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Gesellschaftskritik und repräsentative Rollen in Friedrich Dürrenmatts: Die Physiker

Termpaper, 2009, 21 Pages
Author: Antje Schoene
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Termpaper
Year: 2009
Pages: 21
Grade: 2,0
Language: German
Archive No.: V126433
ISBN (E-book): 978-3-640-32357-9
ISBN (Book): 978-3-640-32155-1

Abstract

„Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Das ist die Quintessenz des Werkes ‚Die Physiker’ von Friedrich Dürrenmatt. In dem Stück spielt Dürrenmatt mit dem Genre Komödie, um den Zuschauer zu provozieren und zum Nachdenken anzuregen. Nachzudenken über die komplexen Wechselbeziehungen von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Was genau in der Entstehungszeit des Werks Ende der fünfziger, Anfang der sechziger passierte, werde ich nach einer kurzen Zusammenfassung des Werkes (Kapitel 2) in Kapitel 3 darlegen. Danach soll die Gesellschaftskritik, welche in diesem Stück geübt wird, näher herausgearbeitet werden (Kapitel 4). Des weiteren werde ich noch auf den Schauplatz (Kapitel 5) eingehen, bevor die einzelnen Figuren betrachtet werden (Kapitel 6). Dürrenmatt gestaltet keine Charakter, sondern modellhafte Figuren, Typen, die bestimmte Verhaltensweisen verdeutlichen sollen, die auch in unserer Gesellschaft auftreten. Näher betrachtet werden sollen dabei, die Ärztin, welche die Wissenschaft für Macht und Herrschaft ausnutzt, sowie die Physiker, die blinde Werkzeuge des Willens zur Macht sind, „vertauschbare Faktoren in einer Rechnung, die nicht aufgehen kann“. Möbius scheint dabei der einzig Verantwortungsbewusste zu sein, Newton sieht die Wissenschaft als wertneutralen Bereich und für Einstein ist es eine Frage der Ideologie. Er sieht die Wissenschaft als Instrument politischer Macht. Als weitere Beispiele dieser modellhaften Typen sollen die Familie Rose, als Vertreter des Bürgertums, und Inspektor Voß, als Vertreter der staatlichen Ordnung, betrachtet werden. Im Kapitel 7 soll dann die Kritik an der Gesellschaft im Allgemeinen und Kritik durch die repräsentativen Rollen noch einmal zusammengefasst werden.


Excerpt (computer-generated)

Technische Universität Dresden

Fakultät für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft

Lehrstuhl: Neuere Deutsche Literatur- und Kulturgeschichte

WS 2008/09

BA-Seminar:

Gegenwartsliteratur in vier deutschsprachigen Staaten.

Thema:

Gesellschaftskritik und repräsentative Rollen in

Friedrich Dürrenmatts:

`Die Physiker´

Antje Schöne

BA: Germanistik: Literatur- und Kulturwissenschaft (4. Semester)

Anglistik/ Amerikanistik (7. Semester)


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3

2. Die Physiker - Zusammenfassung 3

3. Entstehung des Werkes 4

4. Gesellschaftskritik 6

5. Schauplatz 7

6. Personen 9

6.1. Fräulein Dr. h.c. Dr. med. Mathilde von Zahnd 9

6.2. Möbius 12

6.3. Newton 14

6.4. Einstein 15

6.5. Familie Rose 16

6.6. Inspektor Richard Voß 18

7. Zusammenfassung 19

Literaturverzeichnis 20

Primärliteratur 20

Sekundärliteratur 20

2


1. Einleitung

,,Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden."1 Das ist die

Quintessenz des Werkes ,Die Physiker′ von Friedrich Dürrenmatt. In dem Stück spielt

Dürrenmatt mit dem Genre Komödie, um den Zuschauer zu provozieren und zum

Nachdenken anzuregen. Nachzudenken über die komplexen Wechselbeziehungen von

Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Was genau in der Entstehungszeit des Werks

Ende der fünfziger, Anfang der sechziger passierte, werde ich nach einer kurzen

Zusammenfassung des Werkes (Kapitel 2) in Kapitel 3 darlegen. Danach soll die

Gesellschaftskritik, welche in diesem Stück geübt wird, näher herausgearbeitet werden

