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Mentalitätsgeschichte

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 20 Pages
Authors: Patricia Detto, Doreen Krzmarik
Subject: Ethics

Details

Event: Geschichte Erklären
Institution/College: Martin Luther University
Tags: Mentalitätsgeschichte, Geschichte, Erklären
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 20
Grade: 2,3
Bibliography: ~ 7  Entries
Language: German
Archive No.: V121870
ISBN (E-book): 978-3-640-26642-5
ISBN (Book): 978-3-640-26666-1

Abstract

Wie bereits bei Habermas herauszulesen ist, ist Mentalität mehr als nur Ideen, sondern bezieht sich auf viele Schichten unseres Lebens wie beispielsweise Kultur, Sprache, Geschichte, Mimik, Gestik usw. oder mit den Worten von Theodor Geiger „Mentalität ist eine Haut […]“ Mentalität oder besser gesagt Mentalitätengeschichte, soll das Thema unsere Arbeit sein, da sich auch im letzten Jahrhundert die Aufmerksamkeit in der Geschichtswissenschaft änderte hin zu einer Kulturgeschichte, die neue historiographische Gattungen entstehen ließ und unter ihnen auch die Mentalitätengeschichte, die eine neue Möglichkeit des Erklärens oder Erzählens darstellt und somit auch Gegenstand unseres Seminars war, was uns veranlasst hat, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Aber was versteht man nun unter Mentalität? In dem ersten Teil der Hausarbeit gehen wir der Frage nach, wie sich der Mentalitätenbegriff geschichtlich entwickelt hat, da vor allem richten wir unseren Blick nach Frankreich, wo der Ursprung der Mentalitätengeschichte liegt, aber natürlich soll auch die deutsche Mentalitätengeschichte nicht aus dem Blick geraten. Im darauf folgenden Teil unsere Arbeit wollen wir den Schwerpunkt auf vier Mentalitätsauffassungen legen. Unter anderem auf zwei Autoren, Marc Bloch und Lucien Febvre, die geschichtlich sehr bedeutsam für die sie und ihre Entwicklung waren. Den Abschluss bildet eine Gegenüberstellung der Stärken und Schwächen der Mentalitätengeschichte.


Excerpt (computer-generated)

Hausarbeit

mit dem Thema

,,Mentalitätsgeschichte"

Seminar für Philosophie

Seminar: HS Geschichte erklären WS 07/08

Referentinnen: Patricia Detto, 8. Semester, LAG Spanisch/ Ethik

Doreen Krzmarik, 9.Semester, LAG Wi.-Tech./Ethik


Gliederung

1. Einleitung 3

2. Geschichte der Mentalität 4

3. Der Begriff Mentalität 6

4.Verschiedene Autoren zum Thema Mentalitätsgeschichte 8

4.1 Die zwei auseinander gehenden Auffassungen nach Bloch und Febvre 8

4.2 Mentalitäten in der Sozialgeschichte nach Volker Sellin 9

4.3 Plädoyer für eine dynamische Mentalitätengeschichte nach Gilcher-Holtey 11

5. Die Verwendung des Begriffes Mentalität am Beispiel der ,,Affäre Dreyfus" 13

6. Für und Wider der Mentalitätsgeschichte 15

7. Konklusion 17

8. Literatur 19

2


1. Einleitung

,,Unsere Lebensform ist mit der Lebensform unserer Eltern und Großeltern verbunden durch

ein schwer entwirrbares Geflecht von familialen, örtlichen, politischen, auch intellektuellen

Überlieferungen ­ durch ein geschichtliches Milieu also, das uns erst zu dem gemacht hat,

was und wer wir heute sind. Niemand von uns kann sich aus diesem Milieu herausstellen,

weil mit ihm unsere Identität, sowohl als Individuen wie als Deutsche, unauflöslich verwoben

ist. Das reicht von der Mimik und der körperlichen Geste über die Sprache bis in die

kapillarischen Verästellungen des intellektuellen Habitus."1 Wie bereits bei Habermas

herauszulesen ist, ist Mentalität mehr als nur Ideen, sondern bezieht sich auf viele Schichten

unseres Lebens wie beispielsweise Kultur, Sprache, Geschichte, Mimik, Gestik usw. oder mit

den Worten von Theodor Geiger ,,Mentalität ist eine Haut [...]"2 Mentalität oder besser gesagt

Mentalitätengeschichte, soll das Thema unsere Arbeit sein, da sich auch im letzten

Jahrhundert die Aufmerksamkeit in der Geschichtswissenschaft änderte hin zu einer

