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Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland

Subtitle: Eine Sekundäranalyse aktueller empirischer Studien

Diploma Thesis, 2008, 84 Pages
Author: Diplom-Soziologe Benedikt Caspers
Subject: Sociology - Consumption and Advertising

Details


Abstract

„Immer mehr Jugendliche bewegen sich immer weniger, sitzen immer länger vor dem Computer oder Fernseher, werden schlapper und leiden unter Übergewicht!“ Über diesen vermeintlichen gesundheitsbedrohlichen Trend und den damit assoziierten Risiken scheint in der öffentlichen Diskussion weitgehend Einigkeit zu bestehen (vgl. Sygusch 2005, S.863). Ziel der vorliegenden Arbeit ist deshalb zum einen, die aktuelle Situation bezüglich der Ausbreitung von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen darzustellen. Zum anderen soll dabei das Ernährungs- und Bewegungsverhalten von Heranwachsenden in den Fokus der Betrachtung gerückt werden, da neben der genetischen Veranlagung diese Verhaltensweisen als weitgehend gesicherte Einflussfaktoren (WHO 2003) der Adipositas gelten. Unter einer sozialwissenschaftlichen Perspektive sollen ausgewählte Sachverhalte innerhalb des multifaktoriellen Ursachengeflechts der Adipositas dargestellt werden.


Excerpt (computer-generated)

Universität Trier

Fachbereich IV

Soziologie AMK

Diplomarbeit

Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in

Deutschland:

Eine Sekundäranalyse aktueller empirischer Studien

vorgelegt von

Benedikt Caspers

Abgabetermin: 25.03.2008

Trier, März 2008


Inhaltsverzeichnis

Seite

1. Einleitung: Die erste globale Epidemie des neuen Jahrhunderts

04

2.

Vorstellung

relevanter

Studien

07

2.1 Die KiGGS-Studie ­

Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey

07

2.2 Die HBSC-Studie ­ "

Health Behaviour in School-aged Children

"

08

2.3 Die NVS II ­

Die zweite nationale Verzehrsstudie

09

2.4 Die KOPS-Studie ­

Kiel Obesity Prevention Study

10

2.5 Die DONALD-Studie ­

Dortmund Nutritional and Anthropometric

Longitudinally Designed Study

10

3. Definition von Übergewicht und Adipositas

11

3.1

Der

Body

Mass

Index

11

3.2 Alters- und geschlechtsspezifische

Perzentilwerte

12

3.3

Das

Dilemma

des

Referenzsystems

14

4. Aktuelle Prävalenzraten von Übergewicht und

Adipositas in Deutschland

14

5. Übergewicht als psychosoziales Problem

16

6.

Methodische

Anmerkungen

19

6.1

Allgemeine

methodische

Probleme

19

6.2 Besondere Anforderungen der empirischen Sozialwissenschaft bei

Heranwachsenden

20

6.3 Methoden und Probleme der empirischen Ernährungsforschung

21

6.3.1

Probleme

von

Ernährungserhebungen

21

6.3.2 Verfahren der empirischen Ernährungsforschung

22

6.3.2.1

Retrospektive

Erhebungen

22

6.3.2.2

Prospektive

Verfahren 23

7. Einfluss- und Risikofaktoren von Übergewicht und Adipositas

24

7.1

Die

Rolle

der

Genetik

27

7.2 Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen

28

7.2.1 Habitualisierung des Gesundheitsverhaltens bei Heranwachsenden

29

7.2.2 Diskrepanz zwischen Ernährungswissen und ­Verhalten

31

7.2.3

Energiebilanz

und

gesunde

Ernährung

32

7.2.4 Lebensmittelverzehr bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland

34

2


7.2.4.1 Die EsKiMo-Studie (Ernährungsstudie

als

KiGGS-Modul)

