Mit der Wende 1989 und der beständigen Erweiterung der Europäischen Union hat sich ein wenig erforschter Geschichtsraum geöffnet, der durch aufsehen erregende Funde unsere kulturhistorischen Erkenntnisse verändert. Die inzwischen weltweit bekannte Himmelsscheibe von Nebra und weitere archäologische Funde mit astronomischen Bezügen belegen die Existenz einer sehr viel älteren Kulturlandschaft, als bisher angenommen. Aber auch die Zeit der großen Wende vor etwa 1000 Jahren, die Zeit der Christianisierung der Slawen und Wenden genannten Völker zwischen Elbe und Oder, wird durch immer neue archäologische Befunde aus dem Vergessen gerückt.
Anlässlich der ersten urkundlichen Erwähnung des märkischen Ortes Eggersdorf, der an der Grenze zwischen niederem und hohem Barnim gelegen ist, entstand bei der regionalen Recherche nach Spuren der Slawen und Wenden genannten Völker die Frage, wie es zu dieser radikalen Auslöschung der Erinnerung an ein gesamtes Volk kommen konnte. Der Verein „Bauernvolk Eggersdorf e.V.“ hat der Spurensuche ein Projekt gewidmet und mit einer Ausstellung über „Das vergessene Volk“ im Januar 2008 die Vorträge zum 675ten Jubiläum der Ersterwähnung eröffnet.
Eggersdorf wurde 1333 erstmals urkundlich erwähnt, als Markgraf Ludwig der Ältere den Ort an Johannes Trebus aus Strausberg verkaufte. Als der Ort somit seine erste urkundliche Erwähnung fand, hatte er freilich schon eine lange Besiedlungsgeschichte hinter sich. Über die Menschen und die Lebensumstände dieser Vorgeschichte ist wenig bekannt. Dennoch öffnet sich beim näheren Hinsehen der Blick auf eine vielfältige Geschichte mit äußerst nachhaltigen Folgen, die heute noch ihre Auswirkungen zeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Giertz- Chronik
3. Der Gamengrund
4. Der Blumenthal – eine wendische Stadt?
5. Das Königsgrab an der Gielsdorfer Mühle
6. Burgwall Spitzmühle
7. Geheimnis im Jagen 57
8. Die Posentsche
9. Die Macht der Steine
10. Slawen oder Wenden?
11. Heveller, Sprewanen, Liutizen…
12. Der große Aufstand 983
13. Wendische Blütezeit
14. Der Untergang
15. Das vergessene Volk
16. Literatur
17. Reisebericht des Ibrâhîm Ibn Ja'qûb
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit widmet sich der regionalen Spurensuche nach den als Slawen und Wenden bekannten Völkern im märkischen Raum, insbesondere im Umfeld von Eggersdorf. Ziel ist es, die Gründe für das weitgehende Vergessen dieser Bevölkerungsgruppe zu ergründen, ihre Lebensweise, religiösen Überzeugungen und ihren Widerstand gegen die Christianisierung anhand archäologischer und historischer Indizien zu beleuchten.
- Historische Untersuchung des Lebensraums Barnim und der wendischen Siedlungsspuren.
- Analyse der religiösen Naturbetrachtung und der astronomischen Ausrichtung wendischer Kultstätten.
- Untersuchung der kriegerischen Auseinandersetzungen und der Rolle des Widerstands gegen die Christianisierung.
- Kritische Reflexion der Bezeichnungen „Slawen“ und „Wenden“ sowie ihrer historischen Instrumentalisierung.
Auszug aus dem Buch
7. Geheimnis im Jagen 57
Westlich gelegen in Richtung Altlandsberg, im Jagen 57, findet sich ein zweiter, deutlich besser erhaltener Ringwall, der heute noch eine Wallhöhe von ein bis zwei Metern aufweist. Hier sind Scherben gefunden worden, die auf die wendische Nutzung hinweisen. Bemerkenswert ist jedoch, dass diese Anlage nicht direkt am Wasser lag, sondern im Schutz eines Sumpfes. Und während wir an der Spitzmühle einen runden Ringwall vermuten, fällt hier die elliptische Form mit den Maßen zwischen 50 Meter und 100 Meter auf.
Ob diese Anlage als Wohnort, Fluchtburg oder heilige Stätte genutzt wurde, ist unbekannt, da die Anlage bisher nicht mit modernen archäologischen Mitteln erforscht wurde, so dass auch hier wie schon bei Giertz „neben guten Quellen empfindliche Lücken durch Vermutungen zu füllen waren.“ Die elliptische Form und die bisher als „Walltor“ bezeichnete Öffnung an der Südwestseite erlauben aber nach neueren internationalen Forschungen eine sensationelle Frage: Liegt im Jagen 57 eine astronomische Kultstätte der Wenden?