Kulturgeschichte, die neue historiographische Gattungen entstehen ließ und unter ihnen auch

die Mentalitätengeschichte, die eine neue Möglichkeit des Erklärens oder Erzählens darstellt

und somit auch Gegenstand unseres Seminars war, was uns veranlasst hat, sich mit diesem

Thema zu beschäftigen. Aber was versteht man nun unter Mentalität? ,,Mentalität bezeichnet

vorherrschende Denk- und Verhaltensmuster einer Person oder einer sozialen Gruppe von

Menschen (z. B. einer Bevölkerungs- oder Berufsgruppe) und wird auch auf gesamte

Nationen bezogen."3, laut einer Definition von P. Dinzelbacher.

In dem ersten Teil der Hausarbeit gehen wir der Frage nach, wie sich der Mentalitätenbegriff

geschichtlich entwickelt hat, da vor allem richten wir unseren Blick nach Frankreich, wo der

Ursprung der Mentalitätengeschichte liegt, aber natürlich soll auch die deutsche

Mentalitätengeschichte nicht aus dem Blick geraten. Im darauf folgenden Teil unsere Arbeit

wollen wir den Schwerpunkt auf vier Mentalitätsauffassungen legen. Unter anderem auf zwei

Autoren, Marc Bloch und Lucien Febvre, die geschichtlich sehr bedeutsam für die sie und

ihre Entwicklung waren. Den Abschluss bildet eine Gegenüberstellung der Stärken und

Schwächen der Mentalitätengeschichte.

1 Habermas, Jürgen:"Eine Art Schadensabwicklung", Surhkamp Verlag, Frankfurt/Main, 1987, S. 140

2 Raulff, Ulrich (Hg.):"Mentalitäten ­ Geschichte", Wagenbachs Taschenbücherei, Berlin, 1987, S.7

3 Peter Dinzelbacher (Hg): ,,Europäische Mentalitätsgeschichte", Kröner Verlag, Stuttgart 1993, S. XXI

3


2. Geschichte der Mentalität

Im 20. Jahrhundert vollzog sich, wie bereits in der Einleitung erwähnt, ein Wandel in der

Geschichtswissenschaft. ,,Geschichte wurde - jedenfalls allmählich - zur Historischen

Anthropologie.4 ,,Sie betrifft eine Verschiebung vom Zentrum hin zur Peripherie, von der

Politik zur Gesellschaft und hier wieder zu den Rändern und Randgruppen, von den Taten und

Entscheidungen zu den Strukturen, vom klaren Wissen zum Okkulten, vom Bewussten zum

Unbewussten."5 Diese Veränderung ließ andere Gattungen in der Sozial- und

Kulturgeschichte, wie die von uns analysierte Mentalitätengeschichte, entstehen. Sie ist ein

wissenschaftlicher Unterpunkt des Oberbegriffes der französischen intellektuellen Geschichte,

die sich nach Robert Darnton in die Ideengeschichte, die eigentliche intellektuelle Geschichte,

die Sozialgeschichte der Ideen und in die Kulturgeschichte unterteilt. Die

Mentalitätengeschichte ist wiederum ein Unterpunkt der Kulturgeschichte, welche zum einen

die Kultur nach anthropologischen Aspekten untersucht darunter auch die Weltanschauungen

und die kollektiven Mentalitäten. Ihr Ausgangspunkt liegt in Frankreich in der Schule ,,der

Annales"6. Der Begriff Mentalität entstand ursprünglich aus dem Englischen und kam über

das Französische kurz vor dem ersten Weltkrieg nach Deutschland. In England blieb der

Begriff rein auf philosophischer Ebene, wohingegen in Deutschland und Frankreich der

Begriff auch in die Alltagssprache gelangte. Vom klassischen lateinischen ,,mens" leitete sich

das Adjektiv mental zu Zeiten der Scholastik circa Mitte des 14. Jahrhunderts, ab. Daraus

wurde im 17. Jahrhundert das englische Wort ,,mentality" entlehnt. Im Laufe der Zeit

wandelte sich die Bedeutung des Wortes Mentalität, in der Weise, von der philosophischen

Fachsprache, in der es eine kollektive Denkart bezeichnete, bis es dann um 1900 den

geläufigen Sinn erhält, ,,Es ist der volkstümliche Nachfolger der deutschen

Weltanschauung

,

die Weltsicht eines jeden einzelnen, ein stereotypes und zugleich chaotisches geistiges