34

7.2.4.2 Eskimo-Ergebnisse: Lebensmittelverzehr bei Heranwachsenden

36

7.2.4.3 Trends im Lebensmittelverzehr bei Heranwachsenden

37

7.2.5

Die

Korrelationsproblematik

38

7.2.6 Einfluss der Ernährung auf die Entstehung

von

Übergewicht

39

7.3 Bewegungsverhalten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland

42

7.3.1 Die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen

43

7.3.2 Erkenntnisse zur körperlich-sportlichen

Aktivität

44

7.3.2.1

Sportliche

Aktivität

von

Kindern

45

7.3.2.2 Körperlich-sportliche Aktivität von Jugendlichen

46

7.3.2.3 Zusammenfassung und Vergleich der KiGGS-Ergebnisse

mit der HBSC-Studie

47

7.3.3

Medienrezeption

und

Inaktivität 50

7.3.3.1 Soziodemographische Unterschiede in der Mediennutzung

50

7.3.3.2 Zusammenhang zwischen Medienrezeption und

körperlich-sportlicher Aktivität

53

7.3.3.3 Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Übergewicht

53

8. Gesundheitliche Ungleichheit bei Kindern und Jugendlichen

56

8.1

Soziale

Ungleichheit

56

8.2 Aufwachsen unter ungünstigen Lebensumständen

58

8.3

Übergewicht

und

sozialer

Status

61

9. Ausblick

65

10.

Literaturverzeichnis

67

11.

Internetveröffentlichungen

76

12. Anhang ­ Abbildungen und Tabellen

78

3


1. Einleitung: Die erste globale Epidemie des neuen Jahrhunderts

In der populären Phantasiewelt des Schlaraffenlandes spucken Käse- und Nudelvulkane

Fertiggerichte auf den Tisch, fette Gänse und Schweine laufen gebraten herum, Fische

schwimmen in die ausgestreckten Hände und gebratene Tauben in die offenen Münder

(vgl. Richter 1984, S.30ff). Heute hat man häufig das Gefühl, dass die Utopie vom

Schlaraffenland in unserer Gesellschaft Realität geworden ist. Statt aus Vulkanen

kommen die Fertiggerichte sekundenschnell aus der Mikrowelle, die gebratenen

Schweine laufen zwar nicht durch die Gegend, sind aber quasi, zumindest im urbanen

Raum, an jeder Ecke in portionierter Weise verfügbar. Verführerisch inszenierte

Produktpräsentationen in Verbindung mit einem, auch akustisch, einladenden Ambiente

am

Point of Sale

locken den Konsumenten mit erschwinglichen Preisen. Insbesondere

hochkalorische Lebensmittel werden an jeder Ecke angeboten, meist günstiger als Obst

oder Gemüse. Die Kehrseite dieser Entwicklung zeigt sich darin, dass der prozentuale

Anteil übergewichtiger Menschen in der Bevölkerung westlicher Industrieländer seit

einigen Jahrzehnten stetig zunimmt. Ein Ende dieser Entwicklung ist bislang nicht

abzusehen (vgl. Benecke; Vogel 2005, S.7). Insgesamt sind in Deutschland 66% der

Männer und 50,6% der Frauen (18-80 Jahre) übergewichtig oder adipös (vgl. Max

Rubner Institut 2008b, S.81*1). Auf der anderen Seite kann man Gesundheit, Ernährung

und Fitness mittlerweile als ,,Megatrend" ­ sowohl in ökonomischer, als auch in

sozialer und kultureller Hinsicht ­ bezeichnen (vgl. Eberle 2004, S.9*).

In der menschlichen Evolutionsgeschichte haben sich die Fähigkeiten einer effektiven

Energienutzung und -Speicherung als wichtiger Überlebensvorteil in Nahrungsnotzeiten

herausgestellt. Die Gene und der dadurch gesteuerte Stoffwechsel sind aufgrund dessen

gut darauf eingerichtet, Situationen des Energiemangels, nicht aber solche der

Überernährung zu bewältigen (vgl. Pudel 2003a, S.2). Adipositas, als extreme Form von

Übergewicht, kann man i.d.S. auch als eine natürliche, physiologische Reaktion auf eine

chronisch-positive Energiebilanz sehen. Diese evolutionsbiologisch angelegte

Überlebensstrategie kann sich allerdings in der heutigen Zeit des Nahrungsüberflusses

schnell ,,zum genetischen Bumerang" (Kersting 2005, S.62) entwickeln, da das

menschliche Genom immer noch dem des

Jägers und Sammlers

entspricht. Die

Weltgesundheitsorganisation bezeichnet Übergewicht und Adipositas bereits jetzt als

erste ,,globale Epidemie des 21. Jahrhunderts" und geht für das Jahr 2005 von 1,6

