen das

Flanagan-Modell wie folgt zusammen: ,,Flanagan unterscheidet zwischen

Materialisten und alter Politik einerseits und neuer Politik andererseits, die

wiederum libertären oder autoritären Wertvorstellungen folgen kann. Er gelangt

so zu drei Konfliktlinien, die ein ,,Y" bilden: Libertarian (New Left) versus

Authoritarian (New Right); Nonmaterialists (New Politics) versus Materialists

(Old Politics); Middle Class (Old Right) versus Working Class (Old Left)."

(Neugebauer/ Stöss 1996, S. 267) Bei diesen Modellen, die einen Wertewandel

hin zu postmaterialistischen Werten annehmen ist jedoch fraglich, ob tatsächlich

ein neues Cleavage entstehen kann. Eine Überprüfung bezüglich der Existenz der

drei konstituierenden Cleavagemerkmale, die in 1.1 bereits ausführlich

beschrieben wurden, ist daher vonnöten. (vgl. Falter 2005, S. 150) Und auch

inhaltlich stellt sich die Frage, ob zwischen den proklamierten neuen und alten

Werten tatsächlich ein Konflikt besteht. Als Beispiel möchte ich hier die

angebliche Spannungslinie zwischen dem materialistischen Wert der

Wirtschaftlichkeit und dem postmaterialistischen Wert der Ökologie näher

betrachten. Diese wird häufig als Ursache für die Entstehung grüner Parteien

herangezogen. Meines Erachtens besteht zwischen Wirtschaftlichkeit und

Ökologie heutzutage kein Gegensatz mehr, sondern vielmehr eine Verknüpfung.

In der Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts war ein Konflikt noch vorhanden.

Damals waren Maßnahmen zur Schaffung umweltfreundlicher

Produktionsbedingungen aufgrund ihres finanziellen Aufwandes bei geringem bis

keinem wirtschaftlichen Ertrag für Unternehmer uninteressant. Heutzutage hat

sich in Westeuropa die Erkenntnis verbreitet, dass sparsame und

umweltfreundliche Firmenpolitik in der Zukunft positive finanzielle Effekte nach

sich zieht. Das hat vor allem mit der Rohstoffknappheit und der politisch

unsicheren Lage bei den bisherigen Rohstofflieferanten zu tun. Es ist davon

auszugehen, dass zukünftig die Beschaffungskosten für Rohstoffe steigen, so dass

es sich auszahlt, auf alternative Energien und eine umweltfreundliche Produktion

umzusteigen. Demnach hat sich der Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie

12


aufgelöst bzw. befindet sich in einem Prozess der Auflösung. Trotzdem kann man

weiterhin die These vertreten, dass ein Wertewandel und ein damit

einhergehender Konflikt zwischen neuen und alten Werten stattfand und noch bis

heute wirkt, jedoch alleinig für Parteiensystem und Wählerbindung nicht

ausreichend ist.

Herbert Kitschelt schafft mit seinem Modell für Westeuropa eine Kombination

aus klassischer, ökonomisch-sozial geprägter Konfliktlinie und dem

Flanaganschen libertär-autoritären Konzept. Die neue Konfliktlinie gehe nach

Kitschelts Auffassung aus dem sozialen Wandel hervor und bedinge im

Zusammenspiel mit der Sozialismus-versus-Kapitalismus-Achse eine

Verschiebung der Hauptachse der Parteienkonkurrenz. Folglich orientiere sich die

Verteilung der Wählerschaft nunmehr an der links-libertären/rechts.autoritären

Dimension. (vgl. Neugebauer/Stöss 1996, S268f)

Abbildung 3: Kitschelt-Modell: Westeuropa

(Quelle: Neugebauer/Stöss 1996, S268)

Neugebauer/Stöss kritisieren, dass heutzutage die in dem Modell noch skizzierten

Extrempositionen Marktwirtschaft und Planwirtschaft nicht mehr zur Debatte

stehen. Will das Modell seine Gültigkeit bewahren, muss die Konfliktlinie dem

tatsächlichen Konflikt angepasst werden. Der materielle Streitpunkt liegt in der

Frage der Modernisierung der Volkswirtschaft. Diese ist zwar als unumgänglich

anerkannt, jedoch ist strittig, welche Rolle die Politik dabei einnehmen soll.

