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Starke und schwache Frauen im Spannungsfeld von konventioneller Moral und individueller Identität

Untertitel: Ein Vergleich der beiden Romanheldinnen Fanny Price und Jane Eyre

Bachelorarbeit, 2009, 40 Seiten
Autor: B.A. Julia Korthus
Fach: Anglistik - Anderes

Details

Kategorie: Bachelorarbeit
Jahr: 2009
Seiten: 40
Note: 2,7
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V124932
ISBN (E-Book): 978-3-640-29955-3


Zusammenfassung / Abstract

Ein Vergleich von Fanny Price und Jane Eyre, den beiden Romanheldinnen aus Jane Austens Mansfield Park bzw. Charlotte Brontës Jane Eyre, erscheint auf den ersten Blick nicht sehr vielversprechend. Nicht nur entstammen die beiden Romane verschiedenen Epochen – Jane Austens Werk ist im Zeitalter der Romantik anzusiedeln, während Jane Eyre ein Produkt der viktorianischen Epoche ist –, sondern sie unterscheiden sich auch im Hinblick auf das Genre: Mansfield Park gehört den sogenannten Sitten- und Erziehungsromanen an, während Jane Eyre zu den Entwicklungsromanen zu zählen ist. (Nünning 2004: 3) Auf den zweiten Blick erkennt man jedoch, dass die Handlungsverläufe beider Romane viele Punkte aufweisen, die sich zum Vergleich anbieten: Beide Protagonistinnen sind zu Beginn der Handlung Waisen, die von wohlhabenden Verwandten aufgenommen wurden – wenn man auch im Fall von Fanny Price nicht von einer typischen Waise sprechen kann, da ihre Eltern noch leben, jedoch ist sie durch die Entfernung und die mangelnde Kommunikation derart von ihrem Elternhaus abgeschnitten, dass sie durchaus den Status einer Waise beanspruchen darf. Diese beiden Waisen werden im Laufe der Handlung vor verschiedene moralische Herausforderungen gestellt, denen sie auf unterschiedliche Art und Weise begegnen. Dadurch ergeben sich äußerst interessante Einblicke in die Persönlichkeiten der beiden Figuren und ihr jeweiliges Verständnis von sich selbst und ihrer Lebenswelt. Das Ziel dieser Arbeit soll sein, herauszufinden, ob eine der beiden Romanheldinnen als die stärkere Frau zu beurteilen ist. Dazu soll zunächst eine Vorstellung der beiden Figuren erfolgen, dann wird ihr Status innerhalb ihrer „Pflegefamilie“ beleuchtet, bevor anschließend versucht werden soll, ihr Verhalten angesichts verschiedener herausfordernder Situationen zu untersuchen. Abschließend soll gezeigt werden, wie die beiden Romanheldinnen ihr jeweiliges Ziel erreichen und welchen Status sie danach inne haben. Als Einstieg und Beurteilungsrichtlinie bietet sich ein kurzer Exkurs zum Thema der gesellschaftlichen Rolle der Frauen im 19. Jahrhundert an, daher möchte ich damit beginnen.


Textauszug (computergeneriert)

Starke und schwache Frauen im Spannungsfeld von

konventioneller Moral und individueller Identität:

Ein Vergleich der beiden Romanheldinnen

Fanny Price und Jane Eyre

Hausarbeit zur Erlangung des Grades eines Bachelor of Arts

vorgelegt am Anglistischen Seminar

der Universität Mannheim

von

JULIA KORTHUS

aus

KARLSRUHE

28.01.2009


Inhalt

Einleitung

2

1. Die englische Frau im 19. Jahrhundert

3

2. Vorstel ung der beiden Romanheldinnen

6

2.1 Fanny Price:

The stationary heroine

6

2.2 Jane Eyre: Vom

bad girl

zur

governess

7

3. Status innerhalb der Familie

8

3.1 Fanny Price

8

3.2 Jane Eyre

13

4. Prüfungen der Charakterstärke

15

4.1 Fanny Price

15

4.2 Jane Eyre

18

5. Zurück zu den ,,Wurzeln"

25

5.1 Fanny Price

25

5.2 Jane Eyre

27

6. Die Heldin erreicht ihr Ziel

30

6.1 Fanny Price

30

6.2 Jane Eyre

31

7. Fazit

34

8. Bibliografie

37


1


Einleitung

Ein Vergleich von Fanny Price und Jane Eyre, den beiden Romanheldinnen aus

Jane Austens

Mansfield Park

bzw. Charlotte Brontës

Jane Eyre

, erscheint auf den

ersten Blick nicht sehr vielversprechend. Nicht nur entstammen die beiden

Romane verschiedenen Epochen ­ Jane Austens Werk ist im Zeitalter der

Romantik anzusiedeln, während

Jane Eyre

ein Produkt der viktorianischen

Epoche ist ­, sondern sie unterscheiden sich auch im Hinblick auf das Genre:

Mansfield Park

gehört den sogenannten Sitten- und Erziehungsromanen an,

während

Jane Eyre

zu den Entwicklungsromanen zu zählen ist. (Nünning 2004: 3)

Auf den zweiten Blick erkennt man jedoch, dass die Handlungsverläufe

beider Romane viele Punkte aufweisen, die sich zum Vergleich anbieten: Beide

Protagonistinnen sind zu Beginn der Handlung Waisen, die von wohlhabenden

Verwandten aufgenommen wurden ­ wenn man auch im Fal von Fanny Price

nicht von einer typischen Waise sprechen kann, da ihre Eltern noch leben, jedoch

ist sie durch die Entfernung und die mangelnde Kommunikation derart von ihrem

Elternhaus abgeschnitten, dass sie durchaus den Status einer Waise

beanspruchen darf. Diese beiden Waisen werden im Laufe der Handlung vor

verschiedene moralische Herausforderungen gestel t, denen sie auf

unterschiedliche Art und Weise begegnen. Dadurch ergeben sich äußerst

interessante Einblicke in die Persönlichkeiten der beiden Figuren und ihr

jeweiliges Verständnis von sich selbst und ihrer Lebenswelt.

Das Ziel dieser Arbeit sol sein, herauszufinden, ob eine der beiden

Romanheldinnen als die stärkere Frau zu beurteilen ist. Dazu sol zunächst eine

Vorstel ung der beiden Figuren erfolgen, dann wird ihr Status innerhalb ihrer

,,Pflegefamilie" beleuchtet, bevor anschließend versucht werden sol , ihr Verhalten

angesichts verschiedener herausfordernder Situationen zu untersuchen.

Abschließend sol gezeigt werden, wie die beiden Romanheldinnen ihr jeweiliges

Ziel erreichen und welchen Status sie danach inne haben.

Als Einstieg und Beurteilungsrichtlinie bietet sich ein kurzer Exkurs zum

Thema der gesel schaftlichen Rol e der Frauen im 19. Jahrhundert an, daher

möchte ich damit beginnen.

2


1. Die englische Frau im 19. Jahrhundert

Das heute gängigste Bild, das man sich vom Status der Frau im 19. Jahrhundert

macht, ist wohl das der reinen Hausfrau und Mutter. Die viktorianische Vorstel ung

des

Angel in the House

verstärkt dieses noch zusätzlich. Die Frau wird als der

Inbegriff des Häuslichen angesehen ­ sie hat sich um die Kinder zu kümmern, den

Haushalt zu führen und ihrem Mann eine unterwürfige, liebevol e und aufopfernde

Ehefrau zu sein. Außerdem hat sie eine Vielzahl sozialer Verpflichtungen: So

muss sie, unter anderem, Freundschaften pflegen ­ besonders durch ständige

gegenseitige Besuche in den jeweiligen

drawing rooms

der befreundeten Familien

­ und hat al en Mitgliedern des Haushalts ein moralisches Vorbild zu sein.

Es war selbstverständlich, dass die Frau, nach Einschätzung der

viktorianischen Gesel schaft, aufgrund ihrer körperlichen Konstitution und ihres

dem Mann gegenüber vergleichbar unterentwickelten Intel ekts in dieser Stel ung

vol kommen zufrieden sein und ein ausgefül tes Leben führen konnte (vgl. Schor

2002: 172).

Die Vorstel ung von der Frau im England des frühen 19. Jahrhunderts

basiert auf der Annahme, dass Frauen sich von Natur aus in jeder Beziehung von

Männern unterscheiden; nicht nur körperlich, sondern auch intel ektuel . Während

der Mann über körperliche Stärke verfügt, ist die Frau durch und durch schwach.