1 Quellenbelege, welche im Internet-Literaturverzeichnis nachzuschlagen sind, werden in den folgenden

Ausführungen mit: * gekennzeichnet;

4


Milliarden übergewichtigen

(>15 Jahre)

und 400 Millionen adipösen Menschen aus

(vgl. WHO 2006, S.1*). Neben der (sog.) adipogenen Umwelt2 wird v.a. individuellen

Risikofaktoren wie der genetischen Veranlagung bzw. der metabolischen Prägung3, der

jeweiligen Ernährung und der Imbalance von körperlicher Aktivität und Inaktivität eine

auslösende Rolle zugeschrieben. Besonders beunruhigend ist v.a. die zunehmende

Verbreitung von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Auch

deshalb, weil sich i.d.R. speziell das Ernährungs- und Bewegungsverhalten bereits im

Kindesalter manifestiert und einmal erworbene Muster und Gewohnheiten häufig ein

Leben lang beibehalten werden. Adipositas stellt einen Risikofaktor für viele

Krankheiten dar, und zwar schon für sich allein, als auch indirekt dadurch, dass

Adipositas andere Risikofaktoren beeinflusst oder verstärkt (vgl. Schwarzer 2004,

S.277). Mit einem adipösen Erscheinungsbild gehen jedoch nicht nur schwerwiegende

gesundheitliche (z.B. orthopädischer Art) und psychosoziale Belastungen (z.B.

Mobbing), sondern auch eine insgesamt verminderte Lebensqualität, sowie

verschlechterte berufliche Aussichten (ökonomische Folgen) einher. Neben den akuten

spielen aber auch die im weiteren Lebensverlauf auftretende Folgeerkrankungen, wie

z.B. Bluthochdruck, verschiedene Herzkrankheiten, Typ2-Diabetes, Fettstoff-

wechselstörungen ­ um nur einige zu nennen ­ eine Rolle (vgl. zum Überblick:

Benecke; Vogel 2005, S.15ff). Um zu verhindern, dass aus

dicken Kindern dicke

Erwachsene

werden, kommt so der frühzeitigen Vermittlung eines gesundheits-

förderlichen Lebensstils eine besondere Bedeutung zu.

Die Adipositasepidemie muss man vor dem Hintergrund bedeutender sozialer

Rahmenbedingungen sehen, welche hier allerdings nur kurz angesprochen werden.

Dazu zählen u.a. der demographische Wandel (

Alterung der Gesellschaft

), die

multiethische Gesellschaft (

zunehmender Anteil von Migranten

), der Wandel der

Arbeitswelt (

steigende Frauenerwerbsquote, Wandel der Haushalts- und

Familienformen

), der Wandel von Wohlstandsverteilung (

schrumpfende Mittelschicht

),

sowie der Wandel und die Ausdifferenzierung von Werten, Einstellungen und

Lebensstilen (vgl. Eberle 2004, S.2ff*).

,,Immer mehr Jugendliche bewegen sich immer weniger, sitzen immer länger vor dem

Computer oder Fernseher, werden schlapper und leiden unter Übergewicht!" Über

diesen vermeintlichen gesundheitsbedrohlichen Trend und den damit assoziierten

2 meint insbesondere den sitzenden Lebensstil, die ständige Verfügbarkeit kalorienreicher Nahrung, die

Motorisierung des Bewegungsverhaltens usw.;

3 meint Stoffwechsel;

5


Risiken scheint in der öffentlichen Diskussion weitgehend Einigkeit zu bestehen (vgl.