Einerseits benötigt die Wirtschaft optimale Bedingungen für die Bewältigung

13


dieser Herausforderung, um in der globalisierten Welt wettbewerbsfähig zu

bleiben, andererseits muss dieser Prozess derartig gestaltet sein, dass er für die

Verlierer dieses Prozesses sozialverträgliche Lösungen vorsieht. Kurzum, der

heutige sozialökonomische Cleavage besteht zwischen Marktfreiheit und sozialer

Gerechtigkeit. Neu ist, dass es sich nicht wie bei Sozialismus versus Kapitalismus

nicht um einen Entweder-Oder-Konflikt zwischen zwei Alternativen handelt,

sondern vielmehr um einen Positionenkonflikt, bei dem es sich um die Frage dreht,

welches relative Gewicht welchem der beiden Ziele zugestanden werden soll. (vgl.

Neugebauer/Stöss 1996, S. 271)

Abbildung 4: Konfliktstruktur des dt. Parteiensystems nach Neugebauer/Stöss

(Quelle: Neugebauer/Stöss 1996, S.270)

Neugebauer und Stöss vertreten, ähnlich wie Kitschelt, die These, dass die

Parteienkonkurrenz zwischen sozial libertären und neoliberal autoritären

Positionen besteht: ,,Entlang dieser Hauptachse der Parteienkonkurrenz

gruppieren sich die Werteorientierungen der Wählerschaft. Am sozial-libertären

Pol sind die Bündnisgrünen angesiedelt, am neoliberal-autoritären Pol die

Republikaner. Die übrigen Parteien liegen dazwischen, die SPD näher am sozial-

libertären Pol, die CDU/CSU näher am neoliberal autoritären." (Neugebauer/Stöss

1996, S.271)

14


2.2 Konfliktlinien und Parteiensystem der BRD

Das bereits unter 2.1 vorgestellte Modell von Neugebauer/Stöss beschreibt die

Situation des deutschen Parteiensystems für die neunziger Jahre. In den

Anfangsjahren der Bundesrepublik bedingten andere Konfliktlinien die

Ausgestaltung des Parteiensystems. Aufgrund der besonderen historischen

Umstände und den damit verbundenen Unterschieden zwischen Weimarer und

Bonner Republik war Deutschland von je her ein Gegenbeispiel zu der These

,,eingefrorener Konfliktlinien" von Lipset/Rokkan. Betrachtet man die klassischen

Konfliktlinien im Deutschland der Nachkriegszeit, so bleiben nur zwei von ihnen

bestehen: Die Konfliktlinie zwischen Arbeit und Kapital, sowie die zwischen

religiös-konfessionell-kirchlich gebundenen und nichtreligiösen, ungebundenen

Gruppen (religiös vs. säkular). (vgl. von Alemann 2003, S.101)

Abbildung 5: Konfliktlinien im Parteiensystem der Nachkriegszeit

Zentrum vs. Peripherie

Im Kalten Krieg suspendiert

Stadt vs. Land

Durch Nachkriegsmobilität abgeschwächt

Arbeit vs. Kapital

Blieb brisant zwischen CDU/CSU/FDP und SPD

Religiös vs. säkular

Blieb aktuell zwischen CDU/CSU und FDP/SPD

(Quelle: von Alemann 2003, S.101)

Da sich die übrig gebliebenen relevanten Cleavages nicht überlagerten, sondern

kreuzten (

crosscutting cleavages

), entwickelte sich aus ihnen in den 50er und 60er

Jahren ein Parteiensystem, welches seine Anhänger in vier großen Gruppen fand.