(Kapitel 4). Des weiteren werde ich noch auf den Schauplatz (Kapitel 5) eingehen, bevor die

einzelnen Figuren betrachtet werden (Kapitel 6). Dürrenmatt gestaltet keine Charakter,

sondern modellhafte Figuren, Typen, die bestimmte Verhaltensweisen verdeutlichen sollen,

die auch in unserer Gesellschaft auftreten. Näher betrachtet werden sollen dabei, die Ärztin,

welche die Wissenschaft für Macht und Herrschaft ausnutzt, sowie die Physiker, die blinde

Werkzeuge des Willens zur Macht sind, ,,vertauschbare Faktoren in einer Rechnung, die nicht

aufgehen kann".2 Möbius scheint dabei der einzig Verantwortungsbewusste zu sein, Newton

sieht die Wissenschaft als wertneutralen Bereich und für Einstein ist es eine Frage der

Ideologie. Er sieht die Wissenschaft als Instrument politischer Macht. Als weitere Beispiele

dieser modellhaften Typen sollen die Familie Rose, als Vertreter des Bürgertums, und

Inspektor Voß, als Vertreter der staatlichen Ordnung, betrachtet werden. Im Kapitel 7 soll

dann die Kritik an der Gesellschaft im Allgemeinen und Kritik durch die repräsentativen

Rollen noch einmal zusammengefasst werden.

2. Die Physiker - Zusammenfassung

Im Zentrum Dürrenmatts Komödie ,Die Physiker′ steht das private Sanatorium ,Les

Cerisiers′ in einem nicht näher bestimmten Ort in der Schweiz. Geleitet wird das Institut von

der berühmten Ärztin Mathilde von Zahnd. Patienten sind drei Physiker: Johann Wilhelm

Möbius, dem der König Salomo erscheint, Ernst Heinrich Ernesti, der behauptet Albert

Einstein zu sein und Herbert Georg Beutler, der sich für Sir Isaac Newton hält. Jeder der

Physiker hat eine Krankenschwester getötet. Es stellt sich heraus, dass diese Morde geschahen

1 Dürrenmatt, Friedrich. Die Physiker. Komödie. Zürich: Diogenes Verlag. 1998.

Im folgenden werden die Quellenangaben aus diesem Werk in Form von Seitenzahlen in Klammern

erfolgen.

2 Charbon, Rémy. Die Naturwissenschaft im modernen deutschen Drama. Zürich und München: Artemis Verlag.

1974. S. 185-186.

3


um das jeweilige Geheimnis der Patienten zu wahren, welches durch das Bemühen der

Schwestern zeitweise bedroht wurde. Keiner der drei Physiker ist wirklich verrückt, sondern

mit unterschiedlichen Absichten in die Heilanstalt gekommen. Möbius hat die revolutionäre

Weltformel entdeckt, die in den falschen Händen zur Vernichtung der gesamten Welt führen

könnte. Durch das Spielen des Verrückten will er sich selbst unglaubwürdig machen und

somit den Missbrauch seiner Entdeckung verhindern. Newton und Einstein hingegen sind

Spione, die hinter Möbius′ Arbeiten her sind und sein Genie für die Zwecke ihrer

Auftraggeber nutzen wollen.

Das darauffolgende Gespräch zwischen den Physikern über die Möglichkeit des

wissenschaftlichen Forschens in der heutigen Welt ist der gedankliche Höhepunkt des Stücks.

Möbius versucht nun, die anderen zunächst mit Gründen der Vernunft von der Notwendigkeit

des Verbleibens in der Irrenanstalt zu überzeugen:

MÖBIUS [...]Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich,

unsere Erkenntnisse tödlich. Es gibt für uns Physiker nur noch die Kapitulation vor der

Wirklichkeit. [...] (74)

Letztendlich kann er sie mit dem Argument überzeugen ihre Gefangenschaft als Sühne für die

begangenen Morde anzusehen und einen Beitrag zur Rettung der Menschheit zu leisten.

Somit scheint das Stück zunächst positiv auszugehen: Die Helden opfern sich und die gestörte

Weltordnung scheint wiederhergestellt.

Doch Mathilde von Zahnd, die einzige wahre Irre, hat sämtliche Aufzeichnungen Möbius′

bereits kopiert und will nun die Weltherrschaft an sich reißen:

FRL. DOKTOR [...] Mein Trust wird herrschen, die Länder, die Kontinente erobern, das

Sonnensystem ausbeuten, nach dem Andromedanebel fahren. Die Rechnung ist aufgegangen.

Nicht zu Gunsten der Welt, aber zu Gunsten einer alten, buckligen Jungfrau. (85)

Resigniert nehmen die Physiker ihre alten Masken als Verrückte wieder auf und bleiben im

Irrenhaus.

