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Subtitle: "The Selfish Giant" und "The Birthday of the Infanta"
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 25 Pages
Author: Claudia Wannack
Subject: English Language and Literature Studies - Comparative Literature
Details
Tags: Identitätsfindung, Märchen, Oscar, Wilde
Year: 2008
Pages: 25
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 12 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-26923-5
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Abstract
Im Folgenden nun soll das Augenmerk besonders auf The Selfish Giant aus dem ersten Märchenband und The Birthday of the Infanta aus der zweiten Sammlung gelegt werden. Dabei möchte ich weniger auf die gerade angesprochenen Kontroversen eingehen als vor allem die textimmanente Bearbeitung des Problems der Identitätsfindung behandeln, die in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung Wildes Märchen bislang kaum Beachtung gefunden hat. Vorrangig soll es darum gehen, die narrativen Strategien und sprachlich-ästhetischen Mittel aufzuzeigen, mit denen die Texte die Fragen nach Persönlichkeit und Identität aufwerfen, um diese Fragen dann in einen soziologischen und identitätstheoretischen Hintergrund einzubetten. Bei der Erzählung um den Riesen steht die Problematik der personalen Identität im Fokus, während ich im Gegensatz dazu im Kapitel zu The Birthday of the Infanta besonders auf die dialektische Grundstruktur der Erzählung eingehen werde, mit der die Hauptthemen der Inszenierung einerseits und mit kollektiver Identität verbundene Ausgrenzung andererseits gestaltet werden. [...]
Excerpt (computer-generated)
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
As if he really was one of themselves
-
Zur Identitätsfindung in ausgewählten
Märchen von Oscar Wilde: The Selfish Giant
und The Birthday of the Infanta
vorgelegt von:
Claudia Wannack
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
S. 2 - 3
2. Zur Identitätsfindung in ausgewählten Märchen Oscar Wildes
2.1. ,,The Spring Asleep" -
The Selfish Giant
S. 3 - 12
2.2. ,,He′s a perfect horror"
The Birthday of the Infanta
S. 12 - 21
3.
Schlussbemerkungen
S.
21
-
22
4.
Zitierte
Literatur
S.
23
1
1. Einleitung
"The fact is, that I told him a story with a moral."
"Ah! That is always a very dangerous thing to do," said the Duck.
And I
[the narrator]
quite agree with her.
Dieses Zitat, insbesondere der abschließende Erzählerkommentar aus dem
äußeren Rahmen des Märchens
The Devoted Friend
illustriert eine der
Hauptkontroversen, welche die Märchen Oscar Wildes vor allem bei den
Kritikern im wissenschaftlichen Diskurs ausgelöst hat. Die Tatsache, dass sich
ein überwiegend dramatisch orientierter Autor mit extravaganten Ansichten,
dandyhaftem Auftreten und dann auch noch ein bekennender Homosexueller
einem didaktisch geprägten Genre wie dem Märchen zuwendet, wurde von
vielen Literaturwissenschaftlern zunächst als eine Art ,,Ausrutscher"
interpretiert; ein Ausrutscher, dem man keine tiefergehende Aufmerksamkeit
schenken musste. Doch abseits der wissenschaftlichen Diskussion
entwickelten sich die Geschichtensammlungen
The Happy Prince and Other
Stories
von 1888 und
A House of Pomegranates
von 1891 nicht nur bei
Kindern zu modernen Klassikern, die im Original sowie in zahlreichen
Übersetzungen gelesen wurden, was schließlich dazu beitrug, sich der
Geschichten schließlich doch mit wissenschaftlichem Interesse anzunehmen.
Einigkeit herrscht allerdings nach wie vor nicht. Viele Wissenschaftler deuten
die Märchen noch immer mit Vorliebe biographisch aus und werden nicht
müde, in Märchen wie
The Happy Prince
oder auch
The Selfish Giant
eine
latente Homoerotik zu erkennen oder sie mit Wildes Rolle als homosexuellen
Vater in Verbindung zu setzen. Andere Kritiker hingegen wollen in den
Märchen den wahren Oscar Wilde erkennen, der trotz seines umstrittenen
Lebenswandels an zutiefst konservativen christlichen Werten festhält und die
Märchen als Plattform für moralische Predigten nutzt, während wieder andere
düsterere Elemente und Inhalte fokussieren, den Kunstcharakter der Märchen
betonen und sie damit zu mehr als bloßer Kinderlektüre mit pädagogischem
Gehalt erheben.
