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Der spezifische Sprachgebrauch im Dritten Reich anhand der Krakauer Zeitung

Scientific Study, 2009, 24 Pages
Author: Radoslaw Lis
Subject: Speech Science / Linguistics

Details

Category: Scientific Study
Year: 2009
Pages: 24
Grade: Sehr gut
Bibliography: ~ 16  Entries
Language: German
Archive No.: V121475
ISBN (E-book): 978-3-640-26095-9
ISBN (Book): 978-3-640-26100-0

Abstract

Viele Jahre lang herrschten die Nationalsozialisten uneingeschränkt nicht nur in Deutschland, sondern auch in zahlreichen Gebieten in ganz Europa. Während dieser Zeit durchdrangen sie – auch in Form eines ganz spezifischen Sprachgebrauchs – mit ihrer Weltanschauung und Propaganda beinahe alle Lebensbereiche der Deutschen und der im Zweiten Weltkrieg besiegten Völker. Die Besatzer waren sich dessen bewusst, dass die Sprache und die Propaganda durchaus wirksame Waffen sind und dass es sinnlos war, sie gegenüber den unterworfenen Völkern und Gebieten einzusetzen (vgl. Kinne/Schwitalla 1994, S. 1). Zu den auffälligsten sprachlich-stilistischen Merkmalen der „Lingua Tertii Imperii“ gehörten u. a. Ausdrücke aus wissenschaftlicher Fachsprache (vor allem aus den Bereichen Militär, Naturwissenschaft, Technik und Religion, die in andere Lebensbereiche übertragen wurden und somit eine andere Bedeutung erhielten), Euphemismen (also Hüllwörter, deren Hauptaufgabe war es, grausame Taten der Nationalsozialisten zu verdecken oder zu verharmlosen), Superlative, verstärktes, falsches Pathos in der Ausdrucksform, das zur Betonung des Gefühls beitragen sollte, Fremdwörter (die oft als Ersatz für deutsche Wörter gebraucht wurden, weil sie klanghafter erschienen) und Neologismen.


Excerpt (computer-generated)

Radoslaw Lis

Der spezifische Sprachgebrauch im Dritten Reich


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der spezifische Sprachgebrauch

2.1. Ausdrücke aus wissenschaftlicher Fachsprache

2.2. Euphemismen

2.3. Superlative

2.4. Pathos

2.5. Fremdwörter

2.6. Neologismen

3. Schlusswort

4. Literaturverzeichnis

4.1. Primärliteratur

4.2. Sekundärliteratur

- 2 -


1. Einleitung

Viele Jahre lang herrschten die Nationalsozialisten uneingeschränkt nicht nur in

Deutschland, sondern auch in zahlreichen Gebieten in ganz Europa. Während dieser Zeit

durchdrangen sie ­ auch in Form eines ganz spezifischen Sprachgebrauchs ­ mit ihrer Welt-

anschauung und Propaganda beinahe alle Lebensbereiche der Deutschen und der im Zweiten

Weltkrieg besiegten Völker. Die Besatzer waren sich dessen bewusst, dass die Sprache und

die Propaganda durchaus wirksame Waffen sind und dass es sinnlos war, sie gegenüber den

unterworfenen Völkern und Gebieten einzusetzen (vgl. Kinne/Schwitalla 1994, S. 1).

Die Manipulation und der spezifische Gebrauch der Sprache ist aber keine Erfindung

der Nationalsozialisten. Sie wurde seit Jahrhunderten überall geübt, denn man erkannte schon

bald, sich in einer Welt abzufinden, in der die Machtausübung auf gerade Manipulation ba-

siert. Auch das nationalsozialistische Regime lernte rasch durch zahlreiche kleinere oder grö-

ßere Tricks, das Verhalten seiner Staatsbürger zu seinen Gunsten zu ändern (vgl. Lay 1977, S.

12).

Zweifelsohne gibt es zahlreiche und umfangreiche Definitionen von Manipulation.