Formal ist festzuhalten, dass ,Die Physiker′ sich in zwei Akte gliedern. Dem Stück

nachgestellt sind die ,21 Punkte zu den Physikern′. Diese Punkte erweisen sich bei näherer

Betrachtung als Lesehilfen und zusätzliche Deutungsschlüssel des Stückes.

3. Entstehung des Werkes

Das Werk ,Die Physiker′, 1962 erschienen, fällt in eine Zeit in der Physik und Mathematik

als Leitwissenschaften galten. Außerdem fällt es in eine weltpolitische Lage, die einen

offenen Konflikt zwischen den Supermächten befürchten lässt:

4


,,Im Mai 1960 wird ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug bei Swerdlowsk von den Sowjets

abgeschossen: damit ist die Tatsache von Aufklärungsflügen der USA über sowjetischem

Gebiet offenbar; und die Sowjetunion sieht einmal mehr ihre Ansicht bestätigt, wonach der

Westen einen Angriff plant. Am 13. August 1961 wird in Berlin die Mauer gebaut, und der

damalige Regierende Bürgermeister fordert die USA schriftlich auf, die Mauer gewaltsam zu

beseitigen. Im November 1961 stürzt im mittleren Westen der USA ein amerikanischer

Atombomber ab, bei dem fünf der sechs Sicherungen versagen: eine Atomkatastrophe

erscheint täglich möglich."3

Die Erinnerung an Hiroshima und Nagasaki, wo die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg 1945

zum ersten mal Atomwaffen gegen Japan einsetzten, steckte noch in den Köpfen der

Menschen. Außerdem brachten die ,,späten fünfziger und beginnenden sechziger Jahre [...]

eine weitere Zuspitzung der Politik des ,Kalten Krieges′" 4, die Auseinandersetzung zwischen

dem Ostblock und den Westmächten, die eine globale Bedrohung durch

Massenvernichtungswaffen nicht als unwahrscheinlich erscheinen ließ. 1957 wenden sich 18

deutsche Atomwissenschaftler in der ,Göttinger Erklärung′ gegen die Verwendung der

Atomkraft zu militärischen Zwecken. ,,In dieser Erklärung wird der Bau taktischer und

strategischer Atomwaffen wegen der unabsehbaren Folgen verurteilt, die Wissenschaftler

setzen sich aber für die friedliche Verwendung der Atomenergie ein." 5 Diese Ereignisse

bilden hauptsächlich die zeitgeschichtlichen Einflüsse für das Werk.

Dürrenmatt selbst äußert sich in einem Gespräch über den Entstehungsprozess wie folgt:

,,Ich könnte sagen es gibt zwei Ebenen, auf denen sich die Entstehung eines Stückes abspielt.

Die erste Ebene, das ist eigentlich der Umgang mit der Physik, der Umgang mit Physikern, das

heißt: mein Interesse, das ich immer für Naturwissenschaft gehabt habe. Ich kenne sehr viele

Physiker. Ich kenne ziemlich ihre Probleme, auch die physikalischen Probleme. Ich diskutiere

sehr viel mit Physikern. Das ist, ich möchte fast sagen der Untergrund."6

Allgemein sieht Knapp in den fünfziger Jahren eine sichtbare Zunahme Dürrenmatts

weltpolitischen Engagements. ,,Die ,Theaterprobleme′ vermitteln erstmals eine

gesellschaftliche und ansatzweise politische Fundierung seiner Dramaturgie." Schon früher

entstanden im Auftrag von Walter Lesch, Leiter eines damaligen Züricher Kabaretts, drei

Sketsche und ein Chanson. Für Dürrenmatt waren es Gelegenheitsarbeiten, aber für diese

Betrachtung sind sie aufschlussreich in Bezug auf die Physiker. In einem der Sketsche (,Der

3 Knopf, Jan. Friedrich Dürrematt. Reihe: Autorenbücher 3. München: Beck. 1980. S. 101.

4 Knapp, Gerhard P. Friedrich Dürrenmatt ­ Die Physiker: Grundlage und Gedanken zum Verständnis des

Dramas. Frankfurt am Main: Diesterweg. 1985. S. 26.

5 Eisenbeis, Manfred. Lektürehilfen Friedrich Dürrenmatt ,Die Physiker′. Stuttgart u.a.: Klett-Verlag für Wissen

und Bildung. 2001. S. 103.

6 Eisenbeis. 2001. S. 104-105.

5



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