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Subtitle: Stück und Aufführungspraxis
Termpaper, 1998, 48 Pages
Author: Dr. Levin Röder
Subject: Theater Studies
Details
Year: 1998
Pages: 48
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-33526-8
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Abstract
In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurde die dramatische Form problematisch und führte, so Szondi in seiner Theorie des modernen Dramas, in eine Krise, die nur überwunden werden konnte, indem man die dramatische Form als historisch überholt – wie Prospero seinen Zaubermantel – abwarf und bewusst durchbrach. Der Dramatiker hatte sich neuen und immer schneller wirbelnden Realitäten künstlerischer und gesellschaftlicher Natur zu stellen, wobei Kunst und Gesellschaft zum Teil geradezu entgegengesetzte Pole bildeten. Anders bei Brecht. Während Piscator der Funktion des Menschen auf der Bühne eine vor allem gesellschaftliche Bedeutung zuschrieb (»Nicht sein Verhältnis zu sich, nicht sein Verhältnis zu Gott, sondern sein Verhältnis zur Gesellschaft steht im Mittelpunkt.«) und das Revue-Moment zum neuen Formprinzip erhob, ging es Brecht um die »Inthronisierung des wissenschaftlichen Prinzips.« Paradigmatisch dafür steht der Kaukasische Kreidekreis, den Brecht 1954 am Berliner Ensemble selbst inszenierte. Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei Komplexe. Der dramaturgischen Analyse im ersten Teil folgt im zweiten Abschnitt ein historischer Aufführungsvergleich.
Fulltext (computer-generated)
Levin D. Röder
Das Tal den Bewässerern Brechts Kreidekreis
Stück und Aufführungspraxis
Inhaltsverzeichnis
I. Brechts Kreidekreis________________________________________________________ 3
1. Grundlagen zum Verständnis __________________________________________________ 3
1.1. Der Stoff ________________________________________________________________________ 3
1.2. Formale Aspekte__________________________________________________________________ 5
1.2.1. Makrostruktur ________________________________________________________________ 5
1.2.2. Die Spiel-im-Spiel-Struktur _____________________________________________________ 6
1.2.3. Die Personen der Handlung _____________________________________________________ 7
1.2.4. Unterschiede in den Fassungen __________________________________________________ 9
1.3. Die Fabel ______________________________________________________________________ 10
1.3.1. Die Vorspiel-Handlung________________________________________________________ 10
1.3.2. Die Grusche-Handlung ________________________________________________________ 11
1.3.3. Die Azdak-Handlung _________________________________________________________ 11
1.3.4. Verknüpfung Grusche-/Azdak-Handlung__________________________________________ 12
1.3.5. Verhältnis Vorspiel-/Kreidekreis-Handlung________________________________________ 12
1.4. Theorie und Praxis _______________________________________________________________ 13
1.4.1. Explizite Theatertheorie im Vorspiel _____________________________________________ 14
1.4.2. Der Sänger _________________________________________________________________ 15
1.4.3. Theatralische Mittel der Verfremdung ____________________________________________ 16
1.4.4. Schwesternkünste ____________________________________________________________ 17
2. Das Vorspiel: Von der Nützlichkeit bei Brecht ___________________________________ 18
2.1. Der Streit um das Vorspiel _________________________________________________________ 18
2.2. Von Nutzen und Produktivität ______________________________________________________ 18
3. Problematisierung___________________________________________________________ 21
II. Drei Aufführungen - ein Vergleich _________________________________________ 23
1. Theoretische Vorüberlegungen ________________________________________________ 23
1.1. Drama vs. Theater _______________________________________________________________ 23
1.2. Interpretationsansätze und Bedeutungserzeugung _______________________________________ 25
1.2.1. Textliche Interpretation _______________________________________________________ 25
1.2.2. Szenische Interpretation _______________________________________________________ 25
2. Brecht (Berlin 1954) _________________________________________________________ 27
2.1. Die Vorbereitung der Aufführung ___________________________________________________ 27
2.2. Aufführung und Kritik ____________________________________________________________ 28
2.2.1. Die Ost-Kritik _______________________________________________________________ 29
2.2.2. Die West-Kritik _____________________________________________________________ 30
3. Buckwitz (Frankfurt/Main 1955) ______________________________________________ 32
3.1. Aufführung und Kritik ____________________________________________________________ 32
4. Zusammenfassung: Die Inszenierungen Brechts und Buckwitz` _____________________ 34
5. Exkurs: Natur vs. Vernunft ___________________________________________________ 36
6. Langhoff (Berlin 1998) _______________________________________________________ 37
6.1. Aufführung und Kritik ____________________________________________________________ 37
6.2. Brecht am Broadway einen Oscar für Langhoff, Spielberg ans D.T. _______________________ 41
Literaturnachweis__________________________________________________________ 45
2
I. Brechts Kreidekreis
1. Grundlagen zum Verständnis
In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurde die dramatische Form
problematisch und führte, so Szondi in seiner
Theorie des modernen Dramas
, in eine Krise,
die nur überwunden werden konnte, indem man die dramatische Form als historisch überholt
wie Prospero seinen Zaubermantel abwarf und bewusst durchbrach. Der Dramatiker hatte
sich neuen und immer schneller wirbelnden Realitäten künstlerischer und gesellschaftlicher
Natur zu stellen, wobei Kunst und Gesellschaft zum Teil geradezu entgegengesetzte Pole
bildeten. Anders bei Brecht. Während Piscator der Funktion des Menschen auf der Bühne
eine vor allem gesellschaftliche Bedeutung zuschrieb (»Nicht sein Verhältnis zu sich, nicht
sein Verhältnis zu Gott, sondern sein Verhältnis zur Gesellschaft steht im Mittelpunkt.«1) und
das Revue-Moment zum neuen Formprinzip erhob, ging es Brecht um die »Inthronisierung
des wissenschaftlichen Prinzips.«2
1.1. Der Stoff
Auf die Frage des
Sachverständigen
im Vorspiel des
kaukasischen Kreidekreises
, ob es sich
bei der bevorstehenden Aufführung um »eine der alten Sagen«3 handele, läßt Brecht den
Sänger antworten: »Eine sehr alte. Sie heißt ,,Der Kreidekreis" und stammt aus dem
Chinesischen. Wir tragen sie freilich in geänderter Form vor ...«4. Dieser kurze Dialog
impliziert sowohl eine Aussage über Brechts Arbeitsweise als auch eine Anspielung auf die
Herkunft des Stoffes.
Wie in zahlreichen seiner Stücke, verarbeitete Brecht im
kaukasischen Kreidekreis
einen
Stoff mit langer literarischer Tradition. Die Geschichte von der Mutterschaftsprobe mit dem
Kreidekreis geht auf Li Hsing-taos Singspiel aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts
zurück, das 1832 von S. Julien ins französische übertragen und 1876 erstmals auf deutsch
erschien (Wollheim). Diese Bearbeitung diente Klabund (d. i. Alfred Henschke, 1890-1928)
1 Peter Szondi: Theorie des modernen Dramas (1880-1950), Frankfurt/M. 1965, S. 111
2 ebd. S. 115
3 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis. In: Werke, Bd. VIII, Berlin und Frankfurt/M. 1988, S. 100
4 ebd. S. 100
3
als Vorlage zu einer Nachdichtung, die 1925 in Berlin (von M. Reinhardt im Deutschen
Theater) erfolgreich uraufgeführt wurde. Brecht war zu dieser Zeit (neben C. Zuckmayer)
Dramaturg an dieser Bühne.5 1926 erschien die erste deutsche Originalübersetzung Li Hsing-
taos Stück aus dem Chinesischen (A. Forke). Die hier erwähnten Quellen sind Brecht
zweifellos bekannt gewesen. Zudem dürfte Brecht die Schwertprobe Salomons aus dem Alten
Testament vorgeschwebt haben. Schon 1926 verwendet Brecht selbst Motive aus der
Kreidekreisgeschichte für das Zwischenspiel zu
Mann ist Mann
(
Das Elefantenkalb
). In einer
grotesken Szene versucht
Galy Gay
als Elefantenkalb zu beweisen, daß er der Sohn seiner
Mutter ist, indem er diese an einem um ihren Hals gelegten Strick aus dem Kreidekreis
herauszieht und damit ihre Strangulierung in Kauf nimmt.6 Hinweise auf die Richterfigur des
Azdak
finden sich auch in der gestrichenen dritten Szene einer frühen Fassung der
Mutter
Courage
. Hier heißt es: »Bestechlichkeit ist bei die Menschen dasselbe, wie wenn Gott im
Himmel barmherzig sein soll ... Bestechlichkeit ist unsere einzige Aussicht«.7 Brecht blieb in
den Jahren seines Exils (hier entstanden ja dann auch die ersten Fassungen des
kaukasischen
Kreidekreises
) nach 1933 weiterhin an diesem Stoff interessiert.
Anders als in den Übertragungen des Stückes aus dem Chinesischen und dessen
Bearbeitungen, benutzt Brecht die Kreidekreisprobe jedoch lediglich als Spielmoment für sein
Stück, das Zusammengehörigkeit/Besitz nicht nach biologischen oder tradierten juristischen
Gesichtspunkten beurteilt wissen will, sondern nach dem Maßstab der Produktivität beurteilt;
nämlich: »... daß da gehören soll, was da ist / Denen, die für es gut sind ...«8.
Dieser Idee folgte er schon in der 1940 verfaßten Erzählung
Der Augsburger Kreidekreis
,
dem ein fragmentarischer
Odenser Kreidekreis
voranging (1938/39). In beiden Werken sind
schon nahezu alle Handlungselemente des
kaukasischen Kreidekreises
vorhanden, während
der geschichtliche Hintergrund wechselt (Dänemark im Mittelalter Deutschland im
Dreißigjährigen Krieg Grusinien in alter Zeit). Aber erst 1944, mit dem Arbeitsbeginn am
kaukasischen Kreidekreis
, wurde von Brecht der Versuch unternommen, eine realistische
Grundlage für die neue Auslegung der Legende zu schaffen. Brecht verlegte die Handlung in
die Sowjetunion, in deren Gesellschaftsstruktur er die Voraussetzung für eine
Umfunktionierung der Fabel sah (daher muß eine Streichung des
Vorspiels
zweifellos zu
5 ebd. S. 450
6 ebd. S. 451
7 ebd. S. 451 f.
8 ebd. S. 185
4
einer Verflachung der inhaltlichen und formalen Tragweite des Stückes führen). Die Wahl des
Schauplatzes hatte zeitgeschichtliche Gründe. Wegen seiner Ölquellen und der strategisch
günstigen Lage am Kaspischen Meer war der Kaukasus im zweiten Weltkrieg zu einem der
Hauptangriffsziele der deutschen Truppen im Osten geworden. Im Verlauf des Krieges war
der Kaukasus das erste befreite Territorium in der Sowjetunion. Damit avancierte er zum
Inbegriff der Hoffnung auf eine rasche Befreiung vom Hitlerfaschismus.9 Das Vorspiel, das in
einem vom Krieg heimgesuchten, jedoch nunmehr grundsätzlich befriedeten Raum stattfindet,
zeigt, wie in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung Konflikte auf vernünftige Art und
Weise zum allgemeinen Nutzen gelöst werden können - und zwar als Regelfall (es sei
dahingestellt, inwiefern das mit der sozialistischen Realität in der SU übereinstimmte); anders
als in der Klassengesellschaft der übrigen Handlung, wo sich die Idee sozialer Vernunft nur
ausnahmsweise, beim Zusammentreffen glücklicher Zufälle, einstellt. Brecht zeigte mit
seinem
Streit um das Tal
eine Form des vernünftigen Handelns auf, die in der sozialistischen
Gesellschaftsordnung grundsätzlich möglich gewesen wäre und zur Regel hätte erhoben
werden können (wäre diese Form des Handelns realsozialistischer Alltag gewesen, hätte
Brecht das Stück wohl kaum geschrieben!), hätten nicht die diktatorischen
Führungsansprüche der sogenannten Arbeiterpartei die aufkeimenden Hoffnungen auf eine
»goldene Zeit beinahe der Gerechtigkeit«10 bald wieder zunichte gemacht.
1.2. Formale Aspekte
1.2.1. Makrostruktur
Das Stück umfaßt sechs Teile/Akte (bzw. ein Vorspiel und fünf Teile/Akte) die Brecht
jeweils mit einem den Inhalt benennenden Titel versehen hat (die z. T. an die christliche
Mythologie erinnern - z. B. »Das hohe Kind«). Sie teilen sich, wie folgt, auf die Fabel auf: 1.
Teil/ Vorspiel (
Der Streit um das Tal
), 2.-4. Teil Grusche-Handlung (
Das hohe Kind, Flucht
in die nördlichen Gebirge, In den nördlichen Gebirgen
), 5. Teil Azdak-
Handlung (Die
Geschichte des Richters
), 6. Teil Kreidekreisprobe (
Der Kreidekreis
), darüber hinaus gibt es
ein Nachspiel
ad libitum
. Die an filmische Schnittechniken gemahnenden
9 ebd. S. 452
5
Handlungssequenzen innerhalb der einzelnen Teile, sind nicht explizit voneinander getrennt
oder gar benannt; allerdings erfolgt bei dergleichen
Schnitten
in der Regel ein Kommentar des
Sängers
.
1.2.2. Die Spiel-im-Spiel-Struktur
»Genossen, es ist geplant, zu Ehren des Besuchs der Delegierten und des Sachverständigen
ein Theaterstück (...) aufzuführen. [...] Diesmal ist es ein Stück mit Gesängen, und fast der
ganze Kolchos spielt mit.«11
In dieser kurzen Passage aus dem Vorspiel wird schon deutlich, wie sehr es Brecht darauf
ankommt, das fiktive Geschehen um die doppelte Fiktionalität des Spiels im Spiel zu
verdeutlichen. Noch deutlicher wird dies zum einen dadurch, daß Sänger und Musiker sich
permanent auf der Bühne befinden und der Theaterzuschauer somit zum Zuschauer der
Zuschauer (und des Spiels im inneren Kommunikationssystem) wird, zum anderen, daß die
Figuren des Spiels mit denen des Spiels im Spiel identisch sind. »Durch die Einbettung einer
zweiten Fiktionsebene wird im inneren Kommunikationssystem die Aufführungssituation des
äußeren Kommunikationssystems wiederholt. Dem realen Publikum im Zuschauerraum
entspricht ein fiktives auf der Bühne, der realen Bühne entspricht eine fiktive auf der Bühne,
den realen Produktionsfunktionen (Autor, Schauspieler, Regisseur) entsprechen fiktive
Autoren, Schauspieler, Regisseure. Dieser Prozeß der Einbettung einer sekundären
Fiktionsebene in eine primäre kann prinzipiell
ad infinitum
wiederholt werden, indem in die
sekundäre Fiktionsebene eine tertiäre eingelagert wird etc.«12 Eben dies geschieht, wenn
Azdak im fünften Teil (
Die Geschichte des Richters
) zusammen mit Schauwa ein Lied
vorträgt (»Warum bluten unsere Söhne nicht mehr ...«13) oder, um den Neffen des
fetten
Fürsten
zu prüfen, den Großfürsten spielt, wobei es zu besonderer Komik kommt, wenn der
fette Fürst
aufgrund seiner teilweisen Unfähigkeit zur Imagination
aus der Rolle fällt
: ein
klassischer V-Effekt
, den nicht Brecht erfunden hat. Eine ähnliche Spiel-im-Spiel-im-Spiel-
10 ebd. S. 185
11 ebd. S. 99 f.