Universum."7

Das französische Wort hingegen leitet sich nicht etwa aus dem lateinischen ab, sondern ist

dem Englischen entnommen. In Frankreich wurde das Wort ,,mentalité" durch die Autoren

Emile Durkheim, Lucien Lévy-Bruhl u. a. um 1900 zum sozialwissenschaftlichen Begriff

erhoben und in Deutschland im Jahre 1932, kurz vor dem ersten Weltkrieg, durch Theodor

Geiger. Die ersten beiden Autoren gehören mit zu der Gruppe von französischen Historikern

der Zeitschrift ,,Année sociologique" oder auch ,,Annales". Gerade Lévy-Bruhl schaffte mit

4 Raulff, Ulrich (Hg.):"Mentalitäten ­ Geschichte", Wagenbachs Taschenbücherei, Berlin, 1987, S.8

5 ebd., S.7

6 ,,Annales" Schule bildet sich aus einer Gruppe französischer Historiker im 20 Jahrhundert, die eine neue

Metodologie und Praxis in der Geisteswissenschaft etablierten.

7 Raulff, Ulrich (Hg.):"Mentalitäten ­ Geschichte", Wagenbachs Taschenbücherei, Berlin, 1987, S.24

4


seinem Begriff ,,mentalité primitive" einen gravierenden Gegensatz zwischen der Mentalität

der Naturvölker oder auch prälogische Mentalität genannt und der Mentalität der Zivilisierten

oder auch rationale Mentalität. Was anfangs als rein analytische Unterscheidung gedacht war,

entwickelte sich schnell dazu, dass Mentalität nicht nur das Fremde analysierte, sondern auch

das Feindliche bezeichnen konnte. Febvre und Bloch übernahmen diesen Mentalitätsbegriff.

Auch wenn Febvre und Bloch die gleiche Ausgangsschule wie Durkheim und Lévy-Bruhl

hatten, entwickelten sie sich doch in ihren Ansichten in unterschiedliche, aber nicht

gegensätzliche, Richtungen. Febvre in die psychologisierende und Bloch in die

anthropologische, aber darauf werden wir im nächsten Kapitel näher eingehen. In den 70ziger

und 80ziger Jahren des 1900 erweiterte sich die Mentalitätsgeschichte soweit, dass anstatt nur

Ideen, Geistes- und Religionsgeschichte, sondern ganze Gesellschaften oder Teile

mentalitätsgeschichtlich betrachtet worden. So dass seit dieser Zeit oft Kritik an der ältern

Mentalitätsgeschichte geübt wurde. Anfangs schrieb Febvre bevorzugt biographische Studien

beispielsweise 1928 über Luther oder 1942 über Rabelais und bezog die Denk- und

Handlungsweisen dieser einzelnen Zeitgenossen auf ganze Gesellschaften. Nachdem er diese

Vorliebe abgelegt hatte, stand einer Geschichte von Überzeugungen, Werten und

Vorstellungen einer ganzen Gruppe oder Epoche, nichts mehr im Wege.

In Deutschland fand der Mentalitätsbegriff erst spät, in den 90ziger Jahren, Anklang. Gründe

dafür liegen wohl in dem Widerstand der traditionellen Geisteswissenschaftler und der

Marxisten in Ost und West, die den Ansatz der Autoren um ,,Annales" komplett ablehnten.

Obwohl auch in Deutschland Forschungen vor dem zweiten Weltkrieg zur

Mentalitätsgeschichte existieren, zum Beispiel von Carl Erdmann oder Theodor Geiger.

Etwa zehn Jahre später tritt der umgekehrte Fall in Frankreich ein, dass die

Mentalitätsgeschichte mehr und mehr in den Hintergrund tritt und in Deutschland wird der

Mentalitätsbegriff immer präsenter. Historische Epochen, welche die Mentalitätsgeschichte

größtenteils untersucht, waren die frühe Neuzeit, der Absolutismus und das Mittelalter, weil

zum einen die Quellen in dieser Zeit umfangreicher waren, so dass sich Schlüsse über mentale

Sachverhalte gewinnen lassen konnten. Zum anderen waren die Geschichtswissenschaften

durch ihre einseitige Betrachtungsweise nicht mehr in der Lage, die Epochen weiter zu

unterteilen. Jedoch hat die sie unter Einbeziehung anderer Forschungsgegenstände, es

geschafft die Geschichte weiter zu unterteilen. Die Mentalitätsgeschichte hat sich eigene

spezifische Quellen erschlossen durch die Einbeziehung von zum Beispiel Reiseberichten

oder Bildmaterialien.

5



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