Im Folgenden nun soll das Augenmerk besonders auf
The Selfish Giant
aus dem ersten Märchenband und
The Birthday of the Infanta
aus der zweiten
Sammlung gelegt werden. Dabei möchte ich weniger auf die gerade
2
angesprochenen Kontroversen eingehen als vor allem die textimmanente
Bearbeitung des Problems der Identitätsfindung behandeln, die in der
wissenschaftlichen Auseinandersetzung Wildes Märchen bislang kaum
Beachtung gefunden hat. Vorrangig soll es darum gehen, die narrativen
Strategien und sprachlich-ästhetischen Mittel aufzuzeigen, mit denen die Texte
die Fragen nach Persönlichkeit und Identität aufwerfen, um diese Fragen dann
in einen soziologischen und identitätstheoretischen Hintergrund einzubetten.
Bei der Erzählung um den Riesen steht die Problematik der personalen
Identität im Fokus, während ich im Gegensatz dazu im Kapitel zu
The Birthday
of the Infanta
besonders auf die dialektische Grundstruktur der Erzählung
eingehen werde, mit der die Hauptthemen der Inszenierung einerseits und mit
kollektiver Identität verbundene Ausgrenzung andererseits gestaltet werden.
2. Zur Identitätsfindung in ausgewählten Märchen von Oscar Wilde
2.1. ,,The Spring Asleep" - The Selfish Giant
Betrachtet man die Geschichte des selbstsüchtigen Riesen im Kontext der
Sammlung
The Happy Prince and Other Tales1
, so nimmt
The Selfish Giant
eine Sonderstellung ein. Während in den anderen vier Märchen das Element
der Täuschung dominiert, sei es im Sinne von maßloser Überschätzung der
eigenen Persönlichkeit, von Selbsttäuschung aus Selbstschutz oder aber als
erlebte Enttäuschung durch die Mitwelt, vermag nur der Riese als einzige
Hauptfigur der Täuschung zu entgehen. Er vermag, obgleich auch über
Umwege, zu einer Sicht- und Lebensweise zu gelangen, mit der er sich
gänzlich identifiziert und die für ihn kein Unglück zu bedeuten scheint. Die
Nachtigall opfert ihr Leben für die schönste aller Rosen, die letztlich achtlos
weggeworfen wird; der glückliche Prinz gibt ebenfalls sein Leben, indem er
unter anderem seine Saphir-Augen an ein Straßenmädchen und einen Dichter
verschenkt, welche diese Gaben beide nicht zu schätzen wissen; der ergebene
Hans will nicht wahrhaben, von seinem ,,Freund" ausgenutzt zu werden und
stirbt schließlich sogar für den reichen Müller, der Hans` Tod lediglich
heuchlerisch betrauert; die bemerkenswerte Feuerwerksrakete versagt bei der
Hochzeitsfeier des Prinzenpaares und weil sie sich indes für Größeres
1 Oscar Wilde:
The Happy Prince and Other Tales
. Leipzig: Bernhard Tauchnitz, 1909.
3
bestimmt sieht, verkennt sie ihre Unfähigkeit und explodiert am helllichten Tag,
nur beobachtet von einer erschrockenen Gans.
Was all diese Erzählungen eint, ist ein Ende, das nicht genretypisch als
glücklicher Ausgang inszeniert wird, sondern das vielmehr ein Gefühl von
Ernüchterung etabliert. Zwar finden die Nachtigall und auch der glückliche
Prinz am Ende Erlösung und gelangen für ihre selbst gewählte Aufopferung in
den Himmel, doch dies erscheint angesichts der Ignoranz, die ihrer
persönlichen Hingabe zuvor entgegengebracht wurde, wenig tröstlich. Was
bleibt, ist die Botschaft, Selbstaufopferung sei sinnlos, soziales Verhalten
unangebracht. Auch die Tatsache, dass die Wasserratte die moralische
Botschaft der Geschichte von Hans und dem reichen Müller gar nicht erst
hören möchte, zeichnet einen außergewöhnlich pessimistischen Ausgang für
ein Märchen. Anders verhält es sich mit dem
Selfish Giant
, dessen Geschichte
gleichermaßen mit seinem Tod endet, doch ist dieser Tod um ein Vielfaches
versöhnlicher, weil er eben nicht als verkannte Selbstaufgabe geschildert wird,
sondern als gütliches Ende eines Lebenswandels, der mit Erlösung belohnt
werden muss. Der Riese kommt nicht in den Himmel, weil sich sein Sterben als
ähnlich unnütz erwiesen hätte wie das der Nachtigall oder des glücklichen
Prinzen und deswegen nach höherer Wiedergutmachung verlangt, vielmehr
wird ihm auf Grund seines Persönlichkeitswandels Einlass ins Paradies
gewährt. Durch welche Motive diese Identitätsfindung des nur anfänglich
egoistischen Riesen innerhalb des Märchens illustriert wird, soll im Folgenden
genauer betrachtet werden.