12 Manfred Pfister: Das Drama, München 1977, S. 299
13 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 155
6
Situation entsteht, wenn die Kinder im vierten
Teil (In den nördlichen Gebirgen
) das »Kopf-
ab-Spiel«14 spielen.
Ein zusätzliches, von Brecht ebenfalls bewußt
sichtbar
(
Die Fabel muß sichtbar sein!
)
eingesetztes dramaturgisches Element, ist das
cut-back
zu Beginn des fünften Teiles, denn die
zeitliche Kontinuität der Grusche-Handlung wird hier vom
Sänger
explizit auf »jenen
Ostersonntag des großen Aufstandes, als der Großfürst gestürzt wurde ...«15 zurückgeschraubt
(d. i. um fiktive zwei Jahre).
Ein weiteres wirksames (zudem äußerst witziges) Mittel der Illusionsdurchbrechung ist die
unvermittelte Überschreitung der Grenzen zwischen den verschiedenen fiktiven Ebenen des
inneren Kommunikationssystems: In der
Hochzeits- und
Auferstehungsszene (In den
nördlichen Gebirgen
) wechseln die Musiker von der Spiel-Ebene in eine Spiel-im-Spiel-im-
Spiel-Ebene hinüber, indem sie nun als (Musik-)Spieler auf der Spiel-im-Spiel-Ebene
fungieren.
1.2.3. Die Personen der Handlung
Das Personenverzeichnis ist außerordentlich lang. Da nicht alle
dramatis personae
mit
Namen angeführt werden, dürfte sich die Zahl der Darsteller auf etwa 150 belaufen. Bei den
mannigfaltigen Inszenierungen des Stückes löste man das Darstellerproblem dahingehend,
daß man Doppel-, bzw. Dreifachbesetzungen vornahm. So reduzierte sich die Zahl der
Schauspieler in Brechts Inszenierung am Berliner Ensemble 1954 beispielsweise auf etwa
fünfzig. Dies bietet sich vor allem deshalb an, weil die drei Fabelteile (Der Streit um das Tal,
Grusche-Handlung, Azdak-Handlung) nicht parallel, sondern weitestgehend getrennt
verlaufen. Zudem betont die Übernahme von Rollen der Kreidekreis-Fabel durch die Figuren
des Vorspiels den Spiel-im-Spiel-Charakter des Stückes. Brecht bediente sich (in seiner
eigenen Inszenierung) zur Sichtbarmachung dieses Umstandes für die Darstellung einiger
Figuren Masken.
14 ebd. S. 146
15 ebd. S. 150
7
1.2.3.1. Grusche
Gemäß seiner im
kleinen Organon für das Theater
(1948) aufgestellten Theorie des epischen
Theaters, hebt Brecht in der Gestaltung der Grusche-Figur die Prozesshaftigkeit ihres
Handelns hervor. Handlung ist gleichbedeutend mit Veränderung, Veränderung ist zugleich
Produktivität. Hier treffen sich inhaltliche und formale Aspekte des Stückes zu einer
Symbiose: Produktivität ist ein großes Thema des Stückes. Der Charakter einer Figur
determiniert nicht die Handlung. Im Gegenteil - er entsteht aus ihr.
Grusche entwickelt sich von der Stufe naiver instinktiver Gutmütigkeit zur Stufe einer
selbstbewußten Frau, die am Schluß des Stückes vor Gericht mit Überzeugung argumentiert,
sie sei die bessere Mutter für das Kind (wobei nicht zu leugnen ist, daß sie sich einiges an
Naivität erhalten hat!). Zu Beginn des Stückes handelt Grusche nicht aus Einsicht oder
bewußter Menschlichkeit, sondern wird von ihren mütterlichen Instinkten zur Guttat verführt.
Als sie dann - wenige Szenen später - das Kind am Gebirgsbach tauft, tut sie das nicht mehr
aus instinktivem Verhalten, sondern in Kenntnis ihrer Lage und mit einem neuen Gefühl
sozialer Verantwortung, das sie sich in den vorhergehenden Situationen erst einmal erwerben
mußte. Nur als der Verlobte aus der Schlacht heimkehrt, verliert sie einen Moment lang die
Sicherheit; aber nur, um sich danach umso ausdrücklicher
für
das Kind (und damit
gegen
den
Bräutigam) zu entscheiden.
1.2.3.2. Azdak
Die Zeit der Kreidekreis-Handlung wird mit den Worten »In alter Zeit, in blutiger Zeit ...«16
eingeführt. In dieser unbequemen geschichtlichen Konkretisierung der herkömmlichen
mythischen Verklärung der Vergangenheit im Märchen (»Es war einmal vor langer, langer
Zeit ...«) finden wir den Richter Azdak. Und so ist es nicht eine mythologische
Vorzeitharmonie in die der Rezipient taucht, sondern eine konkrete geschichtliche Situation
mit all ihren Widersprüchen und Eigenheiten. Es ist die kurze Zeit der Anarchie zwischen
zwei (gleichen) Ordnungen, eine Zeit der Unordnung und des Chaos. Das Chaos ist die
revolutionäre Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse.
Azdak ist kein Held. »Er ist der verrottete Bestandteil einer verrotteten Zeit«.17 Und somit
entlarven seine Rechtsbrüche nicht etwa ihn, sondern das (weiter-)bestehende Recht - als
16 ebd. S. 101
17 Peter Badura: Die Gerechtigkeit des Azdak. In: Text und Kritik (Sonderband). München 1972, S. 103
8
Ungerechtigkeit. Gerade weil er kein Rechtsgelehrter ist, sondern seinem Instinkt folgt (also
auch er!), tut er Gutes.
1.2.4. Unterschiede in den Fassungen
Ich möchte hier nur ausschnitthaft die bedeutendsten Veränderungen an den Stückfassungen
benennen, die zu unterschiedlichen Bedeutungserzeugungen geführt haben.
Die gravierendsten Umarbeitungen in den verschiedenen Fassungen mit Auswirkungen auf
den Inhalt des Stückes erfolgen schon in der Überarbeitungen 1944. Während in der ersten
Fassung 1944 die Kreidekreis-Handlung noch die Entscheidung im
Streit um das Tal
herbeiführen soll, ist die Übereinkunft der Delegierten der beiden Kolchose in allen späteren
Fassungen schon vor der Aufführung des Spieles im Spiel getroffen. In der ersten
Niederschrift findet sich die Handlung des Vorspiels auf den 7. Juni 1934 fixiert (also vor
dem Krieg!). Was in der ersten Fassung 1944 noch als eine Entscheidungsinstanz - wenn
nicht gar Beeinflussung - angelegt ist, gewinnt in den späteren Fassungen einen grundsätzlich
anderen Charakter. Zum einen geht die Entscheidung zur Nützlichkeit allein aus einem
vernünftigen (Streit-)Gespräch hervor, zum anderen gewinnt das Spiel vom Kreidekreis an
Eigenständigkeit und somit auch an programmatischem Unterhaltungswert (vgl. §1 des
Kleinen Organon
) schon im inneren Kommunikationssystems.
Brecht benennt das
Vorspiel
in der letzten Fassung (1954) in
Der Streit um das Tal
um, um
ihm damit endgültig den (mißverstandenen) Ad-libitum-Charakter zu nehmen. Damit wird die
lange Auseinandersetzung über Bedeutung und Stellenwert des bisherigen Vorspiels aber
durchaus nicht abgeschlossen.
Ende August 1944 entwirft Brecht neben der neuen Fassung des Vorspiels auch ein Nachspiel
ad libitum
, das zusammen mit dem Vorspiel eine Art Rahmenhandlung bildet.
Eine weitere wesentliche Veränderung Brechts gegenüber der ersten Fassung zeigt die
Grusche-Figur auf, die, wie Feuchtwanger nach der ersten Niederschrift einwendete, »zu
heilig«18 gewesen sei. Denn »sie sollte störrisch sein statt aufsässig, willig statt gut,
18 Werner Hecht (Hrsg.): Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis", Frankfurt/M. 1966, S.33
9
ausdauernd statt unbestechlich ...«, sie sollte »einfältig sein«, »den Stempel der
Zurückgebliebenheit ihrer Klasse« tragen.19 Sie kommt zu dem Kind nicht aus Güte, sondern
aus Dummheit. Als Urbild zur Konzeption der Grusche-Figur schwebte ihm dabei
die Tolle
Grete
Breughels vor.
In der ersten Fassung 1944 findet sich die Karawanserei-Szene, die Brecht in der Abschrift
eliminiert, dann jedoch 1954 wieder in das Stück mit aufnimmt. Hier macht Brecht eine
Parallele zur der Szene auf, in der Azdak
versehentlich
den Großfürst versteckt
(Handzeigung).
Des Weiteren vertauscht Brecht die Namen der beiden Kolchose, da H. Eisler der Meinung
war, daß ein Ziegenzuchtkolchos
Rosa Luxemburg
eine Blasphemie an der Sozialistin
darstellen und unter den Berliner Arbeitern eine Lachnummer werden würde. Um so
merkwürdiger erscheint es, daß Brecht diesen offensichtlich nicht intendierten V-Effekt dem
Stück nicht als solchen beließ.
1.3. Die Fabel
Wie bereits erwähnt, ist die Fabel des
kaukasischen Kreidekreises
dreigeteilt. Dem
modellhaften Kolchosenstreit der unmittelbaren Nachkriegszeit im Kaukasus stehen die
beiden Handlungsstränge einer Sage aus der alten Zeit gegenüber, die von dem Sänger Arkadi
Tscheidse und seinen Musikern vorgetragen und unter Mitwirkung der Delegierten gespielt
werden.
1.3.1. Die Vorspiel-Handlung
Im Vorspiel streiten sich die Delegierten des Ziegenzuchtkolchoses
Galinsk
, der im Krieg vor
den faschistischen Truppen weiter nach Osten geflohen ist, und des Obstbaukolchoses Rosa
Luxemburg, der das Land im Guerillakampf gegen die Angreifer verteidigt hat, um ein Tal,
das zuvor dem Ziegenzuchtkolchos gehört hat, nun jedoch vom Obstbaukolchos als
zusätzliches Anbaugebiet beansprucht wird. Die Parteien einigen sich in einer musterhaften
19 ebd. S. 32
10
Diskussion gütlich darauf, daß »das Tal den Bewässern« zugesprochen wird, »damit es Frucht
bringt«.20 Zur allgemeinen Erbauung wird nach dem kräftezehrenden Streitgespräch ein
Theaterstück unter Mitwirkung des Sängers Arkadi Tscheidse aufgeführt, daß mit der Frage
zu tun hat
.21
1.3.2. Die Grusche-Handlung
An einem Ostersonntag in alter, blutiger Zeit werden nach dem Sturz des Großfürsten alle
Gouverneure Grusiniens hingerichtet, darunter Georgi Abaschwili. Seine verwöhnte Frau
Natella kann mit ihren Kleidern und dem Geliebten (der Adjudant des Gouverneurs, Shalva)
entfliehen, läßt aber in der Hast der Flucht ihr Kind zurück, das bald darauf von den Häschern
der neuen Machthaber gesucht wird (vgl. NT:
Herodes
, der befielt alle Kinder im Alter
zwischen 2-4 Jahren, der angeblichen Gefährdung des Thrones wegen zu töten). Während alle
anderen Bediensteten der Gefahr gewahr werden, nimmt sich Grusche, die
eine gute Seele
,
aber
nicht gerade die Hellste
ist, des Kindes an. Durch viele Gefahren und unter zahlreichen
(z. T. lebensgefährlichen = beinahe selbstmörderischen) Opfern bringt Grusche das Kind in
Sicherheit, wobei sie es liebgewinnt wie ihr eigenes, und nimmt es schließlich »an Kindes
Statt«22 an. Obwohl sie dem Soldaten Simon verlobt ist, heiratet sie, um ein Papier des Kindes
wegen zu haben, einen todkranken Bauern, der sich jedoch mit Ende des Krieges als durchaus
verwendungsfähig erweist. Simon, der hinzukommt, als Grusche vor den wieder neuen
Verfolgern das Kind als das Ihrige ausgibt, verläßt sie enttäuscht. Wieder haben sich die
Machtverhältnisse geändert. Die zurückgekehrte Gouverneursfrau läßt das Kind des
ungeheuren Erbes wegen suchen. Zwei Jahre sind seit jenem denkwürdigen Ostersonntag
vergangen. Hier unterbricht Brecht die Handlung und setzt von neuem an jenem Ostersonntag
des blutigen Putsches ein ...
1.3.3. Die Azdak-Handlung
Erzählt wird die gleiche Zeitspanne, die gleichen Ereignisse noch einmal aus anderer
Perspektive. Aus der nämlich des Trinkers und Dorfschreibers Azdak, der - enttäuschter
20 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 185
21 ebd. S. 99
22 ebd. S. 129
11
Revolutionär - nur um ein Haar der Schlinge entgeht und sich statt dessen auf dem Richtstuhl
wiederfindet, um in den Wirren des Bürgerkriegs statt Recht Gerechtigkeit zusprechen. Unter
diesem Aspekt wird Azdaks Berufung zu einer Laune der Geschichte.
1.3.4. Verknüpfung Grusche-/Azdak-Handlung
Im sechsten Teil verknüpft Brecht die beiden Handlungsstränge der Grusche- und der Azdak-
Handlung. Grusche und die Gouverneuersfrau erscheinen vor Azdak. Jede der beiden Frauen
beansprucht das Kind für sich. Der Azdak
entscheidet
den Fall mit Hilfe eines Kreidekreises,
in den das Kind gestellt wird. »Die
richtige
Mutter wird die Kraft haben, das Kind aus dem
Kreis zu sich zu ziehen.«23 Grusche läßt los, weil sie das Kind nicht zerreißen will. Daraus
leitet Azdak den Anspruch Grusches auf das Kind her; sie ist die
wahre
Mutter des Kindes,
die wirklich Mütterliche. Er spricht ihr das Kind zu, verjagt die Gouverneursfrau, vollzieht
fälschlicherweise noch die Scheidung zwischen Grusche und ihrem Mann und verschwindet
für immer - nach einer »kurzen goldenen Zeit beinah der Gerechtigkeit«.24
»Der gute schlechte Richter«25, will
keinem den Helden machen
.26
1.3.5. Verhältnis Vorspiel-/Kreidekreis-Handlung
Die Möglichkeit von Gerechtigkeit in einer ungerechten Gesellschaft, dargestellt in der
Azdak-Handlung und die Entscheidung zur (instinktiven) Menschlichkeit in einer
unmenschlichen Zeit, dargestellt in der Grusche-Handlung finden in der
Rahmenhandlung
des
Vorspiels ihren positiven synthetischen Gegenpol. Als wichtigstes Kriterium der
Gerechtigkeit erscheint hier der soziale Nutzen.