Frauen werden als das Gewissen der Männer angesehen und was sie

auszeichnet, ist ihr reiner Geist.

Aufgrund dieser Differenzierungen sind auch die Aufgaben von Männern

und Frauen klar voneinander abgegrenzt. Von den Männern wird erwartet, dass

sie das Geld verdienen und es ihrer Ehefrau und anderen weiblichen

Familienangehörigen zugänglich machen. Der wesentliche Unterschied zwischen

den Aufgaben der Männer und denen der Frauen ist das Umfeld. Der Mann geht

einer gewerbsmäßigen Arbeit außer Haus nach, während die Frau ihre Aufgaben

innerhalb des Hauses erledigt. Ihre Arbeit bringt zwar kein Geld ein, aber sie ist

spirituel er und erzieherischer Natur, da die

mistress of the house

die Aufgabe hat,

Werte und moralische Grundsätze zu vermitteln, was sie durch ihre Sanftmütigkeit

und ihr Einfühlungsvermögen tut. Bei Joan N. Burstyn heißt es: ,,the ideal woman

was to be the moral guardian of society" (Burstyn 1980: 99).

3


In der viktorianischen Zeit stel t eine Frau, die nicht zu arbeiten braucht,

eine Art Statussymbol für Ehemann und Familie dar.

[T]he pressures on middle-class women

not

to work developed because

their families came to measure success by the amount of leisure afforded

women members of the family. Leisured women were symbols of the

economic success of their male relatives. [...] [S]ince the definition of a lady

[...] came to depend upon her isolation from the workforce, men often

dissembled in order to preserve their family′s status. (Burstyn 1980: 30)

Dadurch, dass die Frauen von al en finanziel en Belangen komplett

ausgeschlossen waren, bestand eine vol ständige Abhängigkeit von ihren

Männern. Vielen Zeitgenossen war gar nicht klar, dass die ständige Verleugnung

der Fähigkeit einer Frau, eine höhere Bildung erlangen und lernen zu können, zu

einer al gemeinen ,,geistigen Gefangenschaft" der Frauen führte.

Die ersten Veränderungen im Hinblick auf diese Situation machten sich

Mitte des 19. Jahrhunderts bemerkbar. Ein immer frappierender werdender

Mangel an Männern zeichnete sich ab ­ sei es aufgrund der erhöhten

Auswanderungsquote unter Männern oder, weil mehr Jungen als Mädchen im

Kleinkindalter starben oder, weil viele Männer eine militärische Karriere

einschlugen, die sie oft auf Jahre von England fernhielt (vgl. Burstyn 1980: 121).

Dies führte dazu, dass sehr viele junge Frauen unverheiratet blieben und für ihre

männlichen Verwandten eine finanziel e Last darstel ten. Aus diesem Grund

erlaubten viele Eltern ihren Töchtern, zumindest für eine Weile eine bezahlte

Arbeit anzunehmen, bis ein entsprechend vermögender oder arbeitender

Ehemann gefunden war. Dieser Umstand markierte eine Art Durchbruch für die

Situation der Frauen im viktorianischen England. Zwar war das Angebot an

Arbeiten, die Frauen verrichten durften, nicht besonders breit gefächert, da sie

eben nicht denselben Bildungsstand hatten wie ihre männlichen Verwandten, aber

ein erster Schritt in Richtung Unabhängigkeit der Frauen war getan.

Die meisten Frauen aus gutem Hause verdienten ihr Geld als

governess

in

einer vermögenden Familie. Diese Tätigkeit war noch die am meisten anerkannte

und respektierte Arbeit für Frauen dieser sozialen Schicht, denn sie betätigten sich

nach wie vor im häuslichen Umfeld und brachten ihren, zumeist weiblichen,

Schützlingen eben jene Dinge bei, die sie selbst von ihren Müttern oder anderen

weiblichen Bezugspersonen gelernt hatten.