Man könnte vielleicht, sehr allgemein definiert, sagen, Manipulation sei ein unerlaubtes Mit-

tel, zur Beeinflussung des Menschen (als Einzelwesen oder in der Gruppe) zum Zwecke einer

systematischen zielgerichteten Lenkung und Prägung des Bewusstseins, der Lebens- und

Denkgewohnheiten, der Gefühlslagen (vgl. Lay 1977, S. 20f.). Es sei aber darauf hingewie-

sen, Manipulation ist auch eine besondere Art, Sprache zu benutzen. Diese Besonderheit be-

steht darin, dass durch Sprachverwendung bestimmte Ziele angestrebt werden, die dem Part-

ner ,,verborgen sind, verborgen bleiben sollen oder doch bleiben können" (Mackensen 1973,

S. 208). Die Manipulation macht Sprache zum Mittel für die einen, über die anderen zu herr-

schen. Sie birgt jedenfalls die Möglichkeit, mit ihrer Hilfe Macht über andere zu gewinnen:

das ist eine ihrer Grundfunktionen. Sicher ist die politische Einflussnahme auf Menschen

notwendig, denn ohne solche manipulatorischen Einflussnahmen könnte es kaum zu einem

politisch stabilen Gebilde kommen (vgl. Lay 1977, S. 167).

Die Manipulation durch Sprache ist wohl der auffälligste und vermutlich auch der häu-

figste Versuch, auf andere bewusst und berechnend bestimmenden Einfluss zu gewinnen. Es

liegt nur an der List des Sprechers bzw. des Schreibers, ob sein Vorhaben ohne weiteres er-

folgreich ist. Meist übersehen die Hörer und Leser diese List (vgl. Mackensen 1973, S. 96f.).

- 3 -


Man könnte vergebens nach Wahrheit und Sinn in den vom nationalsozialistischen

Regime manipulierten politischen Aussagen oder Texten suchen, denn diese werden unsicht-

bar und unwirklich. Das geschieht immer, wenn man versucht, das Verhalten seiner Mitmen-

schen zu eigenem Nutzen zu ändern. Die rücksichtlose Manipulation mit den Worten machte

die Sprache zur Sache und zum bloßen Mittel und übte einen riesigen Einfluss auf das ganze

damalige Schrifttum (vgl. Lay 1977, S. 389).

Das nationalsozialistische Regime war sich dessen bewusst, dass Sprache viel mehr

ist, als nur ein Medium der Verständigung und die Rolle des pragmatischen Aspektes der

Sprache im weltanschaulichen Kampf der Nationalsozialisten darf nicht unterschätzt werden.

Hier handelte es sich um eine besondere Form der Sprachregelung, die letzten Endes der Irre-

führung diente. Durch eine über die gleichgeschalteten Medien teilweise bis ins Detail regu-

lierte Wortverwendung versuchte man, eine neue nationalsozialistische Wirklichkeit zu schaf-

fen, die wahren Absichten und die tatsächlichen Ziele und Handlungen des NS-Regimes zu

verschleiern, gleichzeitig auch die Menschen in den Dienst eines Systems zu stellen, welches

ihren eigenen Interessen zuwiderhandelte (vgl. Klaus 1972, S. 40; vgl. Koltunowski 1980, S.

155).

Im Dritten Reich vollzog sich eine Durchdringung des gesamten öffentlichen und pri-

vaten Lebens und Schrifttums. Unter dem Einfluss des Nationalsozialismus vollzog sich eine

außerordentlich starke und weitgehende Veränderung der deutschen Sprache, ungeachtet des-

sen, ob es sich um Propagandareden, Zeitungsartikel aller Art, wissenschaftliche Bücher oder

private Korrespondenz handelte (vgl. Seidel/Seidel-Slotty 1961, S. 1f.).

Eines der wesentlichen, hervorzuhebenden Merkmale für den nationalsozialistischen

Sprachgebrauch ist, dass er rhetorisch ist. Rhetorisch aber nicht im Sinne eines klassischen

juristischen oder philosophischen Redners, sondern von Volksrednern und Demagogen. ,,Hit-

ler spürte in der deutschen Sprache eine andere Musik als die von Goethe, Heine oder Mann

auf. [...] Und das deutsche Volk, anstatt sich ungläubig und angeekelt abzuwenden, gab dem

Gebrüll des Mannes einen massiven Widerhall". (vgl. Steiner 1969, S. 129f.)