Die goldene Zeit
als Ausnahme im
Niemandsland zwischen zwei Herrschaftsformen (die ein und dieselbe sind!) in der
Kreidekreis-Handlung, wird zur Regel in der Vorspiel-Handlung.
Die Figuren der Vorspiel-Handlung zeichnen sich gegenüber denjenigen der Kreidekreis-
Handlung durch ihr historisches Bewußtsein aus.
In der ersten Fassung 1944 erfolgt die Lösung des Talkonfliktes anhand der
Theateraufführung, die Brecht aber schon mit der zweiten Fassung von dieser Funktion
23 ebd. S. 183
24 ebd. S. 185
25 ebd. S. 166
12
entbindet. Die Lösung ist bereits erfolgt. Somit besitzt die Kreidekreis-Fabel keine Funktion
für die Handlung der Fabel des Vorspiels.
Bezüge der beiden voneinander getrennten Handlungen werden auch im 1944 verfaßten
Nachspiel
ad libitum
sichtbar. Dort versichert die Agronomin des Obstbaukolchoses, der das
Tal zu bewässern gedenkt, dem mißtrauischen Alten: »Du wirst einen Garten sehen.«, worauf
dieser antwortet: »Gnade euch Gott, wenn es nicht ein Garten ist.«27 Diese Äußerung knüpft
unmittelbar an die vorhergehende Kreidekreis-Handlung an, in der Azdak den Garten des
Gouverneurs enteignet und »Garten des Azdak«28 tauft, womit ein irdischer Bezug zum
paradiesischen
Garten Eden
geschaffen wird. Des Weiteren beschwert sich eine Bäuerin vom
enteigneten Ziegenzuchtkolchoses, daß der Sänger sie
mit Leuten wie der Natella Abaschwili
vergleicht, weil sie nicht ohne weiters ihr Tal hergeben wollen
.29 Hier wird ganz deutlich, daß
in der (fiktiven) sozialistischen Gesellschaftsordnung ganz andere Voraussetzungen zu
territorialen Konfliktlösungen geschaffen sind. Nicht Kriege lösen solcherart Konflikte,
sondern heitere, vergnügliche Diskussionen, die auch noch Zeit für vergnügliche
Theateraufführungen lassen. Daß die Realität sowjetischer Kolonisationspraktiken anders
aussah, war auch Brecht hinlänglich bekannt.
1.4. Theorie und Praxis
Trotzdem
Der kaukasische Kreidekreis
(gerade wegen seines Vorspiels) von Kritikern immer
wieder als sozialistisches Propagandastück angegriffen worden ist, ist Brechts didaktische
Verfahrensweise von lehrhafter Aufdringlichkeit weitestgehend frei. Im Sinne seiner
theoretischen Schriften (vgl.
Kleines Organon für das Theater
) stellt er die
unterhaltende
, auf
das
Vergnügen
des Zuschauers gerichtete Intention seines Theaters, wie sie sich in der
märchenhaft-poetischen Durchführung der Kreidekreis-Fabel und der volkstümlichen
Spielfreude der Azdak-Szenen darstellt, in den Mittelpunkt.
Sowohl explizit als auch implizit kann
Der kaukasische Kreidekreis
als ein Musterbeispiel
Brechts epischer Theaterkunst gelten.
26 ebd. S. 184
27 ebd. S. 191
28 ebd. S. 184
29 ebd. S. 190 f.
13
»Das Stück ist im elften Jahr des Exils in Amerika geschrieben, und es dankt manches in
seiner Konstruktion dem Abscheu vor der kommerzialisierten Dramatik des Broadway ...«30,
schreibt Brecht, der die »Schere ,,Auftrag" und ,,Kunst"«31 als störend empfand (ursprünglich
war das Stück als durch die Schauspielerin Grete Rainer vermitteltes Auftragswerk für den
Broadway gedacht). Dennoch verwendete er für den Aufbau der Spannung Elemente des
(allerdings älteren) amerikanischen Theaters, wie Burleske und Show, die er vor allem in der
Kunst des von ihm verehrten C. S. Chaplins fand. Dabei favorisierte er nicht den Blick auf
das »Was« der Spannung, sondern auf das »Wie«.
In der Darstellung der Figuren legt er besonderen Wert auf den
sozialen Gestus
, der ihren
Handlungen zugrunde liegt und betont die innere Widersprüchlichkeit der Figuren.
1.4.1. Explizite Theatertheorie im Vorspiel
In §2 des
Kleinen Organons für das Theater
bezeichnet Brecht das Vergnügen als »die
nobelste Funktion«32 des Theaters. Vergnügung allerdings bedeutet bei Brecht niemals
Vergnügung um ihrer selbst Willen, sondern hat immer einen gesellschaftlichen Nutzen.
»Kunst, die keinen Nutzen bringt, ist keine Kunst.«33 Diese Funktion des Theaters wird bei
Brecht auf der fiktionalen Ebene des Vorspiels betont, indem er die Rolle der Kunst in der
neuen Welt des Sozialismus schon einmal praktisch durchspielen läßt. Nicht allein Profis
gehören auf die Bühnen, sondern alle mischen mit.
Der Sänger Arkadi Tscheidse kommt mit zwei zurechtgemachten (»wir tragen [die
Geschichten] freilich in veränderter Form vor«34) Fabeln in die Kolchose. Der
Vortrag
findet
nicht im Theater, sondern - nach dem Essen - auf dem Platz »im Schatten der
Sowjettraktoren«35 statt. Die Masken des Spiels werden vorher schon einmal herumgezeigt.
An ein Illusionstheater ist hier also gar nicht zu denken. Das Theater fungiert als eine
gesellschaftspolitische Einrichtung nützlicher Unterhaltung.
Auch in anderen Teilen des Stückes kommt es zu expliziten Äußerungen, die im
Zusammenhang mit Brechts Theorie vom epischen/dialektischen Theater stehen. So erteilt
30 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 17
31 ebd. S. 31
32 Bertolt Brecht: Kleines Organon für das Theater. In: Gesammelte Werke, Bd. 16, Frankfurt/M. 1967, S. 663
33 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 86
34 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 100
35 ebendaselbst
14
Azdak im Song »Warum bluten unsere Söhne nicht mehr...«36 den Soldaten (und somit dem
Publikum des inneren sowie des äußeren Kommunikationssystems) eine Lektion in
angewandter Dialektik.
1.4.2. Der Sänger
»Die fünf Musiker sitzen mit dem Sänger auf der Bühne und spielen mit. [...] Dem Vortrag
[des Sängers] ist anzumerken, daß er der Hundertste ist.«37
Der Sänger ist neben seiner Rolle im primären inneren Kommunikationssystem zugleich
Chorleiter, Erzähler und Regisseur. Seine epische Allwissenheit erinnert an die
Polyfunktionalität des griechischen Chores des Aischylos: Er kommentiert, erklärt, warnt,
erzählt. Er ist es, der die Ereignisse der Kreidekreis-Fabel aus der Vergangenheit holt und
bebildert. Durch seine ständige Bühnenpräsenz betont er den Spielcharakter des Szenischen.
Die Szenen sind lediglich »Verkörperungen der Hauptvorgänge in seiner Erzählung«.38 Er
übernimmt dabei verfremdungstechnisch die Funktion der projizierten Titel. »Sein Bericht
von der Vergangenheit ordnet das Geschehen in seine historischen und gesellschaftlichen
Dimensionen ein und synchronisiert den historisch-gesellschaftlichen Hintergrund mit dem
Geschehen.«39
Zudem leuchtet der Sänger die Innenwelt der Figuren aus. Nie äußern sich die Figuren selbst
über die Gefühle, die sie bewegen. Nie spricht Grusche von Stimmungen, die sie erfüllen.
»Sie handelt nur.«40 Im letzten Teil (
Der Kreidekreis
) stimmt der Sänger das Lied »Ginge es
in goldenen Schuhn ...«41 an, während Grusche und Azdak schweigen. In diesem Schweigen
eint das Lied Richter und Magd. Es drückt das aus, was die beiden zu denken scheinen.
Überhaupt werden dramaturgisch durchaus wichtige Vorgänge sprachlich allein episch (hier
durch den Sänger) vermittelt. So z. B. auch die Aneignung des Kindes durch Grusche. Hier
wird eine explizite figürliche Trennung verschiedener Darstellungsebenen vorgenommen:
während der Sänger die Informationen sprachlich vermittelt, bebildert Grusche die
36 ebd. S. 155
37 ebd. S. 461
38 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 33
39 Helmut Jendreik: Bertolt Brecht. Drama der Veränderung, Düsseldorf 1969, S. 303
40 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 142
41 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 182
15
sprachliche Situation optisch. Sprache und stummes Spiel korrespondieren miteinander und
erzeugen somit (durch gegenseitige Interpretation ihrer selbst) neue Bedeutungseinheiten.
Der Erzähler ist also mit den Personen und der Handlung des Stückes vertraut (bevor er mit
dem Vortrag beginnt, »blättert [er] in einem abgegriffenen Textbüchlein mit Zetteln«42), weiß
von vornherein um Fort- und Ausgang der Ereignisse. »Er herrscht souverän über Zeit und
Raum des Stückes.«43
Wie schon verschiedene andere bereits erwähnte formale Elemente des Stückes, erinnert auch
die Figur des Erzählers an eine dem Film entliehene Technik. Der Erzähler erklärt die
Situation, die dem fiktionalen(!) Zuschauer schon optisch mitgeteilt wird. Das Publikum hört
der Beschreibung zu und sieht gleichzeitig das pantomimisch ausgeführte Spiel.
Die Stimme des Erzählers kommt - im Unterschied zum Stück - im Film aus dem
off
. Sie
kann überall sein und ist deshalb nirgends als in unserem Kopf. Ohnehin ist die
zweidimensionale Dynamik der Fernseh-/Leinwandbilder der heutigen menschlichen
Wahrnehmungswelt wesentlich eingängiger als die behäbige Statik des theatralischen
Bühnengeschehens. So gesehen ist die Technik des epischen Erzählens durch einen
permanent bühnenpräsenten (und somit sichtbaren!) Sänger ein zusätzliches Mittel der
Illusionsdurchbrechung.
1.4.3. Theatralische Mittel der Verfremdung
Das offensichtlichste und mit Sicherheit in seiner Tragweite bedeutendste Mittel der
Verfremdung ist schon in die brechtsche Textvorlage eingeschrieben: die Fabel. Die Fabel als
zurechtgemachte
Geschichte, formal wie inhaltlich. Die kurzen (filmähnlichen) Handlungs-
Sequenzen zeugen ebenso davon wie Song-Einlagen, Zeitsprünge, Raffungen, usw. usf.
In der theatralischen Umsetzung des literarischen Textes ergeben sich jedoch darüber hinaus
vielfältige andere Elemente des Verfremdens. Das sind vor allem die von Brecht für den
Schauspieler geforderten Verfremdungstechniken (vgl.
Neue Technik der Schauspielkunst
,
Straßenszene
aus dem
Messingkauf
,
Kleines Organon für das Theater
), insbesondere der
Gestus des Zeigens
, der die Einfühlung des Publikums verhindern soll.
42 ebd. S. 101
43 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 139
16
Eine besondere Form der Verfremdung stellt die (von Brecht genutzte) Verwendung von
Masken dar, die Brecht als »ein Mittel mehr« erschien, »der Dramaturgie zu einiger
Auffälligkeit zu verhelfen«44 und somit die Art und Weise der Fabelerzählung zu
unterstützen.
1.4.4. Schwesternkünste
»Die Auslegung der Fabel und ihre Vermittlung durch geeignete Verfremdung ist das
Hauptgeschäft des Theaters. Und nicht alles muß der Schauspieler machen, wenn auch nichts
ohne Beziehung auf ihn gemacht werden darf. Die
Fabel
wird ausgelegt, hervorgebracht und
ausgestellt vom Theater in seiner Gänze, von den Schauspielern, Bühnenbildnern,
Maskenmachern, Kostümschneidern, Musikern und Choreographen. Sie alle
vereinigen
ihre
Künste zu dem gemeinsamen Unternehmen, wobei sie ihre
Selbständigkeit
freilich nicht
aufgeben.«45 In §70 des
Kleinen Organon für das Theater
betont Brecht die Plurimedialität
des Großunternehmens Theater, das allerdings (im Gegensatz zu Konzeptionen des
Gesamtkunstwerkes) in seiner Synthese die Selbständigkeit der Einzelkünste
(
Schwesternküste
) bewahrt. Allerdings komme es in der neuen sozialistischen
Gesellschaftsordnung zu einer »Annäherung der Künste unter sich.«46 »Es handelt sich dabei
nicht darum, daß das Drama sich der Musik bedienen soll oder die Oper des Textes, oder daß
Drama und Oper durch ein besseres Bühnenbild gewinnen sollen. Sondern in ein und
derselben Aufführung soll es drei Behandlungen des Themas geben, durch die Dichtung,
durch die Musik, durch das Bild. So entsteht ein Kollektiv selbständiger Künste.«47
44 ebd. S. 102
45 Bertolt Brecht: Kleines Organon für das Theater, a.a.O.; S. 696 f.
46 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 158
47 ebendaselbst
17
2. Das Vorspiel: Von der Nützlichkeit bei Brecht
2.1. Der Streit um das Vorspiel
»Nach meinem Urteil«, schreibt Peter Suhrkamp an Brecht, »sollte das Vorspiel einfach
wegbleiben.«48 Dieser Auffassung sind auch zahlreiche (vor allem westdeutsche Kritiker), die
in dem Vorspiel nichts anderes als eine »höchst primitive sowjetische Propaganda«49 sehen.
Brecht antwortet Suhrkamp: »Die Fragestellung des parabelhaften Stücks« muß ja aus der
Notwendigkeit der Wirklichkeit hergeleitet werden. [...] Ohne das Vorspiel ist weder
ersichtlich, warum das Stück nicht der chinesische Kreidekreis geblieben ist (mit der alten
Richterentscheidung), noch, warum es der ,,kaukasische" heißt. Bei der Dramatisierung fehlte
mir eben ein historischer und erklärender Hintergrund.«50 Selbst aus dem sozialistischen
Lager schlug eine Welle des Unverständnisses über Brechts Kopf zusammen. Hier mit der
Begründung, das Vorspiel entspräche nicht der sowjetischen Wirklichkeit der Rechtsprechung
und diskreditiere sie damit. Jedoch dürfte das Vorspiel für Brecht kaum den Stellenwert
sozialistischer Realität eingenommen haben (sonst hätte er das Stück wohl möglich nicht zu
schreiben brauchen), sondern stellte die Fiktion einer »Goldenen Zeit beinah der
Gerechtigkeit«51 in Aussicht.
Für die Fassung 1954 benannte Brecht das
Vorspiel
kurzerhand in
Der Streit um das Tal
um
und setzt somit einen Schlußpunkt hinter den Streit der Dazugehörigkeit des Vorspiels zum
Stück.