Abbildung 6: Konfliktlinien im Parteiensystem der 50er/60er Jahre

(Quelle: von Alemann 2003, S. 101)

Wandlungstendenzen in der Sozialstruktur begannen in den 60er Jahren sich auf

das ursprüngliche Stammwählerpotenzial der Parteien auszuwirken. Die

Gegensätze zwischen Protestanten und Katholiken gingen ebenso zurück, wie die

kirchliche Bindung an sich. Die Berufsstruktur veränderte sich und der

aufstrebende Dienstleistungssektor verdrängte den Primärbereich der

Landwirtschaft. Die Anzahl der Arbeiter und Selbstständigen ging zurück,

15


während die der Angestellten und Beamten stetig anstieg. Zu Zeiten der

sozialliberalen Koalition hatten sich die Konfliktlinien soweit überlagert, dass sie

zu einer neuen zusammenwuchsen. Aus Arbeit vs. Kapital und religiös vs. säkular

wurde ein Rechts-Links-Gegensatz. Es standen sich nun ein

,,arbeitnehmerorientiertes, nichtreligiöses, aufstiegsorientiertes, dem neuen

Mittelstand verbundenes Lager" einerseits und ein ,,katholisch geprägtes, dem

alten Mittelstand und der Unternehmerschaft nahe stehendes, konservatives

Lager" gegenüber. (von Alemann 2003, S102f)

Von Alemann sieht den Zeitpunkt, an dem sich der postmaterialistische

Wertewandel, wie er in den Modellen unter 2.1 bereits erläutert wurde, in

Deutschland bemerkbar macht in den 80er Jahren. Ausgangspunkt dieser

Entwicklungen waren seines Erachtens die Studentenbewegung, die

Bürgerinitiativbewegung und die neuen sozialen Bewegungen (für Frauen,

Frieden, Umwelt etc.) der späten 60er und der 70er Jahre. Er fügt das deutsche

Parteiensystem dieser Zeit in ein dem Ansatz von Ingelhart nicht unähnliches

Modell ein.

Abbildung 7: Neue Konfliktlinien im Parteiensystem der 80er Jahre

(Quelle: von Alemann 2003, S.103)

16


3 Schluss

Wie sich gezeigt hat, haben sich die Zeiten geändert und die Konfliktfelder

verschoben, welche das Parteiensystem und die Parteibindung bedingen. Trotz

dieser Veränderungen sind die klassischen Cleavages nach Lipset/Rokkan, wenn

auch nur noch in abgeschwächter Form, nach wie vor in den westeuropäischen

Gesellschaften präsent. Für die Bundesrepublik kann man gegenwärtig folgendes

festhalten:

Das Cleavage zwischen Stadt und land hat sich weitestgehend aufgelöst und auch

ein Cleavage zwischen Zentrum und Peripherie, wie er in vielen multiethnischen

europäischen Staaten noch sehr stark vorliegt und zum Teil das politische

Tagesgeschehen dominiert1, ist in Deutschland nicht auszumachen. Beleg hierfür

ist das Fehlen großer Regionalparteien. Das sozio-ökonomische Cleavage hat

nach wie vor Bestand und hat sich lediglich von den beiden Extremen Sozialismus

und Kapitalismus auf einen Positionenkonflikt zwischen sozialer Gerechtigkeit

und Marktfreiheit verkürzt. Die Bindungskraft diese Cleavages ist in Deutschland

zwar existent, was der hohe Arbeiteranteil in der Wählerklientel der SPD belegt,

jedoch kann am nicht von einem geschlossenen Wahlverhalten der sozialen

Gruppen entlang dieses Cleavages sprechen. In der Zeitspanne zwischen 1953 und

2002 votierten maximal zwei Drittel der Arbeiter (und etwa 75% der

gewerkschaftlich gebundenen Arbeiter) für die SPD. Auf der Gegenseite für die

Unionsparteien stimmten durchschnittlich etwa 67% ihrer Klientel (alter

Mittelstand). (vgl. Falter 2005, S. 161 u.163) Auch das religiöse Cleavage hat in