Sygusch 2005, S.863). Ziel der vorliegenden Arbeit ist deshalb zum einen, die aktuelle

Situation bezüglich der Ausbreitung von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen

darzustellen. Zum anderen soll dabei das Ernährungs- und Bewegungsverhalten von

Heranwachsenden in den Fokus der Betrachtung gerückt werden, da neben der

genetischen Veranlagung diese Verhaltensweisen als weitgehend gesicherte

Einflussfaktoren (WHO 2003) der Adipositas gelten. Unter einer sozialwissen-

schaftlichen Perspektive sollen ausgewählte Sachverhalte innerhalb des

multifaktoriellen Ursachengeflechts der Adipositas dargestellt werden4. Mit den im

Jahre 2007 veröffentlichten Ergebnissen des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys

(KiGGS) stehen dabei zum ersten Mal repräsentative Daten für Deutschland bzgl. der

Verbreitung von Übergewicht und Adipositas, zur Verfügung. Da zum einen die

Publikationen der weiteren KiGGS-Ergebnisse schrittweise erfolgt und die bisherigen

Veröffentlichungen zumeist lediglich deskriptiver Art sind, fehlen teilweise einige der

im jeweiligen Zusammenhang erwarteten Sachverhalte. Aufgrund dessen versucht der

Autor auftretende Datenlücken durch andere Studienergebnisse aufzufüllen. Dabei tritt

wiederum das Problem der mangelhaften Vergleichbarkeit5 zwischen den Studien auf,

so dass man sich teilweise lediglich mit gemeinsam festgestellten Trends begnügen

muss.

An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass zu Gunsten einer einfacheren Lesbarkeit

des Textes meist auf männliche Substantive zurückgegriffen wird, wobei die weibliche

Form der Begriffe selbstverständlich mit eingeschlossen ist6.

Ferner ist anzumerken, dass, wenn im weiteren Verlauf von Übergewicht die Rede ist,

auch Adipositas gemeint ist7. Umgekehrt beinhaltet Adipositas nicht Übergewicht8.

Zunächst werden in der vorliegenden Arbeit relevante und oft zitierte Studien

vorgestellt. Anschließend werden Definitionen und aktuelle Daten präsentiert. Bevor

auf das Ernährungs- und Bewegungsverhalten von Kindern und Jugendlichen

eingegangen wird, sollen methodische Besonderheiten dargestellt werden. Zum Schluss

4 d.h., falls das vorhandene Datenmaterial es zulässt, werden Ergebnisse insbesondere zwischen Alter,

Geschlecht, Bildung oder sozialem Status differenziert;

5 neben der Stichprobenkonstruktion treten dabei v.a. Probleme mit der jeweiligen Definition bestimmter

Konstrukte auf, wie z.B. soziale Schicht, sozialer Status, Armut, körperliche Aktivität usw.;

6 Wenn bspw. von Schülern die Rede ist, sind stets Schülerinnen und Schüler gemeint, es sei denn, das

Geschlecht wird explizit hervorgehoben;

7 es ei denn, Adipositas wird explizit ausgeschlossen;

8 Die Begriffe werden in Kap. 3 definiert;

6


wird die gesundheitliche Ungleichheit in Bezug auf Adipositas und Übergewicht

thematisiert.

2. Vorstellung relevanter Studien

Übergewicht und Adipositas bei Heranwachsenden ist in den letzten Jahren zunehmend

zum Gegenstand einer teils hysterisch geführten, öffentlichen Diskussion9 geworden. In

der Presse geisterten Meldungen mit Rekordprävalenzraten10 umher. Im Folgenden

sollen einige Studien, auf welche in dieser Arbeit häufiger zurückgegriffenen wird, kurz

vorgestellt werden. Insbesondere die ersten Ergebnisse der sog. KiGGS-Studie wurden

in der Fachliteratur der letzten Jahre herbeigesehnt.

2.1 Die KiGGS-Studie ­ Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey

Das Robert-Koch-Institut (RKI) führte in den Jahren 2003 bis 2006 im Auftrag der

Bundesministerien für Gesundheit (BMG) sowie für Bildung und Forschung (BMBF)

den bundesweiten Kinder- und Jugendgesundheitssurvey11 (KiGGS) durch. Insgesamt

nahmen an den Untersuchungen 17.641 Mädchen und Jungen, in 167 für die BRD

repräsentativen Städten und Gemeinden, teil (vgl. Kurth 2007a, S.535). Das vorrangige

Ziel der bundesweiten KiGGS-Studie ist es, ,,umfassende und bevölkerungs-

repräsentative Informationen über den Gesundheitszustand von Kindern und

Jugendlichen [0-17 Jahren] in Deutschland zu erheben, bestehende Informationslücken

zu schließen und Daten für die Gesundheitsberichterstattung des Bundes, die

epidemiologische Forschung sowie für die Konzeption von Präventions- und

Interventionsmaßnahmen bereitzustellen." (Kamtsiuris u.a. 2007, S.547) Das nach fünf