2.2. Von Nutzen und Produktivität
Die Haltung der »Kinder eines wissenschaftlichen Zeitalters« zum Theater sollte, so Brecht,
»eine kritische«52 sein. Die Metaphorik vom Flußbauer und Bewässerer im
Kleinen Organon
für das Theater
ist verdächtig deckungsgleich mit der im Kreidekreis, wo es heißt: »... Und
das Tal den Bewässerern, damit es Frucht bringt.«53
Dieselbe Metaphorik findet sich in seinem Gedicht
Über die kritische Haltung
:
48 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 464
49 Willy Haas: Bert Brecht, Berlin 1968
50 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 28
51 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 185
52 Bertolt Brecht: Kleines Organon für das Theater, a.a.O.; S. 671
18
»Die Regulierung eines Flusses
Die Veredlung eines Obstbaumes
Die Erziehung eines Menschen
Der Umbau eines Staates
Das sind Beispiele fruchtbarer Kritik.
Und es sind auch
Beispiele von Kunst.«54
Ebenso wie im
Kleinen Organon für das Theater
ist hier die Rolle der Kunst in einer neuen,
sozialistischen (Traum-)Welt eindeutig dargelegt. Es geht um Nützlichkeit (»Kunst, die
keinen Nutzen bringt, ist keine Kunst«55), um Produktivität. Das auch die Unterhaltsam sein
kann/muß, zeigt Brecht in seinen Stücken.
Das Vorspiel verfolgt rein dramaturgische, verfremdungstechnisch-dialektische Ziele. Es
dient der Skizzierung der im Stück zur Diskussion drängenden antithetischen Positionen von
Altem und Neuem, Gewohntem und Ungewohntem, individualistischer und sozialer Regelung
von Rechtsansprüchen. Es dient als Folie, die der »Praktikabilität dieser Weisheit [gemeint ist
die Kreidekreisprobe] sowie ihrer Entstehung einen historischen Platz anweist.«56 Die Frage
ist die nach dem sozialen Nutzen (es wird ja eben gezeigt, daß im Streit um das Tal die
soziale Vernunft die Rechtsfindung bestimmt) - die prinzipielle dialektische Frage nach der
gesellschaftlichen Nützlichkeit richtet sich auch gegen das Gesetz im Allgemeinen und zeigt
es in seiner funktionalen Bindung an die Gesellschaft als durchaus veränderungsbedürftig
hinsichtlich seiner sozialen Leistungsfähigkeit. Was in der Azdak-Handlung als legendär-
utopische Ausnahme erscheint, wird in der Welt des Vorspiels zur allgemeinen Norm des
Denkens und Handelns erhoben. Das isolierte Auftreten Azdaks könnte nicht zu
revolutionären Einsichten führen und die damit verbundenen Aktivitäten wecken. Ohne das
Vorspiel wäre die Geschichte vom Kreidekreis nichts anderes als eine mit mancherlei
sozialen Nettigkeiten aufgefüllte Legende von einer wahrhaft »kurzen / Goldenen Zeit beinah
53 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 185
54 Bertold Brecht: Gesammelte Werke, Bd. 9, Frankfurt/M. 1967
55 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 86
56 ebd. S. 18
19
der Gerechtigkeit.«57 Gegenstand des Stückes aber ist »das Verhältnis von Utopie und
Geschichte.«58
Die Frage im Stück ist nicht die, »welcher Mutter das Kind zugesprochen wird, sondern:
welche von den beiden Frauen ist die bessere Mutter
für das Kind
?«59 Parallel dazu wird im
Vorspiel die Eigentumsfrage nach Grundsätzen der Vernunft entschieden: »Wer ist der
nützlichste Verwalter [für das Tal]?«60 Eine alte Weisheit wird in Erinnerung gebracht, um zu
zeigen, daß sie im »Schatten der Sowjettraktoren«61 um so besser klingt und vor dem
Hintergrund einer neuen Gesellschaft sich als neue Art der Weisheit durchaus bewähren und
zur Regel erheben kann. »Die Entscheidung beim Streit um das Tal war revolutionär, aber sie
wurde gefällt, als sei sie selbstverständlich, in einer beinahe amüsanten Diskussion.«62 »Nach
dem Gesetz gehört das Tal uns!«63, wird beinahe lustlos von einem Delegierten des
Ziegenzuchtkolchoses in die Diskussion geworfen, worauf die Rosa-Luxemburg-Fraktion mit
dem legendären »Die Gesetze müssen auf jeden Fall überprüft werden, ob sie noch
stimmen.«64 kontert. Also man gemeinsam das Gesetz ändert ... Denn. »Wie der Dichter
Majakowski gesagt hat, >die Heimat des Sowjetvolkes soll auch die Heimat der Vernunft
sein!
»In der Diskussion wiegen die Argumente der Vernunft schwerer als die der Heimatliebe
[darüber muß sich selbst noch der Sachverständige aus der Hauptstadt belehren lassen], weil
man ein Stück Land wie ein Werkzeug ansehen muß, mit dem man Nützliches herstellt.«66
Dabei stehen sich die beiden Kolchosen nicht als Feinde gegenüber, sondern als Mitglieder
ein und derselben unterschieds- und klassenlosen Gesellschaft. »Das Ergebnis der Diskussion
wissen alle voraus, aber es wird erst gefunden.«67 Im Gleichnis der Grusche-Handlung soll
erzählt werden, »wie das Recht auf eine Sache abhängig ist von der Arbeit, die man dafür
57 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 185
58 Klaus-Detlef Müller: Die Funktion der Geschichte im Werk B. Brechts, Tübingen 1972, S. 209
59 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 146
60 ebd. S. 149
61 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 100
62 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 151
63 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 97
64 ebendaselbst
65 ebd. S. 98
66 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 79
67 ebd. S. 83
20
leistet.«68 Die Umstände unter denen der Bewässerungsplan entstanden ist, fallen also ebenso
in die Waagschale, wie die Nützlichkeit desselben an sich.
In der Fabel des Kreidekreises »bestimmt Brecht das Muttersein von seinem Produktiven
Inhalt her, der Mütterlichkeit. Und er bestimmt es sozial: er erklärt die Mütterlichkeit aus dem
Zusammenspiel gesellschaftlicher Ursachen und Wirkungen.«69 Ähnlich wie Grusche der
»Verführung zur Güte«70 nicht widerstehen kann, erliegen im Vorspiel die Delegierten der
Ziegenzuchtkolchose der »Verführungsgewalt der Vernunft.«71
Ziegenkäse und Morgenduft haben keine Daseinsberechtigung gegenüber den Traktoren und
Bewässerungsanlagen der technisch rationalisierten neuen Zeit. Das Land wird zum
»Werkzeug«72 funktionalisiert. Statt Kanonen richtet man Bleistifte aufeinander. Was zählt,
ist Rationalität und Rentabilität. Natur, Technik und Kunst versöhnen sich zugunsten einer
der Allgemeinheit nützlichen und nutzbar gemachten Produktivität.
Schöne neue Welt
!73
Brecht, heute gelesen, avanciert zur Rechtfertigung kapitalistischer Ausbeutungspolitik, die
sich, historisch gesehen, als produktiver erwiesen hat als die sozialistische
Planungsunvernunft.
3. Problematisierung
Neben den zahlreichen Anspielungen auf biblische Themen, die für die theatralische
Umsetzung des Stückes eine Rolle spielen könnten, finden sich zahlreiche andere Parallelen:
Im Kreidekreis geht es um die Rechtmäßigkeit von Besitzansprüchen. Im Vorspiel
argumentiert ein Bauer des Ziegenzuchtkolchoses: »Das Tal hat uns seit jeher gehört.«74,
worauf die Gegenpartei antwortet: »Niemandem gehört nichts seit jeher.«75 Es erfolgt weder
Rückgabe noch Entschädigung. Das einzige, was sich die ehemaligen Eigentümer erhoffen
können, ist, eine blühende Tallandschaft vorzufinden, die ihnen nicht gehören wird. Das ist
68 ebd. S. 80
69 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 130 f.
70 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 116
71 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 133
72 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 97
73 Prospero. In: W. Shakespeare: Der Sturm, div. Ausgaben
74 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 97
21
der Stoff, aus dem Kriege gemacht werden, wenn die (göttliche) Vernunftinstanz des
Gerechtigkeit-für-alle-Staates wegfällt, wie man es in der Sowjetunion und anderen ehemals
sozialistischen Staaten in den neunziger Jahren erleben konnte. Da werden
Ausnahmesituationen, in denen Anarchie Gerechtigkeit zeitigt historisch gesehen
wahrscheinlicher (z. B. die Zapatisten-Bewegung in Mexiko; die Guerillabewegung in
Nicaragua und andere südamerikanische Modelle) als der Regelfall einer Self-made-
Gerechtigkeit im Sozialismus der keiner war.
Grusche kommt zu dem Kind nicht aus Güte, sondern aus Dummheit. Als Urbild zur
Konzeption der Grusche-Figur schwebte Brecht
die Tolle Grete
Breughels vor. Dennoch kann
man sie noch immer als die
Heilige Jungfrau Maria
lesen, die er nicht in ihr sehen wollte. Die
Widersprüchlichkeit der Figuren, die ja gerade ihre dialektische Spannung und somit ihren
Reiz ausmacht, könnte in der Bühnendarstellung eine Vereinseitigung erfahren, die dem
Gehalt des Stückes zwar abträglich wäre, grundsätzlich jedoch nicht ausgeschlossen werden
kann. Ebenso wie man die Grusche als Heldin der Güte darstellen kann, liegt eine einseitige
Interpretation in Richtung auf ihre Dummheit und Naivität auf der Hand (die Brecht eben
nicht als unbedarfte Gutmütigkeit interpretiert wissen wollte). Ebenso wie man den Azdak als
Helden der Gerechtigkeit hinstellen könnte, wäre die Darstellung eines versoffenen Vielfraßes
möglich. Beide Interpretationen würden, isoliert für sich, den brechtschen Figuren nicht
gerecht und doch sind sie möglich.
Grundsätzlich läßt sich das Stück auch als Commedia lesen, als Passions- oder Krippenspiel,
als hollywoodmäßigen Action-Thriller mit
happy end
oder einfach als schönes Märchen, als
sozialistisches Lehrstück oder als lehrhafte Parabel. Aber nichts von dem ist das Stück, wenn
nicht alles zugleich!
Daß auch innerhalb eines enger gesteckten Interpretationsfeldes erhebliche Unterschiede in
der theatralischen Bedeutungserzeugung auftreten, soll der dritte Teil dieser Darstellung
zeigen. Im anschließenden zweiten Teil sollen kurz analytische und interpretatorische
Herangehensweisen in Hinblick auf ihre Tauglichkeit für die Analyse/Interpretation und
daraus sich ergebende Unterschiede in der Rezeption untersucht werden.
75 ebd. S. 97
22
II. Drei Aufführungen - ein Vergleich
1. Theoretische Vorüberlegungen
1.1. Drama vs. Theater
»Das Drama ist lediglich als Ganzes zum Autor gehörend, und dieser Bezug gehört nicht
wesenhaft zu seinem Werksein. Die gleiche Absolutheit weist das Drama dem Zuschauer
gegenüber auf. So wenig wie die dramatische Replik Aussage des Autors ist, sowenig ist sie
Anrede an den Zuschauer.«76 Szondis durchaus streitbare These hinsichtlich der Absolutheit
dramatischer Texte weist vor allem auf eines hin: das Fehlen eines vermittelnden
Kommunikationssystems im Drama, d. i. die unvermittelte Überlagerung von innerem und
äußerem Kommunikationssystem.
Zur Wesenhaftigkeit dramatischer Texte gehört aber ein weiteres, weit wichtigeres Moment:
die Aufführung. Abgesehen von einigen sog. »Lesedramen«, die in der Regel als solche nur
bezeichnet wurden, weil ihre Umsetzung die technischen Möglichkeiten der Theater zum
jeweiligen Zeitpunkt ihrer Entstehung überstiegen, und deshalb allein lesend rezipiert wurden,
sind Dramen vor allem eines: Spielvorlagen. Und von der Antike bis Shakespeare, von der
Commedia bis Brecht ist uns bekannt, dass die (endgültige) schriftliche Fixierung (= das
Drama) oft nach der theatralischen Aufführung lag. Der dramatische Text ist also nichts an
sich schon »Fertiges«. Uns allen ist bewusst, dass Dramen, abgesehen von
Literaturwissenschaftlern und Dramaturgen, kaum lesend rezipiert werden. Man kennt die
Stücke »aus dem Theater«. Ebenso wie kein Opernbesucher zuvor Libretto und Partitur
studiert, studiert der Theaterbesucher in der Regel nicht die Textgrundlage des Stückes - das
Drama - bevor er ins Theater geht. Dafür gibt es »Theaterführer«, wie es »Opernführer« gibt.
Der Leser eines Dramas hat es mit einem schriftlich fixierten, unveränderbaren Text zu tun, in
dem er, je nach Belieben, vor- und zurückblättern kann. Wenn er müde wird, legt er den Text
nach dem dritten Akt aus der Hand und liest am nächsten Abend weiter. Interessiert ihn der
zweite Aufzug besonders, liest er ihn noch einmal.
76 P. Szondi: Theorie des modernen Dramas, Frankfurt a. M. 1963, S. 15
23
Der theatralische »Text«77 erlaubt das nicht. Theater ist transitorisch! Theaterrezeption
erlaubt in geringerem Maße als die Lektüre eines literarischen Werkes die Vergewisserung im
textuell Invarianten (Zurückblättern), schon das zweimalige »Lesen« einer Aufführung ist
unmöglich - es gibt keine identisch reproduzierbaren theatralischen »Texte«. Die Aufführung
ist ein interaktiver Prozess. Sie spielt nicht auf der Bühne; sie vermittelt sich
zwischen
Bühne
und Zuschauerraum. Es besteht eine Dialektik Bühne/Zuschauerraum,
Schauspieler/Rezipient, etc., aus der eine dialektische Synthesis Schauspieler/Publikum
entsteht, so dass sich beide zugleich als Produzent und Produkt des jeweils anderen erweisen.
Das Drama spielt in seiner Aufführung nur noch eine Rolle neben vielen, unter Umständen
eine sehr untergeordnete, oder es wird gänzlich in ein anderes Zeichensystem »übersetzt«
(Musik, Tanz, etc.). Während der Leser eines Dramas Bedeutung nur aus dem Spannungsfeld
seines Ich im Bezug zum Dramentext ableiten kann, werden in der kollektiven
Theateraufführung durch die Vielzahl der Mitwirkenden (das sind sowohl Produzenten als
auch Rezipienten) unglaublich viel mehr Sichtweisen möglich. Aus der Komplexität einer
Theateraufführung ergeben sich vollkommen andersartige und vielfältigere
Bedeutungsimplikationen, die ein Dramen lesendes Individuum in seiner Möglichkeit zur
Bedeutungserzeugung als äußerst begrenzt erscheinen lassen. Theatralische Bedeutung lässt
sich nicht als Addition dramatischer, körpersprachlicher, bildlicher, musikalischer, etc.