Die Anfangspassage des Märchens lässt sich als eine Art Exposition
lesen, in welcher der Hauptschauplatz der Handlung eingeführt wird.
Beschreibungen wie
large lovely garden
,
soft green grass
,
beautiful flowers like
stars
,
delicate blossoms of pink and pearl
,
rich fruit
und
birds
[...]
sang so
sweetly
(S. 59) zeichnen ein idyllisches Bild, das an den Garten Eden denken
lässt. Diese Referenz wird mit der Erwähnung der zwölf Pfirsichbäume
(ebenfalls S. 59), deren Anzahl an die zwölf Apostel erinnert, noch expliziter.
Viel augenfälliger jedoch als die christlich-biblischen Verweise wird in den
Eingangszitaten bereits die Hybridität des Märchengenres bei Wilde. Obschon
Syntax sowie Lexik sehr einfach und schlicht gehalten werden und somit den
volkstümlichen Charakter von Märchen bewahren, lässt sich
The Selfish Giant
eben nicht auf eine harmlose Kindergeschichte reduzieren. Wer die latenten
4
Anspielungen erkennt, liest das Märchen auf mehr als einer Bedeutungsebene,
was allerdings im Umkehrschluss nicht dazu führt, dass es beispielsweise für
Leser im Kindesalter ungeeignet wäre. Philip Kent Cohen hat diesen Umstand
wie folgt gekennzeichnet: ,,In fact, the majority of the stories in
The Happy
Prince
and
A House of Pomegranates
(1891) contain deliberate deviations
from, and sometimes even concerted attacks upon, the fairy tale genre"2. Auf
Wildes innovativen und kreativen Umgang mit den Genregrenzen des
Märchens werde ich besonders im folgenden Kapitel zu
The Birthday of the
Infanta
eingehen. Die eben zitierte Anfangssequenz der Erzählung gipfelt in der
Aussage der Kinder ,,
How happy we are here!
" (S. 60), die einerseits auf der
narrativen Ebene die Vorbereitung auf das erregende Moment übernimmt und
damit andererseits ein letztes Mal die fast paradiesische Atmosphäre
veranschaulicht, in welche die Kinder täglich nach der Schule fliehen.
Symbolisch kann dieser Ausruf somit als letzter Augenblick unbeschwerter
Kindheit und reiner Unschuld gedeutet werden, der von den Kindern als solcher
ganz bewusst erlebt wird. Das Problem der Identitätsfindung und
Persönlichkeitsentwicklung wird demzufolge bereits zu Beginn des Märchens
angesprochen und erfährt im weiteren Verlauf eine konsequente Ausweitung.
Die darauf folgende Rückkehr des Riesen nach sieben Jahren Abwesenheit
markiert ergo den Übergang der Kinder in einen neuen Lebensabschnitt, so
dass sich diese erste Begegnung mit dem Riesen durchaus als
Initiationserlebnis auffassen lässt. Der Riese, dessen Erscheinung der
friedlichen Stimmung jäh ein Ende setzt, wird demzufolge zunächst als
Widersacher der Kinder inszeniert, indem er diese mit einer
very
gruff voice
(S. 60) von seinem Grundstück verjagt. Besonderer Aufmerksamkeit bedürfen
in diesem Textabschnitt folgende Aspekte. Zum einen wird aufgezeigt, dass der
Riese aus dem Grunde zurückkehrt ist, da sein Gespräch mit dem
befreundeten Oger beendet war, denn
he had said all that he had to say, for his
conversation was limited
(S. 60). Zum anderen findet der Wesenszug der Ein-
respektive Begrenzung, der ironisch eingeführt wird, seine Wiederholung im
Aufstellen des Warnschildes, mit dem sich der Riese vor den Kindern zu
schützen sucht. Diese räumliche Eingrenzung seines Besitzes wird physisch
2 Philip Kent Cohen:
The Moral Vision of Oscar Wilde
. Cranbury: University Press, 1978, S. 79.
Im Weiteren geht Cohen auf darauf ein, wie Wilde typische Märchenmotive abwandelt und
somit eine eigene Märchengattung zwischen dem klassischen Volksmärchen und dem reinen
Kunstmärchen kreiert, in der er christliche Motivik mit sozialen Belangen verknüpft.
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