Der Araber Àbu al-Mas'udi bezeichnet in der Mitte des 10 Jahrhunderts die Wenden als „Sonnenanbeter“, die offene Heiligtümer zur Beobachtung des Himmelskörpers errichteten. Eine besonders wichtige Rolle spielte dabei die Wintersonnenwende. Und im Südwesten – dem vermeintlichen „Walltor“ – liegt der Untergangsort der Sonne bei der Wintersonnenwende.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den wenig erforschten Geschichtsraum des Barnim und Anlass der Projektarbeit anlässlich der 675-Jahr-Feier Eggersdorfs.
2. Die Giertz- Chronik: Vorstellung der historischen Aufzeichnungen von Pfarrer Alexander Giertz als Grundlage für die regionale Spurensuche.
3. Der Gamengrund: Beschreibung des wendischen Siedlungsraumes entlang des Mühlenfließes und der Lebensweise in kleinen Sippen.
4. Der Blumenthal – eine wendische Stadt?: Untersuchung der Sagen und historischen Indizien um die wüste Stadt „Blumenthal“ am Rande des Gamengrundes.
5. Das Königsgrab an der Gielsdorfer Mühle: Betrachtung einer legendären Grabstätte am Kesselsee und der dortigen archäologischen Funde.
6. Burgwall Spitzmühle: Analyse der Überreste einer Verteidigungsanlage zwischen Fänger- und Bötzsee.
7. Geheimnis im Jagen 57: Untersuchung eines Ringwalls hinsichtlich seiner möglichen Funktion als astronomische Kultstätte.
8. Die Posentsche: Erläuterung einer hufeisenförmigen Anlage als Siedlungsplatz an einem sumpfigen Gewässer.
9. Die Macht der Steine: Darstellung der religiösen Bedeutung von Findlingen und der Überbauung heidnischer Kultstätten durch Kirchen.
10. Slawen oder Wenden?: Historische Einordnung der Bezeichnungen und der ethnischen Herkunft der Bevölkerung zwischen Elbe und Oder.
11. Heveller, Sprewanen, Liutizen…: Überblick über die verschiedenen Stämme und den politischen Widerstand gegen christliche Eroberer.
12. Der große Aufstand 983: Schilderung des Lutizenaufstands als bedeutendes Ereignis des Widerstands gegen die Christianisierung.
13. Wendische Blütezeit: Rekonstruktion des dörflichen Lebens, der Landwirtschaft und der Glaubenswelt der Wenden.
14. Der Untergang: Darstellung der Eroberung und Christianisierung, die zum Ende des freien Wendentums führte.
15. Das vergessene Volk: Reflexion über die heutige Identität, den Sprachverlust und das Bestreben zur Wiederbelebung wendischer Traditionen.
Schlüsselwörter
Wenden, Slawen, Barnim, Eggersdorf, Christianisierung, Ringwall, Siedlungsgeschichte, Kulturlandschaft, Heimatkunde, Archäologie, Mittelalter, Triglaw, Identität, Volkskunde, Sagen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Erforschung der Geschichte der wendischen Völker im Raum Barnim, ihrer Siedlungsstrukturen, ihrer Religion und ihrem Schicksal unter dem Druck der Christianisierung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die regionale Spurensuche in Eggersdorf, die archäologische Untersuchung von Burgwällen und Kultstätten, sowie die historische Aufarbeitung des kulturellen Erbes der Wenden.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Dokumentation und Rekonstruktion der Lebensweise der als Wenden bekannten Ureinwohner des märkischen Raums und die Frage, warum ihr kulturelles Erbe weitgehend in Vergessenheit geriet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert lokale Archivarbeit (Giertz-Chronik), die Auswertung historischer Quellen (Theodor Fontane, Ibrâhîm Ibn Ja'qûb) und die Interpretation archäologischer Befunde sowie Sagen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Fallstudien zu Orten wie dem Gamengrund, der Spitzmühle oder dem Jagen 57 und beleuchtet ethnische Bezeichnungen, historische Aufstände und den Untergang der wendischen Kultur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wenden, Slawen, Barnim, Christianisierung, Siedlungsgeschichte, Archäologie, Kulturlandschaft und Volkskunde.
Welche Rolle spielten die entdeckten Ringwälle in der wendischen Gesellschaft?
Die Ringwälle dienten sowohl als Fluchtburgen, Wohnorte als auch möglicherweise als heilige Kultstätten, wobei ihre Lage oft strategisch an sumpfigem Gelände oder Seen gewählt war.
Wie bewertet der Autor den Einfluss der Christianisierung auf die wendische Kultur?
Der Autor zeichnet ein kritisches Bild: Die Christianisierung ging oft mit Zerstörung heidnischer Stätten und rücksichtsloser Umgestaltung der Natur einher, wobei er jedoch auch auf die Vermischung von heidnischem Brauchtum und christlichen Ritualen hinweist.
- Arbeit zitieren
- Andreas Lüders (Autor:in), 2008, Das vergessene Volk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122685