Teilaussagen bestimmen. Sie entsteht - Resultat komplizierter Wechselwirkungen zwischen
den Ebenen und Elementen - als ein Drittes, ganz und gar Eigenes. Durch die Verknüpfung
disparater Ausdruckselemente (Sprache, Musik, Visualität, etc.), die sich gegenseitig
beleuchten, erklären, interpretieren können, entsteht eine neue, eigenständige Bedeutung.
77
Text
hier als semiotisches System einer Theateraufführung. Nach E. Fischer-Lichte:
Die Aufführung als Text
24
1.2. Interpretationsansätze und Bedeutungserzeugung
1.2.1. Textliche Interpretation
Ein umfassendes und detailliertes Werk zur strukturalistischen Dramenanalyse stellt Manfred
Pfisters
Das Drama
(
Theorie und Analyse
) dar. Er untersucht systematisch
Informationsvergabe, Sprachliche Kommunikation, Personal und Figur, Geschichte und
Handlung sowie die Raum-Zeit-Struktur dramatischer Texte. Wichtigste Fragestellung: Wie
und mit welcher Wirkungsintention dosiert und arrangiert das Drama seine dialogischen
»Informationen«.
In diesem Sinne bietet es sich an, sowohl den originalen Dramentext (evtl. In seinen
verschiedenen Fassungen) als auch den für die Inszenierung aufgearbeiteten Strichtext
hinsichtlich zuvor festzulegender Aspekte zu untersuchen.
Bei dieser Herangehensweise spielen neben künstlerisch-stilistischen Eigenheiten und
dramaturgischen Verfahren insbesondere auch die Beleuchtung der Entstehungszeit und -
umstände des zu untersuchenden Textes eine Rolle. Die Analyse und Interpretation eines
schriftlich fixierten Textes beschränkt sich jedoch weitestgehend auf
schriftlich
-verbale
Codes und ist somit hinsichtlich seiner kommunikativen Mittel eindimensional. Anders das
Theater, in dem Bewegung, Licht, Akustik, etc. eine in der Regel ebenso wichtige Rolle
spielen, wie das
gesprochene
Wort.
Selbst Bernhard Asmuth gesteht in seiner der Theaterpraxis fernstehenden Einführung in die
Dramenanalyse muss im letzten Kapitel seines Buches eingestehen, dass sich der fixierte
schriftliche Text in der Aufführung anderen Elementen unterzuordnen hat und weist zugleich
auf die Vielfältigkeit der Übersetzungsmöglichkeiten eines Dramentextes in die Sprache des
Theaters hin: »Ein Dramentext ermöglicht die unterschiedlichsten Regiekonzeptionen, diese
wiederum die unterschiedlichsten Darstellungsmöglichkeiten.«78
1.2.2. Szenische Interpretation
Eine Interpretation kommt zustande als eine Synthese aus etwas Objektivem (dem Text) und
etwas Subjektivem, einer Verstehensdisposition, die durch verschiedene Kontextfaktoren
78 Bernhard Asmuth: Einführung in die Dramenanalyse, Stuttgart 1994, S. 187
25
ideologischer, psychologischer, soziologischer Art bestimmt ist. Das gilt zunächst auch für
eine textliche Interpretation.
Wichtig ist auch, dass Wahrnehmung immer eine Selektion darstellt, also subjektiv und damit
immer schon eine Interpretation ist. Segmentierung und Beschreibung von zu beschreibenden
Abläufen ist ja sowieso immer an sich schon Interpretation. Eine Voraussetzungslose
objektive Beschreibung von z. B. Bewegungsabläufen ist nicht möglich, da die Rezeption
sowohl subjektiv als auch intentionalisiert ist. Man sieht zum einen nur, was man sehen will
und kann, zum anderen bedeutet wahrnehmen (=) auswählen. Auch der Analysierende kann
sich selbst nicht getrennt vom Gegenstand seiner Analyse sehen.
Jeder Zuschauer erzeugt wahrnehmend, erinnernd, reflektierend, und fühlend sein eigenes
Bild der Aufführung. Selbst die (angeblich objektive) ,,reale Bühnengestalt" repräsentiert sich
als Synthese aus eigenem Erfahrungshorizont und fremdem Zeichenangebot.
Wie man eine Theateraufführung interpretiert hängt davon ab, als was man Theater begreift,
d. h., rezeptives Verständnis ist abhängig von der rezeptiven Kompetenz des einzelnen
Zuschauers. Die Verstehens-Voraussetzungen einer ,,Theatersprache" sind historisch bedingt
und erlernbar (selbst während der kurzen Zeitspanne einer Aufführung). Die
Bedeutungssynthese wird durch unsere ästhetische Kompetenz und den sozialen und
historischen Kontext unserer Wahrnehmung entscheidend beeinflusst. Es bestehen prinzipiell
so viele Bedeutungen, wie es Zuschauer gibt. »Der theatralische Text eröffnet in seiner
Eigenschaft als ein ästhetischer Text unterschiedliche Möglichkeiten für Prozesse der
Bedeutungsattribution und Sinnzuschreibung. Da aus seinen Zeichen und ihrer Ordnung
weder ihre Bedeutungen noch sein Sinn eindeutig und für alle potentiellen Rezipienten in
gleicher Weise zu deduzieren und festzulegen sind, muss das rezipierende Subjekt sie
interpretieren, d. h. ihnen aufgrund seiner individuellen Erfahrung unter Berücksichtigung der
spezifischen Textstruktur eine Bedeutung beilegen und so den Sinn des Textes für sich
konstituieren.«79
»Bedeutung entsteht nicht automatisch als Folge des Funktionierens eines generativen
Rezeptionssystems; zu ihrer Konstitution bedarf es stets eines interpretativen Aktes des
rezipierenden Subjekts.«80 »Wenn es nicht
den
theatralischen Text schlechthin gibt, wenn
jeder Schauspieler sein eigenes hinzutut, dann kann es folgerichtig auch keine Sinnidentität
79 Erika Fischer-Lichte: Semiotik des Theaters, Bd. 3: Die Aufführung als Text, Tübingen 1983, S. 67
80 ebd. S. 112
26
zwischen Dramentext und Inszenierung geben. Die Vielheit von Sinn ist als ein
charakteristisches und grundlegendes Merkmal des theatralischen Textes vorauszusetzen.«81
Eine mögliche technische Voraussetzung zur Analyse eines theatralischen Textes wäre die
Untersuchung der Bedeutungsverschiebung zwischen einem dramatischen Text und seiner
szenischen Umsetzung zum einen, zum anderen die Untersuchung von
Bedeutungsverschiebung zwischen zwei szenischen Aufführungen dieses Dramas.
Ein Untersuchungsverfahren, das zu gänzlich anderen Ergebnissen kommen würde, wäre die
Analyse einer (isolierten) Aufführung bei Gleichschaltung des Dramentextes (falls
vorhanden) mit den anderen theatralischen Elementen. Hieraus wird schon deutlich, dass
verschiedene Formen der Rezeption zu Differenzen in der rezeptionellen
Bedeutungserzeugung führen müssen.
2. Brecht (Berlin 1954)
2.1. Die Vorbereitung der Aufführung
Im November 1953 beginnt Brecht mit den Proben zur deutschen Erstaufführung am Berliner
Ensemble. Die Inszenierung gilt, vor allem was den Probenaufwand betrifft (125 Tage), als
eine der aufwendigsten Inszenierungen des Ensembles. Eine Grundlegende Schwierigkeit
besteht für Brecht vor allem in der Besetzung der komplexen Rollen der Grusche (Angelika
Hurwicz) und des Azdak (Ernst Busch), die
in unserer Zeit nicht durch Regiearbeit gestaltet
werden könnten
.
82
Neben dem Arrangement, das zur Neuformulierung vieler Szenenanweisungen geführt hat,
und der Erarbeitung einer gestischen Spielweise gilt die Regiearbeit insbesondere der
Ausstattung und der Musik. Die Musik liefert (in enger Absprache mit Brecht) Paul Dessau.
Dem Bühnen- und Maskenbildner Karl von Appen gibt Brecht das Stichwort »Krippen,
Krippenfiguren.«83 Appen folgt dieser Anregung in einer opulent folkloristischen
Ausstattung. Für den Hintergrund benutzt er Prospekte, die an chinesische Tuschmalereien
erinnern. Die Beleuchtung arbeitet mit desillusionierendem hellen, kalten Licht. Größte
81 ebd. S. 34
82 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 34
27
Sorgfalt verwendet Appen auf die Requisiten. »Jedes Requisit mußte ein Museumsstück sein.
Dasselbe galt auch für die Dekorationsteile, die ja eigentlich auch Requisiten sind, zum
Gebrauch durch die Schauspieler bestimmt.«84 Eine Besonderheit der Aufführung ist die
Verwendung von Masken (im
Streit um das Tal
ja explizit erwähnt!), die eine in hohem Maße
gestische Spielweise erfordert. Im zweiten Teil (
Die Flucht in die nördlichen Gebirge
) wird
ein kompliziertes Arrangement für die Drehbühne entworfen, auf der Grusche ihre
Wanderung
zurücklegt.
Brecht hinterfragt in der Regiearbeit jeden Vorgang und klopft ihn auf seine
gesellschaftlichen Hintergründe/Motivationen ab. Besonderen Wert legt er auf eine gestische
Spielweise. »Auch Gedanken, auch innere subtile Vorgänge sollen durch Gesten und
Haltungen abgebildet werden.«85 Brecht mißtraute dem Wort auf der Bühne, selbst verbal
Ausgedrücktes wollte er lieber gestisch verdoppelt sehen, als daß es nicht letztendlich ganz
klar zum Ausdruck gekommen wäre. »Die Bewußte Vernachlässigung des Sichtbaren auf der
Bühne war für ihn geistiger Hochmut.«86 Die Aufgabe der Bühne bestand für ihn darin, »zu
den Augen des Zuschauers zu sprechen.«87
Die ständige Präsenz des Sängers und der Musiker des Vorspiels während der Aufführung auf
der Bühne und ihr Eingreifen, soll dem Spiel im Spiel den »Eindruck des Unperfekten«88
geben. Während der Sänger seinen Text vorträgt, sollten die Schauspieler das von ihm
Vorgebrachte pantomimisch begleiten. Bis zur Premiere am 7. Oktober 1954 kommt es seit
Juni 1954 zu sieben öffentlichen Voraufführungen.
2.2. Aufführung und Kritik
Die Aufführung des Berliner Ensembles wird zur umstrittensten und am heftigsten
angefeindeten in Brechts gesamter Berliner Regietätigkeit. Dabei richtet sich die Kritik nicht
gegen die Darstellung, sondern direkt und geradezu ausschließlich gegen den
Schriftsteller/Regisseur und gipfelt in einer kulturpolitischen Auseinandersetzung über das
83 ebd. S. 95
84 ebd. S. 99
85 ebd. S. 60 f.
86 ebd. S. 61
87 ebd. S. 61
88 ebd. S. 63
28
epische Theater schlechthin, wobei sich die Polemik sowohl gegen das Stück als auch gegen
die Aufführung wendet.
Die Grusche Angelika Hurwicz` in Berlin begründet ihren Anspruch auf das Kind nicht so
sehr in der Liebe, die sie für es hegt, sondern damit, daß sie sich »auch Ausgaben gemacht«89
hat. Das Lob der Nützlichkeit, bezogen auch aus dem Vorspiel, bedient neue Impulse des
Berliner Publikums. Dem Lob der Humanität tritt hier also das Lob der Produktivität zur
Seite.
Ernst Busch betont in seiner Darstellung des Azdak vor allem die Widersprüchlichkeit der
Figur und macht ihn damit zu einem Paradebeispiel angewandter Dialektik. Für Sinaida
Brashko verbinden sich im Azdak Ernst Buschs »der Dichter und Tribun mit dem Spaßvogel
und Wollüstling. [...] In Azdak vereinigen sich in bizarrer Weise Züge des diabolisch
durchdringenden, spöttischen Verstandes eines Mephisto mit den Zügen eines Falstaffs, des
lustigen Vogels und Vielfraßes, der den fleischlichen Verlockungen des Lebens nicht
widerstehen kann.«90 Und eines der wichtigsten Themen in Brechts Schaffen - der Protest
gegen den Krieg - zieht sich gleich einem roten Faden durch alle Teile des Stücks.
2.2.1. Die Ost-Kritik
Trotz der großartigen Inszenierung und trotz des Zugeständnisses von Jürgen Rühle im
Sonntag
, daß das Berliner Ensemble »nach wie vor die glanzvollste Schaubühne der
Republik«91 und »Brecht auf einsamer Höhe unser größter lebender Dramatiker«92 sei, stellt
Rühle Brechts episches Theater an sich in Frage. Von gelungenen Details ausgehend, kommt
er zu einer massiven Kritik, die sich vor allem an der »Langatmigkeit«93 des Stücks stört. »Es
hätten drei Stücke werden können, so ist es gar kein Stück.«94 Brecht werde so zum »Opfer
seiner Theorie vom epischen Theater.«95
Damit bestimmt er den Tenor der DDR-Kritiker. In der Rezension der
Berliner Zeitung
heißt
es: »Theater gab es nicht [...], der kaukasische Kreidekreis benutzt das Theater nur als
89 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 177
90 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 121
91 Jürgen Rühle: Größe und Grenze des epischen Theaters. In: Sonntag, Berlin, 17. 10. 1954
92 ebendaselbst
93 ebendaselbst
94 ebendaselbst
95 ebendaselbst
29
Darstellungs- und Ausdrucksform.«96 Und weiter: » ... die Teile fügen sich nicht zu einem
Ganzen [genau das also, was Brecht beabsichtigte, als er im
Kleinen Organon für das Theater
schrieb, man müsse »mit dem Urteil dazwischenkommen können.«97].«98
Fritz Erpenbeck (der schon 1949 Brechts Werk als »volksfremde Dekadenz«99 beschimpfte)
polemisiert in seiner Besprechung in
Theater der Zeit
mit faschistoider Terminologie gegen
den »nichtaufhebbaren kunstästhetischen Widerspruch«100 zwischen epischem und
dramatischem Theater. »Es gibt kein episches Drama, weil Drama [...] Handeln, nicht
Erzählen bedeutet.«101 »Ich liebe Brecht. Mehr aber noch liebe ich das Theater. Unser
deutsches Theater.«102 Mit dem »raffinierten Primitivismus«103 des
kaukasischen
Kreidekreises
führe Brecht das Theater in eine Sackgasse, schreibt Erpenbeck und verkennt
damit die gesellschaftliche Begründung eines Theaters des wissenschaftlichen Zeitalters und
seine Grundlage im historischen und dialektischen Materialismus.
Einige Kritiker lesen aus der Inszenierung eine Stellungnahme Brechts zum neuen
Familiengesetz heraus; so bemerkt Rühle, »daß auch in der sozialistischen Gesellschaft das
Mütterliche ein biologischer und kein sozialer Prozeß ist.«104 In nahezu allen Rezensionen
hält man die vierstündige Aufführungsdauer für unerhört, was so weit führt, daß Heinz
Hofmann in der
Nationalzeitung
ganz konkrete Strichvorschläge unterbreitet. Brecht meint
dazu nur, daß der zukünftige Theaterbesucher über größere Muße verfügen würde, da in der
sozialistischen Gesellschaft die Kürzung der Arbeitszeit »gesellschaftliche Freiräume für eine
anspruchsvollere Kunstpraxis schaffen werde.«105
Bezeichnenderweise verzichtete das Zentralorgan der SED
Neues Deutschland
gänzlich auf
eine Besprechung.