4


Für ein Mädchen der damaligen Zeit galt es als ausreichend, in

hauswirtschaftlichen Dingen geschult zu werden, aber auch auf die sogenannten

accomplishments

wie Zeichnen, Beherrschen eines Musikinstruments,

Französischsprechen, Singen, Tanzen, etc., wurde großen Wert gelegt. Auf

wissenschaftlichere Dinge wurde verzichtet, da man der Ansicht war, zu viel

Bildung würde den reinen Geist der Frauen verderben und damit ihre Fähigkeit

beeinträchtigen, als moralisches Gewissen der Familie zu fungieren. Das

Lebensziel einer Frau bestand schließlich nach einhel iger Meinung der

Zeitgenossen nicht darin, sich möglichst viel Wissen anzueignen, sondern einen

geeigneten Ehemann zu finden und eine eigene Familie zu gründen. Eine al zu

gebildete Frau schreckte die meisten Männer eher ab, als dass sie sie anzog. Man

fürchtete sogar, Bildung würde dazu führen, dass die Frauen ihre Weiblichkeit

einbüßten und dadurch ungeeignet für die Ehe wären (vgl. Burstyn 1980: 43).

Natürlich gab es auch Ausnahmen von der Regel, und einige wenige

Mädchen wurden zur Schule geschickt, wobei diese Schulen nicht mit denen für

Jungen zu vergleichen waren. Besonders in den sogenannten

charity schools

, zu

denen auch die Lowood School in

Jane Eyre

zählt, ging es vorrangig immer noch

um hauswirtschaftliche Fähigkeiten, um Religion und um moralische Grundsätze

(vgl. Teachman 2001: xiv-xv) ­ nicht um höhere Bildung in wissenschaftlichen

Belangen wie bei den Jungen ­, aber zu mehr Zugeständnissen war die damalige

Gesel schaft auch gar nicht fähig, ohne ihre eigenen Konventionen und

Traditionen zu verraten.

5


2. Vorstellung der beiden Romanheldinnen

2.1 Fanny Price: The stationary heroine

Die Heldin von Jane Austens Roman

Mansfield Park

, Fanny Price, wird wohl am

wenigsten von al en Austen-

heroines

gemocht. ,,Even sympathetic readers have

often found her something of a prig, and severer strictures have not been lacking",

wie Tony Tanner es ausdrückt (Tanner 1986: 143). Sie ist weder witzig und

geistreich wie eine Elizabeth Bennet, noch leidenschaftlich und rebel isch wie eine

Marianne Dashwood. Sie ist die graue Maus, das Mauerblümchen, für das sich

keiner interessiert und das auch noch von sich aus versucht, möglichst abseits

des Geschehens zu stehen und keine Blicke auf sich zu ziehen. Für den

modernen Leser ist es besonders schwer, sich mit ihr anzufreunden, da man

jemanden wie sie heutzutage wohl als ,,Spielverderber" bezeichnen würde. Sie

äußert sich zwar nie direkt gegen eine der Aktivitäten, die das monotone Leben

auf dem Landsitz Mansfield Park etwas auflockern sol en, weigert sich aber strikt,

aktiv daran teilzunehmen, sondern bleibt im Hintergrund, beobachtend und in al er

Stil e wertend.

Generel nimmt

Mansfield Park

im Werk von Jane Austen eine

Sonderstel ung ein. Es geht hier nicht, wie in seinen Vorgängern

Sense and

Sensibility

und

Pride and Prejudice

vorrangig darum, der Heldin zuzuschauen, wie

sie den für sie perfekten Mann kennenlernt und nach Überwindung einiger

trials

and tribulations

schließlich die ersehnte Ehe mit ihm eingeht. Natürlich ist auch

dieses Element vorhanden, aber viel mehr steht in

Mansfield Park

der Fokus auf

den Handlungen der sonstigen Figuren und deren moralischer Verderbnis, denn

die Heldin selbst betätigt sich wenig, eigentlich sogar fast gar nicht.

Tony Tanner hat Fanny Price in seinem Buch über Jane Austen und ihre

Werke als ,,girl who triumphs by doing nothing" (Tanner 1986: 143) bezeichnet,

und tatsächlich ist Fanny diejenige unter Jane Austens Romanheldinnen, die am

wenigsten aktiv zu ihrem eigenen Schicksal beiträgt. Bis auf wenige Ausnahmen

bleibt sie selbst immer passiv und beobachtet das Handeln der Menschen um sie

herum. Sie beteiligt sich z.B. nicht an den

private theatricals

, und sie ist aufgrund

ihrer körperlichen Schwäche beim Spaziergang durch den Park von Sotherton so

6



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