der heutigen Bundesrepublik bestand, obwohl die kirchliche Bindung und die

Unterschiede zwischen den Konfessionen, auf welchen das religiöse Cleavage in

Deutschland in erster Linie fußt (Katholiken vs. protestant. Preußischen Staat),

stark rückläufig sind. Kirchenvertreter äußerten jedoch die Hoffnung, dass sich

der Trend schwindender Kirchenbindung umkehre. Ihren Optimismus

begründeten sie damit, dass sich die Kirche wieder größerer Beliebtheit erfreue,

insbesondere seit der Papst aus Deutschland stamme. Das Aufhebens, welches um

den Papst während seines Heimatbesuches gemacht wurde und seine erhöhte

Medienpräsenz mögen diese These stützen, jedoch sprechen die

Kirchenaustrittszahlen dem entgegen. Trotzdem wird immer öfter der Ruf nach

1 In Spanien beispielsweise sieht sich der Zentralstaat gleich zwei großen Separatistenbewegungen

gegenüber, den Katalanen und den Basken.

17


Werten laut, was auch für die Zukunft das Bestehen des religiösen Cleavages

sichern wird. Meines Erachtens könnten das Zentrum vs. Peripherie (im

Sinne"subject vs. dominant culture") und das religiöse Cleavage bald einen neuen

Konflikthorizont eröffnen, wenn es um die Auseinandersetzung zwischen der

christlich geprägten Gesellschaft und dem Staat einerseits und den islamisch bis

islamistisch geprägten Parallelgesellschaften andererseits kommen, jedoch wird

sich diese Konfliktlinie wohl nicht sobald im Parteiensystem widerspiegeln, da

die letztgenannte Gruppe mehrheitlich mangels Wahlrecht an der von

Lipset/Rokkan genannten Integrationsschwelle scheitern würde.

Als letzte wesentliche Konfliktlinie würde ich für die Bundesrepublik die von

Neugebauer/Stöss beschriebene Konfliktlinie zwischen sozial-libertärer und

neoliberal-autoritärer Politik benennen. Allerdings stimme ich dahingehend mit

dem Neugebauer/Stöss-Modell nicht überein, dass ich es für unvollständig halte.

Das von ihnen skizzierte Konfliktmodell für das deutsche Parteiensystem lässt das

religiöse Cleavage vermissen. Meiner Meinung nach sollte das Modell, wenn man

das religiöse Cleavage ergänzt, die Konfliktstruktur Deutschlands treffend

beschreiben.

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Literatur

ALEMANN, Ulrich von (2003): Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland, 3.

überarbeitete Auflage, Leske + Budrich, Opladen, S. 100-106

FALTER, Jürgen W. / SCHOEN, Harald (Hrsg.)(2005): Handbuch Wahlforschung. Ein

einführendes Handbuch, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 145-183

FLANAGAN, Scott C. (1987): Value Change in Industrial Societies, in: American Political

Science Review, 81.Jg, Nr4, S. 1303-1319

LIPSET, Seymour Martin und Stein ROKKAN (1967): Cleavage Structures, Party Systems,

and Voter Alignments. An Introduction, in: Seymour Martin LIPSET und Stein ROKKAN

(Hrsg.): Party Systems and Voter Alignments: Cross-National Perspectives. New York,

London, Collier-Macmillan, S. 1 ­ 64.

NEUGEBAUER, Gero/ STÖSS, Richard (1996): Die PDS, Geschichte. Organisation. Wähler.

Konkurrenten, Leske + Budrich, Opladen, S. 263-297

PAPPI, Franz Urban (1998): Cleavages, in: Nohlen, Dieter (Hrsg.): Lexikon der Politik, Band

7 Politische Begriffe, Beck, München, S. 95-98

ROTH, Dieter (1998): Empirische Wahlforschung. Ursprung, Theorien, Instrumente und

Methoden. Leske + Budrich. Opladen, S. 23-35



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