2.2.2. Die West-Kritik
Die westlichen Kritiker werfen der Inszenierung ebenfalls die ermüdende Langatmigkeit und
das schwerfällige Nacheinander der Grusche- und Azdak-Handlung vor. Anstoß erregte
96 Hans Ulrich Eylau: Der Kaukasische Kreidekreis. In: Berliner Zeitung, 12.10. 1954
97 Bertolt Brecht: Kleines Organon für das Theater, a.a.O.; S. 694
98 Hans Ulrich Eylau: Der Kaukasische Kreidekreis. a.a.O.
99 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 471
100 Fritz Erpenbeck: Der Kaukasische Kreidekreis. In: Theater der Zeit, Berlin 1954, Heft 12
101 Fritz Erpenbeck: Episches Theater oder Dramatik. In Freies Volk, Düsseldorf, 22. 01. 1955
102 Fritz Erpenbeck: Der Kaukasische Kreidekreis. a.a.O.
103 Fritz Erpenbeck: Episches Theater oder Dramatik. a.a.O.
104 Jürgen Rühle: Größe und Grenze des epischen Theaters. a.a.O.
105 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 471
30
jedoch vor allem die in die Aufführung des Stückes (vor allem dem Vorspiel) hineingelesene
politische Tendenz. Barbara Klie sieht im neuen Ausgang der Kreidekreisprobe eine
»Huldigung des kommunistischen Autors an seine Vorgesetzte Doktrin«106, in Azdak einen
»volksdemokratischen ,,Volksrichter"«107 und im Vorspiel den Versuch, das Stück »den
Kulturfunktionären im Osten mundgerecht zu machen«.108 Damit sind die immer
wiederkehrenden Argumentationsmuster der westlichen Presse schon weitestgehend
abgesteckt. Die Rezension Klies tut sich vor allem durch Falschzitate und inhaltliches
Unverständnis des Stückes hervor. Andere Rezensionen lenkten bereits in ihren Überschriften
die Aufmerksamkeit unkritischer westlicher Leser auf den politischen Aspekt des Stückes:
»Moralstück vom Kreidekreis« (
Die Zeit
), »Die Armen sind gut, die Reichen sind böse«
(
Hamburger Fremdenblatt
), »Brecht meldet aus Kaukasien: Mütterlich ist nur das
Proletariat« (
Die Welt
), »Der eingeschmuggelte Schulungsabend. SED-Propaganda in Brechts
Kaukasischem Kreidekreis
« (
Westfalenblatt
). Die Argumentationsstruktur ist geprägt von den
Denkmustern des kalten Krieges.
Friedrich Luft, einer der Vorkämpfer brechtscher Dramatik im Westen, zeigt sich von dem
neuen Stück enttäuscht, bemängelt vor allem die »Partei- und Fortschrittsromantik«109 des
Vorspiels. Die brechtsche Dialektik würde durch die Verwendung von Masken zu »simpler
Eindeutigkeit«.110
Der kaukasische Kreidekreis
sei »die Ansicht eines, der in einer einsamen
Sackgasse verrannt ist und - offenbar nach beiden Seiten trotzig - diese Sackgasse für den
alleinseligmachenden Weg des Theaters hält. Ein Jammer zu sehen!«111. Auch hier also die
Sackgassen-Metaphorik ...
Eine Neubewertung erfährt die Inszenierung durch das Pariser Gastspiel im Sommer 1955.
Die Aufführung wird zu einem Triumph für Brecht und sein Theater. Publikum und Presse
sind begeistert.
Anfang September kommt es zu einem Gastspiel im Londoner
Palace Theatre
. Kenneth
Tynan lobt in seiner Rezension die »Schönheit der Brechtschen Dekorationen«, die »die
dauerhafte Schönheit des Gebrauchs«112 ist. Das gleiche gelte für die Schauspieler, die
106 Barbara Klie: proletarisches Lehr- und Rührstück. In: Süddeutsche Zeitung, München, 08. 10. 1954
107 ebendaselbst
108 ebendaselbst
109 Friedrich Luft: Kritischer Erkundungsritt nach Ost und West. In: Die Neue Zeitung, Berlin, 31. 10 . 1954
110 ebendaselbst
111 ebendaselbst
112 Kenneth Tynan: Braw and Brecht. In The Observer, London, 02. 09. 1956; Übersetzung Levin D. Röder
31
»geradezu empörend wie normale Leute« aussehen, »Leute mit Kartoffelgesichtern, die man
in einer Schlange an der Bushaltestelle treffen könnte. Ihr Theater existiert, um die
Menschheit zu erforschen, nicht den Ausnahmefall des Exzentrischen.«113
Eric Bentley bemerkte: »Brecht glaubt nicht an eine innere, höhere oder tiefere Realität,
sondern ganz einfach an die Realität. Wir haben daran den Geschmack verloren. Weil man
uns mit Schnaps und Braten gefüttert hat, nennen wir Brecht naiv, wenn er uns Brot und Wein
bietet. Er schrieb Moralitäten und inszenierte seine Stücke im Stil der Moralitäten. Wenn wir
sie im West End oder am Broadway so ermüdend wie die Religion finden, so befinden wir
uns in einer sich verringernden Minorität. Es gibt auch anderswo eine Welt.«114
3. Buckwitz (Frankfurt/Main 1955)
3.1. Aufführung und Kritik
Die westdeutsche Erstaufführung besorgte am 28. April 1955 am Frankfurter Schauspielhaus
der Intendant und Regisseur Harry Buckwitz, der die Inszenierung gegen massiven
Widerstand durchzusetzen hatte. Wegen der Brecht durch unvollständige Berichterstattung
angehängten Solidaritätserklärung mit der Regierung Pieck-Grotewohl nach dem
Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953, bestand in der Bundesrepublik ein Brecht-Boykott. Mit
übertriebenem Pathos versuchen die Stadtväter der CDU-Fraktion Brecht als einen
Volksfeind zu diskreditieren und das Projekt zu stoppen. So sind denn auch die Reaktionen
der Presse auf das politische »Theater« im Vorfeld »weitaus zahlreicher als die Rezensionen
zur Aufführung selbst«.115 Eine noch brisantere Dimension nimmt die politische Diskussion
im Sommer 1955 an, als die Frankfurter Inszenierung zu den Ruhrfestspielen 1955 eingeladen
und auf den Vorabend des 17. Juni angesetzt wird. Dadurch wird die Kontroverse zusätzlich
angeheizt. »Gegen die Boykott-Aufrufe wird die Forderung freier Kunstausübung gestellt«116,
wobei auch die Befürworter der Aufführung klar zwischen dem Dichter und dem »Politiker«
Brecht unterscheiden: »Als Politiker ist Brecht ein Narr, als Dramatiker ist er aus der
113 ebendaselbst
114 ebendaselbst
115 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 474
116 ebd. S. 474
32
deutschen Literatur nicht herauszukomplimentieren [...]. Wir [...] können uns mit gutem
Gewissen auch den Luxus gestatten, Bert Brecht auf westdeutschen Bühnen spielen zu lassen.
Die Freiheit ist stärker! Das ist der Unterschied«117, polemisiert
Die Welt
.
Buckwitz verzichtet in seiner Inszenierung mit Brechts Einverständnis auf das Vorspiel. Doch
bewies die Aufführung, »daß der Richterspruch des Azdak den vorherigen Entscheid der
Kolchosbauern braucht: er bezieht daraus seine Bedeutung und seine Nutzanwendung. Und es
ist etwas ganz anderes, ob die Geschichte von der Magd Grusche hauptsächlich ein neues
Rechtsempfinden bestätigt, oder ob sie als Ausnahmefall aus ,,alter, blutiger Zeit" gezeigt
wird.«118 In den Hauptrollen spielen Käthe Reichel, die bereits in der Berliner Inszenierung
die Gouverneursgattin gegeben hatte (um so merkwürdiger erscheint es, daß gerade ihr totale
Rollenidentifikation unterstellt werden konnte!), die Grusche. Sie »zeigt eine kleine
widerspenstige Person, bei der man den Mut bewundert, mit der sie den Kampf gegen die
Großen aufnimmt«.119 Hanns Ernst Jäger spielt den Azdak, »eine pralle komödiantische
Volksfigur, in der auch die negativen erbärmlichen Züge nicht zu kurz kommen«.120 Die
Besetzungsliste in Frankfurt entspricht in ihrem Umfang der der Berliner Inszenierung. Das
Bühnenbild gestaltet Teo Otto.
Die Presseresonanz auf die Frankfurter Aufführung war außerordentlich groß: annähernd 100
Zeitungen befaßten sich in Meldungen, größeren oder kleineren Beiträgen mit dem
Kaukasischen Kreidekreis
.
Den wenigsten Rezensenten gelang eine Distanzierung von der bezeichnenderweise auch in
Westdeutschland politisch dominierten Debatte. Nach der Amputation des ideologischen
»Pferdefußes«121 (d. i. des Vorspiels) sah Georg Hensel nichts Beanstandenswertes mehr in
dem »sozialkritisch durchsetzten Rührstück«122 und lobte Hauptdarsteller wie Regisseur.
Hans Kloos beschreibt im Wiesbadener Kurier die Aufführung allein nach politischen
Gesichtspunkten. Paradoxerweise war Kloos der Meinung, daß das Vorspiel unbedingt zum
Stück gehöre: nur so nämlich sei die Propaganda des »sowjetischen Tendenzstückes«123 in
seiner ganzen Tragweite erkennbar. Der für linke Blätter schreibende Georg Paulus beklagte
117 Aus: Die Welt, Hamburg, 04. 04. 1955. In: Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 474
118 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 115 f.
119 ebd. S. 118
120 ebd. S. 118
121 Georg Hensel: Mütterliches bei Brecht (West). In: Darmstädter Echo, 30. 04. 1955
122 ebendaselbst
123 Hans Kloos: Sowjettendenz auf der Frankfurter Bühne. In: Wiesbadener Kurier, 30. 04. 1955
33
den Fortfall des Vorspiels ebenfalls und ersah daraus eine die westdeutsche Demokratie
gefährdende Tendenz der freiwilligen Selbstzensur. Ansonsten lobte er das Stück als
»herrliche Theateraufführung«124 und schließt mit der verallgemeinernden Feststellung, daß
die »Inszenierung dieses Brech-Stückes Wesentliches zur Verständigung der Deutschen
untereinander beigetragen«125 hätte.
Das Presseecho der Kritik West ist, nicht was die Aufführung, sondern das Stück angeht, im
ganzen eher negativ. Dennoch fehlen die von der DDR-Kritik vorgetragenen Einwände gegen
das epische Theaterkonzept Brechts nahezu vollständig.
Das
Neue Deutschland
, das die Berliner Aufführung gänzlich verschwiegen hatte, sah in der
Frankfurter Aufführung Brechts mit Genugtuung den westlichen Kniefall vor dem
Ostdeutschen Dichter und nahm damit zugleich Brechts Eingemeindung in den Kreis
sozialistischer Epigonen vor: »Mit großer dichterischer Kraft bringt Brecht politisch-
moralische Anschauungen der sozialistischen Gesellschaft zum Ausdruck.«126
4. Zusammenfassung: Die Inszenierungen Brechts und Buckwitz`
Die westdeutsche Presse kommentierte die Streichung des Vorspiels in der Frankfurter
Inszenierung recht einmütig bejahend. Was blieb von dem »Idyll in Rosa« der brechtschen
Utopie, wirkte »wie ein Kindermärchen, aus dem man die Hexe herausgeschnitten« hatte.127
Um die Märchenillusion perfekt zu machen, wäre es konsequent gewesen, ebenso die Azdak-
Biographie zu streichen. Die Frankfurter Inszenierung »hätte [zwar] beim Wegfall des Azdak-
Aktes [...] an schauspielerischer Brillanz verloren, aber in Hinblick auf ihr eigentliches
Anliegen an Konzentration gewonnen«,128 so Hans Bunge.
Dort allerdings, wo das Vorspiel gezeigt wurde, nämlich in der Berliner Inszenierung, »hat
man es weniger beachtet als dort, wo es gar nicht inszeniert worden war.«129
124 Georg Paulus: Frankfurt sah Brechts »Kreidekreis«. In: SVZ-Sozialistische Volkszeitung, Frankfurt/M., 30.
04. 1955
125 ebendaselbst
126 H. K.: Brechts Kreidekreis in Frankfurt am Main. In Neues Deutschland, 12. 05. 1955
127 Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis" a.a.O., S. 145
128 ebd. S. 146
129 ebd. S. 145
34
Wenn die Kritiker recht haben, die behaupten, daß das »Vorspiel« zumindest überflüssig bist,
müßten die Inszenierungen einander grundsätzlich ähnlich gewesen sein. Wer beide
Aufführungen gesehen hat, wird aber vor allen Dingen festgestellt haben, daß sie stark
voneinander abwichen und das, obwohl textlich als auch bezüglich der Arrangements eine
große Übereinstimmung bestand. Dennoch unterschieden sich beide Inszenierungen im
Wesentlichen: »
Es wurden zwei Fabeln erzählt
.«130
»Bei der Berliner Aufführung stand nicht so sehr die Grusche im Mittelpunkt, sondern vielmehr das Kind. Nicht
welcher Mutter
das Kind zugesprochen wird, wurde gefragt, sondern: welche von den beiden Frauen ist die
beste Mutter
für das Kind
? Deshalb hatte die Liebesszene am Schluß nicht die Überragende Bedeutung wie in
Frankfurt. Nachdem der Azdak die richtige Mutter für das Kind festgestellt hatte, war es auch gut, daß das Kind
einen Vater bekam, und der Richter hielt den Soldaten Simon für geeignet. In Frankfurt dagegen sah es so aus,
als sei es von vornherein darauf angekommen, Grusche für ihre Entbehrungen zu belohnen. Sie bekam ihren
Verlobten am Ende doch, nachdem sie ihn wegen des Kindes beinahe verloren hatte. Das war die »Pointe« in
Frankfurt.
Die verschiedenen Perspektiven der beiden Aufführungen hingen ab von der Inszenierung beziehungsweise
Nichtinszenierung des »Vorspiels«. Im Gegensatz zu Frankfurt erwies sich in Berlin die ausführliche Azdak-
Geschichte als unbedingt erforderlich. Durch die Verknüpfung der Kreidekreis-Erzählung mit dem »Vorspiel«
wird der Zuschauer zu interessanten Fragen veranlaßt. Das Verhalten der Bauern bei ihrem Streit um das Tal
fordert zum Vergleich mit Verhaltensweisen heraus, die in der folgenden Aufführung gezeigt werden und eine
schlüssige Erklärung erst durch die »Geschichte des Richters« bekommen.«131
Im jeweils zweiten Anlauf setzten sich sowohl die Berliner als auch die Frankfurter
Inszenierung des
Kaukasischen Kreidekreises
auf der Bühne durch (Paris, Ruhrfestspiele).