Altersgruppen differenzierte Studiendesign12 besteht u.a. aus einer schriftlichen

Befragung der Eltern sowie ­ ab elf Jahren ­ der Probanden selbst, aus medizinischen

und körperlichen Untersuchungen (z.B. Körpergröße und -Gewicht, Taillen- und

Hüftumfang, Hautfaltendicke, Motorik- und Ausdauertests), einem computergestützten

ärztlichen Elterninterview (CAPI) sowie aus Laboruntersuchungen (Blut- und

9 (,,

die dicken Kinder von Deutschland"

);

10 ,,Unter Prävalenz bzw. der Prävalenzrate versteht man den (prozentualen) Anteil von Personen in einer

bestimmten Population, die zu einem bestimmten Zeitpunkt von einer bestimmten Krankheit oder Störung

betroffen sind." (Pudel; Westenhöfer 1998, S.21);

11 die ersten vorrangig deskriptiven Ergebnisse wurden im Mai 2007 als Schwerpunktheft des

Bundesgesundheitsblatts veröffentlicht;

12u.a. Grundschulalter (7-10), Präpubertätsalter (11-13) und Jugendalter (14-17 Jahre);

7


Urinabnahme) (vgl. Hölling u.a. 2007, S.562f). Zielpopulation von KiGGS waren die in

der BRD lebenden und in den Einwohnermelderegistern mit Hauptwohnsitz gemeldeten

Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren. Neben deutschen wurden auch ausländische

Heranwachsende mit Hauptwohnsitz in der BRD miteinbezogen (vgl. Kamtsiuris u.a.

2007, S.555). In der KiGGS-Studie13 wurden ferner auch ,,Informationen zu bekannten

Risikofaktoren für Übergewicht und Adipositas ... erfasst14." (Kurth 2007b, S.549) Des

weiteren haben die KiGGS-Forscher nach den ersten hauptsächlich deskriptiven

Veröffentlichungen die Entwicklung multifaktorieller epidemiologischer Modelle,

welche u.a. die Zusammenhänge zwischen Einflussfaktoren und der Herausbildung von

Übergewicht abbilden, geplant. Da ein Längsschnittdesign methodisch

aufschlussreicher wäre, beteiligte sich das Robert-Koch-Institut, für KiGGS, an der

Ausschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung für Langzeitstudien

(vgl. Kurth 2007b, S.549).

2.2 Die HBSC-Studie ­ "Health Behaviour in School-aged Children"

(vgl. zu folgenden Ausführungen: Richter 2003, S.9ff) Die HBSC-Studie ist ein

international vergleichendes Forschungsvorhaben unter der Schirmherrschaft der

Weltgesundheitsorganisation (WHO), welches alle vier Jahre durchgeführt wird.

Während im Gründungsjahr 1982 nur drei Länder teilnahmen, ist die Teilnehmerzahl

auf mittlerweile 41 angestiegen. Ziel der Studie ist es, mittels eines Fragebogens die

Beziehung zwischen dem Gesundheitsverhalten und der subjektiv berichteten

Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im Alter von 11, 13 und 15 Jahren zu

untersuchen. Zusätzlich werden Sozialindikatoren der jugendlichen Alltagswelt mittels

der Methode des Selbstberichts15 herangezogen. Im aktuellen Deutschland-Survey16

13 Anzumerken ist der modulare Aufbau von KiGGS, welcher kooperierenden Institutionen die

Möglichkeit gibt, den Kern-Survey mitzunutzen, um mit eigenen Mitteln spezielle Fragestellungen an

Teilstichproben vertieft zu untersuchen. Beispiele für die Zusatzerhebungen sind das Motorik-Modul

(MoMo) der Universität Karlsruhe oder das Ernährungsmodul ,,EsKiMo" der Universität Paderborn (vgl.