Es werden nie verschiedene Positionen oder Rechte abwägend eingebracht, nie nach

Objektivität und Wahrheit gestrebt. Es gilt, die Massen zu gewinnen, wofür jedes Mittel recht

ist. Appelliert wird an den Instinkt der Angesprochenen, nicht an ihren Verstand, denn ratio-

nal ist die Argumentation in keinem Moment (vgl. Hundhausen 1975, S. 187).

Es handelt sich hier also nicht um einen gepflegten auf Wissen und Verstand basieren-

den Stil mit ausgewogenem Aufbau, These und Antithese, sondern um eine Art Vergewalti-

- 4 -


gung des Sprachgeistes in Deutschland, wobei ganz offensichtlich, zumeist mit Unterstützung

der Presse, das Bewusstsein zahlreicher Bürger manipuliert wird, um sie an einen ganz be-

stimmten Punkt zu bringen. Das Verhalten des Volkes soll so umgestimmt werden, dass es

einerseits die Machttaten des nationalsozialistischen Regimes akzeptiert oder sogar ausdrück-

lich fordert und andererseits im gemeinsamen Hass, in der gemeinsamen Angst zu so etwas

findet wie ,,einem Zusammengehörigkeitsgefühl, das dann ein politisches Gebilde auf sich

beziehen kann" (Lay 1977, S. 179).

Es lässt sich also folgern, dass alles, was sich zwischen Menschen abspielt, von Spra-

che geführt oder verführt wird. Auch die Geschichte wird von Worten gemacht, mehr denn

von Männern und Taten. Die Sprache darf somit nicht als statisch bezeichnet werden, denn sie

muss einer sich ständig wandelnden Lebenswirklichkeit Rechnung tragen (vgl. Lay 1977, S.

389). Sprache gab den Nationalsozialisten einen Spielraum frei, den sie für die Durchsetzung

ihrer Denkweise und Ideologie sowie für die Realisierung ihrer politischen Pläne nutzen

konnten. Und dieser Eingriff des nationalsozialistischen Staates in die lebendige Volkssprache

hatte den Charakter eines systematischen Vorgehens (vgl. Klaus 1972, S. 131).

Selbstverständlich hatten die Nationalsozialisten ihr bestimmtes Vokabular, mit zahl-

reichen Sprachschöpfungen und Sprachverdrehungen, und eine bestimmte öffentliche Rheto-

rik, die ihr Programm zusammen mit der Gewalt und dem propagandistisch ausgerichteten

Stil untermauerten. Ganz bestimmt gibt es gewisse Eigenschaften, die für alle totalitären

Sprachen typisch sind, und die genaue Analyse der Sprache des Nationalsozialismus lässt eine

Reihe von Merkmalen erkennen, die als charakteristisch für diese Sprache gelten können,

denn der Sprachgebrauch im Dritten Reich weist mit seinen Umdeutungen und Umwertungen

einige Auffälligkeiten auf, was insbesondere dem NS-Wortschatz seinen spezifischen Klang

gibt (vgl. Koltunowski 1981, S. 199ff.).

Insgesamt bestand die nationalsozialistische Vorgehensweise darin, vorhandene Ideen

und Begriffe zu übernehmen, anzuknüpfen an gängige weltanschauliche Vorstellungen, alte

ideologisch besetzte Wörter aufzugreifen, die Wortbedeutung aber zu ändern (vgl. Straßner

1987, S. 175).

,,Das Gift ist überall. Im Trinkwasser der LTI wird es verschleppt, niemand bleibt da-

von verschont". (Klemperer 1949, S. 102) Die Reichweite der offiziellen Sprache, die zahlrei-

che Begriffe und Gefühle schändete und vergiftete, ging also weit über die Verwendung in

Reden der Parteioberen und Funktionäre in Verordnungen, Gesetzen, Presseanweisungen,

Rundfunksendungen und Zeitungen hinaus. Die von den Nationalsozialisten mit mehr oder

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