Zum gleichen Zeitpunkt, der auch als Ende des Brecht-Boykotts gilt, führt Max Frisch, nicht
ohne Ironie, eine neue Sichtweise ein: »Brecht, der so viel Klassisches in gar unverschämter
Weise parodiert hat, ist ein Klassiker geworden.«132
130 ebd. S. 146
131 ebd. S. 146 f.
132 Max Frisch. Weltwoche, Zürich, 01. 07. 1955, In: B. Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 474
35
5. Exkurs: Natur vs. Vernunft
Wie in Kapitel zwei des ersten Teiles schon dargestellt, ist die Vernunft und ihre
Nutzanwendung ein zentrales Thema des brechtschen Stückes. Natur wird dabei gerade zum
Gegenpol der Vernunft. Bevor Azdak, das ungute Gefühl im Magen, seine Richterzeit wäre
abgelaufen und er anderswo nunmehr besser aufgehoben, die Flucht ergreift, hält er Schauwa
eine Predigt über die Vernunft, d. h. eigentlich über die Unvernunft, was vor dem Hintergrund
seines feigen Falls zu Füßen der Gouverneursfrau und seiner nicht weniger feigen Flucht, als
reiner Hohn erscheint: »Schauwa, die Tage deiner Knechtschaft sind jetzt gezählt [...]. Ich
habe dich die längste Zeit an der eisernen Kandare der Vernunft gehalten, die dir das Maul
blutig gerissen hat, dich mit Vernunftgründen aufgepeitscht und mit Logik mißhandelt Du bist
von Natur aus ein schwacher Mensch [...] und du kannst bald wieder deinen Trieben folgen,
welche niedrig sind und deinem untrüglichen Instinkt, der dich lehrt, daß du deine dicke
Sohle in menschliche Antlitze pflanzen sollst.«133 Die Befreiung des Menschen von der
Vernunft nimmt in dieser Replik Azdaks eine geradezu messianische Perspektive an. Der
Mansch ist von Natur aus ein Triebwesen. Und das, was ihn von den anderen Lebewesen
unterscheidet (ich möchte die Formulierung vermeiden: »über sie erhebt«), die Vernunft, ist
nur ein Folterinstrument, dessen es sich zu entledigen gilt. Das Triebwesen Mensch
verkörpert in der
Badeszene
(vgl.
Das Leben des
Galilei
) auch der Bauer, Grusches Gatte, in
dem er ihr vorwirft, ihre Frigidität ihm gegenüber sei »gegen die Natur«.134
Ähnlich dem Gatten Grusches argumentierte die Recklinghausener Tageszeitung
Echo der
Zeit
im Vorfeld der Aufführung der Frankfurter Inszenierung anläßlich der Ruhrfestspiele. Sie
sah in dem Stück »die letzten Bande des Naturrechts aufgelöst«135 und in der Gestalt des
Volksrichters Azdak sah sie apokalyptisch die Aufhebung des Rechts vorweggenommen.
Ganz Ähnliches klang ja schon Jürgen Rühles Kritik zur Berliner Premiere an, indem er
feststellte, »daß auch in der sozialistischen Gesellschaft das Mütterliche ein biologischer und
kein sozialer Prozeß ist.«136 Etwas detaillierter begründete dagegen Georg Hensel sein Urteil,
wenngleich er zum gleichen Ergebnis kommt:
133 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 169
134 ebd. S. 145
135 ebd. S. 476
136 Jürgen Rühle: Größe und Grenze des epischen Theaters. a.a.O.
36
»Das Vorspiel [das es bei Buckwitz nicht mehr gibt!], das den Streit zweier Kolchosen um ein Tal behandelt, hat
eine wichtige Funktion [sic!]: es macht den Spezialfall Grusche, dem man als Spezialfall zustimmen muß, zu
einem vorbildlichen Musterfall, der auf den Streit der Kolchosen angewandt und als eine neue Art Weisheit auch
auf andere Situationen übertragen werden soll. Und hier ist entschieden zu widersprechen: im
Kaukasischen
Kreidekreis
[...] wird das Muttertum ,,anstatt biologisch nunmehr sozial bestimmt". Dieser Verallgemeinerung,
die dem Publikum durch das Vorspiel nahegebracht wird, führte zu den entsetzlichsten Konsequenzen: sie
rechtfertigte beispielsweise, daß der Staat, der mit dem Anspruch auftritt, sozial für die Kinder besser sorgen zu
können als die ,,biologische Mutter", die Kinder den Eltern, diesen lediglich biologische Faktoren wegnimmt;
sie rechtfertigte ferner das Treiben der ,,Volksrichter", als deren einer der weise Richter im Stück erscheint, der
wiederum in allen geschickt konstruierten Spezialfällen moralisch recht hat, in der Verallgemeinerung seiner
Methode jedoch jeder Rechtsbeugung die Rechtfertigung lieferte. Zu diesen Analogieschlüssen verführt das
Vorspiel. So weit - so übel. So ganz und gar übel.«137
Nun erst bemerkt er, daß es dieses
so ganz und gar üble Vorspiel
in Frankfurt gar nicht gibt.
Warum Hensel den Spezialfall Grusche positiv, seine Verallgemeinerung jedoch als negativ
empfindet, will nicht ganz einleuchten, zumal Brecht ja eben nicht darauf hinaus wollte ein
festgeschriebenes Recht zu Ungunsten der Mütter zu installieren, sondern im Gegenteil das
Recht für jeden Einzelfall zu prüfen,
ob es noch stimmt
. Was ihm vorschwebte war eine
spontane Gerechtigkeit an Stelle des starren Rechts. Es hat den Anschein, daß Hensel weder
differenzieren konnte noch wollte und so warf er nationalsozialistische Lebensbornpolitik und
sozialistische Vision einfach in einen Topf, rührt um und nennt das Ganze nunmehr ein
»sozialkritisch durchsetztes Rührstück«.138
6. Langhoff (Berlin 1998)
6.1. Aufführung und Kritik
Kurz vor der Jahrtausendwende sieht Brechts Vision von einer veränderten Welt, in der der
Mensch sich selber bestimmen kann anders aus. Die historische Realität hat gezeigt, daß
Selbstbestimmung in der sozialistischen Gesellschaft nicht funktioniert. Heute hat sich der
kleine Mann
dahingehend emanzipiert, daß er frei wählen kann: allerdings fehlen die
137 Georg Hensel: Mütterliches bei Brecht (West). a.a.O.
138 ebendaselbst
37
Alternativen. Der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts ist der freieste Sklave der
Geschichte. Er kann tun (oder lassen), was er will. Er bleibt ein Sklave des Systems, ein
freiwilliges Opfer der kapitalistischen Konsumentendemokratie.
Thomas Langhoff, langjähriger Intendant und handwerklich meisterhafter Regisseur des
Deutschen Theaters Berlin
, hält den
Kaukasischen Kreidekreis
für ein »unsterbliches
Menschheitsstück«139 und bewundert die »anhaltende Wirkung dieses Kreidekreises«.140 Die
erschöpft sich für ihn jedoch scheinbar im rein Künstlerischen. Die gesellschaftliche
Perspektive des Stückes hat er aus den Augen verloren, wenngleich er durchaus vereinzelte
zeitpolitische Anspielungen wagt. Der Grundgestus seiner Kreidekreis-Inszenierung: Zufälle
der Landespolitik schaffen eine Zwischenzeit in der zufällige Beispiele menschlichen
Verhaltens entstehen. Die Verhaltensweisen Grusches und Azdaks sind in diesem Rahmen
zwar schöne, jedoch gänzlich sinnlose Versuche, auf eine ganz und gar individuelle Art und
Weise die Welt zu verbessern, und sie sind hoffnungslos. Grusche und Azdak müssen am
Ende des Stückes verschwinden. Grusche flieht aus der Stadt. Azdak geht in den Untergrund.
Was bei Langhoff gezeigt wird, ist eben diese schöne Hoffnungs- und Sinnlosigkeit: Die
Schönheit des ewigen Sisyphos.
Die Aufführung des
Deutschen Theaters
währt knappe drei Stunden. Der Text ist kräftig
zusammengestrichen, Szenen wie der
Milchkauf
, die
Karawanserei
oder die
Taufe
Michels
durch Grusche im zweiten Akt des Stückes (
Die Flucht in die nördlichen Gebirge
) sind
entfallen, die Überquerung der Schlucht unter Lebensgefahr rückt in den Hintergrund der
Bühne. Langhoff kommt in seinem Spiel mit etwa dreißig Schauspielern aus, die fleißig die
Kostüme wechseln. Die an heutige Bürgerkriegsituationen gemahnende Bühne baute Pieter
Hein: ein zerschossenes sozialistisches Kulturhaus. Durch die aufgesprengten Türen pfeift der
Wind, an der Decke wackelt der Stuckstern. Und von der Rückwand, halb übertüncht oder
einfach verblasst, starrt das Gesicht »Sosso« Stalins aus dem Kalk. Die Kulturhaus-Bühne auf
der Bühne, die ein Spiel im Spiel eigentlich impliziert, wird dann jedoch als solche kaum ins
Spiel mit einbezogen. Der Azdak Klaus Löwitschs (bekannt aus der Krimi-Serie
Peter
Strohm
) ist ein kantiger, ruppiger Lumpenproletarier, der sich ständig die Schuhe schnürt
(was für ein sozialer Gestus!) und die Fälle, die er zu verhandeln hat, nur widerwillig anhört.
139 Thomas Langhoff, Originalbeitrag im Programmheft zur Inszenierung »Der kaukasische Kreidekreis«,
Deutsches Theater Berlin, 1998
140 ebendaselbst
38
Die Küchenmagd Grusche der Petra Hartung ist weder einfältig noch störrisch, vielmehr von
(viel zu) schöner, kraftvoller Naivität. »Diese Grusche geht mehr ans Herz, als Brecht lieb
sein wollte.«141 Dagmar Manzel kommt als Gouverneursfrau mehr wie eine schneidige Lady
im Jet-Set-Look unserer Tage daher: »kalt, gebieterisch, nervös - eine vollkommene
Repräsintantin des Realitätsverlusts der Oberklasse«.142 Durch das Fortfallen das Sängers
beraubt sich Langhoff freiwillig der Spiel-im-Spiel-Ebene, die wenigen, für den Gang der
Handlung wirklich wichtigen Repliken des Sängers, werden unmotiviert auf Chöre aufgeteilt.
Dessaus Musik musste dem unerträglich kitschigen Geplänkel von Sebastian Undisz weichen.
Kurz und gut: Brecht wird entepisiert. Langhoff sucht sich das Dramatische (im
aristotelischen Sinn) und kittet es effektvoll zusammen. Das von Brecht gewollt
Episodenhafte wird weitestgehend eliminiert, die Schnitte sind perfekt wie im Film. Zeit für
ein dazwischenkommendes Urteil wird kaum gelassen. »Fast nahtlos fließt die Handlung
ineinander.«143 »Gleichsam mit voller Pulle [holt Langhoff den
Kreidekreis
] ins Theatralisch-
Unmittelbare zurück.«144 Den glänzenden Schauspielern des Ensembles ist ohnehin
anzumerken, dass es auf brechtsche Darstellungstechnik nicht viel gibt, scheint sich also
dahingehend mit dem Regisseur in Übereinkunft zu befinden.
Das Vorspiel wird in seiner Funktion um hundertachtzig Grad gewendet. Zum einen fällt
keine Entscheidung über die Rückgabe oder Nichtrückgabe (enteigneten) Eigentums
(Langhoff will wohl sein Westberliner Publikum nicht verschrecken - schließlich ist Theater
ein Vergnügen, möglichst ein süßes ...). Zum anderen wird ihm jegliche positive Dimension
genommen. Wenn die Delegierten nach den Worten des Dichters Majakowski, dass »die
Heimat des Sowjetvolkes [...] auch die Heimat der Vernunft sein«145 soll, eine halbe Minute
lang betreten schweigen, so weiß man, dass Majakowskis frommer Wunsch heute keine
Hoffnung mehr auszudrücken vermag, sondern eben nur noch Resignation. Als Brecht das
Stück schrieb, spiegelte sich in dem alten Märchen die junge Hoffnung auf eine Zeit, in der
Fragen des Eigentums und Besitzes im Interesse aller entschieden werden könnten. Diese
neue Hoffnung fand sich als Regelfall in einer neu geordneten Gesellschaft im Vorspiel. Über
diese Hoffnung rollte aber inzwischen die Geschichte hinweg. Langhoff zeigt die historische
141 Peter Hans Göpfert: Der ungläubige Thomas. In: Berliner Morgenpost, 31. 03. 1998
142 Friedrich Dieckmann: Das Mysterienspiel als Volkskomödie. In: Theater der Zeit, Mai / Juni 1998
143 ebendaselbst
144 ebendaselbst
145 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 98
39
Realität als unabänderliches Naturgesetz - als Fatum. Die Vision einer besseren Zeit darf erst
gar nicht entstehen. Denn sie ist sinnlos. Sein Endzeit-Vorspiel ist eine totale Desillusion, das
»Tja!« der Geschichte zum ausgeträumten Traum von einer besseren Welt. Eine
Ernüchterung. Keine naive Vision mehr einer idealen Gesellschaftsordnung, kein Glaube an
Soldaten als Hoffnungsträger, sondern im Gegenteil der Verweis darauf, dass die Soldaten
letztendlich immer wieder den jeweils Mächtigen dienen. Und die Chance der Gerechtigkeit
bleibt eine minimale; sie bleibt beschränkt auf die kurzen Zeiträume sozialen Umbruchs,
»wenn alte Herren gegangen wurden und die neuen Herren noch nicht haben Fuß fassen
können.«146
»Brecht meinte, verändere die Welt, sie braucht es, und schrieb deswegen den
Kreidekreis
.
Langhoff meint, die Welt ist, wie sie ist, das müssen wir nun endlich einsehen, und inszeniert
deswegen den Kreidekreis.«147 Brecht ist bei Langhoff zum spielfreudigen, wirkungslosen
Klassiker geworden.
Die Premiere der Langhoff-Inszenierung fand unter großem Prominenzaufgebot am 29. März
1998 im Deutschen Theater statt. Einige Rezensenten können sich noch immer nicht von der
Terminologie des
Kalten Krieges
trennen. So schreibt Peter Hans Göpfert: »Es ist ein
marxistisches Belehrungsstück. Mit Hilfe einer schönen Parabel führt es den Sieg der
(sozialistischen) Vernunft vor.«148 (Bei Langhoff siegt die Geschichte über die Vernunft!)
Glücklicherweise aber sei auch die Vorspiel-Geschichte mittlerweile antiquarisch, und so ist
»alles nur noch Kunst«.149 Nach Detlef Friedrichs Auffassung könne Brecht nach der
Zeitenwende »gemach diskutiert werden«.150 Gesinnungsdiskussionen scheinen heute eher
lächerlich. Man steht über den Dingen ... oder hat gar keinen Standpunkt! Kunst ist Konsum.