Kurth 2007a, S.538);

14 Auf einige ausgewählte Einflussfaktoren wird im Laufe der Arbeit noch näher eingegangen;

15 Methodische Anmerkung zum Selbstbericht: Die Frage nach der Authentizität, der ,,Wahrheit" und

Objektivität bleibt dabei offen; Das ist jedoch ein methodisches Grundproblem sozialwissenschaftlicher

Erkenntnisgewinnung; Gerade bzgl. der Erhebung von Gesundheitsverhalten ist dies jedoch

problematisch, da Gesundheit, Fitness und Ernährung heute als

Megatrend

bezeichnet werden können

und damit Fragen zu diesen Themen in den Bereich tabuisierten Verhaltens fallen; Bspw. kann man

geschlechtsspezifisches Antwortverhalten vermuten (z.B. das Mädchen bei gesundheitlichem

Risikoverhalten eher untertreiben und Jungen übertreiben; Übergewichtige eventuell zum Underreporting

(s.u.) neigen usw);

16 die Ergebnisse für 2007 liegen bis dato noch nicht vor;

8


2002/2003 geht es ferner um die Frage, inwieweit gesundheitsrelevante Lebensstile17

mit subjektiver Gesundheit zusammenhängen und inwieweit personale und soziale

Risiko- bzw. Schutzfaktoren für die Prävention der Gesundheitsstörungen identifiziert

werden können. Pro Altergruppe werden dabei mindestens 1.500 Schüler an einer

repräsentativen Auswahl von Schulen befragt. In Deutschland waren 2002/2003

folgende Bundesländer beteiligt: Berlin, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen.

Auch wenn das Ziel einer bundesweiten Befragung noch nicht erreicht wurde, kann auf

einen strukturtypischen deutschen Datensatz zurückgegriffen werden18. Koordiniert

wurde die deutsche Teilstudie von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der

Universität Bielefeld unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Hurrelmann. Im Gegensatz

zu rein epidemiologischen Studien werden hier nicht eindimensionale Beziehungen

zwischen Mortalität bzw. Gesundheitsbeeinträchtigungen und Persönlichkeits- oder

Umweltvariablen untersucht, sondern das komplexe Gefüge eines gesundheits-

relevanten Lebensstils, der sich aus sozialer Lage, der familiären Situation, der Schule

und dem Kontakt zu Gleichaltrigen ergibt. Gesundheit und Gesundheitsverhalten wird

hier also verstanden als ein Prozess, der aus der Anpassung an diese Umwelten

resultiert.

2.3 Die NVS II ­ Die zweite nationale Verzehrsstudie

Die zweite Nationale Verzehrsstudie II ist derzeit die größte epidemiologische Studie

zur Erfassung von Ernährungsgewohnheiten und des Lebensmittelverzehrs in

Deutschland. Befragt wurden knapp 20.000 Personen im Alter zwischen 14 und 80

Jahren. Grundgesamtheit für die NVS II war die in Privathaushalten lebende,

deutschsprechende Bevölkerung im Alter zwischen 14 und 80 Jahren. Die

Stichprobenziehung erfolgte mit einer zweistufig geschichteten Zufallsauswahl (vgl.

Max Rubner Institut 2008b, S.3*). Zur Datenerhebung wurden dabei folgende

Methoden eingesetzt: Neben den in diesem Zusammenhang eigentlich unerlässlichen

anthropometrischen Messungen (Körpergewicht, Körpergröße, Taillen- und

17 Unter Lebensstil wird i.d.R. ein regelmäßig wiederkehrender Gesamtzusammenhang der

Verhaltensweisen, Interaktionen, Meinungen, Wissensbestände und bewertenden Einstellungen eines

Menschen verstanden (vgl. Hradil 1999, S.42);

18 Grundlage für die deutsche Veröffentlichung ist der strukturtypische HBSC-Datensatz für Deutschland,

welcher die Angaben von 5.650 Heranwachsenden aus der 5., 7. und 9. Klassenstufe verschiedener

Schultypen umfasst und in den internationalen HBSC-Datensatz einfließt. Zur Erstellung dieses

Datensatzes wurde aus dem deutschen Gesamtdatensatz von 23.111 Jugendlichen eine randomisierte

Auswahl, stratifiziert für Alter, Geschlecht, Bundesland und Schultyp getroffen (vgl. Richter 2003,

S.14f);

9



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