Friedrich sah in der Aufführung einen »hochprofessionellen, gediegenen Theaterabend,
vergleichbar wohl eher einer strahlenden Nobel-Boutique [...], wohingegen der alte BE-
,,Kreidekreis" [...] eher so etwas wie ein Armeleutediskutierstübchen über nackte
Notwendigkeiten gewesen sein muss«.151 So mussten auch die »harmonieunwilligen,
gläubigen Ketzereien« brechtscher Verfremdungskunst als unbrauchbar entsorgt werden.152
146 Gerhard Ebert: Der Sowjetstern hängt einsam im Gebälk. In: Neues Deutschland, Berlin, 01. 04. 1998
147 Detlef Friedrich: Der Kaukasusblues. In: Berliner Zeitung, 31. 03. 1998
148 Peter Hans Göpfert: Der ungläubige Thomas. a.a.O.
149 Detlef Friedrich: Der Kaukasusblues. a.a.O.
150 ebendaselbst
151 ebendaselbst
152 ebendaselbst
40
Friedrich Dieckmann sagt wenig zu Langhoff und viel zu Mozart, in dessen Zauberflöte er die
Grundproblematik (»Sieg der Vernunft in vielfach bedrängter Lage«153) des
Kaukasischen
Kreidekreises
wiederzuentdecken glaubt.
Dann: Auf epische Verfremdungstechniken falle heute ohnehin keiner mehr herein, da sie
heute zu »Gemeingut, ja Norm geworden«154 sind. Langhoff benötigt nicht einmal mehr eine
Drehbühne. »Das szenische Spiel mit diesem Podium und den vier Türen gerät so fließend-
dynamisch, wie nur je im epischen Theater; ist dessen Form verlassen, so keineswegs seine
Intention. Pferchte Appen damals die Hochzeitsszene zwischen Holzwände ein, die den sich
an der Zimmertür drängenden Bauern einen gegenständlichen Anhalt gaben, so kommt
Langhoff ganz ohne sie aus ...«155, macht allerdings eine vollständige Parodie aus der Szene.
Langhoff »hat das Modell verlassen, um die Dichtung wieder herzustellen«.156
Die Panzerreiter tragen am Schluss wieder ihre roten Schärpen, die sie zu Beginn des Stückes
mit dem Putsch wegwarfen. Ihre Eisenstangen haben sie gegen Kalaschnikows eingetauscht:
Hilfe von außen. Im dreckigen Spiel um Politik und Macht hat sich ein neuer Herr gefunden.
So hat denn auch die Soldateska das Schlusswort. Und Brechts Ermahnung zur Vernunft wird
zur Drohung: »Dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind.«157 Black. »Also
etwa den fleißigen Industriebossen?«158
6.2. Brecht am Broadway einen Oscar für Langhoff, Spielberg ans D.T.
Nachdem Uwe Eric Laufenberg während der letzten Jahre die Möglichkeit hatte, dem Maxim-
Gorki-Theater den Ruf einer Spielstätte leicht verdaulicher Unterhaltung einzubringen, durfte
er sich in dieser Spielzeit endlich auch in den heiligen Hallen des Berliner Theaterolymps in
Szene setzen. Brecht hätte wahrscheinlich gesagt, er sei an das Deutsche Theater gekommen
»wie der Pontius ins Credo«.159 Laufenbergs Shakespeare (Maß für Maß) zeugte dann auch
einmal mehr davon, dass solcherart Eingemeindung aufgrund von Niveauangleichungen
funktioniert. Die geplante Reinwaschung Laufenbergs endete mit einer Nestbeschmutzung
des Berliner Theatertempels. Nach Uwe Eric heißt es jetzt: Thomas goes to Hollywood.
153 Friedrich Dieckmann: Das Mysterienspiel als Volkskomödie. A.a.O.
154 ebendaselbst
155 ebendaselbst
156 ebendaselbst
157 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 185
158 Detlef Friedrich: Der Kaukasusblues. a.a.O.
41
Als Bertolt Brecht 1944 seinen
Kaukasischen Kreidekreis
als Auftragswerk für
die
Broadway-Theatre-Company
in New York zu schreiben begann, hätte er sich wahrscheinlich
nicht träumen lassen, dass es eines Tages wirklich so weit kommen könnte, dass sein Stück an
der bestbezahlten Bühne Amerikas aufgeführt werden würde. Nun musste der deutsche
»Klassiker« Brecht dessen Wirkungslosigkeit spätestens seit Dürrenmatt Konsens ist
hundert Jahre alt werden, bis es wirklich so weit war: Thomas Langhoff inszeniert am
Deutschen Theater
in Berlin die Broadway-Fassung des
Kreidekreises
und rückt damit
verdächtig weit in die obersten Anwärterpositionen der künstlerischen Leitung der Broadway-
Theatre-Company auf. Dabei wusste Old Tommyboy selbst nicht so recht, warum es denn
gerade Brecht sein musste - schließlich ging sein Idealismus doch nicht so weit, dass er
ausgerechnet Brecht am Broadway installieren wollte. Wenn seinen eigenen Äußerungen zu
trauen ist, so war es das dialektische Spannungsfeld Langhoff-Brecht, was ihn am meisten
reizte. Seine Kollegen vom Deutschen Theater und den anderen städtischen Bühnen nervten
ihn so lange mit den brechtschen Folterwerkzeugen (insbesondere mit den zahlreichen
Sentenzen Brechts über die Funktion der Unterhaltung), bis er sich entschloss, die
»Brechtaversionen mit einem seiner Stücke zu konfrontieren«.160 Das klingt verdächtig nach
Castorf: >Ich habe Hass, aber kein Objekt mehr dafür der
Kreidekreis
sein müsse, antwortet Langhoff unerwartet: »Der Azdak ist mir sehr nahe
[...]. Ein enttäuschter Revolutionär, der beim Sarkasmus gelandet ist [...]. Durch einen
historischen Zufall kommt er an ein Stückchen Macht und ins Geschäft mit rein. [...] So hat
er immerhin noch mal die Möglichkeit, etwas zu tun.«161 Das klingt nach Sätzen aus
Langhoffs Biographie.
Wie gewöhnlich nimmt er den Text bis auf das Vorspiel sehr ernst. Und wie gewöhnlich
auch löst er den Text meisterhaft in szenische Aktion auf. Freiwillig jedoch beraubt sich
Langhoff in seiner Kreidekreis-Inszenierung einer Spielebene und macht somit die Spiel-im-
Spiel-Situation nach spätestens fünf Minuten völlig vergessen (bloß nicht das
Imaginationsvermögen der Zuschauer überfordern!), Sänger gibt es in unserer Zeit nicht
mehr, und die Musik (Undisz) ist so harmonisch, dass sie schon wieder als V-Effekt dient.
Als einziger.
159 Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, a.a.O., S. 153
160 Thomas Langhoff im Gespräch mit Roland Koberg. In: Berliner Zeitung, 08. 04. 1998
161 ebendaselbst
42
Das Spiel geht so reibungslos und glatt über die Bühne wie ein Hollywoodfilm. Der
Zuschauer wird nicht losgelassen. Langhoff revolutioniert das Desillusionstheater, indem er
die formale Desillusion ins Inhaltliche verpflanzt und den Zuschauer nach Grusinien in die
unterhaltsamen Wirren des dort tobenden Bürgerkriegs. Man geht nach Hause, als hätte man
im Theater die Tagesschau gesehen und denkt: »Die Welt ist schlecht, aber scheiß drauf. Ich
helf mir erstmal ´n Bier ein ...« Oder das Wilmersdorfer Publikum: »Wilhelm, wollen wir uns
nicht gleich mal unsere rückenteigneten Immobilien in der Friedrichstraße ansehen, wenn wir
schon einmal hier sind?«
Zwischen Schifffahrts-Katastrophe (
Titanic
) und Judengenozid (
Schindlers Liste
) besteht in
Hollywood längst kein Unterschied mehr: auf die Unterhaltung kommt es an. Ähnliches
findet sich jetzt auch immer regelmäßiger am
Deutschen Theater
in Berlin: Langhoff entdeckt
Brecht: auf die Unterhaltung kommt es an.
Was keine der unzähligen realen Darstellungen über die Judenvernichtung durch Deutsche in
Deutschland fertig gebracht hat, schafft Hollywood: Millionen deutscher Tränendrüsen
auszupressen.
Ebenso wie Spielberg zur Erzeugung von Muttergefühlen außerirdische einfliegen lässt, holt
Langhoff zur Erotisierung der Wilmersdorfer Theaterwitwen den TV-Macho Peter Strohm an
sein Theater. Ebenso wie Spielberg seinen Weltraum-Wesen (
E.T.
) und Sauriermonstern
(
Jurassic Park
) den Genozid-Kitsch
Schindlers Liste
anhängt, fügt Langhoff seiner Reihe von
Richterfiguren (Wehrhahn und Adam) den Azdak hinzu. Wenngleich der schon in
Hollywood-Verschnitten mitgemischt hat, kann er doch von Langhoff noch einiges über das
Business lernen.
Wo in
Schindlers Liste
ein imaginärer Davidstern im Filmhimmel blinkt - man wartet bei
Spielberg immer auf das Ufo - hängt bei Langhoff der Sowjetstern einsam im Gebälk. Man
wartet darauf, dass er herunterfällt, aber er tut es ebenso wenig wie Spielbergs Davidstern-
Ufo. Wenn bei Spielberg der rührselige Holocaust-Kitsch nach dreieinhalb Stunden endlich
alle Tränen aus den Zuschauern herausgepresst hat, dürfen sich in langer Reihe die Witwen
und Waisen Auschwitz` vor laufender Kamera auch eine Träne für Hollywood abringen. Man
weiß nun: es ist »lange her« und: »so schlimm war′s ja doch nicht« und: »es waren gar nicht
sechs, sondern nur fünfeinhalb Millionen« und außerdem ist das deutsche Gewissen
inzwischen längst unter den Zahlen der Gulag-Toten begraben.
43
Von Spielberg haben wir wohl demnächst wieder einen Monster-Film zu erwarten und dann
einen über die Vernichtungsmaschinerie des Gulag. Vielleicht auch eine Operninszenierung
am Broadway ... wenn er nicht als Intendant die Nachfolge Thomas Langhoffs antritt ...
Langhoff dagegen werden wir wohl in Kürze in den Reihen der Oscar-Preisträger
wiederfinden. Einen Oscar haben sich auch die Darsteller verdient!
Der Schluss ist bei Langhoff allerdings nicht nach Hollywood. Hier wird nicht, wie bei
Brecht, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft impliziert (womit er immerhin zur aktiven
Mitgestaltung neuer Realitäten aufruft), sondern gezeigt, wo die Hoffnung landet, wenn man
sich, anstatt etwas zu tun, im Theatersessel zurücklehnt: im Polizeistaat.
44
Literaturnachweis
1. Bernhard Asmuth: Einführung in die Dramenanalyse, Stuttgart 1994
2. Peter Badura: Die Gerechtigkeit des Azdak. In: Text und Kritik (Sonderband). München
1972
3. Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis. In: Werke, Bd. VIII, Berlin und Frankfurt/M.
1988 (Fassungen 1949, 1954; Anhang, Kommentar)
4. Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis. Fankfurt/M. 1962
5. Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis. Bühnenfassung des Berliner Ensembles.
Hrsg.: J. Tenschert, Berlin 1968
6. Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis. Bühnenfassung des Deutschen Theaters.
Berlin 1998
7. Bertolt Brecht: Über die Kritische Haltung. In: Gesammelte Werke, Bd. 9, Frankfurt/M.
1967
8. Bertolt Brecht: Neue Technik der Schauspielkunst (1935/41). In: Gesammelte Werke, Bd.
15, Frankfurt/M. 1967
9. Bertolt Brecht: Neue Technik der Schauspielkunst (1949/55). In: Gesammelte Werke, Bd.
16, Frankfurt/M. 1967
10.Bertolt Brecht: Kleines Organon für das Theater (1948). In: Gesammelte Werke, Bd. 16,
Frankfurt/M. 1967
11.Bertolt Brecht: Der Messingkauf (1937/51) In: Gesammelte Werke, Bd. 16, Frankfurt/M.
1967
45
12.Erika Fischer-Lichte: Semiotik des Theaters, Bd. 3, Tübingen 1983
13.Werner Hecht (Hrsg.): Materialien zu Brechts ,,Der kaukasische Kreidekreis",
Frankfurt/M. 1966
14.Guido Hiß: Der theatralische Blick. Einführung in die Aufführungsanalyse, Berlin 1993
15.Helmut Jendreik: Bertolt Brecht. Drama der Veränderung, Düsseldorf 1969
16.Volker Klotz: Geschlossene und offene Form im Drama, München 1960
17.Klaus-Detlef Müller: Die Funktion der Geschichte im Werk B. Brechts, Tübingen 1972
18.Manfred Pfister: Das Drama, München 1977
19.William Shakespeare: Der Sturm, div. Ausgaben
20.Peter Szondi: Theorie des modernen Dramas (1880-1950), Frankfurt/M. 1965
Zeitungskritiken
1. Friedrich Dieckmann: Das Mysterienspiel als Volkskomödie. In: Theater der Zeit, Mai /
Juni 1998
2. Gerhard Ebert: Der Sowjetstern hängt einsam im Gebälk. In: Neues Deutschland, Berlin,
01. 04. 1998
3. Fritz Erpenbeck: Der Kaukasische Kreidekreis. In: Theater der Zeit, Berlin 1954, Heft 12
46
4. Fritz Erpenbeck: Episches Theater oder Dramatik. In Freies Volk, Düsseldorf, 22. 01. 1955
5. Hans Ulrich Eylau: Der Kaukasische Kreidekreis. In: Berliner Zeitung, 12.10. 1954
6. Detlef Friedrich: Der Kaukasusblues. In: Berliner Zeitung, 31. 03. 1998
7. Peter Hans Göpfert: Der ungläubige Thomas. In: Berliner Morgenpost, 31. 03. 1998
8. Georg Hensel: Mütterliches bei Brecht (West). In: Darmstädter Echo, 30. 04. 1955
9. H. K.: Brechts Kreidekreis in Frankfurt am Main. In Neues Deutschland, 12. 05. 1955
10.Barbara Klie: proletarisches Lehr- und Rührstück. In: Süddeutsche Zeitung, München,
08. 10. 1954
11.Hans Kloos: Sowjettendenz auf der Frankfurter Bühne. In: Wiesbadener Kurier, 30. 04.
1955
12.Friedrich Luft: Kritischer Erkundungsritt nach Ost und West. In: Die Neue Zeitung,
Berlin, 31. 10 . 1954
13.Georg Paulus: Frankfurt sah Brechts »Kreidekreis«. In: SVZ - Sozialistische Volkszeitung,
Frankfurt/M., 30. 04. 1955
14.Jürgen Rühle: Größe und Grenze des epischen Theaters. In: Sonntag, Berlin, 17. 10. 1954
15.Kenneth Tynan: Braw and Brecht. In The Observer, London, 02. 09. 1956
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